Gimpelfang in Afrika

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Gimpelfang in Afrika
Untertitel:
aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1911, Bd. 9, S. 217–219
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1911
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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[217] Gimpelfang in Afrika. – Der englische Reisende Lionel Darings erzählt in seinem Werke „Marokkanische Streifzüge“ eine äußerst humorvolle Episode[ws 1]. Darings war in Fes von dem Besitzer eines Cafés darauf aufmerksam gemacht worden, daß sich in dem südwestlich gelegenen Städtchen Miknasa eine uralte Moschee befände, in der als größte Sehenswürdigkeit ganz Marokkos ein Mantel Mohammeds ausgestellt sei. Der Engländer ließ sich wirklich zu dem zweitägigen Ausfluge verleiten. Die Moschee bestand jedoch nur noch aus einigen zerfallenen Mauern, in denen ein halbverrückter Derwisch hauste und erst gegen ein unverschämt hohes Trinkgeld den sogenannten Mantel Mohammeds, einen völlig zerrissenen braunen Burnus entschieden neueren Datums, vorzeigte. Wütend wollte Darings nach dieser Enttäuschung den Ort sofort wieder verlassen, als ihn der Führer eines größeren, ebenfalls von Fes herübergekommenen Fremdentrupps beiseite nahm und ihm mitteilte, am Nachmittag würden in dem Hofe des Kasernements der hier in Miknasa in Garnison liegenden Truppen zwei Räuber [218] standrechtlich erschossen. Zu dieser Hinrichtung könne er dem hochgeborenen Effendi einen Zuschauerplatz an dem Fenster eines den Kasernenhof von einer Seite begrenzenden Gebäudes besorgen. Darings bezahlte als echter Engländer für dieses nervenerregende Schauspiel ein sehr reichliches Bakschisch, hatte dafür aber auch die Genugtuung, die einzelnen Phasen der Erschießung der beiden Übeltäter in mehreren Momentaufnahmen mit seinem Kodak festhalten zu können, wobei ihn nur störte, daß so und so viele andere Fremde die übrigen Fenster des Gebäudes besetzt hielten und daher dieselben hochaktuellen Photographien wie er zu „knipsen“ vermochten.

Darings beschreibt dann genau, wie die Delinquenten inmitten eines Trupps in sehr schmutzige Uniformen gehüllter Soldaten aus den Kasernen heraustraten und ihnen von einem nach der geringeren Zerlumptheit seines Äußeren offenbar höheren Militär der Inhalt eines großen Papieres mit einem mächtigen Siegel daran vorgelesen und darauf das Urteil an beiden Räubern, die vor einer frisch aufgeworfenen Grube mit verbundenen Augen knieten, zugleich vollstreckt wurde. Nach der Salve seien sie rücklings in die Grube hinabgestürzt. Dort hätten die Soldaten sie auch vorläufig liegen lassen.

Darings fährt nun folgendermaßen fort: „Wer beschreibt mein Erstaunen, als ich nach drei Monaten bei der Rückkehr von der Küste wieder Miknasa passierte und derselbe Fremdenführer, der mich schon einmal zu der Hinrichtung eingeladen hatte, mich vor der Karawanserai anspricht und mir fast genau mit denselben Worten geheimnisvoll zuraunt, was er mir schon vor einem Vierteljahr zugeraunt hatte. Da ging mir mit einem Male ein Licht auf. Ich schwieg aber klugerweise, zahlte dem frechen Spitzbuben abermals ein sehr anständiges Bakschisch, beobachtete aber jetzt die Hinrichtung der beiden Räuber – das Programm war in allen Punkten genau dasselbe geblieben – mit ganz anderen, sehr kritischen Augen. Und da merkte ich, weil meine Nerven jetzt vollkommen ruhig waren, natürlich sofort, daß es sich hier um nichts anderes als ein fraglos recht häufig wiederholtes Schaustückchen handelte, in dem jede einzelne Person ihre Rolle bereits mit einer gewissen [219] Nachlässigkeit spielte. So gaben sich zum Beispiel die beiden Delinquenten – was mir beim ersten Male völlig entgangen war – auch nicht die geringste Mühe mehr, die dem Tode Verfallenen auch nur etwas lebenswahr darzustellen. Im Gegenteil – ihre Gleichgültigkeit den drohenden Flintenläufen gegenüber konnte gar nicht größer sein. Nachher nahm ich mir dann den Halunken von Fremdenführer vor und sagte ihm auf den Kopf zu, daß die Exekution ein plumper Schwindel gewesen sei und die Gewehre nur Papierpfropfen als Geschosse enthalten hätten. Erst versuchte er noch zu leugnen, dann gab er alles zu. Äußerst bezeichnend für marokkanische Militärverhältnisse ist es, daß der Verdienst aus diesen nur für die Fremden inszenierten Hinrichtungen ehrlich zwischen allen Auftretenden geteilt wurde – und zu diesen gehörten auch der Herr Kommandant der Truppen in Miknasa und seine Herren Offiziere.“

Eine andere Art von Fremdenbetrug ist seit Jahren in einigen größeren, an der Touristenstraße gelegenen nordafrikanischen Städten üblich, bei dem die Unternehmer hauptsächlich mit der Neugier der europäischen und amerikanischen Damen, die gar zu gern einmal einen Blick in das türkische Haremsleben werfen möchten, rechnen und – sich nie verrechnen. Hier sind es meist die Portiers der großen Hotels, die gegen ein hohes Trinkgeld reichen Damen Gelegenheit zum Besuch eines Harems zu verschaffen versprechen. Möglichst geheimnisvoll werden die gutgläubigen Opfer moslemitischer Geriebenheit dann durch dunkle Höfe in ein Gebäude geführt, das angeblich der wohlbewachte Harem irgend eines mächtigen, aber zurzeit gerade abwesenden Paschas sein soll. In dem Hause finden sich auch wirklich luxuriös eingerichtete Gemächer und als Bewohnerinnen unter der Obhut buntgekleideter Neger, die die Eunuchen vorstellen, eine Anzahl geschminkter, halbverschleierter Frauen, gemietete Tänzerinnen, vor, die verschiedene Reigen tanzen und über alles Wissenswerte bereitwilligst Auskunft geben.

Hochbefriedigt verlassen die Damen dann die Stätte, die ein gerissener Türke zu einem Harem herauszustaffieren gewußt hat.

K. W.[ws 2]


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Die Geschichte Lionel Darings wurde von Walther Kabel teilweise wortgleich auch in den Beitrag Marokkanisches Militär eingearbeitet. Dieser erschien mit der Verfasserangabe W. Kabel in: Deutscher Hausschatz, Illustrierte Familienzeitschrift, 37. Jahrgang Oktober 1910 – Oktober 1911, Seite 809–810. Sie erschien außerdem, ebenfalls unter den Namen Marokkanisches Militär, mit der Verfasserangabe W. K. Abel in: Bibliothek für Alle, 4. Jahrgang [1912], 1. Bd., S. 176–178.
  2. Hierbei handelt es sich möglicherweise um einen Druckfehler.