Geschicht-Beschreibung der Stadt Wißbaden/Zweyte Zugabe

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« Erste Zugabe Gottfried Anton Schenck
Geschicht-Beschreibung der Stadt Wißbaden
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[465]
Zweyte Zugabe
enthaltend
einige Poetische,
oder
in Dicht- und Reim-Zeilen verfaßte,
Beschreibungen des Wißbads.


Die erste ist von Martin Venator, Pfarrern zu Bierstadt, ohnweit Wißbaden liegend, (welcher in dem dreyßig-jährigen Kriege von dem wütenden Kriegs-Volck um Haab und Gut gekommen, und an dem Leibe, mit Schlägen, so übel zugerichtet worden, daß er seinem Amte nicht mehr hat vorstehen können) um das Jahr 1640 in Lateinischen und Teutschen Versen oder gebundenen Zeilen verfertiget worden, und lautet dieselbe also:


In dem Lateinischen:

Urbs celebris, praeclara situ, Wisbadia dicta,
     Non procul a Rheno distat & Urbe Mogi.
Antiquis ea nota fuit Scriptoribus, & nunc
     Thermis Mattiacis claret ubique suis.

[466]

Floret ibi Candor, pollet gravitate Senatus,
     Digna manent justos praemia, poena malos.
Est coelum clemens, sunt hic viridantia prata,
     Temperat affines aura salubris agros.
Vitibus, en! colles, et frugibus arva redundant,
     Arboreos foetus hortus amoenus habet.
Est propriae linguae Dialectus amabilis illic,
     Exprimit hac suaves culta puella sonos.
Pisces & cancros cumulatim Ripa salina
     Exhibet, et varias proxima sylva feras.
Triticeam, ecce! tibi praebet mola docta farinam,
     Conveniens stomacho fit cibus inde tuo.
Undae Schwalbachiae gratique acidique saporis
     Hic constant pretio, ut vina falerna, suo.
En! oculis spectanda venit domus inclyra, muris,
     Fossis, aggeribus sat bene cincta suis.
Quid loquar exstructas, non parvis sumtibus, aedes,
     Quarum Regina est Curia celsa domus?
Quin etiam antiquos muros & Rudera cernis,
     Quaeque vetustatis sunt documenta piae.
Miraclum si vis naturae cernere rarum,
     Fons fervescentes ejacularur aquas.
Urbem tres extra fontes praedulcia praebent
     Pabula, quae ventri grataque sunt stomacho.
Scissuram studiis fecit Bellona superba,
     Heu! quam difficile est vindice Marte premi.

[467]

Est tamen hic veri pietas sanctissima cultus,
     Quem regis eloquio, docte Cramere![1] tuo,
In Templo recubant illustria Busta virorum
     Et Matronarum, quae tenet Urna decens.
Quid referam a Langeln antiquo stemmate natos,
     Nobilitate graves et pietate Viros?
Sunt hic militiae gnarique Ducesque periti,
     Et Mercarores, Agricolae, Lanei,
Est alacris Tonsor, sunt qui fabrilia tractant,
     Sutores alit haec Urbs. Figulosque bonos,
Et quoque Sartores, & qui pistoria curant,
     Mercibus omnigenis Urbs celebrata sat est.
At cum suppeditet multarum Copia rerum,
     Non tamen hic Fastus Civibus ullus inest.
Assidui patiens quicunque laboris, habere
     Hic facile victum, si cupit, arte potest.
Est inibi Hospitium, de cujus divite censu
     Aegrotique senes dulce levamen habent.
Plures cantarem laudes, sed dicere cunctas,
     Hoc opus, hic labor est, ingeniumque stupet.
Ergo precor, vigeas Wisbadia, paee virescas,
     Te summus tegat, & te regat ipse Deus!

[468]
In dem Teutschen:
nach der alten Reim- und Schreib-Art.

Wißbaden die uralte Statt
Ohnfern vom Rhein ir Wonung hat,
Gegen dem Reingau und Statt Mentz,
Ligt am Gebürg in schöner Grentz.
Inn Historien wol bekannt
Die Bäder sindt im gantzen Landt.
Es ist diß Orts berümpt sehr weitt
Ein hochverstendig Obrigkeitt.
In Gottesforcht ein Erbar Rhat
Fürwar den Scepter fürt gerad.
Nach Gstalt des Himmels Firmament
Ist guter Wißwachs an dem Endt.
Drumbher gut Lufft und Ackerfeld,
Vil Weinberg, alles wol bestelt.
Schöne Gärtten, fruchtbare Bäum
Helt man allhie inn gutem Zäum.
Das Teutsch redt man sehr schön und fein,
Wie du hörst an den Jungfräulein.
Die Saltzbach gibt viel Krebs und Fisch,
Auch Wiltbret man hier tregt zu Tisch.
Ein treflich Malwerck hats allhir,
Solt sicherlich das glauben mir.
Sauer Brunn und ferniger Wein
Inn billichm Wert hie sind gemein.
Im Wißbad ligt ein altes Schloß
Am Bezirck wol verwart und groß,

[469]

Adlich Wonungen, ein schön Rathhauß,
Auch zirlich Bäder sindt durchaus,
Bistu in grosser Mattigkeit,
Herrlich es dient zur Gesundheit.
Heidnisch Gemäur, Monimenten
Werden hir gezeigt den Frembden.
Schaw doch mein liber Freundt zu Hant
Den Sidbrunn bkannt im gantzen Lant.
Noch umb die Statt drey[2] Brünnlein sindt,
Aus welchen gsundt süs Wasser springt.
Die Schul, so hievor wol regirt,
Wirdt durchs Kriegs Wesen tribulirt.
An GOttes Wort es mangelt nicht,
Gnug wird hierinn das Ampt verricht.
In der Kirch schön Epitaphen
Zu sehen von Herrn und Grafen.
Das von Langeln adlich Geschlecht
Ist tugendhafft, geneigt zum Recht.
Kriegs Obersten hir Wonung han,
Lobwürdig ist der Ackermann,
Metziger, Krämer und Schröpffer,
Balbirer, Becker undt Töpffer,
Schumacher, Schneidr, so wol ir Schmitt
Seydt alzmal begriffen hirmit.

[470]

An allerhant gschönen Waren
Die Füll war in guten Jaren.
O wers noch um dieselbe Zeitt,
Wie wer ewr Rhum bekannt so weitt.
Sonst war auch untr der Burger Schar
Kein Stoltzr undt Faulr zu finden dar,
Und wer auch jetzt noch arbeiten mag,
Bekommpt sein Brodt hie alle Tag.
Vor Euch ir Armen Krüppel schaut,
Ein reicher Spitahl ist erbaut.
Von mehr Herrlichkeit zu sagen,
Wils die Zeit jetzt nitt ertragen.
Ade! mein Reim beschlissen thu,
Halt uns, O GOtt! inn gutter Rhu.


Die zweyte Poetische Beschreibung des Wißbads, sonderlich der Bäder daselbst, ist von Herrn Daniel Wilhelm Trillern, Philos. und Medic. D. Fürstlich-Nassau-Saarbrück-Usingischen, nachmaligem Hertzoglich-Sachsen-Weissenfelsischem Leib-Medico, und folgends Königlich-Polnischen und Chur-Sächsischem Hof-Rath und Profess. Medic. zu Wittenberg, um das Jahr 1740, (und also grad hundert Jahre nach jener ersten) auf geschehenes freundliches Ersuchen des Verfassers der gegenwärtigen Wißbadischen Geschicht-Beschreibung, verfertiget worden, und ist solche in dem dritten Theil seiner Teutschen Physicalischen und Moralischen Gedichten p. 1 – befindlich, und lautet also:

[471]

Und soll ich dich nicht auch besingen,
Soll ich nicht dem ein Lob-Lied bringen,
Der hier solch grosses Wunder that?
Nein, wahrlich! hier ist GOttes Finger,
Die Allmacht zeigt sich fast so reich,
Und ist an Kräften kaum geringer,
Als sie dort in Bethesdens Teich.[3]
Er wollt ein Mittel offenbahren,
Das alle Mittel übertrift.
Hier quillt seit mehr, als tausend Jahren,
Der ärgsten Seuchen Gegen-Gift;
Hier fließt für mancherley Gebrechen
Ein wunderthätig Polychrest,[4]
Von dem man sich kan Trost versprechen,
Wenn uns der Artzt nichts hoffen läßt.
Hört, wie mit sprudelndem Getümmel
Das Wasser aus den Röhren springt,
Und wie sein fetter Rauch gen Himmel,
Woher er kommen, danckbar dringt,
Ein rauchend Opffer dem zu reichen,
Der diesen Quell entspringen ließ,
Und uns dadurch ein herrlich Zeichen
Von seiner Huld und Allmacht wieß.

[472]

Am Fuß, wo sich in breite Höhen
Der alt-berühmte Taunus[5] streckt,
Sieht man das Wunder-Bad entstehen,
Das so viel Furcht, als Lust, erweckt.
Lust, weil man es mit Nutz gebrauchet,
Indem es lindert, heilt und wärmt;
Furcht aber, weil es wallt und rauchet,
Und unaufhörlich schäumt und lärmt.
Es theilt sich in drey[6] grosse Quellen,
Woher viel kleine kommen sind,
So daß in sechs und zwantzig Stellen,
Und mehr, ihr heilsam Wasser rinnt.
Doch ist kein Mangel zu befahren,
Es hat stäts einerley Gestalt,
Und ist von so viel hundert Jahren
Von gleichen Kräften und Gehalt.
Wollt es die Sterblichkeit vergönnen,
Und käm ein Römer an das Licht,
So würd’ er zwar die Stadt verkennen,
Allein die warme Bäder nicht.

[473]

Hier wollte Drusus[7] gerne wohnen,
Hier legt er Thor und Festung an,
Hier lagen seine Legionen;
Hier hat Licin[7] die Cur gethan;
Man findet noch viel Ueberschriften,[7]
Die von den Römern Meldung thun;
Auch werden in versteckten Grüfften
Hierum noch manche Römer ruhn.
Was hemmt dem Ackermann die Pferde?
Weswegen steht und stockt sein Pflug?
Er wundert sich, sticht in die Erde,
Und findet einen Todten-Krug;
Den wirfft er hin, als er zerbrochen,
Rufft eine hole Stimm im Feld:
Verschone meiner stillen Knochen,
Ich bin ein alter Römer-Held.

Doch wer vermag nun auszuführen,
Was solche grosse Hitz erweck’?
Man wird nur Müh und Zeit verliehren,
Und kommt jedennoch nie zum Zweck.
Hier hat sich die Natur verborgen;
Sie läßt zwar ihre Würckung sehn,
Doch können wir, mit allen Sorgen,
Nicht bis zum Grund und Ursprung gehn.

[474]

So weit kan Menschen Witz nicht dringen,
Er ist zu stumpff, zu schwach und klein.
GOtt will hier, wie in andern Dingen,
Bewundert, nicht begriffen seyn.

Zwar geben unsre neuen Weisen
Die Ursach dieses Siedens an:
Der eine will den Kießstein preisen,
Wie der von Berger dargethan;
Wiewohl es Lister erst ersann.
Ein andrer schreibet es dem Kampfe
Ungleich-gesinnter Saltzen zu,
Und daß daher das Wasser dampffe,
Und solche Wunder-Curen thu.
Ich aber fall’ von dieser Wärme
Mehr der bejahrten Meynung bey,
Daß in dem weiten Erd-Gedärme
Ein unterirdisch Feuer sey,
Woher das Wasser braus’ und walle,
Und solche Wunder-Werck entstehn,
Wodurch die Kräfte der Metalle
In die gesottnen Tropffen gehn.
Durch mineralisches Geäder
Dringt die gekochte dünne Flut;
daher entstehn die warmen Bäder,
Drum sind sie für Gebrechen gut;
Denn weil sie, da sie circuliren,
Die zärtste und geheimste Krafft
Den Mineralien entführen,
Wird solcher grosse Nutz geschafft.

[475]

Will aber jemand Zweiffel tragen,
Ob Flammen in der Erden seyn?
Der mag Sicilien befragen,
Wo Berge grimmig Feuer speyn;
Er sehe die Phlegräer Flächen
Mit unerschrocknen Augen an,
Wo Flammen aus der Erde brechen,
So wird sein Zweiffel abgethan.
Was aber diese Glut erhalte,
Und ihre feiste Nahrung sey,
Daß sie zu keiner Zeit erkalte,
Da wohnt uns nichts gewisses bey.
Zwar Baccius und Kircher haben
Viel Meynungen hervorgebracht;
Allein es bleibt vor uns vergraben,
Und steckt noch in der dicksten Nacht.
GOtt, der die Glut selbst angeflammet
Gleich von dem Anbeginn der Welt,
Weiß nur allein, woher sie stammet,
Und was sie immer unterhält.
Uns ist hierzu kein Witz verliehen;
Wie eifrig man es untersucht,
Ist doch der Sterblichen Bemühen
In diesem Stück ohn’ alle Frucht.
Es wird uns wohl verborgen liegen,
So lange wir noch irdisch sind,
Bis daß wir einst mehr Klarheit kriegen,
Und unser Geist mehr Licht gewinnt.
Was mehr gewisser kan man sagen,
Woraus das warme Bad besteh,

[476]

Wodurch es manchen Leibes-Plagen
Mit Heilungs-Krafft entgegen geh.
Wenn man es nach der Kunst probiret,
Und durch die Glut zur Beichte zwingt,
Erfährt man, was es bey sich führet,
Und woher seine Krafft entspringt.
Ein heilsam Eisen-Saltz durchwürtzet
Die siedend-heisse Lebens-Flut,
Das aus geheimen Adern stürtzet,
Und solche Wunder-Curen thut.
Ein Vitriol von zartem Geiste,
Ein Schwefel von besondrer Art,
Ist, wie man sieht, das allermeiste,
Was in dem Bad sich offenbahrt.
Diß lehrt auch nach dem Augenscheine
Die Gegend selbst, mehr als zu wohl,
Sie ist voll Kieß- und Eisen-Steine,
Nebst selbst-gewachsnem Vitriol.
Auch sind von einer Eisen-Erden
Die Röhren meist so angefüllt,
Daß sie dadurch oft enger werden,
Als daß daraus das Wasser quillt.
Ein fettes Wesen, das nicht selten,
Als Haut, auf diesem Bade schwimmt,
Kan ferner zum Beweisthum gelten,
Daß hier ein sanfter Schwefel glimmt.
Auch läßt es noch ein Saltz entfallen,
Wenn es wohl eingesotten ist,
Das seine gläntzenden Crystallen
Meist in ein förmlich Viereck schießt.

[477]

Dieß dient die Därmer auszuspühlen,
Wenn mans in Wasser schmeltzen läßt,
Daneben pflegt es auch zu kühlen,
Und stört der Würmer schädlichs Nest.
Doch bleibt uns hier auch viel verholen,
Das würcklich in dem Wasser steckt,
Und dennoch durch den Zwang der Kohlen
Sich unsrem Forschen nicht entdeckt.
Ein geistiges elastisch Wesen
Ist würcklich das, was drinnen liegt;
Doch läßt sichs nicht zusammen lesen,
Dieweil es alsobald verfliegt.
Umsonst sind der Chymisten Künste!
Des Wassers eigentliche Krafft
Verdämpfet in die zärtsten Dünste,
Und wird vom Winde weggerafft.
So bleiben uns die besten Stücke
Des Krafft-Gewässers doch verheelt,
Womit es, zu der Menschen Glücke,
Einst GOtt und die Natur beseelt.
Und folglich ist auch unser Wissen,
In dieser Absicht, seicht und leer,
Indem wir das entbehren müssen,
Was zur Erkänntnüß nöthig wär.

Inzwischen läßt sich aus den Theilen,
Die sichtbar sind, so viel verstehn,
Mit was für grosser Krafft zu heilen
Das Wasser von Natur versehn.

[478]

Von innen, dient es abzuführen,
Und macht das Eingeweide rein,
Es säubert Blase, Darm und Nieren,
Und treibt den Grieß und Lenden-Stein.
Es öffnet die verstopfften Gänge
In Leber, Miltz, Netz und Gekröß,
Und kein Canal ist ihm zu enge,
Es dringt durch jegliches Gefäß.

Doch kan das äusserliche Baden
Fast grössern Nutzen nach sich ziehn,
Es heilet manchen alten Schaden,
Der aller Kunst unheilbar schien.
Den Aussatz, Ausschlag, Krätz und Beulen,
Und was man sonst Scorbut benennt,
Ist diesem feuchten Artzt zu heilen,
Durch Güte der Natur, vergönnt.
Wer lahm ist, wen der Schlag getroffen,
Wen Gicht und Podagra befällt,
Der kan hier auf Genesung hoffen,
Und wird offt glücklich hergestellt.
Ein schmertzhafft Foltern in dem Rücken,
Ein Pfriemen-gleiches Lenden-Weh
Läßt sich hier leichtlich unterdrücken.
Durch diese nasse Panacee.[8]
Wenn Jungfern keine Rosen blühen,
Und Weiber noch nicht Mütter seyn,
Wird beyden offt das Glück verliehen,
Daß sie sich ihres Wunsches freun.

[479]

Doch zeigt es seine größte Stärcke,
Wo Glieder gantz unbrauchbar sind,
Da thut es solche Wunder-Wercke,
Daß es offt schwerlich Glauben findt.
Ich kan selbst aus Erfahrung sagen,
Daß ich offt Leute bringen sehn,
Die fühlloß auf den Betten lagen,
Und konnten doch bald wieder gehn.
Sollt man die Kricken haben können,
Die mancher Lahme von sich warff,
Was hätte man für Holtz zum Brennen,
Wär auch der Winter noch so scharff?
Denn für die Lähmung schlaffer Nerven
Ist dieses Bad ein Balsam-Safft,
Und den geschwächten Geist zu schärffen,
Hat es fast unerhörte Krafft.
Es leben mehr, als tausend Zeugen,
Die dieses Bades Ruhm erhöhn,
Drum will ich wohlbedächtlich schweigen,
Und hier halb müde stille stehn.

Wunder des Höchsten! geseegnete Quelle!
     Selbst durch die Hände des Schöpffers gekocht!
Kräftiges Mittel für mancherley Fälle,
     Wenn nun die Aertzte nichts weiter vermocht!
Fliessender Schwefel, und trinckbares Eisen,
O wer vermag dich nach Würden zu preisen?

[480]

Deine begeisterte Fluten beseelen
     Starrende Nerven und stockendes Blut;
Doch wer kan alle die Würckungen zählen,
     Die dein Balsamisches Wasser stäts thut?
Wären doch, vor der erstaunlichen Menge,
Blätter, ja Bücher, bey weitem zu enge.

Doch, daß das Bad nicht Schaden bringe,
Wie man davon Exempel weiß,
So mercke man nur die drey Dinge:
Nicht allzu lang, zu tief, noch heiß.
Man muß es nicht zu lange brauchen,
Zumahl wenn man den Anfang macht;
Auch hat zu tief sich einzutauchen
Angst, Keuchen und mehr Noth gebracht.
Wenn man sich bis zur Hüfte setzet,
So geht man tief genug hinein,
Doch, soll der Ober-Leib benetzet
Und durch das Bad erwärmet seyn,
So wird mit eingetauchten Schwämmen
Und nassen Tüchern diß gethan,
Als wodurch man die Schmertzen hemmen
Und Glieder-Lindrung schaffen kan.
Nichts aber bringet größern Schaden,
Nichts kan mehr Unheil nach sich ziehn,
Als wenn durch allzuheisses Baden
Die überschwemmten Cörper glühn.
Da setzt es Haupt- und Magen-Schmertzen,
Da wallt und steigt das Blut empor,
Das fühlt man Klopffen in dem Hertzen,
Das saußt und braußt es vor dem Ohr,

[481]

Da wird ein Schwindel offt verspüret,
Da folgt offt Ohnmacht auf das Bad,
Ja manchen hat der Schlag gerühret,
Weil er zu heiß gebadet hat.
Man braucht es laulicht und gelinde,
Und dergestalt sanfft abgekühlt,
Daß man die Wärme kaum empfinde,
So wird der rechte Zweck erzielt.
Darneben lebe man beym Baden
Sokratisch[9] und in Mäßigkeit,
Und meide, sich zu überladen,
Weil sonst die Cur nicht wohl gedeyt.

Ihr nun, die ihr hieher gereiset,
Gedencket stäts an eure Pflicht,
Daß ihr den Schöpfer danckbahr preiset,
Der dieses Heil-Bad zugericht.
So offt ihr trinckt, so offt die Fluthen
Euch über eure Glieder gehn,
So sucht den Brunnquell alles Guten
Mit Lob und Dancke zu erhöhn.
Laßt euch den heissen Quell entzünden,
Daß ihr nicht kalt und fühlloß seyd,
Den Schöpfer im Geschöpf zu finden,
Der dieses Gnaden-Bad verleyht.
So werdet ihr nach Wunsch genesen,
So ist die Cur an Leib und Geist
Euch nützlich und beglückt gewesen,
Und ihr seyd nicht umsonst gereißt.
GOtt will für diese Wunder-Gaben,
Die er so reichlich uns geschenckt,
Nur ein erkänntlich Hertze haben,
Das seiner beym Genuß gedenckt.

[482]

So laßt uns denn den Höchsten loben
Bey dieser wunderbahren Fluth!
Wie groß ist der im Himmel oben,
Der hier so grosse Wunder thut?

So rauschet und rauchet, ihr fliessenden Flammen,
     So wallet und siedet dem Höchsten zum Preiß!
So schäumet und wirbelt euch eifrig zusammen,
     So bleibet stäts heilsam, so bleibet stäts heiß,
Damit einst, nach tausend verstrichenen Jahren!
Die spätesten Enckel noch Würckung erfahren!

Strömt ferner u. dienet den Armen und Reichen,
     Mit einerley Nutzen und einerley Krafft.
Heilt künftig noch allerhand grimmige Seuchen
     Mit eurem gestählten und ölichten Safft.
Und zeiget durch sonst nicht zu hoffende Curen
Der mächtigen Gottheit untrügliche Spuren!

Es woll’ euch dieselbe noch weiter beschützen,
     Damit euch nichts Schaden und Hinderung bringt!
Es müssen nie feindliche Schwerdter dort blitzen,
     Wo euer geseegneter Brunnquell entspringt!
Das viele, mit Rühmung der Göttlichen Gnaden,
Zu ihrer Gesundheit offt trincken und baden!


Die dritte Poetische Beschreibung des Wißbads, sonderlich des heissen Gesund-Wassers daselbst, ist entworffen von dem Verfasser der gegenwärtigen Geschicht-Beschreibung des Wißbads, und enthält eine Ansprache an einen frembden Bad-Gast, welcher den grossen Sied-Brunnen in Wißbaden ansiehet und bewundert:

[483]

1.
Freund! Was pflegstu wohl zu dencken,
     Wenn du diese Quellen siehst,
Die dir solch ein Wasser schencken,
     Das sich siedend-heiß ergießt,
Und dabey durch seine Kräfte,
Die verdorbne Lebens-Säfte
     Deines Cörpers wärmt und heilt,
     Und neu Leben dir ertheilt?

2.
Du besinnest dich sehr lange,
     Eh du sagest, was du denckst;
Ja, mich deucht, es wird dir bange,
     Bis du dich zum Ausspruch lenckst;
Deine forschende Gedancken
Wollen hin und wieder wancken,
     Dein Gemüthe, Zweifels-voll,
     Weiß nicht, was es schliessen soll.

3.
Freund! so ist es, frey zu sagen,
     Unser Sinn irrt hier herum,
Und man bleibt bey allem Fragen,
     Ueber dieses Wunder, stumm.
Wasser kocht hier aus der Erde,
Wie es aber kochend werde,
     Dieses bleibet dem Verstand
     Schwacher Menschen unbekannt.

[484]

4.
Leute zwar sind gnug zu finden,
     Die nicht nur durch Kunst und Fleiß
Starck bemüht sind, zu ergründen,
     Woher dieses Wasser heiß?
Nein! die selbst in vielen Büchern
Uns aufs kräftigste versichern,
     Daß sie würcklich ausgespührt,
     Woher diese Hitze rührt.

5.
Einer will ein Feuer wissen,
     Das in tiefer Erde brennt,
Und den nahen Wasser-Flüssen
     Eine stäte Hitze gönnt.
Dieser meynt, die Erden-Säfte
Würden durch des Wassers Kräfte
     Aufgelös’t, und so bewegt,
     Daß sich solche Hitz’ erregt.

6.
Jener glaubet, daß das Wallen
     Dieses Wassers hin und her
Und sein heftig Steig- und Fallen
     Ursach dieser Hitze wär.
Dieser meynet, daß die Erde
Durch sich selbst erhitzet werde,
     Diese Hitze nähm’ so dann
     Das durchrinnend Wasser an.[10]

[485]

7.
Freund! lies’ alle diese Lehren,
     Lies’ sie vielmal mit Bedacht;
Laß dir jedes recht erklären,
     Was dis Wasser feurig macht.
Sag’ so dann, ob sich dargegen
Nicht gar starcke Zweifel regen,
     Und ob jeder Meynung nicht
     Viel an Gründlichkeit gebricht?

8.
Manche zwar wird sehr gepriesen,
     Und fast als gewiß geacht’t,
Mit vielen Gründen auch bewiesen,
     Und best-möglich klar gemacht;
Wenn wir aber Witz und Dencken
Scharf auf solche Gründe lencken,
     Treffen wir noch vieles an,
     Das uns irre machen kan.

9.
Dem, der Erd’ und Himmel füllet,
     Dessen Göttlichen Verstand
Keine Finsternüß umhüllet,
     Dem, nur Dem, ist es bekannt,
Woher diese Hitz entspringet,
Die durch dieses Wasser dringet,
     Und ihm solche Kraft ertheilt,
     Daß es wunder-würdig heilt.

10.
Er hat Selbst diesem Brande
     Schon den Stoff zurecht gemacht,
Als die Welt durch Ihn zu Stande
     Und in Ordnung ward gebracht;

[486]

Er hat durch sein Göttlich Walten
Solchen auch bisher erhalten,
     Daß er dieses Wassers Fluß
     Stäts, ohn’ Abgang, hitzen muß.

11.
Freund! Der ists, Den diese Quellen,
     Die in diesem Brunnen glüh’n
Sichtlich[11] uns vor Augen stellen,
     Und uns fühlbar[12] zu Ihm zieh’n;
Dessen Stimm’ wir hören schallen[13]
In dem Sieden, Brausen, Wallen,
     Ja, Den jeder Dampf uns zeigt,
     Der hier in die Höhe steigt.

12.
O! daß wir Ihn finden[14] möchten,
     Hier in diesem Wunder-Brand!
O! daß wir von Hertzen dächten:
     Hier ist, warlich! GOttes Hand!
O! daß wir mit Ehrfurchts-Trieben
Innigst uns zu Ihm erhüben,
     Der auf so besondre Art
     Seine Macht hier offenbahrt!

13.
Ist es möglich, daß wir stehen
     Hier an dieses Brunnens Rand,
Und sein feurig Wasser sehen
     Mit bewunderndem Verstand?

[487]

Sehen, wie es kocht und rauchet,
Fette Kräfte von sich hauchet,
     Stäts in gleichem Grade brennt,
     Und nie eine Aendrung kennt?

14.
Ist es möglich, daß wir gehen
     Hin, wo sichs in Bäder gießt,
Und den fetten Balsam sehen,
     Der auf seiner Fläche fließt;
Ja uns in denselben setzen,
Unsre Glieder wärmend netzen,
     Daß der Pein, die uns beschwehrt,
     Dadurch kräftig wird gewehrt?

15.
Ist es möglich, daß wir gehen
     Hin, wo man dis Wasser trinckt,
Und den grossen Nutzen sehen,
     Den es krancken Cörpern bringt;
Ja dasselbe selbst geniessen,
Mit so glücklichem Erspriessen,
     Daß der Schmertz, der uns gepreßt,
     Seinen festen Sitz verläßt?

16.
Ist es möglich, daß wir können
     Alles dis bewundernd sehn,
Und doch nicht im Geist entbrennen,
     Zu der Haupt-Quell’ hinzugehn,
Den zu suchen und zu ehren,
Dem das Hertze zuzukehren,
     Der durch seine Güt’ und Kraft
     Alles dieses würckt und schaft?

[488]

17.
Eins mit von den größten Wercken,[15]
     Die die Welt uns zeigen muß,
Dran sich GOtt läßt greifflich mercken,
     Ist ein heisser Wasser-Fluß,
Der aus tiefer Erde steiget,
Niemals eine Aendrung zeiget,
     Und in Leibes-Schwächlichkeit
     Wunder-volle Hülf’ verleiht.

[489]

18.
Warlich! das sind solche Sachen,
     Die kein blosser Zufall stift’t,
Und durch seine Kraft kan machen,
     Daß sie keine Aendrung trift.
Nein! man merckt an solchem Wercke
Absicht, Güte, Weisheit, Stärcke,
     Kurtz: es zeugt von einem Geist,
     Der was Göttlich’s an sich weis’t.

19.
Freund! wer unsern Brunnen siehet,
     Wie er stäts unwandelbahr
Feuchtes Feuer von sich sprühet
     Tag vor Tag und Jahr vor Jahr;
Ja, wer selbst sein Wasser brauchet,
Sich in dessen Balsam tauchet,
     Und, durch seine Kraft gestärckt,
     Heyl in Leibes-Schwachheit merckt;

20.
Freund! wer alles dis erfähret,
     Und nicht GOtt hierbey erkennt,
Ihn nicht hertzlich preis’t und ehret,
     Nicht in seiner Lieb entbrennt,

[490]

Ja wohl gar durch freche Sünden
Noch kan seinen Zorn entzünden,
     Der ist, kurtz und frey erklärt,
     Keines Menschen-Nahmens werth.
_______________________________

Stiller Seufzer zu GOTT
bey dem Weggehen von diesem Brunnen:


Sey denn, Grosser GOTT! gepriesen,
     Daß du deine Würcklichkeit
Auch durch diesen Brunn bewiesen
     Und vor allen ausgebreit’t;
Laß sie einen jeden spüren,
Laß sie ihn empfindlich rühren,
     Drück’ sie Selbst ihm ins Gemüth,
     Wenn er diesen Brunnen sieht!

* * *
Segne auch, zu deiner Ehre,
     Wißbads Quellen fernerweit;
Laß noch viele Krancken-Heere
     Sie, durch deine Gütigkeit,
Stätig zur Gesundheit brauchen;
Laß sie, HErr! so lange rauchen,
     Bis die letzte Glut entsteht,
     Und die Welt im Rauch vergeht!



  1. Dieser Cramer war damals Pfarrer in Wißbaden. Siehe oben das Verzeichnüß der Wißbadischen Pfarrern.
  2. Das Wiesenbrünnlein bey Wißbaden, welches eben kurtz vorher beschrieben worden, hat vormals drey Spring-Röhren gehabt, darauf wird hier gezielet. Dermalen hat es derselben viere.
  3. Siehe Joh. 5.
  4. Polychrest heißt eine Artzeney, die gegen viele Kranckheiten dienlich ist.
  5. Von diesem Berge bey Wißbaden ist oben in der ersten Abtheilung hinlängliche Nachricht zu finden.
  6. Oder eigentlich zwey, nemlich in dem Brunnen vor der Glocke, und in dem Brunnen im Adler. Denn die übrige Quellen sind so groß nicht, als diese.
  7. a b c Von diesen allen ist oben in der ersten Abtheilung die nöthige Nachricht gegeben worden.
  8. Panacee heist ein allgemeines Mittel vor allerley Kranckheiten.
  9. Das ist: nüchtern und mäßig.
  10. Man kan hierbey die oben ertheilte Beschreibung des Wißbadischen Gesund-Wassers nachsehen, als woselbst diese verschiedene Meynungen der Natur-Kündiger von dem Ursprung dieses heissen Wassers ausführlicher beschrieben werden.
  11. Röm. I. 20.
  12. Apostel-Gesch. XVII. 27. 28. XIV. 15. 16. 17.
  13. Psalm. XXIX. 3. Der Schöpfer redet oder offenbahret sich durch seine Geschöpfe. Psalm. XIX. CIV. CXLVIII. etc.
  14. Apostel-Gesch. c. l.
  15. Es verdienet hierbey angemercket zu werden, daß der Kayser Constantin der Grosse in seinem Bekänntnüß, welches er, nach seiner Bekehrung zu Christo, von der Erkänntnüß des wahren GOttes schriftlich abgeleget hat, vornemlich auch die heisse Gesund-Wasser des Erdbodens mit Nahmen in Betrachtung ziehet, und bezeuget, daß es ihm als ein gantz besonderes Merckmahl der grossen Macht GOttes vorkomme, daß diese heisse Wasser (von deren Hitze niemand die wahre Ursache gründlich anzeigen könne) ihre grosse Hitze unverrückt behielten, ohnerachtet sie in der Erde um und um mit kaltem Wasser umflossen wären; anbey schiene es, daß GOtt sie um deßwillen nicht überall auf dem Erdboden habe entstehen lassen, damit sie von den Menschen um desto mehr, als Seltenheiten, möchten in eine Achtung genommen werden; siehe davon seine Rede an die Heiligen oder Christen bey dem Eusebio c. 7.. Alle, auch die geringste und gemeineste, Natur- oder Schöpffungs-Wercke zeugen von ihrem Schöpffer und Erhalter mehr als zu klar. Doch fällt dieses Zeugnüß bey den grossen und seltenen Schöpffungs-Wercken schneller in die menschliche Sinnen, als bey den geringen und gemeinen. Daher auch GOtt in seinem Worte die Menschen gerne zur Betrachtung der grossen und seltenen Schöpffungs–Wercke hinzuweisen pfleget, wie z. E. aus Hiob c. 38–41. Jes. 40 etc. zu ersehen ist. Und unter solche grosse und seltene Wercke der Schöpffung werden die heisse Quell-Wasser des Erdbodens mit allem Rechte gezählet, und wer das klare Zeugnüß, das sie von der Würcklichkeit und Herrlichkeit ihres grossen Schöpffers und Erhalters ablegen, nicht erkennen kan, der muß solches mit allem Vorsatz nicht erkennen wollen.
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