Gold-Aninia

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Textdaten
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Autor: Ernst Pasqué
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Titel: Gold-Aninia
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30–39, S. 501–507, 517–520, 533–539, 549–552, 565–570, 590–595, 607–611, 624–627, 640–645, 658–663
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kurzbeschreibung:
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[501]

Gold-Aninia.

Eine Erzählung aus dem Engadin.     Von Ernst Pasqué.
1. Gold-Aninia und ihre Freier.

Bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts war Surley die bedeutendste Ortschaft im oberen Engadin, im Bereich der Seen von Sils, Silvaplana und Campfèr, welche dort, rings umgeben von starrenden Gletschern und Felshäuptern, in das Hochthal eingebettet sind. Silvaplana zählte damals nur wenige Bewohner, die sich auf dem Geschiebe des vom Julier herabfließenden Wildbaches angesiedelt hatten. Die einzelnen Ortschaften waren durchaus unabhängig; sie schufen sich ihre Satzungen selbst, denn „nächst Gott und der Sonne war jeder gemeine Mann seine eigene Obrigkeit“, wie ein alter Spruch der Engadiner besagte. Doch um der Ordnung und des Friedens willen fügten sie sich auch einer selbstgewählten Obrigkeit, ihrem „Dorfmeister“, dem „Cavig“. Mehrere Ortschaften vereinigten sich zu einer Pfarrgemeinde, die sich wiederum einen Ammann wählte, der mit geschworenen Leuten jede ernstere Streitigkeit der Dörfler zu schlichten hatte.

Eine solche Pfarrgemeinde bildeten im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts die Dörfer und Dörfchen Islas (Isola), Sils-Baseglia, Sils-Maria und Silvaplana, mit Surley als Hauptort. Zum Ammann hatte die Pfarrgemeinde den dortigen Bauer und Cavig Gian Madulani gewählt, der als der reichste Mann der ganzen, im Grunde recht armen Thalgegend galt. Madulani war ein hochgewachsener Fünfziger von gewaltiger Körperkraft, seine scharfen dunklen Augen blickten durchdringend aus einem wettergebräunten Gesicht, dessen Ausdruck ebenso wohl von Verschlagenheit wie von einem festen, unbeugsamen Willen [502] Zeugniß ablegte. Die Dorfgenossen liebten ihn nicht, aber sie fügten sich der überlegenen Persönlichkeit, deren Wirken, wenn es auch nicht frei von Härte war, doch der Gemeinde immer zum Vortheil gereicht hatte. Und ebenso wie in der Gemeinde herrschte Madulani im eigenen Hause, das unter den ärmlichen steinernen Wohnstätten sich durch Größe und Wohlhäbigkeit auszeichnete. Es ging darin alles seinen geregelten, ruhigen Gang; ernst und wortkarg beaufsichtigte die stattliche Hausfrau das Gesinde und den großen Viehstand, welcher Madulanis Hauptreichthum ausmachte und nicht wenig zu seinem Selbstgefühl beitrug. Ebenso stolz wie auf sein Besitzthum aber war er auf einen andern Schatz, dessengleichen im ganzen Engadin nicht mehr zu finden war: eine reizende Tochter, die unbestritten als das schönste Mädchen weit und breit galt. Naninia oder, wie man sie abgekürzt nannte, Aninia war weit entfernt, den Stolz ihres Vaters auf den Reichthum zu theilen. Auch von der düstern Strenge der Mutter hatte das blonde Kind nichts geerbt, ihre wunderschönen dunklen Augen lachten fröhlich in die Welt, und um das rosige Gesicht lag wie ein Glorienschein die köstliche Fülle ihres lockigen, goldblonden Haares, das, aufgelöst, wohl die ganze, nicht große, aber anmuthig gebaute Gestalt hätte umwallen können. Man nannte sie deshalb, auch wohl mit einer Anspielung auf den Wohlstand ihres Vaters, allgemein die „Gold-Aninia“. Daß ein Mädchen mit solchen Eigenschaften, dazu in heirathsfähigem Alter, der Bewerber viele haben mußte, konnte nicht ausbleiben, auch blickten alle ledigen Burschen der fünf vereinigten Dörfer bewundernd, mit begehrlichen Augen zu ihr auf, ohne daß bis jetzt einer den Muth gefunden hätte, seine Neigung dem schönen Mädchen oder gar dem Vater gegenüber laut werden zu lassen; denn der Gian Madulani wollte mit seinem Kinde hoch hinaus und hatte schon bei mancher Gelegenheit, wenn man ihm gegenüber auf den und jenen als den künftigen Schwiegersohn anspielte, mit verächtlichem Auflachen geantwortet: „Bildet Euch nicht ein, daß mir einer von den armen Schluckern gut genug wäre, der Mann müßte noch geboren werden, dem ich hier meine Gold-Aninia zum Weibe gäbe!“

Die Männer schüttelten dann wohl nach seinem Weggehen die Köpfe über den maßlosen Hochmuth, aber es blieb auch still von Bewerbern um Aninias Hand.

Wer sich darum am wenigsten kümmerte, war Gold-Aninia selbst in ihrer jugendlichen Herzensfröhlichkeit; aber auch ihre Mutter Barbla schien durchaus nicht von den Empfindungen beseelt, welche andere Mütter heirathsfähiger Töchter unter solchen Umständen ergreifen. Sie beobachtete im Gegentheil mit einem geheimen Vergnügen, welches aber keinen Widerschein in ihren kalten, verschlossenen Zügen fand, die abschreckende Wirkung von Madulanis Hochmuth. Dieser theilte, ohne es zu ahnen, das alte Tyrannenschicksal, die Gegenpartei im eigenen Hause zu haben. Denn in Frau Barblas Kopf war ebenfalls ein Plan für Aninias Verheirathung fertig, der freilich von dem ihres geldgierigen Mannes himmelweit verschieden war.

In einer der kleinsten, ärmlichsten Hütten von Surley wohnte mit ihrem erwachsenen Sohne eine Witwe, Maria Büssin; beide ernährten sich kümmerlich von ihrer Hände Arbeit und dem Ertrage, welchen ein paar Ziegen abwarfen. Das war die Schwester des reichen Mannes, der ungerührt ihre Noth sah und am liebsten seinem Weibe untersagt hätte, der Schwägerin irgend eine Unterstützung zu leisten. Aber so herrisch und gewaltthätig er sonst seinen Willen durchzusetzen pflegte – hier wich er scheu zurück, wenn in einem heftigen Wortwechsel über diesen Gegenstand Frau Barbla plötzlich die scharfen schwarzen Augen auf ihn richtete und kurz abweisend sagte: „Ich lasse mir von Dir nicht verbieten, das zu thun, was Du selber müßtest, wenn Dein Herz nicht von Stein wäre!“

Dann fluchte der Cavig wohl noch eine Zeit lang über den verdammten Weibereigensinn, aber doch in gemäßigterem Tone, und er wandte die Augen weg, wenn Frau Barbla mit gefülltem Korbe die Brücke überschritt, welche von seinem Hause über den Surleybach zur Dorfstraße hinüber führte. Er würde ihr nachgeeilt sein und sie mit Gewalt zurückgerissen haben, hätte er geahnt, daß ihr Erscheinen der armseligen Hütte der Büssin noch einem anderen Zwecke galt: deren Sohn Clo, ein gutmüthiger, langer Bursche, in Madulanis Augen der letzte der letzten, trug eine verschwiegene Liebe zur Gold-Aninia im Herzen, und die beiden Mütter hatten sich’s in den Kopf gesetzt, dieser Liebe zum Sieg zu verhelfen.

Deshalb war Frau Barbla so zufrieden, daß sich bis jetzt kein anderer gemeldet hatte – sie hoffte, allmählich mit Schlauheit und Ueberredungskunst ihren ungefügen Eheherrn der Heirath geneigt zu machen. Aber plötzlich änderte sich die Lage, es trat ein zweiter Bewerber um die Hand der schönen Aninia auf, und dieser stellte sich sofort als sehr gefährlich für die Pläne der beiden Frauen heraus, denn Vater Madulani lieh seinen Reden ein geneigtes Ohr.

Aus dem nahen Sils-Baseglia war vor Zeiten ein junger Bursche als armer Waisenknabe in die Welt hinausgewandert. Volle zehn Jahre vergingen; da kehrte er in seine bergige Heimath zurück, doch ein ganz anderer, als er einstens ausgezogen war. Er trug ein modisches Habit von feinem Tuch, mit schweren silbernen Knöpfen, eine lange gestickte seidene Schoßweste und darüber einen mit Pelz besetzten Roquelaure, wie auch einen dreieckigen goldbordirten Hut, sogar einen zierlichen Degen an der Seite! Und würde er einem der stolzen Adelsgeschlechter der Planta, Salis oder Juvalta angehört haben, er hätte nicht hoffährtiger einherstolzieren können. Auf keinen Fall vermochte man den ehemaligen armen Peider in ihm zu erkennen. Doch sein auffallend reiches Aeußere war nicht das eines Abenteurers, er besaß Gold, wirkliches Gold, blinkende Louisdor, die man in den Dörfern sich nicht erinnerte, je gesehen zu haben; und es waren deren so viele, daß sie im Engadin ein gewaltiges Kapital ausmachen mußten. Wie er sie erworben, wie seine merkwürdige Umwandlung sich vollzogen? – mit der Lösung dieses Räthsels hielt er nicht hinterm Berge; er erzählte es laut und lustig jedem – allen, die es nur hören wollten.

Den armen Peter oder Peider, wie er auf Romanisch gerufen wurde, hatte es nicht in der Heimath geduldet, die ihm nichts als Entbehrungen, Hunger und Schläge bot. Er war den Malojapaß hinab durch das Bergell nach Chiavenna gezogen; dann hatte er hungernd und bettelnd den Weg durch Italien nach Frankreich und der großen Stadt Paris gesucht, um sich dort bei den schweizer Soldaten, von denen er auf seinen Wegen gehört hatte, anwerben zu lassen. Endlich nach vielen Mühseligkeiten am Ziel seiner Sehnsucht, in Paris, angelangt, führte ihn ein glücklicher Zufall wenn auch nicht in die Dienste des Königs, doch in die von dessen Bruder, dem Grafen von Provence, und dabei nicht in eine Kaserne, sondern in einen weit angenehmeren Aufenthalt, die prinzliche Küche. Hier wurde er dem Departement der Leckereien, der Konfitüren und feinen Bäckereien, der Torten und Kuchen, Bonbons und Chokoladen zugetheilt, anfangs nur als Küchenjunge für allerlei Handleistungen und die groben Arbeiten, doch seine Anstelligkeit, sein Trieb, sich nützlich zu machen und zu lernen, brachten ihn rasch in bessere Stellung. Nach wenigen Jahren war er ein geschickter Confiseur des Laboratoriums der Küche Sr. königlichen Hoheit geworden, endlich sogar Chef des süßen Departements, und er verdiente Geld über Geld. Aber dies schöne Pariser Leben dauerte leider nicht allzulange; das Jahr 1789 kam heran, mit ihm der Sturm auf die Bastille und – die Revolution. Der älteste Bruder des Königs, der Graf von Provence, war einer der ersten, welcher die Bedeutung der revolutionären Bewegung erkannte, in ihren schweren Folgen voraussah und sofort seine Maßregeln dagegen traf. Er löste seinen großen kostspieligen Hausstand auf und mit den Getreuen seines kleinen Nebenhofes verließ er Paris und Frankreich. Unser Engadiner Konditor, dem man in Paris den Namen „Pierre“ gegeben hatte, folgte rasch dem Beispiel seines Herrn; er raffte sein schönes Gold zusammen, noch bevor er es hätte in Assignaten umsetzen können, fügte seine Pretiosen, Geschenke hoher Gönner, hinzu und packte diesen Schatz in die besten Kleider seiner Garderobe. Dann verließ er die schöne französische Hauptstadt und eilte auf gradem Wege seiner schweizer Heimath zu.

Gegen Ende des Winters, im März 1790, zog Pierre in Sils-Baseglia ein. Hatte schon der anscheinend vornehme Reisende, der weder Mühen und Gefahren noch Geld scheute, um in dieser Jahreszeit nach dem ärmlichen Dörfchen zu gelangen, überall großes Aufsehen erregt, so erreichte das Staunen dort den höchsten Grad, als man in dem Fremden den ehemaligen ärmsten Burschen der Gemeinde wiedererkannte. Die guten Leute wollten und mußten wieder an Wunder glauben, bis Pierre ihnen das Unerhörte und Unbegreifliche auf natürliche Weise erklärte. Er fühlte sich durch das Aufsehen, welches sein Erscheinen erregte, reichlich entschädigt für die nicht geringen Reisestrapazen und das [503] theure Geld, welches er dafür ausgegeben hatte. Vor der Hand genügte ihm der Aufenthalt in der alten Heimath, er konnte noch eine gute Weile forterzählen und sich bewundern lassen, um dann, bei Eintritt der besseren Jahreszeit, seine Reise, oder richtiger, seinen Triumphzug durch das ganze Engadin fortzusetzen. Er gedachte geradesweges nach der Kaiserstadt Wien zu ziehen; was sollte auch er, der geschickte Pariser Confiseur, hier in dem öden Alpenthal und bei seinen armen Bewohnern treiben? Doch es kam zunächst ganz anders, als der „Pariser“ oder „Franzosen“-, auch „Gold-Peider“, welche Namen seine Landsleute ihm rasch beigelegt hatten, es geplant hatte.

Der Ruf des Wundermannes aus Sils-Baseglia hatte sich bald in den nächsten Dörfern verbreitet, und wo es der Schnee zuließ, kam man herbei, ihn anzustaunen, sich von ihm seine merkwürdigen Lebensschickale erzählen zu lassen. Auch der Cavig Gian Madulani zog nach Sils-Baseglia, um sich den Vielbesprochenen anzusehen, der noch mehr Geld haben sollte als er, der bisher reichste Bauer der ganzen Pfarrgemeinde. Gian fand sich so befriedigt von der gewandten und gar nicht üblen Persönlichkeit, von den blanken Goldstücken und den Erzählungen des Landsmannes, daß er diesen einlud, ihn in Surley zu besuchen. Peider erschien schon in den nächsten Tagen, sah bei dieser Gelegenheit die Gold-Aninia, und geblendet von der seltenen Schönheit des Mädchens, seltsam getroffen durch den Beinamen, der so gut zu dem seinigen paßte, beschloß er, seine Reise nach Wien so lange aufzuschieben, bis er die Gold-Aninia als sein Weibchen mit nach der Kaiserstadt an der Donau führen konnte. Denn daß das Mädchen sich sträuben würde, seine Bewerbungen, falls er sie ernstlich vortrüge, anzunehmen, kam ihm nicht entfernt in den Sinn, ebenso wenig, daß Vater Madulani sich weigern könnte, eine solche Verbindung gutzuheißen. Peider glaubte sogar seiner Zustimmung schon jetzt sicher zu sein; hatte der Alte doch bereits bei einer Anspielung darauf geschmunzelt, was wohl anstatt einer ermuthigenden Rede gelten konnte.

Also war der zweite, gefährliche Freier der schönen goldblonden und reichen Engadinerin beschaffen. – Bald jedoch sollte ein dritter und wohl noch weit gefährlicherer hinzukommen.


2. Ein altengadiner Volks- und Frühlingsfest und Beppo, der Bergamasker.

Der Mai desselben Jahres 1790 war gekommen und mit ihm der Frühling für die Hochthäler des Engadins, die nach der Behauptung eines volksthümlichen bitteren Scherzwortes „neun Monate Winter und drei Monate schlechtes Wetter“ haben. Diesmal aber war es anders, denn schon mit Ende April war der Schnee des Thals zergangen und der junge Frühling mit seinem frischen Grün und den knospenden Alpenrosen überraschend schnell eingezogen. Alle Angehörigen der Pfarrgemeinde Surley aus den umliegenden Ortschaften hatten sich am letzten Sonntag des Mai in ihrem Hauptort zusammengefunden, um nach glücklich überstandenem Winter in althergebrachter Weise mit Trinken, Gesang und Tanz des Frühlings Einzug zu feiern. Der große, freie Platz, eine vom Surleywasser durchflossene, im schönsten saftigen Grün sich weit ausbreitende Wiese, zwischen dem Dorfe und dem Stückchen Inn, das – hier noch „Sela“ benannt – die beiden Seen von Silvaplana und Campfèr verband, war wie gewohnt als Fest- und Tanzplatz ersehen worden. Die Matte erstreckte sich nach Osten hin bis zu dem vorspringenden, dichtbewaldeten Hügel Crestalta, wo vor vielen Jahrhunderten ein Kloster gestanden haben soll; jetzt gab es dort nur noch einige Ruinen und Steinhaufen, die indessen einen einsamen Bewohner, einen aus dem italienischen Veltlin eingewanderten alten Mönch, Fra Battista geheißen, beherbergten.

Die ziemlich große und recht bunte Gesellschaft hatte sich in drei sichtlich scharf getrennte Gruppen geschieden. An einzelnen roh gezimmerten Tafeln, die sich an die Kirche und die Wohnstätten lehnten, saßen die Alten, Männer und Frauen, während zu beiden Seiten, in weiter Ausbreitung, nach dem Silvaplanaer See hin die Burschen, nach der schattigen Halde des Crestalta zu die jungen Mädchen, theils an Tischen saßen, theils schon auf dem sonnigen Rasen lagerten. Der reiche Gian Madulani hatte aus dem italienischen Veltlin ein Faß des dort wachsenden köstlichen Rothweines herbeigeschafft, das er nun mit seinen älteren Standesgenossen leerte; der Pariser Peider, der nicht umsonst „Gold-Peider“ heißen wollte, that ein Gleiches für die junge Welt. Mit den alten und neuen Freunden aus Baseglia hatte er ein noch größeres Faß als das des Ammanns über den Berninapaß dahergeführt und gab dessen würzigen, berauschenden Inhalt den jungen Burschen zum besten. Die Frauen hatten nach altem Brauch kleine Kuchen aus Kastanienmehl gebacken, mit Rosinen und Zirbelnußkernen verziert, eine begehrte und seltene Leckerei. Es ging für die an Entbehrungen gewöhnten, genügsamen Engadiner hoch her und die fröhlichste Stimmung herrschte allerwärts.

Gian Madulani saß zwischen seinem Weibe Barbla und seiner Schwester, der Büssin; erstere war eine schmächtige Gestalt mit bleichen gutmüthigen Zügen, doch mit einem Blick der dunklen Augen, der deutlich sagte, daß auch ihr die Energie innewohnte, welche den abgehärteten Bewohnern des rauhen Engadins eigen ist. Die Büssin war eine große, starkknochige Frau, mit gebräuntem Antlitz, sichtlich energisch und eigensinnig wie ihr Bruder, dessen Züge sie trug. Beide Frauen hatten den heutigen Festtag mit seinem feurigen Veltliner als vorzügliche Gelegenheit erkannt, zu Gunsten des Clo nun einmal offen dem Vater zu Leibe zu gehen, welcher bisher die vorsichtigen Anspielungen seiner Frau immer zu überhören für gut fand.

Eine ganze Weile ließ Gian sein Weib von der einen, dann seine Schwester von der andern Seite auf sich einreden; immer geläufiger gingen ihre Zungen, gestalteten sich die Reden, und da der Ammann hartnäckig schwieg, dabei gar nicht unfreundlich blickte, nur dann und wann den gefüllten Weinkrug zu langem Zuge an die Lippen führte, so glaubten sie sich bereits dem gehofften Ziele, ihrem vollständigen Siege nahe. Schon wollten die Angriffe, die Bitten und Schmeicheleien in schüchterne Dankesworte übergehen, – da öffnete Gian endlich den Mund zu etwas anderem als zum Trinken. Mit einem kräftigen Schlage setzte er den Weinkrug auf die Tafel nieder, und seine ganze mächtige Gestalt reckend und dehnend, die beiden Frauen nach einander mit blitzenden Augen anschauend, sprach er laut, unbekümmert, ob seine übrige Umgebung es hörte oder nicht:

„Nun ist’s genug! Nun hört meine Meinung, und an der ist nichts zu ändern, das merkt Euch. Hättest Du“ – er wandte sich an seine Schwester – „nicht einen Habenichts geheirathet, so säßest Du heute nicht als die ärmste Frau von Surley in dem elendesten Steinhaufen des Dorfes und brauchtest Dir nicht von Deiner Schwägerin, hinter meinem Rücken, von Zeit zu Zeit das Allernothwendigste zu erbetteln. Das ist für Dich, Maria Büssin. Dir, meinem Weibe, aber sage ich, daß ich mich nicht mein ganzes Leben lang dafür geplagt haben will, damit ein zweiter Habenichts sich mit dem, was wir erworben haben, gütlich thun kann. Geld muß zu Geld, Gut zu Gut, so gehört es sich und so muß es bleiben, so lange Grund und Grath stehen! Ich halte es also, so wahr mir Gott helfe! oder – ich müßte denn selber ein Bettler und arm geworden sein wie die da!“

Gians Schwester saß in sich gekrümmt da und weinte; die sonst so starke Frau fand keine Erwiderung auf den leidenschaftlichen Ausfall ihres Bruders, der, so lange sie denken konnte, nicht mit einer solchen Rücksichtslosigkeit zu ihr gesprochen hatte. Doch die Schwägerin antwortete für die zu arg Mißhandelte. Die schmächtige Gestalt hob sich langsam von ihrem Sitz empor, die Arme stemmte Frau Barbla auf die Tafel, ihr sonst so bleiches Antlitz war geröthet und die Augen, auf ihren Mann gerichtet, sprühten Feuer. Dann sprach sie, ihre Aufregung, so viel es ihr nur möglich war, zu bemeistern suchend:

„Unser Herrgott mag Dir Deine sündigen Worte verzeihen! Der Geldteufel verblendet Dich, Gian Madulani, daß Du kein Herz mehr hast für Deine Schwester und ihren Sohn. – Du weißt es so gut wie ich, daß sie nicht arm wären, wenn –“

„Genug der einfältigen Reden!“ rief der Cavig mit zornbebender Stimme. „Nicht ein Wort mehr will ich hören, und was ich geschworen habe, das habe ich geschworen.“

„Gut,“ erwiderte Frau Barbla, mühsam an sich haltend, „ich kann Dich nicht zwingen, unser Kind dem Clo zu geben, der ein guter Bursch ist und ehrenwerth und ein Herz für sie hätte. Aber,“ fuhr sie mit starker Stimme fort, „etwas anderes kann ich: meine Einwilligung als Mutter verweigern, wenn Du sie aus Habgier, um Geld und immer mehr Geld, an den Freier, der Dir im Kopfe steckt, verkaufen willst. Da habe ich mit dreinzureden, und so gelobe auch ich, Schwur gegen Schwur: So lange Grund [506] und Grath stehen, soll der windige Franzosen-Peider nicht der Mann meiner Aninia werden, es sei denn, sie wolle es selber.“

„Weib, schweige! – oder bei Gott!“ – schrie der Ammann in jäh aufloderndem wilden Zorn, alles um sich her vergessend. Zugleich fuhr die geballte Faust so mächtig auf die schwere Bohlentafel nieder, daß diese mit den darauf befindlichen Trinkgeschirren zitterte und schwankte. Er fühlte es heiß in seine Schläfen steigen und mußte sich Gewalt anthun, um nicht die Hand zu erheben gegen das Weib, welches seine geheimsten Gedanken errathen und dieselben nicht nur ungescheut vor der ganzen Gemeinde ausgesprochen, sondern ihm zu gleicher Zeit Trotz geboten hatte mit einem Wort, das ihm so viel wie ein heiliger Schwur galt. Das war unerhört – das konnte er als Hausherr, als Cavig und Ammann nicht dulden! – Alle Gespräche ringsum waren verstummt und die Augen aller auf die Drei gerichtet, deren ganzes schwerwiegendes Reden und Streiten man Wort für Wort vernommen und nur zu gut verstanden hatte. Wie ein Blitz fuhr der Gedanke daran dem Ammann durch das Hirn; sekundenlang kämpfte in ihm der blinde Zorn mit dem Bewußtsein, daß er sich jetzt nicht durch ein ungeschicktes Wort bloßstellen dürfe, und gewaltsam rang der starke willenskräftige Mann nach Fassung; da – gleichsam als Antwort auf seinen eben niedergefallenen Faustschlag, der schallend die Tafel getroffen hatte, erhob sich plötzlich an der Seite des Festplatzes, dort, wo die Mädchen weilten, ein lauter Tumult, der jäh anschwoll. Schallende Männerstimmen, kreischende Rufe der Weiber tönten durcheinander, der Lärm wuchs immer weiter, so daß sich im Nu alles von den Sitzen erhob.

Auch der Ammann schnellte empor, horchte einen Augenblick, wohl um sich zu sammeln, dann aber, als er auch die Stimme seiner Aninia zu vernehmen glaubte, flog er, die Bank überspringend, mit der Gelenkigkeit eines jungen Burschen davon und den Streitenden entgegen. Die beiden Frauen und die meisten der sonst noch dort Weilenden folgten ihm in athemloser Hast, die übrigen Festgenossen eilten von allen Seiten herbei, um zu sehen, was sich auf der Wiese zugetragen, während drüben am Tisch die Alten stritten.

Dort hatte inzwischen der Franzosen-Peider einen dichten Kreis von Zuhörern, alten und neuen Freunden um sein Faß Veltliner versammelt und prahlte in gewohnter Weise mit seinen Erfolgen und Abenteuern. Er hatte sein bestes und reichstes französisches Habit angelegt und ging heute in seidenen Strümpfen und Schnallenschuhen, sogar mit einem großen schwarztaffetnen Haarbeutel im Nacken einher. Daß er seinen stählernen Galanteriedegen durch die Rockschöße gesteckt hatte, war selbstverständlich; sah man ihn doch nie ohne diese Zierat. So nahe als möglich bei ihm hatte sich der lange Clo hingepflanzt und lauschte mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen den Erzählungen des Parisers. Schön war er gerade nicht, der Sohn der Maria Büssin, und er würde mit seiner derbknochigen Gestalt, mit den scharfen Gesichtszügen nimmer zu der hübschen und feingegliederten Gold-Aninia gepaßt haben. Auch schien er sich just nicht als unglücklich Liebender zu fühlen, zum wenigsten nicht in diesem Augenblick, wo ihn sichtlich nur ein Gedanke, die Abenteuer und das viele Geld seines Landsmannes, beherrschte.

Der Franzosen-Peider war bei seinem Lieblingsthema, den Frauen, angekommen. „Und die Weiber, die Pariserinnen erst!“ so rief er, dabei mit den Lippen schnalzend, als ob er die süßeste der Konfitüren zu kosten gehabt hätte! „Eine solche Sorte giebt es ein zweites Mal nicht wieder, und wer bei denen in die Schule gegangen ist, dem widersteht keine mehr. Kinder, ich sage Euch nochmals: die schönsten, reizendsten Weiber giebt es nur in Paris! sie sollen leben – hoch!“ Und sein Trinkgeschirr hebend, stieß er mit den anderen Burschen an, die lärmend, doch verständnißlos sein „Hoch“ wiederholten.

Nur der Clo schwieg. Unbeweglich, die knochigen Ellbogen auf die Tafel, das Kinn in die beiden Fäuste gestützt, saß er da und sagte, als der Lärm sich gelegt hatte, gelassen:

„Nun, Pariser, ich denke, auch bei uns giebt es schöne Mädchen, wie zum Beispiel – die Gold-Aninia.“

„Und die lange Staschia Cadruvi!“ rief ein anderer Bursche dazwischen, was bei den übrigen ein lustig neckendes Lachen zur Folge hatte, denn man wußte aller Orten gar wohl, daß der lange Clo, bevor er sich an die Gold-Aninia herangewagt, der längsten Dirne von Surley, der übrigens gar nicht üblen Staschia Cadruvi, den Hof gemacht hatte.

Der Stich hatte getroffen und verlegen senkte Clo die Augen, biß die Lippen zusammen und verstummte. Da rief der Franzosen-Peider schon wieder:

„Des Gian Madulani Tochter, die Gold-Aninia, lasse ich gelten, nur muß sie sich bessere Manieren angewöhnen und Eure abscheuliche, veraltete Tracht modernisiren. Doch das werde ich schon besorgen – wenn ich mich überhaupt entschließen sollte, sie zu meinem Weibe zu nehmen.“

„Oho!“ brummte der Clo, der durch diese übermüthigen Worte aus seinem Brüten wieder aufgeweckt worden war. „Weißt Du denn so bestimmt, daß sie Dich überhaupt will?“

Hell lachte der Peider auf und sagte dann, sich dabei auf die Stirn tippend: „O Du baumlanger, kurzsichtiger Bauer! Weißt und siehst nicht einmal, was in Deiner Nähe, fast unter Deiner Habichtsnase vorgeht! Reibe Dir nur erst den Schlaf ordentlich aus den blöden Augen, dann wirst Du allerhand sehen, was Deinem dicken Schädel bis jetzt nicht eingefallen ist. Aber hört nur,“ fuhr er, plötzlich den Ton ändernd, zu den andern gewendet fort, während Clo mit geballten Fäusten dastand, unschlüssig, ob er zuschlagen sollte oder nicht, „hört nur! Die Mädels drüben rufen nach uns, sie haben das Tanzlied angestimmt und werden gleich den Reigen beginnen! Da müssen wir hin, wenn sie uns nicht für ungalante, dumme Tölpel halten sollen. Und Du,“ sagte er jetzt so vertraulich, als sei nicht das mindeste vorgefallen, zu seinem noch immer ingrimmig dreinblickenden Gegner – „und Du, halte Dich an mich und merke auf, dann wirst Du sehen, wie ich mit Deiner Gold-Aninia stehe, und wie Du es anstellen mußt, um ein Frauenzimmer, sei es auch das schönste, stolzeste und störrischste, zu kirren.“

Damit eilte er, von der ganzen, bereits stark angeheiterten Gesellschaft begleitet, der auch Clo sich mit seinen längsten Schritten anschloß, über die Wiese der Stelle zu, wo die Mädchen in der That bereits nach einer Liedweise, die sie lustig sangen, einen Reigentanz begonnen hatten.

Dort war bis jetzt die schöne Gold-Aninia der Mittelpunkt des ziemlich großen und heiteren Mädchenkreises gewesen. Sie war mit ihrer zierlichen, anmuthigen Gestalt, mit dem frischen, rosigen Gesichtchen, den schwarzen strahlenden Augen und dem reichen goldblonden Haar wirklich eine Schönheit seltener Art. Dabei zeigte ihr ganzes Gebahren eine natürliche Gutmüthigkeit, wenn auch aus den dunklen Augen gelegentlich ein starkes Aufleuchten ging, das von kräftigem Willen und einer leidenschaftsfähigen Seele sprach.

Die Gold-Aninia hatte sich am Nachmittage vorzugsweise und recht angelegentlich mit einem Mädchen beschäftigt, das viel zu groß und stark war, um wirklich hübsch genannt werden zu können. So verschieden die beiden in ihrem Aeußeren auch waren, so mußte sie doch eine echte und rechte Freundschaft verbinden, denn es waren intime Herzensangelegenheiten, die sie halblaut mit einander verhandelten, wobei Aninia endlich lächelnd und doch recht ernst sagte:

„Gieb Dich nur zufrieden, Staschia, ich fange Dir Deinen langen Clo, der so gut zu Dir paßt, nicht weg; – denn erstens mag ich ihn nicht, und dann würde der Vater nun und nimmer in eine solche Heirath willigen. Ist auch die Mutter dafür, so hilft ihr Zureden doch nichts, wenn ich selber nicht will. Ich brauche nur dabei zu bleiben, daß ich meinen leiblichen Vetter nicht zum Manne nehme, dann können sie’s nicht erzwingen, sie und Vatersschwester. Sei nur ruhig, der Clo ist und bleibt Dir gewiß.“

„Du denkst vermuthlich an den Pariser?“ warf die Lange, tief und erleichtert aufathmend, ein.

Gold-Aninia schlug eine helle Lache auf. „Gefehlt, Staschia, weit gefehlt!“ rief sie mit einer fast übermüthigen Lustigkeit. „An den Franzosen-Peider würde ich zu allerletzt denken – und dann nicht einmal! Der ist in meinen Augen nichts weiter als ein Schwätzer, ein Aufschneider.“

„Aber Du hörst ihm doch immer so gern zu, lachst mit ihm, wenn er zu Deinem Vater nach Surley kommt –“

„Weil mich sein Geschwätz unterhält; wenn er aber zu toll prahlt und lügt, lache ich ihn aus.“

„Dann muß Dir auf alle Fälle doch ein anderer im Sinn liegen,“ meinte die lange Staschia recht treuherzig, doch auch nicht wenig neugierig. „Du hast doch auch ein Herz!“

[507] „Nun, das will ich meinen,“ lachte Aninia, „wenn es auch nicht so verliebt ist wie die Euren sammt und sonders.“

„Gefällt Dir denn keiner von den Burschen?“

„Sie gefallen mir alle, aber keiner besser als der andere; ich mag keinen von ihnen nur halb so gern, als früher einen armen Buben, der mein Spielkamerad war. Gott weiß, wo er hingekommen ist; wäre der hier geblieben, so könnte wohl sein –“ sie hielt einen Augenblick inne und fuhr dann im alten lustigen Ton fort: „Ach was – das ist alles dummes Zeug. Soll mir heute einer gefallen, so muß es auf den ersten Blick geschehen, und geschieht’s – dann, Staschia, darfst Du Dich darauf verlassen, daß ich den Burschen – mag er sein, wer er will – zum Manne nehme. – Und nun laß uns das Tanzlied anstimmen, damit die faulen Burschen ihre Weinkrüge im Stiche lassen und wir endlich tanzen können, Du mit dem Clo, ich mit dem Pariser!“

Damit sprang sie fröhlich, das wohlbekannte Tanzliedchen singend, zu den Freundinnen zurück, die sofort einen Reigen bildeten, der durch das rasche Hinzutreten der Burschen immer größer und lustiger wurde und zugleich immer kühnere und drolligere Schwenkungen und Verschlingungen ausführte.

Eine volle halbe Stunde ohne Aufhören mochte dies lustige Tanzen und Singen gedauert haben, wenn auch manchem Paare dabei vor Lachen und Anstrengung zeitweilig der Athem ausgehen wollte. Der Franzosen-Peider hatte in der That sich sofort an die Seite der Gold-Aninia gedrängt, war auch von derselben recht freundlich als Tänzer angenommen worden, und der lange Clo fand sich – er wußte wahrhaftig nicht, wie es geschehen! – an der Seite der gleichgroßen Staschia Cadruvi. Beide bildeten ein sehr stattliches Paar, das fast um Kopfeslänge den größten Theil der übrigen Tänzer und Tänzerinnen überragte. Der äußerst gewandte und lustige Franzosen-Peider hatte es so einzurichten gewußt, daß die lange Schlangenlinie der Tanzenden sich mehr und mehr den Arven des Crestaltahügels näherte.

Dort, ziemlich hoch am Hügel droben, zwischen den dichten Stämmen des dunklen Nadelholzes, von Büschen knospender Alpenrosen verdeckt, kauerte schon seit geraumer Zeit eine seltsame Gestalt. Den Oberkörper hüllte eine Art ärmelloser Jacke von zottigem Bärenfell ein, und unter dem dichten schwarzen Haar, das in krausem Gelock den Kopf umgab, leuchtete ein Paar dunkelglühender Augen hervor, die nur auf einen einzigen Gegenstand gerichtet schienen. Der Mann hatte sich einen Lagerplatz ausgewählt, von dem aus er zwischen den Baumstämmen durch auf die nahe Wiese hinabschauen konnte, die nun zum Tanzplatz geworden war, und von hier aus starrte er unverwandt auf Aninia und ihren feurigen Tänzer.

Beppo, der Bergamasker, wie ihn die wenigen Leute nannten, mit denen er verkehrte, war übrigens ein noch junger, sogar in seiner Art schöner Bursche, nur etwas verwildert sah er aus. Er stammte aus dem jenseit des Valtellino gelegenen Alpenlande der Bergamasker. Dort stand er in Diensten des in jenem armen Berglande begüterten Grafen Branzi, dessen Schafheerden mit beginnendem Frühling auf die Alpenmatten des Engadins zur Sommerweide getrieben wurden. Als Knabe war er mit seinem Vater und den hochbeinigen Schafen des Grafen auf die Triften Surleys gezogen, dann verschwanden beide und ein anderer bergamasker Schäfer trat an ihre Stelle. Erst im vorigen Jahre war Beppo wieder als Führer der Heerde erschienen, doch hielt er sich scheu von allen Menschen fern und nur wenige Leute waren mit ihm in Berührung gekommen. Auch jetzt war er über den Berninapaß gezogen, um mit dem Cavig von Surley an Ort und Stelle, wie es Brauch und Herkommen wollte, den Weidevertrag für seine Schafe zu bereden, und war nun auf dem Wege nach Surley. Von dem Fest auf der Wiese überrascht, rastete er zwischen den Arven des Hügels.

Der Reigentanz war mit seinem eigentlichen Führer, dem Franzosen-Peider, am Rande des Hügels angelangt; er mußte mit der letzten Kraft der Tanzenden zu Ende gehen. Schon löste sich hier und da die lange, verschlungene Kette, und Paar um Paar flog einzeln, wirbelnd davon, bestrebt, sich auf den Füßen zu erhalten, aber die Mehrzahl kollerte unter Schreien und Gelächter auf den Rasen hin. Da dies der Hauptspaß vom Tanze war, fand niemand etwas Auffallendes dabei, die Mädchen standen schnell wieder auf den Füßen oder neckten ihre Tänzer, wenn es ihnen gelungen war, sich aufrecht zu erhalten. Im allgemeinen Getümmel aber riß der Franzosen-Peider seine Tänzerin weit von den andern fort, nach den Arven hin, indem er sie unausgesetzt so im Wirbel drehte, daß Aninia völlig athemlos plötzlich die Besinnung schwinden fühlte und taumelnd in einer Art von Ohnmacht unter den Bäumen auf den Rasen glitt.

Auf der Tanzwiese begann das fröhliche Lärmen von neuem. Diejenigen Burschen und Mädchen, welche sich aufrecht erhalten hatten, lachten die Gefallenen, Uebereinandergekollerten aus, und diese suchten sich wieder zu erheben, was nicht ohne neues Lachen und Jubeln abging. Plötzlich ertönte unter den Bäumen hervor das schrille, angstvolle Aufkreischen einer wohlbekannten Mädchenstimme, dem sofort ein gräulicher französischer Fluch folgte, den nur der Peider ausgestoßen haben konnte, begleitet von gellenden, weithintönenden und fremdartig klingenden Drohworten einer zweiten Männerstimme. Die Fröhlichen auf der Wiese hatten überrascht, erschrocken kaum die Blicke nach den nahen Bäumen des Crestaltahügels gewendet, da flog der Peider mit zerrissenem, weithinflatterndem Habit, wie von einer Riesenfaust in weitem Bogen aus dem Walde geschleudert, auf die Wiese, wo er keuchend vor Aufregung und Schmerz zusammenbrach. Doch alsbald trat auch ein Mann in zottigem Bärenfell, die scheinbar leblose Gold-Aninia auf den Armen tragend, heraus auf den Tanzplatz.

Was da Schlimmes geschehen, war das Werk weniger Augenblicke gewesen. Der im Grunde nicht bösartige, aber bis zur Gewissenlosigkeit leichtfertige Franzosen-Peider, der den Wein schon bedeutend spürte, war von der Ueberanstrengung und dem verführerischen Anblick des schönen Geschöpfes, das sich für ein paar Minuten in seiner Gewalt befand, bis zum Wahnsinn erregt und verwirrt. Nur dem Trieb des Augenblicks folgend, stürzte er auf das fast besinnungslose Mädchen zu und bedeckte das bleiche, doch so schöne Gesichtchen mit verzehrend glühenden Küssen.

Da wachte Gold-Aninia jäh aus ihrer Betäubung auf, stieß einen schrillen Angstschrei aus, um dann einer wirklichen und tiefen Ohnmacht zu verfallen. Doch zugleich packten den unseligen Menschen zwei nervige Fäuste, hoben ihn mit schier übermenschlicher Kraft vom Boden empor, um ihn dann wie einen leichten Ball in weitem Schwunge auf die Wiese hinaus zu werfen. Der dies gethan, war der Bergamasker, welcher auf seinem Lauerposten die Frechheit des Burschen mitangesehen hatte, aber auch im selben Augenblick den Berg hinab gerannt und mit Blitzesschnelle über ihn hergefallen war. Dann nahm er die ohnmächtige Aninia auf seinen Arm und trug sie unter den Bäumen heraus und zu den übrigen Mädchen zurück.

Kaum vermochte er, sie sanft auf den Rasen niederzulegen, denn im gleichen Augenblicke rückte man von allen Seiten gegen ihn an. „Der Beppo, der Bergamasker,“ schrieen entrüstet die Burschen, jedermann glaubte, in ihm den frechen Störenfried zu sehen, und ein drohendes Ungewitter zog sich über seinem Haupte zusammen, wenn es sich auch vorerst nur durch heftige Scheltworte und Flüche ankündigte. Die Freunde des Franzosen-Peiders, besonders die von Sils-Baseglia, die mit ihm gezecht hatten, stellten sich auf Seite des Mißhandelten, den man vorläufig für ungerecht angegriffen hielt. Nur Clo blieb, wenn auch noch halb zögernd, bei dem Bergamasker stehen, weil ihn ein inneres Gefühl zu dessen Gunsten anwandelte: hatte er doch dem verhaßten Franzosen-Peider ein Tüchtiges ausgewischt!

Dieser aber hatte sich wieder aufgerafft und, jetzt erst recht sinnlos vor Wuth und Scham, seinen Degen gezogen. Unter gellenden Wuthschreien und Flüchen drangen er und seine Freunde auf den Bergamasker ein, der den Nahenden die geballten Fäuste entgegenstreckte. Er war rasch mehrere Schritte von dem noch immer ohnmächtigen Mädchen weggesprungen, um dessen Wiedererwachen sich die Freundinnen bis jetzt vergebens bemühten, und nun entwickelte sich ein Handgemenge, das sich bald zu einem dichten Menschenknäuel gestaltete. Wuchtig fuhren die Fäuste des Bergamaskers auf seine Angreifer nieder und Clo half bei solchem Zuschlagen redlich und sehr wirksam mit. Doch der ungleiche Kampf dauerte nur wenige Augenblicke, da stieß der Beppo plötzlich einen Wehschrei aus, die Hände fuhren nach der Brust, und während die Burschen erschrocken rasch nach allen Seiten auswichen, taumelte der arme Bergamasker einige Male hin und her und sank dann wie leblos zu Boden. Auf der Seite drang ihm ein heller Blutstrom, der den Rasen blutroth färbte.

[517]
Plötzlich stand der Ammann in dem Kreise der Streitenden. „Was geht hier vor? Wer von Euch hat die Blutschuld auf dem Gewissen?“ so donnerte er mit weithinschallender Stimme die zu Tod erschrockenen Burschen an und ließ dabei die scharfen zürnenden Blicke fragend in die Runde gehen. Doch nicht lange, dann wußte er die Antwort, der Schuldige konnte nur der Pariser sein, denn nur dieser hatte eine Waffe und seine Hand hielt noch den von Blut gerötheten Galanteriedegen, der gewiß zum erstenmal in solcher Weise befleckt ward. Da änderte sich Miene und Ton des gestrengen Richters. „Geht heim, Peider!“ sagte er mit auffallender Ruhe zu dem tieferschüttert dastehenden Halbfranzosen. „Geht heim und gelobt mir, Euch nicht von Sils zu entfernen, bis die geschworenen Leute gesprochen haben. Daß sie recht richten werden, dafür bürge ich Euch. Den Verwundeten bringt in mein Haus, der Cavig selbst wird ihn pflegen. Geht!“

Jetzt wandte er sich dem Beppo und seiner Tochter zu. Der Bergamasker war nur verwundet und gewiß nicht lebensgefährlich; er stöhnte leise und schmerzlich, indeß die Frau des Ammanns und andere Weiber sich um ihn bemühten, das Blut zu stillen und seine Wunde, so gut es gehen wollte, zu verbinden. Nun war auch Aninia endlich aus ihrer Betäubung erwacht. Als sie den Bergamasker regungslos in seinem Blute daliegen sah, ihn, den sie als ihren Schützer und Retter erkennen mußte, warf sie sich mit einem gellenden Wehschrei neben den Armen nieder. Das weiße Linnentuch riß sie sich vom Halse und half der Mutter, die im Verbinden und Pflegen von Wunden wohl bewandert war. Währenddem hatten die vollständig nüchtern und stumm gewordenen Burschen eine der breiten Bohlen, die als Tafeln dienten, herbeigebracht. Auf diese wurde der Verwundete, welcher nach Stillung der Blutung bald wieder zu sich kam, gelegt, und dann setzte sich der Zug nach dem Dorfe in Bewegung. Indeß man den armen Bergamasker Hirten ins Haus des reichen Madulani schaffte, zog der vollständig zerknirschte Franzosen-Peider mit seinen Freunden der ziemlich fern gelegenen Heimath Sils-Baseglia entgegen, ein Heimgang, der nicht im entferntesten dem fröhlichen Auszug am Morgen glich. Das Engadiner Frühlingsfest hatte übel geendet, und es gab manchen im Dorf, der daraus kommendes Unheil für das Jahr weissagte.


3. Ein Richter, wie er nicht sein soll; der Verwundete und seine Pflegerin.

Der verwundete Bergamasker Schäfer hatte eine Pflege gefunden, wie sie ihm besser und wirksamer nicht hätte werden können. Ein [518] Arzt war zu jener Zeit in diesem einsamsten Theil des Engadins eine unbekannte, fast sagenhafte Persönlichkeit. Man hätte weit laufen müssen, bis nach Chiavenna, nach Chur oder in eines der fernen Klöster des Unterengadins, um jemand zu finden, der etwas mehr gewesen wäre als ein Quacksalber oder ein ganz gewöhnlicher Bader – jetzt, wo noch große Schneemassen die Pässe bedeckten, wäre ein solcher Gang schwer genug gewesen, zur Winterszeit war er überhaupt unmöglich. Deshalb gab es in jedem der Orte eine heilkundige Persönlichkeit, welche durch lange Erfahrung ersetzte, was ihr an Wissenschaft abging. In Surley war es Mutter Barbla, die Frau des Cavigs, die sich in hervorragender Weise auf Heilung äußerer Schäden, auf das Verbinden und Pflegen von Wunden verstand. Auch wußte sie Kräuter für innere Leiden zu finden, die als besonders heilkräftig weit und breit berühmt waren. Unter ihrer Pflege hatte also der Bergamasker das beste zu erwarten, sie war es aber nicht allein, die sich um ihn mühte, denn auf die erste Kunde von dem Unglücksfalle war der alte weißbärtige Fra Battista herbeigeeilt, der Mönch des Crestalta, der auf seinem kleinen Maulthier überall dort erschien, wo es galt, die wenigen, zerstreut in weiter Runde lebenden katholischen Bewohner des Engadins in schweren, letzten Nöthen zu trösten. Seinem armen italienischen Landsmann wollte er vor allem beistehen, aber er fand ihn schon in der allerbesten und wirksamsten Pflege, denn Aninia wich Tag und Nacht nicht von dem Lager des Verwundeten. Die Degenspitze war glücklicherweise von der oberen Rippe abgeglitten und hatte dadurch nur die Fleischtheile der Brust verletzt; nachdem der starke Blutverlust, welcher eine augenblickliche große Schwäche verursucht hatte, einmal gehemmt war, drohte keine unmittelbare Gefahr mehr. Eine leichte Entzündung und ein damit verbundenes Wundfieber war schon am ersten Tage eingetreten, doch alle Anzeichen sprachen für eine rasche Heilung des kräftigen und sonst durchaus gesunden Menschen. Mit großen, andachtsvollen Augen, als ob er eine Madonna erblickte, hatte der einfache Sohn der wilden Bergamasker Berge anfänglich zu dem schönen bleichen Mädchen aufgeschaut, das, unbekümmert um die Mahnungen der Mutter, um den finster umhergehenden Vater, hilfeleistend bei ihm weilte, als ob es seine Schwester gewesen wäre. Nun er im leichten Fieber lag, unruhig und ohne Schlummer, redeten seine Lippen zu ihr, und jetzt war es wirklich die Madonna, der die einzelnen abgerissenen Worte, die irren, sehnsüchtig suchenden Blicke galten. Und Aninia saß mit ihren Gedanken, die sie weit in ihre Kinderzeit zurückführten, neben seinem Lager, einsam und allein mit dem Verwundeten bis spät in die Nacht hinein, kühlte mit nassen Tüchern seine heiße Stirn, flößte ihm mit liebevollen Worten den heilkräftigen Trank ein, den die Mutter gebraut hatte.

Dann saß sie wieder lange, in stummes Anschauen verloren, während Beppos brauner Lockenkopf sich unruhig auf den Kissen hin und her bewegte, und sie wußte nicht, warum ihr gerade der Anblick seines blassen Gesichtes so zu Herzen ging. Er dauerte sie, weil er sein junges Leben um ein Haar breit verloren hätte, sie war ihm dankbar, daß er es um ihretwillen aufs Spiel gesetzt hatte, aber das war es alles nicht, was ihr das Herz so voll neuer süßer Gewalt pochen machte. So wie sie damals der Freundin scherzend gesagt hatte, so war ihr nun geschehen, auf einmal war’s gekommen, und sie wußte es nun: der arme Hirt mit den treuen Augen und dem leidenschaftlichen Herzen war ihr lieber als alle andern, sie hätte ihn in dem kleinen getäfelten Stübchen für immer behalten und nichts mehr von denen draußen hören mögen. Sie wußte jetzt auch aus seinen verworrenen Reden, daß er der Beppo ihrer Kinderjahre war, an den sie noch lange und oft gedacht, der braune Junge, der das kleine goldhaarige Mädchen damals wie ein höheres Wesen angebetet und auf Händen getragen hatte. Ob er auch noch der schönen Zeiten und ihrer glücklichen Kinderspiele auf den Alpenweiden dachte? Und warum, wenn dies der Fall, war er so lange nicht mehr nach Surley gekommen, da doch die Heerden seines Grafen nach wie vor dort weideten? Oder hatte er sie ganz vergessen?

Aninia fühlte sich völlig verwirrt von den vielen Zweifeln und Fragen, die plötzlich in ihrem bis dahin so gleichmüthigen Innern auftauchten. So oft sie in Gedanken so weit gekommen war, that sie einen leisen Seufzer und beugte sich über den im Fieber murmelnden Beppo, glättete ihm mit sanfter Hand die wirren Haare und küßte leise, leise die glühende Stirn. Dann zog ein Schimmer von Lächeln über sein Gesicht, er wurde ruhiger und flüsterte einzelne abgerissene Worte mit glücklichem Ausdrucke vor sich hin. Aninia hielt seine Hand und betete still für Beppos Genesung zu dem, dessen Augen wie sie glaubte, allein ihre Neigung und die stille Glückseligkeit sahen, die jetzt ihr Herz erfüllte.

Aber hierin irrte sie doch und hatte keine Ahnung, daß noch zwei andere Augen scharf nach ihr ausschauten, daß jede ihrer Bewegungen, jedes ihrer geflüsterten Worte von einer dritten Person gesehen und gehört wurden. Hinter der Kammerthür, welche in eine dunkle Geräthstube führte und ein kleines Fensterchen hatte, stand Mutter Barbla. Unhörbar schlich sie heran und gleich leise wieder in ihre Schlafkammer zurück. Aber es war kein Ausdruck von Zorn in den Augen, womit sie die unschuldige Zärtlichkeit ihres schönen Kindes beobachtete. Es schien sogar, als empfinde sie eine rachsüchtige Freude darüber, doch hütete sie sich wohl, ihr heimliches Wissen auch nur mit einer Silbe ihrer Tochter gegenüber zu verrathen. Ernsthaft und wortkarg wie immer verrichtete sie ihr Tagewerk, sah nach Beppos Verband und that, als ob sie weiter nichts bemerkte. Frau Barbla mußte etwas ganz Besonderes planen, und das konnte nur gegen den Vater, nimmer gegen die beiden jungen Leute gerichtet sein.

Der Cavig ging mit schweren Schritten im Hause umher, die Brauen hatte er finster zusammengezogen und die Lippen fest aufeinander gepreßt. Es gährte noch gewaltig in ihm von dem schlimmen Festtage her, er fühlte sich in seiner Hausherrnwürde beleidigt und herabgesetzt und empfand ein brennendes Bedürfniß, seinem rebellischen Weibervolk den Meister zu zeigen. Deshalb kümmerte er sich vor der Hand weder um den Verwundeten, noch um Frau und Tochter, die denselben pflegten, er strafte sie alle zusammen mit finsterem Schweigen; ebenso wenig schien er den alten Mönch des Crestaltahügels zu bemerken, der des Beppos wegen in seinem Hause ein- und ausging. Dafür weilten seine Gedanken um so mehr bei dem Franzosen-Peider, mit dem er sich ja überhaupt als Richter zu beschäftigen hatte.

Nicht nach geschriebenem Recht, sondern nur nach altem Brauch hatte der Ammann nach einem begangenen Verbrechen oder einem schweren Vergehen, bei dem Blut geflossen war, die Geschworenen der Dörfer, welche die Pfarrgemeinde bildeten, zum Gericht zu versammeln. Da diese Gemeinde aus fünf größeren und kleineren Dörfern bestand, von denen jedes einen Geschworenen zu stellen hatte, die nach Bedeutung der Ortschaften der Reihe nach ihren Wahrspruch fällten, so waren diese fünf geschworenen Leute für den nächsten Sonntag zum Gericht nach Surley, das öffentlich unter freiem Himmel vor der Kirche abgehalten werden mußte, von dem Ammann berufen worden. Als er nach einigen Tagen mit seinen Gedanken und heimlichen Plänen im reinen war, ließ er den Angeklagten kommen, um ihn, wie er vorgab, zu verhören, nicht in seinem Hause, sondern draußen an dem Ort der That, wohin er denn auch den recht zerknirschten Franzosen-Peider führte. Nicht mit der Strenge des Richters, sondern mit einer scheinbar theilnehmenden, väterlichen Freundlichkeit forschte er ihn aus über das, was eigentlich vorgegangen sei und das brutale Einschreiten des Bergamaskers veranlaßt habe. Der Pariser, durch diese unerwartet freundliche Behandlung des als hart und streng verschrieenen Mannes ermuthigt, hielt nicht hinterm Berge und erzählte, natürlich sein Thun beschönigend, – was der Ammann wohl schon wußte oder doch ganz bestimmt ahnte – daß er die Gold-Aninia, die ihm gar so schön erschienen sei, nur ein paarmal geküßt habe.

Bedenklich schüttelte der Ammann in gut gespielter Entrüstung den Kopf, dann sagte er ernst, doch immer noch nicht unfreundlich: „Schlimm, sehr schlimm! Schon dieser Ueberfall eines unbescholtenen Mädchens, das unfähig war, sich zu vertheidigen, ist nach unserem Recht ein schweres Vergehen, das nur mit einer harten Strafe gesühnt werden kann. Dazu noch der Degenstich, das in vollem Festesfrieden vergossene Blut – das kann Euch den Hals kosten. Die geschworenen Männer können Euch nur – zum Strang verurtheilen.“ Jetzt erst fiel sein tiefernster Blick auf den Peider, der wie Espenlaub zitterte und sich bereits am Galgen baumeln sah, und wieder den theilnehmenden, väterlichen Freund spielend, fuhr der Ammann fort, sein Opfer nunmehr nicht aus den Augen verlierend: „Ja, wenn Ihr nicht in einer augenblicklichen Aufwallung gehandelt hättet – wenn Ihr die Aninia wirklich liebtet, ein Recht auf sie besäßet, dann – dann läge die [519] Sache freilich anders. Denn den wirklichen Schatz, oder gar den – Bräutigam des Mädchens könnte und würde auch keine Strafe treffen. Der Degenstoß wäre dann einfach eine Nothwehr oder doch nur die in einer berechtigten leidenschaftlichen Aufregung, in einem unbedachten Augenblick verübte Vergeltung einer erduldeten – tödlichen Schmach gewesen.“

„Aber so ist’s – gerade so ist’s, Ammann!“ rief der Franzosen-Peider, wie von einer entsetzlichen Last befreit, mit einem fast jauchzenden Freudenton, denn er hatte den Wink nur zu gut verstanden. „Ich liebe die Aninia – meine Kameraden können bezeugen, wie oft ich dies gesagt und wiederholt habe, und alles, was ich besitze, gäbe ich mit Freuden darum, dürfte ich sie als – mein Weib freien!“

„Wirklich?“ sagte der Ammann langgedehnt und vermochte nur schwer die Freude über das Gelingen seiner List zu verbergen. „Wenn das wirklich die Wahrheit ist,“ fuhr er jetzt rascher und die Worte schärfer betonend fort, „warum habt Ihr denn nicht schon längst offen und ehrlich mit der Aninia oder doch mit dem Vater, der im Grunde allein zu entscheiden hat, gesprochen?“

„Ich hatte nicht – den Muth dazu,“ entgegnete der andere wieder kleinlaut.

„Und Ihr rühmtet Euch doch laut genug, in Paris die rechte Courage den Weibern gegenüber gelernt zu haben!“ sagte nun der Ammann spöttisch, um dann sofort wieder in den früheren wohlwollenden Ton überzugehen. „Und wer sagt Euch, daß sie – oder der Vater Euch abgewiesen haben würde? Seht, Peider, ich will offener und ehrlicher handeln als Ihr und sage Euch gerade heraus: Ihr wäret mir, dem reichen Madulani, als Eidam schon recht.“

Nun war es mit aller Angst des Peiders vorbei, er war wieder der alte übermüthige Pariser geworden, wenn er auch keineswegs das Wunder begriff, das ihn da vom sicheren Galgen in die Arme des schönsten und reichsten Mädchens im ganzen Engadin führen sollte. Er wollte vor unsinniger Freude aufjauchzen, doch ein drohender Blick des Ammanns hinderte ihn, einen solchen Freudenlaut, wenn auch im Freien, fern von dem Dorfe, auszustoßen, einen Ton, der nimmer zu der Untersuchung hätte passen können, die ein Richter mit einem Missethäter zu führen hatte. Dafür ergriff der Peider die Hand des Ammanns, und sie mit leidenschaftlicher Gewalt drückend, sagte er keck: „Nun denn Vater Gian Madulani, so halte ich hiermit in aller Form um die Hand Eurer Tochter Aninia an! All meine Goldstücke – und ich besitze ihrer noch eine ganze Anzahl in meinen Kleidern eingenäht, – all meine Pretiosen – und die sind wohl noch viel mehr werth, bringe ich ihr als Heirathsgut dar, sofort nach der Hochzeit. Seid Ihr dessen zufrieden, Vater Gian?“

Des Ammanns Augen funkelten in heftiger Gier nach dem Golde, das ihm hier in so sicherer Aussicht stand. Dann schlug er derb in die dargebotene Hand des Franzosen-Peiders ein. „Abgemacht, Peider,“ sagte er. „Du wirst mein Schwiegersohn, und acht Tage nach dem Gericht ist die Aninia Dein Weib!“

„Abgemacht!“ rief der andere, den Druck der Hand leidenschaftlich erwidernd. „Nun wird wohl auch die hochnothpeinliche Verhandlung am nächsten Sonntag überflüssig geworden sein, denn Ihr werdet doch nicht über Euren zukünftigen Schwiegersohn zu Gericht sitzen wollen?“

„Erst recht!“ entgegnete der Ammann wichtig. „Ich muß auf alle Fälle meines Amtes warten – was sollten die Dörfler sonst denken? Sodann mußt Du Dich doch vor den geschworenen Leuten und den sämmtlichen Gemeinden reinigen, und dies kann nur auf eine Weise möglich gemacht werden. Also merk’ auf und präge Dir wohl ein, was ich sage, willst Du Deinen Hals retten und meine Aninia Dir gewinnen!“

In größter Spannung horchte der Franzosen-Peider auf, die Ueberlegenheit des Ammanns erkennend, und nachdem dieser einen Augenblick nachgedacht, sich dabei nach allen Seiten umgeschaut hatte, ob nicht ein unberufener Lauscher ihn hören könnte, fuhr er leise, im Flüsterton und dennoch jedes seiner Worte schwer betonend, also fort: „Du gehst jetzt heim, trittst fest und bestimmt, doch nicht übermüthig und lustig auf, verräthst keine Furcht mehr, denn Du bist Deiner Unschuld – oder doch Deiner Sache gewiß. Daß kein Wort unsere Abmachung verräth, ist selbstverständlich; solltest Du dennoch so dumm sein, etwas davon auszuplaudern, so leugne ich alles ab und der Galgen ist Dir gewiß. Dies bedenke! Erst am Sonntag vor den Geschworenen und allen Leuten – sämmtliche Dörfler werden ganz sicher dabei sein wollen! – sagst Du einfach, daß Du die Aninia geküßt habest, was zu wehren der Beppo nicht berechtigt gewesen sei, denn das Mädchen sei Deine Braut! Am selben Morgen – merke dies wohl! – am selben Morgen habest Du um ihre Hand angehalten und ich habe Dir mein Jawort gegeben. Verstanden?“

„Vollkommen, Vater Gian! Ihr seid ein Richter, weise wie Salomon,“ entgegnete der Franzosen-Peider, den Ammann mit einem bewundernden Staunen betrachtend.

„Dann geht heim und thut, wie ich gesagt habe, – wir haben schon zu lange mitsammen geplaudert. Am Sonntag wird sich’s zeigen, ob Ihr acht Tage später gehängt oder mein Schwiegersohn werdet. Gott mit Euch!“

Hochaufgerichtet drehte Madulani sich mit der ganzen Würde und Strenge eines unerbittlichen Richters um, und ohne dem wieder eingeschüchterten Peider, der doch sein Schwiegersohn werden sollte, die Hand zum Abschied zu reichen, schritt er gemessen dem Dorfe und seinem Gehöfte entgegen, so ruhig und selbstbewußt, als hätte er seines wichtigen Amtes wie ein gerechter und unbestechlicher Richter gewaltet.

Der Franzosen-Peider aber trollte seelenvergnügt heim, nur im Schatten des Bergrückens des gewaltigen Gravasalvas, der den Silser See an der Wegseite einschloß, that er einen verstohlenen Freudensprung. Denn gewiß hatte er sich die Weisung seines vortrefflichen und sehr klugen zukünftigen Schwiegervaters wohl gemerkt und natürlich auch beschlossen, danach zu handeln. Der Fall lag ja einfach: entweder der Galgen oder die schöne Gold-Aninia. Die Wahl konnte ihm nicht schwer werden.

* * *

Es war am sechsten Tage nach dem blutigen Vorfall auf der Festwiese, in der Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag, der so verhängnißvoll für die arme Gold-Aninia zu werden drohte. Aninia weilte wie bisher wachend an dem Lager Beppos, die Mutter hatte sich schon längst zur Ruhe begeben und alles war still im Hause; Aninia hielt den Kopf gesenkt und sah mit unverwandten Blicken nach dem ruhig und tief Schlafenden hin. Mit dem heutigen Tage war eine unverkennbar günstige Wendung eingetreten. Das Fieber hatte gänzlich nachgelassen und die Züge trugen einen friedlichen Ausdruck, gleichmäßig senkte und hob sich die Brust mit ihrem Verbande unter der leichten Decke. Die Heilung der Wunde war im besten Gange, und voraussichtlich konnte Beppo wohl schon in wenigen Tagen sein Lager verlassen.

Aninia war über diese guten Aussichten zuerst hocherfreut gewesen, aber auf einmal spürte sie etwas wie einen Stich, der ihr tief ins Herz hinein drang. Wenn Beppo genas, dann mußte er ja gehen, dann war es aus mit dem stillen Beisammensein im arvengetäfelten Stüblein – das Mädchen fühlte bei diesem Gedanken schwere Thränen aufteigen und langsam über die Wangen rollen. Sie beugte den blonden Kopf tief zu Beppos dunklem Lockengewirr hinunter, blickte ihm lange, lange ins Gesicht und flüsterte endlich leise: „Gute Nacht, Du herzlieber, guter Beppo! Die arme Aninia wird wohl zunt letzten Mal bei Dir gewacht haben, dann gehst Du fort und weißt es nicht, wie lieb ich Dich im Herzen hab – ach, so lieb!“ Vorsichtig überzeugte sie sich noch einmal, daß er fest schlafe, und dann – sie konnte nicht widerstehen – senkte sie ihr Köpfchen tiefer und küßte, zum letzten Mal, wie sie dachte, seine Stirn, dann aber, von einer unüberwindlichen Sehnsucht getrieben, auch seine Lippen.

Dabei fiel ein warmer Thränentropfen aus ihrem Auge und auf das Antlitz des Kranken nieder. War er dadurch erwacht, oder schon längst wach gewesen? – Aninia fühlte plötzlich ihre beiden Hände gesaßt, sah, sich erschrocken aufrichtend, in zwei gluthvolle Augen und hörte eine halberstickte, von Leidenschaft zitternde Stimme, die leise sagte: „Madonna! – süße liebe Aninia!“

Sie wollte sich ihm entwinden, er flehte aber, sie festhaltend: „Geh’ nicht fort! Wenn Du fortgehst, muß ich sterben. Denn was soll der arme Beppo noch auf Erden, wenn er Dich nicht mehr sehen und Deine Stimme nicht mehr hören kann!“

„Sei ruhig, Beppo,“ flüsterte das Mädchen, selbst am ganzen Körper zitternd, „Du hast geträumt, schweige jetzt ganz still, das viele Reden kann Deiner Wunde schaden.“

[520] „Wenn das ein Traum war, was ich da auf meiner Stirn – auf meinen Lippen gefühlt habe, dann will ich lieber sterben, als ohne dies weiterleben,“ rief Beppo außer sich, mit einer starrsinnigen Energie in den düstern Augen. Er ließ Aninias Hand fahren und tastete mit der seinen nach dem Verband, um ihn von der Wunde herunter zu reißen. Doch Aninia war schneller als er. Sie stürzte über ihn, unfähig in diesem schrecklichen Augenblick, nur einen Laut von sich zu geben. Aber entschlossen und kraftvoll riß sie seine Hände zurück und schützte seine Brust mit ihrem Angesicht. Thräne um Thräne rann von ihren Augen, sie wollte sprechen und konnte nicht. Endlich stammelte sie: „Nein, Beppo – nein! – es war kein Traum! Ich bin und bleibe Dir gut!“ Zugleich erfaßte sie leidenschaftlich mit beiden Händen seinen Kopf und drückte einen langen, heißen Kuß auf seine Lippen. – Im folgenden Augenblick war sie aus der Kammer verschwunden.

Zitternd vor Freude und Erschöpfung ließ der Kranke den Kopf vollends in das Kissen zurücksinken. Seine Kraft war zu Ende, aber er fühlte sich von einer Seligkeit durchströmt, wie sie bisher das Herz des armen Burschen nicht gekannt hatte. – Viel Nachdenken war Beppos Sache überhaupt nicht, und heute wollte sein noch müder Kopf keinen andern Gedanken fassen als: „Sie hat Dich geküßt, sie hat Dich lieb!“ Das stellte er sich so lange immer wieder vor, bis allmählich die Bilder und Gedanken zum Traum ineinanderflossen und ein wohlthuender Schlaf den Glücklichen umfing.

Als Aninia in athemloser Hast in ihrer Kammer angekommen war, sich dort in einen Sitz warf und, die Hände vor das Antlitz gedrückt, sich zu beruhigen, zu sammeln suchte, da hörte sie draußen leichte Schritte; in der Nebenstube, wo die Mutter schlief, wurde die Thür leise geöffnet und geschlossen.

Seltsam! Die Mutter mußte also doch nicht zur Ruhe gegangen, sondern noch im Innern des Hauses gewesen sein.

[533]
4. Das Gericht der geschworenen Leute und eine Verlobung.

Der Sonntag war gekommen, und wohl noch nie hatte Surley zur Zeit des Gottesdienstes ein solches Zusammenströmen von Bewohnern der Umgegend, Genossen der Pfarrgemeinde, gesehen. Die kleine Kirche war gedrängt voll, doch draußen harrte eine weit größere Menge, die den Platz vor dem Gotteshause vollständig füllte. Die Männer standen beisammen und dem Eingang zunächst, ferner im weiten Ring die Frauen und Mädchen, denn erstere nur hatten das Recht, dem Gericht Auge in Auge anwohnen zu dürfen. Eine Anzahl abgesägter, dicker Baumstümpfe und Wurzelstöcke, als Sitze geeignet und wohl schon ein paar Jahrhunderte alt, war an verschiedenen Seiten der Kirche aufgestellt; sie dienten zu allerlei Zwecken, sowohl zu heiterem Beisammensein und Plaudern an schönen Abenden und freien Sonntagnachmittagen, wie auch zu ernsten Verhandlungen über das Wohl der Gemeinde. Denn solche wurden stets unter freiem Himmel, im Beisein von jedem, der Interesse daran hatte, abgehalten. Am Sonntag vorher hatten die Blöcke, so weit sie reichten, als Stützen der Festtafeln und als Bänke dienen müssen; heute waren ihrer fünf in einem Halbkreis vor der Kirche aufgestellt worden für die fünf geschworenen Leute, zu denen der Cavig Gian Madulani als Ammann und Richter zählte. Die Männer ringsum sprachen nur leise zusammen oder blieben stumm und ernst. Die Frauen aber schauten mit ängstlichen Mienen, sichtlich ergriffen, den Vorgängen, die sich hier bald entwickeln mußten, entgegen. Endlich war der Gottesdienst, die mahnende Predigt des alten Geistlichen zu Ende, jetzt hatten die weltlichen Richter das Wort.

Die Glocke des kleinen Thurmes zeigte dies an; einzelne in Pausen aufeinander folgende Schläge erklangen, und dies ernste, einfache Läuten machte sichtlich einen tiefen Eindruck auf die harrende Menge. Kündeten diese einzelnen Glockenschläge doch nach altem Brauch, daß es sich um eine Blutthat handle, die, erwiesen, nur mit dem Tod durch den Strang gesühnt werden konnte. Eine Bewegung entstand unter den bisher unbeweglichen Gruppen; ein schwaches Tönen, wie von tiefem Aufathmen in Begleitung einzelner furchtsam geflüsterter Worte herrührend, wurde laut und die Männer traten bei Seite, denen, die unter dem steten Läuten der Glocke das Gotteshaus verließen, Raum zu geben.

Endlich, nachdem die gewöhnlichen Beter die Kirche verlassen hatten, erschienen die Hauptpersonen vier alte, würdig aussehende Männer mit dem Cavig und Ammann Gian Madulani, der sie alle fast um Kopfeslänge überragte. Dann folgte ein Mann in schlichter Tracht, in der Hand ein altes Schwert und einen zusammengerollten Strick; es war der Büttel, der Wächter eines verhafteten Angeklagten und wohl auch der Henker des Verurtheilten. Von ihm und dem Geistlichen, der unter der Kirchenthür zurückblieb, wurde der Franzosen-Peider seinen Richtern überliefert. Diese hatten sich auf den Baumstümpfen im Halbrund niedergelassen und in ihrer Mitte thronte, etwas erhöht sitzend, der Ammann. Vor ihn legte der Wächter Schwert und Strick auf den Boden nieder, dann [534] trat er zurück und Peider stand nun allein vor dem Halbkreise. Er hatte seine modischen Kleider angelegt, sogar sein zierlicher Unglücksdegen fehlte nicht, doch seine Miene war keineswegs festfreudig. Eine fahle Blässe bedeckte sein Gesicht und die Zähne biß er aufeinander, seine gewaltige innere Aufregung zu bekämpfen. Was er sah, der verhängnißvolle Strick, die tiefernsten Mienen seiner Richter – die Augen der zahlreichen Menge rings umher, die nur auf ihn gerichtet waren – dies alles konnte nicht anders, als ihm, trotz aller heimlichen Zuversicht auf einen glücklichen Ausgang des hochnothpeinlichen Verfahrens, eine tödliche Angst einflößen. Auch in den Zügen Madulanis vermochte er nichts zu entdecken, was ihn hätte ermuthigen oder an den zukünftigen Schwiegervater erinnern können; es waren nur die des strengen unerbittlichen Richters.

Das Gericht begann. Mit den ersten Worten des Ammanns hörte das unheimliche Läuten der Glocke auf – um erst nach einer etwaigen Verurtheilung wieder zu beginnen.

„Peider,“ hub Madulani mit tiefernster, weithin hörbarer Stimme und unter einer Stille, daß man jeden Hauch hätte vernehmen können, zu reden an. „Wessen Ihr hier vor den geschworenen Männern, vor der ganzen versammelten Pfarrgemeinde angeklagt seid, das wisset Ihr – wie wir alle es wissen: einer Blutschuld, die nur durch den Tod vermittelst des Stranges gesühnt werden kann. Saget, was Ihr zu Eurer Vertheidigung vorbringen könnt.“

Aller Augen wandten sich jetzt auf den Franzosen-Peider, der eine Gewaltanstrengung machte, seine gewohnte Keckheit herauszukehren. Allein es glückte ihm nicht sogleich, er fühlte einen bösen Druck in der Kehle, der nicht weichen wollte und ihm die Stimme verschlug. Stoßweise im Anfang, dann allmählich zusammenhängender und sicherer sagte er:

„Was ich zu meiner – Vertheidigung vorbringen kann – das sollt Ihr hören! Ihr, die geschworenen Leute – und alle, die hier versammelt sind. – Eure Tochter, Ammann Gian Madulani, habe ich unter den Arven des Crestalta – geküßt! Der Beppo hat mir dies widerrechtlich und mit Gewalt gewehrt; er hat mich überfallen, niedergeworfen, mißhandelt – und ich habe meinen Degen gebraucht, mich zu vertheidigen und ihn zu züchtigen, zugleich die Schmach und Schande, welche meiner Person, meiner Ehre – angethan worden war, zu rächen, wie dies unter Leuten, die den Degen tragen dürfen, Gebrauch und Recht ist. Und ich darf meinen Degen tragen, der mir von einem Prinzen königlichen Geblütes, dem Grafen von Provence, verliehen worden ist. Dies meine erste Rechtfertigung, und nun hört die andere!“ – Er war bereits wieder der alte, kecke Franzosen-Peider geworden, und mit funkelnden Augen blickte er der Reihe nach seine Richter, die geschworenen Männer an, dann flüchtig in die Menge hinein. Nun fuhr er stolz und siegesgewiß fort: „Hätte der Beppo ein Recht gehabt, mir den Kuß, den ich der Aninia gab, zu wehren, so könnte mich wohl die Schuld, deren Ihr mich zeiht, theilweise treffen. Doch der freche Bergamasker hatte kein Recht dazu, wohl aber hatte ich ein vollgültiges Recht, das Mädchen zu küssen, denn seit dem Morgen jenes verhängnißvollen Sonntags – war die Aninia – mit Wissen und Willen ihres Vaters, Gian Madulani – meine mir verlobte Braut! Nun sprecht Euer Urtheil – überliefert mich dem Strang – wenn Ihr es dürft!“

Wenn jetzt ein Stück vom Piz Surley niedergestürzt wäre, es hätte keine größere Ueberraschung und Aufregung hervorbringen können, als diese Erklärung, die niemand in der ganzen Menge für möglich gehalten hätte. Und dem Madulani, seinem Richter, hatte der Franzosen-Peider sie ins Gesicht gesagt, somit konnte sie nicht anders als buchstäblich wahr sein. Die allgemeine Aufregung machte sich, gegen alle Gewohnheit bei ähnlichen Verhandlungen, in Rufen des Erstaunens Luft, und selbst unter den ernsten Geschworenen gab sich eine heftige Bewegung kund. Als die Ruhe wieder einigermaßen hergestellt war, erhob sich der älteste der geschworenen Leute, der von Islas oder Isola, der kleinsten zur Pfarrgemeinde gehörenden Ortschaft, ein ehrwürdiger Greis mit schneeweißem Bart und Haupthaar. Auf seinen Stab gestützt, schaute er dem Ammann lange und scharf in das Antlitz, das während der ganzen Rede des Peiders nicht mit einer Miene gezuckt, auch jetzt nichts von seinem ernsten Ausdruck verloren hatte, dann sprach er:

„Ammann Gian Madulani, ist das die Wahrheit, was der Angeklagte soeben zu seiner Vertheidigung geredet hat?“

Da wurden die Züge des Ammanns lebendig; hochauf reckte er seine mächtige Gestalt und während alle förmlich an seinem Munde hingen, beantwortete er die schwerwiegende Frage laut und fest: „Ja! der Angeklagte hat die volle Wahrheit gesagt; er war in seinem Recht, als er mein Kind küßte, denn am – selben Morgen hatte ich, Gian Madulani, ihm auf seine Werbung um Aninia – mein Jawort gegeben.“

Nun war unter den Anwesenden kein Zurückhalten mehr möglich; alle Bande der althergebrachten Ordnung schienen gesprengt, denn allerwärts wurden laute Rufe der Verwunderung hörbar. Die Freunde des Franzosen-Peiders – und es waren ihrer viele zur Stelle! – riefen sogar aus Leibeskräften, die Filzhüte und Mützen schwenkend, ein über das andere Mal: „Hoch, der Franzosen-Peider! – Der Peider hoch!“

Da schwenkte der Ammann mit drohendem Unwillen seinen Stab und mit einer Stimme, die das Tönegebraus ringsum beherrschte, rief er dreimal: „Ruhe – Ruhe, im Namen der Richter! – Ruhe! – Und wer dem Ruf nicht Folge leistet, verfällt der Klage und der Buße. Der Mann von Islas will weiter reden.“

Sofort stellte sich die Ruhe wieder ein, und der weißbärtige Alte, der sich nach seiner Frage nicht niedergesetzt hatte, fuhr mit ernst zürnendem Blick auf den Ammann also zu reden fort:

„Ammann Gian Madulani, ich frage Euch weiter: Warum habt Ihr solches Bekenntniß den geschworenen Leuten der Pfarrgemeinde nicht vor der Verhandlung kundgegeben? Ihr mußtet doch wissen, daß ein solcher Umstand die Schuld des Angeklagten hinfällig machen würde. Im Namen meiner Landgenossen begehre ich auch darüber Auskunft.“

„Die soll Euch und der ganzen Pfarrgemeinde werden,“ entgegnete der Ammann sofort und wiederum mit lauter, weithin tönender Stimme, mehr zu der Menge, als zu den Geschworenen redend. „Ich wäre ein schlechter, ungerechter Richter, hätte ich das gethan, Euer freies Urtheil durch ein solches Bekenntniß beeinflussen wollen. Ihr sollt entscheiden, ob den Angeklagten eine Schuld trifft für seine Handlung, wenngleich er sie beging als mein erklärter Eidam. Hat er unrecht gehandelt, so sage ich mich von ihm los und hebe das Verlöbniß auf, und gerichtet soll er werden wie jeder andere Mann. Und so frage ich Euch, Landgenossen und erwählte Geschworene unserer Pfarrgemeinde, auf Pflicht und Eid, so wahr Euch Gott helfe, im Angesicht des Himmels und von Grund und Grath: Ist der Peider von Sils-Baseglia, nach den Euch jetzt bekannten Umständen, schuldig der geziehenen Blutthat, oder war er in seinem Recht und kann er frei seiner Wege gehen? Antwortet! – Der Reihe nach!“ –

Da erhob sich der Mann von Sils-Baseglia und sprach laut, mühsam seine Freude unterdrückend:

„Auf Pflicht und Eid, so wahr mir Gott helfe, im Angesicht des Himmels und von Grund und Grath, der Angeklagte Peider ist der Blutthat nicht schuldig; er war in seinem Recht und kann frei seiner Wege gehen.“

Ihm folgte, sich erhebend, mit gleicher Rede der von Sils-Maria.

Der Mann von Silvaplana blickte seinen Nachbar einen Augenblick fragend an, dann sprach er, sich ebenfalls erhebend, mit kräftiger Stimme die schwerwiegende Formel seinem Vorgänger nach.

Nun standen drei der geschworenen Leute, auf ihre Stäbe gestützt, mit ebenso vielen Stimmen für den Freispruch des Peiders neben dem Ammann. Da wandte dieser sich an den Alten von Islas, der sich noch immer nicht niedergesetzt hatte, mit der kurzen Frage:

„Und Ihr, geschworener Mann von Islas?“

„Der Mann von Islas kommt zuletzt,“ erwiderte dieser ruhig, „an dem Manne von Surley ist die Reihe zu urtheilen.“

„Nun denn,“ hob der Ammann mit voller, fester Stimme zu reden an, „so sage ich, Gian Madulani, der Cavig, und als geschworener Mann von Surley: Auf Pflicht und Eid, so wahr mir Gott helfe, im Angesicht des Himmels und von Grund und Grath, der Peider von Sils-Baseglia ist der geziehenen Blutthat nicht schuldig; er war in seinem Recht und kann frei seiner Wege gehen.“

Da reckte der alte Weißbart von Islas sich höher an seinem Stabe empor; dem Ammann fest ins Antlitz schauend, die Rechte zum Himmel erhoben, sprach er mit der tiefernsten Stimme eines zürnenden Richters:

[535] „Euren Wahrspruch bei Pflicht und Eid habt Ihr vor Gott zu rechtfertigen; möge er Euch und Euer Kind nicht dafür strafen! Ich, Nout Zavarit, der geschworene Mann von Islas, spreche den Peider von Sils-Baseglia, trotz des vorgebrachten Entlastungsgrundes, nach Pflicht und Eid, so wahr mir Gott in meiner letzten Stunde helfe, im Angesicht des Himmels und von Grund und Grath – schuldig der geziehenen Blutthat und verurtheile ihn zum Tod durch den Strang!“ Dann setzte er sich nieder.

Peider war bei diesen verdammenden Worten erdfahl geworden, die freudige Bewegung, welche sich bereits allenthalben kundgegeben hatte, war verstummt, selbst der Ammann schien durch die Rede des alten Mannes tief erschüttert zu sein, denn unwillkürlich hatte sich sein Haupt wie das eines Schuldigen auf die Brust niedergesenkt, und finster, ingrimmig blickte er zu Boden. Doch plötzlich wurde er wieder der Bedeutung des schwerwiegenden Augenblicks inne, und sich aufrichtend sprach er, ohne den Alten von Islas zu beachten, zu der lautlos harrenden Menge:

„Hört, Bündner Landgenossen! Der Wahrspruch ist gefällt. Von fünf geschworenen Männern haben vier auf Pflicht und Eid und nach dem altehrwürdigen Brauch den Angeklagten der geziehenen schweren Schuld los und ledig gesprochen. Peider von Sils-Baseglia, Ihr seid frei und unbehelligt könnt Ihr Euch heimbegeben.“

Jetzt erhob sich unter einem großen Theil der männlichen Zuschauer ein jubelnder Tumult, während andere stumm und ernst, wie mißbilligend, dreinblickten. Der glückliche Franzosen-Peider war auf seinen „gerechten Richter“ und zukünftigen Schwiegervater zugeeilt und hatte ihm mit leuchtenden Augen mehrmals die Hände gedrückt und geschüttelt. Dann ging er zu den anderen geschworenen Männern, denen er seinen Dank in gleicher Weise und mit beredten Worten kundgab, um dafür deren Glückwünsche über die unerwartete Verlobung mit der schönen Gold-Aninia entgegenzunehmen. Nun aber drangen die Bewohner der beiden Dörfer Sils, zunächst die näheren Freunde des Peiders in den Kreis, und ein Hochrufen und Glückwünschen ging los, daß für den Augenblick alle Bande der Ordnung gelöst waren. Da erhob sich Gian Madulani, der ebenfalls mit wohlgefälliger Herablassung die Glückwünsche eines nur geringen Theils seiner Landgenossen entgegengenommen hatte, und mit seiner kräftigen Stimme Ruhe gebietend, rief er der gerne verstummenden Menge zu:

„Da der Peider schuldlos und frei ist, soll er denn auch schon am nächsten Sonntag mein lieber Tochtermann werden. Um diese selbe Stunde wird hier die Trauung stattfinden und alle Pfarrgenossen werden als Zeugen willkommen sein!“

„Und ich lade alle – alle, die nur kommen wollen, zum Hochzeitsschmause, der dann folgen wird!“ rief nun seinerseits der Franzosen-Peider.

Jetzt ging ein Freudenlärm los, in den nun auch der Theil der Anwesenden, welcher sich bisher schweigsam verhalten hatte, mit einstimmte. Nur einige wenige entfernten sich, still und bedenklich die Häupter schüttelnd. – Der alte Nout Zavarit hatte schon längst der erregten, lauten Menge den Rücken gekehrt und wanderte in schweren, düsteren Gedanken seinem nur aus wenigen Feuerstellen bestehenden Dörfchen Islas, über Sils-Maria hinaus, am westlichen Ende des Sees von Sils gelegen, entgegen.

Sobald der Ammann durch die aufgeregte Menge zu Peider dringen konnte, trat er hinter ihn, legte ihm die Hand schwer auf die Schulter und sagte in seiner gewohnten Weise, die keinen Widerspruch duldete: „Jetzt geh’ heim, Peider! Nach der Mittagssuppe komme ich zu Dir, um alles sonst noch für die Heirath und die Folge Nöthige – verstanden? – mit Dir zu besprechen. Gott befohlen!“ Hierauf wendete er seine Schritte, mit einem ganz andern Ton vor sich hin murmelnd: „Und nun – zu den Weibern! Ich müßte nicht Gian Madulani sein, wenn ich die Alte – und die Junge nicht zwingen könnte, nach meiner Pfeife zu tanzen.“

Während der Ammann seinem Gehöfte zuschritt, die Menge sich nach allen Richtungen hin verlief, trat der Franzosen-Peider mit seinen Freunden und engeren Landsleuten in einem wahren Siegeszuge über Sitvaplana die Heimkehr an. Das sang, schrie und johlte aus wohl hundert jugendlich kräftigen Kehlen, daß es von den Bergen wiedertönte und erst nach einer langen, langen Weile in weiter Ferne verhallte. Doch seltsam! Der am längsten der Lustigste hätte sein müssen, wurde am ehesten still: der Peider begann nachzudenken.


5. Wie Mutter Barbla spricht und handelt.

Als der Cavig sein Haus betrat, fand er seine Frau beschäftigt, den Mittagstisch zu ordnen. Eine bunte Decke war des Sonntags halber aufgelegt worden und zwischen den drei einfachen Gedecken lagen auf einem wie röthlicher Marmor blinkenden Anschneidebrett aus Arvenholz große Scheiben des köstlichen, an der reinen und frischen Luft des Hochthals gedörrten Fleisches, während im Nebenraum auf dem Herde in mächtiger Schüssel eine Suppe dampfte, die aus in Speck gerösteten Kastanien und einem zerkleinerten Huhn äußerst schmackhaft bereitet war. Stumm erwiderte Frau Barbla ihres Mannes kurzen und barschen Gruß, ohne sich dabei in ihrer Hantierung stören zu lassen. Madulani hielt eine kleine Weile an sich, während er den Hut umständlicher an den Nagel hing, als gerade nöthig war, und dabei sein Weib scharf von der Seite beobachtete. Endlich entschloß er sich, zu reden, und fragte:

„Warst Du in der Kirche – bei dem Gedinge?“

„Ich war dort,“ antwortete die Frau kurz und ohne aufzuschauen.

„Und das Mädchen?“

„Hat das Haus nicht verlassen. Sie ist bei dem Verwundeten, der – dem Herrn sei Dank! – in wenigen Tagen das Bett wird verlassen können.“

„Das ist gut – ich kann ihn hier nicht länger brauchen, Du wirst wissen, warum: denn wenn Du auf dem Plan warst, so hast Du auch gehört, was dort vorgegangen ist – laut genug wurde gesprochen.“

Da hielt Frau Barbla in ihrem Thun inne und richtete sich auf. Voll und scharf blickte sie ihrem Manne in das Angesicht, dann sagte sie mit starker Stimme: „So laut wurde gesprochen, daß es bis zum Himmel und zu dem dringen mußte – auf den Ihr geschworen habt.“

„Ich frage Dich, ob Du gebört hast, was wir geredet, was ich zugesagt und – beschworen,“ unterbrach sie der Ammann, der ebenso viel Ungeduld wie Unbehagen empfand.

„Ich habe gehört,“ fuhr Barbla unbeirrt fort, „daß der alle Nout von Islas zu Dir gesagt hat: ‚Euren Wahrsprach bei Pflicht und Eid habt Ihr vor Gott zu rechtfertigen; möge er Euch und Euer Kind nicht dafür strafen!‘ Und ich, Gian, sage Dir“ – hierbei trat sie ganz nahe an ihn heran und bohrte ihre scharfen Blicke in seine Augen – „ich sage Dir, daß des Himmels Strafe über uns alle kommen – uns alle verderben wird, wenn wir nicht wieder gutmachen, was Du gesündigt hast – denn Du hast als Ammann und Vater – einen Meineid geschworen!“

„Weib!“ schrie Madulani auf, am ganzen Körper vor Wuth zitternd, und einen Schritt von ihr zurückweichend, streckte er ihr die geballte Faust entgegen.

Doch die Frau ließ sich durch diesen Wuthausbruch nicht stören. Die Stimme mäßigend, sprach sie mit dumpfem bebenden Ton, doch um so eindringlicher weiter: „Du hast einen Meineid geschworen, Gian, denn an jenem Unglückssonntage hast Du den ganzen Morgen das Haus nicht verlassen – und der Peider hat es nicht betreten. Du sahst ihn nicht während des Festes! Du sahst ihn zum erstenmal, nachdem die Blutthat geschehen war!“

Madulani hatte bei diesen Worten, deren Richtigkeit er anerkennen mußte, die Farbe gewechselt. Verwünscht, daß er an diesen Umstand nicht gedacht hatte! Sein Athem stockte und mit weit aufgerissenen Augen starrte er sein Weib an, das den Blick gleichmüthig aushielt. Aber seine Betroffenheit währte nur kurze Augenblicke, dann raffte er sich mit einer starken Willensanstrengung zusammen, suchte seinem Gesicht wieder den gewohnten gebieterischen Ausdruck zu geben und polterte in barschem Ton:

„Was weißt denn Du? – Ich habe dem Peider die Hand der Aninia zugesagt und am nächsten Sonntag, heute in acht Tagen, ist die Trauung – vor allen Pfarrgenossen. Es muß schnell gehen, damit die leidige Geschichte zur Ruhe kommt. Du magst es dem Mädchen sagen, in einer Woche könnt Ihr mit allem fertig sein, was sie zur Hochzeit braucht, – die Ausstattung liegt ja ohnedies schon jahrelang im Schrank. Am Sonntag führst Du sie dann zur Kirche, wie es sich für die Mutter ziemt. Zeit genug zum Ueberlegen habt Ihr heute, denn nach dem Mittagessen gehe ich nach Sils-Baseglia zu dem Peider, um alles Weitere zu ordnen. So habe ich es beschlossen und dabei bleibt’s!“

Frau Barbla war wieder ruhig, wie zu Anfang dieser bedenklichen [538] Unterredung, und in ihrer Hantierung fortfahrend, sagte sie gelassen, aber mit fester Stimme:

„Du hast als Vater Dein Jawort gegeben, ohne das Mädchen zu fragen; ich als Mutter habe auch ein Recht auf mein Kind, und ich werde die Aninia fragen; antwortet sie ‚ja‘, so mag es in Gottes Namen nach Deinem Willen geschehen; sagt sie aber ‚nein‘, dann gebe ich meine Einwilligung zu dieser Heirath nicht und der Peider bekommt die Aninia nicht zum Weibe.“

„Oho! das wollen wir doch sehen!“ rief der Cavig voll verächtlichen Hohns.

„Am nächsten Sonntag wirst Du es sehen und erleben,“ lautete die kurze, äußerst ruhig gegebene Antwort.

„Jetzt aber habe ich’s genug!“ rief Madulani und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Rufe das Mädchen und bringe die Suppe herein, auch was zu trinken, ich habe einen Gewaltshunger, und meine Kehle brennt wie Feuer von dem verdammten Geschwätz ohne Ende.“

Wenige Augenblicke später stand eine riesige Schüssel mit der dicken dampfenden Suppe, welcher ein würziger Duft entstieg, auf dem Tische und Aninia trat in die Stube.

Das hübsche Antlitz des Mädchens war lebhaft geröthet, ihre dunklen Augen strahlten und eine große Freude stand ihr im Gesicht geschrieben. „Beppo ist wirklich genesen!“ rief sie beim Eintreten, und dann erst wurde dem Vater Handschlag und Gruß. „Er fühlt sich so wohl und kräftig, daß er heute schon vom Bett aufstehen könnte.“

„Das ist mir gerade recht,“ entgegnete Madulani, bereits den Löffel zum Munde führend, kurz und gleichgültig. „Je eher er das Haus verläßt, desto besser!“

Aninia stutzte und blickte fragend nach der Mutter hinüber. Diese sagte nur:

„Iß und trink jetzt! Nach dem Essen, wenn der Vater nach Sils gegangen ist, werde ich mit Dir reden.“

Nun wurde kaum noch ein Wort gesprochen. Madulani aß mit einer auffallenden Heftigkeit, scheinbar um seinen nagenden Hunger zu stillen, in Wirklichkeit, um nichts Weiteres reden zu müssen. Aninia schwieg verlegen und besorgt, und die Mutter that wie immer, still und geräuschlos erfüllte sie ihr Amt als Hausfrau.

Endlich war das Mittagessen und das unbehagliche Beisammensein zu Ende, Madulani erhob sich, ergriff seinen Hut, den derben Stock und verließ nach kurzem Gruß die Stube. Da diese sich in ein großes Gelaß öffnete, das ins Freie führte und zugleich den Eingang in das Haus bildete, so vermochten die beiden Frauen, welche unbeweglich und schweigend sitzen geblieben waren, die schweren, dröhnenden Schritte des Davongehenden bis auf die Gasse zu verfolgen – wenn man die unregelmäßigen Durchgänge zwischen den einzelnen freistehenden Wohnstätten, an denen hier der Surleybach vorbeifloß, also benennen konnte. Da hörten sie plötzlich, wie der Cavig draußen vor dem Hauseingang zu jemand redete. Kurz und bestimmt, wie er stets zu sprechen gewohnt war, sagte er, den Horchenden deutlich hörbar: „Geht nur hinein zu dem Bergamasker, der wieder geheilt und heute noch imstande sein soll, das Bett zu verlassen. Frau und Tochter haben mitsammen zu reden und werden dann schon zu Euch stoßen. Mit Gott!“ – dann verhallten die Schritte auf dem festgetretenen, steinigen Dorfwege.

„Es kann nur Fra Battista sein,“ meinte Aninia mit einem erleichterten freudigen Aufathmen.

Frau Barbla war zu dem Stubeneinlaß gegangen, hatte durch eine kleine, dort angebrachte Oeffnung geschaut, während draußen schlürfende Schritte, hierauf das Oeffnen und Schließen einer Thür vernehmbar geworden waren. Dann kehrte sie zu ihrem Sitz zurück und murmelte kaum hörbar vor sich hin: „Der Himmel sendet ihn uns – zur rechten Stunde!“

Mutter und Tochter waren allein.

Noch eine ganze Weile blieben beide stumm einander gegenüber sitzen. Frau Barbla schaute wie in schweres Sinnen versunken vor sich nieder. Endlich mußte sie wohl einen letzten Zweifel überwunden haben, zu einem festen Entschluß gelangt sein, denn nun hob sie den Kopf und ohne irgend eine Aufregung zu verrathen, sagte sie in ihrer gewohnten ruhigen Weise, doch ernst und bestimmt:

„Nun merk’ wohl auf, Aninia, was ich Dir zu sagen habe, denn es ist ernst – sehr ernst, und viele Worte mache ich nicht. Heute morgen, vor den Geschworenen, – die außer einem, dem alten Nout Zavarit aus Islas, den Angeklagten freigesprochen haben, – hat Dein Vater Dich im Beisein der ganzen versammelten Pfarrgemeinde dem Franzosen-Peider verlobt und heute in acht Tagen soll die öffentliche Trauung sein.“

Aninia stieß bei diesen Worten einen lauten Wehschrei aus und fuhr mit der Hand nach dem Herzen. Dann sank sie wie vernichtet auf ihrem Sitz zusammen.

Nun erhob sich Mutter Barbla, faßte ihr Kind in die Arme und sagte, indem sie ihre rauhe Stimme und Weise so viel wie möglich zu mildern suchte:

„Sei ruhig, Aninia, nur Dein Vater hat ‚ja‘ gesagt.“

„Und Ihr, Mutter?“ Die großen Augen des Mädchens starrten angstvoll fragend der Frau ins Gesicht.

„Ich sagte und sage: ‚Nein‘! – oder Du müßtest denn selbst den Franzosen-Peider wollen?“

„Lieber den Tod!“ rief Aninia, vom Stuhl emporspringend. In heftiger Erregung warf sie die Arme um den Hals der Mutter und verbarg ihr blondes Köpfchen Schutz suchend an der treuen Brust. Frau Barbla strich mit einer Rührung, die gegen ihr gewohntes trockenes Wesen seltsam abstach, über den goldenen Scheitel und sagte leise:

„Hab’s gewußt, Aninia, und auch – wie es um Dich steht. Der Beppo hat’s Dir angethan – wehre Dich nicht! Und zu schämen brauchst Du Dich auch nicht. Ist er auch nur ein armer Bergamasker Hirte, so ist er doch ein wackerer, braver Mensch. Ist er Dir recht, so gebe ich ihn Dir zum Manne.“

„Ach, Mutter, ist es denn möglich?“ rief Aninia der Mutter gebräuntes, faltiges Antlitz mit Küssen bedeckend. „Aber woher wißt Ihr –“

„Ich weiß alles! Habe Dich tagtäglich und auch noch am gestrigen Abend belauscht – es war keine Sünde, was mich dazu trieb, einzig und allein nur die Liebe zu meinem Kinde. Jetzt sprich, willst Du den Beppo wirklich zum Manne?“

„O Mutter, er ist mein Leben – mein alles! Er kann nicht mehr ohne mich sein – und ich nicht mehr ohne ihn. Aber – der Vater! O Gott, das wird fürchterlich werden!“

Ruhig löste Frau Barbla die umschlingenden Arme ihres Kindes und ließ die Zitternde auf den Sitz nieder. Dann sagte sie mit einem ernsthaften Kopfnicken:

„Der Vater! Ja freilich wird er Dich mit Gewalt zwingen wollen, wie er bis jetzt mich und alles nach seinem Willen gezwungen hat. Aber diesmal –“ sie richtete sich hoch auf, „verzeih mir’s Gott! – diesmal soll er seinen Willen nicht durchsetzen, um Dich elend zu machen, wie ich es seit fünfundzwanzig Jahren bin. Ja,“ fuhr sie ausbrechend fort, als Aninia mit verwunderten Augen aufsah, „schau mich nur an! Auch ich habe einstmals einen braven, armen Burschen gern gehabt und mußte den reichen Madulani nehmen, weil mein Vater auch meinte, nur das Geld mache glücklich. Nun, und glücklich bin ich denn auch geworden in seinem steinernen Hause –“ sie lachte bitter auf – „ich habe ja immer satt zu essen gehabt und eine warme Stube, drin ich mich ducken und fügen konnte, jahraus, jahrein. Und ich habe es auch mit ansehen dürfen, wie das viele Geld gemacht wird, mit Hartherzigkeit und Uebervortheilung, und ich habe mich dagegen ist meinem Innersten empört, aber helfen konnte ich nicht. Als Dein Großvater starb – tröste ihn Gott! – da reute es ihn, daß er seine Tochter, die Büssin, dem Elend überlassen hatte, und er band’s Deinem Vater aufs Gewissen, dem armen Ding einen Antheil vom Erbe zu geben. Ich stand hinter der Thür, ich hab’s gehört – und als er todt war –“ fuhr sie fast schreiend fort, „da steifte sich Dein Vater aufs Recht und gab ihr nichts und konnte es mit ansehen, daß seine leibliche Schwester Hunger litt. O!“ sie hob die Hand wie anklagend zum Himmel, „was ist das für ein Recht, das gegen Gottes Gebot geht! – Ich wollte es gutmachen, ich dachte mir, wenn Du den Clo heirathetest, wäre es eine Vergeltung – nun, es hat nicht sein sollen, und die Büssin muß ihre Armut weitertragen, bis ihr die himmlische Vergeltung wird, denn vor Gottes Augen gilt nur sein Recht!

Aber nun hat neulich vor seinem Angesicht Dein Vater einen Meineid geschworen, um den Franzosen-Peider zu retten und sein Gold zu gewinnen – ich thue nur, was recht ist vor den Augen Gottes, wenn ich ihn jetzt verhindere, die Todsünde vollkommen zu machen. Und Du sollst nicht geopfert werden, wie ich es dereinst worden bin. Mag kommen, was wolle, ich nehme alles auf mich, aber das darf nicht geschehen!“

[539] Frau Barbla stand hochaufgerichtet, ihre Augen strahlten in einem heiligen Feuer; so hatte Aninia die Mutter noch nie gesehen. Schüchtern faßte sie ihre Hand, führte sie an die Lippen und fragte dann, nach einer langen Pause, zaghaft:

„Aber was wollt Ihr thun, Mutter, um es zu verhindern?“

„Das sollst Du bald sehen,“ erwiderte die Frau entschlossen. „Wir haben nur einen Weg, Dich vor dem Peider zu retten und Dir den Beppo zu gewinnen; – freilich wird Dich dadurch der Zorn Deines Vaters treffen. Also bedenke wohl, hast Du den Muth, ihn zu ertragen, wenn er über Dich hereinbricht? Es wird ein schwerer Augenblick werden bei seinem Starrsinn, seinem harten Herzen. Fühlst Du die Kraft in Dir, alles für den Beppo zu wagen und zu ertragen? – Deine Mutter steht Dir bei und sagt Dir zum Trost: es ist zum Guten, was wir thun. – Jetzt rede!“

„Alles! – Alles, das Schlimmste und Schwerste will ich freudig ertragen, denn wenn Du meinst, daß es so recht ist, dann habe ich auch den Muth dazu,“ rief Aninia in hellauflodernder, freudiger Begeisterung mit fester Stimme. „Und der Vater, wenn er sich ausgetobt hat, wird auch zuletzt seinen Sinn ändern und mir vergeben.“

„Darauf rechne nicht – Du würdest Dich betrügen! Ich kenne Gian Madulani seit fünfundzwanzig Jahren und weiß sicher, daß er niemals vergiebt und vergißt, um so weniger, wenn er unrecht gethan hat, um sein Ziel zu erreichen. Das müssen wir in Gottes Hand stellen. Aber auf seine Gnade darfst Du hoffen und auch auf den Trost Deiner armen Mutter. – Jetzt komm!“

Damit schritt sie auf eine Seitenthür zu, die durch mehrere Gelasse in die Stube führte, wo der Verwundete und nun Genesene lag. Wie im Traume folgte ihr Aninia.

[549]
Der Cavig hatte in der That beim Heraustreten aus seinem Hause den einsiedlerischen Mönch vom Crestalta getroffen, der auf seinem Grauthier gekommen war, seinen italischen Landsmann und Glaubensgenossen aufzusuchen. Fra Battista, ein alter, doch noch immer rüstiger Mann mit kahlem Scheitel, langem weißen Bart und freundlichen Zügen, aus denen die Aeuglein ebenso gutmüthig wie klug hervorleuchteten, gehörte einem der Bettelorden an. Seine härene Kutte war so abgenutzt und mit Flicken besetzt, daß man deren eigentliche Farbe ebenso wenig wie die des Strickes, der sie gürtete, erkennen konnte. Abgesehen davon schien der Mönch mit seinem vierbeinigen Gefährten keinen Mangel zu leiden, denn sein Antlitz zeigte eine gesunde Farbe und sein Maulthier war rund und wohlgenährt. Er hatte dasselbe an einen vor dem Hause befindlichen Pflock angebunden, den leeren Sack, für den zu erbettelnden Eßvorrath bestimmt, sorgsam über den Rücken des Thieres gebreitet und war alsdann geradeaus, auf wohlbekanntem Wege, in das Krankenzimmer gegangen. Hier fand er den Bergamasker aufrecht im Bette sitzen, wohlversorgt mit weichen Kissen im Rücken, und er begrüßte den Genesenden mit frohen Worten. Während Mutter und Tochter in der Wohnstube in ernster Zwiesprach weilten, schüttete Beppo in seiner Herzenseinfalt dem guten, theilnehmenden Mönch sein Herz aus und vertraute ihm sein neues großes Glück wie in einer Generalbeichte an. Fra Battista mußte dies mit großer Freude vernommen haben, denn als Mutter Barbla und Aninia endlich in die Stube traten, sahen sie, wie der Mönch die Hand segnend auf das Haupt Beppos gelegt hatte.

„Euch hat der Herr zu guter Stunde hergeführt, frommer Mönch,“ sagte Mutter Barbla. Dann ging sie ohne jede weitere Einleitung in ihrer kurzen Weise auf ihr Ziel los und fuhr also fort. „Man sagt, daß Ihr Mönche von Eurem Papst in Rom das Recht erhalten habt, zu binden und zu lösen; daß, was Ihr im Namen Gottes zusammengebt für das Leben, durch die Menschen nicht getrennt werden darf. Antwortet mir, Fra Battista, ist es also?“

Der Mönch war über diese unerwartete und so bedeutsame Frage nicht weniger erstaunt als das junge Paar, [550] besonders Aninia, die mit weit offenen Augen die Mutter anstarrte, als ob sie zurückschrecke vor dem, was der Rede folgen konnte. Da antwortete Fra Battista:

„So ist es, gute Frau Barbla. Wie ich von Gott und dem heiligen Vater durch meine geistlichen Oberen die Macht und das Recht erhielt, die Sünden zu lösen, so kann und darf ich auch binden für das Leben, was Menschen nicht mehr trennen können. Doch wozu diese Frage?“

„Das sollt Ihr sogleich vernehmen, kurz und bündig,“ sprach Mutter Barbla weiter. „Mein Mann hat heute vormittag vor der versammelten Pfarrgemeinde diese hier, mein Kind Aninia, mit dem Franzosen-Peider verlobt – brauchst noch nicht zu zittern, Beppo,“ rief sie dem jählings Erblassenden zu, der eine Schreckensbewegung machte. „Höre mich nur ruhig an! – Mich, sein Weib, die Mutter unseres Kindes, hat er dabei nicht gefragt, und ich habe ihm gesagt, daß ich in den Bund nicht einwilligen würde – oder die Aninia müßte es so wollen. Doch das Mädchen liebt den da, den armen Hirten aus Eurem italischen Lande, und da ich ihn für einen braven wackeren Burschen erkenne, mein Kind glücklich machen will und dazu auch ein Recht habe, so willige ich in diesen Bund. Und somit frage ich Euch weiter: Wollt Ihr, Fra Battista, kraft Eures Amtes, die beiden hier zusammengeben für das Leben? – Heute noch? – Morgen dürfte es vielleicht zu spät dazu sein.“

Der Mönch zauderte; es war auch ein gar bedenkliches Ansinnen. Da warf er einen Blick auf das junge Paar, das sich weinend umschlungen hielt, dann auf die Frau mit den starren Zügen, die mit finsteren Blicken auf ihn niederschaute. Endlich sprach er, seinem Bedenken Worte leihend: „Doch der Cavig – was wird der dazu sagen?“

„Haha!“ lachte Frau Barbla grell und höhnend auf. „Auch Ihr fürchtet ihn? Aber sagt: heischt nicht Euer priesterliches Amt, Gott mehr als die Menschen zu fürchten? Und wenn ich Euch nun sage, Fra Battista, ich, die Ihr als ehrliche und wahrhafte Frau kennt: der Cavig ladet sich eine Todsünde aufs Gewissen, wenn er seine Tochter auf diese Art dem Franzosen-Peider giebt!?“ Sie hatte die letzten Worte in sehr bedeutsamem Tone gesprochen. Dann folgte ein Schweigen. Fra Battista richtete die klugen Augen auf sie, die ihn unverwandt ansah. Er hatte verstanden, denn um Vormittag war er ein stiller Zeuge der Gerichtsverhandlung gewesen. Und so wiegte er nur sinnend das Haupt, als Frau Barbla eifrig fortfuhr: „Ihr dürft ungescheut den Segen über die beiden hier aussprechen, ja, Ihr müßt es, um Sünde zu verhindern, und Gott selbst wird’s Euch lohnen, wenn Ihr hier ohne Menschenfurcht handelt.“

„Ihr verlangt Schweres von mir,“ entgegnete der Mönch, „und es wäre wohl besser für mich, Nein zu sagen. Aber Ihr habt mir Worte gesagt, die ich nicht überhören darf. Sei es denn in Gottes Namen! Holt mir das Schreibzeug Eures Mannes, damit ich Euch die nöthige Urkunde anfertigen kann.“

Frau Barbla hatte schon die Stube verlassen. Jetzt warf sich Aninia weinend Fra Battista zu Füßen, seine Hand an ihre Lippen führend und mit Thränen des Dankes benetzend. Der alte Mönch hob das Mädchen empor und legte ihm segnend die Rechte auf das Haupt. Während er die freie Hand Beppo reichte, sprach er mit tiefbewegter Stimme:

„Vor dem Herrn erniedrige Dich, und mit Deinem Dank flehe ihn an um seinen Segen! Er möge in seiner Gnade allzeit bei Dir und Deinem Erwählten sein, in Eurem jungen Glück – wie im Leid Eurer Prüfungszeit, die Euch nicht erspart bleiben wird; er erleuchte und stärke Euch, wenn die Nacht des Duldens, wenn Bangen und Zweifel über Euch kommen werden; seine Barmherzigkeit sei mit Euch – und mit uns allen! Amen!“

Frau Barbla war während der Zeit wieder eingetreten, sie hatte das Verlangte auf den Tisch niedergelegt und stand nun da, die Hände gefaltet, die Augen voll Thränen. Ihr Mutterherz schlug gewaltig und ihr ganzes Sein erbebte in tiefer Ergriffenheit, denn sie hatte die Bedeutung der Worte des Mönches wohl verstanden und wußte, daß die Prüfungszeit ihres Kindes hart, wohl kaum zu ertragen sein würde.

Fra Battista hatte den geknoteten Strick von seinem härenen Gewande losgenestelt und mit diesem die Hände des jungen Paares umwunden. Der arme – glückliche Beppo lag auf seinem Lager wie von einem seligen Traume befangen. Seine Augen leuchteten wie verklärt, und dennoch irrten seine Blicke fragend von einem zu dem andern, als ob er noch immer zweifle an dem, was ihm da so plötzlich Herrliches geschah. Er, ein armer, unwissender Hirte, sollte das schönste und reichste Mädchen des Engadins als Weib sein eigen für das ganze Leben nennen? Es war auch zuviel des Glücks, und hätte er es in seiner vollen Kraft erlebt, es würde ihn überwältigt, daniedergeworfen haben. Trafen seine Blicke die Aninias, erkannte er die beseligende Freude, welche das liebe Gesicht noch liebreizender erscheinen ließ, so zog es wie himmlische Ruhe in die Seele des armen Burschen ein, und nur ihr überließ er sich, tief und erleichtert aufathmend. Der Mönch hatte nach einem kurzen stummen Gebet also zu den beiden geredet:

„Die Stola des Priesters, welche die Stricke bedeutet, mit denen unser Herr und Heiland gebunden wurde, mag der Strick ersetzen, der unserem Ordenskleide verliehen ist.“ Dann sprach er die üblichen lateinischen Gebete, erläuterte dem Paare die schöne Symbolik der durch einen Theil des priesterlichen Gewandes umschlungenen Hände, und wie diese Umschlingung den im Namen des Herrn, unter dem Schutz und Segen der Kirche nunmehr geschlossenen Ehebund bedeute, den fortan kein Menschenwille mehr trennen könne.

Ohne Aufforderung sanken Mutter und Tochter im Verein mit dem Diener Gottes in die Kniee. Beppo hatte die Hände gefaltet und sprach halbleise ein einfaches Gebet, das ihn wohl als Kind die Mutter gelehrt hatte. In seiner Einfalt vermochte er keine andern Worte zu finden als die, welche ihn von seinem ersten Denken an bis heute begleitet hatten.

Fra Battista erhob sich zuerst, und während Aninia mit einem von Freudenthränen halb erstickten Jubelruf Beppo, der jetzt ihr Gatte geworden war, um den Hals fiel und ihm rückhaltlos den ersten Kuß seines Weibes gab, trat der Mönch an den Tisch und schrieb die Urkunde über die vollzogene Trauung nieder, die er zugleich als Priester und als Zeuge unterzeichnete. Aninia, herbeigerufen, schrieb mit fester Hand ihren Namen; doch Beppo, – der brave glückliche Beppo, vermochte nur mühsam ein Kreuz hinzumalen. Mutter Barbla, wenn auch nicht schreibkundig, war doch imstande, ihren Namen in groben Zügen unter die Schrift zu setzen, und alle Förmlichkeiten waren erfüllt. Die schöne, reiche Gold-Aninia, die Tochter des stolzen Cavigs und Ammanns Gian Madulani, war das Weib des armen Bergamasker Schäfers Beppo geworden.

Der Mönch steckte das inhaltschwere Papier zu sich mit den Worten: „Die Urkunde nehme ich an mich, am nächsten Sonntag erhaltet Ihr sie zur rechten Stunde.“

Zu ihm, doch noch mehr zu dem jungen Ehepaar gewendet, sagte Mutter Barbla, jedes Wort scharf betonend: „Bis zum Sonntag soll und darf der Vater nichts von dem erfahren, was hier vorgegangen ist; erst dann, vor der Kirche und vor der versammelten Pfarrgemeinde, im Angesicht des Himmels soll es offenbar werden!“

Dann umarmte sie heftig Aninia und Beppo, der jetzt auch ihr Sohn geworden war, und verließ mit dem Mönch die Kammer, die Neuvermählten sich selbst und ihrem jungen Glücke überlassend. –

Fra Battista bestieg sein Grauthier, nachdem er ihm aufmunternd den Hals geklopft und gestreichelt hatte. Der wohlerzogene Genosse seiner Einsamkeit verstand die Aufforderung, schüttelte ein paarmal den dicken Kopf und setzte sich sofort in einen vergnügten Trab. Fra Battista lenkte ihn aber vom Weg nach dem Crestaltahügel ab und geradeswegs am Ufer des Surleybaches hin nach Silvaplana zu. Der gute Bruder war weit entfernt, die heitere Stimmung seines Trägers zu theilen, vielmehr schaute er steif zwischen dessen beiden wackelnden Ohren durch, eine Beute von sehr wechselnden Empfindungen, unter denen die bedenklichen bald die Oberhand behielten. Hatte er nicht doch seine Befugniß stark überschritten, indem er sich zu einer Handlung des Mitleids fortreißen ließ, ja, war denn überhaupt die Form nur gültig, unter der er diese Ehe geschlossen hatte? Fra Battista streifte mit ungestümem Ruck die Kapuze von dem heißen Haupt zurück und murmelte zwischen den Zähnen: „Ich konnte nicht anders! Der hochwürdige Herr Bischof hätte selbst nicht anders gekonnt. Aber ich muß schleunigst zu ihm und seine Genehmigung erbitten, damit die Ehe nicht mehr angefochten werden kann! – Es wird mit der Zeit reichen! – Keine drei Tage brauche ich [551] über den Julier abwärts hin – übermorgen bin ich in Chur – dann bleiben mir fast vier Tage zur Rückkehr, die aufwärts allerdings etwas länger dauern wird. Doch am Sonntag, zur rechten Stunde, werde ich zur Stelle sein und müßte ich die Nächte dafür zu Hilfe nehmen!“

Dann trabte er weiter, durch Silvaplanas Gassen, dem Saumpfad folgend, der sich in weiten Schlangenlinien die felsige Bergwand des Juliers zu der nicht allzu fernen Paßhöhe bei den beiden altrömischen Säulen hinanzog.

Als Gian Madulani am späten Abend heimkehrte, befand er sich in einer nicht gewöhnlichen Aufregung. War der viele genossene Wein, den sein zukünftiger Schwiegersohn ihm vorgesetzt hatte, die Ursache hiervon – oder war es der große Schatz an blinkenden Goldstücken und kostbaren Pretiosen, den er geschaut – wie er zuvor im Leben nie etwas Aehnliches gesehen hatte? Letzterer mußte wohl hauptsächlich so mächtig auf ihn eingewirkt haben, denn sein erstes Wort zu Hause galt diesem goldenen Schatz, der nun bald bei ihm einziehen werde und den er seinem Weibe in einer gierigen Freude zu schildern suchte. Barbla hörte ihm theilnahmlos zu und ließ ihn ungehindert weiter reden. Anfangs achtete Madulani nicht darauf, endlich mußte es ihm auffallen, er stutzte und schaute sein Weib mit gerunzelten Brauen an. Eine Pause entstand; er erinnerte sich wohl jetzt des Gespräches wieder, das er vor seinem Ausgange mit Barbla geführt hatte, und plötzlich eine höhnische Lache aufschlagend, rief er:

„Schon gut! – Du und das Mädel, Ihr sollt mir schon kirre werden, wenn Ihr schaut, was vor meinen Augen glänzte und funkelte. Für jetzt bleibt’s bei der Abmachung, und Du wirst Deine Pflicht thun, für das, was die Braut zur Trauung nöthig hat, sorgen – den festlichen Hochzeitsschmaus werde ich später selber anordnen.“ Da wiederum keine Antwort erfolgte, fragte er mit jäh aufsteigendem Zorne: „Hast Du, wie ich befohlen, der Aninia alles mitgetheilt? – Und nun antworte – oder –!“

Jetzt öffnete Frau Barbla die Lippen und mit einer auffallenden Ruhe antwortete sie:

„Brauchst Dich nicht zu ereifern, Gian; ich habe dem Mädchen alles gesagt, wie Du es befohlen hast, und am nächsten Sonntag führe ich sie Dir vor der Kirche zu. Doch nun laß uns zur Ruhe gehen, es ist spät in der Nacht.“

„A – ah!“ keuchte es aus Madulani mit einer grimmigen Freude hervor. „Also doch – sie haben alle beide Vernunft angenommen und ich kann ruhig sein.“ Dann folgte er seinem Weibe, das bereits die Stube verlassen hatte.


6. Das Recht der Mutter und Madulanis Schwur.

Eine Woche voll Unruhe und innerer Sorge war den Bewohnern des Madulanischen Hauses vorübergegangen und der verhängnißvolle Sonntag gekommen, der eine schwerwiegende Entscheidung bringen mußte. Beppo hatte sich überraschend schnell erholt, dank seiner unverdorbenen und kräftigen Natur; aber auch das große Glücksgefühl hatte gewiß seinen Antheil an der glücklichen Veränderung in dem Wesen des Burschen. Das Lager hatte er schon seit einigen Tagen verlassen dürfen, um im Zimmer umherzugehen oder auch, wenn Madulani nicht daheim war, auf Aninia gestützt, einen Gang ins Freie zu machen. Doch sein Obdach verließ er nicht, zum heimlichen Aerger des Cavigs, der gewaltsam an sich hielt und sich zur Beruhigung sagte: „Es ist nur bis zum Sonntag, dann muß er hinaus, und geht er nicht von selbst, jage ich ihn mit dem Stock davon!“ Mit keinem Wort erwähnte er der bevorstehenden Trauung; er sah Aninia, die wie von einem stillen Glück verklärt im Hause umherging, und da er das Mädchen durch die Mutter unterrichtet wußte, da diese ihm fest zugesagt hatte, Aninia am Sonntagvormittag zu rechter Stunde dem Vater vor der Kirche zuzuführen, so dünkte ihm diese stille Heiterkeit seiner Tochter ein gutes Zeichen, und er beruhigte sich vollständig. Stumm und ernst wie immer ging er seiner Wege und hütete sich fast ängstlich, ein Wort zu reden, das diese scheinbar freudige Ergebung in seinen Willen hätte stören können. Was er wollte, geschah, und diese Gewißheit genügte ihm.

Eine seltsame Wandlung war mit dem Franzosen-Peider während dieser Woche vorgegangen, wenn dieser auch aus Furcht vor seinem künftigen strengen Schwiegervater kaum wagte, dies auch nur mit einem Worte laut werden zu lassen. Seit er der Angst um sein Leben ledig, der Hand Aninias gewiß war, hatte deren Besitz merkwürdigerweise nach und nach den Hauptreiz für ihn verloren. So lange er für seinen Hals fürchten mußte, schien ihm Aninia ein heißbegehrtes Ziel; aber nun? Auf Lebenszeit in dem armen Hochthal sitzen bleiben, seine Kunst vergessen, die ja hier niemand würdigen und – bezahlen konnte, die geplante Reise nach Wien aufgeben sammt allen Hoffnungen auf einen Posten in der kaiserlichen Hofküche, den ihm seine seltene Geschicklichkeit sicher verschafft hätte! Peider hatte bei allen diesen Erwägungen ein Gefühl, als drücke man ihm sachte die Kehle zu. War er einmal verheirathet, so mußte er nach Surley in das Haus des Cavigs ziehen, so hatte es dieser bestimmt, und dort wohl auch die Hantierung seines bäuerlichen Schwiegervaters treiben. Das war fatal – sehr fatal! und gab seinem nicht ganz auf rechtmäßige Weise gewonnenen Glück einen Beigeschmack wie von – „bittern Mandeln“. Und dann, war die Aninia wirklich und sogar mit Freuden auf eine Heirath mit ihm eingegangen? Daran kamen ihm auch allerhand Zweifel. – Der alte Madulani hatte es ihm wohl gesagt, sogar hoch und theuer versichert – und dennoch gemeint, es wäre besser, die beiden Frauenzimmer für diese Woche in Ruhe zu lassen, da sie vielerlei für die Trauung und Hochzeit zu besorgen hätten. Am Sonntag würde sein Weib Barbla ihm schon nach Brauch und Herkommen die festlich geschmückte Braut vor der Kirche zuführen, und dann wäre er der Herr.

So war es gekommen, daß der Peider an dem für seine Zukunft entscheidenden Sonntag, wenn auch wie ein Prinz geputzt, doch ohne besonderes Behagen in Begleitung seiner Freunde und fast aller Bewohner von Sils-Baseglia nach Surley zog. Je näher er dem Orte kam, wo er sein Glück empfangen sollte, je unerfreulicher wurde ihm zu Muth, und in einer Stimmung langte er dort an, die für keinen Bräutigam, am allerwenigsten aber für den des schönsten und reichsten Mädchens des ganzen Engadins paßte.

Vor der Kirche hatte sich wohl eine gleich zahlreiche Menge wie am Sonntag vorher versammelt, aber diesmal hatte sie ein festlicheres Ansehen, denn die Frauen und Mädchen, welche beim Gericht der geschworenen Männer hatten im Hintergrund bleiben müssen, drängten sich jetzt so viel als möglich nach vorne, um die Braut zu sehen. Madulani befand sich mit den angesehensten Einwohnern der verschiedenen Ortschaften in der Kirche, die wegen ihrer Kleinheit nur wenige Personen fassen konnte, weshalb die Trauung durch den Geistlichen in der offenen Kirchthür und unter freiem Himmel stattfinden sollte. Der Cavig hatte vor dem Verlassen seines Hauses verstohlen, doch scharf nach den nöthigen Vorbereitungen für das anbefohlene festliche Mittagessen ausgeschaut, an dem, des beschränkten Raumes halber, außer der Familie nur noch der Bräutigam theilnehmen sollte; – das eigentliche Hochzeitsfest gedachte er wie üblich später auf der Wiese, natürlich unter Beihilfe von Peiders Dukaten, abzuhalten. Zwar brodelte es stark auf dem Herde, und seine Schwester, die Büssin stand nebst der Magd hantierend dabei, doch dies wollte ihm kaum genügend erscheinen. Eine Frage zu stellen, erlaubte sein Stolz ihm nicht, denn das hieße ja, an der Ausführung seines Befehls zweifeln.

Endlich, auf der Schwelle der Hausthür, vermochte er sich doch nicht mehr zurückzuhalten; er wandte sich nach seiner Frau hin und sprach aus, was ihm so lange auf der Zunge gelegen hatte: ob die Anstalten auch hinlänglich seien. Sonst könne ja die Büssin wohl bis Mittag noch mancherlei anrichten.

„Sorge Dich nicht,“ entgegnete Frau Barbla kurz, „es wird reichen für uns und für noch manchen andern und gut werden wie an allen Festtagen. Geh’ Deiner Wege, und ist es an der Zeit, läutet die Glocke, werde ich mit Aninia zur Stelle sein.“ Darauf hin verließ Madulani sein Haus und schritt dem an seiner Wohnstätte vorüber fließenden Surleywasser entlang der Kirche zu.

Mit nicht geringem Herzklopfen weilte währenddem Aninia in der Stube bei ihrem Gatten.

Beppo war, wenn auch noch etwas schwach, doch sonst wieder genesen. Er hatte seine einfache Gewandung angelegt, die von Mutter Barbla und Aninia so gut wie möglich hergerichtet und auch in einzelnen Theilen durch neue bessere Stücke ersetzt worden [552] war. In seiner ärmellosen Felljacke, einem groben, doch reinen Hemde, mit dem dichten schwarzgelockten Haare sah er verhältnißmäßig stattlich und dabei sehr hübsch aus, denn seine Züge, seine Augen verklärte eine strahlende Freude. Beppo hatte in seines Herzens Einfalt keine Ahnung, welchem schweren Augenblick er entgegenging.

Aninia trug ihr gewohntes Sonntagskleid, das wohl reich und hübsch war, doch nichts von dem Staate einer Braut hatte. Ihre Züge zeigten Ernst und Entschlossenheit, sie war sich der Lage voll bewußt. Doch hoffte sie auch, daß der Vater, nachdem er gehörig getobt, sich in das nun einmal nicht mehr zu Aendernde fügen werde.

Während Aninia ihren Beppo noch einmal voll Inbrunst umarmte und, an seinem Halse hangend, ihm Liebe und Treue gelobte, was auch über sie kommen würde, saß die Mutter in dem Nebenraum, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hände in ihren Schoß gefaltet, wie in Gebet – oder in tiefes Sinnen versunken.

Da ertönten die ersten Glockenschläge, und nun schnellte sie von ihrem Sitze empor, fest richtete die hagere Gestalt sich auf und schritt auf die Kammer zu, in der ihre Kinder weilten. Die Thür stieß sie auf und rief mit energischer Stimme hinein:

„Kommt! es ist an der Zeit! – und Gott der Herr mag mit uns allen sein!“

Dann verließen die drei das Haus und schlugen den Weg nach der nahen Kirche ein.

Unter der Kirchenthür auf der erhöhten Schwelle stand hoch aufgerichtet der Cavig Gian Madulani in nicht geringer Aufregung, die zu bekämpfen und nicht sichtbar werden zu lassen, er sich die größte Mühe gab. An seiner Seite hielt sich der Geistliche. Einige der begütertsten Einwohner der Dörfer umgaben als nähere Freunde und Zeugen den Brautvater. Vor dieser Gruppe befand sich, eingeschlossen durch den dichten Ring der in nicht geringer Spannung harrenden Pfarrgenossen, ein weiter, freier Raum für die Hauptpersonen der ernsten Handlung, welche sich nun entwickeln mußte.

Die rechte Seite in diesem freien Kreise nahm Peider mit seinen Freunden ein, und mit dem Cavig schaute er erwartungsvoll nach dem Dorfe hin, von wo die ersehnte und – gefürchtete Braut herankommen mußte.

Die Glocke läutete immer fort, doch diesmal, wenn auch nur mit ein und demselben Tone, in lustigem, bald raschem, bald langsamem Klingeln. Da ging plötzlich ein Murmeln des Staunens durch die Menge, denn die Erwarteten kamen heran.

Der Cavig, welcher sie von seinem erhöhten Standpunkt aus zuerst gesehen hatte, veränderte die Farbe, seinen ganzen mächtigen Körper überlief ein Zittern, von einem Ingrimm erzeugt, der sich in leise gemurmelten Flüchen Luft machte. Die sündigen Worte galten ihm selbst und seiner Sorglosigkeit, daß er, seinen Willen unantastbar glaubend, seinem Weibe alles – alles allein überlassen habe. Und er hatte alle Ursache dazu, denn das, was seine Augen sehen mußten – was nun auch die ganze Pfarrgemeinde sah, war etwas Unerhörtes – doch noch lange nicht so unerwartet, unglaublich und ungeheuerlich wie das, was er bald hören – von seinem eigenen Weibe hören sollte.

Die dichte Kette der Anwesenden hatte sich an der Seite nach dem Dorfe zu geöffnet, um drei Personen durchzulassen, die nun in dem Kreise standen. Es waren Frau Barbla und Gold-Aninia, die wie die Mutter wohl in ihren Sonntagskleidern einherging, aber nicht im geringsten geputzt und geschmückt war, wie sich dies für eine Braut geziemt hätte. Die dritte Person, welche das allgemeinste und größte Aufsehen erregte, war Beppo, der Bergamasker Schäfer, in seiner zottigen Bärenjacke, im übrigen aber so sauber und anständig, daß seine schmucke Persönlichkeit im Verein mit den hübschen, bleichen Zügen vortheilhaft hervortrat und manchem jungen Mädchen einen unterdrückten Ruf freudiger Bewunderung entlockte. Er ging zwischen den beiden Frauen einher, stützte sich sogar, noch immer sichtlich schwach und angegriffen, auf Frau Barblas Arm, während seine freie Hand – und das war das Unerhörteste, Unbegreiflichste! – die Rechte Aninias hielt.

Das Murmeln der Menge gestaltete sich bereits zu einzelnen lauten Worten, Reden der höchsten Verwunderung, als der Cavig mit grimmiger Gebärde Ruhe heischte und mit bebender Stimme auf sein Weib einzureden beginnen wollte. Doch Frau Barbla kam ihm zuvor, sie trat einen Schritt weiter in die Mitte vor und rief, indem sie ihre blitzenden Augen scharf in die ihres Mannes bohrte:

„An mir ist die Reihe zu reden, Gian! Du hast am vergangenen Sonntag als Vater unseres Kindes gesprochen, heute spricht die Mutter, welche vor Gott und den Menschen ein gleiches Recht auf ihr Kind hat wie der Vater. – Ist’s nicht so, Landsleute?“

Die letzten Worte hatte sie an die ringsum Versammelten gerichtet, und was ihnen nun folgte, ließ zum zweitenmal jeden Laut auf den Lippen ihres Mannes erstarren: im Anfang ihrer Rede war ein tiefes Schweigen rings im Kreise eingetreten, jetzt aber begann das wirre Summen und Sprechen von neuem und stärker, lauter als vorhin; von verschiedenen Seiten rief es – und dabei waren die Frauenstimmen in überwiegender Anzahl und am deutlichsten vernehmbar: „Mutter Barbla ist im Recht! – Sie hat hier auch ein Wort mitzusprechen, so gut wie der Vater! – Sie soll reden! – reden!“

Nun hielt sich der Cavig nicht länger; mit seiner mächtigen Stimme den Lärm übertönend, schrie er, jetzt schon bebend vor Wuth, seinem Weibe zu:

„Bist Du etwa gekommen, um gegen die von mir beschlossene Heirath des Mädchens mit dem Peider dort einen Widerspruch zu erheben, so hast Du mich belogen, denn Du sprachest mir Deine Billigung dafür aus. Spare also jetzt die Worte! oder bei Gott dem Allmächtigen –“

Der Geistliche und die Freunde Madulanis bemühten sich, den Tobenden zu beschwichtigen, während Frau Barbla, den Ausfall ihres Mannes nicht beachtend, sich an die Menge wandte.

„Das Recht der Mutter habt Ihr anerkannt,“ so sprach sie mit fester Stimme und durchaus ruhig, „nun hört mich an und urtheilt, ob die Anklage meines Mannes gerechtfertigt oder eine falsche ist.“

Dann fuhr sie unter lautloser Stille fort: „Ich habe dem Gian gesagt, daß ich in die Heirath mit dem Peider willigen würde, wenn mein Kind damit einverstanden sei. Doch Aninia hatte bereits gewählt, und da mein Kind eine freie Bündnerin ist, über ihr eigenes Schicksal zu bestimmen hat, wie jedes Mädchen der Pfarrgemeinde an gleichem Alter, so habe ich, die Mutter, ihre Wahl nicht allein gebilligt, sondern ihr auch – um jedem weiteren Streit zuvorzukommen – den Mann ihrer Wahl durch einen Priester seines Glaubens, den Mönch von dem Crestalta, als Gatten antrauen lassen. An ihrer Seite seht Ihr ihn; es ist Beppo, der Schäfer, den sie sich erwählt und der seit jenem Sonntagabend ein Recht hat, die Aninia vor Gott und den Menschen sein Weib zu nennen!“

Der Lärm, welcher sich nach diesen Worten erhob, war ungeheuer, die Bewegung unter der Menge, die Wuth des Cavigs, das laute Hinüber- und Herüberschreien der beiderseitigen Freunde machte für Minuten jede Verständigung unmöglich. Madulani war erdfahl geworden und stand anfangs da wie von einem Blitzstrahl gerührt; dann schoß er empor und mit geballten Fäusten, ein entsetzliches Fluchwort ausstoßend, wollte er sich auf sein Weib stürzen, doch die Männer, welche ihn umringten, hielten ihn mit Aufwand aller ihrer Kräfte zurück. Aninia, welche zuerst Beppo umfangen gehalten hatte, war mit dem Aufschrei „Mutter!“, ihren Gatten mit sich ziehend, zu dieser geeilt, sich Schutz suchend an ihren Hals zu klammern, die entsetzten, thränennassen Blicke auf den schier sinnlos vor Wuth tobenden Vater gerichtet. Und in der Menge rief es wüst durcheinander:

„Die Mutter und die Aninia haben recht gethan! – sie ist eine freie Bündnerin und darf wählen, wen sie will!“

Waren es hier besonders die Stimmen der Mädchen und der Burschen die sich hervorthaten, so schrie ein Theil der Männer:

„Die Heirath ist ungültig! – der katholische Mönch hat kein Recht, eine reformirte Bündnerin zu trauen!“

Doch blieben diese und ähnliche Rufe in der Minderheit – es wurden ihrer sogar immer weniger, während die zustimmenden sich mehrten, stärker und stärker erklangen, bis endlich die Aeußerungen der Gegenpartei vollständig in ihnen untergingen.

[565]
Wer in diesem Streite am ruhigsten blieb und doch am eifrigsten und lautesten theil daran hätte nehmen müssen, war der bisherige Bräutigam, der Franzosen-Peider selbst. Seine vorher so gehaltene Miene heiterte sich zusehends auf, die alte lebhafte Beweglichkeit, welche er auf dem Gang zur Hochzeit vollständig eingebüßt hatte, kehrte zurück, er mußte sich wahrhaft Gewalt anthun, um nicht sein Entzücken über die unverhoffte Lösung der Schlinge, in der er sich gefangen sah, allzu offen an den Tag zu legen. Was konnte der fürchterliche Madulani ihm jetzt noch anhaben? – Nichts! und so wollte er, ohne lange zu zaudern, auch den günstigen Augenblick ausnützen, um seine Freiheit vollends wieder zu erlangen und zu sichern. Plötzlich raffte er sich auf, trat einen Schritt vor, machte eine gebietende Armbewegung und rief mit der ganzen Kraft seiner Lungen, sogar mit einem Anflug von Humor, als ob er gute Miene zum bösen Spiele machte, in den Aufruhr hinein:

„Hört mich, Ihr Bündnerleute!“ – und als der Lärm überraschend schnell sich legte, sogar der tobende Madulani sich ruhig verhielt und erwartungsvoll auf diesen neuen Redner schaute, fuhr der Peider also fort: „Ich hoffe, es giebt keinen unter Euch, der bezweifelt, daß ich imstande bin, mein gutes Recht zu verfechten. Ihr habt die Probe davon gesehen. Aber es wäre eines galanten Mannes wenig würdig, eine Schöne, die widerstrebt, zur Annahme seiner Hand zwingen zu wollen, nachdem er fälschlich geglaubt hatte, daß sie den Werth derselben zu schätzen wüßte. Ferne sei es von mir, mich auf die Macht des Vaters zu stützen, nachdem meine bisherige Braut mir einen andern vorgezogen hat. So schlimm steht es mit dem Gold-Peider doch noch nicht, der jeden Tag die größten Partien an besseren Orten als Surley machen kann! Wenn die schöne Aninia so einfach denkt, daß sie am liebsten unter der Schafherde ihr Leben zubringen will, so kann ich begreiflicherweise nichts dagegen haben, und da sie schon vor acht Tagen diesem Jüngling in der Zotteljacke ihre reizende Hand gereicht hat – was bleibt mir übrig, als jetzt alle Feindschaft zu vergessen und den beiden meinen Glückwunsch darzubringen?“

Damit schritt er leichtherzig auf Beppo zu und schickte sich an, zu thun, wie er gesagt hatte.

„Halt!“ schrie der Cavig mit donnernder Stimme, um dann zähneknirschend vor sich hinzumurmeln: „Der elende Feigling!“ Dann sich mit aller Gewalt bezähmend, fuhr er mit starker Stimme fort: „Ich, der Cavig von Surley und Ammann der Pfarrgemeinde, sage: Die Trauung ist ungültig, und hier unser Pfarrer soll es bestätigen. Tretet vor und redet!“

„Unser Cavig und Ammann hat recht,“ sagte jetzt der Geistliche. „Die Trauung [566] von einem einfachen Mönch vollzogen, ist ungültig – oder der Churer katholische Bischof der Bündnerlande müßte sie denn mit Brief und Siegel bestätigt haben.“

„Ihr hört es, Landgenossen – und auch Du, Peider, mein Weib, meine Tochter – Ihr alle habt es jetzt vernommen: die Trauung ist ungültig!“ rief Madulani mit triumphirendem Ton.

„Verzeiht, Cavig und Ammann,“ sprach da ruhig und bestimmt eine fremde Stimme, „die Trauung und Heirath ist vollständig gültig: hier die Unterschrift und das Sigillum des Bischofs von Chur.“

Es war der Mönch Fra Battista, der auf seinem Grauthier die Reise von und nach Chur genau, wie er sie geplant, zurückgelegt hatte. Schon vor einer Weile war er unbemerkt herangetrabt, hatte in der Menge geborgen den Vorgang beobachtet und war im entscheidenden Augenblick in den Kreis getreten, mit seinen letzten Worten dem Madulani in hocherhobener Hand ein Schriftstück entgegenhaltend, von dem an einer breiten und bunten Doppelschnur ein großes, rothes Siegel niederhing.

Die Mutter, das junge Paar stießen bei seinem Erscheinen einen dreifachen Freudenruf aus, und durch die Menge ging ein so gewaltiges Staunen, daß es sich nicht anders als in einem hauchartigen Flüstern Luft zu machen vermochte. Selbst der starke Cavig war wie niedergeschmettert, seine mächtige Gestalt zitterte und kaum noch vermochte er sich auf den Beinen zu erhalten; seine ganze Kraft, den Rest seines eisernen Willens mußte er zusammenraffen, um nicht niederzusinken.

Fra Battista grüßte seine Schützlinge im Vorbeigehen leicht mit dem Haupte, schritt auf den Cavig zu und reichte ihm die Urkunde, welche in der That die Unterschrift und das Siegel des Bischofs von Chur trug. Madulani ergriff zögernd das inhaltschwere Papier und begann die darauf befindliche Schrift zu lesen. Der große weiße Bogen mit seinem herabhängenden Siegel zitterte merklich in seiner Hand und die Buchstaben schwirrten kaum erfaßbar vor seinen Blicken. Doch, was er zu entziffern vermochte, war für ihn genug; er sah, er erkannte die Unterschrift, das Siegel des Bischofs und wußte, daß jetzt alles verloren war, daß sein Weib – sein eignes Weib! – ihn besiegt – oder vielmehr überlistet und tödlich getroffen hatte. Eine ganze Weile stand er da, als ob ihm mit der körperlichen Kraft auch alle Kraft seines Denkens abhanden gekommen – als ob er ein alter, schwacher Greis geworden wäre.

Alle Zeugen dieser Vorgänge schienen nicht minder ergriffen zu sein als deren Hauptpersonen, wie Mutter Barbla, Aninia und Beppo folgten sie in athemloser Spannung dem Thun des gefürchteten, nun sichtlich gebrochenen Mannes. Plötzlich – ganz unerwartet schnellte Madulani empor, noch einmal loderte sein wilder Zorn ungebändigt auf. Das Schriftstück mit beiden Händen fassend – als ob er es zerreißen wollte, schrie er, jetzt in der That sinnlos vor Wuth:

„Und ich sage nochmals: die Heirath ist dennoch ungültig! ich, der Vater und der Cavig, trenne – zerreiße den unnatürlichen Bund, wie ich dies elende Papier hier –“

Doch weiter kam der Tobende nicht. „Halt ein! – Halt ein!“ schrie es von allen Seiten, und zugleich erfaßten die ihn umringenden Männer mit aller Kraft seine Arme, um ihn mit Gewalt an dem gesetzwidrigen Thun zu hindern, das nur schlimme Folgen für ihn wie für die ganze Gemeinde haben konnte.

Mit dem herzzerreißenden Ausruf: „Vater! Vater!“ waren Mutter Barbla und Aninia, Beppo mit sich reißend, auf Madulani zugestürzt und hatten sich ihm zu Füßen geworfen. Weinend streckten sie die Hände nach ihm aus und in verzweiflungsvollem Ringen flehten sie um seine Vergebung.

Keuchend stand Madulani da, mächtig hob und senkte sich seine Brust, und mit aller Gewalt rang er, nur noch einige Augenblicke Ruhe zu gewinnen, denn er fühlte, daß es mit seiner Kraft zu Ende ging. Dann stieß er keuchend – abgerissen hervor:

„Nun denn – da alles gegen mich ist – sollt Ihr Euren Willen haben. Ziehe hin und werde eine Bettlerin! – meine Tochter bist Du nicht mehr! Das einzige, was ich Dir noch gebe, ist – dieser Wisch!“ Damit schleuderte er mit roher Gewalt die Urkunde den Seinigen vor die Füße. – „Und als Papisten verbanne ich Euch beide aus Surley; das ist mein, des Cavigs Recht! Niemand – wer es auch sei! – soll und darf Euch als Eheleuten Unterkunft geben – so lange Grund und Grath stehen. Niemals soll ein Dach mit Euch mich decken. Das schwöre ich hier, im Angesicht des Himmels und der Pfarrgemeinde! oder – oder ich müßte denn ein Bettler geworden sein – wie Ihr!“

Mühsam hatte er die letzten Worte, den frevelhaften Schwur, hervorgekeucht, und nun war es wie mit seiner Kraft so auch mit seiner Besinnung zu Ende. Taumelnd drang er durch die ihn Umringenden, welche entsetzt zur Seite wichen, und auf Umwegen suchte er sein Haus zu erreichen, sich in seine Kammer zu vergraben, dort seine Schmach zu bergen, seinen Zorn, seine Wuth auszutoben. –

In der Menge vor der Kirche war kein Laut hörbar geworden, der erschütternde Vorgang ließ jede Aeußerung verstummen. Wohl näherten sich einige Nachbarn Frau Barbla und Aninia, die wie ohnmächtig zusammengebrochen war, doch die mit ihrem Kinde beschäftigte Mutter wehrte ihnen ab und schweigend verließen sie mit den übrigen den Platz, der bald nur noch wenige einzelne Gruppen zeigte, die noch eine letzte Zwiesprach hielten, um sich dann auch zu entfernen. Nur der Mönch war bei den dreien geblieben, er bemühte sich, Worte des Trostes für die tief gebeugten Frauen zu finden.

„Nach Surley dürfen die beiden hier nicht zurück,“ sagte er, „das ist nun leider unmöglich geworden. Kommt mit mir, folgt mir auf den Crestalta. Dort räume ich Euch meine kleine Zelle ein – für mich wird sich auch noch ein Obdach finden. Kommt!“

„Fra Battista hat recht,“ sagte Mutter Barbla. „Geht mit ihm und ich will daheim für Euch – zu wirken versuchen. Geht!“

Aninia hatte sich wieder gefaßt, sie ergriff Beppos Hand; ein letzter, inniger Abschied beider von der Mutter, dann folgten sie dem Mönche.

Mutter Barbla wankte heim, den Kopf sinnend auf die Brust gesenkt. „Wenn er nur den frevlen Schwur nicht gethan hätte!“ murmelte sie in einem fort vor sich hin, „er wird uns alle ins Unglück bringen – zu Bettlern machen.“ –

Seltsam! Auch Beppo vermochte denselben Gedanken nicht loszuwerden, er beschäftigte ihn, wenn auch in anderer Weise, mehr als das Nächstliegende. Während er neben seiner Aninia herschritt und mit ihr Worte der Liebe und des Trostes wechselte, leuchtete der Schwur Madulanis wie mit feurigen Zeichen in seinem Hirn auf: „Keine Vergebung! – oder ich müßte denn ein Bettler geworden sein – wie Ihr!“


7. Während des Sommers. – Daheim und in vollem Sonnenschein.

Der Sommer war gekommen und vieles hatte sich während der Zeit in Surley und dessen Bereich geändert. Wenige Tage nach dem verhängnißvollen Sonntagmorgen vor der Kirche war der Franzosen-Peider, schwer beladen mit seinen goldenen Schätzen, doch leichten Herzens auf und davon geflogen. Viele seiner Freunde gaben ihm das Geleit bis nach Samaden, wo ein letzter Abschiedsschmaus und Rundtrunk gehalten wurde. Dann trabte er auf einem jungen, kräftigen Maulthier, das inhaltreiche Felleisen hinter sich aufgeschnallt, dem Unterengadin, dem Finstermünzpaß und Innthal entgegen, um über Innsbruck, Salzburg und Linz die schöne Kaiserstadt Wien an der Donau zu erreichen, allwo er ganz bestimmt den seiner würdigen Wirkungskreis und auch das rechte Glück zu finden hoffte. Beim Abschied von seinen Genossen hatte er in stolzem Selbstbewußtsein noch zu diesen gesagt: „Will einer oder der andere von Euch sein Glück auf demselben Wege probiren, auf dem ich es gefunden habe, so sucht mich in Wien auf, der Peider wird Euch beistehen, unterbringen und seine Kunst Euch lehren. Dann hängt es nur von Euch ab, es so weit zu bringen wie ich. Und nun – Addio! doch auch auf Wiedersehen, meine Freunde! – Addio! meine schöne Heimath! mein liebes, theures Bündnerland!“

Daß diese bedeutsame Abschiedsrede auf die Gemüther der jungen Silser einen ganz besonderen Eindruck machen mußte, war selbstverständlich, und schon jetzt durfte man als gewiß annehmen, daß über kurz oder lang mehr als einer von ihnen den erhaltenen Wink befolgen, den gleichen Weg ziehen werde, um unter der Leitung des kunstfertigen Landsmanns sein Glück in der Welt als „Schweizer-Konditor“ zu versuchen.

[567] Wenige Sonntage nach der Abreise des Franzosen-Peiders fand in der kleinen Kirche von Surley eine Trauung – diesmal eine wirkliche und ohne Hindernisse – statt. Es war der lange Clo der Maria Büssin, der die nicht minder lange Staschia Cadruvi ehelichte, doch nun auch der Mutter ärmliche Wohnstätte verließ, um in das recht stattliche, feste Haus seiner Schwieger, das jenseit des Surleywassers lag, einzuziehen. Es war ein guter Tausch, denn die Büssin hatte eine Feuerstelle inne, die eher einem Steinhaufen ähnlich sah als einem Wohnhause und noch dazu abseits nahe den Felswänden lag, so daß sie im Frühling, wenn Schnee und Eis zu schmelzen begannen, viel und oft von den wilden Wassern zu leiden hatte. Die neue Wohnung des Clo aber bestand aus einem Gelaß so lang wie das ganze Haus und zwei Nebenkammern, wovon die eine als Schlafstelle der alten Mutter Cadruvi, die andere, recht düstere, als Vorrathsraum und Keller diente. Eine schmale, leiterartige Treppe führte zu zwei niederen Dachkammern, welche freilich für die stattliche Länge des jungen Ehepaares, das sie bewohnte, nicht berechnet waren. Es mußte sich allemal beim Eintritt tief bücken. Unten, in dem großen Raum, der den Insassen Wohn-, Eßzimmer und Küche war, befand sich der steinerne Herd nebst einigen Truhen und Schränken aus gedunkeltem Arvenholz, die wie die Bettstelle, Tisch und Schemel in unbeholfener Weise verfertigtes Schnitzwerk zeigten. So einfach sich dies alles auch darstellte, mußte es doch dem langen Clo, wenn er an die öde und kahle Wohnung seiner armen Mutter zurückdachte, wie ein Palazzo vorkommen, noch dazu, da er die Räume an der Seite einer jungen Frau bewohnen durfte, die im Grunde gar nicht so übel war, und an deren Länge er keinen Anstoß zu nehmen brauchte. Vermochte er sie doch aus gleicher Höhe herzhaft auf den rothen Mund zu küssen!

Nicht so gut hatte es seine Mutter, die Maria Büssin – ihr fehlte jetzt erst recht viel! Hauste sie doch nun ganz allein in ihrem kalten Steinhaufen. Doch sollte sich ihre gedrückte Lage bald und in überraschender Weise zu ihren Gunsten ändern.

Nach jenem erschütternden Auftritt vor der Kirche war Madulani den ganzen Tag nicht mehr zum Vorschein gekommen; am folgenden Morgen erschien er, wenn auch ernst, finster, bleicher als gewöhnlich und mit unheimlich funkelnden Augen, doch im übrigen auffallend ruhig. Mit keinem Wort erwähnte er gegen sein Weib das Vorgegangene; es war, als ob er es gar nicht erlebt, aber auch – als ob er nie ein Kind sein eigen genannt hätte. So blieb es, und sah er die Büssin bei seinem Weibe, so schien er ihre Anwesenheit, den Verkehr der beiden Frauen gar nicht zu beachten, während er sonst für die Schwester, traf er sie in seinem Hause, stets nur schlimme Worte gehabt hatte. Auch dies änderte sich mit der Zeit nicht. So ergab es sich denn ganz von selbst, daß die Büssin, nachdem ihr Clo sich verheirathet hatte, immer häufiger bei der Schwägerin anzutreffen war, endlich sogar fast von morgens früh bis abends in dem Hause des Cavigs weilte, ohne daß dieser ein Aergerniß daran zu nehmen schien. Er beachtete es sogar nicht mehr, wenn Frau Barbla seiner Schwester irgend etwas zusteckte – was sonst ein Donnerwetter entfesselt hatte.

Es mußte seit jenem Sonntage eine überraschende Umwandlung mit dem sonst so rücksichtslos harten Manne vorgegangen sein, in allem, was er that und sprach, zeigte sich dies – nur nicht in einem Punkte.

Frau Barbla ging still ihrer Wege wie bisher, sie ließ ihren Mann gewähren; ruhig sprach sie mit ihm, in ihrer gewohnten, kurzen, etwas rauhen Weise, ohne dabei viel von ihrer Hantierung aufzublicken. Doch beobachtete sie ihn scharf, und zu ihrer geheimen Freude gewahrte sie die mit ihm vorgegangene unverkennbare Veränderung, von der sie glaubte, sich für die Zukunft das Beste für ihr Kind und dessen Gatten versprechen zu dürfen. Aber sie kannte, trotz des langen Zusammenlebens, ihren Mann noch immer nicht genug. –

Eines Abends, es mochten wohl der Wochen acht verflossen sein, seit die beiden allein hausten, saßen sie still und schweigend einander gegenüber in ihrer großen Stube. Die Sonne ging für das Hochthal unter und ihre letzten Strahlen streiften mit einem fremdartigen rothglühenden Schein die zackigen Felswände, die Schnee- und Eisfelder des Juliers und des Piz Albana, welche theilweise in ihren scharfen Umrissen von der Stube aus sichtbar waren. Der massige Tisch stand gegen das breite, niedere Fenster gerückt, und auf der einen Seite saß Frau Barbla, die Spindel mit dem Flachs der lombardischen Ebene unter dem Arm. Mit der Rechten zog sie den groben Faden. Durch die Tafel von ihr getrennt saß Madulani, mit dem Ellbogen schwer auf die Platte gestemmt, und rauchte seine Pfeife. Vor ihnen lag ein angeschnittenes Roggenbrot und auf einem irdenen Teller ein Stück Ziegenkäse; sie hatten zu Nacht gegessen, ohne nur ein Wort miteinander zu reden, und gleich stumm saßen sie auch jetzt noch da. Doch oftmals schweifte der Blick der Mutter verstohlen nach ihrem Manne hinüber, der, den Wölkchen seiner Pfeife nachschauend, dies nicht zu bemerken schien. Sie mußte etwas auf dem Herzen haben und den Augenblick für günstig halten, es auszusprechen, denn endlich ließ sie die Spindel ruhen, wandte leicht den Kopf ihrem Manne zu und sagte leise, doch mit eindringlichem Ton:

„Gian, ist Dein Herz denn wirklich so hart geworden wie die Felssteine da drüben – daß Du so gänzlich vergessen kannst, wie fern von uns ein armes Geschöpf lebt, das von unserem Fleisch und Blut ist und sich in Sehnsucht nach dem Vater verzehrt? Und Du hattest sie doch immer so gerne, unsere Aninia!“

Kaum hatte sie den Namen ausgesprochen, da ging eine jähe, schreckenerregende Veränderung mit Madulani vor. Wie von einer Natter gestochen, schnellte er von seinem Schemel empor und die Pfeife zu Boden schleudernd, daß sie klirrend in Stücke brach, schrie er sein Weib an:

„Sprich den Namen nicht aus! – oder es geschieht ein Unglück!“ Alles Blut war ihm nach dem Kopf gestiegen, denn sein Antlitz war tiefroth geworden und blutunterlaufen quollen die Augen daraus hervor. Zugleich hatte die freigewordene Hand das große, bei dem Brote liegende Messer ergriffen, als ob er damit seine letzten Worte hätte bekräftigen wollen. Nach einem tiefen, keuchenden Athemholen fuhr er fort: „Wer für sie, die ihren Vater mit Schmach und Schande bedeckt hat, zu mir spricht, ist mein Todfeind, das merke Dir!“

Mit diesen Worten stieß er das Messer mit aller Gewalt in die Tischplatte, daß es tief darin stecken blieb, und stürmte aus der Stube.

Frau Barbla war aufgesprungen, die Hände vor Entsetzen zusammenschlagend; eine ganze Weile starrte sie ihrem Manne nach, ihre Augen füllten sich mit Thränen, dann sank sie unter stillem Weinen auf ihren Sitz zurück, leise vor sich hinmurmelnd:

„Ich bin zu Ende. – Sein Weib vermag nichts mehr – ein Stärkerer muß über ihn kommen – und er wird kommen!“

Noch eine ganze Weile saß sie da, sinnend mit gefalteten Händen, wohl im Gebet sich an den wendend, der allein hier noch helfen konnte. Ruhiger geworden, nahm sie ihre frühere Arbeit mit der Spindel von neuem auf. –

* * *

Wieder waren wohl zwei Monate vergangen, mit ihnen der schöne, wenn auch nur kurze Sommer des Engadins, und kein Wort über Aninia war mehr zwischen Madulani und seinem Weibe gewechselt worden. Der Cavig befand sich jetzt schon in der dritten Woche draußen; mit seinem Ochsengespann hatte er eine Fuhre der schönsten Arvenstämme thalabwärts über den Malojapaß, durch das Bergell, dann über Chiavenna nach dem Comersee geführt, wo sie von einem Mailänder Handelsmanne in Empfang genommen wurden, um vorerst zu Schiff nach Como geschafft zu werden. Madulani hatte ein gutes Geschäft gemacht, und eine große Anzahl dicker, silberner Fünflivres-Thaler in seinem Ledersack, kehrte er mit seiner Ochsenfuhre in zufriedener, fast heiterer Stimmung heim. Die Rückreise dauerte lange, sehr lange, denn es ging aufwärts und immer aufwärts. Doch endlich hatte er den steilen Malojapaß überschritten und nun war er in wenigen Stunden daheim. Frau Barbla, die sich in einer ungewöhnlichen, doch sichtlich freudigen Aufregung befand, sah ihn kommen; sie hörte in der Stube, wo sie ihn erwartete, wie er zuerst die beiden Thiere in den Stall brachte, ihnen Futter gab, wie er dann den schweren Wagen mit den plumpen Rädern im Schuppen unterstellte. Jetzt erst lenkte er auf das Haus zu, und bald darauf stand er in der Stube vor seinem Weibe.

Zum erstenmal seit Monaten zeigte Madulanis Antlitz lächelnde Züge; zum erstenmal war der Gruß, welcher seinem Weibe wurde, [570] freundlich. Mit dem schweren Ledersack auf der linken Schulter stand der Mann in seiner mächtigen Gestalt hochaufgerichtet vor Frau Barbla und reichte dieser sogar zum Willkomm die Hand – etwas ganz Unerhörtes seit jenem Auftritt vor der Kirche. Aber auch die Frau schien ungewöhnlich freudig bewegt und erwiderte Gruß und Handschlag in gleicher Weise; es war in diesem Augenblick des Wiedersehens, als ob nie ein Zwiespalt zwischen ihnen geherrscht hätte.

Der kalte Ernst war von dem Gesicht der Frau gewichen, sie bemühte sich geschäftig, ihrem Manne beim Ablegen behilflich zu sein, konnte aber mit der Mittheilung, die ihr auf den Lippen schwebte, nicht warten, bis er zum Sitzen kam, sondern sagte ihm schnell, ohne Vorbereitung, ein paar Worte ins Ohr.

Auf der Stelle veränderte sich sein eben noch freundlicher Gesichtsausdruck, eine dunkle Röthe stieg auf seine Stirn und, sich hart abwendend, sagte er mit einem Ausdruck von Hohn und bitterer Verachtung: „Ein Bettler mehr!“ Zugleich ließ er den Ledersack schwer auf die Tischplatte niederfallen, daß die darin enthaltenen Silberstücke laut klirrten. „Wenn ich einmal zu derselben Zunft gehöre,“ fuhr er in gleichem Tone fort, den Ledersack aufnestelnd, „dann klopfe wieder an. Doch damit hat’s, wie Du siehst, gute Wege!“

Nun schüttete er die dicken Thaler mit einer solchen barschen Bewegung auf den Tisch aus, daß eine ganze Anzahl davon über den Rand zu Boden fiel und klirrend in der Stube umherrollte.

Frau Barbla war zurückgefahren, ihr Antlitz hatte sich entfärbt und mit zusammengeschlagenen Händen, weit offenen Augen starrte sie ihren Mann an, als ob sie an das, was sie da hatte hören müssen, nicht glauben könnte. Endlich kam ihr das bittere Verständniß und sie hob wehklagend die Arme gen Himmel. „Ist es denn möglich? Der eigene Vater!“ rief sie in Jammertönen. „O Gian, Gian, verblendet Dich der Geldteufel so, daß Du unsern Herrgott nicht mehr fürchtest und sein Gericht, das über einen Unmenschen wie Dich hereinbrechen muß? Gehe in Dich!“ flehte sie ihn mit dringender Herzensangst an, „komm! Du bist ja nicht böse, ich weiß es, nur rasch und zornig, und Du kannst nicht einlenken. Laß mich es für Dich thun! Gieb mir die Hälfte von dem Geld dort, daß ich es unserer Aninia bringe, die es wahrlich nothwendig haben wird, laß mich ihr dazu sagen –“

„Weib,“ schrie jetzt der Cavig, auf sie zufahrend, vor Zorn kirschbraun im Gesicht „noch ein einziges Wort und –“ er hob drohend die schwere Faust.

Aber die Frau schrak nicht mehr zurück wie sonst. Blaß bis in die Lippen und regungslos sah sie ihn an und sagte zuletzt mit einer stählernen Entschlossenheit, die seine geballte Faust sinken machte:

„So nehme ich unsern Herrgott zum Zeugen, daß ich nicht länger Deinen Willen thun kann. Ich habe Dich Unrecht auf Unrecht häufen sehen und habe dazu geschwiegen, jetzt aber schreit Deine Sünde zum Himmel, und ich will nicht länger daran mitschuldig sein! Deinen gottlosen Schwur hast Du erfüllt und Dein Kind zur Bettlerin gemacht, Dein Weib will nichts mehr vor ihm voraus haben. Von heute an gehe ich zu den beiden – wenn auch mit leeren Händen, Gott sei’s geklagt! Aber Aninia soll wissen, daß sie wenigstens noch eine Mutter hat. Versuche nicht, es mir zu wehren,“ rief sie, als er eine Bewegung machte, „sonst verlasse ich Dein Haus für immer. Du kennst mich und weißt, daß ich Wort halte!“ Damit verließ sie, ohne noch einmal umzublicken, die Stube.

Verständnißlos starrte Madulani ihr nach, dann zuckte er verächtlich die Achseln und begann, die zu Boden gekollerten Silberthaler mühsam aus den Ecken hervorzusuchen und zusammenzuraffen. –

* * *

Es ist ein herrliches Fleckchen Erde, das stille Ruheplätzchen unter den Arven der Alp Surley, etwa eine Stunde von dem Crestaltahügel entfernt und einige hundert Fuß höher als dieser gelegen. Weit breitet sich die grüne Matte aus, mit bunten Blüthen übersät bis zu den Felsschroffen, die, steil ansteigend, die mächtigen Schnee- und Eisfelder der Firnen auf ihren Schultern tragen.

Mitten in der Matte erhebt sich, wie von kundiger Menschenhand gepflanzt, die kleine Baumgruppe, von Arven, einigen Rothtannen und Lärchen gebildet, und zwischen ihnen drängen sich dichte Gebüsche von Alpenrosen. Bemooste Steinblöcke sind als ungeheure Ruhebänke durch das ganze Thal verstreut, jeder bietet eine andere herrliche Ausschau. Zur Rechten steigt der zackige, eisbedeckte Piz Surley empor; links erhebt sich der freundlichere Munt Arlas, und über diesem in ziemlicher Ferne, doch durch die Klarheit der Luft dem Auge nahe gerückt, thürmt sich der gewaltige Piz Corvatsch auf, dessen weite Schnee- und Eisfelder in der Sonne wie Silber glänzen und strahlen. Doch näher der Baumgruppe und zwischen den beiden erstgenannten Bergriesen befindet sich eine weite, tiefe Einsattlung, die wie die Alpe mit einer frischgrünen blumigen Wiese überdeckt ist. Ein Bächlein schießt ungestüm hindurch zur Tiefe, recht vernehmlich rauschend, und seine Wasser schäumen, spritzen hoch auf an den Felsblöcken, die es auf seinem Wege trifft. Und an solchen fehlt es nicht, von oben bis unten liegen sie in der grünen Schlucht zerstreut. Alles deutet darauf hin, daß das jetzt im Hochsommer so kleine Bächlein im Frühjahr, wenn Schnee und Eis schmelzen, die großen Felssteine nicht mehr umgehen wird, sondern, zum Wildbach angeschwollen, sie gewaltsam zu Thal führen kann. Es ist dies das Surleywasser, und die Einsenkung, in der es entspringt, die Fuorcla da Surley.

Die wilde Bergherrlichkeit der Surley-Alpe wird an Schönheit aber noch übertroffen durch den Ausblick der andern Seite auf das Thal, auf die Silberspiegel der Seen von Sils, Silvaplana und Campfèr, die dunkeln Nadelwälder und verstreuten Häuser und Hütten der Dörfer an ihren Ufern. Diesseits, am Fuße der Fuorcla, erblickt man das Dorf Surley mit seinen weitzerstreuten Wohnstätten und der kleinen Kirche, überragt von dem bewaldeten Crestaltahügel, der weit in den See von Campfer hineinragt. Von drei Seiten wird dies herrliche Bild eingeschlossen durch eine Kette gewaltiger, himmelanstrebender Felsmassen, die mit ihren zackigen Eishäuptern gleichsam die Wächter und Schützer des einsamen Hochthales bilden. –

Wahrlich, es ist ein herrliches, schönes Fleckchen Erde, die Arvengruppe der Alp da Surley!

Dies fühlten zwei glückliche Menschenkinder, denen das Ruheplätzchen während des Sommers, da unsere Geschichte spielt, zum Lieblingsaufenthalt geworden war. Sich umschlungen haltend, saßen sie jetzt auf einem der bemoosten Felssteine und blickten trunkenen Auges in die Herrlichkeit zu ihren Füßen, die den beiden wie ein Paradies dünken wollte, eigens geschaffen für sie und ihr junges Glück.

Sie waren allein, und auch aus der Tiefe herauf drang keine Spur von einem Menschengetriebe. Eine so feierliche Ruhe herrschte in dem weiten, sonnigen Hochthal, ein so wolkenloser blauer Himmel wölbte sich über der majestätischen Einsamkeit seiner Berge und Felsmassen, daß dies alles, verklärt von ihrer glückseligen Liebe, ihnen wohl den Eindruck machen konnte, als lebten sie in einem Erdenparadiese.

Sie waren allein, Beppo und die schöne goldblonde Aninia – oder doch so gut wie allein, denn die große Herde hochbeiniger Schafe, die zu ihnen gehörte, weidete entfernt von ihnen theils in der Fuorcla, theils auf den Matten der jenseitigen Höhen, wo auch hoch oben ein kaum dem Knabenalter entwachsener Bursche mit einem großen zottigen Hunde zu erkennen war. Der Junge, in einer Felljacke so zottig wie sein Hund, hatte sich in das duftende Gras hingestreckt; den breitrandigen Filz ins Gesicht gedrückt, sich vor den Strahlen der Sonne zu schützen, schlief er, während sein wolfsartiger Hund, die Vorderpfoten fest aufgestemmt, die wohl mehrere hundert Stück starke Herde für seine beiden Herren bewachte, die im Augenblick ganz anderes zu thun hatten.

Beppo, der noch immer seine Jacke von Bärenfell trug, hielt den Kopf seines jungen schönen Weibes eng an seine Brust gepreßt, und das hübsche, lebhaft geröthete Gesichtchen Aninias, mit den dunklen Augen und dem Strahlenkranz des goldblonden Haars, sah reizend aus dem dunklen Zottelpelz hervor.

So saßen sie lange in stummem Umfangen und sahen in das Thal nieder.

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Weißt Du noch, Beppo,“ unterbrach Aninia endlich das glückselige Schweigen, „weißt Du noch, wie wir vor vielen Jahren hier, an dieser selben Stelle, als Kinder spielten? Du warst noch viel kleiner als der Paolo dort oben, da Dein Vater Dich zum erstenmal auf die Surley-Alp brachte, und ich war noch ein so kleines Ding, daß ich hier zu den Alpenrosen auf allen Vieren klettern mußte. – Weißt Du noch? – Da traf ich Dich; Du halfst mir den schönen großen Strauß binden und dann trugst Du mir ihn auch zu Thal.“

„Und Dich nahm ich auf den andern Arm, dort an der schroffen Stelle, die jäh in die Fuorcla und zum Wasser niederführt,“ entgegnete Beppo mit einem Aufleuchten seiner großen, träumerischen Augen. „O, ich habe es nicht vergessen, wie ich mich heute noch jedes Tags erinnere, an dem wir hier Jahr um Jahr spielen durften, bis –“

„Und Dein alter Vater half uns bei unseren Spielen,“ fuhr Aninia, sich immer mehr in die Vergangenheit versenkend, fort, das plötzliche Verstummen Beppos nicht beachtend. „Er schnitzte uns Stöcke und Reifen, die wir in die Luft warfen – um ihnen dann die grünen Hänge hinab um die Wette nachzulaufen.

„Ja, es war schön, und die Heimkehr im Herbst war mir wie das Sterben – mit jedem Jahre, das ich älter wurde, sehnte ich mich stärker nach dem Frühling und nach der Surley-Alp.“

„Weißt Du es noch,“ fuhr Aninia fort „es war im letzten Jahr Deines Kommens, als dort – auf der Schroffe der Fuorcla – ein Bär auftauchte und sich auf die Herde stürzte? Dein Vater stellte sich ihm mit Knüttel und Messer entgegen, sein Wolfshund fiel das Unthier an, und ich konnte vor Zittern keinen Schritt mehr machen und war einer Ohnmacht nahe. Da faßtest Du mich in Deine Arme und bargst mich dort, hoch oben auf dem Tafelstein – dann eiltest Du Deinem Vater zu Hilfe. Ach, es war schauderhaft, ich machte die Augen zu und betete zum lieben Gott um Eure Rettung. Noch jetzt graust mir, wenn ich daran denke!“

„Ja, ja, es war ein böser Augenblick und hatte schlimme Folgen. Der Vater kam zwar mit einer Wunde in der Seite davon, und sie schien nicht gefährlich zu sein, sie heilte noch hier auf der Alpe. Aber als wir im Herbst in unsere Berge, nach Branzi zurückkehrten, da brach sie wieder auf, kein Mittel wollte helfen und kein Gebet; gegen Weihnacht begruben wir ihn denn auf unserem kleinen Camposanto. Dann kamen traurige Zeiten, ich mußte jetzt zu Hause arbeiten und für die Mutter sorgen und durfte nicht mehr mit den Schafen ins Engadin auf die Alp Surley und zu meiner kleinen Aninia.“

„Im folgenden Frühjahr kam ein anderer fremder Schäfer, und ich stieg nicht mehr hinauf zu meinem Lieblingsplätzchen unter den Arven.“

„Meine Mutter war alt und schwach – ich ein kräftiger Bursche von Fünfzehn. Du warst damals zwölf Jahre alt, Aninia. Und sieben ganze, lange Jahre vergingen – ohne daß ich Dich wiedersah. Da starb auch meine Mutter, und im vorigen Sommer durfte ich zum erstenmal wieder mit unseren Schafen ins Engadin. Hinunter zu Euch traute ich mich nicht. Aninia war ja ein großes, schönes Mädchen geworden und hatte den armen Beppo vergessen! – Doch ich gedachte zu jeder Stunde meines Lebens Deiner!“ rief er rasch, als Aninia eine Einrede machen wollte, und auf seine Felljacke deutend, fuhr er fort: „Sieh hier! Dem Bär, der Dich so sehr erschreckte, der mir meinen guten Vater getödtet hat, ihm lauerte ich auf, unablässig, folgte seiner Fährte, so oft ich mich nur von der Mutter entfernen konnte. In seiner Höhle im Val Roseg traf ich ihn endlich, er ging aufgerichtet gerade auf mich los, aber ich sprang ihn an und stieß ihm das Messer des Vaters bis an das Heft in den Leib. Als er nicht verenden wollte, würgte ich seine Kehle mit diesen meinen Händen, denn ich war ein starker Bursche geworden, Aninia! Sein Fell zog ich ihm ab und brachte es meiner Mutter. Als sie es sah, da flammten ihre Augen auf, sie fuhr in die Höhe und unter Flüchen trat sie des Bären Fell mit Füßen. Dann legte sie sich hin und zwei Tage darauf – war sie todt. Aus dem Fell ließ ich mir eine Jacke machen,“ schloß Beppo, in den stillen Ton zurückfallend, der bei ihm oft genug der leidenschaftlichen Aufgeregtheit auf dem Fuße folgte.

Aninia faßte ihn um den Hals, strich ihm den dichten Lockenschwall aus der gesenkten Stirn und sagte: „Guter Beppo! Das hast Du für Deinen Vater gethan! Nun, er ist jetzt im Paradiese und sieht mit Deiner Mutter auf uns herab!“

„Der vorige Sommer,“ fuhr Beppo in seine Gedanken verloren fort, „war der schlimmste, den ich erlebte; ich hatte so große Sehnsucht nach Dir, Aninia, aber Du warst das schönste und reichste Mädchen im Engadin, an das durfte ich, der arme Schäfer, nicht denken. Doch nun ist alles anders geworden,“ rief er jetzt in helle Begeisterung ausbrechend, Aninia leidenschaftlich an sich pressend und mit Küssen bedeckend: „Jetzt bist Du mein geworden für immer und ewig!“

„Und wir bleiben beisammen und wollen uns nie – niemals wieder trennen, mein Beppo!“

Er sah sie etwas betreten mit seinen großen Kinderaugen an und sagte: „Trennen?! Ja freilich müssen wir uns trennen, und bald, wenn auch nur für kurze Zeit. Ich muß doch die Herde meinem Grafen heimführen; der Paolo allein ist zu jung, zu schwach und unerfahren dazu. Aber Fra Battista ist ja bei Dir, der wie ein Vater für uns sorgt.“

Aninias Antlitz war bei diesen Worten bleich geworden, und erschrocken entgegnete sie: „Muß dies – wirklich sein?“

„Es geht nicht anders, Aninia, aber lange bleibe ich auf keinen Fall. Es ist freilich noch Hochsommer, aber der Herbst wird bald da sein und die Herde muß heim, ehe Schnee und Kälte kommt. In Zeit von vier bis fünf Tagen gedenke ich über den Bernina ins Valtellino nach Tirano zu gelangen, und von dort nach Branzi brauche ich wohl ebenso viel Zeit, denn ordentliche Wege giebt es in den Bergamaskerbergen nicht. Aber ehe der Berninapaß zuschneit, in höchstens drei Wochen bin ich wieder bei Dir; je eher ich mit der Herde heimziehe, je früher kann ich wieder da sein!“

Aninia seufzte schwer. „In Gottes Namen denn, wiewohl ich Dich bitter ungern ziehen lasse!“

Beppo erholte sich von dem ungewohnten langen Reden durch ungezählte Küsse auf Aninias frische Lippen, gelobte ihr nochmals und nochmals baldigste Rückkehr und dann traten sie Hand in Hand, wie zwei glückliche Kinder, den Heimweg, den Abstieg von der Alpe an, während auf der Höhe der junge Paolo mit Hilfe [591] seines Hundes die Schafe zusammentrieb und sich dann in seine mit duftendem Gras gefüllte Schäferkarre verkroch.

Die Nacht war längst gekommen, als das Paar unten in seiner Hütte auf dem Crestaltahügel anlangte, denn der Weg die Fuorcla hinunter war sehr beschwerlich und mehr denn einmal hatte der kräftige Beppo sein junges Weib über das steinige Geröll und einzelne Schroffen hinabtragen müssen – wie in der früheren schönen Kinderzeit.


8. Herbststürme.

Eine Wohnung konnte man die Behausung des wackeren Fra Battista auf dem Crestaltahügel nicht nennen – nur ein paar Mauerecken früherer Gebäude standen noch dort und zwischen ihnen, unter einem nothdürftigen Dach von Stämmen und Zweigen, hatten der Mönch und sein Maulthier seit Jahren Schutz gegen Wind und Wetter gefunden. Es war also nicht viel, was er dem jungen Paar anbieten konnte, als er es in der Entrüstung über Madulanis Unbarmherzigkeit mit sich hierher nahm, aber die gute That sollte ihm selbst zum Segen werden, denn durch die Büssin und ihren Clo war noch am selben Sonntagabend heimlich ein ordentliches Lager hinaufgeschafft worden, dem am folgenden Tage ebenso heimlich noch andere nothwendige Gegenstände folgten, welche Mutter Barbla ihren Kammern und Vorräthen entnommen hatte. Zugleich hatte Beppo, bald von Clo unterstützt, eine Anzahl Lärchenstämme gefällt, mit denen die klaffenden Oeffnungen der beiden Räume geschlossen wurden. Fra Battista erhielt dadurch selbst ein trockenes Obdach. Auch das Maulthier bekam einen neuen Stall, es würde also der Aufenthalt in diesen Steintrümmern ein für alle Betheiligten ganz angenehmer. Ringsum standen grüne Arven und Tannen, die einfallenden Sonnenstrahlen vergoldeten den Moosgrund – so lange der Sommer dauerte. Aber war er vorüber – was dann?

Das war nicht die einzige Sorge, die den guten Mönch beschäftigte. Zwar hatte er selbst es weit besser in Gesellschaft der jungen Leute; er erhielt nahrhafte, warme Speisen, die Aninia auf dem Steinherd zubereitete, schlief dabei in dem ehemaligen Stalle seines Grauthiers weit besser, bequemer und geschützter als früher in seinem niederen Gewölbe, aber er fühlte sich nicht wohler dabei. Im Gegentheil! Seit seinem überhasteten, anstrengenden Ritt nach dem fernen Chur und seiner noch beschwerlicheren Rückreise spürte er die stündliche Mahnung, daß es bald mit ihm zu Ende gehen könnte. Doch hütete Fra Battista sich wohl, seine jungen Freunde etwas von seinem bedenklichen körperlichen Zustande merken zu lassen. Er war heiter wie immer und suchte gesprächsweise, mit scheinbarer Unabsichtlichkeit, ihren Muth zu stählen für die herannahenden schweren Zeiten, die er nur zu deutlich ahnte.

Dann und wann sahen die beiden auch Mutter Barbla. Der guten, stets sorgenden Frau wurde es nicht leicht, sich heimlich von Hause fortzustehlen und unbeachtet den Gang nach dem Crestalta zu machen. Doch sie kam meistens am frühen Morgen, wenn sie ihre Kinder noch in ihrem elenden Heim wußte, und wie sie Trost brachte, so kehrte sie auch stets selbst getröstet wieder nach Surley zurück, denn sie sah, daß Aninia glücklich war, und das genügte der Mutter vor der Hand.

Als sie dann gar eines Tages die Tochter zu ungewohnter Zeit überraschte und von dieser erfuhr, was der guten Frau Barbla als das Heil aller erscheinen wollte, da schwoll ihr Herz von Hoffnung und Freude: jetzt konnte der Vater seinem Kinde die ersehnte Verzeihung nicht mehr vorenthalten – so meinte die Gute. Gian Madulani hatte just seine Fahrt nach dem Comersee angetreten, und noch eine lange – für Mutter und Tochter allzulange Zeit mußten sie warten, bis ihm die Mittheilung gemacht werden konnte, die ihnen allen das Glück bringen sollte.

Da Frau Barbla und Aninia in ihrer seligen Freude glaubten, fest auf eine Versöhnung mit dem Vater hoffen zu dürfen, drang Aninia, angesichts des sich mit raschen Schritten nähernden Herbstes, selbst nun auf die Heimfahrt Beppos, damit er noch zu einigermaßen guter Jahreszeit wieder bei ihr sein könnte, und er eilte auf die Alpe und ordnete so rasch als möglich den Abtrieb der Herde, der über den Kamm der Fuorcla und des Munt Arlas, dann durch das Rosegthal nach Pontresina, von dort über den Berninapaß stattfinden sollte. Am anderen Morgen in der Frühe wollte er auf dem Abhang des Munt Arlas zu Paolo stoßen und dann sollte es so rasch als möglich heimwärts gehen.

Die Nacht sank herein, als Beppo, ehe er den schweren Abschied von seinem Weibe nehmen sollte, sich noch vor Fra Battista niederwarf, der ihm schweigend die Hand auf den wirren Krauskopf legte. Wenn auch der arme Hirte keiner schönen Worte fähig war, so bewegte sich in seinem Herzen lebhaft die dankbare Liebe zu dem milden Greis, den er wie einen Heiligen verehrte. Ein Schluchzen brach aus seiner Brust, während er die Lippen auf die welke Hand des Alten senkte. Fra Battista strich ihm mit der anderen über die Haare und sagte:

„Ziehe mit Gott in Deine Heimath, mein Sohn, und kehre bald, heil und ungefährdet an Körper und Seele, zu Deinem jungen Weibe zurück. Und nun höre, was ich Dir noch zu sagen, ganz besonders ans Herz zu legen habe, und merke Dir meine Worte wohl, es sind vielleicht die letzten, welche ich an Dich richten darf, denn ich fühle mein Ende nahe, und wenn Du wiederkehrst, wirst Du wohl statt des alten Fra Battista ein Grab hier im Walde finden. – Glaube nicht, daß Ihr beide am Ende Eurer Prüfungszeit angelangt seid; das Herz des Vaters Deiner Aninia wird auch jetzt noch hart wie Stein bleiben. Was Euch aber auch auferlegt sein wird, was Ihr noch zu erdulden habt, ertragt’s ohne Murren, mit Geduld und Ergebung. Ganz besonders richte ich diese Mahnung an Dich, Beppo; Du bist gut, reinen Herzens, doch schwach und lenksam wie ein Kind. Halte den Bösen Dir fern, der sich in Deinen Gedanken Dir nähern wird; murre nicht über Deine Armut, beneide den Reichen nicht um sein Hab und Gut, und suche nie – hörst Du, niemals! – auf unrechtem, sündigem Wege die Kluft auszugleichen, die Dich von ihm trennt, überlasse dies der Weisheit des Herrn! – Und nun gehe zu Deinem Weibe, das jetzt allein noch ein Recht auf Dich hat, und überlasse mich der Ruhe – ich fühle mich matt und nicht wohl. Gehe mit Gott und gedenke stets der Worte Deines Priesters – Deines väterlichen Freundes. – Leb’ wohl !“ –

Mit den letzten Worten zog er den Knieenden zu sich empor, umarmte, küßte ihn, dann drängte er ihn fort. Tief ergriffen und gerührt, ohne imstande zu sein, nur ein Wort zu erwidern, verließ Beppo den kleinen Raum und kehrte zu Aninia zurück. –

Am andern Morgen in der Frühe nahm Beppo noch einen langen Abschied von seinem Weibe, dann riß er sich gewaltsam los und stürmte davon. Aninia blieb in Thränen zurück, aber Fra Battista stand ihr als Tröster zur Seite, und bald kam auch die Mutter, die lange Staschia, die Frau des Clo, welche zum erstenmal den Crestalta erstieg, mit sich führend. Das war ein rechter Trost für die arme junge Frau, denn Staschia war ihr immer eine gute Freundin gewesen. Aninia durfte hoffen, sie von jetzt an öfter zu sehen, wie auch die Mutter, denn der Vater war ja noch immer draußen, und wenn er heimkehrte, – ach! dann sollte ja all ihr Leid zu Ende sein – wie die Aermste im Verein mit der Mutter wähnte.

Die öftere Anwesenheit der beiden Frauen, zu denen sich bald noch die Büssin, die Mutter des Clo, gesellte, war in der Thal ein rechter und dabei höchst nothwendiger Trost für Aninia, denn Fra Battista wurde immer schwächer und hinfälliger und konnte schließlich sein armseliges Lager nicht mehr verlassen. Die Frauen pflegten den alten Mönch nach besten Kräften. Aninia verließ sein Lager nicht, aber die vereinten Bemühungen konnten das fliehende Leben nicht aufhalten, die schwach brennende Flamme nicht mehr zu frischer Gluth entfachen.

Es war zur Zeit, als Madulani mit seinem Ochsengespann den Malojapaß überschritten hatte, sich Sils, Silvaplana und Surley näherte, da umstanden Aninia, deren Freundin Staschia, die Büssin und ihr Sohn Clo das Lager des Mönches, mit dem es sichtlich zu Ende ging. „Reicht mir das Crucifix dort,“ sprach er mit leiser, kaum hörbarer Stimme, auf eine Stelle der zerbröckelten Mauer deutend, wo als einziger Schmuck des kahlen Raumes ein schwarzes Kreuzchen mit einem in Holz geschnitzten Heiland hing. „Und Du Clo, neige Dich näher zu mir und höre! – Etwa zehn Schritte von den letzten Steinhaufen des Hügels, zwischen den dichten Büschen der Alpenrosen, findest Du ein Grab – ich grub es mir in Gedanken an diese meine letzte Stunde; – ein Kreuz von Arvenholz steht dabei. Dort bettet Ihr mich morgen zur ewigen Ruhe. Und nun laßt mich beten zu dem Herrn, daß er mir ein milder Richter sei; habe ich doch im [592] Leben oft gefehlt, – auch dadurch – daß ich Deiner Mutter, Aninia, nachgab und Dich mit dem Beppo verband. Wache über ihn, denn er ist schwach, auf daß meiner armen Seele im Jenseits keine Sünde angerechnet werden kann und Euch – auf Erden des Himmels Strafe erspart bleibe. Betet auch Ihr für mich!“ – –

Er wollte weiter reden, doch schon die letzten Worte waren kaum noch verständlich gewesen. Nun sank er vollends auf sein Lager zurück, und die Hände über das kleine Crucifix gefaltet, bewegte er seine Lippen wie im Gebete. Die drei Frauen waren weinend in die Kniee gesunken und beteten inbrünstig. Als sie nach einer Weile ängstlich spähend die Blicke erhoben, lag Fra Battista unbeweglich da, seine freundlichen Züge lächelten, doch seine Lippen bewegten sich nicht mehr. – Er war sanft hinübergegangen in eine bessere Welt.

Alle vier hielten in der Nacht die Todtenwacht, und am andern Morgen trug Clo, von den Frauen begleitet, den erstarrten Körper des Mönchs zu dem nahen Alpenrosengebüsch, wo sie in der That das offene Grab und daneben das roh gearbeitete Kreuz vorfanden. Hier wurde Fra Battista zur ewigen Ruhe gebettet. Liebevolle Hände deckten ihn mit den letzten Alpenrosen und ihrem nur noch spärlich vorhandenen Grün, dann schaufelte Clo das Grab mit Erde zu und pflanzte das Kreuz darauf. – Unter Thränen noch ein letztes, stummes Gebet – und alles war vorüber. –

Nicht lange waren sie wieder in der ärmlichen Wohnstätte zwischen den Steintrümmern angelangt, da erschien in großer Aufregung Frau Barbla, keuchend rief sie schon unter der Thür:

„Es ist alles aus, wir haben umsonst gehofft, Aninia, mein armes Kind!“

Und nun kam in einem Strom von entrüsteten Worten alles heraus, was die Frau am Tage zuvor erlebt und was mit einem Schlag alle hoffnungsreichen Zukunftspläne vernichtet hatte, ihr Gespräch mit dem heimgekehrten Mann, seine neue starrsinnige Weigerung.

„Aber es giebt noch einen Gott über uns,“ rief sie mit leidenschaftlich funkelnden Augen, „der ihn richten und strafen wird. Sein frevelhafter Schwur ist zur Hälfte an mir in Erfüllung gegangen. Mich, die Mutter, hat er zur Bettlerin gemacht, und nun gehöre ich zu Euch, wie Du und Beppo zu mir gehören. Komm, Aninia, mein Kind, folge mir! Ich bringe Dich einstweilen in der Wohnstätte der Büssin unter, wo ich noch in der Nacht und heute ganz in der Frühe eine Schlafstelle für Dich zurecht gemacht habe. Dort sollst Du fortan hausen, und ich, Deine Mutter, werde täglich bei Dir sein. Und den will ich sehen, der mir dies wehren darf! – Komm!“

Willenlos folgte die leise weinende Aninia der Mutter; von der Büssin und Staschia begleitet, stiegen sie den Hügel hinab, indeß Clo die wenigen Habseligkeiten zusammenraffte, um sie ebenfalls in sein früheres ärmliches Heim zu schaffen, das von nun an den Aufenthalt Aninias bilden sollte – derselben Gold-Aninia, die noch vor wenigen Monaten als das reichste Mädchen des ganzen Engadins gepriesen worden war.


9. Die Versuchung.

„– Wie sagte der Mönch? ‚Murre nicht über Deine Armut und beneide den Reichen nicht um sein Hab und Gut!‘ – Er hatte gut reden, der fromme, gerechte Mann! Aber ich? Soll ich mich darüber freuen, daß der da drunten im Ueberfluß sitzt, während ich hier frieren und hungern muß? Ist der Cavig besser und frömmer als meine armen Eltern, die zeitlebens darben mußten? Nein, nein, er ist ein harter, grausamer Mann, der die Armen drückt, wo er kann, und dennoch ist er reich! – Das müßte mir Fra Battista doch erklären, wenn er noch am Leben wäre. Er hatte unrecht, der Mönch,“ schrie Beppo – denn er war es, der dieses leidenschaftliche Selbstgespräch führte – und schüttelte die Faust nach dem Dorf hinunter, das tiefverschneit im Thale lag. Er saß auf der Surley-Alp, die einstmals im warmen Sommersonnenschein so lieblich gewesen war; jetzt lag sie in Eis und Schnee wie die Berge rings umher. Die blumigen Wiesen hatten sich in ein weißes Leichentuch gehüllt; die Spiegel der Seen waren zu starren Eisflächen geworden. Der Kranz der dunklen Nadelhölzer verschwand fast unter den Schneemassen, die fußhoch auf den Aesten der Arven und Rothtannen lagerten, sie bis zum Brechen zur schneebedeckten Erde niederdrückten. Die Häuser und Hütten der Dörfer waren kaum noch zu erkennen, so hatte des Winters rauhe Herrschaft alles ringsum, in Höhen und Tiefen, gleichgemacht, wie der Tod alle, Hohe und Niedrige, Arme und Reiche, die im Sonnenschein des Lebens friedlich neben einander hergehen oder sich feindlich gegenüberstehen, gleich macht.

„Warum leidet man es denn, daß einer reich ist und schlecht dazu?“ murmelte Beppo auf seinem Steine weiter. „Aber freilich, wie wollte man es ihm wehren, ohne selbst zu sündigen? Fra Battista sagte ja: ‚Suche nicht auf unrechte Weise die Kluft auszugleichen, die Dich von ihm trennt.‘ – Wenn ich nur genau wüßte, was er damit meinte, ob er dachte, ich könnte es, wenn ich wollte?“

Beppos armes Hirn begann angestrengt über dieses Räthsel zu grübeln, aber lange ohne Ergebniß.

„Ihm gleich werden, ich, ein armer Schäfer, das ist ja unmöglich – sein Geld stehlen – nein, das möchte ich nicht, auch wenn ich könnte!“ – Wieder starrte Beppo minutenlang vor sich hin, dann lachte er plötzlich laut auf und rief: „Ja, das wäre es! Ihn zum Bettler machen, wie ich einer bin, o, das müßte eine Wonne sein, das thäte ich auch, wenn ich es könnte! Dann wäre er bestraft für seine Hartherzigkeit, dann müßte sich sein Hochmuth beugen –“ mit funkelnden Augen und raschen Athemzügen verfolgte Beppo diesen für ihn entzückenden Gedankengang, er weidete sich an den Bildern, die seine lebhafte Einbildungskraft ihm vorzauberte, und vergaß darüber ganz, daß er sich vorerst in einer sehr elenden Lage inmitten der kalten Todtenstille des winterlichen Thales befand.

Nur ein Ton war hörbar inmitten des großen Schweigens – ein Rieseln und Rauschen. Aus der Höhe kam es, um in der Tiefe zu verstummen, doch unaufhaltsam, immerfort, in scheinbar ewigem Einerlei. Es war das Surleywasser, das, wenn auch von Eis und Schnee eingedämmt und überbrückt, doch ungefesselt den alten Weg von der Höhe der Fuorcla da Surley zum Thal und dem Selafluß suchte. Die Felsblöcke und Steine, welche ihm im Sommer die Bahn versperrten, lagen noch immer an alter Stelle; sie schienen durch die darauf lagernden Schneemassen riesig emporgewachsen, doch das Wasser trotzte ihnen auch heute noch; es stürmte gegen sie an, um dann auf Umwegen ihnen auszuweichen. War es doch, als ob sein Rauschen hätte sagen wollen: „Wartet nur! kommt der Frühling, führt die Sonne mir Hilfe zu, die das Bächlein zum Wildbach werden läßt, dann will ich Euch grobe Gesellen schon zur Seite schieben oder Euch zur Tiefe führen und vollends aus meinem Wege schaffen.“

Beppo saß zusammengekauert da, den Kopf nach dem Wasser hingewendet, die unheimlich funkelnden Augen weit aufgerissen, die Lippen geöffnet, als ob er mit aller Anstrengung horchte auf das, was er in dem Rauschen des Wassers zu vernehmen glaubte. Ja, ja! er hatte es verstanden – oder sollte ein anderer, sein böser Dämon es ihm zugeraunt haben? – Er setzte plötzlich die Rede des Wildbaches fort und zischelte mit scharfen Tönen nach dem Wasser hin: „Und wenn Du die Felsblöcke zur Tiefe führst und schleuderst sie wider das Haus des Cavigs, zertrümmerst seine Wohnstätte – seine Ställe – erschlägst, ersäufest sein Vieh, schwemmst ihm seinen Reichthum in den Selafluß und in den See – dann wäre er ein Bettler und uns allen geholfen. Ah! – Nur müßte dazu dem Surleywasser der richtige Weg gezeigt werden,“ setzte er keuchend hinzu, um dann laut aufzuschreien: „Und wäre es eine Sünde, wenn ich es thäte?!“ –

Von dem Steine schnellte er empor, als ob der Gedanke ihm im selben Augenblick, da er ihm Worte gegeben, die weit offene Hölle mit all ihren Schrecken gezeigt hätte, der er entgegeneilte. Sein ganzer Körper schüttelte sich wie im Fieber, und nun war es ihm wieder, als ob er Fra Battista leibhaftig vor sich sähe, der ihn tieftraurig anblickte. Da hielt es den armen gemarterten Burschen nicht länger; als ob die ganze Hölle, in die er zu schauen geglaubt hatte, hinter ihm wäre, stürmte er davon; weder der Steine noch des tiefen Schnees, des eisigen Wassers achtend, sprang er mehr, als er lief, die Fuorcla hinab, oft hinstürzend, rasch sich wieder aufrichtend und in seinem tollen Lauf nicht eher innehaltend, als bis er die Sohle des Thals erreicht hatte und in der Nähe der Häuser von Surley angelangt war.

Der Abend war mittlerweile gekommen, und schon blinkten hie und da in einzelnen der zerstreut liegenden Wohnstätten schwache Feuerscheine auf. An versteckter, doch offenbar wohlbekannter Stelle [594] spähte Beppo nun unverdrossen nach einem der letzten Häuser hin, das sich, etwas entfernt von den übrigen Wohnungen, fast an die Felswand lehnte. Es war die ärmliche Feuerstelle der Maria Büssin, welche jetzt auch Aninia, das Weib Beppos, beherbergte. Der Abenddämmerung war rasch die Nacht gefolgt, und unheimlich leuchteten die schneebedeckten Dächer der kleineren und größeren Wohnstätten des Dorfes durch das tiefe Dunkel. Die einzelnen Lichter erschienen wie röthliche Fünkchen, die bald allerwärts aufblitzten, nur ein Haus, das der Büssin, blieb ohne irgend einen helleren Schein, und auf einen solchen schien Beppo zu warten, denn er bewegte sich nicht von seinem Platz und kehrte den Blick nicht von der dunklen schneebedeckten Steinmasse ab.

Wohl eine volle Stunde mochte er so gestanden haben, seine Glieder waren ihm durch die Kälte fast erstarrt und das Herz brannte ihm in wildem Schmerz, daß er so ausgestoßen und elend vor der Hütte seines angetrauten Weibes harren mußte. Das Lichtchen, das verabredete Zeichen, daß er den Eintritt wagen konnte, wollte nicht erscheinen, und doch fühlte er, daß die Kraft ihn zu verlassen drohte, daß er sich kaum mehr aufrecht erhalten konnte. „Es muß etwas Besonderes vorgegangen sein, daß ihre Stube dunkel bleibt, und jetzt ist die Stunde vorüber. – Ich muß weiter – bleibe ich länger hier, werde ich erfrieren.“

So sagte er sich und setzte dann seinen Weg fort. Bald darauf mußte er das Surleywasser überschreiten, und nochmals hemmte er seinen Fuß, den finstern Blick auf eine größere Wohnstätte gerichtet, die mit ihren Ställen und Stadeln breit an dem Ufer des Baches lag. Es war das Gehöft Madulanis. – „Und das Wasser fließt ihm so nahe!“ murmelte Beppo vor sich hin. „Schon oft wird es über seine Ufer getreten sein und hat ihm doch noch niemals Schaden gethan – die Felsblöcke müßte es ihm zuführen!“ Er stürmte, sich schüttelnd, den Arven des Crestaltas entgegen. Hier stieg Beppo auf einem von ihm getretenen Pfad zwischen den Stämmen hindurch die Höhe hinan und gelangte auf weitem Umwege zu den Steintrümmern und dem Gewölbe, das ihm als Wohn- und Schlafstelle diente. Er warf sich angekleidet, wie er war, auf sein Lager, das reichlich mit Fellen als Unterlage und Decken versehen war. Aber der Schlaf wollte diesen Abend nicht über seine müden Augen kommen. Unablässig wühlten die Gedanken in seinem Gehirn weiter, und als er gegen Morgen endlich in einen unruhigen Schlummer fiel, verwandelten sie sich in schreckliche Traumbilder, aus denen er mit einem wilden Schrei empor fuhr. – –

Beppo war nicht so rasch, wie er gehofft und gewollt, aus den Bergamasker Bergen nach dem Engadin zurückgekehrt. War es die ununterbrochene übergroße Anstrengung bei dem schleunigen Heimtrieb seiner Schafe, oder war es Unvorsichtigkeit im Trinken des eiskalten Bergwassers gewesen – kaum daheim, auf dem gräflichen Hofe zu Branzi, angelangt, verfiel der Aermste in ein Fieber, dem er wohl erlegen wäre, hätte er nicht durch die Güte des Grafen beste Unterkunft und Pflege gefunden. Dennoch dauerte es mehrere Wochen, ehe er an die Rückreise denken konnte, und als er sich endlich kräftig genug fühlte, den Wanderstab zu ergreifen, stand der Winter vor der Thür. Jetzt war kein Halten mehr; auch mußte er nun so schnell als möglich fort, wollte er noch in diesem Jahre den Bernina passiren, was schon jetzt, kam ihm nicht ein glücklicher Zufall zu Hilfe, nur noch mit äußerster Anstrengung möglich war. Und der arme, sich in Sehnsucht nach seinem Weibe verzehrende Beppo hatte Glück. Auf dem einzigen zu dieser Jahreszeit noch möglichen Umwege über Edolo war er, jetzt schon zum Tod erschöpft, in Tirano, dann bei der großen Wallfahrtskirche der Madonna von Tirano angelangt. Hier fand er eine Anzahl Handelsleute, die mit ihren auf Schlitten gepackten Waaren noch über den Bernina und weiter, theils über den Julier nach dem Bodensee und Deutschland, theils, dem Inn folgend, nach Tirol und Oesterreich gelangen wollten. Ihnen schloß er sich an, und nach kurzer Rast ging es hoffnungsfreudiger und fröhlicher als bisher weiter. Mancherlei Fährnisse hatte Beppo zu bestehen, im Verein mit den Händlern und Fuhrleuten oftmals hart zu arbeiten und zu schaufeln, um an den verschneitesten Stellen eine Bahn zu gewinnen. Doch es gelang, und wenn die Reise auch länger als eine Woche gedauert hatte, so war der ganze Schlittenzug doch ohne nennenswerthen Unfall in dem Dorfe Samaden angelangt. Hier nahm Beppo Abschied von seinen bisherigen Reisegefährten und eilte schneller, als die Zugthiere mit ihren Schlitten dies vermochten, nach Campfèr, dann auf wohlbekannten Pfaden nach dem Crestalta – um dort alles stumm und öde zu finden. Ein Schrecken schüttelte den armen Menschen, daß er glaubte, vergehen zu müssen, doch gewaltsam, mit einer fieberhaften Energie raffte er sich auf und eilte, das Verbot, den Zorn des Cavigs nicht achtend, ins Dorf und nach dem Hause der Büssin, wo sein Leid ein ebenso plötzliches wie glückliches Ende fand. Aninia hielt er wieder in seinen Armen und erfuhr alles, was geschehen, den Tod des guten Mönches und die neue grausame Weigerung Madulanis, seinem einzigen Kinde zu verzeihen. Vorerst machte sich Beppo daraus nicht viel, er war in diesem Augenblick des Wiedersehens zu glücklich, um viel an die Zukunft zu denken.

Nachdem der erste Freudenrausch vorüber war, trat Mutter Barbla zu dem Paare, und gleich ernst wie besorgt meinte sie, daß Beppo vor der Hand noch nicht bei seinem Weibe wohnen dürfe. Madulani habe als Cavig von Surley das Recht, ihm den Aufenthalt im Dorfe zu wehren, und um seinen Zorn nicht unnöthigerweise zu reizen, nicht auch eine letzte Hoffnung zu zerstören, solle Beppo wie früher auf dem Crestalta hausen und erst am Abend, wenn die Nacht gekommen und ein Lichtchen in der den Bergen zugekehrten Kammer zu schauen sei, sich leise und unbemerkt in das Haus zu seiner Aninia stehlen. So wurde es am ersten Tage des Wiedersehens verabredet und auch für die Folge gehalten. – –

Oktober war’s, als Beppo nach Surley zurückkehrte. Das alte Jahr ging seinem Ende entgegen, als den Einsamen auf der Surley-Alp, die er trotz Schnee und Eis fast täglich besuchte, jene gefährlichen Gedanken überkamen; als er in der Nacht seit Wochen zum erstenmal kein Lichtchen in dem kleinen Fensterchen erblickte und dann im Schlafe so seltsame, entsetzliche Bilder schaute.

Am Abend des folgenden Tages schien es, als ob sich dies vergebliche Harren in der erstarrenden Kälte für den armen Beppo wiederholen sollte, denn auch jetzt blieb das Fensterchen dunkel, während heute fast alle Wohnhäuser des Dorfes mit nur vereinzelten Ausnahmen sich ganz ungewöhnlich erhellt fanden. Was hatte dies zu bedeuten, Lichtfülle überall, und nur dies eine Haus tiefdunkel? Beppo sann grübelnd darüber nach. Da trat plötzlich eine Gestalt an ihn heran, die er sofort als die des langen Clo erkannte.

„Folge mir!“ flüsterte dieser dem freudig Ueberraschten zu. „Doch vorsichtig, denn der Cavig ist allein zu Hause und es könnte ihn wohl gelüsten, einen Gang durchs Dorf zu machen.“ Damit zog er ihn in einer Richtung fort, welche der nach dem Hause seiner Mutter gerade entgegengesetzt war.

„Wohin führst Du mich – und wo ist Aninia, was ist mit ihr geschehen?“ fragte Beppo hastig.

„In mein neues Heim bei der alten Cadruvi führe ich Dich – auf Umwegen, denn an dem Hause Madulanis dürfen wir nicht vorbei. Dort wirst Du Aninia und die Frauen finden. Armer Beppo!“ fuhr er mitleidig fort, „hast ganz vergessen, daß heute der heilige Weihnachtsabend ist.“

Nachdem sie an manchem Hause vorübergegangen waren, in dessen Innerem helle Lichtchen funkelten, dann das Surleywasser auf einzelnen hineingeworfenen Steinen überschritten hatten, langten sie bei dem Hause der Cadruvi, der Mutter von Clos Frau, an, und vorsichtig führte Clo den Beppo durch den angebauten dunklen Stall ins Haus und in die Vorrathskammer. Auch hier war es tiefdunkel, doch hörte man nun deutlich einen leisen frommen Gesang von Frauenstimmen. Da stieß Clo eine Thür auf, und von dem freundlich hellen Lichtschimmer fast geblendet, von dem überraschenden Anblick, der ihm wurde, wie gebannt, blieb Beppo, den Filzhut in den gefalteten Händen, auf der Schwelle stehen.

Auf dem sauber gedeckten Tische stand ein kleines, etwa zwei Fuß hohes Rothtannenstämmchen, auf dessen grünen Aesten sieben Lichtchen brannten. Daneben lag auf der einen Seite ein großes, mit Birnen gefülltes Roggenbrot, die Festspeise der romanischen Bewohner des Hochalpenthals, und auf der andern ein Berg von feinen Schnitten des köstlichen gedörrten Fleisches. Um den Tisch, auf einer Bank und auf Schemeln, von denen zwei leer waren, saßen vier Frauen: die Hausfrau, ein altes zusammengeschrumpftes Mütterchen, Frau Barbla, Staschia, die Frau des Clo, und Aninia. Leise, in feierlich frommer Weise sangen sie ein altes einfaches Weihnachtslied. Der Thür gegenüber, in der Beppo [595] stand, saß Aninia; ihr liebliches Gesichten hatte die volle Rosenfarbe früherer Zeiten verloren und die großen dunklen Augen blickten ernster drein als vordem; dennoch wirkte ihre Erscheinung in dieser festfreudigen Umgebung auf Beppo wie eine überirdische, und vor Ergriffenheit und Rührung wäre er in die Kniee gesunken, wenn nicht Clo ihn nach den freien Sitzen gezogen hätte, auf denen beide sich dann niederließen. Als das Lied zu Ende war, folgte eine stille herzliche Begrüßung des Angekommenen, denn die feierliche Stimmung, die alle beherrschte, gestattete diesem Augenblick noch keine lauten Freudenäußerungen.

Diese stille Weihnachtsfeier hatte einen heimlichen Zeugen. Vor dem kleinen Fenster, durch das die Lichtchen des Weihnachtsbäumchens schimmerten und das zugleich einen Blick in die Stube und auf die dort Versammelten gestattete, stand eine große Gestalt, im Dunkel des Hauses geborgen, eng in einen langen Rock gehüllt, den Filzhut tief in die Stirn gedrückt. Mit glühenden Augen, die Lippen zusammengepreßt, blickte der Mann eine ganze Weile starr in die Stube, dann murmelte er vor sich hin: „– Da sitzen sie alle beisammen, so unschuldig, als ob sie kein Wässerlein getrübt hätten, und haben mich doch verhöhnt und betrogen und sind allein an dem ganzen Elend schuld. Da sitzen mein Weib und mein Kind und feiern Weihnachten mit dem gottverd – – Hunde, und ich bin derweil allein in meinem öden Hause, aus dem es mich in die Nacht hinaustreibt. – Sieben Lichtlein haben sie angezündet und es sind ihrer doch nur Sechse! – Das siebente soll wohl für mich sein? – Haha! nicht übel! – Und sie haben nicht einmal unrecht, wenn sie auf meine Dummheit rechnen. Stehe ich nicht hier wie ein Narr, dem die Augen naß werden möchten, statt hineinzugehen und alles zusammen zu schlagen? Verdammt!“ – und mit einem Fluche den Schnee des Bodens stampfend, stürmte Madulani weiter in die dunkle Winternacht hinaus. – –

[607]
Als Madulani am andern Morgen, dem ersten Weihnachtstage, sich zum Kirchgange vorbereitete, sagte er in seiner finstern Weise mit abgewendetem Antlitz zu seinem Weibe:

„Ich weiß, wo Du gestern abend warst, welche Gesellschaft Dir lieber war – als die Deines Mannes.“

„Ich war dort, wo ich hingehöre,“ entgegnete Frau Barbla ruhig, „Du hast mich selbst dorthin getrieben. Fängst Du an, die Leere um Dich zu spüren? Um so besser für Dich! Wäre ich so hart wie Du, empfände ich kein Mitleid mir Dir, so wärest Du tagaus, tagein, immerfort allein, denn die Bettlerin bliebe bei denen, die Du elend und zu Bettlern gemacht hast. – Gian!“ fuhr sie plötzlich mit weicher Stimme fort, sich ihm nähernd und die Hand auf seine Schulter legend, „gehe in Dich und beuge Dich einem Willen, der höher ist als der Deinige! Bedenke, es ist auch Dein Kind, und bald – bald naht ihr die schwerste Stunde ihres jungen Lebens. Gehe in Dich, Gian, und verzeihe – es möchte sonst vielleicht auf einmal zu spät dazu sein!“

Madulani hatte ihre Hand abgeschüttelt und war an das Fenster getreten, wo er, immer noch das Antlitz von seinem Weibe abgekehrt, stehen blieb. Er hatte die Zähne zusammengebissen und blickte unverwandt in den Schnee hinaus. Frau Barbla stand erwartungsvoll. Plötzlich lachte er höhnisch auf und rief, ohne sich dabei nach ihr umzusehen:

„Haha! Du meinst wohl gar, ich müßte – sie um Verzeihung bitten? Das wäre Dir schon recht, aber Du bist im Irrthum. Ich will Dir sagen, wie ich denke, damit all diese Reden ein für allemal aufhören. Was Du für sie – Deine Tochter gethan hast, ich wußte es vom ersten Augenblick an, doch ich wollte es nicht wissen – merke dies wohl! – ebenso wenig, wie ich sehen und hören werde, was Du weiter noch für sie thun wirst. Es mag drum sein, in des – –“ Die letzten bösen Worte gingen in einem häßlichen Zischen unter, doch kehrte er sich nun auch seinem Weibe zu. Wieder flammte sein Auge auf und seine Stimme klang hart und rauh. „Was aber ihn betrifft, an den ich nicht denken darf, ohne daß mich Zorn und Wuth übermannen, so möge er sich hüten! Ich will ihn nicht mehr im Dorfe sehen! – auch dies merke Dir! Dem Büttel werde ich befehlen, ihn zu fassen, wo er ihn auch in den Gassen findet. Wird er im Dorfe ergriffen, lasse ich, der Cavig, ihn gebunden über die Grenze des Bündnerlandes bringen, und zeigt er sich dann noch einmal in Surley, so ist er vogelfrei, und ich schieße ihn nieder wie einen räudigen Hund. Und nun – Gott befohlen!“

Damit nahm Madulani seinen Hut und verließ dröhnenden Schrittes Stube und Haus, um als Cavig der Gemeinde mit gutem Beispiel voranzugehen und an diesem hohen Feiertage dem Gottesdienste anzuwohnen.

Bei Beginn der Nacht fand der arme Beppo das bewußte Fensterchen erleuchtet, doch drinnen im Hause vorerst nur Mutter Barbla, die ihm bedeutete, daß Aninia nicht wohl sei und er sich rasch wieder entfernen müsse. Er fand sein Weib zu Bette liegend, und nur wenige Worte wechselten beide zusammen, dann gaben sie sich den Abschiedskuß. Schweren Herzens kehrte Beppo zu Mutter Barbla zurück, die ihn hastig mit sich fort aus dem Hause zog und den Weg nach dem Crestalta einschlug. Auf der ersten Höhe unter den Arven angelangt, hielt sie inne, theilte dem Horchenden die neuen, entsetzlichen Drohungen ihres Mannes mit und beschwor ihn, vor der Hand dem Dorfe und der Wohnstätte Aninias fern zu bleiben. Nach der Geburt des Kindes, die bald erfolgen würde, werde sich gewiß alles zum Besseren wenden, so meinte sie tröstend. Sie selbst werde ihm Nachricht über Aninia bringen oder durch Clo senden und werde ihn benachrichtigen, sobald es ohne zu große Gefahr anginge, daß er des Abends zuweilen sein Weib besuche. Sie drängte ihn hastig zum Gehen und wandte sich dann selbst nach dem Dorf zurück.

Stumm seinen Gedanken nachhängend, schritt Beppo die Höhe weiter hinan. Endlich blieb er stehen und sagte laut:

„– Mutter Barbla täuscht sich! Der Cavig hat’s ja geschworen: er wird nur dann verzeihen, wenn er ein Bettler geworden ist – und ein Bettler soll er werden!“


10. Das Surleywasser.

Von Stunde an ward Beppo von einer bestimmten Vorstellung beherrscht, die sein enges Denken ausfüllte und seinen heftigen Willen beherrschte: der reiche und grausame Madulani mußte ein Bettler werden, durch ihn, Beppo, und mit Hilfe des Surleywassers! Das stand ihm jetzt so fest wie die Felsen rings umher, er verwandte seine ganze Denkkraft nur noch darauf, Mittel und Wege dazu ausfindig zu machen. Hatte er am Morgen Clo oder Mutter Barbla gesehen, Nachricht von Aninia empfangen, so verbrachte er den ganzen Tag bis zur nächtlichen Dämmerung in der Fuorcla da Surley, dem Wildbach nachspürend, wie er die Kraft der Fluthen steigern, sie die rechten Wege leiten könnte, damit sie als verheerender Strom über des Verhaßten Besitzthum hereinbrächen. Vor den Einzelheiten eines solchen Zerstörungswerkes würde Beppo sicher zurückgeschaudert sein, es fiel ihm aber gar nicht ein, sie sich überhaupt vorzustellen, ihn beherrschte nur der eine Gedanke: „Madulanis Haus muß der Erde gleich gemacht, sein Vieh vernichtet werden, daß er arm wird wie ich!“ und in wahnsinniger Freude streckte Beppo die Arme empor und flog dann in wilden Sätzen über die Steinblöcke hin, dem Lauf des Wassers nach. Er lernte ihn bald in all seinen Windungen kennen, hoch oben von der Fuorcla an, wo der Wildbach am Fuße des Mortelgletschers entsprang, bis dort, wo er in der Thalsohle auslief; er wußte die Anzahl der großen Felsblöcke, die in seinem Wege lagen und die, durch die Macht des Wassers hinuntergeschwemmt, das ganze Dorf vom Erdboden hätten wegreißen müssen; er hatte ferner – und dies war das Gefährlichste in der Hand eines haltlosen und bis zum Wahnsinn aufgeregten Menschen wie Beppo – die Stelle entdeckt, wo im Frühjahr die Hauptmasse des Gletscherwassers einen Seitenabfluß fand, der in raschem Fall in den Silvaplanaer See mündete. Es war eine verhältnißmäßig schmale Felsenspalte in der schroffen Wand der Fuorcla, die er so oft und schon als Knabe mit Aninia hinabgeklettert war. Vom Boden auf sich langsam verbreiternd, wurde der schluchtartige Riß bald zu einer weiten Rinne, die jäh hinab in die Tiefe führte. Wurde dieser Ausfluß abgeschnitten, der Felsenspalt geschlossen, in irgend einer Weise fest verstopft, so mußte sich im Frühjahr hier eine große Wassermasse ansammeln, die den zu Thal fließenden Bach in einen reißenden Strom verwandeln konnte, der, an dem Gehöft des Cavigs vorbeifließend, gar wohl imstande war, das geplante Zerstörungswerk zu vollenden.

[608] Beppo jauchzte grimmig auf, als er sich davon überzeugte. „Heißa!“ schrie er, von einem Felsen zum andern hüpfend, „das soll donnern, das soll an Dein Haus klopfen, Cavig von Surley, daß Du vor Angst laut zu heulen anfängst! Und dann: drauf! drauf! Thüren und Mauern brechen, und immer höher steigen die Wellen und nehmen ihn mit, Deinen gottverfluchten Reichthum, alles, alles – bis Du ein Bettler geworden bist wie der arme Beppo, den Du so tief verachtest! – Und Aninia –“ er hielt zögernd inne, es war, als streife ein Lichtstrahl seine verwilderte Seele beim Gedanken an ihr warnendes, frommes Gesicht, aber dann flammte sein Zorn neu auf: „Hat er sie nicht auch elend gemacht, der Unmensch, sie, die früher weich gebettet war und nun auf dem harten Strohlager der Büssin liegen muß? Thue ich nicht recht, wenn ich ihn strafe, wie er es verdient? Das Geld, der Reichthum!“ schrie er wild auf, „sie kommen vom Teufel, sie machen alle schlecht, den Cavig, den Franzosen-Peider – alle! Es soll niemand mehr reich sein in diesem Thal, das Wasser soll alles mitnehmen, fort – hinunter – in den See hinein –“ seine Stimme brach in heiserem Flüstern und er stierte wie ein Wahnsinniger vor sich hin.

Von da an, mit den ersten Wochen des neuen Jahres 1791, begann in der Fuorcla da Surley ein unheimliches Treiben. Ueber die weiße Schneedecke huschte die in dicke zottige Felle gekleidete Gestalt Beppos, eher einem wilden Thiere als einem Menschen ähnlich, wie auch der Ausdruck seiner glühenden Augen jedem, der ihm während seiner seltsamen Hantierung begegnet wäre, Schrecken hätte einflößen müssen. In der Hütte am Crestalta hatte er die roh gearbeiteten Werkzeuge gefunden, welche von Fra Battista lange benützt worden waren: eine schwere eiserne Haue, eine Schaufel und eine Säge. Dies alles hatte Beppo nach der Surleyalpe geschleppt und dort unter dem Felsstücke verborgen, das vordem der Schäferkarre Paolos als Schutzwehr gedient hatte. Arven und Rothtannen sägte er am Boden ab und zerrte sie in die Fuorcla hinab, dorthin, wo der Felsenspalt sich öffnete, der dem Surleywasser im Frühjahr den Durchlaß nach dem Silvaplanaer See gewährte. Hier schichtete er in wochenlanger, angestrengter Arbeit, die ihm trotz der Kälte unter seinen dicken Fellen den Schweiß aus allen Poren hervortrieb, eine förmliche Balken- und Felsenwand auf. Die gefällten Bäume mit zahllosen Aesten, kleinere und größere Steine und Erde bildeten einen Verhau, der diesen Durchlaß vollständig sperrte. Trat jetzt ein rasches Thauwetter ein, so mußte die Wassermenge in der That eine ganz gewaltige werden und nicht minder gewaltig die schon dadurch verursachte Zerstörung.

Doch so weit dachte Beppo nicht mehr: er mußte die Ueberschwemmung zuwege bringen, die Madulani zu Grunde richten sollte, alles andere spielte in seinen Gedanken, die sich nur um den einen Punkt drehten, keine Rolle.

Tag für Tag hatte er mit schier übermenschlicher Anstrengung hantiert, bis er endlich erlahmte und eines Morgens nicht mehr imstande war, seine Klause zu verlassen. Da fand ihn Clo, der Beppo auch in dessen Abwesenheit mit Nahrungsmitteln versorgte. Selten hatte er Beppo getroffen, der stets vor hellem Tag den Crestalta verließ. „Wo steckst Du denn eigentlich, was treibst Du?“ fragte er den Einsamen neugierig. „Komme ich in der Früh, bist Du auf und davon geflogen, und komme ich am Abend, bist Du noch nicht zurück – und bei diesem Wetter, dieser Kälte!“

„Am Abend warte ich die rechte Zeit ab, wo ich mich in das Haus Deiner Mutter zu Aninia schleichen kann,“ antwortete Beppo verlegen, „und am Tage – gehe ich nach Campfèr. Dort ist es in der Herberge wärmer als hier.“

„Daß Du abends dann und wann bei Deinem Weibe bist, das weiß ich, auch daß Deine Schwieger den Büttel, der besser ist als – sein Herr, vermocht hat, ein Auge zuzudrücken, wenn er Dich etwa bemerken sollte. Mache nur, daß der Cavig nichts davon erfährt – es könnte sonst böse Zeit für Dich anbrechen. Daß Du Deine Tage in Campfèr zubringst, hast Du mir schon einmal gesagt, aber als ich jüngst dort in der Herberge einkehrte, wußte man mir nichts von Dir, noch von irgend einem andern Bergamasker zu berichten. Ich fürchte, Beppo, Du gehst auf bösen Wegen!“

„War ich nicht in Campfèr, so war ich in San Maurizio, bei dem Mönche, der dort haust – oder anderswo!“ warf Beppo recht ungebärdig hin. „Warte es ab, Du wirst es erfahren.“

Clo sah ihn scharf von der Seite an, doch sagte er nichts und dachte sich: „Ich werde es erfahren, jawohl, und ohne Deine Erlaubniß!“

Wie Clo es eben schilderte, so verhielt es sich. Des Cavigs Befehl war von dem Büttel im Anfang streng, dann aber nur scheinbar streng ausgeführt worden. Beppo hatte nach der Weisung von Aninias Mutter das Haus der Büssin nicht mehr betreten. Als die gute Barbla jedoch das Leid ihres Kindes, seine Thränen und Klagen nicht länger ertragen konnte, da hatte sie sich an den alten Mann gemacht, der die Stelle des Büttels und zugleich die des Nachtwächters der Gemeinde innehatte und sein hartes Amt nur deshalb so pünktlich ausführte, weil er eine heillose Angst vor dem Zorn des strengen Cavigs hatte. Der Mann ließ mit sich reden, und es wurde ausgemacht, daß, wenn er nächtens als Wächter in die Nähe des Hauses der Büssin käme und dort an einem bestimmten Fenster ein Lichtchen bemerkte, daß er dann einen andern Weg einschlagen und den Beppo nicht sehen sollte, selbst wenn dieser dicht an ihm vorüberliefe. So war es denn gekommen, daß trotz Madulanis Befehl und Willen Beppo manche Stunde an der Seite seines jungen Weibes weilen durfte, das seines leidenden Zustandes halber die meiste Zeit im Bette zubringen mußte. Es waren für die beiden Hartgeprüften nur kurze Augenblicke eines Glückes, das nicht mehr in heller Freudigkeit aufleben wollte. Beppo hoffte, doch Aninia trug eine Ahnung in sich, als ob ihr Schicksal sich nimmermehr zum Besseren wenden würde.

Mittlerweile war das erste Viertel des Jahres vergangen, und der nahende Frühling kündete sich durch wärmeren Sonnenschein und ein langsames Aufthauen der glänzenden Schneekrusten an. Da trat eines frühen Morgens – es war kaum hell geworden – Clo in das Gewölbe, wo Beppo noch immer fest schlief. Er rüttelte kräftig den Schlaftrunkenen, und als dieser sich endlich aus seinen Fellen herausschälte und sich die Augen reibend aufrichtete, da sprach der lange Clo mit einer sichtlich freudigen Theilnahme:

„Steh auf, Du Faulpelz! Heute kannst Du scheint’s schlafen, statt Dich schon in der Frühe draußen herumzutreiben! Ich bringe Dir Neues und Angenehmes, will Dich von hier, aus diesem elenden Steinloche fort und mit mir nehmen. Seit zwei Tagen suche ich Dich überall vergeblich und deshalb komme ich heute noch bei halber Nacht zu Dir.“

„Was ist’s mit Aninia?“ stieß Beppo, aufspringend, noch schlaftrunken heraus; „es ist doch nichts Schlimmes geschehen?“

„Nein, dort ist noch alles beim alten,“ entgegnete Clo, „wiewohl meine Mutter sagt, jede Stunde könne Euer Kindlein bringen. Doch handelt es sich in diesem Augenblick nicht um einen Eintritt ins Leben, sondern um einen Abschied auf Nimmerwiederkehr. Meine Schwieger, die alte Cadruvi, ist vor zwei Tagen gestorben – sanft eingeschlafen – und gestern haben wir sie begraben. Zugleich sind wir, meine Frau und ich, aus den Dachkammern in das Gelaß der Hausleute gezogen, wie sich dies gehört. Deshalb konnte ich Dich nicht in der Fuorcla aufsuchen, wo ich Dich endlich vom Dorfe aus erspäht habe. Nun sollst Du in den Dachkammern, die gar nicht übel sind, wohnen, wie später, wenn alles glücklich vorüber ist, auch Dein Weib, die Aninia dort einziehen wird – oder der alte Bär, der Cavig, müßte denn sein Knurren und Brummen einstellen und Euch das Thor seines Palazzos aufthun. Wir alle wollen hoffen, daß es geschieht; aber einstweilen ziehst Du zu mir. Komm!“

„Du guter Clo!“ sagte Beppo mit nassen Augen, zugleich die Arme dem Langen um den Hals legend. „Für mich, den armen, wie ein Wild gehetzten Beppo, willst Du Dir den Zorn des Cavigs aufladen?“

„Oho!“ rief der andere langgedehnt und mit trotzigem Ton: „In meinem Hause bin ich jetzt Herr und Gebieter so gut wie der Madulani in dem seinigen und wie ein jeder andere Häusler in unserem Bündnerlande, und ich kann in meinem Hause beherbergen, wen ich will, das ist mein gutes Recht. Er wird sich hüten, mir nur ein Wort dagegen zu sagen, mich nur mit einem Blick merken zu lassen, daß ihn Dein Aufenthalt bei mir wurmt. War ich bis vorgestern auch noch abhängig von meiner Schwieger, so bin ich heute ein freier, eingesessener Mann wie der Madulani und in meinem Hause meine eigne Obrigkeit. – Nur eines hast Du Dir zu merken: Laß Dich bei Tag nicht in den Gassen sehen! – Erkennt Dich der Büttel abends, dann geht er wie bisher einen andern Weg; doch trifft er Dich am Tage, dann muß er zugreifen, [610] das ist seine Pflicht, und es zu befehlen, dazu hat der Cavig ein Recht. Das merke Dir wohl! Am Tage bleibst Du von jetzt an hübsch daheim; damit Du nicht allzusehr verwilderst, kannst Du meinetwegen meiner Frau am Herde helfen, die Suppenbrühe kochen, oder das Maronen- und Roggenbrod backen. Am Abend gehe ich dann selber mit Dir zu Deinem Weibe.“

„Ich will thun, wie Du sagst, um meiner lieben Aninia willen. Freilich – ihr so nahe zu sein und sie nicht immer sehen zu können –“

Clo ließ ihn nicht ausreden, packte ihm seine Habseligkeiten unter den Arm und zog ihn fort.

Beide waren unter den letzten Arven am Fuß des Crestalta, in der Nähe der Häuser von Surley angelangt. Clo hielt inne und spähte scharf nach dem Dorfe hin, denn nahe der Wohnstätte des Cavigs, gleichsam unter dessen Augen mußten sie Clos Haus zu erreichen suchen. Dann aber rief er mit raschem Entschluß: „Voran! Gleichviel, ob der Brummbär uns sieht oder nicht – erfahren wird er es doch!“ und beide eilten über die Schneefläche der Wiese dem Dorfe zu.

Da wurden sie unvermuthet und just am Ziel aufgehalten. Aus dem Hause der Cadruvi trat in großer Hast die Maria Büssin, ein in Leinen gehülltes Päckchen unter dem Arm und begleitet von der Staschia. Kaum hatte erstere die beiden Männer erblickt, als sie mit einem Freudenruf auf sie zueilte und fast überlaut rief: „Beppo, freue Dich! Deine Aninia hat Dir vor einer Stunde ein kleines Mädchen geschenkt. Sie ist wohl, und das hübsche kleine Ding zappelt und schreit recht kräftig und lustig.“

Beppo war bei dieser unerwarteten Freudenbotschaft wie erstarrt stehen geblieben. Dann schlug er die Hände zusammen, stammelte einen Freudenlaut und im folgenden Augenblick riß er sich von der Seite Clos und stürmte ohne Rücksicht auf Ort und Zeit, auf den Freund und seine Mutter in der Richtung nach dem Hause der Büssin davon. Die anderen eilten ihm besorgt nach, doch Beppo, der wie im Fluge weiterstrebte, hatte bereits einen großen Vorsprung. Jetzt mußte er über das Wasser – nun an dem Hause Madulanis vorüber; er bemerkte nichts davon in seiner Aufregung, ebenso wenig wie er die funkelnden Augen des Cavigs bemerkte, der hinter dem kleinen Fenster stand und mit größtem Erstaunen und aufloderndem Zorn den Verhaßten und Gebannten am hellen Tage in Surley erkennen mußte. Mit keinem Blicke sah Beppo, daß der Wächter und Büttel ihm gerade entgegenkam – und diesmal konnte der wackere Mann dem Bergamasker nicht ausweichen, denn der Cavig stand bereits unter der Thür seines Hauses und kehrte die scharfen Augen nach ihnen beiden hin. Schon aus der Ferne schrie der Büttel dem Dahinstürmenden zu: „Halt ein! – halt!“ – Da fuhr Beppo jäh zusammen und blickte auf. Kaum hatte er das Hinderniß erkannt, das sich ihm auf seinem Wege entgegenstellte, da erfaßte ihn eine sinnlose Wuth. Die Fäuste geballt, sprang er in weiten Sätzen wie ein Raubthier auf den Mann zu, erfaßte ihn, und noch bevor der andere sich des plötzlichen Angriffs voll bewußt worden war, schleuderte er ihn mit wilder Gewalt mehrere Schritte zur Seite und zu Boden. Dann setzte er seinen eiligen Lauf fort und war in wenigen Augenblicken für die ihm Nachschauenden verschwunden.

Schon war der Cavig zur Stelle. Am ganzen Leibe bebend vor Zorn, sagte er zu dem sich ächzend vom Boden erhebenden Manne mit keuchenden Lauten nur die Worte: „Komm! jetzt will ich ein Ende machen – für immer!“

Mit dem ihm nachhinkenden Büttel schritt er weiter, sich nicht um die Büssin, den langen Clo und dessen Weib kümmernd, die voll Entsetzen über das, was da vorgegangen war – und was jetzt geschehen konnte, ihre Schritte beschleunigten, an Madulani vorbeieilten und in das Haus, wo die junge Mutter weilte, eintraten, als jener noch eine ziemliche Strecke davon entfernt war. Bald hatte auch Madulani den Eingang erreicht, da erschien im selben Augenblick sein Weib Barbla auf der Schwelle. Mit blitzenden Augen und einer heftig abwehrenden Bewegung rief sie ihm zu:

„Hinweg! hier hast Du nichts zu suchen – wenn Du nicht mit Reue im Herzen kommst, um Deinen Frevel gutzumachen!“

„Gieb Raum, Weib!“ donnerte Madulani ihr entgegen, „ich, der Cavig, befehle es Dir – wenn ich mich nicht an Dir vergreifen, mir den Eingang nicht mit Gewalt erzwingen soll.“

Da reckte sich hinter Mutter Barbla die lange Gestalt des Clo hoch empor, und mit gemüthsruhigem Ton sagte er: „Was fällt Euch ein, Herr Madulani? Wäret Ihr zehnmal der Cavig, so habt Ihr in diesem Hause – und mit Gewalt erst recht nichts zu schaffen. Ihr vergesset, daß ich seit zwei Tagen eingesessner Bündner bin und in meinem Hause wie in dem meiner Mutter jetzt allein Recht zu sprechen habe, beherbergen kann, wen ich will, und Gewalt mit Gewalt begegnen darf. Versucht’s nur und Ihr sollt es erfahren!“

Madulani fuhr einen Schritt zurück, einen dumpfen Zorneslaut ließ er hören und schwer athmend mußte er sich an der Mauer des Hauses halten. Die Worte Clos hatten ihn wie Keulenschläge getroffen, denn er wußte genau, daß jener im Rechte war und er nichts gegen ihn ausrichten konnte. Da sprach Mutter Barbla ruhig zu Clo: „Gehe hinein, Clo, und siehe zu, daß der Beppo in seiner Aufregung keine Dummheiten macht – ich habe mit dem Cavig zu reden.“

Clo entfernte sich, im Grunde wohl froh, einer weiteren Auseinandersetzung mit dem gefürchteten Manne überhoben zu sein, und Madulani keuchte höhnisch: „Was könntest Du mir zu sagen haben? Schmach und Schande habt Ihr reichlich auf mein Haupt gehäuft und nun wollt Ihr auch noch dem Cavig Trotz bieten?“

„Laß den Mann dort sich entfernen,“ sprach Mutter Barbla, auf den Büttel weisend, mit gleicher Ruhe wie früher, „was ich dem Cavig, meinem Mann, zu sagen habe, braucht vor der Hand kein anderer zu hören, wenn es auch bald das ganze Dorf erfahren wird.“

Einen Augenblick zauderte Madulani, eine seltsame Unruhe überkam ihn, dann gab er dem noch immer in seiner Nähe harrenden Büttel einen Wink, und der Mann, selber froh, einer peinlichen Obliegenheit überhoben zu sein, eilte so rasch davon, als seine geschundenen Gliedmaßen es nur erlaubten. Dann sagte der Cavig: „Jetzt rede! es hört und sieht uns niemand mehr.“

„Weißt Du, was da drinnen in dem elenden Steinkasten vorgeht, weshalb der Beppo ein Recht hat, dort bei Deinem Kinde zu sein, während Du, der Vater, draußen in Schnee und Kälte wie ein Büßer harren mußt? Ich will es Dir sagen. – Vor wenigen Stunden hat Deine – unsere Tochter, das Weib des Beppo, einem Kinde das Leben gegeben, während ihr eigenes Leben an einem Faden hing. Doch Gott der Herr hat die Aermste beschützt, die Mutter und das Kindchen, ein liebes Mädchen mit goldblonden Härchen, sie sind gesund – und werden es mit Gottes Hilfe und unserer Pflege auch bleiben.“

Ihre Stimme zitterte von verhaltenen Thränen. Madulani stand noch immer gegen die Mauer gelehnt, keines Wortes war er im Augenblick fähig; was er da vernommen, hatte bei ihm eine Empfindung im Herzen erweckt, die er bis dahin noch nie gespürt hatte. Es war wie ein heißes Aufwallen von innen heraus, er wollte sagen: „Laß mich hinein zu meinem Kinde!“ Aber er vermochte die Worte nicht auszusprechen. Er würgte sie hinunter. Im gleichen Augenblick schoß ihm der Gedanke durch den Kopf: „Sie wollen dich übertölpeln!“ und hiermit war die bessere Regung verflogen und der alte Haß und Grimm kehrten wieder. Da er kein Wort laut werden ließ, mit keiner Gebärde kundgab, was in ihm arbeitete, zum Guten oder zum Schlimmen, sprach Mutter Barbla, die erwartungsvoll in sein Gesicht gesehen hatte, hoffnungslos und traurig:

„Nun weißt Du, was ich Dir zu sagen hatte, nun gehe heim, denn ich muß zu meinem Kinde, bei dem ich auch die nächsten Tage bleiben werde!“

Nach diesen Worten trat sie in das dunkle Innere des Hauses zurück und schloß die beiden Theile der Thür. Madulani stand noch eine ganze Weile stumm und regungslos an derselben Stelle, endlich machte sein Körper eine unwillige, trotzige Bewegung, dann schritt er davon, seinem öde gewordenen Heim zu, ohne nur den Versuch zu wagen, heimlich durch eines der Fenster in die Stube zu schauen, wo seine Tochter mit ihrem Kindchen ruhte.

Dort war Beppo bei seinem Eintritt in die Kniee gesunken und, die Hände gefaltet, die von Freudenthränen nassen Augen auf Aninia und sein Kindchen, das an der Mutter Brust lag, gerichtet, schien er in vollkommener Verzückung sich zu befinden. Sein junges, [611] bleiches Weib schaute ihn matt, doch mit einer verklärten Freude an, und erst nachdem die Büssin Aninia das Kind weggenommen hatte, näherte sich Beppo ihr auf den Zehen und hauchte vorsichtig, leise einen Kuß auf seines Weibes bleiche Stirn. Dann vergrub er seinen dunkeln Lockenkopf zwischen die Decken auf ihre Hand und blieb lange, lange so liegen.

Mutter Barbla aber sagte leise: „Arm seid Ihr wie die Bettler, das ist wahr, aber was Ihr hier habt, das kann sich der Reichste nicht kaufen. Oder meinst Du, Beppo, daß jetzt in dem öden Hause da drüben dem Cavig seine vielen Thaler was nützen?“ – Aber Beppo hörte sie nicht, er erhob die Augen zu seiner Aninia und beide fühlten sich im innersten Herzen selig. –

Zwei volle Wochen lang durfte das junge Paar sein stilles Glück ungetrübt genießen, denn Beppo hauste ja in Surley und fand fortan auch kein Hinderniß mehr auf seinen Wegen, wenn er von dem Hause Clo zu dem der Büssin schlich. Es war auch in anderer Hinsicht gut für ihn, daß er den Crestalta hatte verlassen dürfen; es regnete unaufhörlich und wie in Strömen vom Himmel herab, sein Gewölbe auf dem Crestalta war mit Wasser gefüllt und unbewohnbar geworden. Er achtete nicht darauf, ebenso wenig wie er jetzt noch an das dachte, womit er sich seit Monaten in der Fuorcla da Surley beschäftigt hatte. Aber die Mahnung daran sollte nur zu bald kommen!

[624]
11. Eine Schreckensnacht.

Das Wasser! – Das Wasser! – Hilfe, das Wasser!“ So rief und schrie es in schreckerfüllten, verzweifelten Tönen durch die Nacht, anfangs von einzelnen Punkten, bald aber von allen Ecken und Enden im Dorfe. Dazwischen erklangen die langgezogenen dumpfen Hornrufe des Wächters, der sich bemühte, die etwa noch Schlafenden aus ihrer gefährlichen Ruhe aufzuscheuchen – nun tönte auch das ängstliche Läuten der kleinen Glocke drein. Und all dies Rufen und Schreien, Blasen und Läuten beherrschte, übertäubte ein rasender Sturmwind, der brausend und zischend, in unheimlich steigenden und fallenden Tönen vom Piz Corvatsch gerade gegen das Dorf daherfegte, begleitet von einem in Strömen niederprasselnden Regen. Sein einförmiges, grelles Platschen auf die Erde, auf die Dächer der Wohnstätten klang wie rohe, grausame Geißelhiebe und vervollständigte im Verein mit dem unaufhörlichen, wilden Rauschen der von den Hängen des Piz Surley niederstürzenden Wasserfluthen das entsetzliche Konzert dieser Schreckensnacht. Keine Viertelstunde hatte es so gedauert – da gesellten sich neue, unheimliche, noch Entsetzlicheres kündende Töne hinzu: hoch oben in der Fuorcla begann es seltsam zu knattern, bald hell, mit metallischem Klang, bald mit einem tiefen, scharfen Donnern, zuerst in Pausen, dann immer rascher – unaufhaltsamer und dabei stets näher und näher dem unglückseligen Dorfe. – „Herrgott! Die Felsblöcke der Fuorcla kommen herab und über uns! – Wir sind verloren – verloren!“ – So schrieen diejenigen, welche bis jetzt noch nicht dieser grausen Sündfluth hatten entfliehen können.

Doch es waren ihrer nur noch wenige. Sobald die ersten Schreckens- und Mahnrufe laut geworden, waren die Leute von Surley aus ihren Betten emporgefahren; sie kannten die Gewalt des Surleywassers nur zu gut, hatten schon mehrfach in gleicher Frühlingszeit durch seine zerstörende Wildheit leiden müssen, doch so schrecklich, wie es sich in dieser Nacht ankündigte, war es noch nie erlebt worden. Kaum die nöthigen Kleider auf dem Leibe, eilten Männer und Weiber, groß und klein nach den Ställen, das Vieh hinaus und über die Brücke nach Silvaplana oder nach dem Crestalta zu treiben. Andere schleppten ihre besten Habseligkeiten nach dem Hügel hin, sie dort auf den ersten Hängen in Sicherheit zu bringen. Wieder andere schienen den Kopf verloren zu haben oder zu viel an Hab und Gut zu besitzen, denn sie wußten nicht, wo und was sie angreifen, womit sie das Rettungswerk beginnen sollten.

Zu diesen letzteren gehörte auffallenderweise der Cavig Madulani. Er, sonst ein so heller Kopf, dabei thatkräftig und stets sofort das Richtige ergreifend, stand beim ersten Nahen des Unheils da fast wie ein hilfloses Kind. Von seinem Lager war er emporgefahren, hatte sich in die Kleider geworfen und war dann nach dem Ausgang seines Hauses gestürzt, das bereits die Wasser in schlammigen Wellen umflutheten, um wohl schon in wenigen Augenblicken durch die breite Thüröffnung in das Innere einzudringen. Wie betäubt, geistesabwesend stand er da; denn das, was er sah, erlebte, vermochte er nicht zu fassen. Um sein Gehöft, das in der Nähe des Baches lag, vor Ueberschwemmungen so viel als möglich zu schützen, hatte er schon vor vielen Jahren das Ufer auf seiner Seite mit einer Schutzwehr von mehreren Fuß Höhe bis weit hinauf den Bergen zu versehen lassen. Und jetzt, kaum bei Beginn des hereinbrechenden Unheils, fluthete das wilde Wasser bereits über diese Schutzwehr weg auf sein Haus zu – nur noch wenige Augenblicke, und das schwache Mauerwerk mußte bersten, hinweggeschwemmt werden. Wie war das möglich geworden, wie hatte sich eine solche ungeheure Wassermasse, wie sie jetzt das Dorf überströmte, hoch oben in der Fuorcla ansammeln können? Madulani begriff es nicht und wurde dadurch zum Handeln unfähig. Er befand sich allein im Hause, ein Knecht und eine Magd hatten ihre Schlafstellen in den Stadeln über dem Viehstalle. Ihr Schreien schien er im ersten Augenblick nicht zu hören, ebenso wenig wie das ängstliche Blöken seines Viehes, das außer dem baren Gelde in der Truhe sein größter Reichthum war. Da geschah plötzlich zweierlei, das ihn mit rauher Gewalt aus seiner Betäubung aufweckte und an die Wirklichkeit mahnte.

Hoch oben in der Fuorcla begann das Knattern der durch die Gewalt der Wasser von der Erde losgelösten und wider einander prallenden Felsblöcke, die, wie Madulani jetzt erkannte, auf dem Wege der Fluthen auch seine Wohnstätte bedrohen mußten. Zugleich erblickte er in einiger Entfernung eine ihm nur zu gut bekannte Gestalt in zottiger Bärenfelljacke, die sich keuchend und stöhnend durch das Wasser durcharbeitete, welches ihr bereits bis über die Kniee reichte. Und der Fluth entgegen strebte sie, dorthin, wo, der Bergwand so nahe, ein altes, halbzerbröckeltes Steinhaus stand, in dem – „Herrgott!“ stieg es nun auch in ihm auf, „mein Weib – Aninia mit ihrem Kinde! – Sie sind verloren! – verloren!“

Eine wilde Verzweiflung erfaßte ihn, denn grell leuchtete das Bewußtsein in ihm auf, daß er Weib und Kind nicht wiedersehen würde – niemals! Schon wollte er dem Beppo nacheilen, der längst in der Ferne im Dunkel der Nacht verschwunden war, doch das Wasser umfluthete ihn bereits in Kniehöhe – es war zu spät – zu spät zur Reue, – zu spät zur Rettung!

Der Knecht und die Magd hatten bereits gehandelt, trotz der Todesangst, die sie erfüllte. Ohne eine Weisung des geistesabwesenden Cavigs abzuwarten, trieben sie das Vieh groß und klein aus den Ställen, das, einmal im Freien, aus eigenem Antrieb der gewitterten Gefahr entfliehen wollte. Doch auch dazu war es schon zu spät geworden, denn mit furchtbarer Raschheit schwoll das Wasser an. Es war, als ob in der That die Fluthen es vor [626] allem auf das Hab und Gut des reichsten Mannes von Surley abgesehen hätten; denn nun kam auch das Furchtbarste heran. Das Knattern der vom Wasser dahergeschwemmten Felsblöcke hatte sich plötzlich durch das Zusammenbrechen der Mauern und Dächer einzelner Häuser, die den Fluthen und Felsen im Wege standen, in ein donnerähnliches betäubendes Getöse verwandelt. Und schon kam es heran: eine furchtbare Fluthwelle, die mehrere riesige Felsblöcke mit sich führte. Das Wasser schlug wohl bis zur Dachhöhe an dem Haus hinauf, eine der Wogen hob Madulani, der noch immer an dem offenen Eingang stand, wie einen Spielball empor und schleuderte ihn in das Haus zurück wider einen schweren Holzschrank, der dort stand und an den seine Hände sich in der Todesnoth klammerten. Die Felsblöcke flogen wider die Ställe und Stadeln und streiften dabei mit einer solchen Gewalt die dortige Giebelmauer des Hauses, daß sie prasselnd zusammenbrach und in ihrem Sturz nun auch andere Mauertheile, dann die Hälfte des Daches mit sich herab und in die Fluthen riß. Und immer neue Wogen stürmten heran und setzten das Zerstörungswerk fort, trieben die Trümmer der hölzernen Stadeln, die Balken und Sparren des Daches, die Möbel und Geräthe des Hauses vor sich her, sie peitschend, daß ein weißer Gischt hoch aufspritzte, und führten sie mit rasender Wuth als die ihnen verfallenen Opfer dem nahen See entgegen.

Was aus dem Knecht und der Magd geworden war? Wer konnte es in diesem Augenblick sagen! Vom hellen Tag allein war Antwort zu erwarten. Das Schicksal der werthvollen Thiere aber war jetzt schon entschieden. Das Brüllen und Blöken verstummte fast wie auf einen Schlag: das Surleywasser führte nur Thierleichen dem Sela und dem See von Campfèr zu.

Madulani hatte nur kurze Zeit sich an dem Schranke zu halten vermocht. Die steigende Fluth brachte das schwere Möbelstück ins Schwanken; durch das Gewicht des Körpers, der sich daran klammerte, gerieth es aus dem Gleichgewicht, stürzte um und entleerte zerberstend seinen Inhalt an kostbarem Linnen und anderen werthvollen Gegenständen in die Fluthen. Es war in demselben Augenblick, als mit donnerähnlichem Getöse der Einsturz der Ställe und Stadeln, der Giebelmauer mit einem Theil des Daches erfolgte, wodurch die in dem Hause angestauten Fluthen einen Abfluß fanden. Derjenige Theil der Wohnstätte, in dem Madulani mit dem Tode rang, stand bis jetzt noch aufrecht. Der Unglückliche fühlte noch immer so viel Leben und Kraft in sich, daß er die riesigen, auf den Fluthen schwimmenden Schranktrümmer zu erklettern vermochte, und wie auf ein rettendes Floß im sturmgepeitschten Meere sank er schwer auf die Bohlenwand der Rücktheile nieder. Nun war es mit ihm zu Ende! Er hörte noch das letzte Brüllen und Blöken seines armen ertrinkenden Viehes – das Knistern und Krachen der noch stehenden Balken und Sparren des Daches – der zerbröckelnden Mauern, die ihn wohl bald erschlagen und begraben würden; er vermochte noch die Vorstellung zu fassen, daß er, der einst so reiche Cavig Madulani, ein Bettler geworden – daß sein frevelhafter, unheilvoller Schwur in Erfüllung gegangen sei – dann vergingen ihm die Sinne. –

* * *

Die ersten Nothschreie und die ersten Alarmrufe des Wächters hatten die wenigen Bewohner des Cadruvischen Hauses sofort auf die Beine gebracht. Clo, der schon mehrfach solche Wassersnoth miterlebt hatte, der da wußte, was für ihn und das kaum gewonnene kleine Eigenthum auf dem Spiele stand, war rasch in die Kleider gefahren. Sein Weib war ebenso flink als er, beide konnten das wenige Vieh, aus zwei Kühen und einigen Ziegen bestehend, noch bei guter Zeit aus dem Stall treiben und eilten dann, mit ihrem besten Hausrath beladen, dem Crestaltahügel zu. Als diese geringen Schätze geborgen waren, blieb Staschia als Wächterin zurück, und Clo gedachte nun, den Frauen in seinem elterlichen ruinenhaften Hause beizuspringen. Doch dazu war es mittlerweile zu spät geworden. Die ganze Wiese, welche das Dorf in weitem Ringe umgab, hatte sich bereits in einen wogenden See verwandelt, durch dessen Fluthen zu dringen nicht mehr möglich war. Und erst der Surleybach, den Clo hätte überschreiten müssen, dessen Wasser in rasender Wuth Felsblöcke und Steine, groß und klein, vor sich hertrieben, wider- und übereinander warfen, als ob es leichte Spielbälle wären! Bei Tage würde der Anblick ein grausenerregender gewesen sein, denn der Silvaplaner See und der von Campfèr waren im Verein mit dem Sela zu einem gewaltigen Wasserbecken geworden, in dem die Balken und Sparren der Dächer, der weggeschwemmte Hausrath und die Geräthschaften der unglücklichen Bewohner von Surley wie auch Thierleichen aller Art zwischen einzelnen geborstenen Eisschollen wild umhergeworfen und dann abwärts nach Campfèr zu getrieben wurden. Clo mußte den Gedanken, weiter ins Dorf zu dringen, aufgeben; seine Mutter, Frau Barbla und Aninia mit ihrem Kinde vermochte er nur noch dem Schutze des Allmächtigen zu empfehlen. Auch gab es in seiner Nähe leider nur zu viel zu helfen und zu retten, so daß ihm und seinem Weibe kein Augenblick der Ruhe blieb, um über das Schicksal der Ihrigen auch nur nachzudenken. Was da auch geschehen würde, es mußte ertragen werden! –

Beppo war in seiner Dachkammer, zu gleicher Zeit wie Clo im Erdgeschoß, in seinem Bette emporgefahren, aber es dauerte länger als bei diesem, bis die Schreckensvorstellung dessen, was hier plötzlich hereinbrach, ihm aufging. Er saß auf seinem Lager, die Hände wider die Stirn gepreßt und wie verstört ins Leere starrend und horchend. Die Hornrufe des Wächters, das Sturmläuten der Glocke, das Hilfegeschrei der Fliehenden, das Brüllen und Blöken des armen Viehs hörte er, ohne daß er es im ersten Augenblick zu verstehen schien; das eintönige Plätschern des Regens, das unheimliche Rauschen des wildgewordenen Wassers drang immer mächtiger an sein Ohr; – da flammte es plötzlich in seinem Bewußtsein auf: die Wasser waren da! Die Wasser, die er über dem Glück der letzten Wochen ganz vergessen hatte, nun donnerten sie aus der Fuorcla hervor und – „Madulani ist ein Bettler!“ schrie er triumphirend auf. Aber im gleichen Augenblick vernahm sein Ohr, daß das Rauschen bedrohlich nahe klang, und nun fuhr wie ein zweiter Blitz der Gedanke durch sein Gehirn: Aninia – das Kind! – In rasender Eile warf er nur die nothwendigsten Stücke seiner ärmlichen Kleidung über, dann flog er davon, in die Sturmnacht hinaus. Gegen die ihm entgegenströmenden, stets mächtiger anschwellenden Wasserfluthen ankämpfend, strebte er voran, durch das bereits nicht mehr zu erkennende Bett des Baches, der anderen Seite des Dorfes zu, Madulanis zusammenbrechendes Haus, an dem er in einiger Entfernung vorbei mußte, nur mit einem Blick wahnsinniger Freude streifend, nur ein Ziel im Auge: jenen Steinhaufen, der sein Weib und sein Kindchen barg! –

Das Innere dieses ärmlichsten Hauses des ganzen Dorfes bildete in diesem Augenblick den schroffsten Gegensatz zu der entsetzensvollen Verwirrung und Angst, dem tödlichen Schrecken, die sonst überall herrschten. Es war, als ob für die drei dort weilenden Frauen weder eine Wassersnoth noch irgend eine andere Gefahr vorhanden und ihnen nahe gewesen wäre. Sie hatten wohl die Hornrufe des Wächters, das ängstliche Läuten der Glocke gehört – sie hörten noch immer das Heulen des Sturmwindes, das Klatschen des Regens und das ferne wilde Rauschen der entfesselten Fluthen – doch achteten sie nicht darauf, denn ein Kummer war in ihren Herzen eingekehrt, der sie gegen die Schrecken der Elemente unempfindlich, sogar gegen das eigene Leben gleichgültig gemacht haben mußte.

Vor dem Bettverschlag saß Aninia und hielt im Schoße ihr Kindchen, neben ihr kauerte Mutter Barbla, gleich ihrer Tochter den nassen Blick unablässig auf das kleine Wesen gerichtet. Die Büssin lehnte wider einen der Pfosten des Verschlags und ihre sonst so scharfen Züge drückten eine ehrliche Theilnahme aus. Nur kehrte sie dann und wann den Blick von den beiden andern nach dem Eingang, der direkt auf die Gasse führte, und horchte hinaus auf das sonderbare Heulen und Rauschen. Das arme, kaum einige Wochen alte Kindchen lag wie bereits entschlafen im Schoße der Mutter, sein kleines Gesichtchen war blaß und fahl, die schmalen Lippen blauten schon und der Blick der kleinen dunklen Aeuglein, die es nur selten öffnete, erschien wie verschleiert. Das Kind, noch den Tag über bis zum Abend munter, war dann plötzlich unwohl, immer matter und schwächer geworden, und die Frauen meinten nicht anders, als daß es jeden Augenblick ohne Klage hinüberschlummern würde. Aninia hatte nur Gedanken für das Kind, sie bewachte angstvoll seine schwachen Athemzüge; Frau Barbla aber gedachte nebenbei mit schwerer Anklage ihres unbarmherzigen Mannes, der sein Enkelkind in dieses elende, kalte Erdloch verstoßen hatte, wo Wind und Wetter ungehindert Einlaß fanden und das schwache Lebensflämmchen auszulöschen drohten. Ihr [627] Herz schwoll von Bitterkeit gegen ihn, der eine solche Sündenlast auf dem Gewissen hatte.

Da wurde in der Ferne, hoch oben in den Bergen, durch Regen, Sturm und Rauschen der wilden Wasser das Knattern der herannahenden Felssteine hörbar. Zugleich begannen die schlammigen Fluthen, welche das am Fuße des Berges, etwas höher als das Dorf gelegene Haus erreicht hatten, langsam, doch unaufhaltbar in den Raum zu dringen, wo die drei Frauen weilten. Jetzt wurde die Büssin doch unruhig; sie eilte nach der Thür, öffnete deren oberen Theil, um nur einen Augenblick hinauszuhorchen und ihn dann jäh wieder zu schließen. Dann riß sie Mutter Barbla aus ihrer kauernden Stellung empor und beschwor sie und Aninia leise, sich in dem Verschlag auf das Bett niederzusetzen, da die Stube bald voll Wasser sein würde und ein Entfliehen nicht mehr möglich wäre. Aninia achtete in ihrer schmerzlichen Erregung der warnenden Worte nicht und blieb unbeweglich.

„Hörst Du denn nicht das seltsame Knattern?“ raunte die Büssin ihr dringender zu. „Es ist, als ob die Wasser des Baches Steinblöcke – ganze Felsen mit herunter führten!“

„Ach! wenn nur Beppo bei mir wäre!“ seufzte Aninia, indem sie die Kleine fester an ihre Brust drückte.

„Was mag hoch oben in der Fuorcla vorgegangen sein,“ fuhr die Büssin hinaushorchend fort, – „denn von dort kommt es her. Es sind wahrhaftig Felsblöcke, die der Bach mit sich führt. Welch ein Unheil werden sie unten im Dorfe anrichten – und dort steht auch das Gehöft Deines Vaters!“

„Sprich nicht von ihm!“ fuhr Mutter Barbla mit mühsam unterdrückter Heftigkeit auf. „Er muß ertragen, was über ihn kommt, – es ist das Strafgericht des Himmels!“

„O Mutter! redet nicht so!“ sprach Aninia sanft. „Wir haben ihn auch unglücklich gemacht, ebenso wie er uns. Das ist mir erst die Zeit her so nach und nach gekommen. Denke doch an seinen Stolz! Daß er mir früher nicht verziehen hat, das wundert mich jetzt gar nicht mehr. Aber heute, wenn er hier wäre und die arme Aninia sehen könnte – heute würde er mir verzeihen, das weiß ich!“

Schwere heiße Thränen tropften auf die Stirn des Kindes nieder, und Mutter Barbla sagte plötzlich:

„Sieh nur, Aninia, es schlägt die Augen wieder auf – sie blicken hell, und sein Mündchen lächelt. Ach! dem Herrn sei Preis und Dank! Es ist wohl gerettet und bleibt uns erhalten!“

In diesem Augenblick rief die Büssin von der Eingangsthür her: „Der Beppo kommt! – Nun werden wir erfahren, was draußen geschehen ist und wie es im Dorfe steht.“

Schon wurde die Thür in ihren beiden Hälften aufgerissen und Beppo erschien in schreckenerregender Gestalt auf der Schwelle. Er war kaum wiederzuerkennen; seine Mienen waren verzerrt, seine Augen glühten fast wie die eines Wahnsinnigen, die nothdürftigen, von Wasser triefenden Kleidungsstücke hingen zerfetzt um seinen Körper – er sah grauenhaft aus. Ohne die Aufregung der drei Frauen zu bemerken, ohne Aninias Ruf: „Beppo!“ der wie Erlösung aus Noth und Schmerzen klang, zu beachten, rief er mit einer unnatürlichen grellen Lustigkeit:

„Freue Dich mit mir, Aninia! Jetzt geht der Schwur Deines Vaters in Erfüllung – und er wird ein Bettler, wie er es gewollt hat. Die Wasser donnern an sein Haus, bald genug wird nichts mehr davon übrig sein!“ –

Ein dreifacher Aufschrei beantwortete diese Rede, und schon stand Mutter Barbla an seiner Seite und schüttelte ihn derb am Arme. „Was sprichst Du da?“ schrie sie ihn an – im selben Augenblick aber rief Aninia:

„Mutter! – Mutter! um Gottes willen stille! – denk’ an mein Kind – an mein armes – sterbendes Kind!“ –

Langsam, mit weit aufgerissenen Augen wandte sich Beppo nach ihr hin. Sein Körper zitterte wie im Fieber, er war unfähig, einen Schritt zu thun.

„Es stirbt?!“ rief er voll Entsetzen.

„Noch ist’s nicht so weit,“ beschwichtigte ihn Frau Barbla, „es kann plötzlich wieder besser werden“ – aber als er wankenden Schrittes zu Aninia getreten war und einen Blick auf das abgezehrte Gesichtchen seines Kindes gethan hatte, da brach ein lautes Schluchzen aus seiner Brust und er warf sich an der Seite seines Weibes auf den Boden nieder. Aninia, die eben selbst noch verzweifelt war, versuchte den Fassungslosen aufzurichten.

„Beppo,“ sagte sie leise, „Gott wird vielleicht barmherzig sein und das Kind leben lassen. Aber versündigen darfst Du Dich nicht durch solche Worte, wie Du sie vorhin sprachst. Wenn meines Vaters Haus in Noth ist, so mußt Du rasch zu ihm und ihm beistehen nach allen Kräften. Eile, Beppo, eile!“ fuhr sie dringender fort. „Hier kannst Du nichts helfen und draußen giebt es Menschenleben zu retten. Wirf allen Groll von Dir und sei gut, Beppo, damit der Herr sich über uns erbarme!“

Sein Herz war stets Wachs in ihrer Hand. Mit Thränen in den Augen wandte er sich dem Ausgang zu. Aber es war zu spät, niemand konnte mehr zur Thür hinaus, durch welche die Wasser nun unaufhaltsam hereindrangen. Die Frauen mußten sich bald auf das Lager retten, und Beppo erklomm den in der Ecke stehenden Feuerherd, auf dem er unbeweglich kauern blieb, die Stirn in seine Hände gepreßt und ein über das andere Mal in Verzweiflung aufstöhnend: „Was hab’ ich gethan! was hab’ ich gethan!“ –

[640]
Draußen verstummte allmählich das Krachen, das Schreien und Hilferufen, das Blöken des armen, ersaufenden Viehes. Das Unglück war vollendet. Die in der Fuorcla angesammelten Wassermassen mußten sich wohl erschöpft oder der immer noch gewaltige Rest nicht Kraft genug haben, um noch weitere Felsblöcke hinunter ins Thal zu treiben; aber der Sturm heulte mit gleicher Wuth fort, auch der Regen floß noch immer in Strömen nieder. Im Lauf der Nacht änderte sich dies langsam zum Bessern. Regen und Sturm ließen nach und gegen morgen begannen auch die Wasser aus der Stube der Büssin zu laufen, nur Schlamm und Geröll blieben zurück. Die Frauen vermochten ihren Platz auf dem Bett zu verlassen, wo sie, eng aneinander gerückt, unbeweglich gesessen hatten, um das Kindchen nicht zu stören. Es lebte noch und blickte die freudig aufathmende Mutter wieder mit einem schwachen Lächeln an, das ihr Herz mit neuer Hoffnung füllte.

Endlich dämmerte das Tageslicht, und mit ihm erschien Clo in der Stube.

„Kommt alle, kommt!“ so sprach er keuchend und vor Aufregung zitternd noch unter der Thür. „Welch ein Unglück! Es ist entsetzlich, wie es im Dorf aussieht – alles zerstört und fortgeschwemmt! – Ihr werdet es selbst auf dem Wege sehen. – Kommt!“

„Und der Vater?“ rief Aninia in athemloser Spannung.

„Sein Haus und die Ställe und Stadel sind niedergerissen und zerstört – das Vieh ist elendiglich ersoffen – der Hausrath weggeschwemmt. – Er ist ein Bettler geworden wie die andern, – die es gleich hart getroffen hat.“

„Aber der Vater – der Vater! – Er lebt?“ kreischte Aninia auf. Von ihrem Kinde ließ sie ab und stürzte auf Clo zu.

„Der Cavig lebt, aber er liegt ohne Besinnung. Ich habe ihn aus den Trümmern seines Gehöftes hervor geholt und nach meinem Hause gebracht, das, Gott sei gedankt! unversehrt ist. Kommt nur, kommt! Er bedarf dringend der Hilfe und Pflege. Ein Glück, daß ich Euch alle noch am Leben finde. Kommt – schnell! Es ist kein Augenblick zu verlieren!“

Mit fliegeden Händen packte Mutter Barbla und die Büssin das Kindchen dicht und warm in Kissen und Decken, die erstere nahm es auf ihren Arm, und so traten sie, von Clo geleitet und unterstützt, den beschwerlichen Weg nach dessen Hause an. Aninia war die letzte. Nach Beppo, der noch immer regungslos in der [642] Ecke bei der Feuerstelle kauerte, wendete sie sich hin und fragte besorgt: „Nun, Beppo, folgst Du uns nicht?“

„Ich wag’ es nicht – ich darf es nicht!“ tönte es ihr aus der Ecke mit dumpfem Ton entgegen.

Da trat Aninia auf Beppo zu, rüttelte ihn am Arm, als ob sie ihn aus einem bösen Traume wecken wollte, und mit ängstlicher Hast fragte sie:

„Du wagst es nicht, mit mir zu meinem unglücklichen Vater zu gehen? – Du darfst es nicht? Was hast Du denn gethan – daß Du nicht darfst?“

Ich habe ihn zum Bettler gemacht,“ schrie Beppo, sich vor ihr niederwerfend, in wilder Verzweiflung, „ich habe die Wasser hoch oben in der Fuorcla angestaut, daß sie beim ersten Regen die Felsblöcke herunter schwemmen mußten! – Schlage mich, Aninia, tritt mich mit Füßen – ich bin ein Verbrecher und ewig verdammt.“

Mit todtenbleichem Gesicht wich Aninia vor ihm zurück, der auf den Knieen ihr Gewand zu erhaschen suchte.

„Du?!“ kam es endlich von ihren zitternden Lippen, „Du hast das gethan, Beppo? Bist Du denn wahnsinnig?“

„Ich that es für Dich, für unser Kind,“ murmelte er scheu, „ich dachte – wenn Dein Vater ein Bettler wäre – dann müßte er Dir vergeben, er hat es ja geschworen!“

„Ruchloser, entsetzlicher Mensch!“ schrie Aninia auf. „Meinen Vater unglücklich und elend zu machen – um mich – um unser Kind!“ Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte vor bitterer Verzweiflung, während Beppo in tiefster Zerknirschung sich vor ihr am Boden wand und kein Wort der Entgegnung wagte. Das gewohnte Bewußtsein, daß sie für zwei denken müsse, ließ endlich Aninia wieder Fassung gewinnen.

„Du sagtest recht vorhin,“ fuhr sie mit einem tiefen Seufzer fort. „Zu meinem Vater darfst Du nicht – er kann Dir jetzt, nach dem, was Du gethan hast, nicht mehr vergeben – in dem Dorfe, das Du dem Unglück – dem Untergang geweiht hast, kannst Du nicht mehr bleiben. Du mußt fort!“

„Fort von Dir, Aninia?!“ schrie Beppo wild auf.

„Aber, Unglückseliger, hast Du denn keinen Augenblick bedacht, daß Dein Verbrechen uns trennt, daß ich jetzt bei meinen Eltern bleiben muß, um ihnen beizustehen, und daß Du Dich nicht mehr vor ihren Augen zeigen darfst? O Beppo!“ rief sie in neu ausbrechendem Schmerz, „was hast Du gethan! Da hast unser Glück vernichtet, auf immer und ewig!“

Sie warf sich abgewandt von ihm auf den kalten Herd nieder und verbarg das Gesicht zwischen den Händen.

„Verzeihe mir, Aninia!“ stöhnte Beppo, ihre Knie umfassend. „Ich wußte nicht, was ich that, ich hatte keine Ahnung, daß alles so kommen werde. Ich will ja wieder gutmachen, was ich kann!“ –

„Das kannst Du nimmermehr, denn das Unglück ist nicht ungeschehen zu machen. Du und ich, wir müssen tragen, was daraus entsteht, und wir müssen scheiden!“ So sprach nun Aninia, scheinbar gefaßt und tiefernst, dann reichte sie Beppo die Hand und fuhr weicher fort: „Bete zu Gott, daß er Dir Deine Schuld vergeben möge. Auch ich will Tag und Nacht für Dich beten und – in Liebe des Beppos gedenken, der brav und schuldlos war und den ich so von Herzen liebgehabt habe! Das ist alles, was ich für Dich thun kann! – Lebe wohl! – Laß mich!“ rief sie nun, als Beppo sie unter Bitten und Thränen zu halten suchte. „Laß mich! Mein Kind – mein Vater – sie rufen nach mir! Ich muß fort – dorthin, wo von nun an mein Platz ist! Sie riß sich mit Gewalt los und stürmte davon.

„Aninia! – Aninia!“ rief Beppo in herzzereißenden Tönen ihr nach; dann warf er sich vor der Feuerstelle zu Boden, und die glühend heiße Stirn auf die Steine des Herdes gepreßt, stöhnte er in verzweiflungsvollem Jammern: „Was hab’ ich gethan! – was hab’ ich gethan! – Weib und Kind hab’ ich verloren, – eine Sündenschuld auf mich geladen, für die es in diesem Leben keine Sühne mehr geben kann! – Aninia! – Aninia!“ schrie er nochmals auf, doch der Ruf erstickte in einem heftigen Schluchzen und Weinen. Dann blieb er in seiner zusammengebrochenen Stellung unbeweglich vor dem Feuerherde liegen – bis die Müdigkeit, die Erschöpfung von der furchtbaren Aufregung den Aermsten mitleidig in einen tiefen, todähnlichen Schlaf versenkten.


12. Am andern Morgen.

Mit dem neuen Tag hatte das Unwetter ausgetobt und die Wasser begannen sich zu verlaufen. Im kalten grauen Morgenlicht standen die Geretteten, die sich zur Nacht in die anderen Dörfer geflüchtet hatten, und betrachteten trostlos die furchtbare Zerstörung. Wo gestern noch ihre armen Hütten gestanden hatten, da war heute nur ein trümmerbedecktes Rinnsal voll Schlamm und Geröll. Wenige hochgelegene Wohnstätten waren erhalten geblieben, unter ihnen das Haus des langen Clo, der glücklich war, seine Mutter darin unterbringen und des Cavigs Familie mit ihrem todtkranken Haupte vereinigen zu können.

Freilich war es nun so überfüllt, daß Clo sich genöthigt sah, wieder mit seinem Weib Staschia in die enge und niedere Dachstube zu ziehen – die Hausherrenfreude des armen Burschen hatte nicht allzulange gedauert.

Madulani lag im Fieber, bald schüttelte ihn heftiger Frost, bald glühte sein schweißtriefendes Antlitz, und kein Arzt war auf Stunden weit zu haben! Die armen Frauen hatten bereits all ihr Wissen und Können erschöpft, doch nichts wollte fruchten: hier war ihre einfache Kunst zu Ende. Ebenso bei dem Kindchen, das stille in dem Schoße der wie geistesabwesend dasitzenden Mutter lag. Es lebte zwar noch immer, nahm noch einige Nahrung, aber die Athemzüge der kleinen Brust wurden immer schwächer.

„Wo nur der Beppo bleibt?“ flüsterte die Büssin unwillig Frau Barbla zu. „Er läßt uns allein in dieser Noth – allein bei seinem armem Kindchen und dem Kranken. Auch der Clo und die Staschia lassen sich nicht mehr sehen! – Wo sie nur stecken mögen?“ –

Frau Barbla blickte finster drein und ihre Lippen blieben fest geschlossen. Da sprach Aninia, die jetzt das Kindchen in ihrem Schoße wiegte, leise und zögernd: „Der Beppo wird im Dorfe sein – denjenigen zu helfen, die der Hilfe noch dringender bedürfen als wir, – die wir doch vor Wind und Wetter sicher sind.“

„Was sollte er auch hier?“ setzte Mutter Barbla in ihrer kurzen, rauhen Weise hinzu. „Er könnte nur unsere Noth vermehren – uns im Wege sein! Im Dorfe wird er sein – wie auch der Clo – dort ist jetzt sein Platz.“

Die Büssin schaute befremdet drein, so kurz und kalt hatten beide noch nie von Beppo gesprochen. Das war doch seltsam!

Clo befand sich in der That im Dorfe und hatte alle Hände voll zu thun, um den armen Surleyleuten, die vor Verzweiflung den Kopf verloren hatten, bei den Rettungsarbeiten beizustehen. Der brave Bursche regte unverdrossen die gewaltigen Glieder, bewältigte die schwersten Lasten und hatte nach Verlauf von mehreren Stunden schon viel gethan, um die Obdachlosen unterzubringen. Da sah er plötzlich einen Mönch die Straße herauf kommen, einen arzneikundigen frommen Bruder aus dem Kloster San Murrezan. Er eilte ihm mit lautem Freudenruf entgegen und zog ihn vor allen Dingen nach seinem Hause hin, damit er dort nach den beiden Kranken sehe.

Frau Barbla und die Büssin begrüßten den Mönch wie einen Retter aus höchster Noth, Aninia saß stumm und sah schmerzvoll auf das Kind nieder, das regungslos in ihrem Schoße lag.

Der Mönch fand den Zustand des Cavigs gar nicht schlimm. Augenblickliche Gefahr sei nicht vorhanden und die Herren von Chur würden gewiß bald einen richtigen Arzt schicken, der das Fieber erfolgreich zu bekämpfem, schlimme Zufälle zu verhüten wissen werde. Für jetzt reiche seine Arznei aus; dabei händigte er dieselbe den beiden Frauen mit der nöthigen Belehrung ein.

Nun trat er besorgt und mit sichtlicher Theilnahme zu der jungen Mutter mit ihrem Kinde, die er bisher nur flüchtig beobachtet hatte, auch hier seines menschenfreundlichen Amtes zu walten. Doch ein Blick sagte ihm, daß jede Hilfe vergebens – zu spät sei, denn das Kind war in der Mutter Schoß sanft eingeschlafen – für immer!

„Todt?“ schrie Mutter Barbla auf und stürzte auf Aninia zu, die stumm und unbeweglich blieb wie bisher. Sie wußte es schon lange, die Aermste, daß sie ihr armes, liebes Kindchen verloren hatte, das einzige, was sie an den Mann hätte fesseln müssen, den sie einst so sehr geliebt – den sie vielleicht noch immer liebte und dennoch nicht mehr Gatte nennen durfte.

„Todt?!“ murmelten die Büssin und Clo in einem Athem, und erstere setzte kaum hörbar hinzu: „Und der Beppo – der Beppo ist noch immer nicht hier?!“

[643] „Der Beppo?“ sagte Clo überrascht, denn er hatte ihn im Lauf der letzten Stunden gänzlich vergessen. „Im Dorfe sah ich ihn nicht, am Ende ist er gar krank geworden und liegt noch in Eurem Hause, Mutter. Elend genug sah er aus, und seine Kleider hatten mehr Löcher als heile Stellen. Muß doch rasch einmal nach ihm sehen.“

Schnell raffte er ein paar Kleidungsstücke zusammen und verließ das Haus. Es war ihm auch nicht unlieb, dem Jammern und Klagen der Frauen auszuweichen – zum Helfen war er bereit, der lange Clo, aber den Thränen ging er lieber aus dem Wege.

* * *

In der finsteren Kammer lag Beppo noch immer, das Gesicht am Boden, in bleiernem Schlafe. Er erwachte auch nicht, als jetzt beide Thürflügel aufgerissen wurden und Clo laut seinen Namen rief. Erst als dieser sich über ihn beugte und ihn derb an der Achsel schüttelte, schlug er die Augen auf und starrte verständnißlos vor sich hin.

„So, hier liegst Du und schläfst, während derweilen Dein Kindchen gestorben ist?!“ rief Clo ihm ärgerlich zu.

Bei diesen Worten richtete Beppo sich langsam auf.

„Er sieht erbarmungswürdig aus,“ dachte Clo, als ihn die tieftraurigen Augen aus dem blassen Gesicht heraus ansahen.

Dann antwortete Beppo ganz ruhig: „Ich wußte es – hab’ es geträumt!“ Leise, fast unverständlich setzte er hinzu: „Es mußte so kommen, damit ihr Wort in Erfüllung gehen kann.“

„Ich verstehe nicht, was Du da murmelst,“ versetzte Clo ungeduldig, „habe auch keine Zeit, hier lange mit Dir zu reden. Da ist Brot und da sind Kleider von mir, ziehe Dich an und iß, und dann mache, daß Du zu Deinem Weibe kommst! Du solltest schon lange dort sein!“

Beppo stand neben ihm, den Arm legte er um den Hals des Langen, schaute ihm treuherzig in die Augen und sagte dann mit innigem Tone:

„Du guter Clo! Du warst mir immer ein aufrichtiger Freund, hattest Nachsicht mit dem armen Beppo und wirst ihm auch vielleicht gut bleiben, wenn die andern übel von ihm reden. Leb wohl!“

„Was fällt Dir denn heute ein?“ erwiderte Clo voll Erstaunen. „Es wäre gescheiter, Du gingest helfen, statt zu überlegen, was die Leute von Dir sagen. Ich habe keine Zeit mehr, behüt Dich Gott und komm’ mir bald nach!“

Aber Beppo kam nicht nach, und als eine Stunde später Clo nochmals zur Kammer hereinschoß, ihn zu suchen, war diese leer und verlassen. Auch bei Aninia fand er ihn später nicht, und weder sie noch ihre Mutter thaten eine Frage nach Beppo. Das dünkte dem Clo sehr wunderlich, aber er hatte an jenem Tag so viel anderes im Kopfe, daß er nicht zum Nachdenken darüber kam.

* * *

Unter den Arven des Crestaltahügels, an der Erderhöhung mit dem schlichten Holzkreuz, Fra Battistas Ruhestätte, knieete am Nachmittag des folgenden Tages der Unselige, den seine That aus der Gemeinschaft der Menschen ausgestoßen hatte. Mit den Händen hielt er das Kreuz umklammert und tief beugte er sein schuldbeladenes Haupt, verzweiflungsvolle Worte murmelnd, als könnte ihn der noch hören, der hier unten in Frieden ruhte.

„Du hast es gesagt,“ stöhnte er, „o, hätte ich Deinen Worten gefolgt! Du warntest mich vor der Rachsucht, und ich Elender verschloß mein Herz und ließ den Bösen Herrschaft über mich gewinnen und that, was er mich hieß! Allmächtiger Gott!“ schrie er empor, „habe Barmherzigkeit und nimm mir die Last ab, die hier brennt und drückt! – Ach, es ist alles umsonst – ich bin verdammt, hier und dort in der Ewigkeit.“

Und er fiel aufs neue mit dem Gesicht auf den Hügel und weinte bitterlich.

Eine Weile blieb er regungslos so liegen; da drang plötzlich aus weiter Ferne in einzelnen Schlägen, langsam und klagend, der Ton der kleinen Kirchenglocke durch die Arvenwaldung bis auf die Höhe des Hügels. Jäh sprang Beppo empor, denn er ahnte die Bedeutung des Läutens. „Jetzt begraben sie mein Kind!“ schrie er in wilder Verzweiflung auf und stürzte davon. Doch schon im nächsten Augenblick strauchelte sein Fuß und er fiel in das Geäst eines großen, zwischen den Baumstämmen wuchernden Buschwerks. Wie er aufschaute – siehe da – erkannte er das erste Grün eines Alpenrosenstrauches. Dem kleinen harten Geäst entsproßten zart und noch von ihren grünen Hüllen geschützt, die ersten rothen Blüthen der lieblichen Alpenrose. Des armen Beppos Antlitz lächelte; es war, als ob diese ersten Boten des Frühlings ihm die Hoffnung andeuten wollten, daß auch ihm nach dem Winter der Buße noch ein neuer Lebensfrühling erstehen könnte. „Für mein Kindchen!“ flüsterte er, und während die kleine Glocke ihr Trauergeläute fort und fort erklingen ließ, knieete er nieder und pflückte sorgsam die Aestchen mit den jungen Blättchen und den knospenden rothen Röschen zu einem kleinen Strauß. Dann schritt er weiter, bis zur Hälfte des Hanges hinab, wo er sich auf einen Felsblock niederließ, von dem aus er zwischen den Stämmen der Arven hindurch auf den See, die Ebene und das verwüstete Dorf mit seiner Kirche schauen konnte. Es war dieselbe Stelle, wo er vor nicht ganz einem Jahre gekauert und hinunter auf die Wiese gespäht hatte, wo das Frühlingsfest gefeiert wurde, das dann ein so blutiges Ende gefunden hatte. Welch ein Unterschied gegen heute! Damals eine grüne, blumige Wiese, eine fröhliche und glückliche Menschenschar! und jetzt – eine mit Schlamm und Steinen bedeckte trostlos öde Fläche, und klagende, verzweifelnde Bewohner eines zerstörten Dorfes! Damals eine Gold-Aninia in voller Mädchenschöne, in unbefangener, fröhlicher Jugendlust, und heute – eine arme Mutter, die in diesem Augenblick ihr Kind, den einzigen Rest ihres kurzen Liebesglückes, zugleich mit diesem erstorbenen Glück für immer in die Erde versenkte. Und er, Beppo, er allein hatte dies alles verschuldet, in blindem thörichten Wahn! Nein, nein! für ihn, den Unseligen, konnte es keine Verzeihung, keine Sühne mehr geben!

Das Glöckchen tönte noch immer fort, und dem Ringenden war es, als klänge ihm aus der Ferne ein frommes Lied von vielen Männer- und Frauenstimmen entgegen, das von einem Auferstehen, einem Wiedersehen jenseit des Grabes sang, von der Allbarmherzigkeit Gottes, der dem wahrhaft Reuigen verzeihe. Wie ein himmlischer Trost in höchster Noth drangen Töne und Worte in das Herz des armen Beppo und linderten die bittere Verzweiflung darin.

Als es vollkommen dunkel geworden war, verließ Beppo seinen Stein und schlich sich hinab nach dem kleinen Friedhof, der auch Spuren der Zerstörung in seinen eingestürzten Mauern aufwies. Das kleine frische Grab hatte er bald gefunden, er warf sich davor nieder und pflanzte sein Sträußchen in die feuchte Erde. Den letzten Abschied im Thal wollte er von seinem todten Kindchen nehmen.

Während er halblaut betend noch auf seinen Knieen lag, hatte durch den weitoffenen Eingang eine Frauengestalt den Gottesacker betreten. Sie sah den Mann auf dem Grabe, hörte sein Murmeln, glaubte die Stimme zu erkennen, und – „Beppo, Beppo!“ wollte der Mund rufen, doch der Laut versagte, – oder machte ein anderes, noch mächtigeres Gefühl ihn stumm? Dennoch wankte die Frau auf das Grab zu – da erhob sich der Mann und entfernte sich, ohne die Nahende zu bemerken.

Jetzt hatte Aninia – denn sie war es – den Hügel erreicht. Sie sank zur Erde nieder und ihre Hand, nach einem Halt tastend, fand das kleine Sträußchen Alpenrosen. Da entrang sich eine Empfindung freudigen Hoffens ihrer Brust, und nun auch in zitternden Lauten den Lippen der Name: „Beppo, Beppo! –“

Es war zu spät! Ungehört verhallte der Ruf; der, dem er galt, war im Dunkel der Nacht verschwunden.


13. Neue Heimath.

Das Dorf Surley erholte sich nicht wieder von dem schweren Unglück, das es im Frühjahr 1791 erlitten hatte. Wohl waren mit der Zeit die Steinblöcke, der Schlamm und das Gerölle weggeschafft worden, doch die zerstörten Häuser blieben unbewohnt, ihre früheren Insassen wollten nicht mehr nach dem unglückseligen Orte zurückkehren. Drüben auf der anderen Seite des Sela, in dem höher gelegenen, sicheren Silvaplana siedelten sie sich an. Zum Bauen der neuen Wohnstätten, Ställe und Stadel holten sie sich Steine und Holzwerk hinüber, und so vergrößerte sich dieser [644] bisher unansehnliche Ort in denselben Maße, wie das vor jener Katastrophe so stattliche Surley verödete. Die schweren Heimsuchungen des Dorfes sollten dabei noch immer nicht zu Ende sein. Zwei Jahre nach jener Schreckensnacht, im März des Jahres 1793, überschwemmte abermals eine gewaltige Wasserfluth das unglückliche Dorf, und hatte bisher wohl die Hälfte der Bewohner ihren Heimathsort mit dem nahen Silvaplana vertauscht, so zog ihnen jetzt wieder ein großer Theil der Zurückgebliebenen nach. Die mühsam von Schlamm und Steinen gereinigten Wiesen, welche kaum begonnen hatten, sich wieder mit spärlichem Grün zu schmücken, wurden abermals fußhoch mit Schutt bedeckt, viele der flüchtig ausgebesserten Häuser stürzten vollends zusammen und die neue Auswanderung war eine zwingende, traurige Nothwendigkeit geworden. Bei dieser zweiten Ueberschwemmung fiel auch der nothdürftig erhaltene Theil des Hauses Madulanis in Trümmer, und der ehemals reiche Mann war hiermit vollständig verarmt. –

Madulani lebte noch. Seine Krankheit war eine langwierige gewesen, aber mit dem Hochsommer hatte er sein Lager und das Haus verlassen dürfen, um von der milden Sonne des Thales seine volle Genesung zu erwarten. Doch seine Kraft schien gebrochen und ein schwerer Kummer fraß ihm am Herzen, den er in finsterem Schweigen mit sich umhertrug, den die aufopfernde Liebe seines Kindes, das tröstende Zureden seines Weibes nicht zu lindern vermochten. In der schweren Heimsuchung waren ihm endlich die Augen aufgegangen über die Schuld, die er gegen beide auf dem Gewissen trug, und wenn er sich auch nicht zu vielen Worten deshalb verstehen mochte, so merkten Mutter und Tochter doch sein stetes Bestreben, stillschweigend für die frühere Härte um Vergebung zu bitten. Hätte Beppo an seiner Seite gestanden, als er wieder zu sich kam, er würde auch ihm reuevoll die Hand gereicht haben. Doch Beppo sah er nicht an seinem Krankenlager; er fand ihn nicht im Hause, als er wieder umherwandeln konnte, und seinen Fragen nach ihm wurde keine Antwort. Er war wohl todt, – im Elend gestorben, dann hatte er, Madulani, eine neue noch schwerere Schuld auf dem Gewissen, und bei solchen Gedanken verdüsterte sein Gemüth sich mehr und mehr.

Und Aninia? Ihre Gesundheit hatte unter den schweren Schicksalsschlägen nicht gelitten, nur war sie ernster und ihr Antlitz bleicher geworden. Zugleich war es, als ob die frühere Energie des Vaters in der Tochter aufgelebt sei. Hochaufgerichtet, in fester Haltung ging sie einher und verrichtete die schwersten Arbeiten unverdrossen gleich einer Magd. Dabei war sie jetzt zur vollen Frauenschöne erblüht, und selbst die Blässe ihres Gesichtchens, aus dem die dunklen Augen hervorleuchteten, erhöhte dessen Liebreiz. Von Beppo sprach sie nie, nur noch im Gebete kam sein Name über ihre Lippen. Ihr Geheimniß hielt sie fest im Busen verschlossen, nur der Mutter hatte sie es an jenem Unglückstage anvertraut. Ob sie ihn noch immer liebte? O gewiß! Doch gedachte sie seiner nur wie eines Todten. – Die anderen hielten ihn für todt und hatten den armen Beppo wohl auch schon vergessen.

Als das zweite Unglück über Surley gekommen war und an den Cavig mit seiner Familie nach der völligen Vernichtung seines Eigenthums die Nothwendigkeit herantrat, sich irgendwie ein Unterkommen zu suchen, entweder auszuwandern oder abermals die Mildthätigkeit des ebenfalls schwer geschädigten Clo in Anspruch zu nehmen, da ging Aninia, ohne den Ihrigen ein Wort von ihrem Vorhaben zu sagen, hinüber nach Silvaplana. Dort stand, gerade dem Saumpfad gegenüber, der aufwärts über den Julierpaß und dann hinunter ins Rheinthal nach Chur führte, eine Herberge. Vor Jahren war ein Mann aus jenem deutschredenden Theile Graubündens nach Silvaplana gekommen, hatte sich dort als Wirth angesiedelt und seinem Hause den deutschen Namen „Zum wilden Mann“ gegeben. Nun hauste eine Witwe darinnen mit zwei Kindern, einem Mädchen und einem Knaben von vier und fünf Jahren – der Mann war vor kurzer Zeit gestorben. Dort trat Aninia ein und hatte mit der Frau eine lange Unterredung, worauf sie mit einem freudigen Ernst in ihren Zügen nach Surley zurückkehrte. Sie fand die Eltern in dem Hause des Clo, in gedrückter Stimmung, denn das Elend stand vor der Thür und kein Ausweg wollte sich zeigen.

„Vater, Mutter, kommt!“ rief Aninia den Ihrigen mit fester Stimme entgegen. „Ich habe Euch in Silvaplana eine wohnliche Kammer und den täglichen Unterhalt ausgemacht; wir brauchen dem guten Clo und seinem Weibe nicht wieder zur Last zu sein, ja ich hoffe sogar, auch sie noch unterstützen zu können.“

„Was hast Du gethan?“ fragte Mutter Barbla, sich überrascht von ihrem Schemel erhebend und mit besorgter Miene auf Aninia zutretend.

„Fragt jetzt nicht, Mutter! Ihr werdet es schon erfahren. Rafft unsere Sachen zusammen und kommt!“ entgegnete die junge Frau.

„Ich verlasse Surley nicht,“ sprach Madulani mit dumpfer Stimme, „unter seinen Trümmern will ich begraben sein.“

Da trat Aninia auf ihn zu, legte ihm die Hand fest auf die Schulter und sagte tiefernst: „Ich meine doch, Vater, daß des Unglücks genug über uns gekommen wäre und es eine neue, schwere Sünde begehen hieße, noch größeres herbeizusehnen. Wir sind arm geworden, ist es da nicht immer noch besser und ehrenvoller, zu arbeiten, als – Almosen zu heischen? Ich bin jung und stark, für uns – betteln mag ich nicht, doch für Euch arbeiten will ich; ich habe mich drüben in der Herberge als – Magd verdingt.“

„Aninia!“ schrie Madulani auf, von seinem Sitze emporfahrend. Dann stöhnte er, die Hände vor das Antlitz schlagend: „Muß ich auch das noch erleben? O Du mein Herr und Gott, schwer strafst Du meine Härte und meinen Hochmuth!“

Da legte Aninia die Arme um den Hals des Vaters. „Laßt’s gut sein, Vater,“ sagte sie ernst. „Was ich thue, ist keine Schande, und es muß sein! Habt Muth und Vertrauen, es wird vielleicht noch alles gut – nun kommt!“

Da umfing Mutter Barbla weinend ihr Kind und sagte voll Bewegung: „Gold-Aninia haben sie Dich früher geheißen, aber jetzt erst wissen wir, daß Dein Herz wirklich von Gold ist!“

So war es gekommen, daß Aninia, Madulani und Frau Barbla ein neues, sicheres Asyl in der Herberge von Silvaplana gefunden hatten. –

Aninia griff tüchtig zu und unter ihren Händen gediehen das Hauswesen und die Wirthschaft, denen die Witwe allein kaum vorzustehen vermochte, und die Kinder, die ihr bald ans Herz wuchsen. Frau Barbla machte sich nützlich in Haus und Hof, auch sie hatte sich in Demuth ihrem Geschick gebeugt wie Madulani, der einst so stolze Cavig, der jetzt arbeitete, als gelte es keinem fremden, sondern dem eigenen Hausstande. Eine überraschende, erfreuende Wirkung hatte dies rückhaltlose Sichfügen in ein hartes, nicht zu änderndes Schicksal. Die Leute aus Surley, welche nach Silvaplana übergesiedelt waren, sammelten sich fast alle um ihren ehemaligen Cavig, und ganz von selbst gewann der alte Gian eine Herrschaft über sie, die weit freudiger als früher ertragen wurde, weil ihr die einstige gefürchtete Härte fehlte und die Leute sie freiwillig anerkannten. Wohl gab es auch solche, die den einst so stolzen, mächtigen Mann seine jetzige Armut und Ohnmacht fühlen ließen und ihn über die Achsel ansahen. Bei mancher geringschätzigen Bemerkung zuckte er zusammen, er erinnerte sich dann, wie er früher auf andere herabgesehen hatte, die mehr besaßen, als er jetzt; das Bild des armen Beppo stieg vor ihm auf und ein leises Stöhnen entrang sich oft seiner Brust. Aber seine düstere Stimmung wich immer wieder vor dem freundlichen, fröhlichen Walten seiner Frau und Tochter und den Anforderungen, welche die Tagesarbeit an ihn stellte. Die jüngeren Männer von Silvaplana füllten die Gaststube des „Wilden Mannes“ der schönen Aninia wegen und bald gesellten sich auch die von Sils und Campfèr hinzu. Alle kannten sie ja als das ehemals reichste und schönste Mädchen des Thales, und heute erschien sie als stattliche Frau, die bei gewohntem Ernst doch gegen jeden Gast sich freundlich erwies, noch bewunderungs- und begehrenswerther denn vordem. Noch glänzte das herrliche blonde Haar wie früher in dichten Flechten um ihren Kopf. So hieß denn des arm gewordenen Madulani Tochter wie zur Zeit, da er noch als der reichste Mann des Engadins galt, „Gold-Aninia“, und es war ein Ton offener Herzlichkeit, mit dem der hübsche Name ausgesprochen wurde.

Die Arbeit hatte den Hartgeprüften Segen gebracht, sie vor Verzweiflung gerettet und ihnen neuen Lebensmuth eingeflößt, so daß sie der Zukunft getrost entgegen sahen.

So war das verhängnißvolle Jahr 1799 herangekommen, in welchem das stille Engadin die Greuel des Krieges kennen lernen sollte.


[645]
14. Ein Stückchen Weltgeschichte in entlegenem Hochthal.

Die Schweiz war durch die französischen Volksbeglücker aus einem freien Staatenbunde in eine durchaus unfreie „helvetische Republik“ umgewandelt worden und sah sich infolge dessen gezwungen, auf seiten der Franzosen gegen die Mächte der zweiten Koalition, an deren Spitze Oesterreich und Rußland standen, zu kämpfen. Nur Graubünden machte eine Ausnahme; es hatte sich nicht allein dem neuen Stand der Dinge nicht angeschlossen, sondern auch die Oesterreicher zum Schutze seines Bodens und seiner Freiheit herbeigerufen. Feldmarschall-Lieutenant Graf Bellegarde hielt mit einem Theil des Heeres, das unter dem Oberbefehl des Erzherzogs Karl stand, Tirol und die Pässe Graubündens besetzt. Im Rheinthal kämpfte General Auffenberg gegen den Oberbefehlshaber der französischen Armee, Massena. Am 7. März dieses Unglücksjahres 1799 wurde aber der österreichische General von Massena bei Chur geschlagen und mit seinen 6000 Mann gefangen genommen. Nur einige Kompagnien retteten sich über den Julier und den Albula ins Engadin und verbreiteten dort Schrecken und Entsetzen durch ihre Berichte über die Greuel, welche die wilden Sansculotten allerwärts verübten. Und die Franzosen zogen bereits heran, sogar von mehreren Seiten – und die Dörfer des Engadins waren von waffenfähigen Männern entblößt, die sich den freiwilligen Bündnertruppen zugesellt hatten. Nur Frauen, Greise und Kinder waren zurückgeblieben, wie überall im Engadin, so auch in Silvaplana. Wohl hatte Graf Bellegarde durch mehrere Kompagnien seiner Soldaten das Unter- und Oberengadin wie auch das Bergell bis nach Chiavenna hin besetzen lassen, doch was konnte diese Handvoll Leute, auf eine solch weite Strecke vertheilt, ausrichten? Bei dem ersten Anprall der Franzosen mußten die Oesterreicher verloren sein, niedergemacht oder gefangen genommen werden – wenn sie es nicht vorziehen sollten, ihr Heil in rascher Flucht zu suchen.

Die Stimmung der wenigen in Silvaplana zurückgebliebenen Leute war verzweiflungsvoll. Die Burschen und kräftigen Männer standen draußen im Felde, den Tod im Angesicht – vielleicht schon gefallen und eingescharrt! So dachten und jammerten die Frauen und Mütter und kein Trösten irgend einer energischeren Persönlichkeit wollte helfen. Auch das Gebahren der kleinen österreichischen Besatzung war nicht dazu angethan, diese Stimmung zu mildern. Die Anforderungen, welche die Soldaten für ihren Unterhalt stellten, überstiegen jetzt schon die Kräfte des armen Dorfes, und die rauhe, drohende Weise, in der gefordert wurde, konnte nur neue Schrecken erzeugen. Und dabei waren diese Oesterreicher noch als Freunde gekommen, das Dorf und seine Bewohner zu schützen! Wie würde es ihnen erst ergehen, wenn die Feinde, die Franzosen, einrücken sollten?!

Jetzt war die Uebersiedelung des ehemaligen Cavigs von Surley mit Frau und Tochter für die Silvaplaner ein wirkliches Glück geworden, denn die drei waren es hauptsächlich, welche in diesem allgemeinen Wirrsal den Kopf nicht verloren. Madulani war im Dorf geblieben, weil seine Körperkraft nicht mehr für den Kriegsdienst ausreichte; auch glaubte er hier dem Ort und den Zurückgebliebenen nützen zu können. In heimlicher Zwiesprache veranlaßte er die rüstigsten der alten Leute, welche noch im Dorfe weilten, alles werthvolle Hab und Gut nächtens in den Ställen und Kellern oder unter das Heu und Holz der Stadel zu bergen, zu vergraben, und Mutter Barbla wie Aninia versuchten, den Frauen Muth einzuflößen. Als dies wenig fruchten wollte, trieben beide die Zaghaften an, von sämmtlichen Vorräthen ihres Roggen- und Kastanienmehls Brot zu backen und es nach dem Crestalta zu schaffen als dem einzigen und sichersten Zufluchtsort für die Mütter und Kinder bei dem gewiß nahe bevorstehenden Einfall der Franzosen.

Und Eile that Noth! Das sagten sich auch die in Silvaplana liegenden Oesterreicher. Denn kaum waren die Flüchtlinge des vernichteten Heertheiles Auffenbergs mit ihrer Hiobspost in Silvaplana eingezogen – um so rasch als möglich ihre Flucht fortzusetzen – als die dortige kleine Garnison nichts Eiligeres zu thun hatte, als sich ihnen anzuschließen, und vereint marschirten sie nun in großer Hast nach Campfèr, dann dem Unterengadin, der schützenden Bündner- und Tirolergrenze entgegen. Jetzt war kein Augenblick mehr zu verlieren, denn schon in den nächsten Stunden konnten die Franzosen einrücken. Aninia trieb die Frauen zur Flucht nach dem Crestalta und führte den jammernden Zug mit gewohnter Entschlossenheit an. Sie wollte zum Vater zurückkehren, sobald sie die Frauen, die Kinder und die Kranken untergebracht hätte, aber Madulani bestand darauf, daß sie dies nicht thue, und Aninia fügte sich, wenn auch vielleicht nur scheinbar. Bald war sie mit ihrem Gefolge auf dem Hügel angelangt, wo sie sich vorerst für geborgen halten konnten. Nun harrten sie in banger Sorge, was unten in den Dörfern geschehen würde. – Madulani hatte den Seinigen gelobt, durchaus vorsichtig zu reden und zu handeln; er hatte sich auch schon einen Plan erdacht, die verhaßten Feinde so rasch als möglich aus dem menschenleeren Dorfe hinauszubringen. Mit den zurückgebliebenen Männern schaffte er die wenigen noch gefüllten Weinfässer des „Wilden Manns“ in ein schon früher wohl vorbereitetes Versteck, wo die Franzosen sie gewiß nicht suchen noch finden würden. Leere Fässer wurden dafür in den Keller gerollt, der außer diesen nur noch ein Fäßchen Branntwein enthielt. Das war alles, was die Eindringlinge nebst dem Wasser der Brunnen an Trank erwartete – zu beißen gab es, anßer einigen harten Broten, auch nichts mehr im ganzen Dorfe. Nun konnten die Franzosen kommen – und sie kamen! –

[658]
General Desolles war mit einem Theil des französisch-italienischen Heeres durch das Veltlin in Graubünden eingerückt und zog über Bormio, das Wormser- und Stilfserjoch den Oesterreichern in Tirol entgegen. General Lecourbe fiel von Norden her an drei Stellen über den Septimer, den Julier und den Albula in das Oberengadin ein.

Am Morgen des 11. März, am Tage nach dem Abzug der Frauen, Kinder und Greise aus Silvaplana nach dem Crestalta, erschienen die ersten Franzosen auf den Höhen über dem Dorfe Casaccia im Bergell, am Fuß des Malojapasses und nur etwa drei Stunden von Silvaplana gelegen. Dort kampirte noch immer eine kleine Abtheilung Oesterreicher, die nicht so glücklich gewesen war, sich rechtzeitig vor den wilden Feinden retten zu können. Nur zu rasch wurde sie überwältigt, theils niedergemacht, theils gefangen genommen, dann begann das Plündern des armen Dorfes, das Mißhandeln seiner unglücklichen Bewohner. Nun marschierte die Truppe der „Volksbeglücker und Freiheitshelden“ unter ihrem zum Siegesruf gewordenen Wahlspruch: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!“ weiter über den Maloja.

Sie durchzogen raubend und plündernd die oberen Dörfer Sils Maria und Sils Baseglia und fielen gegen mittag in Silvaplana ein, kurz nachdem der zweite und größere Theil der Brigade mit reitenden Jägern und einer Batterie unter wildlärmendem Singen der Marseillaise von der Höhe des Juliers in das Hochthal niedergestiegen und ebenfalls in Silvaplana eingetroffen war. Hier kommandierte der junge Brigadegeneral Mainoni, was sich als ein besonderes Glück für Silvaplana erweisen sollte, denn ihm war als Italiener auch der romanisch-ladinische Dialekt nicht ganz fremd. Hoch zu Pferde hielt er mit mehreren seiner Offiziere vor der Herberge „Zum wilden Mann“, auf der einzigen platzartigen Stelle in der langgestreckten Dorfgasse. Madulani hatte sich mit seinen wenigen alten Männern genähert und ihn mit zagenden Worten um Schonung gebeten. Auf die barsche Aufforderung des Generals, Speise und Trank für seine Soldaten herbeizuschaffen, erhielt der [659] Gewaltige die mit zitternder Stimme gegebene Antwort, daß sämmtliche Bewohner mit allem, was sie nur hätten fortschleppen können, schon längst in die Berge geflohen wären, und das wenige, was übrig geblieben, wäre von den Oesterreichern verzehrt und mitgenommen worden. Sie allein, weil zu alt und zu schwach, wären geblieben, um den Herrn General zu empfangen und den Soldaten ein Fäßchen Branntwein anzubieten, das sie mit Müh’ und Gefahr vor den abgezogenen Oesterreichern zu bergen vermocht hätten. Der Bürgergeneral stieß bei solcher Antwort einen gräulichen Fluch aus, dann befahl er, das Fäßchen herbeizuschaffen und das ganze Dorf zu durchsuchen, mit der Drohung, wenn es sich anders verhalten sollte als angegeben, würde er die Männer sammt und sonders erschießen lassen. Madulani und seine am ganzen Leibe zitternden Genossen hatten bald den Branntwein aus dem Keller hervorgeholt und muthig wollte ersterer beginnen, den ihn umringenden Soldaten die Gläser und Becher zu füllen, als plötzlich Aninia neben ihm stand. Dem zum Tode erschrockenen Vater nahm sie das Glas aus der Hand und trat festen Schrittes auf den General zu. Ihr ernstes bleiches Antlitz zu einem freundlichen Ausdruck zwingend, reichte sie ihm den Trank mit dem landesüblichen Gruß. Erstaunt, doch nicht unfreundlich schaute der republikanische Befehlshaber die junge, schöne Frau an, die da so plötzlich wie aus dem Boden herausgewachsen vor ihm stand. Er nahm das Glas, dankte durch ein Neigen des Hauptes, trank und reichte es dann seinen Offizieren, die es sich von dem jungen Weibe mehrfach füllen ließen. Währenddem fragte der General mit sichtlicher Erregung: „Wer bist Du? wie heißest Du?“

„Es ist meine Tochter, Aninia,“ antwortete Madulani, noch immer nicht Herr seiner Aufregung über das unerwartete Erscheinen seines Kindes in diesem gefährlichen Augenblicke. „Ich glaubte sie bei den anderen Frauen und Kindern – in den Schluchten unserer Berge.“

„Heute nacht bin ich zurückgekehrt,“ antwortete Aninia mit fester Stimme, „denn mein Platz ist bei meinem Vater. Es wäre feige gewesen, hätte ich ihn allein der Gefahr überlassen wollen. Doch von dem Bürgergeneral haben wir nichts zu fürchten.“

„Du bist ein wackeres Weib, eine echte Schweizerin!“ rief der General mit hellem Enthusiasmus. „So lange ich hier bin, könnt Ihr ruhig sein – doch seht Euch vor,“ setzte er leiser und wohl nur für Aninia bestimmt hinzu, „daß Ihr zu anderer Zeit nicht meinen Soldaten – und Offizieren in die Hände fallt!“

Diese hatten sich bereits von allen Seiten in die Nähe Aninias gedrängt, sie zu bewundern und sich von ihr einen Trunk kredenzen zu lassen. Die Franzosen wurden immer lustiger, kecker, und es wäre zu schlimmen Auftritten gekommen, wenn General Mainoni nicht hoch zu Pferde die immer dichter werdende Gruppe überwacht – sogar mit Blicken überwacht hätte, die ebenso viel Bewunderung wie Eifersucht kündeten. Doch auch Aninias feste, muthige Haltung, ihre ernsten Blicke machten Eindruck auf den wilden Soldatenhaufen und trugen viel mit dazu bei, daß der bedenkliche Auftritt ohne weitere gefährliche Ausschreitungen vorüber ging.

Während dieser Zeit hatten andere Trupps sämmtliche Häuser und Hütten des Dorfes vom Keller bis unter das Dach durchsucht und weiter nichts gefunden als einige steinharte Roggenbrote. General Mainoni hatte Mühe, ihr Wettern und Fluchen zum Schweigen zu bringen, und da ihm strenger Befehl geworden war, noch am Abend mit seinem Chef, dem General Lecourbe, in Ponte am Fuß des Albula zusammen zu stoßen, so ließ er zum Aufbruch blasen und kommandierte sein: „En avant – marche!“

Madulani und die Männer von Silvaplana hatten inzwischen durch den glücklichen Verlauf des gefährlichen Auftritts wieder Muth bekommen, sie tranken sogar mit und ließen schließlich in ihrer dankbaren Freude ihre Gold-Aninia hoch leben. Der junge General hörte den Namen mit offenbarer Freude, und als seine Soldaten lärmend in das Hoch einstimmten, da lüftete er grüßend seinen mit blau-weiß-rothen Federn geschmückten Hut und hielt so lange mit einigen Offizieren vor der Herberge, bis der letzte Trupp an ihm vorbeidefilirt war. Dann wandte er sein Pferd der kleinen Gruppe der Silvaplaner Leute zu, reichte, sich niederbeugend, Aninia die Hand und sagte in freundlichem Ton: „Leb wohl, schöne Gold-Aninia, und laß Dich warnen von einem Manne, dessen Theilnahme Du gewonnen hast – dem Dein Anblick wohlgethan hat. Sei vorsichtig und vertraue nicht zu viel Deinem kecken Muthe! – Heute habe ich Dich schützen können; doch kommen neue französische Truppen, so verbirg Dich, so weit und tief Du nur kannst! Es sollte mir wahrlich leid thun, wenn der schönen Gold-Aninia ein Unglück geschähe. Leb wohl!“ Damit sprengte er mit den Seinigen die Dorfgasse hinab, um wieder an die Spitze seiner Kolonne zu gelangen.

* * *

Nun trat für das Ober-Engadin, besonders für Silvaplana und dessen weitere Umgebung, eine kurze, freilich nur nach Wochen bemessene Zeit der Ruhe ein, während welcher die zurückgekehrten Bewohner sich der Hoffnung hingaben, das Aergste überstanden zu haben. Aber die Rückfluth der über die Pässe gezogenen Truppen sollte nicht ausbleiben. General Desolles kämpfte unglücklich gegen die Oesterreicher in Tirol und sah sich genöthigt, den Rückzug über das Wormser Joch anzutreten. General Lecourbe mit seiner zum Theil aus Italienern bestehenden Truppe stieß zu ihm. Sie zerstörten die Innbrücke bei Ponte in dem Glauben, dadurch den Oesterreichern den Weg in das Oberengadin und das Rheinthal zu versperren und sich den Rückzug über den Albula und den Julier zu sichern. Lecourbe ließ die Kanonen auf Schleifen legen, die Lafetten verbrennen und trat in der Nacht seinen Marsch über den Albula an. Um das Verbrennen der Lafetten zu überwachen, ließ der General etwa hundert Mann unter dem Kommando eines Kapitäns zurück, und zu diesen Leuten zählten auch etwa zwanzig Italiener.

Der Kapitän, ein wetterharter, wilder Republikaner, hatte seinen Leuten befohlen, in dem ausgeplünderten menschenleeren Dorfe Ponte zu biwakieren, da erst am Morgen der Rückmarsch und zwar über den Julier angetreten werden sollte, um, wie er seinen französischen Soldaten – es waren solche der schlimmsten Sorte – mit einem bösen Lächeln sagte, auf dem Rückweg nachzuholen, was bei ihrem Einzug in das Engadin durch die Schwäche ihres Generals versäumt worden war. Um die Feuer der brennenden Lafetten, welche noch immer haushoch emporloderten, hatten sich die Soldaten in verschiedenen Gruppen niedergelassen, aßen das Wenige, was sie erbeutet hatten, oder vertrieben sich die Zeit mit Singen und Tanzen.

In der Gegend, wo die wenigen Italiener lagerten, saß etwas abseits ein Soldat, dessen rothe Streifen auf dem Aermel der abgenutzten Uniform ihn als Korporal seines Regiments bezeichneten. Es war ein Mann von etwa dreißig und einigen Jahren, groß, breitschulterig und wohl von einer nicht gewöhnlichen Körperkraft. Sein Gesicht war tief gebräunt, dichtes Lockenhaar und ein starker Vollbart von schwarzer Farbe umrahmten Kopf und Antlitz und verliehen der ganzen Gestalt in der eigenthümlich grellen Beleuchtung der lodernden Flammen eine Wildheit, die auf den ersten Anblick Furcht einflößen mußte. Doch blickten die großen dunklen Augen träumerisch, sogar recht schwermüthig vor sich hin; der Mann schien in ein tiefes, ernstes Sinnen versunken zu sein. Da näherte sich ihm langsam einer der Soldaten, ein älterer Mann, in einer noch schlechteren, ziemlich zerfetzten Uniform. Eine ganze Weile blickte er den Träumer an, dann ließ er sich kopfschüttelnd neben ihn nieder, legte die Hand auf seinen Arm und sagte endlich in den weichen Lauten ihrer italischen Mundart:

„Was hast Du denn, Kamerad? Du bist seit einiger Zeit so verwandelt, daß man Dich nicht wieder kennt. Was ist denn los? Ich wollte schon lange mit Dir reden, wenn sich die Gelegenheit dazu gäbe. Aber bei einem solchen Brummbär, wie Du jetzt bist, kann man lange auf Gelegenheit warten. Vorwärts also! Was giebt’s? Bist doch sonst ein frischer Bursch gewesen, der in den Kugelregen hineinlief, als sei ihm das eine aparte Lustbarkeit. Und nun, seit wir uns in diesen gottverdammten Eis- und Schneebergen herumbalgen, hängt er den Kopf wie ein krankes Huhn und gönnt seinem Kameraden kein Wort mehr, mit dem er doch sonst treu zusammengehalten hat!“

Der Mann hatte die letzten Worte trotz des polternden Tones mit einer solchen Herzlichkeit gesprochen, daß der andere ihn gerührt ansah. Endlich sprach er langsam mit halber Stimme:

„Ich will es Dir sagen, Andrea. Bisher schlugen wir uns nur mit Oesterreichern, die mir gleichgültig waren. Hier im Engadin aber standen uns auch Schweizer, Bündnerleute gegenüber, und ich hätte lieber auf die Hunde-Franzosen geschossen als auf einen Engadiner.“

[660] „Wenn es weiter nichts ist,“ rief der Soldat, in seiner Freude wohl ein wenig überlaut, „dann begreife ich Dein Gesichterschneiden und verdenke es Dir nicht, Beppo! Denn gerade so erging es mir und deshalb schoß ich immer über die Weiß- und Grauröcke hinaus.“

„Still, um der Madonna willen!“ flüsterte der Korporal besorgt. „Wenn man solche Worte hörte!“

Doch der andere kümmerte sich kaum um die Warnung. Hastig, wenn jetzt auch leiser und vorsichtiger, fuhr er fort: „Und jetzt sollen wir erst recht in Dein Engadin hinein, das Dir so nahe geht, denn wir marschieren nicht über den Albula, sondern weiter die Seen hinauf, dann über den Julier.“

„Ueber Silvaplana – den Julier sollen wir marschieren?!“ rief der Korporal, seinen Kameraden mit weitaufgerissenen Augen anstarrend.

„So sagte der Capitano, dem wir jetzt zu gehorchen haben – der Satan mag ihn holen!“ versetzte der Soldat. „Er muß etwas im Schilde führen – denn er lächelte so eigenthümlich mit seinen gelben Zähnen, wie er allemal thut, wenn er eine Schurkerei im Sinne hat, der Halunke!“

„Nach Silvaplana?!“ murmelte der andere nochmals vor sich hin, als ob er bereits in Gedanken an dem genannten Orte weile.

„Du scheinst keine besondere Lust zu haben, in das Nest zu kommen? Nun, den Kameraden geht es ebenso, sie möchten lieber noch heute nacht desertieren und den Heimweg über das Eis des Bernina einschlagen, als mit den Hunde-Franzosen immer weiter nach Norden und dem Rheinthal zu ziehen. He, Beppo, was meinst Du dazu?“ flüsterte er nun dem Ohr des Korporals ganz nahe.

„Das geht nicht an, Andrea,“ entgegnete Beppo, „wir müssen mit. – Es wäre eine Schande, wenn die Franzosen uns hinterrücks erschießen würden, denn entkommen können wir ihnen jetzt bei dieser höllischen Beleuchtung nicht. Gehen wir schlafen! – Ich will die heilige Madonna bitten, daß sie mit mir sei auf diesem schweren Wege.“

Die letzten Worte hatte er kaum hörbar vor sich hingesprochen, dann streckte er sich auf den grauen Soldatenmantel aus, der am Boden lag, und schien wirklich einzuschlummern.

Andrea kehrte langsam zu seinem nahen Lagerplatz und den dort kauernden Kameraden und Landsleuten zurück, mit einem letzten Seitenblick auf den Korporal zwischen den Zähnen murmelnd: „Der Henker mag wissen, was er hat! Dahinter steckt noch etwas, und erfahren muß ich es auch.“

Der Korporal Beppo lag inzwischen mit halbgeschlossenen Augen da, aber der Schlaf wollte nicht über ihn kommen. Seine Lippen bewegten sich und leise kam es zwischen ihnen hervor:

„Ist es Gott – oder der Teufel, der mich nach dem Orte führt, den ich in diesem Leben nicht wiederzusehen – glaubte? – Ob sie noch dort ist – und an den armen Beppo denkt? – Ob sie mir wohl verziehen hat? – Nein, nein! meine Schuld ist zu groß, für mich giebt’s keine Verzeihung! – O, hätte ich ihn doch gefunden, den Tod auf dem Schlachtfeld, den ich seit Jahren suche! – aber es war vergebens, ich fand ihn nicht, ich mußte leben – mein elendes Dasein ertragen. – Wozu? – Was hat der Richter dort oben mit mir vor, daß er mich wieder an den Ort meiner Unthat führt? – Soll ich dennoch hoffen dürfen, daß mir Vergebung zu theil werde? – Aninia! Aninia!“ rief er plötzlich laut mit überwallendem Gefühl und zitternder Stimme. Er sah sich hastig um, niemand hatte ihn gehört. Tief aufseufzend wickelte er sich fester in seinen Mantel, dann wurde er still, und bald kam der ersehnte Schlaf, ihn mit wohlthätigem Vergessen zuzudecken.


15. Die Sühne. – Schluß.

Am frühen Morgen verließ die kleine Abtheilung Franzosen und Italiener, unter Anführung ihres Kapitäns, das Dorf Ponte, den furchtsam und zögernd wieder einziehenden Bewohnern nichts zurücklassend, als die qualmenden Kohlenreste der Lafetten. Eine ziemliche Anzahl Dörfer war zu passiren, doch nichts in ihnen zu holen, wie gewaltsam auch die Franzosen Keller und Ställe durchwühlten. Manche Wohnstätte fiel der wilden Wuth der französischen Soldaten zum Opfer und hinter den Abziehenden loderten Flammen empor. Doch der Kapitän trieb seine Leute mit dem Säbel in der Faust zum Weitermarsch an; er stellte der Horde am Ziel ihres Marsches durch das Hochthal eine Rast in Aussicht, bei der sie sich ungehindert ihrer Zerstörungslust und ihrem Zorn über das elende Schweizer- und Bündnervolk überlassen könnten. Das konnte nur dem schon jetzt dem Untergange geweihten Silvaplana gelten.

Dort hatte man keine Ahnung von der Annäherung der Franzosen. Als die ersten Flüchtlinge vom See Murezzan und Campfèr anlangten, da war es bereits zu spät, um die Weiber, die Kranken und die Kinder noch nach dem Crestalta zu flüchten; denn schon ertönte in der Ferne, unabwendbares Unheil verheißend, der wüste Gesang der Marseillaise.

Das wilde Singen und Lärmen der Franzosen, welches bei deren Näherrücken den horchenden Silvaplanern stets greller erklang, war, nachdem die Schar die lange Dorfgasse betreten hatte, einer plötzlichen unheimlichen Stille gewichen. Lautlos, doch mit stechenden Augen, mit grinsendem, höhnischem Lächeln umherschauend, war der kleine Trupp nach dem freien Platz vor der Herberge und dem Aufgang zur Paßhöhe des Juliers marschiert und hatte sich dort, nach einem Kommando des Kapitäns, im Halbkreise um diesen aufgestellt.

Wieder standen Madulani und die vier alten Männer, die Mützen in den Händen, mit demüthiger Gebärde vor der Herberge, doch diesmal in noch weit bangerer Erwartung als vor etwa zwei Monaten, denn das gelbe und gefurchte, wildhäßliche Gesicht des französischen Kapitäns war lange nicht so vertrauenerweckend als das jugendliche Antlitz des republikanischen Generals. Unwillkürlich mußte Madulani an dessen Warnungen denken und zum erstenmal überkam ihn eine tödliche Angst.

Ohne sich um die geduldig seiner Befehle harrenden Männer zu kümmern, ließ der Kapitän die einzige Trommel, welche der Trupp mit sich führte, rühren und redete dann mit lauter Stimme seine Soldaten im Kommandoton folgendermaßen an:

„Bürger, Soldaten! Wir sind in dem Nest angelangt, von dem ich Euch bereits als Rastort gesprochen habe, dessen elende Bewohner bei unserem Einzug in diese Eisregionen, welche wir nun für immer verlassen werden, den Bürgergeneral Mainoni durch schöne Worte und ein glattes Gesicht belogen und betrogen haben. Jetzt ist die Stunde ihrer Strafe gekommen. – Achtung! – Die Säbel gezogen! – Die Gewehre können ruhen, das Bauernvolk ist keinen Schuß Pulver werth und unsere Säbel werden bessere Arbeit verrichten. – Vierzig Mann meiner Kompagnie vertheilen sich durch das ganze Dorf – der Tambour bleibt hier bei mir und den Italienern. Sobald Ihr das Wirbeln der Trommel vernehmt, fallt Ihr in die Häuser ein, säbelt nieder, was sich zur Wehr setzt, und zündet ihnen die Baracken über den Köpfen an. An allen vier Ecken soll das Nest aufflammen und mir ein lustiges Hochzeitsfeuerchen liefern. Und nun – en avant – marche!

Ein lauter, lärmender Jubel erhob sich nach diesen entsetzlichen Worten, und von den Franzosen, die, wie auch die Italiener, ihre Säbel gezogen hatten, löste die Hälfte sich ab und vertheilte sich schreiend und johlend in der langen Dorfgasse. Jetzt gebot der Kapitän abermals mit schriller Stimme Ruhe, und als diese unter seinen zurückgebliebenen Leuten einigermaßen eingetreten war, rief er plötzlich in den kleinen Trupp Italiener hinein, die mit ihren gezückten Säbeln eng aneinander gerückt dastanden:

„Wer von Euch die vermaledeite Sprache dieser helvetischen Eisbären spricht, der trete vor und übersetze den Bauern, was ich soeben gesagt habe – und noch sagen werde! Schnell! denn ich will keine Minute mehr mit unnützen Reden verlieren. – Tambour, halte die Schlägel bereit!“

Da wurde aus dem Knäuel der italienischen Soldaten ein Mann gewaltsam nach dem bereits ungeduldig fluchenden Kapitän hingestoßen. Er war in dem Valtelino daheim, sprach Romanisch-Ladinisch, und mit finsterer Miene begann er dem erbleichenden Madulani und dessen Genossen die verhängnißvollen Befehle des Franzosen zu verdolmetschen. Andrea hatte den Valteliner, auf ein Zeichen seines Korporals, aus der Reihe hinausbefördert. Beppo stand während des ganzen Auftritts wie versteinert unter den Genossen, seine gebräunte Gesichtsfarbe war zu einer erdfahlen geworden, und mit weit offenen Augen starrte er fast athemlos Madulani an. Sein Geist schien noch nicht fassen zu können, was hier vorging und auf dem Spiele stand. Auf dem Marsche hatte er nicht nach der Seeseite zu schauen gewagt, aus Furcht, die Ruinen des durch ihn zerstörten Dorfes erblicken zu müssen. Nun sah er plötzlich Madulani vor sich, wenn auch immer noch [662] in der ehemaligen starkknochigen Gestalt, doch sichtlich zu einem alten, schwachen Mann geworden. „Wo er ist, wird auch sie sein – wenn sie nicht längst im Grabe neben ihrem Kinde liegt,“ sagte er sich. Da nannte der Kapitän einen Namen, der Beppo gleich einem Posaunenruf aus seiner Starrheit aufweckte. Nun wußte er wieder alles und auch das Entsetzliche, was in den nächsten Augenblicken geschehen mußte – wenn Aninia hier war!

„Jetzt zu Dir, Alter!“ hatte der Kapitän, zu Madulani gewendet, gerufen. „Deine Tochter will ich sehen, sie ist drinnen in der Herberge. O! ich habe ebenso wenig ihr teufelsmäßig hübsches Gesichtchen, ihr goldblondes Haar vergessen wie ihren Namen ‚Gold-Aninia‘! Rufe sie auf der Stelle, oder ich dringe mit meinen Soldaten ins Haus, wo es der jungen und hübschen Weiber ganz bestimmt noch mehr giebt, und alles, was wir finden, gehört uns! En avant, in Satans Namen!“

Der Valteliner brauchte diese neuen furchtbaren Worte Madulani nicht zu verdolmetschen, denn der arme alte Mann hatte ihre Bedeutung aus den Blicken, den Gebärden des Elenden und der Art, wie dieser den Namen seiner Tochter aussprach, nur zu deutlich erkannt. Noch war der Kapitän nicht zu Ende, da lag Madulani vor ihm auf den Knieen und flehte mit gerungenen Händen und bebender Stimme um Schonung der Seinigen und der armen Frauen.

Sinnlos vor Wuth über diesen Widerstand griff der Kapitän unter einem greulichen Fluch nach seinem Säbel – im nächsten Augenblick wäre es um das Leben des alten Mannes geschehen gewesen – er hätte es für sein Kind lassen müssen – ohne ihm dadurch nützen zu können. – Da ließ der Kapitän plötzlich den Säbelgriff fahren und mit einem grellen Freudenschrei fuhr er einen Schritt zurück, denn unter der Thür war Gold-Aninia erschienen. Ihr Angesicht war bleich wie das einer Todten und ernst, mit flammenden Blicken wie ein zürnender Engel Gottes schaute sie den Kapitän an.

Beim Anblick des schönen jungen Weibes erhob sich unter den Franzosen ein lauter wildfreudiger Tumult, in dem der jähe Aufschrei: „Aninia!“, der aus der Gruppe der Italiener hervortönte, ungehört unterging.

„Voran, Kinder! holt Euch drinnen Eure Beute!“ schrie der Kapitän seinen Soldaten zu. Zugleich gab er dem vor ihm knieenden Madulani einen solchen rohen Stoß, daß der alte Mann zur Erde fiel; dann sprang der Unhold mit der Gier eines Raubthiers auf das bleiche Weib zu, das ihn unbeweglich, scheinbar ohne Widerstand erwartete.

Doch er kam nicht dazu, sein Opfer auch nur mit den Fingerspitzen zu berühren. Aus der Reihe der Italiener brach mit einem knirschenden Wuthschrei der Korporal hervor, faßte den Elenden mit der freien Hand am Halse und schleuderte ihn mit leichter Mühe mehrere Schritte zurück – während zugleich eine plötzliche Bewegung in die Gestalt Aninias kam, die zusammenzuckend nach dem Pfosten der Thür griff, um einen Halt zu finden. Die Lippen wollten einen Namen rufen, doch die Stimme versagte ihr – nur die großgeöffneten Augen starrten ihren Retter wie eine Geistererscheinung an.

Im nächsten Augenblick veränderte sich blitzschnell die ganze Scene. Der Kapitän war schäumend vor Wuth unter entsetzlichen Flüchen vom Boden aufgesprungen, zog den Säbel und holte zu einem tödlichen Schlag gegen den Korporal aus. Doch dieser kam ihm zuvor, seine Rechte hielt schon den Säbel gefaßt, und mit einem schweren Hieb schlug er dem Franzosen die Waffe aus der Hand, wobei zugleich die Schneide der eigenen Klinge seinen Angreifer mit tödlicher Gewalt zwischen Hals und Schulter traf.

Ein Blutstrom entquoll der Wunde des Kapitäns, und zusammenbrechend vermochte er nur noch röchelnd zu stöhnen: „Tambour – rühr’ die Trommel!“

Doch zu gleicher Zeit hatte auch der Korporal seinen Landsleuten zugerufen: „Jetzt drauf los! Es sind nur Räuber und Mörder und keine Soldaten!“ –

Nun gewann auch die Gestalt der bleichen Frau am Eingang der Herberge Leben. Laut, mit fester Stimme rief sie in das Haus hinein: „Herbei, Ihr Frauen! Zeiget, daß Ihr echte Schweizerinnen seid!“

Noch hatte der Kapitän das letzte Wort des entsetzlichen Befehls, der dem ganzen Dorf den Untergang hätte bringen müssen, nicht ausgesprochen; noch hatte der Tambour den Schlägel zu dem verhängnißvollen Wirbel nicht erhoben, als der Soldat Andrea ihm einen so wuchtigen Hieb auf den Arm versetzte, daß der arme Teufel mit einem Wehschrei Arm und Schlägel sinken ließ. Und schon während der Rede des Korporals befanden sich die Italiener im Handgemenge mit den Franzosen. Diese hatten anfangs mit starrem Entsetzen die rasche Ueberwältigung ihres Kapitäns gesehen, dann unter Flüchen und gellendem Rachegeschrei die Säbel gezogen. Jetzt stürzten auch die Mädchen und Frauen aus der Herberge, und unter Aninias Führung griffen sie in einer todesmuthigen Begeisterung die Franzosen an. Was nur als Waffe dienlich sein konnte, hatten sie ergriffen; mit Knütteln, Heugabeln schlugen und stachen sie auf die Feinde ein, während Madulani und die Männer auf die in Pyramiden zusammengestellten geladenen Gewehre zugelaufen waren. Nun knallten auch Schüsse, und jeder Schuß streckte einen Franzosen zu Boden. Die Italiener, mit ihrem Korporal und Andrea an der Spitze, schienen ihren ganzen Haß gegen die Franzosen in ihre Hiebe zu übertragen, denn trotzdem ihre Feinde noch einmal so zahlreich waren als sie, so mußten jene doch bald, von allen Seiten angegriffen, weichen. Auch lag bereits ein großer Theil von ihnen verwundet und verblutend am Boden. Wohl zogen die Schüsse die in der Dorfgasse harrenden Franzosen herbei, doch es war bereits zu spät, denn da der auf dem Platz vor der Herberge kämpfende Haufen zum Weichen gebracht war, hatten auch die Italiener sich der Gewehre bemächtigen können. Jetzt mußten die Franzosen fliehen, wenn ihnen ihr Leben lieb war, und der übermüthige Befehl des Kapitäns, daß die Bauern keinen Schuß Pulver werth seien und der Säbel allein sie züchtigen und vernichten könne, war das Unglück der wilden Horde geworden. Nach zwei Richtungen hatten der Korporal und die Seinigen sich aufgestellt, die Dorfgasse hinunter und hinauf schossen sie, während sie den Aufstieg nach der Paßhöhe des Juliers frei ließen. Und wie auf Kommando eilten die eben noch so übermüthigen Republikaner den Weg hinan, die bereits geschlagenen sowohl wie die, welche von beiden Seiten herankamen und noch zu entfliehen vermochten. Endlich hörte das Schießen auf, der Kampf war zu Ende und Silvaplana mit seinen Bewohnern gerettet! –

Keine Viertelstunde hatte das mörderische Gefecht gedauert, und dennoch lag eine ziemliche Anzahl von Verwundeten und Todten an der Erde. Es war ein entsetzlicher Anblick, den der kleine Platz vor der Herberge bot; aber wie Aninia sich während des kurzen Kampfes am heldenmüthigsten erwiesen, wie sie die Frauen durch ihr Beispiel, ihre Todesverachtung zu gleicher Thatkraft angefeuert hatte, so war sie auch jetzt die erste, welche Hand anlegte, die Verwundeten, Feinde und Freunde, in die Herberge zu schaffen. Wie eifrig griffen die Mädchen und Frauen, alt und jung, dabei zu! Und im Innern des Hauses ordnete Aninia an, theilte die Betten, breitete sie auf dem Boden der Stuben aus, die Stöhnenden und stumm Leidenden darauf zu legen. Da trat Mutter Barbla auf Madulani zu, der mit den andern Männern die schwere Arbeit beginnen wollte, die Todten einstweilen in einem der Häuser niederzulegen.

„Gian,“ sprach sie so leise zu ihm, als ihre Aufregung dies nur gestattete, „Gian, hast Du ihn erkannt?“

„Still, Mutter!“ entgegnete mit tiefem Ernst Madulani. „Du wirst es sehen – wenn er kommt.“

Da kehrten die wenigen Italiener nach und nach zurück, ihre Arbeit war gethan, der letzte der fliehenden Franzosen hoch oben zwischen den beschneiten Bergen verschwunden. Doch der Korporal war nicht mehr wie vordem an der Spitze seiner Landsleute. Endlich hatten ihn Madulanis Augen, die scharf nach ihm ausschauten, entdeckt. Hinter den letzten seiner Kameraden hielt er sich verborgen, und mit fast finsteren Blicken spähte er zwischen den sich vor ihm Bewegenden hindurch nach der Herberge. Doch die Soldaten kamen rasch näher und er allein konnte nicht zurückbleiben, er mußte mit. Gab es doch hier auch noch Arbeit genug, wenn auch solche ganz anderer Art als die bisherige. Da faßte den Korporal plötzlich jemand am Arm – und Madulani stand vor ihm.

Der alte Mann, der ehemals so harte und stolze Cavig, wollte vor dem Soldaten in der zerlumpten Uniform in die Kniee sinken, doch erschrocken, fast entsetzt hielt dieser ihn zurück, nur mit Mühe den Namen „Madulani!“ hervorstoßend. Da sprach dieser mit einer von Thränen fast erstickten Stimme, die beiden Hände des anderen krampfhaft festhaltend:

[663] „Beppo, ich habe Dir großes Unrecht gethan und mich an Eurem Glück, an dem Leben Eures armen Kindes versündigt. Ich habe es gebüßt, schwer und hart gebüßt und hoffe, Gott hat mir verziehen. Willst Du mir auch verzeihen?“

Von Beppos Herzen wich, als der Cavig so zu ihm sprach und ihm tiefbewegt die Rechte bot, eine Bergeslast. Er hatte ein Gefühl, als öffne sich über ihm der Himmel, alles Blut drang ihm zu Kopfe und stammelnd, unfähig, ein klares Wort herauszubringen, bewegten sich seine zitternden Lippen. Da rief plötzlich vom Hause her eine nur zu wohl bekannte Frauenstimme:

„Beppo! – Beppo!“

Jetzt hielt sich der arme, der glückliche Beppo nicht mehr, denn wie er aufschaute, sah er Aninia mit strahlendem Angesichte und offenen Armen auf ihn zufliegen. Nur ihren Namen vermochte er auszusprechen, da umfingen ihn die Arme Aninias und Freudenthränen weinend barg sein Weib ihr Antlitz an seiner Brust.

„Aninia!“ stammelte er ganz verwirrt von all dem Glück, das da so plötzlich auf ihn einstürmte. „Ich soll Dich noch in meinen Armen halten – ich, der …“

„Still, still!“ raunte sie ihm hastig und nur ihm hörbar zu. „Kein Wort mehr über das, was geschehen; es ist vergeben – vergessen und gesühnt durch das, was Du jetzt für unsere neue Heimath und für uns gethan hast. – Und ich,“ rief sie jetzt wieder mit lauter Stimme – „ich habe Dich nie vergessen!“

Jetzt erst lebte Beppo auf und, sein wiedergewonnenes glückliches Weib fest an seine Brust pressend, fühlte er in einer langen seligen Umarmung alles Glück wieder neu in seinem Herzen aufblühen, das er schon so lange todt und begraben geglaubt hatte.

„Die alte Mutter Barbla scheint der Herr Soldat vergessen zu haben!“ sprach da plötzlich eine tiefe Frauenstimme.

„Mutter!“ schrie Beppo in hellem Jubel auf. Von Aninia riß er sich los und umarmte in inniger Liebe und Dankbarkeit die alte Frau, ihr die Thränen von den gefurchten Wangen, von den guten, treuen Augen küssend.

Da wurden in der Ferne kriegerische Töne, Trommelwirbel und einzelne Trompetenrufe laut, vom Ausgang des Dorfes nach Campfèr zu tönten sie her. Doch die Silvaplaner brauchten nicht mehr zu bangen, es waren österreichische Truppen, welche gekommen waren, die fliehenden Franzosen zu verfolgen und das Engadin abermals zu besetzen. Und von Stunde an hatten dessen Bewohner nichts mehr von ihren Feinden zu befürchten, friedliche Ruhe war für lange Jahre in dem stillen Hochalpenthale und bei denen eingekehrt, deren wechselvolle Schicksale, deren Freuden und Leiden wir kennengelernt haben.

* * *

Unsere Erzählung ist zu Ende, nur noch weniges bleibt zu sagen übrig.

Das arme Surley erholte sich nicht mehr, die dort Zurückgebliebenen fristeten nur mühsam ihr Leben und verarmten vollends. 1834 wurden sie noch einmal durch eine gewaltige Ueberschwemmung heimgesucht, und nun erbarmte sich endlich die Kanton-Regierung ihrer. Hoch oben auf der Alp Surley – dort, wo 1791 der Bergamasker die Wasser staute – wurde dem zeitweilig so wilden Surleybach ein neuer Weg nach dem Silvaplaner See gebahnt, und nun hätte das Dorf eine Ueberschwemmung nicht mehr zu befürchten brauchen. Doch es war zu spät! Nach einem neuen Unglücksjahr, 1834, kehrten fast alle bisher noch dort gebliebenen Leute dem gänzlicher Vernichtung geweihten Orte den Rücken und siedelten sich ebenfalls in Silvaplana an. Nur noch vier Familien blieben als die letzten zurück, und nur noch einmal im Monat kam der Pfarrer von Silvaplana, um Gottesdienst in dem ärmlichen Kirchlein zu halten, das endlich auch verfiel und zur Ruine wurde.

Das arme Surley war und blieb verödet. –

Zu den wenigen, die zwischen den Ruinen ausgehalten hatten, gehörten die Nachkommen des Clo und seines Weibes Staschia, und eine Tochter von ihnen, nach der Großmutter Maria genannt, lebte noch vor wenigen Jahren in dem alten Steinhause, welches alle Ueberschwemmungen überdauerte.

Und der Franzosen-Peider, der erste der schweizer Konditoren?

Er hat Wort gehalten und viele seiner Graubündner Landsleute sich nachgezogen, sie in seiner süßen Kunst unterwiesen und ihnen weiter vorangeholfen. Und wie er gethan, so thaten sie, und ihre Nachkommen halten es getreulich ebenso. Wer heute durch das Bergell und das Engadin reist, findet in jeder Ortschaft mehrere, oftmals eine ganze Gesellschaft ehemaliger schweizer Konditoren und Cafetiers, die in aller Herren Ländern in der ganzen civilisirten Welt fleißig gearbeitet, sparsam gelebt haben und dann in ihre Heimath zurückgekehrt sind, um hier den Abend ihres Lebens in friedlicher Ruhe zu verbringen, hier den eigentlichen Lohn ihrer Arbeit zu finden. Es ist ein schöner Beweis für die Liebe, welche die Engadiner – wie überhaupt alle Schweizer – ihrer Heimath bewahren, daß das ganze Leben und Streben, die volle angestrengte Thätigkeit eines Menschen in der glänzendsten Stadt draußen in der Welt einzig und allein darauf gerichtet ist – einstens sorgenlos in seinen abgelegenen Bergen leben und sterben zu können. Und das herrliche Engadin verdient eine solche Liebe, solch freundliches Gedenken, nicht allein von seinen eigenen Kindern, sondern von einem jeden, der es geschaut hat. Wer einmal durch seine Thäler, über seine Höhen, in seiner milden Sonne gewandert ist, vergißt es nie! – –