Geschichte der Berens in Riga

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Autor: Reinhold Berens
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Titel: Geschichte der seit hundert und funzig Jahren in Riga einheimischen Familie Berens aus Rostock
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Erscheinungsdatum: 1812
Verlag: Julius Conrad Daniel Müller
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Kurzbeschreibung: Dies ist eine Lebensbeschreibung von Reinhold Berens nebst seinen näheren Verwandten. Einige in diesen Abschnitt fallende Ereignisse, vor allem bezüglich Riga, werden auch erzählt.
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Inhaltsverzeichnis (Wikisource)
Abkömmlinge des Großvaters Hans Hinrich Berens Seite 3
Die Eltern und ihre Zeit Seite 5
Der älteste Bruder Arend Berens und Reinholds Jugendzeit Seite 9
Der zweite Bruder Carl Berens Seite 11
Die Schwester Catharina Berens Seite 19
Der dritte Bruder Johann Christoph Berens Seite 20
Die dritte Schwester Johann Sophia Berens und der Vetter Gottfried Berens Seite 31
Die beiden Brüder Albrecht und Gustav Berens Seite 32
Die jüngste Schwester Anna Berens Seite 34
Die Brüder Franz, Peter und Georg Berens Seite 34
Der vorletzte Bruder Adam Heinrich Berens Seite 35
Reinhold Berens Studienzeit und die Düna-Flut im Jahre 1771 Seite 47
Reinhold Berens wirken in Rußland Seite 52
Die Stadtbuchdruckerei von Riga Seite 63
Das Stadttheater von Riga Seite 65
Der Besuch des neuen Kaisers, Paul I., von Rußland in Riga Seite 68
Das Himsel-Berenssche Kabinet Seite 75
Der General-Major Heinrich von Körbitz Seite 77
Die Gartenanlage Ebels Lust Seite 88
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[I]
Geschichte
der
seit hundert und funfzig Jahren in Riga einheimischen
Familie Berens
aus Rostock,
nebst Beiträgen zur neuesten Geschichte der Stadt Riga,
von
Reinhold Berens,
der Medicin Doctor, Russisch-Kaiserl. Hofrath und rig. namhaftem Bürger.
Riga 1812.
Gedruckt und in Kommission bei Julius Conrad Daniel Müller.

[II]
[III] Nehmet, geliebte Bürger Riga’s! hier einen, wenn auch verspäteten, Beitrag zu der schönen Feier jenes 4ten Julius 1810[WS 1], dessen Segnungen auch diese Blätter preisen. Sie enthalten die Geschichte einer Familie, welche seit anderhalbem Jahrhundert in dieser Stadt einheimisch ist, deren Mitglieder, mit sehr mannichfaltiger, oft vielumfassender Thätigkeit, eingreifend in die Angelegenheiten von Riga, zum Theil einen sehr großen Wirkungskreis zu erfüllen suchten. Manche Freuden- und Trauer-Tage einer reichen Vergangenheit werden hier an Euren Blicken vorübergehen; überall werdet Ihr den ächten alten Patrioten-Sinn handeln sehn. Möge dadurch auch manches neue Gute geweckt werden. [1]


Der erste Berens, mein Großvater, kam als ein Knabe von zehn Jahren aus dem biedern Rostock, seiner Vaterstadt, vor ungefähr 150 Jahren, nach Riga. Er legte den Grund zu unserer noch fortdauernden, besonders im vergangenen Jahrhundert hier in zahlreichen Abkömmlingen blühenden, Familie. Als Benjamin, d. i. der letzte Sohn meiner braven, rechtschaffenen Eltern, die einer Zahl von mehr als zwanzig Kindern sich erfreuten, ward ich im Jahre 1745 am Reinholdstage, oder den 12ten Januar, geboren, und erhielt von ihnen den einzigen Vornamen Reinhold. Unauslöschlich war und ist in meiner Seele das Andenken an meinen Vater, den ich nicht gekannt, weil ich als ein Knabe von etwas mehr, als einem Jahre, bei seinem frühzeitigen Tode, im Jahre 1747 nachblieb, und an meine fromme Mutter, aus dem hiesigen Geschlechte der Boomgards, die noch bis 1754 lebte, und als Wittwe mit 14 oder 15 lebenden Kindern, den polnischen Großhandel ihres Mannes, mit ihren ältesten Söhnen Arend und Carl, glücklich fortsetzte. Außer dem Handlungs-Geiste hatte sich besonders der edle Gemein-Geist von unserm Vater über uns alle ergossen; vielleicht aber hatte im stärksten Maaße diese edle Empfindung meine Seele erfüllet; so wie die Sanftmuth und das Mitgefühl Erbtheile von unserer sanften, frommen Mutter waren. Im Körper fühlten wir alle, mehr oder weniger, mancherlei hypochondrische Anfälle, die uns zu [2] Zeiten, bei übrigens gesundem und starkem Körperbaue, fast aller Geisteskräfte beraubten. Von mir selbst muß ich noch eines körperlichen Zufalls, aus meiner frühesten Jugend, erwähnen, der vielleicht auf meinen Geist einigen Einfluß gehabt. Als ich nehmlich ein Knabe von 8 bis 9 Jahren war, half ich im Herbst, bei einer häuslichen Verrichtung, meinen ältern Schwestern, und mußte dazu öfters in einen tiefen Keller, dessen Thüre oben im Speisesaal sich öffnete, hinuntergehen. Diese Bewegung mochte ich mir nun aus Lust oder Unartigkeit zu viel machen, und man schloß deswegen, unvorsichtiger Weise, die Thür oben zu. Da ich nun wieder in dem Keller war, und hinaufging, klopfte ich, auf der obersten Stufe stehend, mit Gewalt an die verschlossene Thüre, verlor dabei das Uebergewicht, und fiel rücklings 21 steinerne Stufen hinab auf den Kopf. Daß ich hierbei nicht auf der Stelle den Tod fand, mochte durch einige Säcke mit Kohl, die unten auf dem Boden lagen, wohl bewirkt worden seyn; aber mit einer schweren Verwundung am Kopfe, wobei der Hirnschädel verletzt war, brachte man mich für todt aus dem Keller herauf. Indeß wurde ich wiederum aufgeweckt, und nach einem starken Blutverluste wurde, nach einiger Zeit, meine Heilung bewirkt, und ich genas gänzlich; doch behielt ich an der verwundeten Stelle eine starke Narbe mit einer zarten Empfindung, die in spätern Jahren in kleinern und größern Geschwülsten, wohl bis zu einem Hünerei groß, sich einstellte, welche dann ausschworen, und sich wieder einfanden, auch wechselweise mit heftigem Herzklopfen (palpitatio cordis), öfters bis zu starken Ohmachten, Jahrelang abwechselten. Diese Zufälle empfinde ich nun schon seit vielen Jahren nicht mehr, aber statt ihrer zu halben und ganzen Jahren, gleichsam eine Abwesenheit meiner Geisteskräfte, so daß ich, alles Denkvermögens beraubt, keines Gebrauchs meiner körperlichen Kräfte fähig war, folglich ganz nur vegetirend, bei einem sonst gesunden Körper, lebte. Dieser sonderbare Zustand hatte zuletzt zwei volle Jahre gedauert, als ich, mit einemmale gleichsam aus diesem Geistesschlaf erweckt, und mit gesammelten und sehr gestärkten Kräften des Leibes und der Seele, der größten Würksamkeit wieder fähig wurde. Wer von meinen Kollegen in der psychologischen Medicin kann mir sagen, was jener Fall auf den Kopf für Würkung auf [3] mein Gehirn und mein ganzes Nerven-System gehabt, oder ob dieser Stoß auf mein Gehirn, und die übrigen Nerven des Körpers, vielleicht nothwendig war, um diesen starken Sinn des Gemein-Geistes mit gleichem Gefühle für alles Gute in der Grundlage des Gehirns zu befestigen, und so bis ins hohe Alter mit Wärme und Kraft zu verstärken?

Ich komme wieder zurück auf meinen von mir persönlich nicht gekannten, aber wegen seiner gemeinnützigen Handlungen stets sehr verehrten Vater, Arend Berens, geboren 1688. In der letzten schwersten Zeit für unser geliebtes Riga, oder in der Belagerung und Unterwerfung unter den wohlthätigen russischen Scepter, nachdem er schon vorher die Handlung bei seinem würdigen Vater erlernet, soll er nicht hier gewesen seyn, sondern irgendwo auf einer Handlungs-Expedition in Deutschland oder Holland, oder auch in Polen. Bald darauf kam er zurück, und trieb den Großhandel seines würdigen Vaters, von dem er nichts mehr, als die wichtigen polnischen Schulden geerbt hatte. Dieser unser würdiger Großvater, Hans Hinrich Berens, Aeltester, im Jahre 1687, dann Raths- und Wettherr im Jahre 1695, war 1643 in Rostock geboren. In der Erneuerung des Handels allhier nach der ersten Belagerung vom Czaar Ioan Wassilowitsch im Jahre 1665, und unter der schwedischen Regierung, mag er wohl der wichtigste polnische Großhändler gewesen seyn. Von ihm ist noch ein großes, sehr schätzbares Familien-Gemählde vorhanden, welches, nach damaligem Kostum, unsern ehrwürdigen Großvater im Gespräch mit handelnden Polen und holländischen Schiffern, die das holländische Geld herbeibringen, und unserm noch jugendlichen Vater die Kontrakte für die Polen darreichen, vorstellt[a 1]. In dieser Zeit, da einer der größten polnischen Magnaten, Sapieha, einen Großhandel mit ihm trieb, und dieser Kron-Groß-Feldherr Polens sich, in den Zeiten des sächsischen August, um die Krone Polens bewarb, vermochte schon dieser unser Großvater ihm, dem Fürsten Sapieha, einen Vorschuß von 60,000 Dukaten zu machen, wofür ihm die Grafschaft Dumbrowna in Polen verpfändet war, die auch ein ganzes Jahr in seiner Disposition gewesen. Sie wurde ihn nachher wiederum abgenommen, und nur die hierüber ausgestellten Obligationen blieben ihm und seinen [4] Kindern. Erst nach 60 bis 70 Jahren haben seine Enkel und Urenkel den, wenn gleich geringen, doch für die ärmeren Glieder seiner Familie sehr wohlthätigen Genuß gehabt, durch die nachherige Akkordirung mit dem Grafen Oginsky, als Erben der Sapiehaschen Güter. Auch stiftete dieser unser Großvater das Rathsherrliche Hans Hinrich Berenssche Familien-Legat, und schenkte zum ersten Fonds desselben, weil auf die große Sapiehasche Schuld wohl wenig noch zu rechnen war, nur 400 Reichsthaler Alberts, laut Testaments von 1701, den 28ten März. Durch die sorgfältige Verwaltung einzelner braven Männer in der Familie ist es schon ziemlich herangewachsen, und seit einigen Jahren im Stande, den Dürftigen derselben eine Unterstützung darzureichen. Er starb im Jahre 1701 im April, in der zweiten wichtigen Belagerung Riga’s von den Sachsen und Polen. Die hinterlassenen lebenden Kinder des Großvaters waren von zwei Frauen, 5 Söhne und 6 Töchter, (nach obigem Testamente von 1701.) Der jüngere, unser Vater Arend, erster Ehe, von einer Catharine Gottleben, behielt die Handlung; der ältere, Georg, nachheriger Bürgermeister im hiesigen Rathe, von dessen Tochter Anna Katharina, mit dem Rathsherrn und Ober-Wettherrn Matthias Ulrich Poorten verheirathet, die gegenwärtigen Berens-Poortenschen Nachkommen abstammen; der dritte, Gottfried, zweiter Ehe, von einer Weyern, Sekretaire im Magistrat, von dem die Gottfried- und Gustav-Berensschen männlichen, und die Berens-Stöverschen, und Gottfried Berensschen Kinder, als weibliche Nachkommen, abstammen. Von den sechs Töchtern wurden zwei, aus erster und zweiter Ehe, an beide Martini, Vater und Sohn, beide Leibmedici der Kaiserin Anna, verheirathet; ihre Nachkommenschaft bestand in einer einzigen Tochter, die mit dem Doktor Himsel verheirathet war, deren Zweig mit ihnen und ihrem einzigen Sohne, Doktor Himsel, ausgestorben, und so ein Theil des großväterlichen Vermögens, durch das Himselsche Legat, der Berensschen Familie mit allem Rechte wiederum anheimgefallen ist. Eine andere Tochter unsers Großvaters, Elisabeth, erster Ehe, wurde mit Melchior von Dreyling verheurathet, und deren Tochter Elisabeth, mit Ober-Pastor Depkin, und deren Tochter, Anna Elisabeth, mit Pastor Bergmann; und [5] so entstanden die Berens- von Dreyling- Depkin- Joachim Ebel- und Bergmannschen Nachkommen. Von Anna Berens erster Ehe mit David Martini war eine Tochter Catharine Martini, mit Melchior von Wiedau verheurathet; aus dieser Ehe eine Tochter, Anna Catharine von Wiedau, mit Georg Christoph Andreä vermählt; sie wurde Mutter der Catharine Andreä, die mit Gotthard von Vegesack nachher verbunden ward, deren gegenwärtige Nachkommen dieses Berensschen Familien-Stammes sich erfreuen mögen.

Nach dem Tode unsers Großvaters setzte, nun schon unter der wohlthätigen russischen Regierung, mein Vater obigen Großhandel mit Rechtschaffenheit und Fleiße fort, und so segnete ihn der lohnende Himmel nicht nur mit hinreichendem Vermögen an Glücks-Gütern, sondern auch noch viel mehr in seiner so musterhaften Ehe mit zahlreichen Kindern, besonders Söhnen, so daß, weil er 12 lebender Kinder sich erfreute, er gezwungen war, sein Wohnhaus, das jetzige Alt-Wöhrmannsche in der Marstallstraße, zu erweitern, und fast ganz neu zu erbauen. Neben dem Handlungs-Geiste und seinen braven hausväterlichen Gesinnungen, war der Gemein-Geist, als eines treuen Bürgers von Riga, der stärkste Zug in seinem Charakter. Wo er nur konnte, würkte er schon als geringerer Bürger und Mitglied der Kaufmannschaft für alle Unterstützungen, und besonders für den auf Wahrheit und Rechtschaffenheit gegründeten Kredit des zu erneuernden Handels seiner so geliebten Vaterstadt, welcher damals durch Kriege, Belagerungen, Hunger und Pest nicht nur gestört, sondern fast gänzlich vernichtet war. Unter der wohlthätigen Regierung der hochseligen Kaiserin Anna, in den Jahren zwischen 1736–1740, wurde unser Vater in seinen blühendsten Jahren zur höchsten Würde der Bürgerschaft, zum großgildischen Aeltermann erwählt. Dem zu erneuernden Handlungs-Stocke fehlte es noch an einem baaren Vermögen, um die großen Vorschüsse an Russen, Polen, Litthauer etc. für ihre rohen Handlungs-Produkte an Flachs, Holz und Hanfarten, Getraide und Saaten aller Art etc. bestreiten zu können, und es mußten dazu die mehresten auswärtigen Gelder, bei damaligem noch geringem Kredit im Auslande, vielleicht für hohe Zinsen, herbeigeschafft [6] werden. Die nachmalige Kaiserin Anna, schon als verwittwete Herzogin von Kurland, und einige Jahre residirend in Mitau, bezeigte öfter Ihr hohes Wohlwollen für Riga, und als Höchstdieselbe 1730 zur Kaiserin von ganz Rußland zuerst Ihren hohen Durchzug allhier hielt, ließ Hochdieselbe, außer andern gnädigen Gesinnungen,[1] durch Ihren damaligen Leibmedicus Martini, den leiblichen Schwager unsers Vaters, der Stadt Ihre besondere Gnade zusichern, zu irgend einer Aufhelfung des Handels. Auf diese höchst gnädige Versicherung trug unser Vater, als Großgildischer Aeltermann der Stadt, in Berathschlagung mit seinen Verwandten und Freunden im Magistrat, und in Mitwirkung seines Schwagers, des Leib-Medikus David Martini, der Bürgerschaft vor, dieses hohe Wohlwollen der Kaiserin für unsere Stadt und ihren Handel, auf eine Anleihe zum Unterstützungs-Fonds einer Handlungs-Kassa zu lenken. Dieser wohlthätige Vorschlag wurde sogleich angenommen, höheren Orts gehörig vorgetragen, und bald darauf erschien die gnädigste Resolution auf diese unterthänigste Bitte: ein Kapital von 100,000 Reichsthalern Alberts auf zehn Jahre, ohne Renten, zum obigen Behufe der Stadt vorzuschießen. Dieses so wichtige Kapital wurde zur gehörigen Zeit der hohen Krone wiederum abgezahlt, und die gesammelten Renten blieben zum Fonds unserer gegenwärtigen Handlungs-Kassa, die sich jetzt bis auf 300,000 Reichsthaler Alberts vermehrt hat, und folglich gegenwärtig eine Rente von 15 bis 18,000 Reichsthaler Alberts einträgt. Von diesen ansehnlichen Renten der Kassa befahl unser jetziger, so menschenfreundlicher Kaiser Alexander, bei Verbesserung unsers [7] Armenwesens, an 11,000 Reichsthaler Alberts jährlich zur Armen-Kassa unter der Direction des neu errichteten, und reichlich dotirten Kaiserlichen Armen-Kollegii zu entrichten. So entstand diese so wohltätige Handlungs-Kassa durch das höchst zu verehrende Mutterherz, und wurde zugleich die Wohlthäterin und Versorgerin unserer ansehnlich vermehrten Armen, durch Alexanders himmlisches Vaterherz.

Eine andere Wohlthat für die hiesige Handlung mit den einheimischen rohen Produkten, besonders von Hanf und Flachs, bewirkte unser Vater, als Aeltermann der Stadt, durch den Vorschlag an die Bürgerschaft, die erste Hanf- und Flachs-Ambare oder Scheune auf dem Ufer der Düna unterhalb der Karls-Bastion, und auch nachher bei der Stifts- und Karlspforte zu erbauen, um Hanf und Flachs daselbst zum Rigaschen vollen Kredit zu braken und zu verschiedenen höheren Sorten zu bereiten. Diese so genannten Hanf-Flachs- und Pottasch-Scheunen waren, bis zur Entstehung der großen Hanf-Ambaren jenseits der Düna, zum obigen Behuf, mit weit geringeren Kosten, auch unter näherer Aufsicht, lange hinreichend, und auch gegenwärtig werden dort noch die Flachse, besonders aber die gereinigten und höheren Sorten von Drujaner-Hanf, bearbeitet. Für die Aufrechthaltung der geheiligten Rechte oder Privilegien unserer Stadt zu wachen, sah sich unser Vater, als Aeltermann derselben, nicht allein aufs strengste verpflichtet, sondern stritt auch in jedem Falle, mit den bittersten Aufoperungen[a 2] für sich und die Seinigen, für ihre Unverletzbarkeit. Als daher der damalige Gouverneur Bismark, Schwager des so wichtigen Herzog Byron, unter der Kaiserin Anna, von der Stadt etwas verlangte, des[a 3] den Privilegien entgegen war, und seinen Zweck nicht anders erlangen konnte, als mit Bewilligung der Aeltermänner oder einzigen Repräsentanten der Bürgerschaft, so schlug es unser Vater mit aller Fassung und Standhaftigkeit ab. Sich stützend auf seine hohe Verwandtschaft und auf sein Ansehn, drohte Bismark durch angemaßte Macht, mit aller Härte zu verfahren, ja selbst mit Verweisung nach Siberien. Aber bei allen Ueberredungen seiner furchtsamen Mitbürger, ja trotz der ängstlich besorgten Gattin und Mutter so [8] vieler Kinder, die um ihn herum fleheten, sich selbst und seine Lieben nicht unglücklich zu machen, blieb er unerschütterlich in seiner Liebe und Treue für seine geliebte Vaterstadt. Ihr seid nicht werth der alten redlichen Bürger Riga’s, die Jahrhunderte ihr Blut zum Schutze der Stadt hingegeben, wenn ihr mir diese Ungerechtigkeit nachzugeben anmuthen könnet; ihr seid nicht meine guten Kinder, wenn ihr mich in diesen geringen Aufopferungen für sie stöhren, oder nicht gleiche Gesinnungen mit mir hierin empfinden könnet! das war seine feste Antwort. Diese merkwürdige Sache gelangte endlich an höhern Ort, und ohne daß die Kaiserin damit beunruhigt worden wäre, kam der Befehl: daß der Gouverneur Bismarck von seinen ungerechten Forderungen abstehen, und unserm Vater Satisfaction leisten sollte. So endete also diese wichtige Sache zum höchsten Lohn und Segen des Himmels für ihn, den redlich-Getreuen, für seine Kinder und spätesten Nachkommen. Indeß wurde ihm dieser Eifer, und seine warme Theilnehmung am Besten seiner geliebten Vaterstadt, und an ihren wohlgegründeten Rechten, wie gewöhnlich, mit vielem Verdruß und Undank von Seiten der Bürgerschaft belohnt. Daher entfernte er sich bald darauf von seinem Aeltermanns-Amte, das er mit so vieler Würde und Treue geführt hatte, und setzte mit desto mehrerer Musse und größerem Eifer, unter dem sichtbaren Segen des Himmels, seinen polnischen Großhandel fort, unterstützt von seinen beiden ältesten Söhnen, die schon in seiner Handlung waren. Aber auch dieses dauerte nicht lange; denn im Jahre 1747 ging dieser, von seiner Familie so geliebte und verehrte Vater, in einem Alter von einigen und funzig Jahren, zu seiner ewigen Ruhe hinüber, und hinterließ unserer äußerst betrübten Mutter 14 bis 15 lebende Kinder, als ihr bestes Andenken und ihren größesten Reichthum. Diese mir unvergeßliche Mutter, die ich nur in meiner frühesten Jugend kennen und verehren konnte, setzte den hinterlassenen Großhandel, mit Hülfe ihren ältesten Söhne, Arend und Carl, und ihre nicht geringe Hauswirthschaft mit ihren ältesten Töchtern, Eva, Catharina und Johanna, unter gleichem Segen des Himmels glücklich fort, und würde auch gewiß sich einer größeren Wohlhabenheit erfreut haben, ohne einen, nachher anzuzeigenden Umstand. Diese brave Mutter bekam zuletzt eine schmerzhafte und [9] langwierige Krankheit, in welcher wir jüngsten Kinder sie nach unsern Kräften pflegten. Sie hatte noch vor ihrem sehr sanften Lebensende die höchste Freude, ihren sehr geliebten dritten Sohn, Johann Christoph, wieder zu sehen, der nach vollendeten Studien in Deutschland noch eine Reise im Auslande gemacht hatte, und nach dem sehnlichen Verlangen der besten Mutter, jetzt eiligst aus Paris zurückgekehrt war, um der frommen Mutter Segen sich für seine ganze nachherige Lebenszeit zu erbitten, welcher ihm und uns allen mit entzückter Freude und himmlischer Güte zum reichsten Erbtheil gewährt wurde. Nach Gewährung dieser einzigen Bitte vom gnädigen Himmel, lebte sie noch wenige Tage in dem durch sie so glücklichen Kreise aller ihrer sie umgebenden lieben Kinder, und ging mit dem innigsten Dank zu Gott, wohin sie in der größten Fassung unsere innigste Liebe und Verehrung mit hinüber nahm, zu ihrem gnädigen, belohnenden Schöpfer und dem braven, getreuen Gatten.

Noch blieben wir 14 verwaiste Kinder ein ganzes Jahr in unserer Eltern Hause, bis von unserm ältesten Bruder das hinterlassene Vermögen derselben unter uns getheilt, und für die noch vielen Unmündigen Sorge getragen war. Mein ältester Bruder Arend, ein heller und scharf denkender Kopf, mit gleich patriotischen und wohlthuenden Gefühlen, war schon zu der Mutter Lebzeiten mit seiner leiblichen Cousine, Eva Maria Zuckerbecker, verheurathet. Sie war die älteste Tochter unserer würdigen Mutterschwester, der verwitweten Zuckerbecker, die viele Jahre nach ihres Mannes Tode mit männlicher Kraft und dem edelsten Herzen die, besonders holländische, Handlung in Assistenz ihrer braven Söhne, Johann und Thomas, mit vielem Glück fortsetzte, und den Grund zu der jetzigen Wohlhabenheit unserer nächsten Verwandten legte. Dieser Bruder erkaufte aus der Nachlassenschaft unserer Eltern Hagenshof, jenseit der Düna, das noch von unserm Großvater herstammte, nach dem Wunsche in seinem hinterlassenen Testamente, daß, wo möglich, seine unbeweglichen Besitzungen nicht aus der Familie kommen möchten. Er verband sich mit seiner Schwiegermutter Zuckerbecker in Führung ihrer Handlung, und übergab unserm zweiten Bruder Carl die väterliche Großhandlung, nebst dem von ihm ganz neu erbauten Hause neben dem unserer Eltern, oder dem jetzigen Alt-Wöhrmannschen. [10] Noch führte dieser älteste Bruder Arend mit seiner Schwiegermutter die Zuckerbeckersche Handlung, als der Krieg 1756 gegen Preußen ausbrach. Es zog sich hier um Riga die Haupt-Armee, von mehr als 60,000 Mann, unter dem Haupt-Kommando des sehr splendiden General-Feldmarschalls Apraxin, zusammen. Der Feldmarschall stand mit seiner ganzen Generalität und dem Stabe den Winter zwischen 1756 und 1757, bis zum Mai-Monat, hier in der Stadt selbst. Der Bruder war von Petersburg aus der Factor, oder hatte die Auszahlung der so wichtigen Gelder des Feldmarschalls, und vieler andern großen Herren, zu besorgen, besonders auch des Grafen Romanzow, der damals noch Oberster war, und in unserer Eltern Hause stand. Dieser Winter war für die Stadt durch mancherlei harte Forderungen äußerst drückend. Hier nutzte nun der Bruder die hohe Gunst des Feldmarschalls und anderer Großen, nicht für sich, sondern zum Besten seiner lieben Vaterstadt, unterstützte den Magistrat in dieser sehr beschwerlichen und kostspieligen Zeit, suchte, wo er nur konnte, mit der wohlthuendsten Thätigkeit, allen Schaden von der Stadt abzuwenden, und begnügte sich nur mit dem lohnenden Gefühl, seinem lieben Riga gedient zu haben. Bald darauf trat er aus der Zuckerbeckerschen Handlung, nahm den jüngern gebrechlichen Bruder Peter zu sich, verschönerte Hagenshof, machte darin allerlei nothwendige Verbesserungen, und starb als Notair des damaligen Portorien-Zolls, während meines Studirens im Auslande. Unsere älteste Schwester, Eva Maria, wurde noch zu Lebzeiten unserer Mutter mit dem biederen und äußerst braven Manne, Aeltesten Johann Heinrich Schwartz, vermählt, und obgleich er als Witwer von beinahe 60 Jahren, mit vier völlig erwachsenen Kindern, zu dieser zweiten Ehe schritt, so zeugte er doch in dieser so einträchtigen als glücklichen Ehe, noch acht Kinder; von einem, einer Tochter, stammt die Familie Dyrsen und ein Theil der Familie Grave her; eine andere Tochter, Catharina Schwartz, ist noch am Leben. Dieses war die erste Vereinigung mit der fast eben so alten als achtungswürdigen Familie Schwartz, die aus Narva herstammt, wo dieselbe nach der Eroberung dieser Stadt, mehrentheils in der russischen Gefangenschaft war, in welcher besonders dieser unser würdiger Schwager mit seinen Eltern zu Wokogda und [11] Archangel seine frohen Jugend-Jahre zubrachte, auch die russische Sprache sehr wohl lernte, und große Liebe und Achtung für diese, damals noch unkultivirte, aber äußerst biedere Nation gewann, und jederzeit beibehielt. Dieselbe erste Verbindung bewürkte nachhero noch das stärkere Band zwischen diesen beiden alten Familien allhier, durch die Verheurathung unsers Bruders Carl, mit beiden Töchtern erster Ehe dieses unseres ältesten Schwagers. Bei diesem meinem würdigen und nie zu vergessenden Schwager, als zu dem ich nach unserer Mutter Tode ins Haus kam, brachte ich meine ersten Jugend- und besonders Schul-Jahre auf die nützlichste und froheste Weise zu, unter den biedersten und geschmackvollsten Männern, als dem damaligen Physicus, Doctor Luther, Secretair Johann Christoph Schwartz, dem nachmaligen würdigsten Mitglied und verehrungswürdigen Nestor des alten Magistrats, wie auch meinen ältesten Brüdern und meinem zweiten Schwager Gottfried Berens. Hier wurde auch die Neigung und Achtung für die getreue und wackere russische Nation zuerst bei mir erweckt, so daß ich schon in dem damaligen Kriege mit Preußen, unter der Kaiserin Elisabeth, an allen großen Eigenschaften dieser unserer Landesleute, und besonders an der großen Treue und Tapferkeit unserer braven Truppen bewundernden Antheil nahm, und so die ersten Neuigkeiten, wo ich sie nur erhalten konnte, von jenen großen Siegen über die gleich braven Preußen meinen russischen Schwager mit größter Freude überbrachte. Auch unterstützte ich diesen meinen verehrungswürdigen und sehr geliebten Schwager in seinen Handlungs-Geschäften, wie auch meine gute Schwester und zweite Mutter in ihrer nicht geringen Hauswirhschaft nach meinen Kräften, unbeschadet meines Vorsatzes zu studiren. Im Jahr 1764 begab ich mich, von seinem und seiner guten Freunde biederem Beispiel begleitet, nach Deutschland, um dort mit allem möglichen Fleiße Kenntnisse in den beglückenden Wissenschaften zu erringen.

Ich komme jetzt auf meinen zweiten Bruder, Aeltesten der großen Gilde, Carl Berens, welcher der Jüngeren zweiter wohlthätiger Vater, und aller guten Sachen wo sie auch seyn mochten, im Stillen eifriger Beförderer war. In der Handlung vereinigte er den Geist unsers würdigen Großvaters, mit einem Zusatze von einem der größten und richtigsten Handlungs-Speculations-Talente; [12] daher er auch allenthalben als einer der ersten, und, ich möchte wohl sagen, als der einzige wahre Großhändler seiner Zeit in Riga geschätzt, und auf seiner letzten Reise, die für seine eigene sowohl als seines geliebten Sohnes Gesundheit in das Ausland unternahm, allerwärts in Preußen, Frankreich, Deutschland, besonders aber in Holland, dafür anerkannt, und allenthalben mit einer herzlichen und achtungsvollen Aufnahme erfreut ward; auch hatte er wohl den stärksten Kredit im ganzen Auslande. Dieser sehr geliebte und für mich unvergeßliche Bruder war nacheinander verheurathet mit beiden Töchtern erster Ehe, unsers eben genannten Schwagers, Johann Heinrich Schwartz, wodurch die zweite Verbindung mit der Schwartzischen Familie entstand, so wie die dritte mit selbiger durch die älteste Tochter unsers ältesten Bruders Arend, welche den ältesten Sohn des ehemaligen Aeltermanns, Johann George Schwartz, würdigsten Andenkens, genannt Adam Heinrich Schwartz, heurathete, den neuerlichen und würdigsten ersten Bürgemeister, des durch Paul den Großgerechten, mit sämmtlichen zugesicherten alten Rechten und Würden, wieder hergestellten alten Magistrats. Mit wahren Grundsätzen des Handels seiner Voreltern, auch mit höchster Lust dazu, und mit jenem speculativischen Kopfe und dem edelsten Herzen setzte dieser unser so würdiger Bruder Carl den großväterlichen sowohl, als väterlichen Großhandel, wozu besonders noch der russische Hanfhandel mit den Smolenskianern kam, in aller Art und in dem größten Umfange mit richtigem Verstande und festem Unternehmungsgeiste auch glücklich fort. Nach wenigen Jahren konnte er auch seinem edlen, wohlthuenden, pflichtgetreuen Herzen, bei jeder vorfallenden Gelegenheit, nicht allein hier, sondern auch allenthalben, wo die leidende Menschheit Unterstützung bedurfte, Genüge leisten. Wenn auch gleich einige Mißfälle während des Laufs seines so wichtigen Handels, mehr von äußeren, allgemeinen Umständen, als von Unvorsichtigkeit und weniger Aufmerksamkeit, oder auch unnützer Verschwendung, veranlaßt, ihn in einem Jahre, von einem sehr ansehnlichen wohlerworbenen Vermögen, bis aufs Geringste herunterbrachten; (welches aber desto mehr seinen Muth erhob und seinen unerschütterlichen Kredit, besonders im Auslande, nicht schwächte;) so endigte er [13] doch als ein sehr wohlhabender Mann, der im Stillen, mit wohlthuender Wärme, sein Lieblingsfach, den Handel sowohl, als alles vorfallende Gute, bis zum Ende seiner edlen Wirksamkeit, fortsetzte. Er hinterließ nach seinem Tode das beste Andenken, nicht blos bei seinen nachgelassenen Lieben, sondern auch bei der ganzen jüngern Handels-Welt seines geliebten Riga’s. Es sey mir also erlaubt, dem verklärten Geiste dieses unsers verehrungswürdigsten Bruders, auch hier unter den Sterblichen, ein Denkmahl durch Nachrichten von seinen so nachahmungswerthen Handlungen, die nur noch bei Wenigen allhier in geringem und dunkelem Andenken stehen, der strengsten Wahrheit gemäß, aufzustellen.

In den letzten Jahren des ersten türkischen Krieges unter der gottseligen großen Kaiserin Catharina II, da der Bruder schon in der größten Betriebsamkeit des Handels sich befand, und dazu große Vorräthe der wichtigsten Waaren, als Hanf, Masten, besonders aber auch Roggen, wohl einige tausend Lasten, zu seiner eigenen Speculation, für damals sehr hohe Preise, von 80 bis 100 Reichsthalern für die Last eingekauft hatte, für welche hohen Preise auch aus Rußland und der Ukraine vieles hierher gelocket wurde, entstand bei unserer so glorreich würkenden Armee Mangel an Getraide. Schon wollte man ein Verboth auf die Getraide-Ausfuhr legen, um dadurch den hohen Preis desselben auf einmal herunterzubringen; aber dadurch würde auch die freie Handlungs-Speculation gänzlich zernichtet, und das damals am Brote so nothleidende Deutschland in noch größere Noth und Hunger versetzt worden seyn. Die weise Kaiserin ließ daher bei der hiesigen Kaufmannschaft, und besonders bei den Roggenhändlern, im Jahr 1772 anfragen: ob man nicht, zum nothwendigen Bedarf ihrer Armee, einige tausend Lasten für billige Mittelpreise überlassen wollte, damit die freie Ausfuhr des Korns nicht gestört werden möchte? Bei dieser Aufforderung zur Unterstützung unserer braven Armee war er, der Bruder, mit der größten Bereitwilligkeit eines treuen, pflichtgerechten Bürgers, der zum Besten des Staats seine eigenen Vortheile für nichts achtete, der erste Unterzeichner mit fast 600 Lasten Roggen, für seinen geringsten Einkaufs- oder Mittelpreis von etwa 60 Reichsthalern die übrigen getreuen [14] Bürger und großen Kornhändler allhier, als den nachmaligen Bürgermeister Friedrich Barber, würdigen Andenkens, wie auch die, die mit Kommissions-Verschiffungen zu thun hatten, als Josua Stegmann etc. zu ähnlichen Unterschriften durch sein Beispiel zu bewegen. So wurde mit einigen tausend Lasten von Getraide die große Kaiserin unterstützt, um die Bedürfnisse Ihrer braven Armee gehörig besorgen zu lassen, ohne daß die Roggen-Ausfuhr weder damals noch während ihrer ganzen so glorreichen Regierung jemals zum Schaden der freien Handlung gehemmet wurde. Bei der ersten erfreulichen Nachricht von der Geburt unsers jetzigen geliebten Kaisers, im Jahr 1777, bezeugte auch unser Bruder Carl, sogleich durch Uebersendung von 10,000 Rubel an die menschenfreundliche Catharinens-Stiftung, das jetzt unter Maria’s Leitung so wohlthätige große Findelhaus in Moskau, seine herzlichste Dankbarkeit und Freude. Zum Sinnbild bei den allgemeinen Freuden-Illuminationen dieser Feierlichkeiten allhier hatte der Bruder vor seinem Hause ein großes Kriegsschiff mit der russischen Admirals-Flagge, das glücklich mit aufgespannten Segeln im Hafen anlanget; russische Matrosen auf dem Vordermast schwingen freudig die Hüte, und sind im Begriff, den Anker, der mit dem Namen Alexander bezeichnet ist, auszuwerfen. Vom Lande fliegen Vögel entgegen, und die Bewohner winken einladungsvoll; das Motto: Al Capo della buona Speranza. Welch’ eine schöne Vorbedeutung auf die zweite wichtige Epoche der russischen vollendeten Schiffahrt unter unserm jetzigen vielgeliebten Kaiser Alexander, in der ersten, so weise angeordneten Weltumsegelung von lauter muthvollen braven Russen, die glücklich hinausgeführt wurde durch den braven Krusenstern, der bei seiner Rückkehr auch würklich um das Cap der guten Hoffnung segelte, und auf der Helena-Insel Englands einkehrte, auch so äußerst glücklich sein ganzes braves Schiffsvolk noch mit unverdorbenen mitgenommenen Provisionen, zur höchsten Freude und Zufriedenheit unsers besten Kaisers, glücklich und wohl in das geliebte Rußland zurückbrachte! Mit gleich dankbarem und wahrhaft gefühlvollem Herzen bezeugten neuerlich zwei noch lebende wackere Bürger Riga’s allhier ihre innigste Dankbarkeit für die zweite gnädige Schenkung unsers vielgeliebten Alexanders bei der wundervollen [15] Abwendung der äußersten Gefahr des Lebens in einer schrecklichen Schlacht von Ihm, dem Vertheidiger der gerechten Sache, wofür Er der Muthvolle, Sein uns so theures Leben, wie man hörte, zum Beispiel Seiner Braven, nicht geachtet; indem sie auf die zweckmäßigste, wohlthätigste Art, Jeder 1000 Reichsthaler Alberts zum Fonds eines Lombards oder einer Leihe-Bank, zur Beschützung der Armuth, und zur Verscheuchung der dieselbe so drückenden niedrigen Wucherei öffentlich niederlegten. Aber leider haben diese Edlen bisher noch keine Nachfolger gefunden und seufzen vielleicht über die traurige Stimmung der neueren leichtsinnigen Welt. –

Die sehr bedeutende, und ihrer Schönheit wegen klein-Leipzig genannte, Stadt Gera im Gothaischen Gebiete, brannte Anno 1780 den 15ten September völlig ab. In den Zeitungen erscholl allerwärts das Klagen und Jammern der Einwohner derselben über dieses harte Schicksal, und von verschiedenen Orten Deutschlands sammleten sich die milden Beiträge zu ihrer Wiederaufbauung. Auch hier erweckte dieses Unglück bei unserm guten Bruder das höchste Mitleiden, und er schickte sogleich an seine Korrespondenten Merck und Neubronner in Berlin einen Wechsel von 4000 Reichsthalern Alberts, mit dem Auftrage, daß sie selbigen Beitrag zur Unterstützung der armen Einwohner in Gera dahin übermachen möchten; jedoch sollten sie mit gänzlicher Verschweigung des Namens dieses ohne Geräusch so wohlthätigen Gebers, höchstens nur als aus dem Norden empfangen, diese milde Gabe anzeigen; so wie auch selbst seine Brüder in der Compagnie-Handlung von dieser stillen eigenen Correspondenz durchaus nichts wußten. Indeß erschien bald darauf in den auswärtigen Zeitungen im Namen der äußerst gerührten Einwohner Gera’s eine sehr empfindungsvolle Danksagungs-Addresse an diesen unbekannten Wohlthäter in unserm, zwar kalten, aber manche ausländische Bedrängte und Nothleidende erwärmenden, Norden. Erst nach seinem Tode fand man in seinem Pulte sein eigenhändiges Schreiben an die Banquiers Merck und Neubronner in Berlin, wegen dieser Angelegenheit. Schon vorher, etwa in den Jahren 1774 und 1775, als eine große Hungersnoth in dem sächsischen Erzgebürge entstand, und viele dasige Einwohner einen allmähligen Hungers- und Jammers-Tod [16] leiden mußten, da wir hier unter der russischen, wohlthätigen Regierung von dergleichen Trübsalen und äußerstem Mangel an dem Nothwendigen nie heimgesuchet wurden, schickte er eine beträchtliche Summe zum Ankauf des nothwendigen Unterhalts dahin, und gab dadurch seinem eigenen und seines kranken Sohnes Herzen, indem er eben dieses Zustandes wegen mit ihm nach Deutschland zu reisen gedachte, den schönsten Lebens- und Himmels-Balsam.

Noch weit schmerzhafter war es für seine gefühlvolle und gutdenkende Seele, was allhier die livländische Bauerschaft, in den Jahren vorher, zwischen 1771 und 1772 erdulden mußte. Das Getraide, und besonders der Roggen, war bis zum höchsten Preise, oder an 100 Reichsthaler und drüber für die Last, gestiegen, welches zwar den Ackerbau aufs höchste beförderte, aber leider auch mit Ueberspannung und Aufreibung der Kräfte der armen Bauern verbunden war, die doch eigentlich die Reichthümer ihrer Herren und des Handels herbeizogen, und am Ende, durch die schlechte Fürsorge und Wirthschaft ihrer Herren, selbst am Brote darben mußten. Diese Landleute, die noch etwas am Gelde bespart, oder noch andere geringe Landesprodukte zu verkaufen hatten, kamen nun häufig nach der Stadt, um ihren eingenommenen[a 4] so mühselig erbauten Roggen wieder zu kaufen, und fielen nun den gierigen Roggen-Hecklern in die Hände, die sich nicht scheuten, ihnen ihre mit Schweiß und Kummer errungenen Produkte aufs theuerste, bis zu 9 und 10 Ort das Loof, zu verkaufen. Dieses war das letzte Signal für unsers guten Bruders gefühlvolles Herz. Er ließ daher im ganzen Lande bekannt machen, daß er nur der Bauernschaft für den geringsten Preis zu Einem Reichsthaler das Loof, da es nach dem Marktspreise über zwei Reichsthaler stand, doch nur zu einigen Löfen für ihre eigenen nothwendigen Bedürfnisse, von seinem ihm jetzt so werthen Vorrath austheilen wollte. Nun kamen unsere Landleute von allen, auch den weitesten Gütern, und von den reichsten Herren, und genossen dieser wohlthätigen Ankündigung, so daß einen ganzen Winter hindurch die Marstallstraße, wo unsere Brüder wohnten, gleichsam belagert ward von diesen bedürftigen Landleuten, die ihre bezahlten Anweisungen auf seinen Vorrathshäusern oder Speichern, wo der Roggen aufgeschüttet war, vorzeigten und [17] von unserm gleich edelgesinnten und guten Bruder Peter, der mit in seiner Handlung war, und der dieses so wohlthuende Geschäft mit dem größten Eifer ausführte, die Waare abholten. So ward von diesem einzigen braven Roggenhändler das ganze Land versorgt und zum Theil erhalten. Doch nicht genug, daß er diesen ersten Erzielern und Beförderern der Wohlhabenheit des Landes und der Städte zu dem möglich geringsten Preise das nothdürftige Brot überließ; er ließ auch den armen Hungrigen, die nichts zu zahlen hatten, und mit bedrängten Herzen ihre große Noth unsern Brüdern anzeigten, umsonst geben, und sagte dabei: dies wird uns mehr Segen bringen als alle Handlungs-Spekulation und alles Glück. So wurde nun ein ganzer Speicher voll und noch drüber, wohl von einigen hundert Lasten Roggen, für diese wohlthätige Bauern-Versorgung, auf Himmels-Zinsen hingegeben. Mit Achtung und höchster Bewunderung dieser unerwarteten Handlung eines braven Bürgers versicherte unser damaliger General-Gouverneur, Graf Browne, dessen Bauern derselben Wohlthat sich erfreuten, öffentlich, daß einstens bei dem Sarge dieses braven Bauern-Erhalters, wenigstens seine Bauern, sein wohlthätiges Andenken feierlich begehen sollten.

Noch ist die erste Veranlassung zu der so merkwürdigen bewaffneten Neutralität, für die gleichmäßige Handels-Freiheit auf allen Meeren der Welt, zu bemerken, welche unter der gerechten und weisen Kaiserin Catharina II. zu Stande kam, die Höchstselbst für die Handels-Schiffahrt ihrer Unterthanen eine auf Gerechtigkeit und Wohlwollen gegründete Ordnung der Handels-Schiffahrt auf Flüssen, Seen und Meeren in zwei Theilen, vom Jahr 1781 und 1782, verfaßte, nach der bis auf den heutigen Tag, zu ihrem höchst wohlthätigen Andenken, verfahren wird. Als nehmlich noch längst vor der würklichen Declaration des so wichtigen Seekriegs, wegen der nordamerikanischen Kolonieen, zwischen England und Frankreich, unser Bruder Carl einige Ladungen mit Hanf und Masten nach französischen Häfen schickte, wurden selbige als feindliche gute Prisen von den Engländern weggenommen und aufgebracht. Diese Willkühr auf dem für alle Nationen freien Meere der Welt gegen neutrale Schiffe, und diese ungerechte [18] Störung aller Handels-Speculationen wurde der hiesigen Regierung und unserm damaligen General-Gouverneur, Graf Browne, dem äußerst rechtlichen Vater und Beschützer der Provinz, angezeigt. Man verlangte hierauf einen genauen Aufsatz über dieses Factum; dieser wurde durch unsern Bruder Johann Christoph Berens, damaligen Ober-Wettherrn unsers Magistrats, im hellsten Lichte der Wahrheit, abgefaßt, und eingereicht; um unserer höchst beleidigten russischen Flagge am höchsten Orte, alle Beschützung und Genugthuung gegen eigenmächtige Anmaßungen zu erflehen. Die so gerechte als mächtige Kaiserin Catharina II. empörte dieses höchst ungerechte Verfahren der Engländer, und sie versprach ihren getreuen Unterthanen allen Schutz und alle Genugthuung, in ihrer freien Handlung auf allen Meeren; und so entstand jene merkwürdige bewaffnete Neutralität, in Verbindung mit vielen andern neutralen See-Mächten, als Schweden, Dänemark, Preußen, Frankreich, Portugal, Spanien, zur Festsetzung und Beschützung der neutralen Rechte, in jedem See-Kriege anderer Mächte. Mit hoher Kraft verlangte Sie, die unvergeßlich Erhabene, von England Respekt und Reparation für ihre hohe Kaiserliche Flagge, und allen gehörigen Ersatz für den verursachten Aufenthalt und Schaden, für ihre handelnden rechtlichen Unterthanen, welcher ihr auch, unerachtet des bittersten Widerstrebens, von Seiten des englischen Ministerii, in vollem Maaße zugestanden werden mußte, und welcher würklichen ersten Erstattung alles Verlustes und Aufenthalts, sich unsere Brüder, nicht sowohl ihres eigenen Vortheils wegen, als des allgemeinen Besten wegen für die neutrale Handels-Schiffahrt höchlich erfreuten. Nach dieser letzten Freude über gewährten Schutz und Freiheit des Handels zog sich der redlich patriotische Bürger, der die Vortheile des allgemeinen Handels seinem besondern Gewinne immer vorzog, den er stets gern dem ersteren opferte, in seinem schwächlichen herannahenden Alter, aus diesem seinem Lieblings-Würkungskreise heraus, und dachte nun an nichts, als an die gute Anwendung seines so redlich erworbenen, nicht geringen Handlungs-Gewinns, für die Seinigen nicht sowohl, als zum Besten eines jeden fleißig-Redlichen, und zur immer weiteren Aufnahme seines geliebten Riga’s. – Nur noch [19] wenige Jahre genoß er nun, aber im wahren Sinne die Wohlthätigkeit und Mäßigkeit, die süßen Früchte seines durch den sehr erweiterten mit Kenntniß und Ordnung betriebenen Handel Riga’s, und durch den ihm stets vorschwebenden großväterlichen hohen Handels-Geist, so wohlerworbenen nicht geringen Vermögens, erst nach 30- bis 40-jährigen mannichfachen Leiden, Aufopferungen und harten Bemühungen. Durch allmäliges Schwinden seiner körperlichen Kräfte, entging uns dieser wahre gute Familien-Geist, seiner ewigen Bestimmung gemäß, im 63sten Jahre seines Alters, und tröstete noch im Sterben seine geliebten Geschwister, die ihn als zweiten Vater verehrten, mit folgenden Worten: „Wer weiß, meine Brüder, ob es nicht zur allgemeinen Verbesserung dienen möchte, wenn ein Haus, wie das unsrige, zu Grunde geht. Man wird dadurch zur Erkenntniß kommen, wie viel an ehrlichen Bürgern gelegen, und sich warnen lassen, es andern so schwer, als uns, zu machen.“ Mögen doch diese, leider! durch traurige Erfüllung bestätigten Worte, von unserer neueren Handels-Welt beherziget, und so das Andenken dieses redlich-patriotischen Bürgers, in eifriger Nachfolge, zum Besten Riga’s und seines so wohlthätigen Handels, wiederum aufs Zweckmäßigste erneuert werden! - Nach seinem Tode wurde seine liebevolle wohlthätige Verfügung in reichlicher Austheilung des Erbtheils seines verstorbenen geliebten Sohnes Arend, gegen 25000 Reichsthaler, an alle seine nachgelassenen Geschwister und ihre Kinder, wie auch an alle hiesige Kirchen, ohne Unterschied, an alle Schulen, Erziehungshäuser und wohlthätige Armenstiftungen bekannt gemacht, und sogleich in Erfüllung gesetzt; und so hinterließ sein verklärter Geist das nachahmungswürdigste Muster für seine Nachkommen, und für Riga’s brave Bürger; welches Gott zum unauslöschlichen wohlthätigen Andenken segnen wolle!

Seine noch unmündigen Kinder überließ er mit aller Zuversicht zur ferneren Erziehung seiner getreuen, frommen Schwester Catharina Berens, die, aus Liebe für ihre Brüder, ihrer Bestimmung als Gattin entsagte, und doch als hochverehrte zweite Mutter ihrer Brüder-Kinder ihre Pflichten in wahrer christlich-tugendhafter Erziehung derselben, getreu und eifrig ausübte; wovon sie auch noch im [20] spätesten Alter von 79 Jahren, die süßesten Früchte der dankbarsten Verehrung von ihren geliebten Kindern und Kindeskindern, bis zu ihrem ruhigen und seligen Ende genoß.

In den schönsten Gefühlen für Wahrheit und alle beglückenden Bürgertugenden, verbunden mit patriotisch-warmer Liebe für seine ihm so werthe Vaterstadt und seine braven Vorfahren, zeigt sich jetzt mein dritter Bruder Johann Christoph Berens, als ehemaliges gelehrtes Mitglied unsers so würdigen alten Magistrats, der bis zu seinem ehrenvollen Abgange, im Jahre 1787, die Würde eines Ober-Wettherrn mit aller Achtung bekleidete.

Menschen- und Völkerkenntniß hatte er im Auslande durch Belehrung und Umgang mit den kenntnißvollsten und herzlichsten Männern jener Zeit, einem Kant, Hamann, Pütter, Achenwal, Zimmermann, etc. auf seine Zartgefühle von hoher Rechtlichkeit, und alle bürgerlichen Tugenden geimpft, und so trat er in den bestimmten Würkungskreis für seine geliebte Vaterstadt mit andern gleichgesinnten Freunden und braven Mitarbeitern, zu frohen Lebensgenüssen, und treu zu erfüllenden Pflichten, muthig ein. Man erkannte bald in ihm den, mit schönen Kenntnissen in Wissenschaften, Künsten und nützlichen Sprachen, wie auch mit ächter Vaterlandsliebe, veredelten geschmackvollen Mann; daher er gleich anfänglich zum Besten seiner lieben Vaterstadt, nach der Residenz St. Petersburg, noch unter der glorreichen Regierung der Kaiserin Elisabeth geschickt, und als Deputirter der Stadt daselbst angestellet wurde. Dort wußte er sich bei Hohen und Geringen Achtung und Liebe bald zu erwerben, und benutzte selbige hauptsächlich zur besten Ausführung der ihm aufgetragenen Geschäfte, so daß er auch allhier, nach seiner ehrenvollen Zurückkunft, großer Liebe und Schätzung von seinen Vorgesetzten sowohl, als auch von seinen übrigen guten Mitbürgern, sich mit aller Zufriedenheit erfreuen konnte. Doch war der Handel im Allgemeinen, und dessen Betreiber, oder die Kaufmannschaft, seine Lieblings-Beschäfftigung und Zerstreuung, so wie er auch in deren frohem Kreise, mit seinem einnehmenden Wesen und gutmüthig-freundlichen Character, sich seine sehr liebenswürdige erste Gattin, aus dem damals berühmten und schätzungswerthen holländischen [21] Handlungshause Abraham van Limburg, in der ältesten Tochter, Catharina, erwarb, und schon mit zwei liebenswürdigen Kindern, zu ferneren Diensten bereit, in seinem geliebten Riga, zur wahren Freude der ganzen Familie, wiederum eintraf. Nun gab man ihm zuerst das Secretariat und die Aufsicht über das so wichtige Stadt-Archiv, wobei er richtige Kenntnisse in allen Stadt-Verhandlungen und Rechten älterer Zeiten, und auch manche nützliche Materialien, zu seinen nachherigen, so bekannten als geschätzten, Schriften, sammlete, und sich zu eigen machte. Nach dieser gewöhnlichen Vorbereitung im Kanzlei-Dienste wurde er bald zum Mitglied des Magistrats-Standes erwählt, und so kam er nun in den eigentlichen wahren Würkungskreis für des Vaterlands und der Stadt Bestes, des so ehrwürdigen damaligen, mit lauter rechtlich-patriotisch-gesinnten Männern besetzten, Magistrats; als, mit dem ältern und jüngern Schwartz, dem ältern und jüngern von Vegesack, Stoever, Poorten, Hollander, Wiedau, Schick, Gottfried Berens, von Ulrichen, Bulmerincq, Hast, Barber, Klatzo, Gothann, Berens von Rautenfeld, Gerngroß, von Wiecken etc., Männer, deren Andenken einem jeden rechtlichen und gutdenkenden Bürger Riga’s immer verehrungswerth bleiben wird. Aber in seinem engeren und vertrauteren Freundschafts- und Gesellschafts-Kreise neigte er sich besonders zu dem an Kopf und Herz so ehrwürdigen Schwartz, Schick, von Wiecken, von Zimmermann, von Budberg, und zu dem nachherigen, aufgeklärten und humandenkenden, so hier als auswärts, berühmten Gelehrten, J. G. Herder. In diesem ausgewählten Kreise, im Umgange mit den lichtvollsten Büchern für den menschlichen Verstand und für das Herz, schärfte er seinen denkenden Kopf in allem, was Kunst und Wissenschaft schön und gut heißt, und genoß geschmackvolle Befriedigungen und Aufmunterungen seines so gutmüthigen Herzens. Nichts war ihm erfreulicher und aufmunternder, als wenn er sahe, wie sich unser, an reichhaltigen Quellen des Alles belebenden Handels-Verkehrs, so freundliches Riga, unter einer glücklichst-wohlthätigen Regierung, allmählig zum höchsten Flor, zu einer der wichtigsten Seehandels-Städte, emporhob, und wie solche durch wahren Wohlstand und Edelmuth innerlich, und auch äußerlich für ganz Europa merkwürdig [22] und schätzbar wurde. Bei der ersten hohen Gegenwart der großen Kaiserin Catharina II. im Jahre 1764, im Juni-Monat, war es auffallend, wie diese unsere so weise als wohlwollende Landes-Mutter, mit gnädigstem Wohlgefallen, ganze sieben Tage, allhier verweilte, und wie Hochdieselbe jede geringste Aufmerksamkeit von Seiten unserer Stadt, mit der herablassendsten Gnade und Güte belohnte. So erfreute Sie das eben fertig gewordene jetzige schöne Rathhaus-Gebäude, und Sie weihte es feierlich ein bei einem frohen Mittagsmahle mit allen Sie umgebenden Großen, bewirthet mit bester, von unsern Wirthinnen zubereiteter Kost, bedient vom ersten Magistrats-Stande beiderlei Geschlechts, und ehrenvoll bewacht im Innern und Aeußeren des Hauses, von allen Ihren getreuen Bürgerständen. Nach aufgehobener Tafel beehrte Sie mit Ihrer hohen Gegenwart und gütigem Beifall, das Konzert in der neuen Börsenhalle, aufgeführt von lauter bürgerlichen Dilettanten beiderlei Geschlechts, und ergötzte sich dabei an dem Jubel Ihres getreuen Volks, das auf öffentlichem Marktplatze, zu reichlicher Spendung an Wein, beim Schall rauschender Volks-Musik versammlet war. Das älteste ehrwürdigste Gebäude der Stadt, das Schwarzenhäupterhaus, beehrte Sie gleichfalls mit Ihrer aufmerksamen hohen Gegenwart, und beschenkte es gnädigst, so wie Ihre hohen Vorfahren, mir Ihrem in Lebensgröße zu Pferde noch vorhandenen Portrait, zum verehrungswürdigsten Andenken. Ein stets Freuden-Feuer war jeden Abend, aber keins derselben war überraschender, als die prachtvolle Illumination, die bei Erwartung Ihrer höchst erfreulich glücklichen Rückkehr aus Mitau, vom gnädigsten Besuch bei dem alten Herzog Ernst Byron, um Mitternacht, von unserer, keine vorfallende Gelegenheit versäumenden Stadt, aufs geschmackvollste angestellet war. Der ganze Weg vom Thorenskallnschen Stadtgebiete bis an die Brücke über unsern Düna-Fluß, wurde in der Geschwindigkeit mit Grünstrauch-Hecken und Alleen besetzt, wo zwischendurch Pyramiden mit feurigen Lampen glänzten, und die Ab- und Auffahrten der Brücken mit hohen Schwibbögen von farbigen Lampen geziert waren. Die große, 900 Schritte lange Brücke, die so einzig in ihrer Art ist, hatte das prachtvollste Geländer von Schiffen aller Nationen [23] mit ihren verschiedenen Flaggen und Wimpeln, und vielerlei anderen Wasser-Fahrzeugen, die bis in die Spitze der Masten mit verschiedenem Laternenfeuer erleuchtet und gezieret waren. Auf der Brücke selbst stand Mann bei Mann mit unsern so genannten bürgerlichen Stock-Laternen, damit die Pferde vor zu starkem hellem Feuer nicht scheu werden möchten, und formirten so eine matterleuchtende Allee bis an das diesseitige Ufer der Düna, und bis an die Stadtthore. Die Wälle an der Düna-Seite mit ihren Bastionen und Pforten waren mit Schwibbögen und verschiedenen Reihen vom hellsten Lampenfeuer ausgerüstet; auf dem Ufer der Düna standen fast alle Einwohner der Stadt beiderlei Geschlechts in festlicher Kleidung und freudigster Erwartung dieser so feierlichen Rückkehr in unsere glücklichen Mauern; in der Stadt selbst waren alle Häuser dieser Gegend bis zu der größten Höhe illuminirt, wobei der Marktplatz mit seinen Umgebungen, und besonders das neue Rathhaus, bis in die Spitze des Thurms aufs geschmackvollste, wie auch alle Thürme der Kirchen, mit allerhand Lampen erleuchtet waren. Am schönsten und imposantesten zeigte sich die St. Petri-Kirche mit ihrem schönen und mit andern berühmten Kirchengebäuden im Auslande rivalisirenden Thurm, dessen drei schöne Umgänge bis in die Spitze erleuchtet waren. Dazu kam noch der Blitz und Donner der Freuden-Kanonen, und das helle Schallen aller Glocken und aufgeweckter Musiktöne, und vollendete eine hohe Nachtfeierlichkeit, dergleichen unser glückliches Riga nie erlebt hatte, und in dieser Art vielleicht nie wieder erleben wird. Noch muß ich hierbei eine vorher überdachte Aufmerksamkeit, von Seiten unserer damaligen sorgsamen Väter und Aeltesten der Stadt, erwähnen. Man hatte nehmlich längst vor der zu erwartenden hohen Ankunft unserer neuen huldreichen Monarchin in Holland die sichere Ordre gestellet, daß die ersten und besten holländischen frischen Häringe, nach der bekannten Liebhaberei, zu Ihrer höchsten Delice, mit der schnellsten Post hierher abgefertigt werden möchten, und ein glücklicher Zufall machte, daß diese beliebten Häringe noch vor dieser feierlichen Nacht hier glücklich ankamen, und mit dem gütigsten Wohlwollen für diese besondere Aufmerksamkeit von Ihr, der Erhabenen, auch sogleich genossen wurden. [24] Nachdem Sie, die allen Wohlwollende, die wichtigste und reichste Quelle unserer, jeden Rechtlichen und Fleißigen mit Wohlthaten aller Art so reichlich beglückenden Handels-Stadt, den lieblichen Düna-Strom, in eigener hoher Person, bis zu seinem Ausflusse in die See, befahren und besichtiget, so wurde noch zur Verbesserung desselben, in seinem sicheren und bequemeren Laufe für die Schiffahrt, gnädigst beschlossen, die besten Verfügungen zu treffen, und auf kaiserliche Kosten selbige auszuführen. Leider erfolgte im April 1771 der furchtbare und verderbliche Eisgang, durch den ganze Städte, als Jacobs- und Friedrichs-Stadt, fast zerstört wurden, und hunderte von Bauer-Gesindern mit Menschen und Vieh in ihren Häusern, unseren Wällen und Mauern vorbei, den Fluthen des weiten Meeres übergeben wurde; glücklicherweise retteten sich, mit Hülfe der noch starken Eisschollen, an 400 Menschen aus der See nach dem Strande hin, aber die unglücklichsten Folgen und der bitterste Verlust, besonders an Holzwaaren, traf unsere Stadt. Auch der kostspielige Düna-Bau ging dabei fast zu Grunde; doch waren die wohlwollendsten Absichten hierbei nicht zu verkennen, sondern vielmehr höchst zu verehren; so wie auch die gütige Mutter Natur und unsere liebe Düna mit ihrem Silberspiegel allen, durch ihr warnendes Schrecken-Bild verursachten, großen Schaden und Verlust gar bald in desto reicheren Gaben vergessen machte, und Riga bis zum höchsten Flor und Wohlstand bald wiederum erhob. Plötzlich verließ diese huldreiche Monarchin unsere ihr so schätzbare Stadt, und versetzte alle Ihre pflichtgetreuen, dankbaren Bürger, in die größte Betrübniß; doch mit der trostvollen Versicherung, Ihres höchsten Wohlwollens und Ihrer Kaiserlichen Gnade für Ihr treu ergebenes Riga.

Ich darf nicht fürchten, daß diese hier wohl passenden Erinnerungen an ehemalige frohe und beglückte Zeiten, von meinen geliebten Mitbürgern für unschicklich oder unangenehm erkannt werden möchten; daher fahre ich fort in der Geschichte meines bei allen solchen Gelegenheiten geistvoll-thätigen Bruders. Im Jahre 1777 den 12ten December kam vom gnädigsten Himmel das so wichtige Geschenk der hohen Geburt unsers jetzigen allgeliebten [25] Kaisers Alexander I. zu den fröhlichsten Aussichten aller Seiner so glücklichen Reußen, nachdem vorher im Jahr 1776, die glücklichste Vereinigung des zweiköpfigen russischen Adlers mit dem einköpfigen preußischen, durch Preußens großen Feldherrn und Prinzen Heinrich eingeleitet worden, wodurch Maria, die Hocherkohrne, mit Paul dem Hochgeliebten, für Rußlands mächtigen Thron und seinen beglückenden Peters-Stamm, zur einzigen und höchsten Hoffnung des Reichs aufs innigst-zärtlichste verbunden ward. Auch hier war man gleichsam trunken über diese sehnlichst gewünschte Nachricht, und man konnte sich nicht enthalten, diese hohe Beglückung durch die größte äußerliche Freude und öffentliche Festivitäten an den Tag zu legen. Mein Bruder war die Seele dieser Freudenbezeigungen und öffentlichen Feierlichkeiten, die über 8 Tage währten. Die mehresten Sinnbilder und Anspielungen, bei den prachtvollen Illuminationen und Freudenfeuern, waren von seiner Erfindung und Angabe; so wie das oben angezeigte Schiff vor dem Hause unsers Bruders Carl. Aber die schönste und passendste Illumination auf dem Balkon des herrlich erleuchteten Rathhauses war die transparente römische Colonna Antonina, mit den sie umschlingenden Basreliefs, die großen und merkwürdigen Thaten der glorreichen Kaiserin Catharina II. vorstellend, wovon eine schöne Abzeichnung, die ich Anno 1778 bei meiner Rückkehr von der sibirischen Station gesehen und beherziget, leider! nicht mehr vorhanden ist! Jedoch ist noch den späten Nachkommen, die getreue Beschreibung aller dieser Feierlichkeiten in dem gedruckten Aufsatze von ihm, genannt: der Tag der Geburt Seiner Kaiserlichen Hoheit des Großfürsten Alexander Pawlowitsch, gefeiert in Riga, in den Rigaschen Anzeigen von 1778 des Januars 2tes und 3tes Stück, sicher aufbewahret worden, wohin ich unsere jüngeren braven Bürger zu ihrer theilnehmenden Freude und ergötzlichen Lectüre hinweisen möchte. Ich kann aber nicht umhin, den Schluß dieser herzlichen Beschreibung hierbei wiederum abdrucken zu lassen: „Lange noch dauern die unter diesen öffentlichen Freuden erregten Empfindungen über den bemerkten allgemein verbreiteten Wohlstand – über Kultur und Sitten – über den Genuß der bürgerlichen Freiheit, [26] unter dem Schutz der Gesetze; diese menschenfreundlichen Empfindungen und deren Veranlassungen, die mehr als Säulen, die glorreiche Regierung Catharinens verherrlichen. Und so mag auch diese gegebene Rechenschaft von den Bemühungen der Kunst und des Geschmacks zur Feier des Tages, von den glücklichen Einflüssen der alles ermunternden Regierung Catharinens bei der Zukunft zeugen.“

Im Jahre 1780 traf der Römer und Deutschen Kaiser Joseph II, um allen Prunk zu vermeiden, unter den Namen eines Grafen von Falkenstein, von seiner Wallfahrt aus unserer neugeordneten Reußen-Welt, den 12ten Juli, zuletzt aus St. Petersburg, in unsern friedlich-glücklichen Mauern ein. Diesem wahrhaft großen Manne wurde von meinem Bruder die bekannte merkwürdige Schrift unter dem Titel: Blatt zur Chronik von Riga, mit angezeigten Urkunden, an den Grafen von Falkenstein, übergeben, worin er im Namen unserer sämmtlichen Bürger-Gemeinde, auf die kürzeste und einfachste Weise, die Verfassung und den glücklichen Zustand, einer an der Spitze des großen Rußlands, an 20,000 Bürger starken Gemeinde mit tief empfundener Ehrerbietung schilderte, und es verfehlte nicht den Zweck des hohen Sehers, denn man erfreute sich des Wohlstands unsers lieben Riga’s. So war die wohlwollendste Antwort von jenem großen Manne, bei Ueberreichung dieses geringen Beweises von Huldigung. Noch in demselben Jahre wurde unsere Stadt mit der hohen Gegenwart und Durchreise des nachbarlichen preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm Königl. Hoheit, nach unserm weltberühmten russischen Rom, oder St. Petersburg, ehrenvoll beglücket, und auch in diesem Jahre erhob sich die höchst merkwürdige bewaffnete Neutralitäts-Schutz-Declaration, auf die erste Veranlassung der beiden obigen Brüder, wobei indeß dieser Johann Christoph Berens die deutlichste und eindruckvollste Darstellung des so eigenmächtigen Facti Englands, vorher am höchsten Orte, wie schon oben in der Geschichte des Bruders Carl angezeigt worden, eingereichet hatte. So können auch die einzelnen Glieder einer großen Verbindungskette durch gemeinnützige und pflichtmäßige Gesinnungen zum Heil und Wohl des Ganzen würken. Hierauf [27] wurde bei der passendsten Gelegenheit der erwünschten glücklichen Zurückkunft beider Kaiserlichen Hoheiten des damals theuersten Großfürsten Paul Petrowitsch, und der theuersten Großfürstin Maria Feodorowna von Ihrer glücklichen Wallfahrt im Auslande, am 12ten November 1782, das Fest der wiedergeschenkten See-Freiheit, größtentheils von ihm angeordnet und aufs feierlichste begangen. Der sehnlichst erwartete Einzug dieser Lieblinge des Himmels in unsere beglückten Mauern, geschahe zuerst durch eine hohe Pforte, zwischen den Armen der fruchtbringenden Düna und jenseits der noch zur sicheren Ueberfahrt erhaltenen großen Floßbrücke. Oben auf dieser hohen Ehrenpforte ruhete ein auf dem Stapel stehendes Schiff; an dem Portal befanden sich glücklich gewählte Sinnbilder, den blühenden Handel, die gesicherte Schiffahrt, die mächtig beschützte Municipal-Verfassung und den Wohlstand der Stadt darstellend; fröhliche Musikchöre erschallten von der hervorspringenden Gallerie des zum frohen Ablaufe fertigen Schiffes. Als Denkmahl des Dankes für die wiedergeschenkte See-Freiheit war ein hoher Pharus vor dem Stadthause aufgerichtet. Diese Seeleuchte Dir! große, unvergeßliche Catharina II. Du! eine Leuchte der Welt und Nachwelt. Auf dem Heerde des Pharus brennt wohlthätiges Feuer, das seinen Schein weit herum verbreitet; an dessen Schaft hält ein Genius eine Pergament-Rolle, auf welche der darüber aufgehende Name C. II. helle Strahlen schießet, und die Aufschrift: Codex Catharineus maritimus, dessen Inhalt: Liberum esto! Frei sollen sie seyn, die Meere Gottes! Auf dem Würfel dieser erleuchteten Säule bringt die Düna auf einem Masten-Floß ein Dankopfer für dieses von allen Völkern der Erde verehrte See-Gesetz Catharinens. Vor diesem erleuchteten Denkmahl der großen Freiheits-Geberin, und der von uns so innigst erkannten Glückseligkeit, geruheten Ihro Kaiserliche Hoheiten, an zwei Abenden und zu dreienmalen sinnend zu verweilen. „Und so entflohe diese himmlische Erscheinung, die der Stadt aufs Neue ihren beständigen Flor zusichert: Sie entfloh unter Nachwünschen, die für die große Kaiserin und deren blühendes Haus nicht unerhört aus dem Herzen treuer Unterthanen zu Gott hinaufsteigen.“ Man sehe den [28] gedruckten Bericht über diese in Kupfer gestochenen Denkmähler der glücklichen Rückkunft etc. Riga-Rathhaus, den 15ten November 1782.

Im Jahre 1783 wurde das Rigaische und Revalsche Gouvernement nach der großen Gesetzgeberin weisen Anordnung für die noch gegenwärtig bestehenden Statthalterschaften unsers russischen Welt-Systems eingerichtet. Sie erklärte unsere Municipal-Verfassung für gut, und bestätigte sie nicht nur, sondern richtete noch eigene obere Gerichtsbehörden ein, als den Gouvernements-Magistrat und das Gewissens-Gericht, zu welchem aus unserem eigenen guten Bürgerkreise bewährte Männer alle 3 Jahre zu wählen waren, ohne daß ihnen ihre Stimmen und Verrichtungen in den bürgerlichen Zusammenkünften und Verbindungen entrissen wurden. Bei dieser Gelegenheit schrieb dieser unser geliebter Bruder an Jene seiner geliebten Mitbürger und Freunde, keine Flammenschrift; sondern mit reiner Empfindung, mit ruhigem Nachdenken, wie im Schatten an einem heißen Tage; (aber auch im Schatten reifen Früchte, wenn gleich langsam,) eine Schrift, genannt: Riga, die bestätigte Municipal-Verfassung, den 7ten October 1783. Patriotismus, oder Tugend und Fleiß, als die wahre Ehre der Städte, forderte er zur Ausführung dieser weisen, wohlwollenden Anordnungen: denn es ist eines freien Mannes würdig, bei den höchsten Anordnungen zu denken und zu empfinden, um mit Kenntniß der Sache für Wohlthaten zu danken. „Aber Weisheit und Macht, diese Mittel der Fürsten, sind noch nicht hinreichend, alles Gute, das sie wünschen, zu bewürken, wenn der Unterthan, diesen Zweck vor Augen, nicht mithilft.“ Wodurch aber kann der Unterthan, eine mildgerechte und gesetzliche Macht wohl besser unterstützen, als durch wahre Treue im Fleiße, Gehorsam und in geduldig frohen Aufopferungen zu Allem, was zum allgemeinen Wohl gereichen soll? Dann allein wird er sich des Schutzes der bürgerlich-gesetzlichen Freiheit, wie auch aller übrigen Wohlthaten seiner mit Recht geliebten Vaterstadt und seines Vaterlandes mit ächter Dankbarkeit erfreuen. Getreu blieb dieser gute Bruder, nachdem er seiner geschwächten Gesundheit wegen in öffentlichen Verrichtungen nicht mehr so nützlich seyn konnte, bei den Privat-Diensten, [29] sowohl Gotte, als wahrer Christ, wie auch, als wahrer Patriot. Rußlands menschenfreundlichem Staats-Systeme, und seiner lieben Municipal-Stadt Riga.

So entsprang nun mit mehrerer Musse und aus den edelsten, nervösesten und bilderreichsten Empfindungen sein schon früherer Beitrag zu unserer herzerhebenden Jubileums-Feier, in jener vortrefflichen Denkschrift: Die Bombe Peters des Großen, statt einer Beschreibung der wieder zu eröffnenden Stadt-Bibliothek von einem vormaligen Mitgliede des alten Magistrats, im Jahr 1737.[2] Welcher im Geist und Herz veredelte Mensch und würdige Mitbürger unserer Gemeinde müßte nicht bei jeder Wiederlesung und Rückerinnerung dieser schönen Gemählde und trefflichen Darstellungen jenes großen Helden und unsterblichen Gründers aller bürgerlichen wahren Glückseligkeit Rußlands gerührt, und zu den edelsten Vorsätzen angefeuert werden! Auf jenem granitfesten Grunde der Wahrheit und Redlichkeit, übersiehet Er, der Schöpfer seines jetzt so glücklich blühenden Reiches, mit ernstem Wohlgefallen der sicher fortgesetzten Bau von seinem Lieblings-Sitz, an seiner Frucht- und Leben-bringenden, reichen Newa, unter Jener gekrönten Minerva im Bilde Catharinens II, und die schon erwachsene Höhe der gesellschaftlichen Glückseligkeit und bürgerlichen Freiheit, durch Gesetze, Ordnung und Einführung guter Sitten. Aber am Fuße jenes wahrheitsvollen Denkmals, mit der Inschrift: Catharina die Zweite, Peter dem Ersten, „liegen Selbstsucht, Leichtsinn, Ueppigkeit, an Ketten; der Neid ist nicht in dieser gefesselten Gruppe; der knirsche weit von den Grenzen des Reichs, bei dem Jubelfeste Catharinens und Ihres menschenfreundlichen, allgeliebten Enkels, Alexander!

[30] Der Schluß der guthmüthigen und Allen wohlthuenden Ausflüsse aus seiner menschenfreundlichen edlen Sele waren seine, ach! nie zu vergessenden Bonhommien, ein reicher Schatz aller beglückenden Bürgertugenden, und der kräftigste Bürger-Katechismus oder Stadt-Moral, für seine jetzt so blühende Vaterstadt, der er damit gleichsam sein Herz vermacht hat, und wobei er die edle Absicht hatte, bei manchen unserer guten Bürger der Gleichgültigkeit entgegen zu würken, womit man sich allen öffentlichen Geschäfften zu entziehen anfing, auf gleichviel welchen Wegen, und immer damit sich entschuldigte: Es hätte doch jetzt Alles aufgehört, die vorigen Zeiten des Patriotismus seyn nicht mehr, und was denn so der Zeitgeist spricht. Hier wollte er zeigen, wie der gutdenkende Bürger mit aller Ergebenheit und Treue, sich an die neue Stadtordnung anschließen, und in seinen treuen Bürger-Pflichten mit Liebe und Dankbarkeit sich jederzeit beglücken könne. So schrieb ein Freund von ihm in den Briefen zur Beförderung der Humanität, J. G. Herder, der die lesenswürdigsten Auszüge mit der herzlichsten Theilnahme an dem Verfasser sowohl, als an seiner Stadt, und an mehreren darin bemerkten würdigen Personen, aus obigen Bonhommien angeführt. Empfindlich ward auch ich, bei jener für ihn so passenden Inschrift alten Gehalts, die Kleist seinem Freunde setzte, gerührt, daß ich mich nicht enthalten kann, selbige, am Schlusse dieser Erinnerungen an ihn, hier wiederum abdrucken zu lassen:

Witz, Einsicht, Wissenschaft, Geschmack, Bescheidenheit,
Und Menschenlieb’ und Redlichkeit,
Des Bürgers Tugenden, des feinsten Mannes Gaben,
Besaß Er, den man hier begraben.
Er lebte seiner Stadt; er starb mit stillem Muth.
Ihr Winde, wehet sanft, wo seine Asche ruht.
Lebe wohl, geliebte, gutmüthige Seele!

Nach völliger Vollendung seines Bürgerschatzes, der Bonhommien, starb er kurz darauf im Jahr 1792 im October, und überließ selbigen seinem einzigen noch lebenden Sohne, Abraham, zur ferneren Ausbreitung derselben und [31] zur steten Benutzung seiner Selbst und aller seiner gutgesinnten geliebten Mitbürger. Auch entzog ihm der Tod das Glück und die Ehre, alle seine patriotischen, auch kraftvollen Gesinnungen, dem Allerhöchst neuernannten Statthalter dieser Provinz, dem höchst rechtlichen und humanen Fürsten Repnin, dem er von seinem hohen Gönner und vertrauten Freunde, von Sacken, dem bekannten Minister und damaligen Oberhofmeister unsers jetzigen so geliebten Kaisers, aufs innigste empfohlen war, sich persönlich darzustellen, um seine patriotischen und rechtlichen Gesinnungen, bei ihm für unser liebes Riga geltend zu machen.

Meine dritte fromme und gute Schwester Johanna Sophia Berens, die mit edler Einfachheit und Standhaftigkeit in ihrem eigenen Ungemache, die wärmste Empfindung für Anderer Leiden, und möglichste Wohlthätigkeit verband, verheirathete sich mit unserm Vetter Gottfried Berens, damals Secretair in unserer Magistrats-Kanzlei, und wurde die wahrhaft-zärtlichste Mutter und glückliche Erzieherin ihrer, sie unvergeßlich verehrenden, noch lebenden geschätzten Kinder. Gleich in seinen ersten Dienstjahren wurde dieser mein geschätzter Schwager erwählt, eine alte Liquidations-Sache unserer Stadt mit Schweden in Stockholm selbst zu berichtigen, welches er auch, zum wahren Vortheil für seine Vaterstadt, und zur größten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten, bewürkte; und so wurde er bald darauf, zu zweienmalen, auch zum würdigen Deputirten unserer Stadt, noch unter der glorreichen Regierung der Kaiserin Elisabeth, erwählt; wobei er sich allen Ruhm, sich für die Gerechtsame unserer Stadt wahrhaft verwendet zu haben, erwarb. Nachdem er aber zum Mitglied unseres Magistrats-Standes erwählt worden war, kehrte er zurück, und verwaltete sein neues, ihm jederzeit sehr schätzbares und ehrenvolles Amt, mit aller Würde eines rechtlichen, ordnungsvollen Mannes, zum Besten seiner geliebten Vaterstadt, bis in sein ehrwürdiges hohes Alter von 82 Jahren, und starb im Jahr 1806 unter der höchst beglückenden Regierung unsers menschenfreundlichen Alexanders des Ersten.

Die beiden folgenden Brüder Albrecht und Gustav hatten zwar nach dem Lieblings-Wunsche unserer zärtlichen Mutter die Handlung ihres Vaters [32] erlernet, dabei aber einen unwiderstehlichen Trieb zu allen Künsten und Handarbeiten des Drechslers, Tischlers, Schlossers, Metallgießers. Die gütige Mutter unterstützte ihn gern, wenn nur keiner ihrer Söhne Neigung zum Militairstande äußerste, den sie nicht liebte, durch diese Liebhabereien meiner Brüder wurde manchen Bedürfnissen in unserm großen Hauswesen und für uns jüngere Geschwister, leichter und bequemer abgeholfen. Diesem zärtlichen und liebevollen Gefühle unserer guten Mutter, wurde auch wenigstens bei ihrer Lebenszeit, nie entgegen gehandelt, sondern sie, die uns allen unvergeßlich zu Verehrende, ging mit der tröstlichsten Ruhe aus dem vollen Kreise ihrer geliebten und dankbaren Kinder hinüber zu ihrem gnädigen Schöpfer, und hinterließ uns ein schönes Beispiel wahrer Liebe für die Ihrigen und warme Gefühle für alles Fromme und Gute.

Indeß konnte der Bruder Albrecht nicht länger als ein Jahr nach dem Tode der Mutter seine unwiderstehliche Neigung zum Soldaten-Stande bemeistern, sondern verließ die ergiebige Laufbahn eines Kaufmanns und betrat die zwar mühsame, doch ehr- und thatenreiche, eines braven Kriegers. Hiezu erwarb er sich vorher die nöthigsten Kenntnisse, indem er zu Jena und Strasburg die Militair-Wissenschaften aufs fleißigste studirte, und sich in ihnen Achtung und Ruhm erwarb. Er begab sich darauf unter das französische Militair, und diente während des siebenjährigen Krieges als Volontair bei einem französischen Regimente. Nach zwei Kampagnen und zwei mitgemachten Bataillen, wobei er verwundet wurde und sich allen Ruhm eines braven Officiers erwarb, verlor er seine Equipage, die ihm von hier aus zwar reichlich wieder ersetzt, dort aber entzogen wurde oder verloren ging, wurde Kapitain, und sollte auch eine Kompagnie erhalten. Aber überdrüßig dieser leeren, nur Aufwand fordernden Aussichten, nahm er nach Endigung des Krieges seinen Abschied, und gedachte nun, seine kriegerischen Talente mit unsern braven Russen, dem eignen Vaterlande zu widmen. In dieser Absicht reiste er aus Frankreich über den damals so berühmten Kriegshafen Dünkirchen; er besahe dort ein französisches Kriegsschiff, fiel unglücklicherweise [33] über Bord, und ertrank ohne alle Rettung, zu dem größten Leidwesen seiner ihn hier sehnlichst erwartenden Geschwister, Verwandten und Freunde.

Der Bruder Gustav aber, an einem fast unheilbaren Zufall leidend, blieb dennoch den Handlungsgeschäften treu, die er in einem braven schwedischen Handlungshause allhier, Dyrsen und Ebel, fortsetzte. Er trat nachher mit Dyrsen junior, der sich mit unserer ältesten Schwestertochter, Johanna Sophia Schwartz, verband, in Kompagnie, und als auch dieser starb, und dessen Witwe sich mit dem würdigen Aeltesten Ludwig Grave verband, machte er in Geschäften für unsern Bruder Carl verschiedene Seereisen. Auf einer derselben litt er in der Nordsee fast gänzlichen Schiffbruch, verlor aber dadurch glücklicherweise seine Krankheit und kehrte so mit besserer Gesundheit wieder zurück. Während meines Studierens in Berlin erschien er daselbst ganz unvermuthet, mit einigen wichtigen holländischen Einpöcklern und Behandlern der so berühmten holländischen Häringe, um sie nach Archangel am weißen Meere zu bringen. Man hatte nehmlich unserer Kaiserin Catharina, die allen sichern Erwerb und alle guten Handlung-Aussichten gern beförderte, berichtet, daß dort ein großer Zug Häringe jährlich erscheine und reichlichen Fang verleihe. Zum Einpöckeln derselben nach holländischer Weise, fehlte es aber an geschickten Leuten, die damit umzugehen wußten, und die Dasigen hierin unterrichten konnten. Es wurde daher unserm damaligen General-Gouverneur; Grafen Browne, bekannt zu machen aufgetragen, daß man eine Prämie von 1000 Ducaten, auf die Herbeischaffung solcher holländischen Einpöckler setzte, welche demjenigen sogleich hier ausgezahlt werden sollte, der diesen Auftrag übernehmen würde. Der Bruder Gustav meldete sich hiezu, und führte es auch glücklich aus, indem er selbst geschickte Einpöckler aus Holland nach Archangel brachte, und so die Prämie von 1000 Ducaten hier sogleich ausgezahlt erhielt. Nach dieser glücklichen Unternehmung verband er sich wiederum, durch Unterstützung unsers väterlichen Bruders Carl, mit einem gewissen Herrn Immermann, und etablirte das in Libau sehr bekannte und geschätzte Handlungshaus, unter der Firma Berens und Immermann. Er blieb zwar unverheurathet, war aber desto sorgsamer für das häusliche Wohl seines eben verheuratheten [34] Kompagnons, und trug durch seinen gutmüthigen, freigebigen und geselligen Charakter sehr viel bei, zum Flor des dasigen Handels sowohl, als auch zum edlen, frohen Lebensgenuß der wohlhabenden Stadt- und Land-Bewohner. Bei meiner gänzlichen Rückkehr von der Station in Sibirien und meiner glücklichen ehelichen Verbindung mit der mich längst erwartenden und mir verlobten Braut, Maria von Krüger, hatte ich im Jahr 1780 die Freude, alle meine noch lebenden zerstreuten Geschwister, mit der herzlichsten Theilnahme an meinem Wohle, beisammen zu sehen; aber leider! erlitten wir auch die schmerzlichste Betrübniß, diesen guten Bruder, durch seinen bald darauf erfolgten Tod, hier zu verlieren.

Die jüngste Schwester, Anna Berens, die unerachtet ihrer Kränklichkeit sich dennoch nicht der liebevollen Erziehung der zweiten Tochter ihres Bruders Johann Christoph, bei dem sie lebte, entzog, und der liebevollsten Achtung und Pflege ihres jetzt schon schwächlichen Bruders, und ihrer verehrungswürdigen noch lebenden Schwägerin, gebornen Maria Wewell, sich erfreute, erlebte indeß nicht, so wie ihre ältere Schwester Catharina, die süßen Früchte ihrer herzlichen Bemühungen. Nehmlich durch die glückliche Verheurathung ihres Zöglings, der Brudertochter Eva Maria, mit einem hiesigen englischen wohlhabenden Negotianten, John Mitchel, wurde diese bis in das späteste Alter beglücket; jene aber starb plötzlich, bald nach der Verheurathung ihres würdigen Zöglings, mit dem braven ausländischen Negotianten, Nicolaus Kriegsmann, gegenwärtigem Königlich dänischen Konsul.

Der Folge nach komme ich auf meinen Bruder Franz Berens, der sich mehr der ausländischen Kommissions-Handlung gewidmet. Er war zuletzt allhier in dem damals berühmten englischen Handlungshause Greathed & Kompagnie, und nachdem dieses Haus sich veränderte, fühlte er die stärkste Neigung nach Rußland, und besonders nach Moskau zu gehen, wo schon der Bruder Adam, nachdem er den Militairstand verlassen hatte, aufs beste etablirt war. Auf Rekommendation und Unterstützung unserer hiesigen Brüder, und nachdem er das Russische wohl erlernt hatte, verband er sich mit einem russischen Großhändler Strugofschikoff. [35] Er erlebte das höchst unglückliche 1770ste Jahr der schrecklichen Pest und des Aufruhrs in Moskau, bewahrte aber doch das Vermögen seines Kompagnons, da während der Pest und der Unruhen aller Handlungs-Verkehr nicht allein dort gänzlich stille lag, sondern auch den größten Gefahren ausgesetzt war; indem er selbst als russisch gestalteter Kaufmann mitten unter den Aufrührern sich öfters befand, und seinen Brüdern hier und dort beständig über den gefahrvollen Zustand in Moskau getreue Nachrichten gab. Mit dem ersten Anfange der so wohlthätigen Kälte hörte indeß das fürchterliche Sterben der Einwohner in um Moskau[a 5] auf, so daß am Ende des 1770sten Jahres fast keiner mehr von dieser scharfen Sichel des Todes getroffen ward. Indeß hatte ich nicht das Glück, diesen gleichfalls rechtlichen und äußerst thätigen Bruder, nach meinem Studiren im Auslande, zu umarmen, indem er kurz vor meiner Ankunft, im März 1772, zu Moskau, an einem hitzigen Fieber gestorben war. Auf diesen Bruder folgten noch zwei andere, Peter und Georg Berens. Ungeachtet seiner schwächlichen Gesundheit und seiner Gebrechlichkeit war jener dennoch, mit dem noch lebenden, der treue Gehülfe unsers väterlichen Bruders Carl, in seiner so ausgebreiteten, wichtigen Handlung, und so hatten auch Beide an seinem hinterlassenen Vermögen den gerechtesten Antheil. Jenen, der sich bis in ein spätes Alter, mit seinem allmälig schwindenden Körper und schwachen Geiste, zu Zeiten noch des erheiternden Frohsinns eines gutmüthigen, edlen Herzens erfreute, mögte ich hier zur Erinnerung seinen hiesigen Verwandten und Freunden zurückrufen; diesen noch lebenden, der an Schwachheit eines hohen Alters und seit 3 Jahren an schmerzlichen Zufällen leidet, christliche Geduld und Tröstung vom gnädigen Himmel erflehen.

Der vorletzte Bruder, mit dem ich von Jugend auf und bis an seinen Tod in steter vertrauter Verbindung stand, hieß Adam Heinrich. Nach dem Tode unserer guten Mutter, da der Nachlaß getheilt und für die jüngsten Unmündigen gesorgt werden mußte, kam er zu unserm Schwager Gottfried Berens. In den Klassen des damaligen Lyceums waren wir einige Jahre sehr brüderlich beisammen, aber nur bis zur zweiten Klasse konnte er dem Trieb zum Militair widerstehen, und so übergab er sich im 15ten Jahre seines Alters dem Soldatenstande, [36] im Jahr 1758, noch während des preußischen Krieges unter der Kaiserin Elisabeth. Er ging sogleich zu unserer Armee in Preußen ab, und diente den ganzen Krieg über als braver Soldat und Unterofficier. Bei der letzten schweren Belagerung der Festung Colberg, in Preußisch-Pommern, die bis in den December 1761 dauerte, und an unsern würdigen General, Grafen Rumanzow, sich ergeben mußte, traf es sich, daß dieser mein Bruder als Ordonnanz zu dem Grafen kam. Dieser erkundigte sich nach seiner Familie, und als er hörte, daß er ein Berens und Bruder der ihm wohlbekannten Arend und Carl Berens war, und seine schweren Dienstjahre als Unteroffizier im Kriege treu und brav ausgehalten hatte, gratulirte er ihm auf der Stelle zur ersten Stufe des Oberoffizier-Standes. Nach dem ersehnten Frieden mit Preußen zogen sich unsere braven Truppen allmälig wiederum zurück bis ins Innere Rußlands, und so kam auch dieser Bruder als bewährter junger Mann, unter der Brigade des wackeren General-Majors von Springer, der ihn bald darauf zu seinem General-Adjutanten machte, etwa im Jahr 1763, in unsere offenen Arme. Dieser würdige General von Springer kam nach St. Petersburg zur höchstwohlwollenden Kaiserin Catharina, die auf alle Art den allgemeinen Frieden zum inneren und äußeren Wohl ihres großen, reichen Rußlands zu benutzen suchte, und wurde von ihr, als ein talentvoller, äußerst rechtlicher Mann, zum General-Kommandeur der sibirischen Grenz-Festungs-Linie ernannt. Diese Linie sollte zur Deckung der so wichtig gewordenen Koliwan-Woskrecenskischen Gold- und Silber-Bergwerke, gegen die dasigen nomadischen Kirgisen und Kalmücken, dienen. Es wurde daher ein ganz neuer und sehr vergrößerter Etat für das sibirische Korps an dieser Festungs-Linie entworfen, und dieser würdige, thätige Mann zum General en Chef desselben, mit Allerhöchstem Zutrauen und ausgebreitetster Vollmacht, alles Gute ungestört zu bewürken, als nunmehriger General-Lieutenant und Ritter, auserkohren. Mein Bruder, der sich schon in seiner Liebe festgesetzt hatte, wurde zu seinem General-Adjutanten beibehalten, und so stieg er fast in einem Jahre bis zum Capitains-Range. In diesem Stande folgte er, etwa in den Jahren von 1764 und 1765, seinem ihm so wohlwollenden General, mit vielen andern zum erweiterten Etat gehörigen, sehr würdigen Personen, [37] als dem Obristen de Comeings, Commendanten der dasigen Hauptfestung Omsk, nach Sibirien an der südlichsten Grenz-Linie des großen Irtisch-Flusses. Nun wurden in kurzer Zeit, mit dem größten Eifer die alten, mehrentheils hölzernen, Festungen und Redouten in die formidabelsten Befestigungen mit gehörigen Erdwällen verwandelt, mit stärkeren Garnisonen und Militair aller Art versehen; auch wurde der Anfang gemacht mit Anlegung vieler Colonien-Dörfer von verschickten Verbrechern und andern freiwilligen abgedankten Soldaten bei den Festungen, um die nothwendigen Bedürfnisse für selbige zu befriedigen. Noch in dem ersten Jahre seines dortigen Aufenthalts machte dieser neue Commandeur der sibirischen Festungs-Linie eine Besichtigungs-Reise an derselben; hierüber sind meine Bemerkungen über die letzte Haupt-Grenzfestung der sibirischen Linie, Buchturma, gegen die chinesisch-siungorische Wüste, im nordischen Archiv von 1804. Monat Januar, nachzulesen, worin ich über diese so wichtigen Anstalten für jene Gegenden und ihre Bedürfnisse, bis zu ihrer gegenwärtigen glücklichen Vollendung, den genauesten Bericht abgestattet. Auf dieser Revidirungs-Reise begleitete mein Bruder, als General-Adjutant, seinen General, unterstützte ihn mit allem Eifer, sammelte auch für sich selbst genaue Kenntnisse über die herrlichen Anlagen und die reichen Quellen Sibiriens. Im folgenden Jahre reiste der General von Springer wieder nach St. Petersburg, um der Kaiserin mündlichen Bericht von dem Zustande dieser Grenz-Linie und der ganzen Gegend getreu abzustatten, und zugleich über die zweckmäßigste Ausführung ihrer großen Plane, ihre weisen Vorschriften zu empfangen, und der würksamen Beihülfe des damaligen thätigen Kriegs-Präsidenten, Grafen Czernischeff, sich zu versichern. In dieser Zeit wurde dem General von Springer aus Sibirien gemeldet, daß die Kirgisen, ein starkes nomadisches Hirten-Volk, dessen Sultane und Aeltesten der russischen Regierung unterthänig und verpflichtet sind, die bucharischen Handels-Karavanen, die nur durch ihre Steppe an unsere sibirische und orenburgsche Festungs-Linie kommen können, sicher zu geleiten und gegen Räubereien zu schützen, wiederum sich empört, und eine Karavane bucharischer Handels-Leute ausgeplündert hätten. Diesen Räubereien, und allen bisherigen Unordnungen, von nun an zuvor [38] zu kommen, befahl die Kaiserin die exemplarische Bestrafung dieses ungetreuen und übermüthigen Volkes. Man trug sogleich dem Grafen Czernischeff und dem General von Springer auf, einen tüchtigen Ober-Offizier mit einem hinreichenden Militair-Commando von unserer Linie aus in die Steppe zu schicken, um diesen Frevel aufs stärkste zu strafen und für die Zukunft unmöglich zu machen. Zu diesem wichtigen Geschäfte schlug der General von Springer seinen General-Adjutanten Berens vor, und es wurde ihm sogleich aufgetragen, in aller Geschwindigkeit dahin zu reisen, dort an der Linie ein sicheres und hinreichendes Militair-Commando von 500 Mann zu Pferde mit einer Kanone sich auszusuchen, und obwohl es schon im December war, doch sogleich seinen Marsch in die Steppe anzutreten, und den ungetreuen Ablay Sultan, oder dessen Söhne, die eigentlich diesen Unfug begangen, in die Enge zu treiben, zu bestrafen, und zu wiederholter Huldigung unter Rußland zu bringen. Dieser Auftrag wurde nun auch auf das pünktlichste von ihm vollführt: in 14 Tagen machte er die Reise von St. Petersburg nach der Festung Omsk, an 4000 Werste; dort wählte er ein sicheres Commando mit den besten ihm ergebenen Offizieren und übrigen Untergeordneten, und trat sogleich, mitten im stärksten Winter, seinen beschwerlichen Marsch in die Steppe an. Erst nach einigen Wochen war er so glücklich, den Ablay Sultan in seinem Hoflager zu occupiren, und zwang ihn zum Ersatz für die Plünderung der bucharischen Handels-Karavanen, wie auch zum neuen Eide der Treue und Unterthänigkeit gegen Rußland, und besonders der nie zu störenden Handels-Gemeinschaft der kleinen Bucharei mit unserer Grenz-Linie. Mit Freundschafts-Versicherungen und gegenseitigen Unterstützungen schied man jetzt auseinander, so daß dieser Ablay Sultan für seine nachherige Treue noch von der Kaiserin Catharina II. zum Chan oder König der mittleren Horde dieses Kirgisen-Volks ernannt, und mit großen Geschenken beehrt wurde. Der Bruder aber brachte sein Commando mit Ruhm und ohne allen Verlust wiederum glücklich nach der Linie zurück, reiste wieder aufs geschwindeste nach St. Petersburg, und stattete zur größten Freude seines Generals den gehörigen Bericht davon ab. Er mußte hierauf der Monarchin selbst mündlichen Bericht abstatten; welches sie nicht allein mit Allerhöchstem [39] Wohlgefallen aufnahm, sondern ihn auch darauf mit dem Majors-Avancement außer der Tour begnadigte. In dieser Zeit verband sich dieser Bruder mit dem Fräulein Catharina Rauschert, der einzigen Tochter der verwitweten Etats-Räthin von Rauschert, die in ihrem Witwenstande viele Jahre bei ihrer alten Freundin van Limburg in St. Petersburg zugebracht hatte, und stets in der guten Hoffnung lebte, durch einen braven Schwiegersohn ihr väterliches Vermögen wieder zu erhalten. Dieses bestand in den ersten Pulverwerken bei Moskau, die noch unter dem großen Kaiser Peter I. von einem gewissen Rittger aus Dänemark an dem Flüßchen Klesma zuerst angelegt und zur Vollkommenheit gebracht waren, wozu der Kaiser Land und Bauern erblich geschenkt hatte; es war aber während ihrer Unmündigkeit in unrechte Hände gerathen. Die Beweise und Documente hierüber waren fast die einzige Mitgabe ihrer Tochter, und schon wollte der Bruder mit seiner lieben Gattin wiederum nach seiner Station in Sibirien abgehen, wo ihm von seinem väterlich gütigen General die erste und beste vacante Commendantenstelle versprochen war, da er bei jener schweren Expedition in die Steppe und seinen vielfachen, weiten Reisen seine Gesundheit zugesetzt hatte, als ihm noch sein nunmehriger Schwager Erasmus, damaliger berühmter Arzt und Professor der Medizin bei der Moskauschen Universität, der die älteste Stieftochter seiner jetzigen Schwiegermutter zur Frau hatte, von der Rechtmäßigkeit und Wichtigkeit der Documente und Forderungen ihrer Schwiegermutter die völligste Ueberzeugung beibrachte. Mit dieser Ueberzeugung kam er, ehe der Prozeß deswegen unternommen wurde, hieher, um mit seinen ältern Brüdern es reiflich zu überlegen, und ihre Unterstützung hiezu, wo möglich, zu erbitten. Sogleich war der väterliche Bruder Carl hiezu bereit, und bewilligte an 4000 Reichsthaler Alberts, um weiter zu reisen und die rechtmäßige Forderung seiner Schwiegermutter bei den gehörigen Behörden in St. Petersburg geltend zu machen. Nach wenigen Monaten erhielt er auch aus dem Senat auf diese rechtmäßigen Forderungen, mit gehörigen Documenten, den rechtlichen Urtheilsspruch: der damalige unrechtmäßige Besitzer der Pulverwerke Abuchowa, ein gewisser Apotheker Meyer zu Moskau, der durch seine beiden Frauen, die Verwandte von [40] Seiten der Frau des ersten Rittgers waren, hiezu gelanget war, sollte den wahren, eigentlichen Erben, oder den leiblichen Kindern Rittgers, als des ersten Stifters dieser Pulverwerke, zu denen die verwitwete Etatsräthin von Rauschert, geborne Rittger, gehörte, die Werke mit allem Zubehör und mit den seit 20 Jahren unrechtmäßig genossenen Revenüen, sogleich wiederum abtreten. Nach diesem gerechten Senats-Ausspruch wurden auch diese Pulverwerke im Namen der verwitweten Etatsräthin von Rauschert, von ihrem nunmehrigen Schwiegersohn, dem Major Berens, sogleich in Empfang genommen. Der Bruder, in eine ruhig-glückliche Lage versetzt, reiste nun wieder nach Sibirien, um dort seinen gänzlichen Abschied von dem dasigen Corps zu bewürken. Schon hatte er denselben mit allem Ruhm erhalten, und zur Rückreise sich fertig gemacht, als die höchst unerwartete Nachricht dahin kam: daß seiner verehrten Schwiegermutter, ihr so rechtmäßig zugesprochenes Erbtheil wiederum abgenommen, und sie nunmehr in einen weit traurigeren Zustand, als vorher, versetzt worden. Der Bruder, nunmehr verabschiedet aus jenen sauern Kriegsdiensten, ohne allen Lohn, nach verlornen Aussichten für die Zukunft, eilte jetzt mit den angelegentlichsten Empfehlungen von seinem so würdigen General von Springer an viele hohen Männer in St. Petersburg, wieder nach Moskau, fand seine Familie in der traurigsten Lage, und mußte nun wieder in einen herben Prozeß, wegen seines so rechtmäßigen Eigenthums, sich einlassen. Nun benützte er erst jene väterliche Unterstützung unsers Bruders Carl, und hatte mehr als ein Jahr mit seinem Gegner, der während seiner Abwesenheit, den rechtlichen Urtheils-Spruch des hohen Senats zu verändern gewußt, zu kämpfen. Aber endlich trat das Recht auf seine Seite; indem die Großgerechte Kaiserin Catharina II. durch einen namentlichen Cabinets-Befehl alle falschen Insinuationen gänzlich niederschlug, den ersten gerechten Spruch ihres Senats bestätigte, und auf ewige Zeiten den ungestörten erblichen Besitz der Pulverwerke den rechtmäßigen Rittgerschen Erben aufs kräftigste zusicherte. Nach diesem glücklich überstandenen Kampfe nahm er jetzt mit seiner Familie ungestörten Besitz von diesem so wichtigen Abuchowa, das nur 38 Werste von Moscau, an der großen Wolodimirschen Landstraße liegt, [41] in dem festen Vorsatze, diesen schönen und ergiebigen Landsitz, durch möglichste Verbesserungen, in größere Aufnahme zu bringen. Er mußte von neuem jährlich der hohen Krone, nach gehörigen Contracten, festgesetzte Quantitäten von Schießpulver liefern; und die wichtigsten Verbesserungen, in Ansehung der Güte des abzuliefernden Pulvers, waren dabei sein vornehmster Betrieb. Auch verfertigte er zuerst das feinste polirte Jagd- oder so genannte Danziger Pulver für den Hof, alle Großen, und andere Liebhaber der Jagd. Dies Hauptgeschäft konnte aber nur im Frühjahr und die Sommer-Monate verrichtet werden, und dann gab es für die übrige Zeit des Jahres keine nützliche Beschäftigung für die zahlreichen Arbeiter. Dieses bewog daher den letzten Besitzer dieser Pulverwerke noch eine wohlgewählte holländische Papiermühle anzulegen, und bei Uebergabe des Gutes war eben diese Papier-Mühle fertig geworden, und die geringen Fabricate des ersten Jahres waren noch unverkauft. Diese Papier-Mühle gehörte eigentlich auch zu den Appertinentien der Haupt-Pulverwerke; aber der Bruder, in Betracht seiner nahen Verwandtschaft mit dem bisherigen Besitzer, erließ ihm nicht allein den ganzen Betrag der seither unrechtmäßig genossenen Revenüen der Pulverwerke, sondern zahlte ihm für diese noch nicht völlig in Stand gesetzte Papier-Fabrik, mit allen im ersten Jahre fabrizirten Papier-Sorten, noch eine ansehnliche Summe aus, und übernahm es nun selbst, nach Abschaffung des deutschen Papier-Meisters, mit dem größten Eifer und Fleiß obige Papier-Fabrik in den besten Zustand zu versetzen. Durch eigenes Beispiel und Nachdenken, durch Erweckung des wahren Ehrgeizes, und Belohnung für Fleiß und Aufmerksamkeit, brachte er es mit seinen ihm so ergebenen, eigenen treuen Leuten fast in einem Jahre dahin, daß er nicht nur die feinsten Schreibpapiere, gleich andern schon längst renommirten alten Papier-Fabriken, verfertigte, sondern auch bald darauf das erste so genannte holländische pro Patria- und Post-Papier. In diesem glücklichen Zustande geehrt und geschätzt, von vielen großen Familien in Moskau, den Rumanzofs, Gallitzins, Prosorofskys, Dimidofs geachtet; mit großem Credit bei den ersten russischen und ausländischen Kaufleuten, äußerst geliebt von seinen Untergebenen, fand ich meinen Bruder im März des Jahres 1772. Glücklich [42] hatte er höchst traurige Zeiten überstanden; die Pest hatte in der Gegend gewüthet; er übernahm über 50 Dörfer und einige Flecken das strengste Quarantaine-Commando, und hatte das Glück, daß durch seine äußerste Vorsicht und seine guten Anstalten auf diesen eigenen Werken nicht ein Mensch weggerafft wurde. Aber leider war durch Kriegs-Strapazen, öftere weite und geschwinde Reisen, wie auch durch seine jetzigen zu harten Anstrengungen, zum Besten seiner Fabriken, seine Brust sehr geschwächt, und verursachte ihm schon einen Blutauswurf, in welchem ich ihn antraf. Fast ein ganzes Jahr blieb ich bei ihm auf diesem äußerst schönen Landsitz, unterstützte ihn zuerst als junger Arzt, und dann auch in allen seinen übrigen Geschäften und Anlagen zum Besten seiner Fabriken; erlernte dabei die russische Sprache, und machte mich besonders bei allen Einwohnern dieses schon ansehnlichen Fleckens, durch medizinischen Rath und Hülfe sehr beliebt, ja berühmt, durch wichtige, glückliche Kuren. Von weitem wurden Kranke und Nothleidende herbeigeführt, und mehrentheils mit möglichster Befriedigung wieder entlassen. Meiner Schwägerin, die ihre vier ersten Kinder, mehrentheils Knaben, äußerst schmerzhaft verloren, rieth ich die natürliche Selbststillung an, welche sie bei den ersten Kindern versäumt hatte; und nachdem sie das erstemal, noch bei meinem Dortseyn, die größten Beschwerden und Schmerzen mit aller Standhaftigkeit überwunden, wurde sie mit den höchsten Mutterfreuden, für diese treue Beobachtung ihrer durch die Natur geheiligten Pflichten, gesegnet, in ihren nachherigen und noch lebenden, wohlgerathenen Kindern. Möchte doch eine jede wahre Mutter diese höchste Beglückung durch ächte Liebe suchen, und es sicherer finden, als durch Ungeduld und Leichtsinn der unausbleiblich strafenden Natur in die Hände zu fallen! Wohl hätten meine Verwandten es gern gesehen, daß ich in Moskau als practischer Arzt mich angesiedelt hätte, und so bei ihnen geblieben wäre, wozu sie mir auch alle Empfehlungen in den wichtigsten und größten Häusern daselbst anboten. Aber die angenehme Schilderung, die der Bruder von seinem glücklichen Aufenthalt in dem so schönen, und an Natur-Producten seltener Art so reichen, südlichen Sibirien mir machte, meine große Neigung und Liebe für Naturkenntnisse und die vacante Stelle eines Arztes beim sibirschen Corps, die damals [43] schwer zu besetzen war, weil unsre kriegerische Armee so viele Aerzte nöthig hatte, brachte mich zu dem Entschluß, diese Station in Sibirien anzunehmen, und auf einige Jahre mich von diesem geliebten Bruder wiederum zu trennen. Während meines Aufenthalts in Sibirien, der durch stete, liebevolle Correspondenz nach Moskau noch mehr versüßet wurde, setzte der Bruder seine rastlosen Bemühungen zur Verbesserung seiner Fabriken dermaßen fort, daß er sich in Moskau den höchsten Credit für seine mit Fleiß und Redlichkeit producirten Waaren bei allen dasigen wichtigen Kaufleuten erwarb. Nach 6 Jahren, als ich zuerst auf Urlaub aus Sibirien kam, traf ich ihn gesegnet mit vielen lieben und gesunden Kindern; geehrt und geschätzt von Großen und Geringen, als den ersten livländischen Hausvater in Moskau, an. Ich setzte meine Reise weiter fort, und war so glücklich, meine anderen guten Brüder und Schwestern im besten Wohlseyn allhier, im Jahr 1778, anzutreffen, und von ihren liebevollen Armen umschlossen zu werden. Hier verlobte ich mich mit der Tochter der äußerst verehrungswürdigen verwitweten Kammerräthin von Krüger, die bald darauf bedauert und selig starb, wie sie geliebt und fromm gelebt hatte, und reiste wieder über Moskau zurück nach Sibirien, um von dort aus, nach den Gesetzen, meinen völligen Abschied aus diesen Militair-Diensten zu nehmen. Ich kam glücklich wieder in der Haupt-Festung der sibirischen Linie, Omsk, an. Erst nach 15 Monaten erhielt ich meinen völligen Abschied, und verließ zuletzt diese für mich so wichtige Station mit größter Zufriedenheit; indem ich mich so manchen nützlichen Kenntnissen dieses herrlichen Landes bereichert hatte, die mich noch mit den angenehmsten Rückerinnerungen bis in mein spätes Alter erfreuen. Ueber Moskau, in Begleitung dieses moskowitischen Bruders, trat ich nun wieder die Reise nach Riga an, um die völlige Verbindung mit meinem noch lebenden lieben Weibe zu feiern. Dies geschah im März des Jahres 1780, im Beiseyn meiner sämmtlichen gegenwärtigen Geschwister. Der Bruder reiste wieder nach Moskau in den Schooß seiner lieben Familie und in den Kreis seiner ausgebreiteten Geschäfte. Noch in demselben Jahre ging ich mit meiner jungen Frau ihm nach, um vereint, in häuslich-brüderlicher Unterstützung, mit ihm dort zu leben. In dieser guten [44] Absicht unternahmen wir, mit zwei andern dortigen Freunden, ein für uns ganz neues Geschäft, die Anlage einer Zuckerraffinerie, in Moskau selbst. Doch ehe wir zur glücklichen Ausführung derselben schritten, trugen wir erst diesen Plan unserm väterlichen Bruder Carl vor, mit der Anfrage, ob wir durch ihn den besten rohen Zucker dazu, directe aus Bourdeaux und über Petersburg, erhalten könnten. Seinem Speculations-Geiste war dieser Vorschlag annehmlich, und so schickte er von Riga aus einige Ladungen, mit den gesuchten hiesigen rohen Producten, Hanf und Holzwaaren, zum Bourdeauxschen Markte, um dafür die besten Domingo- und anderen guten Puderzucker einzutauschen und nach Petersburg zu verladen. Indeß kauften wir im Preobraschenskischen Stadttheil von Moskau einen schönen geräumigen Platz am hohen Ufer des Moskau-Stroms; erbauten daselbst eine auf drei Pfannen gehörig eingerichtete Zuckerraffinerie mit allen nothwendigen Nebengebäuden, doch nur von Holz, um die Anstalt schneller in Gang zu bringen und unsere Einlage aufs baldigste wieder zu gewinnen; verschrieben aus Lübeck alle kupfernen Gefäße und ersten thönernen Formen mit einem deutschen Pfannen-Knecht; engagirten einen braven hamburger Zuckermeister, Namens Blanck, der über 20 Jahre bei dem reichen Wolodimiroff in Petersburg sein Amt redlich und geschickt verwaltet, und hatten so die Freude, noch in demselben Jahre, die ersten Raffinaden, bis zum höchsten so genannten hamburger Candisbrod, dem moskowischen Publico in der Nähe anzubieten. Man erkannte auch bald die Reinheit und Schönheit dieses neuen Berensschen Zuckers, und die Zuckerhändler in Moskau gaben ihm den Vorzug selbst vor dem alten Wolodimiroffschen, durch freiwillige Erhöhung des allgemeinen Preises, um ihn nur für die hohen Herrschaften daselbst zu erhalten. So wurde der Vorrath unseres rohen Zuckers sehr bald umkocht, und im zweiten Jahre dieser Anlage schon mit gutem Gewinn umgesetzt. An drei bis vier Jahre setzten wir diese Unternehmung mit reichem Erfolg und dem besten Credit fort. Nun aber wollte unser guter Bruder Carl, Alters und Kränklichkeit wegen, sich allmälig von seinem ausgebreiteten Handel zurückziehen, um seine letzten Tage in selbständiger Ruhe zuzubringen; daher die fernere Verschreibung des rohen Zuckers aus Frankreich nicht [45] mehr betrieben werden konnte, welche auch im Ganzen für seine Speculation mehr nachtheilig als vortheilhaft war. Wir beschlossen daher, unsere Zuckerraffinerie allmählig eingehen zu lassen, und ich überließ das Ende einer nicht mißgeglückten Unternehmung dem betriebsamen Bruder in Moskau. Bald darauf mußte ich mich wieder von ihm trennen, und kam mit meiner Familie wieder zurück nach meiner lieben Vaterstadt Riga. Indeß hatten Strapazen in früherer Zeit, und überhäufte Geschäfte der späteren; die Gesundheit meines Bruders zerrüttet, und er litt besonders an öfteren hartnäckigen Gichtzufällen, die am Ende des Jahres 1786 ihn sehr hart angriffen. Er meldete mir solches, und äußerte dabei den sehnlichsten Wunsch, mich wieder zu sehen; weil er sich schon schwach fühlte, und auf meine brüderliche Hülfe und Unterstützung baute. Ich flog sogleich zu ihm hin, traf ihn in dieser kränklichen und bekümmerten Lage, umgeben von vier äußerst lieben, aber noch Erziehung fordernden, unmündigen, Kindern. Doch heiterte ihn meine Gegenwart und mein guter Rath dergestalt auf, daß er wieder anfing, seine Geschäfte, mit Hülfe anderer guten Freunde, zu betreiben. Auch hatte ich das Vergnügen, sein liebes Abuchowa mit ihm zu besuchen, und mich des Flors der Anstalt und der Erinnerung an den früheren schönen Aufenthalt daselbst zu erfreuen. Man merkte aber wohl, daß er an Geist und Körper zugleich litt. Wir kamen wiederum nach Moskau, und bald darauf kam auch wieder ein heftiger Anfall von der Gicht, die auf seine geschwächte Brust sich warf, und ehe noch die angewandten Mittel würken konnten, starb er plötzlich am Stickfluß, noch in der besten Lebenszeit, im 46ten Jahre. Welch ein Schrecken, welche Bestürzung für seine liebe Frau und die Kinder! Welch ein ganz unerwarteter Schlag für mich! da schon alle Hoffnung zur Rückkehr seiner Gesundheit mich belebte. Ich war die erste Zeit wie in einer Betäubung, und war doch seiner äußerst traurigen Witwe, bei den etwas verwickelten Umständen, die sich jetzt entdeckten, die einzige Hülfe. Die allgemeine Achtung und Liebe, die er sich bei Großen und Geringen allerwärts, und besonders in Moskau, erworben,[3] und [46] mein brüderliches Interesse für die Witwe, munterte mich indeß auf, das möglichste nach meinen Kräften, zum Besten der Hinterlassenen, wie auch besonders zu seinem unbescholten Nachruhm, und zu einer guten Regulierung seiner Umstände beizutragen. Ich stellte mit meinem ganzen Vermögen, an 50,000 Rubel B. Ass., Caution, zur völligen Abzahlung der lästigen Schulden, nebst gehörigen Renten nach einem Jahre, und hatte so die Freude, nicht allein die Witwe, die ihre letzten Kräfte für ihren so geschätzten verewigten Gatten gern hingab, zu beruhigen, sondern auch die Kinder in ihrer ferneren möglichst guten Erziehung zu unterstützen. Mit Hülfe des damals in Moskau berühmten englischen Handlungshauses Thomson et Rowand, an das mich unser väterlicher Bruder Carl empfohlen, und eines Freundes von dem Verstorbenen, des unlängst von der Armee gekommenen, hier wohl bekannten Majors Carl von Redderhoff, wurden nach einem Jahre alle ausgestellten Wechsel mit den gesetzlich berechneten Renten, theils aus den Revenüen der Fabriken, theils aus noch ausstehenden Capitalien und verkauften, nicht nothwendigen Mobilien und Sachen, auch glücklich wiederum eingelöset und berichtiget. Nun konnte der Betrieb dieser wichtigen Besitzthümer von der Witwe, bis zur Majorennität der Kinder, ruhig und mit aller Achtung für dieses brave Haus in Moskau, wiederum fortgesetzet werden. Allein zum Betrieb solcher wichtigen und ausgebreiteten Geschäfte, war ein thätiger Mann mit gehörigen Kräften nothwendig, und auch dieser fand sich in dem oben genannten Herrn Major Carl von Redderhoff, welcher der hülfreiche Mann meiner verwitweten Schwägerin, und der zweite Vater der Bruder-Kinder wurde. Nun überließ ich ihnen noch einen Theil meines eigenen Vermögens, auf einige Jahre und zu den gesetzlichen Renten, zu ihrer ferneren brüderlichen Unterstützung und zum leichteren Betrieb ihrer Geschäfte, wie auch die zu Ende gehende Zucker-Fabrik in Preobraschensky, dem Thomson-Rowandschen Hause, zum sichersten und besten Verkauf für meinen Antheil, und kehrte nach 15 Monaten im Jahr 1788 glücklich, und mit beruhigtem Herzen, in den Schooß der lieben Meiningen und in den Kreis unserer geschätzten Familie wieder zurück. Seit dieser Zeit stehe ich nun in der genauesten Verbindung und steten Correspondenz mit diesem moskowischen [47] Bruders-Hause, und nachdem auch nach dem Tode der Schwägerin Redderhoff, meine Unterstützung für meine äußerst braven und dankbaren Neffen, die ihres so würdigen Vaters Andenken durch Redlichkeit, Betriebsamkeit und äußersten Fleiß wahrhaft ehren, und den Berensschen Namen daselbst in Ruhm und Achtung erhalten, noch immer nach möglichsten Kräften und mit dem bereitwilligsten Herzen fortwährt, so finde ich mich jetzt nach so vielen Sorgen und Kummer, durch diesen daselbst so glücklich etablirten Zweig unserer Familie aufs höchste belohnt, wie auch meinen nach Zeit und Umständen unvermeidlichen Verlust dabei, aufs reichlichste ersetzt.

Den Faden meiner eigenen Geschichte knüpfe ich jetzt dort wiederum an, wo ich im Jahr 1764, zum Studiren, nach Deutschland mich begab. Ich reiste über die Ostsee nach Lübeck, mußten aber eines heftigen Sturmes und langen widrigen Windes wegen, auf der Rhede von Rostock vor Anker gehen. Dieses bewog mich, mit einigen andern Studirenden nach Rostock mich aussetzen zu lassen, um diese merkwürdige altdeutsche und großväterliche Vaterstadt zuerst in Deutschland zu sehen. Ich traf zwar keinen vom Berensschen Namen, oder von unserer Familie, dort mehr an; aber bei guten deutschen biederen Männern und Frauen, von altem Schroot und Korn, erfreuten wir uns der herzlichsten Aufnahme; und so reisten wir nach einigen Tagen zu Lande über Wismar nach Lübeck, wo unser Schiffer Lunau glücklich angekommen war, und mit unserer Equipage schon auf uns wartete. In Lübeck, dem Haupte des ehemaligen hanseatischen Bundes, mit dem unser liebes Riga in genauer Verbindung stand, wurde alles Merkwürdige in Betrachtung genommen, und über die nächste so berühmte große See-Handelsstadt Deutschlands, Hamburg, die angenehmste erste Reise weiter fortgesetzt. Ueber Berlin nach der Universität Leipzig zu gehen, um dort dem Studio der Theologie mich zu widmen, war mein Vorsatz. Als ich aber meinen besten Schulfreund, Herrn von Güldenstädt, wieder fand, der schon ein Jahr vor mir, in Berlin, dem Studio der Medizin sich gewidmet, und schon starke Fortschritte in selbigem, auch die beste Bekanntschaft mit dasigen vortreflichen Männern dieser Wissenschaft gemacht hatte; so entschloß ich mich, mit seiner [48] freundschaftlichen Unterstützung, dasselbe Studium der Medizin sogleich zu ergreifen, und ihm mit allem Eifer obzuliegen. So wurde ich nun bei den ersten damaligen Gelehrten und äußerst würdigen Männern dieses Faches ten[a 6], als bei einem Hofrath Gleditsch[WS 2], Mitglied der dasigen Akademie der Wissenschaften, Deutschlands erstem Botanicus, wie Linneus[WS 3] in Schweden, und seinem damals berühmten Schwager und Doctor legens, Gerhard[WS 4], jetzigem noch lebenden Ober-Geheimen Berg- und Finanz-Rath, nicht allein bekannt, sondern auch auf das Gütigste in ihren liebenswürdigen Familien aufgenommen. Muthvoll trat ich diese für mich ganz neue schwere Laufbahn unter Leitung dieser biedern Männer, und meines Freundes von Güldenstädt, mit allem Eifer an, und hatte noch das Glück von, von den damals so berühmten Professoren der Anatomie, Meckel[WS 5] und Walther[WS 6], der Chirurgie, Pallas[WS 7] und Henckel[WS 8], und besonders im ganzen theoretischen und praktischen Cursu der Medizin, von obigem Doctor Gerhard unterrichtet zu werden. So brachte ich ganzer vier Jahre, zwar in den größten Anstrengungen, aber auch mit allen Annehmlichkeiten dieses so nutzreichen Studii in Berlin zu. Jedoch war am Anziehendsten für mich das Fach aller physikalischen Wissenschaften und der Naturlehre, besonders aber der Botanik oder Kräuterlehre, und der Mineralogie. Für mein Herz und die Beförderung aller guten Gefühle für Wahrheit und Gemeinnützigkeit, genoß ich die sanften Lehren eines so edlen, menschenfreundlichen Spaldings[WS 9], und in sittlicher Bildung das Beispiel meines unvergeßlichen würdigsten Lehrers und väterlichen Freundes, des oben genannten Hofraths und Professors Gleditsch und seiner liebenswürdigen Familie, wie auch eines Moses Mendelsohn[WS 10], Sulzer[WS 11], Martini[WS 12] und anderer dasigen würdigen Gelehrten. Ich vollendete fast mein Studium der Medizin daselbst, und hatte nur noch im Praktischen derselben, wie auch in einigen Neben-Wissenschaften, bis zur Docotor-Würde auf irgend einer Universität, das Nöthige hinzuzufügen. Hierzu wählte ich nun die berühmte Akademie Göttingen, wohin ich im Herbst 1768, mit äußerst gerührtem Herzen für so viel genossenes Liebe und Gute in Berlin, in Begleitung meines herzlichen Freundes, Herrn Selle[WS 13], nachmaligen berühmten Arztes und letzten Leib-Medici des großen Königs Friedrich II, abreiste. [49] Die praktische Medizin in allen Fächern unter den damals berühmten Professoren, als Richter sen.[WS 14], Leib-Medikus Schröder[WS 15], Wrisberg[WS 16] etc. war zwar mein Hauptstudium in Göttingen; aber dabei versäumte ich nicht die angenehmen Erholungs-Collegia eines Hollmann[WS 17] in der Physik, besonders eines Achenwall in der Geschichte und Statistik, eines Heß[WS 18] in der praktischen Moral, im Rechte der Natur eines Pütter, und so auch im Praktischen des Stein- und Kräuter-Reichs, eines Büttner[WS 19] und Murray[WS 20], zu benutzen. Die Ferien der Akademie benutzte ich in eifriger Durchsuchung der Bergwerke der nahe belegenen Harzgebürge, und des berühmten Brocken, oder so genannten Blocksberg. Die glücklichste und angenehmste Erweiterung meiner noch unvollkommenen Kenntnisse in der Botanik und praktischen Oekonomie erhielt ich indeß bei dem so äußerst würdigen Verfasser des hannöverschen Hausvaters, Baron von Münchhausen zu Schwöbber, unweit des Gesundbrunnens zu Pyrmont, woselbst ich die Sommer-Ferien der Akademie in der gütigsten Aufnahme einige Wochen hindurch jedesmal aufs Angenehmste zubrachte, und seine so merkwürdige, schon alte, Plantage, besonders von nordamerikanischen Gewächsen im Freien, benutzte und bewunderte. Hier war es, wo ich zuerst eine ganze Allee von nordamerikanischen Tulpenbäumen, (Liriodendron) mächtigen Ceder- und Lerchen-Bäumen, Balsam- und Edeltannen, Kastanien- und Wallnußbäumen aller Art, vorzüglich aber die ersten Lord-Weymouths-Fichten (Pinus Strobus) im schönsten, ausdauernden Wachsthum mit ihren immergrünenden langen Nadeln, und dem wohlriechenden sehr heilsamen Balsamhorn[a 7], erfreut anstaunte. Hier war es auch, wo ich zuerst mit diesem so heilsamen Balsamharz eine glückliche Kur an einem kostbaren Reitpferde daselbst, das man schon ganz für verloren gab, bewürkte, und so in höchste Gunst bei dessen Besitzer, dem schon sehr besorgten Baron von Münchhausen, mich setzte. Ich vollendete nun auch meine Studia im Praktischen der Medizin, und wurde in Göttingen promovirt zum Doctor der Medizin vom damaligen Senior der Fakultät, dem ehrwürdigen Richter, im Sommer 1770, wozu unser väterlicher Bruder Carl, nachdem mein väterliches Vermögen von 2000 Richsthaler Alberts, dem sechsjährigen Studiren aufgeopfert worden war, die brüderlichste Unterstützung [50] mir darreichte. Nun reiste ich noch zum letztenmale nach dem lieben Schwöbber, wo ich so viel Güte und Wohlthaten genossen hatte, um mich dessen würdigstem Besitzer bestens zu empfehlen; und so ging meine Rückreise weiter über Hannover und Braunschweig nach dem berühmten Leipzig, wo ich mich meines Herzensfreundes, Michael Bulmerincq, und des nunmehrigen Doctor’s Selle, wiederum erfreute. Von Leipzig machte ich noch in Gesellschaft meines Landsmanns und Vetters, Jacob Stoever, eine kleine Excursion über Meissen nach der sehenswerthen Hauptstadt Sachsens, Dresden, kam wieder zurück, und setzte meine völlige Rückreise hieher über Berlin fort. In diesem, für mich so anziehenden, Berlin beschäftigte ich mich noch einen ganzen Winter hindurch mit der Anordnung meiner gesammleten trockenen Pflanzen und angeschafften Mineralien, mit Hülfe meines unvergeßlich zu verehrenden Freundes, des Hofraths Gleditsch, auch mit manchen andern praktischen Uebungen der Medizin; und so reiste ich nach der unserm Riga sehr ähnlichen wichtigen Seehandels-Stadt Stettin, wohin mich ein Freund, der Doctor Koch, begleitete, um auf ein paar Wochen daselbst auf die angenehmste Weise mich aufzuhalten. Von hier ging die Reise weiter über die merkwürdigen Oerter Danzig und Königsberg, wo ich noch einen Jugend-Bekannten und Freund, den Herrn N. von Hagemeister, antraf, mit dem ich im März 1771 glücklich in unserm guten Riga wiederum eintraf. Es war in diesem Jahre ein sehr harter Winter gewesen, doch brachte die wärmere Sonnenhöhe die Eisdecke der, glücklich wieder erreichten, lieben Düna schon dem Aufbruche nahe. Aber welche Veränderungen nach sechsjähriger Abwesenheit erblickten meine Augen! Gewaltige Quer-, und längs dem Flusse, an beiden Ufern hinunter bis tief in die See formirte hohe Dämme sollten dem Laufe des Stromes nicht allein eine gerade Richtung geben, sondern auch alle seichten Stellen wegräumen, und eine gleiche Tiefe, bis in die See hinaus, verschaffen. Hiebei hatte man aber einen mächtigen Eisgang weder berechnen wollen noch können; und so wurde diese Nichtachtung der weit mächtigeren, sonst so holden Mutter Natur, unerachtet aller trotzend stolzen und doch nur ohnmächtigen Dämme, aufs schrecklichste gerächt. Im Anfange des Aprils brach die Eisdecke der obern [51] Düna auf, stürzte sich zuerst in ungeheuren aufgethürmten Massen auf die starken Querdämme, als den Kriednerischen, und ehe sie noch dieselben durchbrechen konnte, wurde das Wasser zu einer großen Höhe in der oberen Düna gestaut; machte von beiden Seiten eine schreckliche Ueberschwemmung; riß von beiden Ufern ganze Städte, als Jacobs- und Friedrichsstadt, Dörfer und Gesinde mit Menschen und Vieh, überraschend mit sich fort, brach bei Kirchholm das schwache Düna-Ufer durch, und nahm den Lauf mit schweren Eismassen über die Niedrigung, oder einen alten Arm der Düna durch den ganz neu erbauten Stubbenseeschen Mühlendamm, riß die Mühle mit sich fort, überschwemmte die ganze Gegend bis zum Jägelsee, wo die Fluth sich hineinstürzte, und so beim Mühlgraben mit der untern Düna sich wieder vereinigte. Endlich durchbrach auch diese hohe Wasser- und Eismasse die Kriednerschen und Kattlakallnschen Querdämme, und mußte durch das geengte Flußbette, zwischen den beiden Ufern der Poderagge und des Catharinendamms, wo die Eisdecke noch nicht gebrochen war, und sehr stark sich widersetzte, weiter fortschreiten. Dieser Widerstand machte nun die große Stauung des Wassers, und schreckliche Ueberschwemmung vor den Mauern der Stadt selbst; der Strom suchte an allen Seiten seinen Durchfluß, durchbrach auch die Vereinigungs-Mauer der Citadelle mit der Stadt, überschwemmte selbige, riß alle Communikations-Brücken weg, und so kam das Wasser aus dem Citadell-Graben bei der Jakobs-Pforte in die Stadt selbst, ergoß sich von dieser Seite in alle Niedrigungen, besonders in den Domsgang und in die Kirche, bis zu einer großen Höhe, die daselbst auf einer metallenen Platte angezeigt ist. Nur noch einen Fuß höher an den Wällen der Dünaseite: so wäre die ganze Stadt mit allen Vorstädten in die größte Wassernoth gerathen. Jedoch in dieser höchsten Gefahr war auch die hülfreiche Vorsichtshand am nächsten; denn die größte Kraft des hohen Wassers mit der gewaltigen Eismasse brach durch jene beiden Dämme des geengten Flußbettes, und schaffte sich selbst wieder den alten Ausgang in die weite See. So soll der Mensch nicht Herrscher über die Natur, sondern vielmehr ihr folgsamer Diener, Leiter und aufmerksamer Beobachter, zu seiner eigenen Wohlfahrt, seyn wollen. In dieser schrecklichen Katastrophe war ich zwar nicht selbst in der [52] Stadt, sondern kurz vorher zu einer alten kränklichen Cousine, der Frau Doctorin Himsel auf Stopiushoff, unweit Stubbensee, gerufen, wo ich bei dem gewaltigen Durchbruch des Dammes und der Schleuse mit Wegreißung der ganzen großen Mühle, zugegen war, ihr meine erste ärztliche Hülfe zu leisten. Kurz nach dem Eisgange kam ich indeß wieder nach der Stadt, hörte und sahe nun die schreckliche Verwüstung; fast alle Zugänge der Stadt durch Brücken, abgerissen; die Wälle an der Citadelle und an der Dünaseite zum Theil eingestürzt, und überall stark beschädiget; Gräben und Niedrigungen an der Stadt überschwemmt; Häuser in den Vorstädten und an den Düna-Ufern theils umgerissen, theils weggeschwemmt; die Hölmer der Düna entblößt von allen Häusern und Holzwaaren, die die Schiffer nachher zum Theil aus der See wieder zurückbrachten. So traf ich unser noch vor Kurzem prangendes Riga, wie nach einer harten Belagerung und feindlichen Zerstörung, ruinenvoll an. Aber ein vergrößerter erwerbreicher Handel auf dieser nachher mildreichen Mutter Düna, der noch in demselben und den folgenden Jahren erfolgte, gab allen Klassen der Einwohner Muth und Kraft, nicht allein diesen großen Verlust zu ertragen, sondern auch mit verjüngter Schönheit, aus diesen noch schreckensvollen Ruinen, sich wieder empor zu heben.

Ich verließ am Ende des 1771sten Jahres Riga, und ging mit Rath und Hülfe meiner lieben Brüder Carl und J. Christoph nach Rußland, wo ich zuerst in St. Petersburg mich in meinen erworbenen medicinischen Kenntnissen gehörig examiniren ließ. In dieser neuen Wunderstadt des hohen Nordens, die Peter, Elisabeth, Catharina II, Paul I, und Alexander I, mit Riesenkräften in so kurzer Zeit, den alten und neueren berühmten Städten Europens gleich gemacht, oder diese wohl gar noch übertroffen, und mit der ganzen Welt in ruhm- und achtungsvolle Verbindung gesetzt haben, traf ich den verehrungswürdigen Johann Christoph Schwartz, als Deputirten der Stadt Riga, bei der so wichtigen Gesetz-Kommission, nebst andern würdigen Verwandten und Freunden, als die Gebrüder Strahlborn, Arps etc., die meiner Liebe, ja meinem Enthusiasmus für die neuere Reußen-Welt, eine erneuerte und die festeste Richtung gaben, wiederum an. Daher lehnte ich alle Vorschläge zu großen Reisen ins Ausland als Begleitungs-Arzt [53] ab, und reiste lieber im folgenden Jahre zu meinen andern guten Brüdern nach Moskau, um dort vielleicht als praktischer Arzt einige Jahre zu verbleiben. Wie aber schon in der Geschichte meines Bruders Adam Heinrich angeführt, trieb mich meine überwiegende Neigung, für die möglichst zu erringenden Naturkenntnisse, nach dem hierin so reichen Sibirien. Meine Reise dorthin ging über die, unter Catharina II. so schön erneuerte, tartarische Königsstadt Casan, unweit des für ganz Rußland so wichtigen Stromes der hochberühmten Wolga. Dieser Hauptsitz der ehemaligen tartarischen Beherrscher, oder ihrer chinesischen[a 8] Hofeshaltung, die für das angrenzende damalige Rußland, an 200 Jahre, so drückend als erniedrigend war, zeigte sich jetzt unter der geschmackvollen Erneuerung ihres prachtvollen Reiches als die dritte Haupt- und Königsstadt, prangend mit den schönsten steinernen Pallästen und andern ansehnlichen Gebäuden. Bei der sehr gütigen Aufnahme des damaligen General-Gouverneurs, General en Chef und Ritter von Brandt, konnte ich erst nach 14 Tagen, um alles Sehenswürdige, und auch die Vergnügungen der eben angehenden Karnevalszeit, zu genießen, meine Reise weiter fortsetzen. Von Casan ging die große Land- und Poststraße durch die Tartarei und gebirgigte Baschkirei, über das Städtchen Kongur, nach der obersten Bergstadt Ekatarinenburg im Uralischen Gebürge, an 1000 Werste, wo allein die Reichskupfer-Münze verfertiget wird, und die über alle Krons- und Privat-Kupfer- und Eisenbergwerke das Ober-Kommando führt; auch ist daselbst eine Kaiserliche Stein- und Brillanten-Schleiferei von einheimischen, besonders sibirischen, Edel- und andern schönen Steinarten, als Topas, Amethyst, Aqua Marina, Haarsteine, Opale, Karneole, Onixe, Chalindone, äußerst schöne Malachite, Porphyrarten, Jaspis, verschiedene schöne Marmor und Alabasterarten etc. Eben da ist das Beresofsche Goldbergwerk, nur 3 Werste von der Stadt, wo das gediegene Gold, aus einem geringen eisenockerigten Gestein, aus einer geringen Teufe, (wobei auch das so seltene rothe Bleispäth, dann und wann, in schönen Kabinetsstufen, gefördert wird,) durch ein Waschwerk betrieben wird, und das damals nur an 7 Pud reines Gold lieferte, jetzt aber unter dem so berühmten, über alle dasigen Bergwerke kommandirenden Ober-Berghauptmann und General Hermann, [54] durch die bekannte Amalgamation einige dreißig Pud des feinsten Goldes jährlich darreichen soll. Von dieser wichtigen Bergstadt Catharinenburg ging die große Landstraße, jenseit des uralschen Gebürges, durch die sehr volk- und brotreiche Isetsche Provinz, über große Slobodden oder Flecken und große nahe beisammen gelegene Dörfer, bis zur äußersten Slobodde Korkino, an 7 bis 800 Werste, von dort aber über eine kleine Steppe bis zu der sibirischen Grenz-Vestungs-Linie, und zur ersten Hauptfestung Petri Pauli am Ischim-Fluß. Von dieser Festung hatte ich noch an 300 Werst längs dieser Linie bis zur endlichen Hauptfestung Omsk, am größeren Irtisch und kleineren Om-Fluß gelegen, zu machen, und so kam ich, in der Mitte des Märzes 1773, in dieser meiner Station bei dem General-Kommandeur der sibirischen Linie, General-Lieutenant und Ritter de Cologne, gesund und glücklich an. Schon hatte ein starkes Frühjahrs-Thauwetter in dieser Gegend, etwa unter dem 56sten Grad der Breite, den Anfang zur Auflösung des Winters gemacht, obgleich noch die schönste Winterbahn mit fadentiefem Schnee die dasige so genannte Kirgisische Steppe bedeckte; aber noch ein weit größeres Erstaunen erregte bei mir der erste Anblick unabsehbarer Heerden von allerlei Vieharten, als Kameelen, Pferden, Rindern und Schaafen, welche in diesem tiefen Schnee, wo die großen Schaafe kaum zu sehen waren, unter freiem Himmel weidend, mit ihren Vorderfüßen ihre nothdürftige Nahrung an trockenen Kräutern suchten und herausscharrten, und doch munter und frisch neben wenigen Filzhütten ihrer Herren, der dasigen nomadischen Kirgisen, herumirrten. Dennoch ernährte und vermehrte sich bei dieser sonderbaren, aber freien, einfachen Lebensart, dieses Hirten-Volk, in seiner kräuterreichen großen Steppe, von China und dem kaspischen Meere begrenzt, in außerordentlichem Maaße und mit größter Zufriedenheit. In sehnlichster Erwartung einer ärztlichen Beschäftigung war mein erstes Geschäft bei der Gemahlin des dasigen Ober-Kommandanten Brigadkerin von Klaver, die an der konsumirenden Schwindsucht laborirte, meine möglichste medicinische Hülfe noch anzuwenden. Aber leider! konnte nur noch 6 Wochen bis zu ihrer Auflösung dies traurige Leben gefristet werden. Ich übernahm jetzt das medikalische Ober-Kommando bei diesem sibirischen Korps, [55] das nicht allein an der ganzen Festungs-Linie am großen Irtisch-Fluß, sondern auch durch das ganze Tobolskische, jetzige Tomskische und Irkutzkische Gouvernement, bis zum äußersten Grenz- und wichtigen Handelsort Kiachta, mit dem chinesischen Reiche, an 4000 Werste, vertheilt war. Dieses so weitläuftige medikalische Kommando hatte alle Medicinalien für die verschiedenen Lazarethe, und ihre Chirurgen, aus der Tobolskischen Haupt-Apotheke, durch meine Besorgung alljährlich, zu erhalten, und auch die Besichtigung von dem Verhalten und Zustand derselben mußte durch mich, oder den Stabs-Chirurgus, dessen Posten noch nicht besetzt war, berichtiget werden. Ein paar Monate nach meiner Ankunft daselbst wurde ich indeß von einem sehr hitzigen Fieber, das vermuthlich noch von der weiten Reise und dem veränderten Klima herrührte, und welches mich nahe an den Rand des Todes brachte, ergriffen, und bald nach meiner glücklichen Genesung brachen die höchst unglücklichen Pugatscheffschen Unruhen, an der Orenburgschen Linie zuerst, aus, und verbreiteten sich plötzlich bis zu unserer Linie und im Innern bis zur Hauptstadt Tobolsky hin. Auf die ersten Nachrichten im September 1773, von der Haupt-Festung Troizky der Orenburgschen Linie, rückte unser General-Kommandeur de Cologne in eigener Person mit vier sehr schönen leichten Kommandos, etwas Feld-Artillerie und einigen hundert Kosaken, in allem an 2 bis 3000 Mann, aus, nahm nur das allernöthigste Gepäcke mit, um desto geschwinder die angrenzenden Orenburgschen aufrührischen Gegenden zu erreichen, und kam auch geschwinde genug, etwa im October, zur Haupt-Festung Troizky, die von Omsk an 1200 Werst entfernt war. Hier hörte man das Nähere von der Festung Orenburg selbst, in der der General Reinsdorf das Ober-Kommando führte, die schon Pugatscheff in eigener Person belagerte, und wo über 400 Werst herum alle kleineren Festungen eingenommen und zerstört, und auf diese Art alle Kommunikation dahin unterbrochen waren. Man ließ daher die Feld-Artillerie in Troizky zu ihrer Unterstützung, und rückte mit den übrigen zwar leichten, doch gut bewaffneten, Truppen längs der Grenze des Uralschen Gebürges oder des Aufenthalts der aufrührischen Baschkiren, wo die Emissarien von Pugatscheff schon längst vorher viele Haufen Aufrührer zusammengebracht, [56] um so in den bevölkertsten und fruchtreichsten Gegenden Sibiriens, bis nach der Hauptstadt Tobolsky, in der alle Bergwerks-Schätze und Ausbeuten angehäuft waren, weil man der abgeschittenen[a 9] Kommunikation wegen selbige nach St. Petersburg zu senden sich nicht unterstanden, ihren Unfug zu treiben. So hatte nun den ganzen Winter von 1773 und 1774 hindurch, unser Korps von dieser Seite die Grenzen des Eintritts in Sibirien, von der Orenburgschen Festung Troizky, bis zur Haupt-Bergstadt Catharinenburg, an 1000 Werst, zu decken, und durch beständige Märsche und unterschiedene Affairen mit den eindringenden Rebellen, um selbige wieder zurück und zum Gehorsam zu zwingen, das reiche Sibirien bei diesem schrecklichen Aufruhr in Sicherheit zu stellen. Nach dieser schweren Winter-Kampagne kam Pugatscheff in eigener Person von der entsetzten Hauptfestung Orenburg über das uralsche Gebürge, zerstörte alle kleinere Festungen der Orenburgschen Linie bis zu der Hauptfestung Troizk, wo unserer Feld-Artillerie zurückgelassen war. Aber auch diese Festung, da sie nur hölzerne Bastionen hatte, wurde durch die Uebermacht eingenommen, in der Festung selbst alle von dem Kommandanten Brigadier Fairwehr an, bis zum letzten Korporal, wobei nur die Soldaten geschont wurden, umgebracht, und so sollte den andern Tag, mit Uebergebung aller Einwohner beiderlei Geschlechts an die theilnehmenden Kirgisen, selbige zerstört und aufgebrannt werden. Aber ehe noch diese abscheuliche That vollzogen werden konnte, bekam unser braver General de Cologne, der wegen anderer Rebellen sich von dieser Festung hatte entfernen müssen, von diesen Greuelthaten Nachricht, machte einige forcirte Märsche, und war so glücklich, noch vor Anbruch des Tages mit seinem fliegenden Korps diese Ungeheuer noch im Ausruhen von ihrer Schwelgerei durch geraubte Güter, und fast im Schlafe, anzutreffen, und sogleich mit allem ein Ende zu machen; wobei jene braven nachgelassenen Artilleristen ihre höchste Treue bewiesen, indem sie, so bald sie nur konnten, ihre Kanonen nach den Rebellen richteten, und so mit aller Ergebenheit sich wieder mit uns vereinigten; auch wurden die zusammengekoppelten Einwohner beiderlei Geschlechts glücklich wiederum befreit. Von etwa 10000 Mann dieser wilden Horde allerlei Volks kam Pugatscheff selbst mit etwa 800 Mann seiner besten [57] Reuterei oder Jaikschen Kosaken noch davon, und ging wieder zurück in das uralsche Gebürge, alle übrigen wurden theils in der Affaire getödtet, theils zerstreut, und retirirten sich in die weite Steppe. Bald darauf hörte man, daß auch dieser geringe Pugatscheffsche Trupp, auf ein anderes ihn verfolgendes Kommando, unter dem nachher so berühmten General Michelson, gestoßen und bis auf 80 Mann niedergemacht, aber Pugatscheff selbst mit diesen wenigen getreuen Anhängern im tiefsten Gebürge verschwunden sey, und sich verborgen habe. Jedoch nach einigen Wochen erscheint dieser Wütherich wiederum mit einem neuen zusammengebrachten Trupp von 20000 Mann, im Juni desselben Sommers von 1774, plötzlich vor Casan, nimmt es mit Sturm ein, bis auf die alte Festung, wohin die ganze Generalität mit der Garnison geflüchtet war; übergiebt diese weiter oben von mir so bewunderte schöne Stadt der schrecklichsten Plünderung, läßt alles neuerbaute verbrennen und zerstören, und wird den andern Tag durch den General Michelson wiederum herausgetrieben, und verliert den größten Theil seiner blutgierigen Räuberbande. Indeß wendet er sich noch nach der Wolga, durchkreuzt die Provinz Pensa, wo er noch seine letzte Wuth an 500 Edelleuten, die er dort soll haben umbringen lassen, befriedigte, und wird endlich, auf der Grenze der Kirgisischen Steppe, von seinen eigenen ihn umgebenden ersten Leuten, dem nächsten russischen Kommando lebendig überliefert. Von hier aus wurde der berüchtigte Betrüger des Volks und schreckliche Wütherich, wie bekannt, in einem offenen eisernen Käfig, damit er von Jedermann gesehen und erkannt werden konnte, bis nach Moskau geführt, um dasselbst noch in demselben Jahre seinen verdienten Lohn zu empfangen. Nunmehr legten sich allenthalben diese schrecklichen Unruhen auch in diesen Gegenden, und alles wurde wiederum zum Gehorsam und in vorige gute Ordnung gebracht. Unsere getreuen braven sibirischen Krieger kamen nach dieser schweren fast jährigen Kampagne wieder zurück in ihre Standquartiere, und ich rapportirte dem medicinischen Kollegio, daß in allen Affairen dieser Kampagne obige vier leichte Kommando, mit den übrigen Truppen an Feld-Artillerie und Kosaken, nur einen Verlust von 25 Todten und noch einmal so viel leicht Blessirte, gehabt hätten. Mein verehrungswürdigster [58] General de Cologne, der unerachtet seines Alters, sich in dieser wichtigen Sache auf keinen verlassen wollte, sondern selbst sich diesen harten Strapazen unterzog, und diese Angelegenheit auch so glücklich für das Ganze beendigte, fiel indeß nach seiner Zurückkunft in eine hitzige Krankheit, wobei ich das Glück und die höchste Freude hatte, ihm nach einigen Wochen zu seiner vorigen Gesundheit wieder zu verhelfen, so daß er noch im Winter 1775 seine Reise nach St. Petersburg anzutreten im Stande war, um dort der Kaiserin selbst über alles Vorgefallene und für die Sicherheit dieser so wichtigen Gegenden noch zu Unternehmende, den treuesten Bericht abzustatten.

Einstweilen wurde der älteste Brigade-General de Skalon als Interims-Kommandeur der siberischen Linie und des dortigen Korps nach Omsk berufen, und unter diesem gleichfalls sehr würdigen General-Kommandeur machte ich 1776 im Frühjahr eine Besichtigungs-Reise an die sibirische Linie längs dem rechten Ufer des großen Irtisch-Stroms und in die, an die chinesische Tartarei grenzenden, hohen Altaischen Gebürge, zu den unter mir stehenden Chirurgen und Lazarethen. Bei dieser nöthigen Reise nahm ich mir als Nebengeschäfft vor, alle anzutreffende Naturseltenheiten, wie auch andere Merkwürdigkeiten, in diesem an natürlichen Produkten eben so reichen als berühmten Lande, aufzuzeichnen, und für das Allgemeine zu benutzen. Hieraus entstanden nachher meine statistisch-medicinisch-ökonomischen Berichte und Abhandlungen, die bei Gelegenheit der freiwillig übernommenen Kultur des aus Allerhöchster Milde geschenkten, ehemaligen botanisch-medicinischen Gartens, zum Gebrauch für unsere neueren so wohlthätig eingerichteten Armen-Anstalten, in das bekannte hiesige Journal, das nordische Archiv, eingerückt worden.[4] [59] Nachdem ich nun zuerst meine medikalischen Besichtigungen und Anordnungen über Chirurgen und Lazarethe in den Hauptfestungen der Linie am großen Irtisch-Strom bis zu der letzten Hauptfestung Ustkaminogorsky gemacht, so unternahm ich von hier aus, quer über das hohe altaische Gebürge, an 100 Werst, bis zum Buchturma-Fluß, der von der rechten Seite in den Irtisch fließt, eine Reise, da diese wichtige Gegend von des General Springers Zeiten an, außer von wenigen Fischern der daselbst sehr ergiebigen Störarten, nicht weiter besucht noch in Aufnahme gekommen war, und auch von dem berühmten Professor Pallas in seinen sibirischen Reisen im Jahre 1771, wegen des Wegzuges der meineidig gewordenen kalmückischen Horde von der Wolga nicht konnte besichtiget noch aufgenommen werden. Bei meiner Zurückkunft stattete ich nun dem damaligen kommandirenden General de Skalon einen genauen Bericht ab über das herrliche Lokale dieser Gegend, und daß nunmehro, da diesseits des altaischen Gebürges bei Usikaminogorsky so vortrefliche brodreiche Kolonie-Dörfer, als Bobrofsky und Sekissofsky,[5] in schönstem Flor vorhanden waren, der große Plan der Kaiserin, beim Zusammenfluß des Buchturma-Flusses mit dem Irtisch-Strom, eine Kapitalfestung und dabei asiatische Handelsstadt, besonders wegen China durch die kleine Bucharei, anzulegen, sicher zu erfüllen wäre. Dieser getreue Bericht sollte auch höheren Ortes unterlegt werden, aber eine Veränderung mit dem kommandirenden General der sibirischen Linie, da der in aller Art so würdige General-Lieutenant de Cologne Alters wegen sich zur Ruhe begab, der General de Skalon aber seinen Abschied erhielt und ein neuer General-Major Ogareff von der großen Armee zum kommandirenden General des sibirischen Korps und der Linie wieder angestellt wurde, machte, daß auf diesen Bericht nicht weiter geachtet wurde. In den letzten Jahren der Gottseligen Kaiserin Catharina II. wurde indeß nochmals [60] unter den nachherigen dort kommandirenden General Strandmann dieser so wichtige Plan wiederum aufgenommen, höheren Ortes unterlegt, erhielt von der Kaiserin selbst Ihre hohe Genehmigung, und der General Strandmann bekam den Auftrag, die Anlage und den Bau der Hauptfestung und Stadt Buchturminsk auf der nehmlichen besichtigten Stelle am Buchturma und Irtisch sogleich anzufangen. Unter dem Gottseligen thätigsten Kaiser Paul I. aber wurde diese Anlage mit großem Eifer fortgesetzt, und unter der jetzigen, so gütig-weisen als aufmerksamen, Regierung bis zur Vollkommenheit glücklich beendiget.[6] Zu Pferde machte ich die Tour über das hohe altaische Gebürge bis zum Buchturma-Fluß, an 100 Werst in zwei Tage, und kam auf dem großen sehr schnell fließenden Irtisch-Strom, der hier dieses Granit-Gebürge gleichsam durchschneidet, so daß an einigen Stellen wie polirte hohe Wände aus Granit- und Porphyr-Arten zu bemerken waren, in 3 Stunden nach Ustkaminogorsk wieder zurück, von wo dieser schöne reine Strom längs der ebenen Barabinsschen Steppe in unsere Grenze bis nach der sibirischen Hauptstadt Tobolsk an 2000 Werst sanft hinfließt und oberhalb Tobolsk etwa in 61sten Grad der Breite mit dem eben so großen Obfluß vereinigt in den äußersten Nordozean mit vielen Ausflüssen unter der Benennung Obi sich ergießt. Ehe ich diese letzte Hauptfestung am Irtisch am Fuße des altaischen Gebürges verließ, machte ich noch eine Tour jenseits dieses Stroms, und in der jetzigen Kirgisischen Steppe, an 70 Werst, zu dem in diesen Gegenden so berühmten ehemaligen kalmückischen Götzentempel Ablaxit[a 10], am Bache Ablaketsa[a 11]. Ich traf das Dach des Tempels schon nicht mehr, und vieles vom Mauerwerk und von den Götzenbildern zerstört und umgewühlt, welches der Professor Pallas Anno 1771 durch seinen Studenten Sokoloff hatte besichtigen lassen, und in seinen wichtigen Reisen durch verschiedene Provinzen des russischen Reichs, II. Theil 2tes Buch Pagina 544, aufs genaueste beschrieben und mit einer wahren schönen Abzeichnung [61] versehen hat. In dem sehr lehrreich angenehmen Taschenbuch der Reisen von dem berühmten E. A. W. Zimmermann ist dieser Götzentempel aus Pallas Reisen wiederum erneuert und mit einer gleich schönen Abbildung dargestellt, nehmlich in der ersten Abtheilung von 1810, Pagina 78. Von der Festung Ustkaminogorsky verfolgte ich meine Reise längs der neu angelegten altaischen Gebürgs-Linie durch die schönen Dörfer Bobrofsky und Sekissoffsky und weiter über die Gebürgs-Festungen Tigereck und Tscharisch in den Thälern des höchsten Schnee-Altais, bis zur letzten Hauptfestung Bysk. Von der Festung Tigereck machte ich indeß erst eine Nebenreise, an 35 Werst, nach dem berühmten Smenogorsky oder Schlangenberg, als dem wichtigsten Ort und einer Grube der Kolivanwaskrescenskischen reichen Silber- und Gold-Bergwerke diesseits des sanften Ausganges des altaischen Gebürges. Hier besah ich vorläufig die dasigen so wichtigen äußeren und inneren Bergarbeiten unter der Leitung des würdigen Ober-Bergmeisters und Obristen von Leube, ehemaligen lutherischen Predigers in diesen Bergwerken. Jedoch machte ich hier nur eine kurze Besichtigung, um an 300 Werst weiter meine Reise zur Hauptstadt dieser Bergwerke, Barnaul, am großen Ob-Fluß, wo die letzte Reinigung oder Abtreibung des feinen Silbers und Goldes, wie auch die Aufbewahrung der ganzen Ausbeute bis zur Ueberschickung nach St. Petersburg geschahe, und wo der Haupt-Kommandeur dieser eigentlich Kaiserlichen Chatull-Bergwerke, der so würdige und äußerst betriebsame General von Irmann, seinen Aufenthalt hatte und mich schon längst erwartete. Aus Güte und Liebe für Wißbegierige in diesem Fache erhielt ich durch diesen vortrefflichen Mann die sichersten Nachrichten von diesem russischen Peru, und mit seinen kräftigen Befehlen versehen, bereiste ich alle dasige große Schmelzhütten, als Pavlofsky, Susum am Ob-Fluß, wo noch eine reichhaltig Kupfer-Münze mit dem sibirischen Königs-Wappen gezieret, zur Unterhaltung der Kolivan-Waskrescenskyschen Bergwerke nebst ihrer Bewachung verfertigt wurde, und wo an 70 Schmelzöfen ohne die Waschwerke, blos für diese reichhaltigen Schlangenbergschen Silber- und Gold-Erze, besonders im damaligen türkischen Kriege, in steter Bearbeitung derselben waren, und so jährlich an zwei Millionen Pud dieser reichen Erze umgesetzt [62] wurden.[7] Von Barnaul reiste ich wieder zurück nach dem so wichtigen Schlangenberg mit der gütigsten Ordre des Generals von Irmann an den Ober-Bergmeister Leube, mir von allen diesen reichen Gruben die zuverlässigsten Nachrichten zu ertheilen, auch zu einer Mineralien-Sammlung, von allen alten und neueren Erzen derselben, in nichts hinderlich zu sein, sondern mir vielmehr die nöthigste Unterstützung zu verleihen. Hierbei hatte ich noch das Vergnügen, mit dem dasigen wackern Staabs-Chirurgus, Namens Schangin, dessen als Liebhaber der Botanik und Mineralogie, in Pallas Reisen, so rühmlichst erwähnt worden, gleichfalls bekannt und aufs freundschaftlichste von ihm behandelt zu werden, wessen ich mich mit aller Dankbarkeit und Achtung noch jederzeit erfreue. Hierdurch sah ich mich nun an schönen Naturkenntnissen und Sammlungen in diesem Fache so glücklich bereichert, daß ich mit größter Zufriedenheit meine Reise weiter fortzusetzen vermochte. Von Schlangenberg kam ich wieder an 30 Werst über die alte verlassene Demidofsche oder Kolivansche Schmelzhütte und Kusneztische Krons-Eisenhütte an unsere Grenz-Linie oder die letzte Haupt-Festung der altaischen Grenz- und Gebürgs-Linie Bysk, am By-Fluß, der mit dem Catun-Fluß einige Werste weiter den großen Ob-Strom formirt, allwo ich meine letzte Medicinal-Besichtigung verrichtete, und so wieder längs der altaischen Linie bis zum Irtisch bei Krasnojarksy-Redoute zurück im August desselben Sommers glücklich in Omsk wiederum eintraf. Nach Abgang des General-Kommandeurs der sibirischen Linie und des dortigen Korps, de Cologne, und nachdem eine Staabs-Chirurgus, Namens Christ, von Astrachan hieher versetzt wurde, reiste ich nach sechsjährigen dasigen Diensten, im Jahre 1778, auf Urlaub in Familien-Angelegenheiten über Moskau und Petersburg nach Riga, und nachdem ich meine Geschäfte allhier beendigt, machte ich noch in demselben Jahre die Tour nach Omsk wieder zurück, wo ich noch bis 1780 verweilte, um meine völlige Entlassung vom sibirischen Korps mit gesetzlicher Erhöhung meines Charakters, [63] von dort aus zu erhalten, und so kam ich glücklich im März-Monat 1780 in unser liebes Riga wiederum zurück. Meine würkliche Verheirathung wurde nun sogleich veranstaltet, und im August desselben 1780sten Jahres reiste ich über Petersburg nach Moskau, um dort in Vereinigung mit meinen dasigen geliebten Bruder einige Zeit zuzubringen. Was nun in diesem brüderlichen Verein dort unternommen und bewürket worden, ist schon oben in der Geschichte meines dasigen Bruders Adam Heinrich angeführt, und die gänzliche Zurückkunft meiner Familie im Sommer 1784, fixirte mich nun häuslich zum treuen eifrigpatriotischen Bürger in meiner so lieben Vaterstadt Riga.

Meine erste Unternehmung zum Besten derselben war, die ehemals florirende Frölichsche Stadtbuchdruckerei, die zum Schaden der Stadt und des Landes ganz in Verfall gerathen war, so daß sie die nöthigsten darauf privilegirten Gebet-, Gesang- und Schulbücher nicht mehr in Verlag nehmen konnte, nach meinen Kräften zu unterstützen und ihr wieder aufzuhelfen. Alles dieses vernahm ich von meinem Schwager Gottfried Berens, dem vom Magistrat über diese Stadtbuchdruckerei die Oberaufsicht aufgetragen war, und der zugleich einen in diesem Fache sehr geschickten und fleißigen jungen Mann, Namens Julius Conrad Daniel Müller, der bei dem letzten Besitzer dieser Buchdruckerei, Gottlob Christian Frölich, als Factor aufs getreueste und eifrigste vorstand, meiner möglichsten Unterstützung bestens empfohl. Die nunmehr schon sehr florirende Papier-Fabrik meines Bruders bei Moskau gab mir Gelegenheit, daß ich zur Unterstützung und auf Vorschuß für die benöthigten Druckpapiere aus dieser Fabrik, da ich jetzt diesen braven jungen Mann kennen lernte, und weil auch hier die Druckpapiere schlecht, und dabei viel theurer, angefertigt wurden, gerne, und mit allen Eifer, mich hingab. Aber zur Anschaffung neuer Lettern, da die alten fast gar nicht mehr zu gebrauchen waren, gehörte ein Vorschuß an baarem Gelde, und auch hiezu streckte ich, auf Anrathen meines Schwagers Gottfried Berens, ein Kapital vor, das mit einem anderen größeren, von einem braven Manne aus Kurland, wofür die Herren Harmens und Brandt Kaution leisteten, ihn in den Stand setzte, fast den ganzen Letternbestand und die Pressen allmälig zu erneuern [64] und in den besten Zustand zu versetzen. Die eigentliche Lage dieser so glücklich wieder empor gebrachten ehemaligen Fröhlichschen Stadtbuchdruckerei, vom jetzigen privilegirten Kronsbuchdrucker Julius Conrad Daniel Müller zeiget wahr und vollständig unser hiesiger würdiger Herr Ober-Pastor Liborius von Bergmann, in seinen kurzen gedruckten Nachrichten von Rigaschen Buchdruckern überhaupt, und den Stadtbuchdruckern insbesondere, bis zum Jahre 1795, zur Ehre der damaligen Unterstützer derselben, als des so verehrungswürdigen Patrioten, des letzten Bürgermeisters des alten Magistrats, Johann Christoph Schwarz, und des sehr verdienstvollen damaligen Kollegien-Assessors Gottfried Berens. Seit der Zeit ist diese so schöne, der Stadt zur Ehre gereichende Müllersche Buchdrucker-Officin, unerachtet aller Unannehmlichkeiten und Hindernisse, durch des Besitzers fortgesetzte rastlose Thätigkeit und unermüdeten Fleiß und Eifer, in noch vollkommeren Zustand versetzt worden, so daß er jetzt in seinem eigenen wohlgeordneten Hause mit allen den neuesten Lettern von Unger und Decker in Berlin versehen, und mit vier neuen im besten Stande befindlichen Pressen, wie auch mit den besten und geschmackvollsten Verziehrungen an Holzschnitten und Vignetten, nicht allein geringe fliegende Blätter, sondern auch ganze größere Werke, typographisch schön zu liefern im Stande ist, und nach dem aufrichtigen Urtheil des Herrn Ober-Pastors Liborius von Bergmann den ersten ausländischen und hiesigen Buchdrucker-Officinen jetzt noch mehr an die Seite gesetzt zu werden verdient. Den sichersten Beweis hiervon hat man gesehen an den in vorigem Jahre erschienen so vortrefflich von unserer dankbarlichst zu verehrenden Geistlichkeit, erneuerten livländischen deutschen und lettischen Gesang- und Gebetbüchern. An dieser neuen für jetzige höhere Kultur und Aufklärung unserer gesammten Stadt- und Landes-Gemeinden so schön verbesserten Auflage derselben hat Herr Müller selbst, besonders an dem stärkeren lettischen Gesang- und Gebetbuche, fast vier Jahre hindurch gesetzt, und mit eisernem Fleiße gearbeitet, und nur beim Abdrucke des deutschen Gesangbuchs die benachbarte, eben so vortreflich emporgekommene und florirende Mitausche Buchdruckerei der Herren Steffenhagen und Sohn zu Hülfe genommen. Diese jetzige Auflage des lettischen Gesang- oder Handbuchs, an 20000 [65] Exemplare, und die des deutschen, an 10000 Exemplare, wobei der ganze Satz des lettischen zum wiederholten erforderlichen Abdrucke als ein Schatz für seine Nachkommen vollständig aufbewahret wird, ist nunmehr durch bloßen eigenen Fleiß und Ordnung, für sich und die Seinigen, sein wahres wohlerworbenes Eigenthum, dessen er sich, für seine noch übrige Lebenszeit, mit allem Rechte zu erfreuen hat.

Für eine wohlhabende Handelsstadt, wie unser Riga, sind angenehme lehrreiche Erholungen und Abhaltungen von andern schädlichen Zerstreuungen, besonders in Hinsicht auf unsere jetzige junge Welt, wohl sehr zu schätzen. Ein möglichst sittliches Theater, wo Shakespeare’s, Moliere’s, Racine’s, Holberg’s, Lessing’s, Göthe’s, Schiller’s, Iffland’s, Engel’s, Kotzebue’s etc. so schöne wahre Gemählde und Beispiele menschlicher Gesinnungen und Handlungen, in täuschender Nachahmung, um Hochachtung oder Verabscheuung zu erwecken, vorgestellt werden, möchte wohl den öffentlichen moralischen Lehrplätzen hilfreich zur Seite zu setzen seyn; daher denn diese Vergnügungen, wenn sie auch noch durch unsere Lieblings-Muse, die Musik – in unschuldigen und ergötzlichen Operetten – abwechseln, hier, wie allenthalben, großen Beifall und höhere gesetzliche Sanction finden. Nachdem für das hiesige Lokale ein möglichst wohleingerichtetes Theater von dem, um unsere anständigen Vergnügungen und nothwendigen Erholungen so verdienstvollen Geheimerath, Baron von Vietinghoff, würdigsten Andenkens, erbauet worden war, und schon mit den besten dramatischen Vorstellungen und Singspielen, durch eine kunstreiche und vorzüglich sittliche Schauspieler-Gesellschaft, den stärksten Beifall des hiesigen geschmackvollen Publikums sich erworben hatte, übergab der genannte Herr Baron von Vietinghoff dieses wohleingerichtete steinerne Theater einer eigenen Direction von kenntnißvollen, hier wohlbekannten, würdigen Männern. In einer genauen Verbindung mit diesem Theater befand sich über selbigem eine Reihe von schönen Sälen und andern Gemächern, mit allem Zubehör für gebildete Stände, zu erforderlichen Erholungen und allen anständigen Vergnügungen. Nach Aufhebung der alten Magistrats-Verfassung, die wenige Jahre vorher, bei Einführung der Statthalterschafts-Regierung, [66] durch die Ukase vom 3ten Julii 1783, gnädiglich bestätiget worden, aber durch die Einführung der Kaiserlichen Stadt-Ordnung 1787 gänzlich dissolviret wurde, verbanden sich in diesem schönen passenden Lokale diese unsere alten würdigen Väter der Stadt, mit dem jetzt so ansehnlich geachteten Kaufmannsstande, zugleich mit den hiesigen Militairs, dem Adel, der Geistlichkeit, den Gelehrten und Künstlern, wie es die Sinnbilder ihres angenommenen Wappens deutlich anzeigen, zu einer geschlossenen Erhohlungs-Klubbe, die Musse genannt, wo alle erlaubten Vergnügungen und Spiele, als Bälle und Masqueraden, verbunden mit nützlicher Lektüre der besten und wichtigsten Journäle und Zeitungen, statt fanden, die übrige Zeit aber in Ausruh von Geschäfften zugebracht werden konnte. Der Hauptzweck dieser Verbindung aller höheren Stände der Stadt und des Landes war der: unsere abgegangenen Magistrats-Glieder, und alle andern würdigen Männer unserer Börse und Ritterschaft durch alte treue Redlichkeit und patriotische Anhänglichkeit an allem Guten und an unserer seit 600 Jahren bestehenden Stadt-Ehre aufrecht zu erhalten; den getreuen Bürgersinn und jede Tugend, besonders in jetziger Verbindung mit der biederen russischen Nation und ihrem in aller Welt hoch geachteten, auf Redlichkeit und Humanität gegründeten Thron Peters, aufzubewahren. Sogleich waren unsere guten Bürger bereit, diese durch ihren Zweck eben so ehrwürdige als nützliche Gesellschaft der Musse zu gründen, und mit dem Anfange des 1787sten Jahres feierte selbige ihren ersten Stiftungstag in Gegenwart aller unserer hohen Vorgesetzten und der Väter der Stadt und des Landes, wodurch diese zweckmäßige Verbindung unserer guten Bürger-Gemeinde gleichsam höheren Ortes sanctionirt wurde. Nun war schon unserm bekannten braven Schauspiel-Director, Herrn Meyrer, das neu eingerichtete Theater von dem Herrn Baron von Vietinghoff, höchstwürdigen Andenkens, mit allem daran geknüpften Vergnügungen von Bällen, Koncerten und Masqueraden übergeben worden. Zur Unterstützung dieses mit allem Rechte aufrecht zu erhaltenden sittlichen Theaters trug unsere nunmehrige Musse die Kosten der Miethe, und für den Montag der subscribirten Bälle und Masqueraden für unsere Familien, wie auch zum Gebrauch für unsere Lieblings-Muse, die Musik, wurde [67] Herrn Meyrer noch überdem eine Vergütung von selbiger zuerkannt. So hatten wir nun ein anständiges, immer bleibendes Theater für uns und unsere nächsten Nachbarn, die Einwohner von Mitau, in Verbindung mit unserer Musse, etablirt, das bis auf den heutigen Tag, nach Veränderung des Geschmacks und der Zeiten, sich wohl noch immer vervollkommnet hat, so daß es von vielen hier durchreisenden hohen Herrschaften und andern Kennern für eines der ersten Theater der Deutschen, unerachtet seiner Kleinheit, gehalten worden. Aber den höchsten Gipfel des Ruhms und der Ehre erhielt es durch das hohe Wohlgefallen und die ehrende Gegenwart unsers glorreichen Kaisers Paul und seiner erhabensten Familie. Ihr erinnert Euch noch wohl, geliebte Mitbürger, mit welcher entzückenden und lohnenden Freude des himmlisch-lächelnden Wohlwollens, Jener, ach leider! so früh verewigten, Alexandra und Helena, und unserer für alles Göttliche so wirkenden Maria in Weimar. Jedoch die letzte und höchste Beglückung und Sanction unsers Theaters und der Musse ist doch wohl der Allerhöchste schmeichelhafte Beifall unserer jetzigen allgeliebten und menschenfreundlichen Majestäten Alexander’s und Elisabeth’s! Wer wollte nun nicht seine letzten Kräfte anstrengen, auch in der gegenwärtigen Zeit, voll Zuversicht zu Alexandern, als dem Werkzeuge Gottes, Patriotismus zu beweisen! Sind wir nicht vor vielen Städten und ganzen Ländern Deutschlands glücklich, und als Nachkommen unserer gefühlvollen, redlichen und patriotischen Altvordern schuldig, alles von ihnen herstammende Gute zu erhalten und möglichst zu vollenden? So erfreuen wir uns nun seit fast 30 Jahren eines stehenden und mit Ruhm und Ehre allein von unserer gutdenkenden Gemeinde erhaltenen anständigen und möglichst sittlichen Theaters, dessen alte vorzüglich bewährte Mitglieder unsere Mitbürger geworden, und in unsern bürgerlichen Klubbs und Familien die brüderlichste Aufnahme und Unterstützung bei jeder Gelegenheit fanden, bis auf den heutigen Tag. Wie bereitwillig war unser gutes Publikum bei jeder Gefahr des Sinkens, auch wohl der gänzlichen Auflösung desselben, durch Actien es aufrecht zu erhalten! Um sicher überzeugt zu werden, wie zu Zeiten die jährige Ausgabe der Einnahme nicht entsprach, und wie viel folglich die Direction, [68] oder Herr Meyrer, der es mit den getreuen Kassa-Büchern bewieß, zusetzen mußte, übernahmen einige wenige Glieder unserer guten Börse, worunter auch ich mich befand, die Direction auf ein Jahr, und unterzeichneten 2000 Reichsthaler für möglichen Verlust. Nachdem das Jahr zu Ende war, schoß die Kassa um 2000 Reichsthaler würklich zu kurz, die folglich zuzuzahlen waren. In dem Trauer-Jahre der gottseligen Kaiserin Catharina II, wo alle öffentliche Theater im ganzen Reiche, also auch hier, einen Stillstand litten, und wo wir doch nicht wünschten, den alten guten Stock unsers Theaters gänzlich dissolvirt zu sehen, wurde wiederum die halbe Gage diesen unsern getreuen Mitbürgern zugesichert, wozu ich das Meine mit beitrug; und so wurde es Herrn Meyrer erleichtert, bei der Wiedereröffnung desselben, mit neuen tüchtigen Subjecten diesen alten gebliebenen Stock zu completiren. Nach dem Tode des Kaisers Paul I. wurde wieder während der tiefen Trauerzeit das ganze Personale durch unsern Zuschuß beibehalten; da aber die tiefe Trauer in die Sommer-Monate fiel, und auch eine kürzere Zeit dazu bestimmt war: so hatte man nur die Hälfte der vorigen Unterstützung zu leisten. Bei gegenwärtigen Zeiten und Umständen, wo der auswärtige Handel ins Stocken gerathen, und die mit Geduld, Treue und Vertrauen auf Gott uns Seinen Alexander muthig zu überwinden sind, hat man dennoch die neuere Direction nicht sinken lassen wollen, sondern mit nöthiger Unterstützung ihren erworbenen guten Kredit aufrecht erhalten; und so wird hoffentlich unter günstigen Umständen wiederum Alles in seinen vorigen Flor, oder auch noch höher, hinaufkommen. –

Mit dem Tode der großen Kaiserin Catharina II. kam wieder die männliche Linie Peters des Großen in Paul dem Ersten, als Ur-Enkel eines so wundervollen großen Ahnherrn in Gottes Wahrheit und Gerechtigkeit auf seinen ererbten väterlichen russischen Kaiser-Thron. Der Wahrheit und Gerechtigkeit hatte er sich treu ergeben; und so erhielten wir hier unsere alten, vom ganzen Iwans- und Peters-Stamm geheiligten Privilegia, und noch neuerlich für bürgerlich gut befundenen Rechte,[8] [69] gleich in den ersten Tagen nach einer Thronbesteigung wieder zurück, und ohne Aufschub mußte unsere alte angemessene Municipal-Verfassung in aller Kraft sogleich wiederum eingeführt werden. Für Alle, die der Wahrheit und ihren Pflichten treu waren, gereichte dieß zur entzückendsten und höchsten Aufmunterung in ihrem nützlich-thätigen Leben. Nach Seiner hohen Krönung zu Moskau kam jene himmlische Erscheinung[9] mit Rußlands mächtiger Kaiser-Krone, und mit den Ihm gleichenden Großfürsten Alexander und Constantin, wieder in unsere glücklichen Mauern, um an unserer Treue und Dankbarkeit sich zu ergötzen. Alles Ceremoniel und jeder unnütze Aufwand wurde verboten; doch ließ der Monarch nach seiner Herzens-Güte sich einen prunklosen bürgerlichen Ball auf dem Rathhause, und im Saale seiner Gerechtigkeits-Pflege gefallen. Hier wurde unsere bürgerliche Gemeinde ersten Standes mit Seiner und Seiner Großfürsten hohen Gegenwart aufs höchste beglücket, und unsere Familien genossen diese gnädige humane Herablassung mit entzückender Freude und dem dankbarsten Herzen.

Hier war es auch, wo der Erhabene sich der alten, getreuen und verdienstvollen Glieder unsers alten Magistrats erinnerte und sie wieder zu finden glaubte. Wo ist der ehrwürdige Schwarz, der bei der Gesetz-Kommission[10] die wichtigsten Kriminal-Gesetze für Mein Reich so weise bearbeitet? Wo sind die andern Mir wohlbekannten, Schick, Wiedau, die Berens? „Sie sind theils gestorben, theils Alters und Schwachheits halber nicht im Stande, Ihro Majestät höchster Gnade und Güte sich persönlich darzustellen.“ Dies war die Antwort des einzigen, noch gegenwärtigen Mitgliedes des alten Magistrats, vor der neu eingeführten Stadt-Ordnung. „O! ich weiß gar wohl, warum sie nicht hier sind; aber ich [70] habe das Meine vor Gott gethan, und wenn sie meine Gnaden-Ukase nicht so wahr behandelt, wie andere Städte, als Reval, es gethan haben, so sey es ihrem Gewissen anheim gestellet.“ Hiemit endigte sich dieses merkwürdige Gespräch unsers so gerechten als gütigen Monarchen. Und es entschwand wieder der geliebte Monarch aus unsern Blicken unter den gerührten und innigsten Seegens-Wünschen aller braven und getreuen Bürger Riga’s, die seit des großen Peter I. Zeit keinen männlichen Monarchen in ihren Mauern verehren konnten. Nachher hörte man, daß Er, der Liebevolle, bei seinem prunklosen Einzuge allhier, denn nur der unwillkührliche Herzensausruf von Treue und innigster Ergebenheit war Ihm ein willkommener Empfang, Seinem Thronfolger Großfürst Alexander, der neben ihm saß, soll geäußert haben: daß Sein geschätztes Riga, dereinst als eine der ersten Perlen in Seiner künftigen Krone zu schätzen, zu schonen und sicher zu bewahren wäre; und sehen wir nicht jetzt, daß der Sohn auch des Vaters Herz für uns hat? Aber Gott wollte nicht, daß dieser für alle Thronen der Erde Epoche machende Beherrscher, und dieß große Beispiel, von Wahrheit und Redlichkeit, (denn ließ Er nicht in jener merkwürdigen Hülfs-Kampagne gegen Frankreich seinen großen Feldherrn Suwarow, der, nach dem Manifest des Kaisers Paul I. vom 8ten August 1799, innerhalb 4 Monaten ganz Italien durch Vertilgung der französischen Armee unter Macdonald und Moreau von seinen Gottesvergessenen Eroberern befreit, seine Königreiche und gesetzmäßige Obrigkeit wieder hergestellt etc., seinen damals so auffallenden der Wahrheit gemäßen Bericht in dem undankbaren Verfahren seiner Bundesgenossen öffentlich in den Zeitungen der Welt darstellen?[11]) seine so kurze Laufbahn auf der Erde länger fortsetzen sollte, und versetzte Ihn, den Großgerechten, plötzlich unter die reinen blitzenden Sterne des Himmels erster [71] Größe, und hinterließ Seinem mildgerechten und menschenfreundlichen Alexander die Fortsetzung des großen Werkes.Pauls Alexander besänftigte nun mit himmlisch gerechter Milde selbst alle wilden Gemüther, und regiert in den Herzen seiner höchst glücklichen getreuen Völker, und Ihm scheint es von Gott aufbewahret zu seyn, die verworrerenen Händel der Welt durch Ruhe und Friede zu enden, und die Menschheit durch wahre Aufklärung und höheren Schwung der Geister einer neuen goldenen Zeit wieder zuzuführen. Auf Ihn, den Menschenfreund im edlen Jünglings-Glanz, hoffen nicht allein seine getreuen Völker, sondern auch andere, mit schweren Trübsalen heimgesuchten und noch mehr bedrohten, ehemals so blühende Städte und ganze Völkerschaften, besonders unsere guten Brüder in dem schon so hoch kultivirten, aber durch manche Umstände geschwächten Deutschland. Sahe man nicht schon diese einzige, noch belebende, und auf höchste Tugenden der Redlichkeit und der Wahrheit gegründete Hoffnung für die Menschheit schon im Aufgange ihrer Sonne durch Alexanders Oelzweig des Friedens und der Wiedererhebung des menschlichen Geistes, als Alexander nach seiner hohen Krönung und Salbung von Moskau auch in unsere glücklichen Mauern einzog, von jubelnden Menschen gezogen? Welch Entzücken wurde nicht in den wenigen Tagen seines beglückenden Aufenthalts allhier über alle Klassen unserer Bürger bis ins kindliche Alter ausgebreitet, und welche frohe Zeit der Alles beruhigenden Hoffnung ergoß sich nicht durch sein himmlisches Wohlwollen und seine Milde über uns Alle und unsere Kinder! Und war nicht der erste Akt seiner Regenten-Weisheit hier, die Beilegung und Ausgleichung eines bürgerlichen Zwistes? Nun athmete Alles Hand in Hand für die fröhlichste Aufnahme dieses mildgerechten humanen Monarchen. So wie sein großer Ahnherr Peter I. oft als wohlwollender Freund in unseren damals nur schlichten Bürgerhäusern, und bei ihren, zwar simpeln, aber mit wahrer Bürgertreue und Dank gewürzten Speisen am fröhlichsten sich zeigte, so sahen wir auch seinen erhabenen Urur-Enkel, mitten unter unseren Weibern und Töchtern, sich mit fröhlichen Tänzen erfreuen, und seine menschenfreundliche Gesinnung ward [72] uns auch da ein Gegenstand reiner Freude und hoher Bewunderung. Aber war dieser sein beglückender Aufenthalt unter uns nur dem Genusse allein gewidmet? War es nicht auch die hohe Achtung für unsere, von Jener Großen Frau, für gut befundenen und von Seinem gerechten Vater, wiedergeschenkten, für Sich und Seine Nachkommen geheiligten, alten Rechte der Municipal-Verfassung? War nächstdem die Allerhöchste Sorgfalt für unsere armen Brüder und Schwestern, für die unsere guten Vorfahren, bei ihren Freuden und Trübsalen, stets die wohlthätigsten Stiftungen errichteten, durch die neuere Stiftung des Kaiserlichen so wohlthätigen Armen-Direktoriums mit der reichlichsten Dotirung, seinem liebevollen Herzen nicht auch das schönste und Gott das wohlgefälligste Opfer? Wurde nicht unter Ihm, dem Menschenfreund, die herrliche Einrichtung unserer gegenwärtig so wohlthätigen Stadts-Magazine gegründet, zur sichersten Unterhaltung der Armen in Mangel und Noth? Wer so die höchsten Tugenden Christi nachahmt, wird Der nicht auch die Seegensfreuden Gottes in aller Seeligkeit empfinden und genießen? Aber ist auch Alles, was durch seine Herzens-Güte für unsere Armen bestimmt worden, durch seine Diener getreu vollführt? In welchem Zustande ist in gegenwärtigen, nahrungslosen, dürftigen Zeiten unsere Armen-Versorgung? Sind unsere sonst so wohlthätig-reichlichen Beiträge nicht fast um die Hälfte gesunken? Sind die, nach dem Allerhöchst bestätigten und zu Aller Kenntniß gedruckten Plan, zur Versorgung unserer Armen und Abstellung der Bettelei, vom Jahre 1802 bestimmten Quarantaine-Gelder, aus der allgemeinen Fürsorge alljährlich zu zahlenden 3000 Reichsthaler Alberts auch würklich in unsere Kaiserliche Armen-Kasse geflossen? – Welch ein sehr wohlthätiges Geschenk war schon das herrliche Lokale des Krons-Apotheker-Gartens mit allen dabei befindlichen Gebäuden und übrigem Zubehör von Ihm, dem besten Vater der Armen, Der Niemand ungesättigt noch unbekleidet von sich läßt! Hier, wo Platz genug für alle unsere Armen und Krankenhäuser vorhanden, daß sie aus unserer engen Stadt heraus in die gesunde freie Luft geschafft werden konnten, konnte, von unserer neuen Kaiserlichen Armen- und Kranken-Verpflegung, dem Kaiserlichen Wunsche genügt werden. Den schon verwilderten [73] Garten hiebei, der übrigens mit nützlichen hohen Bäumen, als unserer Zucker-Lene und der Amerikanischen Bitter- oder Roß-Kastanie (Acer platanoides et Aesculus Hippo-Castanum-Linn.) in Alleen und dunkelen Hecken gezieret war, übernahm ich freiwillig, mit unsern Nicolaischen Hospitaliten, in eine nützliche Kultur wieder zu versetzen, und innerhalb drei Jahren, daß ich die Anleitung und Oberaufsicht über diesen schönen Garten, wenn gleich mit manchen harten Aufopferungen, führte, genoß ich den höchsten Lohn, in dem reichsten Segen Gottes an allen Kräutern und Gewächsen, deren unsere Armen und Kranken zur gesunden Nahrung und Medicin benöthigt waren, und in der würdigsten Benützung dieses wahrhaft Kaiserlichen Geschenks. Meinen geliebten Mitbürgern theilte ich eine Beschreibung des Gartens und auch zuletzt eine Rechenschaft mit, wie nützlich dieser unserm neuen Armen-Wesen geworden war, und immer bleiben könnte, wenn die Kultur desselben so fortgesetzt würde. In einigen ökonomischen Abhandlungen im nordischen Archive, als: über die wichtige Kultur und den nützlichen diätetischen Gebrauch des (Rhei rhapontici) so genannten Mönchs-Rhabarbers, im IV. Stück des Monats Decembers 1804; ferner: in den physikalisch-ökonomischen Beobachtungen über den Tartarisch-Sibirischen Buchwaizen (Poligonum tataricum Linn.) in Vergleich mit unserm gewöhnlichen Buchwaizen (Poligonum fagopyrum) und über den immerwährenden Sibirischen Lein (Linum perenne Linn.) im IV. Stück des März-Monats 1805, und zuletzt im IV. Stück des December-Monats desselben Jahres, oder in der ersten Fortsetzung obiger physikalisch-ökonomischen Beobachtungen; wie auch zuletzt in eigener Herausgabe als zweite Fortsetzung der Beobachtungen und Versuche über verschiedene neuere Pflanzen für die Medicin und Haushaltungskunst, als (Lotus edulis Linn.) den genießbaren Schotenklee und die Elshozia cristata Wildenowi, oder die Hahnenkammförmige Elsholzia mit der Rechenschaft über den Anbau und Ertrag dieses botanisch-medicinisch-ökonomischen Küchen-Gartens, geschrieben im April 1807, sind diese freimüthigen Nachrichten dem Publiko mitgetheilt. Ich kehre von dieser Abschweifung zu ihm zurück, dessen Aufenthalt in Riga ich schilderte.

[74] Wir sahen und wurden entzückt über die Freuden, die dieser neue Liebling des Himmels, mitten unter unsern Familien zu empfinden schien. Doch vergaß Er nicht, auch alle unsere inneren Einrichtungen für alles Gute und nützlich-Schöne kennen zu lernen. Er besuchte das ehrwürdige Denkmal des Alterthums, das älteste und noch bis jetzt so wohl unterhaltene gothische Gebäude der Schwarzen-Häupter, das in den Bildnissen aller russischen Kaiser und Kaiserinnen, in Lebensgröße, von Peter I. bis auf den gegenwärtigen liebevollen Alexander, mehrentheils als Allerhöchste Geschenke von Ihnen selbst, die größte Zierde in sich aufbewahrt. Auch unsere erneuerte, in modernem Geschmack erbaute Stadt-Bibliothek[12] mit besonders eingerichteten Zimmern zur Aufbewahrung von allerlei Naturalien und Kunstsachen, als das letzte und schönste Stück von der Sorgfalt unsers alten würdigen Magistrats, entging nicht Seiner hohen Aufmerksamkeit. Mit Verehrung sahe Er hier das schöne emblematische Wand-Gemählde von Seinem großen Ahnherrn Peter I. über Seine Bombe, worüber jetzt das Segens-Füllhorn durch Seine Begünstigung jedes Musen-Sitzes ausgeschüttet wird. Unsere alte ehrwürdige Reliquie, die deutschen und lateinischen Original-Briefe Martin Luthers, vom Dinstage nach Bartholomäi 1540, in welchen er den ersten Lehrer unsers lutherischen Glaubens Selbst empfiehlt, und die hier unter seiner schlichten Bibel-Uebersetzung aufbewahrt werden, erregten nicht weniger seine hohe Achtung und Bewunderung. Auch schien der Monarch mit Vergnügen zu bemerken, ein originelles mit den lebhaftesten Farben auf japanischem Papier gemahltes Kräuterbuch, aus Japan selbst.[13] Auch unser hier aufgestelltes, annoch geringes, aber an manchen auffallenden vaterländischen Natur- und Kunst-Merkwürdigkeiten, reiches Himsel-Berenssches Kunst- und [75] Naturalien Kabinet, würdigte Er Seiner hohen Ansicht, und schien diesen unsern bürgerlichen Musen-Tempel mit Wohlgefallen zu verlassen. Möchte doch durch diese Erinnerung an jene uns so denkwürdigen, schönen Zeiten, die liebreiche hohe Unterstützung dieses unseres bürgerlichen Musen-Tempels von Ihm, dem Pfleger alles Guten und Nützlichen, wieder aufgereget werden! Hierbei, als Vorsteher dieses Himsel-Berensschen Kabinets, mit unserm würdigen Herrn Ober-Pastor Liborius von Bergmann, möchte ich noch über unsere bisherige Verwaltung desselben öffentlich meinen geliebten Mitbürgern eine genaue Rechenschaft ablegen. Der Herr Doktor Med. Nicolaus Himsel, mein naher Verwandter mütterlicher Seite, hinterließ nach seinem sehr frühzeitigen Tode sein ganzes nicht geringes Naturalien- und Kunst-Kabinet mit einer beträchtlichen Bibliothek von 4000 Bänden, besonders aus dem Fache der Physik, der Berensschen Familie zur öffentlichen Aufstellung unter ihrer steten Aufsicht. Zur Unterhaltung und Vermehrung desselben wurde zugleich ein Kapital von 1000 Reichsthalern Alberts vermacht. Dieses Kapital, welches in den ersten 9 Jahren, da die Mutter noch lebte und das Kabinet allein unterhielt, nicht gebraucht wurde, vergrößerte sich durch die Renten bis auf 1645 Reichsthaler Alberts. Zur ersten Einrichtung dieses Kabinets nach dem Tode der Mutter in den bestimmten Zimmern des Stadt-Musei oder der Bibliothek waren 145 Reichsthaler erforderlich, folglich blieb ein Kapital von 1500 Reichsthaler Alberts. Seit 1787 bis 1812 sind nun aus den Renten dieses Kapitals zur ersten Einrichtung, Unterhaltung und Vermehrung desselben 2024 Reichsthaler angewendet worden. Unter den angeschafften Sammlungen und Werken sind vorzüglich folgende bedeutend: Das sehr wichtige und vollständige Münz-Kabinet, von den ältesten und neuesten livländischen und russischen Münzen und Medaillen, an reinem Gehalte des Goldes und Silbers 500 Reichsthaler werth, für welche Summe es von unserm gegenwärtigen Herrn Ober-Pastor Liborius von Bergmann äußerst billig erstanden wurde. Ein Kabinet von mehr als 100 gut und elegant ausgestopften, und hinter Glas aufbewahrten mehrentheils vaterländischen Vögeln und andern Thieren, für 150 Reichsthaler Alberts. An Büchern zur Naturgeschichte das große, berühmte Fischwerk von [76] Dr. Marc. Elieser Bloch in Berlin, die schönste Ausgabe in Folio und mit französischem Text, sechs Bände für 100 Reichsthaler Alberts, unter dem Titel: Ichtyologie ou Histoire naturelle des poissons Berlin 1785, The Vegetabile Sistem by John Hill M. D., London 1770, mit einigen tausend schwarzen Kupfern in zehn großen Folio-Bänden, hier erstanden für die mäßige Summe von 120 Rthlr. Alberts; Species Astragalorum cum Appendice, ein Prachtwerk mit illuminirten Kupfern von P. S. Pallas. Leipzig 1800, in groß Folio, für 60 Rthlr. Alberts. Illustrationes Plantarum, von P. S. Pallas, mit illuminirten Kupfern, Leipzig 1783, in groß Folio, für 42 Rthlr. Alberts. Hortus Berolinensis Plant. variorum[a 12] cum iconibus et descriptionibus, Berol. 1783, in Folio, für 35 Rthlr. Alberts. Entomologie und Helminthologie des menschlichen Körpers, von Dr. J. H. Jördens, mit vielen illuminirten Kupfern, 2 Bände in 4, für 22 Reichsthaler Alberts. Jacquin’s 300 auserlesene amerikanische Gewächse, 3 Bände in 8. Nürnberg 1789, für 72 Rthlr. Alberts. Schkurhs Handbuch des Pflanzenreichs, in 8, mit einigen hundert illuminirten Kupfern, Wittenberg 1791, für 45 Rthlr. Alberts etc. Eine Menge nicht geringer Geschenke an allerhand Naturalien, die einheimische Patrioten und Bürger auf ihren nützlichen Reisen im Aus- und Inlande gesammlet, unter denen auch mein nicht unbedeutendes Herbarium vivum von 3000 Pflanzen aus allen Gegenden der Welt sich findet, auch einige vor 150 Jahren von dem berühmten französischen Botanisten Tournefort in Griechenland und der Levante noch selbst getrockneten Pflanzen, nach dem System des berühmten deutschen Botanisten, Academicien und Hofrath Dr Gleditsch, meines verehrungswürdigsten Lehrers in der Botanik und den übrigen Natur-Kenntnissen, geordnet und wohl conservirt, mit einer nicht geringen Sammlung von aus- und inländischen Mineralien, vorzüglich Sibirischen oder Schlangenbergschen, werden hier aufs Beste aufbewahrt und allen Wißbegierigen gern gezeigt.

Mit dieser oberflächlichen Darstellung und aufrichtig abgelegten Rechenschaft über unsere Verwaltung dieses so patriotischen Geschenkes zum gemeinen Besten, hoffen wir unsere geliebten Mitbürger nicht allein zu erfreuen, sondern auch zu gleichen patriotischen Gesinnungen zu erwecken und anzufeuern.

[77] Jedoch zur höheren Bestimmung und rastlosen Würkung für die möglichste Beglückung seines Reichs rief unsern Kaiser sein Petersburg, und so entschwand auch bald wider diese erfreuende, tröstende Gestalt. Durch Milde und Gnade freundlich zu herrschen, war sein schönes Bestreben, und so athmete Alles wieder für allmählige Besserung der menschlichen Schwächen, für edle Freiheit, Nachsicht und Erbarmung, unter Alexanders schützenden Adlers-Fittigen.

In dieser ganzen Zeit war ich nicht ohne einen redlichen, wahren Freund, den mir der Himmel schon vor dreißig Jahren, zuerst in Sibirien, zugesellte. Dieser war der, in unserm Militair ausgezeichnete, tapfre, leider! zu früh für seine edle Thätigkeit verstorbene, General-Major Heinrich von Körbitz. Als Sekondlieutenant kam er nach der schweren Pugatscheffschen Kampagne 1775, wozu er aus der Krimm, die er als Unteroffizier mit erobern helfen, mit einem Dragoner-Regiment zu Hülfe eilte, jetzt aus dem Orenburgschen bei unserm sibirischen Korps in der Hauptfestung Omsk zu stehen. Ich faßte gleich zu seiner Rechtschaffenheit und getreuen Betriebsamkeit in seinem Fache, besonders der militairischen Ordnung und Oekonomie, das größte Vertrauen. So knüpfte sich unser Freundschaftsband immer fester, und auf meinen guten Rath und Unterricht in seinem nachherigen Lieblingsfache, den Naturkenntnissen, und meine möglichste Unterstützung in seiner ohnehin so musterhaften Oekonomie, konnte er sicher rechnen. Als er nun 1780 im Dienste von seinem General beleidiget, und an seiner militairischen Ehre gekränkt wurde, konnte er nicht weiter bei diesem Korps dienen, und bat daher um Versetzung, welche ihm doch ungern zugestanden wurde. Aber womit diese große Tour nach Moskwa, da er nichts als seine Lieutenants-Sage hatte, unternehmen? Ich war eben im Begriff, meine Station in Sibirien gänzlich zu verlassen; so bat ich ihn und einen andern braven Offizier, Herrn von Boenitzky, mich auf meine Kosten zu begleiten; und so kamen wir, nach der angenehmsten Reise, im Winter nach Moskwa, wo ich sie beide, aber vorzüglich den Herrn von Körbitz, meinem geliebten Bruder, dem Major Adam Heinrich Berens, aufs Beste empfahl, und so weiter meine Tour über St. Petersburg nach Riga allein fortsetzte. Sehr bald erwarb sich der Herr von Körbitz durch seine vortreflichen Eigenschaften die Liebe [78] und eifrige Unterstützung meines Bruders, und so wurde er auch bald als Premier-Lieutenant zur Moskwaschen Division versetzt, und kam, wo ich nicht irre, zu dem Tomskischen Infanterie-Regiment in Moskwa selbst. Wenige Jahre darauf wurde er mit seinem Regiment im Innern des Moskwaschen Gouvernements auf die großen Güter eines gewissen sehr reichen und edlen Fürsten Dolgorucky in die Winterquartiere versetzt, und hier erwarb er durch seine vortrefliche Mannszucht und Oekonomie die höchste Achtung dieses so gerechten als gütigen Fürsten, und da er selbst auf seinen Gütern residirte, so mußten seine Einquartierten, wenn es der Dienst erlaubte, stets um ihn seyn und seinen Hof verschönern. Fast mit Zwang mußte auch der Kapitain von Körbitz, der sich ungern von seinen ihn so liebenden Untergebenen trennte, an diesem glänzenden Hof erscheinen, und von den dankbaren Bauern des Fürsten, wegen seiner guten Mannszucht, bei ihrem Herrn aufs Beste empfohlen, wurde er bald der Liebling dieses so prachtvoll als weise lebenden Fürsten. Man dachte darauf, ihm zu seinen guten Handlungen auch ein nöthiges Kapital zuzuwenden, und dieses konnte nicht anders, als durch Zwang zum Spiele in Kompagnie mit dem so gutdenkenden Fürsten geschehen. Bald sahe er sich hierdurch mit einem kleinen Kapitale bereichert, welches der Fonds zu seinem durch rastlose Thätigkeit späterhin erworbenen Vermögen wurde. Sein Regiment erhielt einen neuen Chef an dem aus der Garde ausgelassenen Obersten, Baron von Litzin, einem Sohn des Oberkammerherrn und ehemaligen Vize-Kanzlers, Fürsten Gallitzin. Dieser neue junge Oberst, der besonders die so wichtigen Oekonomie-Vortheile eines Regiments wohl noch wenig kannte, überließ auf Empfehlung meines Bruders in Moskwa, der im Gallitzinschen Hause sehr geachtet war, dem nunmehrigen Kapitain von Körbitz als Kasnaschei die ganze Oekonomie und neuere bessere Formirung seines Regiments. Nun wurde dieses Regiment nach Cherson versetzt, etwa im Jahre 1786, als bald darauf im folgenden Jahre die große Kaiserin Catharina II. mit dem gleich-großen Kaiser Joseph II. die merkwürdige Reise von Kiew und Cherson in ihr herrliches erobertes Taurien, oder die Krimm, unternahm. Der Kaiser Joseph II. kam aus seinen Staaten früher nach Cherson, und wartete daselbst [79] auf die erhabene Kaiserin Catharina II. Hier wurde unterdeß auf ausdrücklichen Befehl des mächtigen Fürsten Potemkin dieses von Litzinsche neu formirte Regiment, da der Oberste selbst nicht gegenwärtig war, nicht von einem Stabs-Offizier, sondern von dem Kapitain Heinrich von Körbitz, dem Kaiser Joseph II. vorgestellt, und der Kaiser bezeugte sein höchstes Wohlgefallen an diesem schönen und wohleingerichteten Regiment, indem er wünschte, möchte doch dieses schöne Regiment in meiner Armee prangen! Körbitz wurde von dem hellsehenden Kaiser Joseph II. zum Andenken dieser schönen Parade mit einer prächtigen goldenen Uhr beschenkt. Bei der Reise dieser hohen Häupter durch die Nogaische Steppe nach der Krimm wurde dieses Regiment als Garde auf alle Stationen dieser Tour verlegt. Bald nach diesem zum höchsten Ruhm für meinen Freund Körbitz erlebten Zeitpunkt starb sein junger Oberst und Freund, Baron von Litzin, und bei Uebergabe dieses so schön formirten, wohlexercirten und mit allem Nöthigen reichlich versehenen Regiments, an einen andern Obersten, empfing dieser von dem Kasnaschei, Kapitain von Körbitz, an ersparten rechtmäßigen Oekonomie-Geldern baare 20000 Rubel. Der Gemahlin des verstorbenen Obersten von Litzin überbrachte er noch aus dieser Oekonomie-Kasse an 3000 Rubel als Nadelgelder. Als der scharfsehende Fürst Potemkin meinen Freund kennen lernte, sah er gleich in ihm den Mann, den er zur Ausführung seiner großen Plane brauchen konnte. So wurde nun Körbitz zum Major avancirt, und einem gewissen Obersten Bentham, einem Engländer, auf einer ruhmvollen Fahrt im Ozean unsers Nord-Asiens, bis nach Amerika hin, zur Aufsicht und auch der russischen Sprache wegen, zugesellet. In dieser Qualität kam Körbitz wieder nach Sibirien mit großen Empfehlungen an alle dasigen Gouverneurs und Kommandeurs, die zur Beförderung dieser wichtigen Expedition das Ihre beizutragen hatten. Er wurde von dem Chef der Expedition, Oberst Bentham, vorläufig nach Irkutzk und so weiter bis zum großen und für Rußland so wichtigen Amur-Strom in unserm Daurien jenseit des Baikal geschickt, um dort die Anstalten zur Schiffahrt auf dem Amur bis zu seinem Ausfluß in den stillen Ozean, oberhalb Japan, zu treffen. Neuerlich ist dieser wichtige Strom, sammt der [80] großen Insel Sachalin, an dessen Ausfluß, ehemals ganz zu Rußland gehörig, mit seinen noch sehr unbekannten herrlichen Ländern unserer nächsten Nachbaren, Chinas Unterthanen, von dem großen und so glücklichen ersten Weltumsegler der Russen aufs hellste aufgeklärt und berichtiget, welches sowohl für die Wissenschaft, als für unsern Handel in jenen Gegenden höchst wichtig ist. Jedoch alle diese Plane des Obersten Bentham scheiterten, indem man vielleicht ohne reelle Kenntnisse keines glücklichen Ausganges sicher seyn konnte. Nachdem zu diesen großen Unternehmungen schon viele Kosten angewandt waren, wollte man aus England noch benöthigte Hülfsmittel sich verschaffen. Es wurde dem Herrn von Bentham erlaubt, selbst dahin zu reisen; aber vielleicht die Furcht eines Avantüriers hielt ihn zurück, und so unterblieb diese ganze Expedition. Der Major von Körbitz wurde auch zurückberufen, und legte die befriedigendste Rechenschaft über die geführte Kassa ab. Seine Rückreise geschah wieder über Irkutzk, wo er schon vorher mit dem berühmten Akademiker Laxmann bekannt worden, und durch ihn mit dem in Irkutzk sich aufhaltenden Japanischen Kargador, Namens Koday, einem nach dasiger Weise sehr gebildeten, feinen Mann, der an unsern Kurilischen Inseln mit 8 Matrosen gestrandet, und jetzt bei einer neuerrichteten Japanischen Schule seit einigen Jahren schon seinen Unterhalt daselbst genoß. Körbitz trug viel dazu bei, daß dieser merkwürdige Mann nach St. Petersburg zur Vorstellung bei der Gottseligen Kaiserin Catharina II. gelangte. Er wurde hierauf nach seinem Wunsche in sein Vaterland Japan, mit dem Sohne des Professor Laxmann, einem noch geringen Offizier, mit Aufträgen an seinen Kaiser, wieder zurückgesandt. Für diese hohe Gnade wurde vom Kaiser von Japan die erste Erlaubniß bewirkt, daß russische Handlungsschiffe von Ochotzk und Kamtschatka aus nach dem Japanischen Hafen Nangasacky geschickt werden konnten. Mein Freund Körbitz erhielt von dem dankbaren Koday seinen ganzen Japanischen Original-Anzug mit dem schön lakirten Säbel für seine freundschaftliche Unterstützung zum besten Andenken, welches er seinen prächtigen Kabinetten beifügte. Auf Empfehlung seines hohen Gönners, des obengenannten Fürsten Galitzin, übernahm er jetzt als Premier-Major die General-Auditeurstelle bei dem Feldmarschall, Grafen [81] Rasumowsky, in Moskwa. Mit dieser Stelle war jederzeit die Oberaufsicht über alle Güter dieses reichen Grafen und über dessen wichtige Oekonomie-Verwaltung verknüpft. Nun sah er sich wiederum in sein Lieblings-Fach, in redliche und dabei splendide Oekonomie, versetzt. Obwohl er aber das höchste Wohlgefallen des Grafen selbst über seine redlich eifrige Verwaltung in Kurzem sich erwarb, (da alle seine Vorgänger gern diesen Posten als eine sichere Quelle, sich selbst zu bereichern, benutzt hatten, er aber nur in der wahren Ehre seinen schönsten und reichsten Lohn suchte und fand,) so konnte er doch nicht länger als ein Jahr in dieser Station bleiben, weil er den Verdruß und die ungerechten Verfolgungen wegen dieser unerhörten redlichen Verwaltung nicht mehr ertragen konnte noch wollte, wiewohl man ihm den reichsten Ersatz versprach, wenn er nur bleiben und hierin Nachsicht haben wollte. Er bat wieder um Versetzung zur Armee, und besonders nach seinem lieben Sibirien, um seine so nützliche Liebhaberei für alle Naturalien-Sammlungen, alten Münzen und dergleichen, besonders auch der wunderbaren, so genannten Mammouts-Gerippe, in diesem daran so reichen Lande weiter fortzusetzen. Beim sibirischen Dragoner-Regiment, in der Haupt-Festung Ustkaminogorsky, in der südlichsten Gegend der sibirischen Linie, am Fuße des so wichtigen altaischen Gebürges, unweit der reichen Kolyvan-Wascrescenskischen Kaiserlichen Gold- und Silber-Bergwerke, erhielt er jetzt die für seine Neigung angenehmste Station. Hier war es, wo er meine erste Anlage zur Bienen-Kultur in den schönen Dörfern Bobrofsky und Sekissofsky weiter fortsetzte, welche späterhin bis auf die gegenwärtige Zeit zum höchsten Flor wuchs.[14] Nachdem er auch in dieser Station den höchsten Ruhm in seinem Fache sowohl, als in vielem außer demselben beförderten Guten, erlangt hatte, bat er wieder um Versetzung zur Haupt-Armee in der Moldau, etwa im Jahr 1795 oder 1796, um [82] auch dort seinen stets emporstrebenden, thätigen Geist zu beschäftigen. Er erhielt die Stelle beim Phannogorischen Grenadier-Regiment unter dem berühmten General, Grafen Suworow Rümnitzkoy. Aber bald nach der Thronbesteigung des Kaisers Paul I. wurde dieses schöne Regiment unter dem Namen des Taurischen Grenadier-Regiments, zur hiesigen Garnison versetzt, und erhielt zum Chef unsern damaligen würdigsten ersten Kriegs-Gouverneur, General von Benkendorff. Mit diesem schönen Regiment traf er in Gesellschaft seines Freundes, des älteren Majors bei demselben, von Kochius, im Winter 1797 auf 1798, glücklich hier ein, und ich hatte nach vielen Jahren die große Freude, mit meinem geliebtesten, redlichsten Freund wieder zu leben, und eine Zeitlang in den Begebenheiten der vorigen guten Zeiten mit ihm zu schwelgen. Durch das damalige geschwinde Avancement stieg er in kurzem bis zum Obersten, und erhielt das zweite Bataillon dieses Regiments unter sein Kommando. Jedoch bald darauf, 1799 im Frühjahr und Sommer, wurde dieses Regiment, zu der merkwürdigen Campagne nach Holland unter dem General Herrmann bestimmt, in Reval eingeschifft, kam glücklich im Helder von Holland an, und zeigte sogleich in einigen Affairen seine bewährte Treue und Bravour. Der Oberst Körbitz blieb indeß bei der Reserve und den Kranken dieses Korps im Helder zurück, und sorgte und stritt mit den englischen Kommissairen aufs eifrigste für die Subsistenz und Verpflegung unserer braven Truppen, die schon an dem Nothwendigsten Mangel litten. Aber auch diese in Verbindung mit England unternommene Diversion sollte nicht glücken, und so gerieth der General Herrmann in die Gefangenschaft, die Engländer retirirten, konnten die Expedition, da man so wenig in das Innere von Holland eingedrungen war, nicht weiter fortsetzen, schifften sich wieder nach England ein, und brachten unsere braven Russen zur Verpflegung in die Winter-Quartiere der englischen Insel Guernsey. Der Oberst von Kochius war blessirt; ihn traf die Tour zum General-Major, er nahm hierauf seinen Abschied, und so wurde nun zum Kommandeur des Taurischen Regiments der älteste Oberst, von Körbitz, ernannt. Aber noch in diesem Winter traf auch ihn die Tour zum General-Major, und er erhielt zugleich als Chef das vakante äußerst schöne Pawloffsche Grenadier-Garde-Regiment. [83] Mit dem ersten Frühjahr 1800 wurden unsere Truppen aus diesem Winterquartier in Guernsey allmählig wieder eingeschifft, um zurück nach Rußland transportirt zu werden. So traf auch dieses schöne Garde-Grenadier-Regiment unter seinem sorgsamen Chef, dem General-Major Körbitz, glücklich zu Kronstadt ein, wurde im besten Zustande wiederum ausgeschifft und bei Oranienbaum ans Land gesetzt. Hier besichtigte zuerst unser damaliger Großfürst Alexander dieses glücklich zurückgebrachte Regiment, fand selbiges mit seinem neuen Chef in bester Harmonie und Ordnung, und nach Seiner Ihm angebornen Herzensgüte unterrichtete er den Chef desselben, wie er gleich bei Vorstellung seines Regiments sich bei seinem erhabenen, strenge Ordnung liebenden, Kaiserlichen Vater, besonders auch in dem, ihm wohl noch unbekannten, kleinen Handdienst beliebt machen könnte. Gleich bei der ersten Vorstellung dieser schon alten bewährten braven Grenadiere bezeigte der Kaiser Paul I. dem würdigen Chef derselben, so wie auch dem ganzen Regimente seine wohlwollendste Zufriedenheit, und als einige Tage darauf ein kleines Manöuvre mit selbigen noch bei Petersburg angestellt wurde, hing der gütigst lohnende Kaiser Paul I. mit eigener hoher Hand dem General Körbitz ein Komthurei Maltheserkreuz allergnädigst um. Nun rückte dieses Regiment in sein gewöhnliches Standquartier zu Pavlofsky ein; der Chef desselben war immer auch Kommandant dieser Vestung und des erhabenen herrlichen Sommersitzes der allgeliebten und nie genug zu verehrenden großen Kaiserin-Mutter Maria, jenes wahren mütterlichen Vorbilds und der höchste Zierde ihres Geschlechts. Hier und in Gatschina, wohin ein Bataillon desselben verlegt ward, fand nun wider dieses schöne Regiment unter seinem würdigen Chef die beste Verpflegung und gerechteste Behandlung, und so erwarb er sich auch bei seiner erhabenen Kaiserin Maria Achtung und gnädigstes Zutrauen, so wie er bei seinem gerechten und hoch geliebten Kaiser Paul I zu jeder Zeit mit alter deutscher Redlichkeit und offener Stirn Zutritt und Eingang fand. Aber nur kurze Zeit dauerte dieser höchste Lohn seines redlichen Diensteifers.

Alexander, der Erhabene, und würdigste Sohn seines hochgerechten [84] Vaters erschien in edler liebreicher Jünglings-Gestalt auf dem erhabenen Thron Rußlands, und nichts war ihm unangenehmer, als wenn jene treu-erkannten Diener seines verewigten Vaters ihm ihre ferneren Dienste versagten. Verschiedene gütigste Vorschläge wurde von hoher Hand dem Kommandanten von Pawlofsky, General Heinrich von Körbitz, zur Beibehaltung seiner ferneren Dienste gemacht. Aber hier lag es wahrlich nicht an seiner Bereitwilligkeit, auch dem erhabenen Sohne des von ihm ewig zu verehrenden Kaiserlichen Vaters in unerschütterlicher Treue und möglichstem Diensteifer sich zu widmen, sondern vielmehr, wie es sich auch in der Folge zeigte, an seinen Gesundheits-Umständen, die in seinem stets thätigen Dienst-Eifer sehr gelitten hatten, und ihm das Gefühl gaben, er besitze, für seine Art zu dienen, nicht mehr Stärke genug. Er bat daher um seinen Abschied, um in Ruhe aufs möglichste seine Gesundheit wieder herzustellen, und dann vielleicht seine treuen Dienste gewissenhafter wieder anbiethen zu können. Mit der halben Pension seiner Generals-Gage wurde er verabschiedet, und nun brachte er erst seine große Liebhaberei für Mineralien und andre Naturalien, auch Alterthümer, und die bisher noch von Niemanden gesehenen großen Pracht-Kabinette zum Vorschein und in Anschlag zu seiner noch künftigen ruhigen Lebenszeit. In Moskwa, wo er diese wichtigen Schätze für seine so nützlichen Kenntnisse und Liebhabereien sicher aufbewahret hatte, erschien er nun wieder als alter bewährter Hausfreund bei meiner noch lebenden würdigen Schwägerin, die, wie oben gemeldet, an dem Major von Redderhoff, den zweiten würdigen Mann erhalten hatte. Nun nahm er seine so lange verborgenen Sammlungen wieder hervor, schwelgte gleichsam in der Erinnerung an ihre so mühsame Anschaffung, und stellte diese ihm so werthen Sammlungen in einigen Zimmern noch während der hohen Krönung unsers neuen Kaisers Alexander fast öffentlich auf. Man bewunderte zwar diese schönen und reichen Naturprodukte Rußlands, und besonders Sibiriens, aber der wahre Werth konnte eigentlich nur im Auslande erkannt werden. Daher entschloß er sich, nachdem er vorher bei meiner Schwägerin von Redderhoff, in ihrer Krankheit und auch nach ihrem Tode, bei ihren hinterlassenen Kindern seine treue Freundschaft in möglichster [85] Fürsorge und Unterstützung bewiesen hatte, diese Naturschätze hieher zu mir zu bringen, um mit mir zu überlegen, was weiter damit anzufangen wäre. Mein erster Gedanke dabei war gleich, sie unserem Alexanders-Musensitz zu Dorpat als prächtige Monumente von Rußlands reichen Natur-Schätzen anzubieten, damit sie gleich bei der Pforte dieses mächtig großen Reichs die Bewunderung aller Rußland besuchten Ausländer auf sich ziehen mögten. Aber dieser Gedanke konnte nicht ausgeführt werden, da es dieser fast ganz neuen Akademie an den nothwendigen Bauten und übrigen Hülfsmitteln noch fehlte, so daß sie an solche Ausgaben noch nicht denken durfte. Da nun mein Freund seiner Gesundheit wegen nothwendig eine Reise nach den heilsamen Bädern Deutschlands zu machen hatte, so nahm er die schönsten und prächtigsten Stücke, besonders der Mineralien-Kabinette, mit, um im Auslande, mit Rußlands Größe und Reichthum zu prangen, und selbige vielleicht noch besser dort anzubringen. Mit vieler Mühe und Beschwerde unternahm er diese Reise im December 1802, und brachte die gewichtreichen Kabinette noch glücklich nach Berlin, wo er sie im Frühjahr 1803 in fünf dazu gemietheten Zimmern den dasigen Kennern und Liebhabern öffentlich vorstellte. Man war einstimmig der Meinung, daß man so etwas Schönes und Prächtiges von Rußland, und besonders von Siberiens, Natur-Produkten, noch nie gesehen hatte. Der englische Gesandte daselbst, der die Sammlung betrachtet hatte, versicherte ihm, wenn es möglich wäre, sie in London öffentlich aufzustellen, er für die bloße Ansicht schon eine ansehnliche Summe Geldes erhalten, und selbige überdieß in seiner Disposition behalten würde. Der König von Preußen schickte auf diesen allgemeinen Ruf seine ersten Mineralogen und Akademiker zum Herrn von Körbitz, um diese schönen Naturseltenheiten Rußlands betrachten zu lassen und ihm den sichersten Bericht darüber abzustatten. Man bestätigte dasselbe, was Kenner hierüber ausgesagt, mit der unterthänigsten Bitte, selbige für seine Akademie in Berlin, die so was Schönes und Prächtiges noch nicht in ihrem Naturalien-Kabinet hatte, erhandeln zu lassen. Man erkundigte sich auch nach dem Preise derselben, und erhielt zur Antwort: nicht unter 10000 Reichsthaler Kourant, welches zwar gar nicht unbillig, aber für damals nicht [86] annehmlich war, weil man von unserm Kaiser aus Petersburg eine große Sammlung aller merkwürdigen Mineralien Rußlands erwartete; dennoch bot man etwa die Hälfte dieses verlangten Preises noch an, wofür die Sammlung aber nicht abgegeben werden konnte. Nun wurde alles mit eigner Hand aufs beste wiederum eingepackt und einem braven kreditvollen Handlungshause zu Berlin, den Herren Favreau und Sohn, zur sicheren Verwahrung übergeben. Selbst eilte Körbitz jetzt nach Töplitz und Karlsbad, kam noch glücklich, doch schwach an Kräften, nach Leipzig, woselbst seine letzte Krankheit in einer über den ganzen Körper sich ausbreitenden schrecklichen Wassersucht sich äußerste, an welcher dieser, in aller Art so würdige Mann und wahre Menschenfreund bis in den October desselben Jahres bedauernswürdig sich quälen mußte, bis endlich sein edler Geist von dieser gebrechlich-sterblichen Hülle erlöset wurde und seine nur wenigen wahren Freunde allhier in tiefste Trauer versetzte. Ehe er aus meinem Hause abreiste, brachte er auf seinen etwanigen Tod alles in Ordnung, und hinterließ mir, seinem Vertrautesten, seinen letzten wohlthätigsten Willen in einem versiegelten Testamente, das ich nach seinem erfolgten Tode im hiesigen Kaiserlichen Hofgericht einzureichen hatte. Mit der officiellen Benachrichtigung von seinem traurigen Ende durch den Russisch-Kaiserlichen Konsul und damaligen Hofrath J. Schwartz in Leipzig, mit welchem Freunde er alles noch vor seinem Ende berichtiget hatte, was nach seinem Tode zu befolgen wäre, erhielt ich auch alle wichtigen Papiere, die zu Vollsteckung seines letzten Willens von nöthen waren. Aus dem im Kaiserlichen Hofgericht öffentlich verlesenen Testamente sah man, daß der verabschiedete General-Major und Ritter von Kochius, ich und mein Schwiegersohn, der hiesige Kaufmann erster Gilde Carl Diedrich Bienemann, zu Kuratoren und Exekutoren dieses Testaments erbeten und eingesetzt waren. In dieser Qualität wurde durch uns vom Kaiserlichen Hofgericht bestätigte Kuratoren laut Vorschrift des Testaments allenthalben in den öffentlichen Blättern hier in Rußland und in Deutschland, von da her der Wohlselige stammte, sein erfolgter Tod und die Aufforderung seiner darin bestimmten nächsten Erben proklamirt. Auf diese Proklamation und Aufforderung meldeten sich auch verschiedene Erben von seinen nächsten armen [87] Verwandten in Preußen und Deutschland; auch noch Anforderungen auf seine Nachlassenschaft. Während der Untersuchung über die Richtigkeit der Ansprüche dieser Erben, besonders aus Preußen, wurden zuerst die baar begebenen Gelder, und auch der Ertrag von seiner geringen Nachlassenschaft bei mir, dem Kaiserlichen Hofgericht gehörig abgeliefert, und da wir auch die in Berlin und Leipzig nachgelassene Haupt-Effecten, nach sicherer Bestimmung der wahren Erben, zu Gelde machen wollten, war der verderbliche Krieg in Preußen mit Frankreich ausgebrochen, und die Franzosen hatten Berlin besetzt; folglich konnten die Kabinette daselbst, und auch in Leipzig, nicht mit Sicherheit veräußert werden. Erst im Jahr 1811 wurden in gesetzlichen Abscheiden des hiesigen Kaiserlichen Hof-Gerichts die eigentlichen Erbnehmer bekannt und bekräftiget, die Legatarii befriediget und auch alle übrigen Anforderungen berichtiget, aber dabei die bisherigen Kuratoren und Exekutoren Testamenti verbindlich gemacht, den Schluß dieser Erbschafts-Sache durch Veräußerung der Effecten in Berlin und Leipzig und durch gehörige Vertheilung der zu Gelde gemachten ganzen Nachlassenschaft an seine gerichtlich bestimmten Erben oder deren Cessionarien, zu Stande zu bringen. Da ich nun Miterbe und Haupt-Kurator in dieser Erbschaftssache bin; so habe ich mich der armen hinterlassenen Waisen, der wahren Geschwister des wohlseligen Generals Körbitz, in Preußen seßhaft, vorzüglich anzunehmen und für selbige zu sorgen. Meine erste Idee, diese schönen Pracht-Kabinette unserer vaterländischen Universität zu Dorpat wo möglich zuzuwenden, glaubte ich jetzt wiederum verfolgen zu können, und mich erdreisten zu dürfen, die noch in Berlin und Leipzig sich befindenden Kabinette, von denen auch ein geschriebener vollständiger Katalogus in deutscher Sprache, von den berühmtesten Mineralogen und Akademisten in Berlin angefertiget, vorhanden ist, unserm großmüthigsten Pfleger der Armen und Waisen, dem hohen Unterstützer alles Guten und Gerechten, unserm besten Kaiser Alexander, anzubieten. Ein jeder, und auch der geringste Preis dafür, wird annehmlich seyn; jedoch wage ich es noch, aus patriotischem Eifer, den unmaaßgeblichen Wunsch zu äußern, daß diese vaterländischen Produkte auch wiederum in ihrem Vaterlande, und zwar auf [88] unserer Kaiserlich ausgestatteten Universität zu Dorpat prangen mögen, damit aller Welt Alexanders hoher Ruhm beim Eingange Seines großen glücklichen Rußlands verkündiget werde. Wenn dieses gnädiglich aufgenommen werden sollte, so biete ich mich gern an, wenn anders meine Gesundheits-Umstände es erlauben sollten, diese dann Kaiserlichen Kabinete in eigner Person wieder zurück zu bringen, und, wohin es verlangt werden sollte, sie gehörig aufzustellen. Auch würde ich meines seligen Freundes auserlesenes Mineralien-Kabinet, das hier mein Eigenthum geworden, dem Kaiserlichen Gymnasio zu Riga, seinen wißbegierigen Schülern zum Besten, dankbarlich verehren. Auf unsern ehemaligen redlichen würdigsten Landrath, gegenwärtigen würklichen Staatsrath und Ritter, wie auch Kaiserlichen Gouverneur in Mitau, von Sievers, meinen stets sehr hochgeschätzten Gönner und Freund, mit dem ich in unsern so wichtigen neueren Zeiten zum Besten unsers guten Vaterlandes jederzeit gleichen Schritt zu halten gestrebt habe, beziehe ich mich hiebei, und hoffe auf seine kräftige Mitwürkung in dieser Sache; auch bin ich zum voraus überzeugt, daß er dieß zum Besten des Allgemeinen dargebrachte Opfer gütigst unterstützen werde.

Ehe ich noch zum Schlusse dieser Denkschrift und zur Anwendung auf unsere gegenwärtigen Zeiten komme, treibt mich die Dankbarkeit von meinem seit mehr als 20 Jahren mir bekannten achtungswerthen Verwandten und Freund, dem ehemal. Mitgliede des hiesigen Gouvernements-Magistrats, Herrn Assessor Joachim Ebel, Kaufmann erste Gilde und Aeltesten der schwarzen Häupter-Gesellschaft allhier, noch etwas hinzu zu setzen. Dieser von uns Allen, die ihn kennen, geachtete, an unserer Rigaschen und den ersten ausländischen Börsen kreditvolle Mann, der voll Gemeingeist für das wahre Beste u. die Ehre der Stadt seine Kräfte in aller Art stets geopfert, hat vorzügliche in den letztern Jahren seines so weise genossenen Wohlstandes auch für das Vergnügen und die angenehmste Erholung seiner Freunde und übrigen Mitbürger gesorgt. Etwa 4 Werste von der Stadt, jenseit unserer Düna, hinter einem alten Fichten- und Tannenhain, erfreut er sich eines schönen Sommer-Aufenthalts, den Ebels Lust zu nennen, mir erlaubt sey. Der vorige Besitzer, Herr von Blankenhagen, hatte schon ein ganz neues geschmackvolles Sommerhaus, nebst verschiedenen [89] nützlichen Nebengebäuden erbaut, und so kam es im Jahr 1799 in die schöpferischen vermögenden Hände unsers verehrten Freundes. Gärten, Plantage und die umliegenden zum Theil niedrigen und morastigen, zum Theil höheren und sandigen Ländereien, waren noch wenig kultivirt. Bald aber wurden Obst- und Küchengärten nicht allein in den zierlichsten besten Stand versetzt, sondern auch mit allerhand Gewächs- und Treibhäusern und Kasten zur Aufbewahrung schöner Blumen-Arten und ausländischer Gewächse, und zur Treibung feinerer Obstarten, als Ananas, Pfirsichen, Aprikosen etc. versehen. Er bediente sich dabei des Raths und der Hülfe unserer hiesigen Garten-Dilettanten, als des wohlseligen Bürgermeisters Holst, würdigsten Andenkens, und des noch jetzt lebenden achtbaren und sehr betriebsamen Aeltesten C. F. Groot, dessen herrliche Anlagen in der Gärtner-Kultur aller Art ich ausführlichst und rühmlichst erwähnt (in meiner Abhandlung über die wichtige Kultur des Rhei rhapontici etc. in unserem nordischen Archiv von 1804, December-Monat Pagina 220) und die gegenwärtig im größeren Flor reichlichen Ertrag gewähren. Mit geschickten Gärtnern, und besonders mit eigenem Fleiße und liebenswürdiger Betriebsamkeit und Aufmerksamkeit, wurde in wenigen Jahren dieser Sommersitz in einen Lust- und Erhohlungsort, nicht allein für den Besitzer und seine ihn wahrhaft verehrenden Freunde, sondern auch zum öffentlichen Genuß für sein liebes Rigasches Publikum umgeschaffen. Mein schwacher Pinsel wagt es, mit Hülfe der lieblichen Göttin Flora, ein, wenigsten wahres, Gemählde dieser unserer Ebels Lust zu entwerfen.

Man fährt oder geht auf einem mühsamen, sandigen Wege bis zu einem gehegten schon alten Tannen- und Fichtenhaine, und kömmt entweder auf der rechten Seite dieses schönen Hains durch eine Allee von noch jungen Pappelbäumen zum offenen Eingang in die, nach neuerem engl. Geschmack angelegte, für Jedermann offene schon schattenreiche Plantage, oder durch den dunkelen Hain, an die offene Pforte des entgegen kommenden, gastfreien und allen seinen Freunden so wohlwollenden Besitzers dieser Sommer-Lust. Zum schönsten, modernsten, wiewohl nur bürgerlichen, Sommerhause geht man auf zierlichen Wegen, unter, schon von vorigen Besitzern, regelmäßig gepflanzten und wohlunterhaltenenen, schattenreichen Linden, [90] und ruht sich gleich, an schönen Sommertagen, unter dieser Linden-Pflanzung, oder im entgegengesetzten Falle, in den lachenden Gemächern des Hauses selbst, bei einem frugalen, mit wahrer Freundschafts-Würze, gereichten Frühstück, in heiteren Gesprächen über die Neuigkeiten des Tages etwas aus. Nach Wohlgefallen macht jetzt ein Jeder nach seinem Geschmacke allein, oder auch mit Andern zusammen, noch vor der Mahlzeit eine Promenade in den Gärten und Plantagen, hinter dem Hause, wo auf einer offenen erhöhten Plattform mit einer umgränzenden schönen Kolonnade die herrlichste Aussicht von allen Seiten sich zeigt, und von der eine wohl geschmückte Treppe hinunter führt. Man erblickt itzt ein großes Rondeel im Geschmack eines englischen Bowlinggreens, wo in der Mitte ein einziger alter Lerchenbaum (pinus Larix Linn.) pyramidalisch gezogen, neben einer großen Silber-Pappel (Populus alba Linn.) steht. Von der linken Seite führt ein bedeckter alter Lindengang zu dem schönen Badehause; an der rechten Seite sind allerlei in- und ausländische Sträuche und Bäume; dazwischen Beete mit den schönsten Sommer- und perennirenden Blumen, Pflanzen[a 13] und Gewächsen, abwechselnd für Frühjahr, Sommer und Herbst. Auf den schönsten trockensten englischen Grabbel-Wegen fängt nun besonders der Natur-Kenner und Verehrer seine erquickende Promenade an, und findet gleich in dem Bowlinggreen vor der Treppe des Hauses ein ovales Erdplateau mit lauter in den Gewächshäusern aufbewahrten ausländischen schön blühenden Stauden und kleineren perennirenden Gewächsen. Hier sieht man die wohlriechenden Rosen- und übrigen schön blühenden Geranien und Pelargonien in mancherlei Gestalten, mit gelben, rothen und weißen Amaranthen oder Hahnenkämmen; die in mancherlei Farben schön blühenden Celosien; dazwischen einzelne höhere blau blühende Kampanulen mit den schönen rothen Salvien, Hedyfleren und der karmoisinrothen, mit aschgrauen Blättern und Stengeln gezierten, Colutoa frutescens; ferner die höhere, weißgraue Cineraria mit gelben Blüthen, mit der niedrigen, in kleinen Glocken schön gelb blühenden Hermannia etc., in bunter ergötzender Mischung durcheinander gepflanzt, und den ganzen Sommer über mit abwechselnden mannigfaltigen Blüthen das Auge belustigen. An beiden Seiten der Treppe des Hauses [91] ist das hohe Fundament theils mit der rankenden Passions-Blumen-Staude (Passiflora), theils mit Stauden von rothen und weißen Centifolien bedeckt, und vor diesen sind wiederum kleine Erdrundeele mit der wohlriechenden, den ganzen Sommer und Herbst hindurch ausdaurenden Reseda odorata, der allgemein bekannten wohlriechenden Reseda. Man verfolgt jetzt den Weg und erblickt an der rechten Seite des Hauses ein großes Erdrundeel voll der schönsten Centifolien-Rosenstauden, mit deren Blumen in der Blüthezeit Tischgäste und andere promenirende Freunde aufs reichlichste geschmückt werden. Dicht am Wege rechts und links sieht man kleinere runde Erdplateaux, die mit mancherlei in- und ausländischen schönen Blumengewächsen, als den gefüllten Winter- und Sommer-Levkojen, schönem gelbem Lack und bunten Anemomen besetzt sind. Das nächste kleinere Plateau linker Hand am Wege ist ein[a 14] an den schönsten amerikanischen Gartenblumenstauden, als der prächtigen, in verschiedenen Farben den ganzen Sommer hindurch blühenden, Hydrangea Nortensis Wild., oder der schönblühende Hydrangea, mit dem so wohlriechenden bekannten und auch schön blühenden Heliotropium peruvianum, oder wohlriechendem Skorpionschwanz, Wild., nebst der mit unzähligen scharlachrothen kleinen Blüthen bestreuten Fuchsia coccinea, oder der scharlachrothen Fuchsia Wild.[15] in den zierlichsten Pyramidenformen. Weiterhin auf den Wegen am Rande des Bowlingreens trifft man noch verschiedene Erdplateaux mit, nach den Jahreszeiten abwechselnden, auserlesenen Blumengewächsen. Hier ein Gruppe mit den schönsten gefüllten Nelkenstauden; dort die wohlriechende in weißen langen und nur gegen Abend sich eröffnenden Korollen (Mirabilis longiflora) mit der buntblühenden Jalappa und andern Sommergewächsen, als der porzelainfarbigen Noluna prostrata, mit der dreifarbigen Winde (Convolvulus tricolor) und dem Mesembryanthemo cirstallino, oder der eisartigen Zaserblume Wild., mit auf der Erde liegenden Aesten, wie auch verschiedenen [92] Violen oder bunten Stiefmütterchen (Viola tricolor). Hier wiederum ein Plateau mit mannichfaltigen amerikanischen hohen und niedrigen Astern für den Herbst, und dort ein ganzes Plateau mit den immerblühenden kleinen so genannten Monats-Rosen (Rosa semper florens chinensis Wild.) in allerlei Schattirungen der Farben. Auf der rechten Seite ist der Weg mit schattenreichen in- und ausländischen Bäumen und Sträuchen eingefaßt; man findet schöne Birken, allerlei Pappeln, Sorbus aucupuria, oder die Pielbeere, junge, aus Saamen gezogene, Eichen, den hier gezogenen und ausdaurenden nordamerikanischen schwarzen Wallnußbaum, (Juglans nigra Linn.), die Roßkastanie (Aesculus Hippocastanum), die amerikanische und jetzt hier fast einheimische wohlriechende Himbeerstaude (Rubus odoratus Linn.), verschiedene Sorten Acacien, oder die schöne amerikanische Robinia pseudoacacia, mit den wohlriechenden weißen Traubenblüthen, leider hier nicht ausdaurend, häufig aber die siberischen Sorten Acacien oder Erbsenbäume mit gelben Blumen, als Carajanna, frutescens, und die schwer zu erhaltende Robinia halodendron Pallas; ferner die bekannten sibirischen Spirstauden roth und weiß, oder Spirea salicifolia, opulefolia, hypericifolia, crenata, triloba Laxm., Pyrus baccata Wild., oder die kleinen Paradiesäpfel aus Daurien in Siberien, Lycium europaeum, der Seidelbast oder Bocksdorn Wild. Cytifus laburnum, der gemeine Bohnenbaum Wild.; die Hahnbutten-Rose und Rosa eglomteria, oder die Weinrose mit wohlriechenden Blättern, Colutea arborescens, der baumartige Blasenstrauch Wild., Viburnum opulus, oder der einfache und gefüllte Schneeball, Sambucus canadensis, oder der kanadische Fliederstrauch mit schönen rothen Traubenbeeren im Herbst. Daneben und unter diesen Gesträuchen sieht man allerhand perennirende und Sommergewächse, als Herperis matronalis und tristis, ferner die wohlriechenden Nachtviolen, die Aquileien, Frittillarien, Delphinien oder Rittersporn, Acociten[a 15], Carduus mariae, Campanula pyramidalis, die wohlriechende Caprifolien, gefüllte Rosensträuche roth, weiß und gelb etc. So kömmt man nun in der Mitte des Platzes auf ein kleines Rondeel, das den Bowlinggreen von einem offenen Erdplatz, der mit alten und jungen Aepfelbäumen bepflanzt ist, die mehrentheils mit den schönsten [93] und reichsten Früchten prangen, scheidet. Noch befinden sich unter diesen Bäumen und auch am Rande des Weges von beiden Seiten, als eine Einlassung, eine Menge Erbeerstauden mit reizenden Früchten zur Erquickung der Vorübergehenden. Auf gleichen von Grabbel bereiteten Wegen geht man durch oder um diesen schönen Fruchtgarten, und kömmt zum ersten und älteren Teiche, der dießeits offen ist und jenseits von einem Wäldchen begrenzt wird, das größtentheils aus alten Birken besteht; hier ist die eigentliche Tages-Promenade. Will man zur Rechten dieses, mit reinen Rasenufern versehenen, Teiches, so geht man eine Erhöhung hinauf, die von der einen Seite mit allerhand Plantagen-Sträuchen und Bäumen, und von der anderen Seite am Teiche mit Erdplateaux der schönsten gefüllten Rosensträuche, mit verschieden Lupinen, dem weißen Dictam, Dictamnus albus und der im Frühjahr schön roth blühenden sibirischen Saxifraga crassifolia, oder sibirischen Theestaude, eingefaßt ist. Indem man den Hügel hinaufsteigt, präsentirt sich ein schon alter, aber noch im besten Wuchse sich befindender, hoher Gränenbaum (Abies rubra), der mit seinen weiten, fächerartigen dunkelgrünen Aesten, und daneben mit noch einem alten schönen Birkenbaum den ganzen Hügel, bis zum Teiche hin beschattet, und von unter gesehen, mit seinen langen lichtbraunen Saamenzapfen, bei wahren Liebhabern solcher Naturschönheiten die angenehmsten Gefühle erwecket. Auf diesem so schön bepflanzten Hügel steht ein Japanischer niedlicher Tempel zum Ausruhen und Uebersehen der untern offenen Flächen, und unter diesem runden Hügel ist hart am Teiche eine gemauerte, gewölbte Grotte, wohin man auf schattenreichen versteckten Wegen, durch das Birkenwäldchen gelanget. Jedoch ich gehe wieder herunter aus diesem erhöheten Ruhetempel und stoße zur linken an dem mit allerhand buntem Geflügel belebten Teich auf ein schönes modernes Badehaus, das mit den niedlichsten, kleinen geschmackvollen Nebengemächern versehen ist, und wohin der oben genannte bedeckte Lindengang eigentlich führet. Von diesem schönen Badehaus führt der Weg zur rechten über Wasserkanäle auf niedlichen Brücken in obiges Birkenwäldchen, oder man geht links durch schön gezogene Fruchtbäume en Spalier, vor denen allerhand schöne Blumengewächse stehen. Zu [94] beiden Seiten ist der neu angelegte Fruchtgarten, von allerlei eigen gezogenen, jungen Obstbäumen, unter welchen die ganze Fläche mit den schönsten Garten-Erdbeeren reichlich besetzt ist; beide Plätze sind von einer Himbeernhecke und einem Wasserkanal umschlossen. Ueber den Kanal kommt man zu den offenen, herrlich kultivirten Wiesen, wo vor 50 Jahren ein sumpfiger schädlicher Morast sich befand, und jetzt, durch äußerst betriebsame Kultur, die fruchtreichsten Felder und Wiesen prangen. Sobald man über die Brücke kömmt, zeigen sich von beiden Seiten des Grabbel-Weges große Erdplateaux mit hohen nordamerikanischen Pappeln (populus canadensis Linn.), und mit den in diesem Boden vorzüglich geschwind und üppig wachsenden Lerchenbäumen (Pinus Larix Linn.) schon in hohen Pyramiden, nebst andern fröhlich wachsenden Sträuchen, als: Lonicera tartarica, Dierwilla, pyrenaica, oder die schön blühende sibirische und amerikanische Lonicere, ferner der Cornus sanguineus, oder der rothe Hartriegel Wild. Philadelphus coronatus, der wohlriechende Pfeifenstrauch, Wild., oder die süße brüderliche Liebe, kanadische Flieder, einheimische Barbaritzensträuche, Spiräen, Robinen[a 16], potentilla fruticosa Linn. oder strauchartiges Fingerkraut Wild. mit schönen gelben Blüthen, aus Sibirien, etc. und auf der offenen Wiese einzelne schöne Birken, Silberpappeln und Lerchenbäume. So schlängelt sich der Weg nach einer kleinen Höhe, auf der ein offener Tempel steht, von acht Säulen getragen; hier breitet sich eine freundliche Aussicht über die reinen Wiesen aus, bis zur Mitauschen Landstraße hin. Von diesem schönen Flecke führt der Weg gerade durch die Wiesen, in den nahen, zu dem Gütchen gehörigen Fichtenwald, den auch einige Eichen zieren; oder man kehrt rechts über Kanäle durch das schattenreiche Birkenwäldchen, längs den großen Wiesen und Sommer-Aeckern zurück. Außer den mit allerlei schicklichen Bäumen und Sträuchen besetzten Erdplateaux ist der sonst offene Weg von beiden Seiten nicht unbenützt gelassen, worunter für mich ein Lieblingsplateau von lauter in- und ausländischen Nadelhölzern; man findet hier die herrliche amerikanische Lord-Weymouthsfichte (Pinus Strobus Linn.) mit dem inländischen Lerchenbaum, (Pinus laris Linn.), die amerikanische Balsam-Tanne (Pinus balsamea Linn.), mit den inländischen rothen und weißen Tannen [95] (Abies rubra et alba Linn.), die im schönsten, üppigsten Wuchse gleichsam mit einander wetteifern; auch daneben die amerikanische Hemloks-Tanne, Sprucifer, Juniperus oder Wacholder, und den Lebensbaum (Thuia occidentalis, oder Arbor vitae Linn.) Man biegt jetzt rechts auf diesem Wege, der auf beiden Seiten mit einigen Erdplateaux von allerlei Gebüschen eingefaßt ist, und kommt wieder über den Kanal in das eigentliche Promenier-Wäldchen. Hier stößt man auf den zweiten, größeren runden Teich, oder Wasserbehälter, in den alle Kanäle fließen, der mit Fischen besetzt, und dessen Ufer mit den schönsten Rasen ausgelegt sind; auch er ist mit allerhand Wassergeflügel, besonders buntfarbigen Enten, belebet. Um diesen Teich zur linken geht der Promenier-Weg längs den großen Wiesen wieder in das Birkenwäldchen; zur rechten aber gleich in diesen schattenreichen Hain, wo man zuerst auf einem offenen Platz ein wohl unterhaltenes Vogelhaus mit allerhand inländischen Singvögeln erblickt und der Liebhaber unter diesem singenden bunten und munteren Gefieder sich aufheitern kann. Man geht weiter und trifft auf ein großes Rundeel, das von lauter schönen Lerchenbäumen umgeben ist, unter denen hin und wieder Ruhesitze stehen. Nun schlängelt sich der Weg in die dunkelste Partie dieses schönen und schon alten Birkenhains zur oben angezeigten Grotte. Vor dem Eingange und vor einer kleinen von Birkenstämmen verfertigten Brücke steht ein sehr alter Birkenbaum, der in dieser kühlen Einsiedelei, dem denkenden Leser, das ruhig erquickende Alter vorstellt. Die äußere Mauer dieser Grotte ist mit Epheu und wildem Weinstock bekleidet, und in der kühlen Grotte selbst sind rundherum Ruhesitze von weißem weichem Mooß, mit einem steinernen Tisch in der Mitte. Aus dieser Grotte kann man auf einem Fußsteig zur rechten, durch dunkele Gebüsche wieder auf die Höhe des japanischen Tempels gelangen, oder man geht bequemer den Promenir-Weg wieder zurück und kömmt wieder längs den offenen Wiesen über den äußersten Grenz-Kanal und ländlichen Brücken in den begrenzenden letzten Fichtenhain an der äußeren Allee und dem Fahrwege. Will man nun in dieses Wäldchen nicht eintreten, so geht man zur Rechten auf dem Promenir-Weg fort und kommt an einen großen runden und mit allerhand Gräsern und Futterkräutern, als rothem [96] weißem und gelbem Klee, besäten Wiesenplatz, wobei am Rande des, bis zum Ausgange fortlaufenden, Weges, von beiden Seiten große Erdplateaux, mit verschiedenen Gruppen in- und ausländischer Bäume und Sträuche, sich dem Auge des Kenners und Liebhabers darstellen. Besonders sind die Gruppen von selbstgezogenen, schönen, jungen Eichen, auch hin und wieder die amerikanische schwarze Wallnuß (Juglans nigra.), sehr angenehm zu betrachten. Dieser letzte Wiesenplatz ist am großen Fahrweg mit Zaun und Hecke vom gesäeten Crataegus Oxyacantha, oder dem deutschen Weißdorn, der aber hier nicht fort will, und an dessen Stelle unser einheimischer, sibirischer schönster Dornstrauch, oder Robinia spinosa Laxm. zu setzen wäre, eingeschlossen. So hat man nun in den abwechselndsten und angenehmsten Promenaden, seinen Sinn für die Natur erfreut, und geht entweder in der fröhlichsten Stimmung und mit den herzlichsten Dankgefühlen für den gütigen Besitzer dieses Jedermann geöffneten schönen Landsitzes, der hier so einzig in seiner Art ist, wieder zum äußeren Fahrweg an dem großen Walde hinaus, oder auch zum gefälligsten Wirthe, in das lieblichste Sommerhaus und in die Gesellschaft seiner ihm herzlich ergebenen Freunde und Gäste, die er in seinen eigenen Equipagen gütigst hin und zurückfahren läßt.

Für Kenner und Liebhaber ist der Treib- und Küchengarten, mit jeder Art von Gewächshäusern und Treibkasten für zartere Gewächse aus allen Gegenden der Erde wohl versehn, nichts weniger angenehm als jene Plantagen. In den Gewächshäusern für die Gewächse der warmen und heißen Zonen der Erde erblickt man die Dattel-Palme, den Pysang, Yucca, von succulenten Pflanzen den schönen um Mitternacht blühenden Cactus grandiflorus flagelliformis mit der schönen rothen Sultansblume; Skapelien, besonders die Nirsuta[a 17], mit der sternförmigen durch braune Haare schimmernden Blüthe und noch andere Opuntien-, Cereus- und Aloen-Arten, von Knollengewächsen die schon aus Saamen eigen gezogene schöne Aletris capensis, die im späten Herbst und Winter mit allerlei Zwiebelblumen, an Hyacinthen, Tazetten, Narcissen und Tulpen im Zimmer die Fenster schmückt; ferner die schöne goldpunktirte Amaryllis, Pancratien und Crinnuma asiaticum Wild., Calla aethiopica mit der langen Tutenblume, Canna indica oder indischer [97] Blumenrohr, Wild., Amomum Zingiber, oder ächter Ingwer, Wild. etc. Die gewöhnlichen Ananas bester Sorten, Pfirsichen, Aprikosen und seine Aepfel-, Birnen- und Kirschen-Arten in Spalieren und in Kübeln sieht man hier in ihrem gehörigen kronenartigen besten Wuchse und reichsten Gedeihen. Aber vorzüglich werden hier die schönsten frühesten Weintrauben unter Fenstern in niedrigen Kasten an flach liegenden Spaliers, wo die Wurzeln dieser Weinstöcke sich stets in der offenen Erde befinden, sehr ergiebig gezogen, so daß schon im Juli-Monat die schönsten, reifsten Tauben zur wahren Freude des betriebsamen gütigen Wirthes reichlich dargeboten werden. Das schönste Gartengemüse aller Art, besonders die vortreflichsten Spargel mit allerlei hiesigem Obst und Beeren, worunter auch die aus Finnland hieher verpflanzte Ackerbeere (Rubus arcticus Linn.) im nördlichen Sibirien Knäsniza, oder die Fürsten-Beere genannt, werden übrigens in diesem zierlichen geräumigen Küchen- und Obstgarten auf die beste Art zum erquickenden Nachtisch für den Eigenthümer, und mehr noch für seine Freunde, im reichsten Maaße gezogen. An diesen trefflichen[WS 21] Küchengarten stößt für den ächten Liebhaber eine noch trefflichere Meierei von dem schönsten Hornvieh holsteinischer Raze, aus einer Meierei daselbst, an 30 Stück zum ersten Stock, woraus nach 10 bis 12 Jahren eine noch schönere eigen gezogene Heerde, an 50 Stück, erwachsen. Man geht nach dieser Meierei von dem schönen Wiesentempel zur linken längs einem hohen fruchtreichen Roggenfelde, fast unter den schwerhängenden goldenen Aehren, und kommt zuerst in einen kleinen schon alten Birkenhain, in dem Schaukeln und andere landübliche Belustigungen angebracht sind, und in dem, offene leicht umzäunte Gehege sich befinden, für das junge Vieh von jedem Alter, das hier abgesondert gezogen wird, bis es der großen Heerde einverleibet werden kann. Hier ergötzt man sich an den jungen 2- und 3-jährigen schlanken und glänzenden Kühen von allen Farben; sie lassen sich gerne streicheln und zeigen gleichsam mit Stolz auf ihren gütigen Pfleger hin. Von hier kömmt man über reinliche erhöhte Brücken des eingeschlossenen hölzernen Viehhofes zu den schönen reinlichen Ställen, wo jede Kuh in ihrer reinlichen Abtheilung mit ihrem Futterbehältniß steht, und regelmäßig gewaschen und gestriegelt wird. Der Mist, in offenen Gruben [98] daselbst, wird von Zeit zu Zeit herausgenommen und in vierkantige oder runde fadenhohe Beete zusammengeschlagen und im Freien hin und wieder aufgestellt, zum Gebrauch für Aecker und Gärten, und so hat man nie das Unangenehme des Geruchs, sondern auch dieser goldne Mist und die präparirte Erdhaufen fallen dem Liebhaber eben so ergötzend, des Nutzens wegen, in die Sinne, als die schönsten Blumen in den Gärten. Neben diesen geräumigen Ställen stehen große Futterscheunen zur Aufbewahrung der Futterkräuter und des besten Heus, wie auch, mit sammt dem Korn geschnittenen, Hexelstrohs. Nun kömmt die große Heerde schwer beladen mit strotzenden Eitern der reichlichsten fetten Milch, aus der kräuterreichen Weide, zu ihren gemächlichen Ställen, und wer wollte da jenen ehrwürdigen Alten und dem jungen munteren Vieh seine fröhlichste Begrüßung wohl versagen? Auch hier kann der wackere, vernünftige Mensch zum Lobe des Schöpfers aller lebenden Wesen sich gestimmt fühlen. Aber was ist die Beförderung seines Vergnügens ohne reellen Nutzen für das Allgemeine! Sind nicht diese schönen Naturanlagen durch die vernünftigste beste Kultur der Gärten, Wiesen, Aecker und Wälder verherrlichet? Fließt nicht schon ein ansehnlicher Ertrag an vermehrter Milch und andern Viehgefällen zum Besten der Hofspitäler und des übrigen Publikums, zur Unterhaltung des in beste Ordnung gebrachten Ganzen, aus dieser herrlichen Meierei und Gärtnerei, die hier so einzig in ihrer Art ist? So erwächset wahrer Lohn an ewigdauernder Ruhe und Zufriedenheit für den besten Menschenfreund. Nicht bloß als dankbares Monument wollte ich diese Schilderung dem würdigen Manne errichten, sondern auch, zur lieblichsten Aussicht, unserer jungen Börsen-Welt das Beispiel eines Mannes aufstellen, der erst nach vieler Arbeit und Mühe sein wohlerworbenes Vermögen zu solchen vernünftigen Genüssen, die Gott selbst segnet, anwendet, und dann noch immer für unvorhergesehene traurige Zeiten das Nothwendige aufbewahret. Wer gleich seinen Handel mit eitlen und auf die ganz ungewisse Zukunft berechneten Genüssen anfängt, wird bald darben und ein trauriges Alter erleben. Drum mache man sich, wie unsere gute Alten es thaten, gleich anfänglich durch ein vernünftiges Leben ein ruhiges, glückliches Alter möglich, und unsere Börse wird es selten ungesegnet [99] lassen. Das bewiesen ganz neuerlich jene edlen, wackern Männer unserer guten Börse, die Herren B. J. Zuckerbecker, Klein und Kompagnie, denen, ungeachtet die jetzigen Zeitumstände ihrem Zwecke und ihren Hoffnungen so wenig entsprachen, und die vielmehr durch nicht vorher zu sehende neue, sehr bedeutende Unglücksfälle, noch besonders drückend für sie geworden waren, es dennoch durch die für die unverbrüchlichste Erfüllung ihrer Zusage aufgewandten Kräfte u. Opfer gelungen war, ihren respektiven Gläubigern, nach dem am 13ten December des vorigen Jahres getroffenen, Arrangement, Termin zu halten und mit stets zu verehrenden Dankgefühlen für das, von mehrern Gläubigern in ausgezeichnetem Grade ihnen bewiesene unbedingte Vertrauen, die volle Gnüge pünktlich zu leisten. Dieß ist an der ganzen Börse bekannt, und gereicht derselben zur wahren höchsten Ehre. Das ist wahre Größe und ewig bleibender Lohn ächter Redlichkeit und gewissenhafter Anstrengung.

Noch muß ich eines ganz neuen sehr zweckmäßigen Lese-Museums, welches von unsern würdigsten Gelehrten und von den aufgeklärtern Gliedern unserer Börse allhier errichtet worden, rühmlichst erwähnen. Die lehrreichst unterhaltenden vorzüglich deutschen Schriften der letzten Jahrzehnte; als der Länder- und Völkerkunde, oder der eigentlichen neuesten und wohlgewählten Reisebeschreibungen; der Geschichte in Biographieen jeder Klasse von Menschen etc.; der Naturkunde in ihrem weitesten Umfange, in sofern sie populär dargestellet ist; der Menschenkunde, nach Leib und Geist, nach Pflicht und Recht, nach Bildung, wie nach den mannichfaltigen Verhältnissen des Lebens, also populäre, physische, intellektuelle und moralische Anthropologie, populäre Arzneikunde, Moral und Pädagogik, die Klugheitslehre des Umgangs; die Handlungswissenschaften, in sofern sie für jeden Mann von Bildung Interesse haben; der Künste aller Art, besonders von den bildenden: die lehrreich unterhaltenden Kupferwerke, so weit die Kasse es gestattet, findet hier der Wißbegierige zu seinem nützlichen Gebrauch. An eigentlich gut gewählten Büchern möchte ich noch einige anzeigen, als: Mungo Parks[WS 22] Reisen in das Innere von Afrika, des Engländers Barrow[WS 23] Reisen im südlichen Afrika, vom Cap aus; die neuesten Reisen im südlichen Afrika, mit [100] Kupfern und Charten, von dem anziehend schön schreibenden jetzigen Professor der neuen Berliner Universität, Hinrich Lichtenstein. Zur vollständigen Lectüre von Süd-Afrika habe ich die bekannten Werke von Sparmann[WS 24] und Thunberg[WS 25] hingegeben, wozu noch Gordon[WS 26] und Vaillant[WS 27], zwar nicht aus unserer Kasse, aber von Anderer Freigebigkeit zu erwarten wäre. Ferner Baczko’s[WS 28] Geschichte der französischen Revolution und des 18ten Jahrhunderts, Heerens[WS 29] Handbuch der Geschichte, Bredows[WS 30] Weltgeschichte, Büsch[WS 31] Welthändel neuerer Zeit, Johann von Müllers[WS 32] sämmtliche Werke, Schillers Geschichte des Abfalls der Niederlande und des dreißigjährigen Krieges, wie auch sämmtliche Schriften, Kotzebues ältere Geschichte von Preußen. Die neuesten Reisen und Naturgemählde von Süd- und Nord-Amerika, von dem Epoche machenden berühmten Humboldt[WS 33]; wobei die wichtigen eleganten Charten und schönen Ansichten in großen zu Paris verfertigten Kupferstichen, bei dem wichtigen Werke über den Zustand von Neu-Spanien aus Beschränktheit der Kasse noch fehlen, und von den guten wohlhabenden Mitgliedern dieser nützlichen Lesegesellschaft wohl zu erwarten ständen. Auf diese so lehrreichen Schriften folget in einer Verbündung unsers berühmen von Krusensterns[WS 34] äußerst merkwürdige erste, glückliche Reise der Russen um die Welt, mit sämmtlichen Charten und schönen Ansichten der Kaiserlichen Ausgabe, mit den Plantes recuillies pendant le Voyage des Russes autour du Monde, par Fischer et Langsdorff, von denen die erste Lieferung schon vorhanden. Die freimüthig schön geschriebenen Werke für die lehrreichen Naturkenntnisse aller, und besonders noch weniger bekannten Länder der Erde, als beider Indien, bis auf das letzthin entdeckte Australien, des Professors von Zimmermann in Braunschweig. Funcks[WS 35] Bildungs-Bibliothek für Nichtstudirende und auch dessen Naturgeschichte und Technologie. Tromsdorffs[WS 36] Annalen der Erfindungen und Fortschritte in den Künsten und Wissenschaften. Hermstädts[WS 37] Bülletin des Neuesten und Wissenswürdigsten in den Naturwissenschaften. Nun noch die vornehmsten Werke der populairen Philosophie, der Künste und schönen Wissenschaften, als: Winkelmanns[WS 38] Werke, Gallerie de l’Hermitage à St. Petersbourg, Klingers[WS 39] Werke, Göthes sämmtiche alte und neuere Werke, Lessings Geist aus seinen [101] Schriften von F. Schlegel[WS 40], Schlegel über dramatische Kunst und Literatur, J. G. Jacobis[WS 41], sämmtliche Werke, Shakespears Werke von Voß[WS 42], und seine dramatischen Werke, von Schlegel übersetzt, Tacitus von Woltmann[WS 43], Gleims[WS 44] sämmtliche Werke, Klopstock[WS 45] und seine Freunde, Morgensterns[WS 46] Auszüge, Fabers preußisches Archiv[WS 47], Iflands Almanach fürs Theater, St. Petersburger Almanach, vaterländisches Museum mit schönen Ansichten, die Sybille der Zeit aus der Vorzeit; Arnolds[WS 48] Taschenbuch für Banquiers und Kaufleute, Bibliothek der redenden und bildenden Künste, Universal-Lexikon der Handlungs-Wissenschaften von Ihling[WS 49], Perrin Parnajon’s[WS 50] historisches Handbuch für Kaufleute, Gallerie der Tonkünstler und so viele andere lesenswürdige Reisen und belehrende Schriften für alte und neuere Literatur. Auch sind einige russischen Werke von dem Professor Schlötzer[WS 51] in Moskwa hieher gegeben, denen ich die große russische Chronik oder Leben Peter I. von Golikow[WS 52], nebst noch anderen kleineren original russischen Werken hinzugefügt habe. Ferner habe ich die berühmte ökonomische Encyclopädie von Krünitz[WS 53], an 80 Bände, wie auch die Abhandlungen der Königlich schwedischen Akademie der Wissenschaften, übersetzt von A. Kästner[WS 54], an 30 Bände, und einen großen Atlas von 49 Charten über die nordamerikanischen Staaten und Kolonien im Englischen unter folgendem Original-Titel: The american Atlas or a Geographical Description of the Whole Continent of America, where in are delineated at large its Several Regions, Countries, States and Islands, and chiefly, The British Colonies, engraved on Fortynine Copper-Plates, by the late Mr. Thomas Jefferys[WS 55], Geographer to the King and others London 1778, by R. Sayer[WS 56] et Bennet[WS 57]. zum nützlichen Gebrauch dieses unsers so zweckmäßigen Lese-Museums abgegeben. Der Katalog zählt schon an 696 Bände, ohne eine Menge der besten ältesten Schriften, als eines Herders, Wielands[WS 58], Voß, Lichtenbergs[WS 59], Matthissons[WS 60] Anthologie, die große Geographie von Mentelle[WS 61] und Brun[WS 62] in 15 Bänden, Jean Paul Richters[WS 63] Werke, die Memoiren von Friedrich II[WS 64], die ältere Sammlung von Auszügen der besten Reisebeschreibungen in 33 Bänden, zu rechnen, die zum Lesegebrauch aus hiesigen Privat-Bibliotheken patriotisch befördernd, dahingegeben. Noch neuerlich ist hinzugekommen: Archiv [102] der asiatischen Literatur, Geschichte und Sprachkunde, verfaßt von Julius von Klaproth[WS 65], St. Petersburg 1810, worin Nr. IX die wichtigsten Bemerkungen über die chinesisch-russische Grenze nach den ältesten und neueren Traktaten enthält. Wer wollte nun zur möglichsten Beförderung und Unterstützung dieses wohlthätigen Instituts nicht gerne das Seine beitragen? Nur ein weniges von leicht vorübergehenden kostbaren und zu nichts Gutem, oder wohl gar zum Schaden dienenden Vergnügungen abgebrochen und hier zum wahren Guten angewandt, würde in der Menge schon vieles zur Beförderung dieses Guten und zum immer bleibenden höheren Vergnügen ausmachen.

Mit allen diesen Rückerinnerungen der pflichtgetreuen und patriotischen Handlungen der Berensschen Familie allhier, seit hundert Jahren der für Livland so glücklich wohlthätigen Russisch-Kaiserlichen Regierung habe ich mich gedrungen gefühlt, als unter unserm erhabenen Menschenfreund Alexander bestätigter namhafter Bürger allhier[16], auch meinen wohlgemeinten Beitrag zu der ersten herzerhebenden Jubileums-Feier der hundertjährigen beglückenden russischen Regierung pflichtgemäß noch anzuknüpfen und hiemit zur Nachahmung der edlen guten Handlungen unserer guten Vorfahren meine geliebten Mitbürger, und besonders unsere junge leichtdenkende Welt, aufzumuntern und anzufeuern. Ich spreche als Greis und aus langer Erfahrung, daß ich bei treuer Erfüllung meiner Pflicht nie den frohen und reichen Muth, wenn ich anders gesund war, verloren habe, so daß ich in allen Zeitumständen noch andere sich quälende und Muthlose hiemit unterstützen und aufrichten konnte. Ach! ich höre so manchen seufzen und klagen: kein offener Handel erfreut, wir verdienen daher jetzt nichts, was wir seither gewohnt waren; wenn wir gleich noch [103] überflüssig zu leben haben; und wie wird es weiterhin kommen? folglich müssen wir uns einschränken und unsere sonstigen Beiträge zu allem Guten, auch für würklich Arme und Nothleidene, einstellen! So nicht! diese Einschränkung sei die letzte! Und was auch Einzelne oder das Ganze drücken möge, der frohe Muth, von festem Vertrauen auf den ewigen Lenker unserer Schicksale belebt, das reine Gewissen, helfen ertragen und überstehen. In meinem hohen Alter mußte ich kürzlich noch an dem Grabe einer geliebten Tochter weinen; aber auch dieser schmerzliche Verlust konnte meinen Muth nicht erschüttern. Er hat ihn bereichert und erhöhet! er hat mich begeistert, ihren stillen Tugenden nachzuahmen. Und mit demselben Gefühle übergebe ich getrost die Zukunft Dem, der Alles wohlmacht!


[104]

Der Druck dieses Buchs wird unter der Bedingung bewilligt, daß nach Abdruck und vor dem Debit desselben ein Exemplar davon für die Censur-Committee, eins für das Ministerium der Aufklärung, zwei für die öffentliche Kaiserliche Bibliothek, und eins für die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften, an die Censur-Committee eingesandt werden.

Riga, den 24sten Februar, 1812.
August Albanus, 
livländischer Gouvernements-Schuldirector und Ritter.


  1. Damals schenkte sie auch den reitenden Bürgergarden die Kaiserlichen Standarten, die bis auf den heutigen Tag die höchst zu verehrende Bestätigung, und ganz neuerlich die höchste Sanction in eigner hoher Person erhalten. Unser jetziger, höchst zu verehrender Kaiser, Alexander, vom Tilsiter Frieden zurückkehrend, führte nämlich diese unsere reitenden Bürger-Garden Selbst an, und hielt mit ihnen seinen höchst erfreulichen Einzug allhier.
  2. Ihm wurde, als das letzte Denkmal von der getreuen Fürsorge des alten Magistrats, die Umwandlung der alten modernden Gewölbe in einen neuen, geschmackvollen Musentempel, aufgetragen.
  3. Bei seiner Beerdigung waren mehrere Große, als der würdige Oberkammerherr und Vize-Kanzler, Fürst Gallizin, die beiden jüngern Grafen Rumanzoff, die Fürsten Prosorofsky, und verschiedene Generale der Artillerie, persönlich gegenwärtig.
  4. Man sehe nordisches Archiv von 1804, Monat Januar, 1stes Stück: Bemerkungen über die letzte Haupt-Grenzfestung der sibirischen Linie gegen die chinesisch-siungorische Wüste, welche Buchturma genannt wird, und ebendaselbst im Monat December desselben Jahres: über die wichtige Kultur und den nützlichen diätetischen Gebrauch des Rhei rhapontici, oder so genannten Mönchs-Rhabarber.
  5. Diese wohlgerathenen Kolonie-Dörfer habe ich in meiner ersten Abhandlung über einen neuen Industrie-Zweig im südlichen Sibirien, wegen der ersten Einführung der Bienenzucht daselbst, im nordischen Archiv vom Jahr 1803 im Juni-Monat, Pagina 167 aufs genaueste beschrieben und dargestellt.
  6. Man sehe meine Bemerkungen über die letzte Haupt-Grenzfestung etc. im nordischen Archiv 1804, Januar-Stück, Nr. 1.
  7. Man sehe hierüber meine Bemerkungen über die letzte Haupt-Grenzfestung Buchturma etc. im nordischen Archiv von 1804, Januar-Stück, Pagina 18.
  8. Man sehe die Ukase zur Einführung der Statthalterschaft von 1783, den 3ten Juli.
  9. Man sehe den Bericht von der Zurückkunft und Durchreise jenes hohen Großfürstlichen Paares im November 1782.
  10. Dieser würdige letzte wortführende Bürgermeister, Johann Christoph Schwartz, war bei der ersten Gesetz-Kommission der Kaiserin Catharina viele Jahre als Deputirter der Stadt Riga in Moskau und St. Petersburg, und trug die goldene Medaille zum spätesten Andenken daran.
  11. Man sehe den Bericht des General-Feldmarschalls Fürsten Italiskoy, Gragen Suwarow Rimnikskoy. Taverne vom 9ten September 1799.
  12. Man sehe die Bonhommien bei Eröffnung der neuerbauten Rigaschen Stadt-Bibliothek, geschrieben vom Rathsherrn Johann Christoph Berens. Mitau 1792.
  13. Unter dem Titel: Flora Japonica collecta a. D. Andr. Claiero et 1688 dono missa D. Jac. Breynio Gedanensi, in formam vero Europæorum librorum redacta a Joanno Wilh. Breynio. Fol. Gedani 1713.
  14. Man sehe meine Abhandlung über die erste Einführung einer Bienen-Zucht in den genannten Dörfern bei Ustkaminogorsky, im nordischen Archiv vom Juni-Monat 1803, Pagina 167.
  15. Diese neuere südamerikanische Blumenstaude kam zuerst vor einigen Jahren unter den Namen Nahusia coccinea (siehe S. J. von Geuns in den Verhandlungen etc.) hieher, und ist fast in allen Gärten durch leichte Vermehrung bekannt.
  16. In der so väterlichen, liebevollen Verordnung vom 1sten Januar 1807 für die neuen Vortheile, Auszeichnungen und Vorrechte der sämmtlichen Kaufmannschaft in Rußland, wird im 19ten Artikel die Benennung eines namhaften Bürgers für die Kaufmannschaft aufgehoben. Aber für die Gelehrten und Künstler soll die Benennung namhafter Bürger nach der bisherigen Grundlage als Auszeichnung verbleiben.

IV Verbesserungen

  1. ist die Beschreibung des Gemähldes dahin abzuändern, daß der Vater des Referenten an einem Tische Dukaten und holländische Thaler zählt.
  2. lies: Aufopferungen.
  3. lies: das.
  4. lies: eignen.
  5. lies: in und um Moskau.
  6. ist ten wegzustreichen.
  7. lies: Balsamharz.
  8. lies: chanischen.
  9. lies: abgeschnittenen.
  10. lies: Ablakit.
  11. lies: Ableketka.
  12. lies: variarum.
  13. ist das Wort Beete auszustreichen und, statt Blumen, Pflanzen zu lesen: Blumenpflanzen.
  14. ist das Wort ein auszustreichen, und statt dessen zu lesen: betrachtenswerth an neuern der schönsten amerikanischen etc.
  15. lies: Aconiten.
  16. lies: Robinien.
  17. lies: Hirsuta.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Säkularfeier zur Übergabe Rigas an russische Truppen unter Boris Petrowitsch Scheremetew am 4. Juli 1710
  2. Botaniker und Arzt; Johann Gottlieb Gleditsch (Botaniker) (1714–1786)
  3. Schwedischer Botaniker; Carl von Linné (1707–1778)
  4. Mineraloge; Carl Abraham Gerhard (1738–1821)
  5. Mediziner; Johann Friedrich Meckel (1714–1774)
  6. Anatom; ADB:Walter, Johann Gottlieb (1734–1818)
  7. Chirurg; ADB:Pallas, Simon (1694–1770)
  8. Chirurg; Joachim Friedrich Henckel (1712–1779)
  9. Protestantischer Theologe; Johann Joachim Spalding (1714–1804)
  10. Mendelssohn; Philosoph; Moses Mendelssohn (1729–1786)
  11. Schweizer Arzt; ADB:Sulzer, Johann Kaspar (1716–1799)
  12. Mediziner und Naturforscher; Friedrich Martini (1729–1778)
  13. Mediziner und Philosoph; Christian Gottlieb Selle (1748–1800)
  14. Professor der Medizin in Göttingen; Georg Gottlob Richter (1694–1773),
  15. Schröder, Philipp Georg (1729–1772), Professor der Chirugie und Leibmedikus
  16. Gynäkologe; Heinrich August Wrisberg (1739–1808)
  17. Philosoph und Naturforscher; Samuel Christian Hollmann (1696–1787)
  18. L nicht Heß; Lutherischer Theologe; ADB:Less, Gottfried (1736–1797)
  19. Büttner, David Sigismund August (1724–1768), Göttinger Professor der Botanik
  20. Schwedischer Botaniker und Mediziner; Johan Andreas Murray (1740–1791)
  21. Textvorlage: treflichen
  22. Englischer Arzt und Afrikareisender; Mungo Park (1771–1806)
  23. Englischer Seemann, Entdecker und Sekretär der Admiralität; John Barrow (1764–1848)
  24. Schwedischer Entdecker und Arzt; Anders Sparrman (1748–1820)
  25. Schwedischer Entdecker, Arzt und Professor der Botanik; Karl Peter Thunberg (1743–1828)
  26. Holländischer Entdecker in Südafrika und Oberst; Robert Jacob Gordon (1743–1795)
  27. Französischer Afrikareisender und Ornithologe; François Levaillant (1753–1824),
  28. Schriftsteller; Ludwig von Baczko (1756–1823)
  29. Historiker; Arnold Hermann Ludwig Heeren (1760–1842)
  30. Hochschullehrer; Gabriel Gottfried Bredow (1773–1814)
  31. Pädagoge und Publizist; Johann Georg Büsch (1728–1800)
  32. Historiker und Staatsmann; Johannes von Müller (1752–1809)
  33. Naturforscher; Alexander von Humboldt (1769–1859)
  34. Admiral der russischen Flotte; Adam Johann von Krusenstern (1770–1846)
  35. Schulmann; ADB:Funke, Karl Philipp (1752–1807)
  36. Apotheker; Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770–1837)
  37. Hermbstädt; Apotheker und technischer Schriftsteller; Sigismund Friedrich Hermbstädt (1760–1833)
  38. Archäologe und Antiquar; Johann Joachim Winckelmann (1717–1768)
  39. Dichter und Dramatiker; Friedrich Maximilian Klinger (1752–1831)
  40. Philosoph und Literaturhistoriker; Friedrich Schlegel (1772–1829)
  41. Dichter und Publizist; Johann Georg Jacobi (1740–1814)
  42. Dichter und Übersetzer; Johann Heinrich Voß (1751–1826)
  43. Historiker und Dichter; ADB:Woltmann, Karl Ludwig von (1770–1817)
  44. Dichter; Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719–1803)
  45. Dichter; Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803)
  46. Philologe; Karl Morgenstern (1770–1852)
  47. Archivar und Historiker in Königsberg; Karl Peter Faber (1773–1853) ; das preußische Archiv erschien von 1809–1810
  48. Wever, Arnold; Berliner Verleger, dessen Verlag 1798 in die Hände von Johann Daniel Sander überging
  49. Verfasser handelswissenschaftlicher Schriften; ADB:Illing, Karl Christian (1747–1814)
  50. Perrin-Parnajon, Christian Franz von (ca. 1770->1820), preußischer Leutnant, ab 1809 ausgedehnte Reisen nach New York und in Mittelmeerländern
  51. Nationalökonom; ADB:Schlözer, Christian von (1774–1831)
  52. Russischer Kaufmann und Historiker; Iwan Iwanowitsch Golikow ( Иван Иванович Голиков) (1735-1801)
  53. Enzyklopädist und Arzt; Johann Georg Krünitz (1728–1796)
  54. Mathematiker und Epigrammdichter; Abraham Gotthelf Kästner (1719–1800)
  55. Englischer Kartograph; Thomas Jefferys (ca. 1719–1771)
  56. Englischer Verleger; Robert Sayer (1725–1795)
  57. Bennett, John († 1787), englischer Verleger der zunächst bei Sayer gelernt hatte
  58. Dichter und Herausgeber; Christoph Martin Wieland (1733–1813)
  59. Schriftsteller und Physiker; Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799)
  60. Lyriker und Prosaschriftsteller; Friedrich von Matthisson (1761–1831)
  61. Französischer Geograph; Edme Mentelle (1730–1815)
  62. Dänischer Schriftsteller; Konrad Maltebrun (1775–1826)
  63. Schriftsteller; Jean Paul (1763–1825)
  64. König von Preußen; Friedrich II. (Preußen) (1712–1786)
  65. Orientalist und Sinologe; Julius Klaproth (1783–1835)