Gesammelte Schriften über Musik und Musiker/Schwärmbriefe

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I. Moscheles Gesammelte Schriften über Musik und Musiker (1854) von Robert Schumann
Schwärmbriefe
Sonaten für Pianoforte


Schwärmbriefe.[1]


1. Eusebius an Chiara.

Zwischen all’ unsern musikalischen Seelenfesten guckt denn doch immer ein Engelskopf hindurch, der dem einer sogenannten Clara bis auf den Schalkzug um das Kinn mehr als ähnlich sieht. Warum bist Du nicht bei uns, und wie magst Du gestern Abend an uns Firlenzer[H 2] gedacht haben von der „Meeresstille“ an bis zum auflodernden Schluß der B dur-Symphonie![H 3]

Außer einem Concerte selbst wüßt’ ich nichts Schöneres als die Stunde vor demselben, wo man sich mit den Lippenspitzen ätherische Melodieen vorsummt, sehr behutsam auf den Zehen auf- und abgeht, auf den Fensterscheiben ganze Ouvertüren aufführt … Da schlägt’s drei Viertel. Und nun wandelte ich mit Florestan die blanken Stufen hinauf. Sebb, sagte der, auf Vieles freu’ ich mich diesen Abend, erstens auf die ganze Musik selbst, nach der es einen dürstet nach dem dürren Sommer, dann auf den F. Meritis,[H 4] der zum erstenmal mit seinem Orchester in die Schlacht zieht, dann auf die Sängerin Maria[H 5] und ihre vestalische Stimme, endlich auf das ganze Wunderdinge erwartende Publicum, auf das ich, wie Du weißt, sonst nur zu wenig gebe … Bei „Publicum“ standen wir vor dem alten Castellan mit dem Comthurgesicht, der viel zu thun hatte und uns endlich mit verdrießlichem Gesicht einließ, da Florestan wie gewöhnlich seine Karte vergessen. Als ich in den goldglänzenden Saal eintrat, mag ich, meinem Gesichte nach zu urtheilen, vielleicht folgende Rede gehalten haben: Mit leisem Fuße tret’ ich auf: denn es dünkt mir, als quöllen da und dort die Gesichter jener Einzigen hervor, denen die schöne Kunst gegeben ist, Hunderte in demselben Augenblicke zu erheben und zu beseligen. Dort seh’ ich Mozart, wie er mit den Füßen stampft bei der Symphonie, daß die Schuhschnalle losspringt, dort den Altmeister Hummel phantasirend am Flügel, dort die Catalani,[H 6] wie sie den Shawl sich abreißt, da ein Teppich zur Unterlage vergessen war, dort Weber, dort Spohr und manche Andere. Und da dacht’ ich auch an Dich, Chiara, Reine, Helle, – wie Du sonst aus Deiner Loge herunterforschtest mit der Lorgnette,[H 7] die Dir so wohl ansteht. Mitten unter den Gedanken traf mich Florestan’s Zornauge, der an seiner alten Thürecke angewachsen stand, und in dem Zornauge stand ohngefähr dieses: „daß ich dich endlich einmal wieder zusammen habe, Publicum, und aufeinander hetzen kann … schon längst, Oeffentliches, wollt’ ich Concerte für Taubstumme errichten, die dir zur Richtschnur dienen könnten, wie sich zu betragen in Concerten, zumal in den schönsten … wie Tsing-Sing[H 8] solltest du zum Pagoden versteinert werden, fiel’ es dir ein, etwas von den Dingen, die du im Zauberland der Musik gesehn, weiter zu erzählen“ u. s. w. Meine Betrachtung unterbrach die plötzliche Todtenstille des Publicums. F. Meritis trat vor. Es flogen ihm hundert Herzen zu im ersten Augenblicke.[H 9]

Erinnerst Du Dich, als wir des Abends von Padua weg die Brenta hinabfuhren; die italienische Gluthnacht drückte einem nach dem andern das Auge zu. Da am Morgen rief plötzlich eine Stimme: ecco, ecco, Signori, Venezia! – und das Meer lag vor uns ausgebreitet, still und ungeheuer, aber am äußersten Horizonte spielte ein feines Klingen auf und nieder, als sprächen die kleinen Wellen mit einander im Traume. Sieh, also weht und webt es in der „Meeresstille“,[2] man schläfert ordentlich dabei und ist mehr Gedanke, als denkend. Der Beethovensche Chor nach Goethe[H 10] und das accentuirte Wort klingt beinah rauh gegen diesen Spinnewebenton der Violinen. Nach dem Schluß hin löst sich einmal eine Harmonie los, wo den Dichter wohl das verführerische Auge einer Nereustochter[H 11] angeschaut haben mag, ihn hinabzuziehen, – aber da zum erstenmal schlägt eine Welle höher aus und das Meer wird nach und nach aller Orten gesprächiger, und nun flattern die Segel und die lustigen Wimpel und nun halloh fort, fort, fort … „Welche Ouverture von F. Meritis mir die liebste?“ fragte mich ein Einfältiger, und da verschlangen sich die Tonarten E moll, H moll und D dur[H 12] wie zu einem Graziendreiklang, und ich wußte keine bessere Antwort als die beste: „jede“. Der F. Meritis dirigirte, als hätt’ er die Ouvertüre selbst componirt und das Orchester spielte darnach; doch fiel mir der Ausspruch Florestans auf, es hätte etwa so gespielt, wie er, als er aus der Provinz weg zum Meister Raro in die Lehre gekommen; „meine fatalste Krisis (fuhr er fort) war dieser Mittelzustand zwischen Kunst und Natur; feurig, wie ich stets auffaßte, mußt’ ich jetzt alles langsam und deutlich nehmen, da mir's überall an Technik gebrach: nun entstand ein Stocken, eine Steifheit, daß ich irre an meinem Talent wurde; glücklicherweise dauerte die Krisis nicht lange.“ Mich für meine Person störte in der Ouverture wie in der Symphonie der Tactirstab[3] und ich stimmte Florestan bei, der meinte, in der Symphonie müsse das Orchester wie eine Republik dastehen, über die kein Höherer anzuerkennen. Doch war’s eine Lust, den F. Meritis zu sehen, wie er die Geisteswindungen der Compositionen vom Feinsten bis zum Stärksten vorausnüancirte mit dem Auge und als Seligster voranschwamm dem Allgemeinen, anstatt man zuweilen auf Capellmeister stößt, die Partitur sammt Orchester und Publicum zu prügeln drohen mit dem Scepter. – Du weißt, wie wenig ich die Streite über Temponahme leiden mag und wie für mich das innere Maaß der Bewegung allein unterscheidet. So klingt das schnellere Allegro eines Kalten immer träger als das langsamere eines Sanguinischen. Beim Orchester kommen aber auch die Massen in Anschlag: rohere, dichtere vermögen dem Einzelnen wie dem Ganzen mehr Nachdruck und Bedeutung zu geben; bei kleineren, feineren hingegen, wie unserm Firlenzer, muß man dem Mangel der Resonanz durch treibende Tempos zu Hülfe kommen. Mit einem Worte, das Scherzo der Symphonie[H 14] schien mir zu langsam; man merkte das auch recht deutlich dem Orchester an der Unruhe an, mit der es ruhig sein wollte. Doch was kümmert dich das in deinem Mailand und wie wenig im Grund auch mich, da ich mir ja das Scherzo zu jeder Stunde so denken kann, wie ich eben will. Du fragst, ob Maria dieselbe Theilnahme wie früher in Firlenz finden würde. Wie kannst Du daran zweifeln? – nur hatte sie eine Arie[H 15] gewählt, die ihr mehr als Künstlerin Ehre, denn als Virtuosin Beifall brachte. Auch spielte ein westphälischer Musikdirector[H 16] ein Violinconcert von Spohr, gut, aber zu blaß und hager.[H 17] Daß eine Veränderung in der Regie vorgegangen, wollte Jeder aus der Wahl der Stücke sehen; wenn sonst gleich in ersten Firlenzer Concerten italiänische Papillons um deutsche Eichen schwirrten, so standen diese diesmal ganz allein, so kräftig wie dunkel. Eine gewisse Partei wollte darin eine Reaction sehen; ich halt’ es eher für Zufall als Absicht. Wir wissen alle, wie es Noth thut, Deutschland gegen das Eindringen deiner Lieblinge zu schützen; indessen gescheh’ es mit Vorsicht und mehr durch Aufmunterung der vaterländischen Jugendgeister als durch unnütze Vertheidigung gegen eine Macht, die wie eine Mode aufkommt und vergeht. Eben zur Mitternachtsstunde tritt Florestan herein mit Jonathan, einem neuen Davidsbündler, sehr gegen einander fechtend über Aristokratie des Geistes und Republik der Meinungen. Endlich hat Florestan einen Gegner gefunden, der ihm Diamanten zu knacken gibt. Ueber diesen Mächtigen erfährst du später mehr.[H 18]

Für heute genug. Vergiß nicht, manchmal auf dem Kalender den 13. August nachzusehen, wo eine Aurora deinen Namen mit meinem verbindet.[H 19]

Eusebius.


2. An Chiara.

Der Briefträger wuchs mir zur Blume entgegen, als ich das rothschimmernde „Milano“ auf Deinem Briefe sah. Mit Entzücken gedenk’ auch ich des ersten Eintritts in das Scalatheater, als gerade Rubini mit der Méric-Lalande sang.[H 20] Denn italiänische Musik muß man unter italiänischen Menschen hören; deutsche genießt sich freilich unter jedem Himmel.[H 21]

Ganz richtig hatt’ ich im Programm zum vorigen Concerte keine Reactionsabsicht gelesen, denn schon die künftigen brachten Hesperidisches. Dabei belustigt mich am meisten der Florestan, der sich wahrhaftig dabei ennüyirt[H 22] und nur aus Hartnäckigkeit gegen einige Händel- und andre -ianer, die so reden, als hätten sie den Samson selbst componirt im Schlafrock, nicht geradezu einhaut in das Hesperidische, sondern es etwa mit „Fruchtdessert“ oder „Tizianischem Fleisch ohne Geist“ u. dgl. vergleicht, freilich in so komischem Tone, daß man laut lachen könnte, ragte nicht sein[H 23] Adlerauge herunter. „Wahrlich“ (meinte er gelegentlich), „sich über Italiänisches zu ärgern, ist längst aus der Mode, und überhaupt warum in Blumenduft, der herfliegt und fortfliegt, mit Keulen einschlagen? Ich wüßte nicht, welche Welt ich vorzöge, eine voll lauter widerhaariger Beethovens oder eine voll tanzender Pesaroschwäne.[H 24] Nur wundert mich zweierlei, erstens: warum die Sängerinnen, die doch nie wissen, was sie singen sollen (ausgenommen Alles oder Nichts), warum sie sich nicht auf Kleines capriciren, etwa auf ein Lied von Weber, Schubert, Wiedebein[H 25] – dann: die Klage deutscher Gesangcomponisten, daß von Ihrem so wenig in Concerten vorkäme, warum sie denn da nicht an Concert-Stücke, -Arien, -Scenen denken und dergleichen schreiben?“ – Die Sängerin[H 26] (nicht Maria), die etwas aus Torwaldo sang, fing ihr: dove son? Chi m’aita?[H 27] mit solchem Zittern an, daß es in mir antwortete: „in Firlenz, Beste; aide toi et le ciel t’aidera!“ Aber dann kam sie in glücklichen Zug und das Publicum in ein aufrichtiges Klatschen. „Hielten sich“ (streute Florestan ein) „deutsche Sängerinnen nur nicht für Kinder, die nicht gesehen zu werden glauben, wenn sie sich die Augen zuhalten; aber so stecken sie sich meistens so stillheimlich hinter das Notenblatt, daß man gerade recht aufpaßt auf das Gesicht und nun gewahrt, welch’ Unterschied zwischen deutschen und den italiänischen Sängerinnen, die ich in der Mailänder Akademie mit so schön rollenden Augen einander ansingen sah, daß mir bangte, die künstlerische Leidenschaft möchte ausschlagen; das letzte übertreib’ ich, aber etwas von der dramatischen Situation wünscht’ ich in deutschen Augen zu lesen, etwas von Freude und Schmerz in der Musik; schöner Gesang aus einem Marmorgesicht läßt am inwendigen Besten zweifeln; ich meine das so im Allgemeinen.“ Da hättest Du den Meritis mit dem Mendelssohnschen G moll-Concert[H 28] spielen sehen sollen! Der setzte sich harmlos wie ein Kind an’s Clavier hin und nun nahm er ein Herz nach dem andern gefangen und zog sie in Schaaren hinter sich her, und als er sie frei gab, wußte man nur, daß man an einigen griechischen Götterinseln vorbeigeflogen und sicher und glücklich wieder in den Firlenzer Saal abgesetzt worden war. „Ein recht seliger Meister seid ihr in eurer Kunst“, meinte Florestan zu Meritis am Schluß und sie hatten beide Recht … Meinen Florestan, der kein Wort über das Concert zu mir gesprochen, erkannt’ ich gestern recht schön. Ich sah ihn nämlich in einem Buche blättern und etwas einzeichnen. Als er fort war, las ich, wie er zu einer Stelle seines Tagebuches „über manches in der Welt läßt sich gar nichts sagen, z. B. über die C dur-Symphonie mit Fuge von Mozart,[H 29] über vieles von Shakespeare, über einiges von Beethoven“[H 30] an den Rand geschrieben: „über Meritis, wenn er das Concert von M. spielt.“ – Sehr ergötzten wir uns an einer Weberschen Kraft-Ouvertüre,[H 31] der Mutter so vieler nachhinkenden Stifte, desgleichen an einem Violinconcert, vom jungen * * *[H 32] gespielt; denn es thut wohl, bei einem Strebenden mit Gewißheit vorauszusagen, sein Weg führe zur Meisterschaft. Von Jahr-ein, Jahr-aus Wiederholtem, Symphonieen ausgenommen, unterhalt’ ich dich nicht. Dein früherer Ausspruch über Onslows Symphonie in A,[H 33] daß Du sie, nur zweimal gehört, jetzt Tact für Tact auswendig wüßtest, ist auch der meine, ohne den eigentlichen Grund von diesem schnellen Sich-einprägen zu wissen. Denn einestheils seh’ ich, wie die Instrumente noch zu sehr aneinander kleben und zu verschiedenartige auf einander gehäuft sind, anderntheils fühlen sich dennoch die Haupt- wie Nebensachen, die Melodieenfäden so stark durch, daß mir eben dieses Aufdrängen der letztern[H 34] bei der dicken Instrumentencombination sehr merkwürdig erscheint. Es waltet hier ein Umstand, über den ich mich, da er mir selbst geheim, nicht deutlich ausdrücken kann. Doch regt es dich vielleicht zum Nachsinnen an. Am wohlsten befind’ ich mich im vornehmen Ballgetümmel der Menuett, wo Alles blitzt von Diamanten und Perlen; im Trio seh’ ich eine Scene im Cabinett, und durch die oftmals geöffnete Ballsaalthüre dringen die Violinen und verwehen die Liebesworte. Wie? – Dies hebt mich ja ganz bequem in die A dur-Symphonie[H 35] von Beethoven, die wir vor Kurzem gehört. Mäßig entzückt gingen wir noch spät Abends zum Meister Raro. Du kennst Florestan, wie er am Clavier sitzt und während des Phantasirens wie im Schlafe spricht, lacht, weint, aufsteht, von vorn anfängt u. s. w. Zilia[H 36] war im Erker, andere Davidsbündler in verschiedenen Gruppen da und dort. Viel wurde verhandelt. „Lachen“ (so fing Florestan an und zugleich den Anfang der A dur-Symphonie), „lachen mußt’ ich über einen dürren Actuarius,[H 37] der in ihr eine Gigantenschlacht[H 38] fand, im letzten Satze deren effective Vernichtung, am Allegretto aber leise vorbeischlich, weil es nicht paßte in die Idee, – lachen überhaupt über die, die da ewig von Unschuld und absoluter Schönheit der Musik an sich reden – (freilich soll die Kunst unglückliche Lebens-Octaven und -Quinten nicht nachspielen, sondern verdecken, freilich find’ ich in [z. B. Marschners] Heiling-Arien[H 39] oft Schönheit aber ohne Wahrheit, und in Beethoven [nur selten] manchmal die letzte ohne die erste). – Am meisten jedoch zuckt es mir in den Fingerspitzen, wenn Einige behaupten, Beethoven habe sich in seinen Symphonieen stets den größten Sentiments hingegeben, den höchsten Gedanken über Gott, Unsterblichkeit und Sternenlauf, während der genialische Mensch allerdings mit der Blüthenkrone nach dem Himmel zeigt, die Wurzeln jedoch in seiner geliebten Erde ausbreitet. Um auf die Symphonie zu kommen, so ist die Idee gar nicht von mir sondern von Jemandem in einem alten Hefte der Cäcilia[H 40] (aus vielleicht zu großer Delicatesse gegen Beethoven, die zu ersparen gewesen, in einen feinen gräflichen Saal oder so etwas versetzt) … es ist die lustigste Hochzeit, die Braut aber ein himmlisch Kind mit einer Rose im Haar, aber nur mit einer. Ich müßte mich irren, wenn nicht in der Einleitung die Gäste zusammenkämen, sich sehr begrüßten mit Rückenkommas, sehr irren, wenn nicht lustige Flöten daran erinnerten, daß im ganzen Dorfe voll Maienbäume mit bunten Bändern Freude herrsche über die Braut Rosa, – sehr darin irren, wenn nicht die blasse Mutter sie mit zitterndem Blicke wie zu fragen schiene: „weißt du auch, daß wir uns trennen müssen?“ und wie ihr dann Rosa ganz überwältigt in die Arme stürzt, mit der andern Hand die des Jünglings nachziehend … Nun wird’s aber sehr still im Dorfe draußen (Florestan kam hier in das Allegretto und brach hier und da Stücke heraus), nur ein Schmetterling fliegt einmal durch oder eine Kirschblüthe fällt herunter … Die Orgel fängt an; die Sonne steht hoch, einzelne langschiefe Strahlen spielen mit Stäubchen durch die Kirche, die Glocken läuten sehr – Kirchgänger stellen sich nach und nach ein – Stühle werden auf- und zugeklappt – einzelne Bauern sehen sehr scharf in’s Gesangbuch, andre an die Emporkirchen hinauf – der Zug rückt näher – Chorknaben mit brennenden Kerzen und Weihkessel voran, dann Freunde, die sich oft umsehen nach dem Paare, das der Priester begleitet, die Eltern, Freundinnen und hinterher die ganze Dorfjugend. Wie sich nun Alles ordnet und der Priester an’s Altar steigt und jetzt zur Braut und jetzt zum Glücklichsten redet und wie er ihnen vorspricht von den Pflichten des Bundes und dessen Zwecken und wie sie ihr Glück finden möchten in Eintracht und Liebe, und wie er sie dann fragt nach dem „Ja“, das so viel nimmt für ewige Zeiten, und sie es ausspricht fest und lang — laßt es mich nicht fortmalen das Bild und thut’s im Finale nach eurer Weise“… brach Florestan ab und riß in den Schluß des Allegretto, und das klang, als würfe der Küster die Thür zu, daß es durch die ganze Kirche schallte…

Genug. Florestans Deutung hat im Augenblick auch in mir etwas erregt und die Buchstaben zittern durcheinander. Vieles möcht’ ich Dir noch sagen, aber es zieht mich hinaus. Und so wolle die Pause bis zu meinem nächsten Briefe im Glauben an einen schöneren Anfang abwarten!

Eusebius.




Anmerkungen

  1. „Wahrheit und Dichtung“ könnten auch diese Briefe heißen.[H 1] Sie betreffen die ersten unter Mendelssohn’s Leitung gehaltenen Gewandhausconcerte im October 1835.
  2. Ouverture von Mendelssohn.
  3. Die Orchesterwerke wurden in der Zeit vor Mendelssohn, wo Matthäi[H 13] an der Spitze stand, ohne tactirenden Dirigenten aufgeführt.

Anmerkungen (H)

  1. [GJ] Die Schwärmbriefe sind auch an eine „ideale Person“ gerichtet: an Chiara, d. i. Clara Wieck, die sich aber nicht in „Mailand“ sondern in Dresden befand. Die gemeinschaftliche Fahrt nach Venedig ist ebenfalls erdichtet, Schumann mochte an seine eigene italienische Reise (1829) zurückdenken. Vgl. FN 42, I.335–336.
  2. [GJ] d. h. Leipziger.
  3. [GJ] Am 4. October trat Mendelssohn zuerst als Capellmeister der Gewandhausconcerte auf.
  4. [GJ] Mendelssohn, dessen Ouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“ das Concert eröffnete. [WS] Felix Mendelssohn-Bartholdy, Ouvertüre Meeresstille und glückliche Fahrt op. 29 (1832). Schumann gab ihm den Davidsbündlername „Felix Meritis“.
  5. [GJ] Henriette Grabau. [WS] Eleonore Henriette Grabau (* 29. März 1805 in Bremen, † 18. November 1852 in Leipzig), seit 1837 Fr. Bünau, Sängerin; Schumann war mit ihr bekannt und wechselte 1837–1852 Briefe mit ihr. Er gab ihr den Davidsbündlername „Maria“.
  6. [WS] Angelica Catalani (1780–1849), italienische Opernsängerin.
  7. [WS] Lorgnon oder Lorgnette, eine Sehhilfe, wurde besonders von Frauen verwendet.
  8. [GJ] Tsing-Sing, die komische Figur in Aubers chinesischer Feerie ([WS] auch: Féerie, frz. „Zauberwelt“; Theatergenre) „das eherne Pferd“. [WS] Daniel-François-Esprit Auber (1782−1871), französischer Komponist, schrieb 1835 Le cheval de bronze WP engish.
  9. [GJ] Schumann kündigte in der Zeitschrift vom 4. Sept. Mendelssohns Ankunft mit den Worten an: „Felix Mendelssohn-Bartholdy ist in Leipzig angekommen, um die nächsten Winterconcerte im Gewandhaussaale zu leiten. Wir haben dieser Anzeige nichts hinzuzufügen, als was sich Jeder, der ihn recht innig verehrt, selbst sagen mag.“ I. 336.
  10. [WS] Meeresstille und glückliche Fahrt op. 112 (1814–1815) ist eine Kantate für Chor und Orchester von Ludwig van Beethoven nach den beiden gleichnamigen Gedichten von Johann Wolfgang von Goethe.
  11. [WS] Nereustochter, eine der fünfzig Nereiden, Meeresnymphen.
  12. [GJ] Sommernachtstraum, Hebriden und Meeresstille.
  13. [WS] Heinrich August Matthäi (1781–1835), Violinist, Kapellmeister und Komponist, gehörte zum Bekanntenkreis von Schumann in Leipzig.
  14. [GJ] B dur von Beethoven. [WS] 4. Sinfonie B-Dur op. 60, dritter Satz „Allegro vivace“.
  15. [GJ] Arie von C. M. v. Weber, eingelegt in Lodoiska. [WS] Lodoïska (1791) ist eine Oper von Luigi Cherubini. Carl Maria von Weber schrieb dazu eine sogenannte „Einlege-Arie“, eine Neukomposition, die oft dazu diente, einen Sänger oder eine Sängerin von ihrer besten Seite zu zeigen oder eine Oper für spezifische Situationen zu adaptieren.
  16. [GJ] Otto Gerke.
  17. [GJ] Hier ausgelassen: „Außerdem Introduction aus [Cherubinis] Ali Baba, die uns gar nicht gefallen.“
  18. [GJ] Es ist zweifelhaft, wer hinter „Jonathan“ zu suchen sein mag, Wasielewskis Annahme, daß L. Schunke (der schon im December 1834 gestorben war) damit gemeint sein könne, theile ich nicht. Mehr Wahrscheinlichkeit spricht für Chopin, dessen persönliche Bekanntschaft Schumann in den ersten Tagen des Oct. 1835 machte. Er berichtete darüber unterm 6. October in der Zeitschrift (1835, III, 112): „Chopin war hier, aber nur wenige Stunden, die er in engeren Zirkeln zubrachte. Er spielt genau so, wie er componirt, d. h. einzig.“ Es entspricht ganz dem Charakter der beiden Davidsbündler, was der Schluß des Schwärmbriefes (der in der Nummer v. 20. Oct. steht) besagt, daß nämlich Florestan zu ihm „stürzt“ und alsobald mit ihm disputirt, während Eusebius schon bei dem Gedanken „zusammenfährt“, mit dem verehrten Manne sprechen zu sollen. – Die Zeitschrift enthält nur zwei mit „Jonathan“ unterzeichnete Aufsätze (1836), die aber von Schumann selbst sind. Auch sonst bediente er sich manchmal der Unterschrift eines anderen Davidsbündlers. I. 336.
  19. [GJ] Die Tage des 12, 13. und 14. August haben die Kalendernamen Clara, Aurora und Eusebius. – Der obige Brief hatte noch folgende Nachschrift: „Chopin war hier. Florestan stürzte zu ihm. Ich sah sie Arm in Arm mehr schweben als gehen. Sprach nicht mit ihm, fuhr ordentlich zusammen bei dem Gedanken.“
  20. [WS] Teatro alla Scala, ein Opernhaus in Mailand. Giovanni Battista Rubini (*7. April 1794 in Romano (bei Bergamo), †3. März 1854, in Romano), italienischer Sänger (Tenor). Henriette-Clémentine Méric-Lalande (*1798 in Dunkerque, †17. September 1867 in Chantilly), eine seinerzeit berühmte französische Sängerin.
  21. [GJ] Schumanns eigene Erinnerungen. Eingehenderes in seinem Briefe an Wieck, Heidelberg d. 6. Nov. 1829.
  22. [WS] langweilt.
  23. [GJ] Mendelssohns.
  24. [GJ] Rossini war aus Pesaro gebürtig, daher sein Beiname „Schwan von Pesaro“.
  25. [WS] Gottlob Wiedebein (1779–1854), deutscher Kapellmeister und Komponist.
  26. [GJ] Frl. Weinhold aus Amsterdam [im Personenverzeichnis: aus Braunschweig].
  27. [WS] „Wo sind sie? Wer kann mir helfen?“, Cavatine 1. Akt, 3. Szene aus der Oper Torvaldo e Dorliska (1815) von Gioachino Rossini. Schumann schließt französisch an: „Hilf dir selbst und der Himmel wird dir helfen!“
  28. [WS] Klavierkonzert Nr. 1 g-moll op. 25 (1831), Partituren bei IMSLP.
  29. [WS] Sinfonie C-Dur KV 551, Jupiter-Sinfonie (1788).
  30. [GJ] siehe Seite 73.
  31. [GJ] zum Beherrscher der Geister. [WS] Beherrscher der Geister war ursprünglich die Ouvertüre zu der Oper Rübezahl (1804) von Carl Maria von Weber.
  32. [GJ] Uhlrich. [WS] Karl Wilhelm Uhlrich (*10. April 1815 in Leipzig, †26. November 1874 in Stendal), Violinist, Schüler von Heinrich August Matthäi, 1830 Gewandhausorchester Leipzig, Konzertmeister in Magdeburg, 1847 Hofkonzertmeister in Sonderhausen.
  33. [WS] George Onslow (1784-1853), französischer Komponist, seine Symphonie Nr. 1 A-Dur op. 41 (1831).
  34. [WS] Vorlage: des letztern
  35. [WS] 7. Sinfonie A-Dur op. 92 (1811–1812).
  36. [WS] Chiara, Chiarina oder auch Zilia ist der Davidsbündlername von Clara Wieck, die er 1840 heiratet.
  37. [WS] actuarius, lat. ‚Schnellschreiber‘.
  38. [WS] Die Gigantomachie, Kampf der griechischen Götter mit den Giganten.
  39. [WS] Vorlage: Heiligenarien. Hans Heiling (1833), eine Oper von Heinrich Marschner (1795–1861).
  40. [GJ] Es war C. Fr. Ebers, der in der Cäcilia (1825, II, 271) eine Auslegung der Symphonie versuchte, woraus sich denn die Legende der Hochzeitsfeier entwickelt haben mag. Ebers’ Ausführung hat allerdings Schumanns Skizze hervorgerufen, allein sie verhält sich zu dieser wie Prosa zur Poesie. Sie schließt mit einem Appell an Beethoven selbst, der zum Aussprechen seiner Intentionen bewegt werden soll. [Siehe weiter GJ I. 337].
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