Herr Klein

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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
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Titel: Herr Klein
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45–48, S. 605–608, 621–626, 633–637, 645–652
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kurzbeschreibung:
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[605]
Herr Klein.
Vom Verfasser der „neuen deutschen Zeitbilder.“
I.
Die Sonntagsruhe.

Auf dem schönen, weiten Platze vor dem Kurhause zu Wiesbaden war ein bewegtes glänzendes Leben. Es war an einem Sonntag Nachmittag der Badesaison.

An einem kleinen Tische saßen ein Herr und zwei Damen. Der Herr war ein rüstiger Fünfziger, indeß so wohl erhalten, daß man ihn auch für einen Vierziger halten konnte. Die beiden Damen standen in der Blüthe der Jugend und Schönheit. Freilich sah die eine, ältere, etwas leidend, abgehärmt aus, und man konnte meinen, ihre Schönheit sei jetzt gerade wieder im neuen Aufblühen begriffen. Desto frischer, lebendiger und schelmischer blühete die Schönheit der jüngeren.

Die beiden Damen gaben sich ganz dem Genusse hin, den der schöne Platz und das Leben um sie her auf sie machten. Die Augen der älteren, blassen, hingen mehr an der reizenden Gegend; sie schweifte über die reizenden Fluren, über die dunklen Waldungen, von denen Wiesbaden so malerisch umgeben ist, hinweg nach den hohen Kuppen des Taunus, nach den schönen Gebirgen des Rheingaues. Sie schweiften und träumten noch weiter, links nach Süden hin, den Lauf des Rheines hinauf, weit, weit, über die fernsten blauen Rücken und Spitzen der Berge hinweg, dorthin, wo nur der unbegrenzte, unendliche Luftraum war. Der Blick der jüngeren Dame verlor sich nicht in die Weile, und träumte noch weniger in die unbegrenzte Ferne hinein; er hielt sich in der Nähe, an dem schönen Kurhause, das einem Taubenschlage oder Bienenkörbe glich, so flog es dort ein und aus; an dem Gewimmel auf der Terrasse, das sich bis hinten in die Stadt hineinzog, und erst in den fernsten Krümmungen der Gassen sich für das Auge verlor. Die Dame sah zugleich überall nach den schönen Toiletten, von denen es in dem Getriebe auf der Terrasse, wie an dem Bienenkörbe des Kurhauses wimmelte. Von den Toiletten glitt das Auge unwillkürlich nach den reichen, glänzenden Läden und Magazinen, die zu beiden Seiten des Platzes bis nach der Stadt hin unabsehbar sich ausbreiten.

Der ältere Herr schien nicht einen gleichen Genuß zu haben, wie die jungen Damen.

„Es ist doch reizend hier,“ sagte die schelmische Schöne mit einem Seufzer.

„O, es ist schön hier,“ erwiederte die Leidende mit einem glänzenden Blick in die weite Ferne nach Süden hinein.

„Ich weiß nicht, was Ihr nur habt,“ sagte brummig der Herr. „Unter den Zelten ist es schöner.“

„Aber, Vater!“

„Was habt Ihr hier denn? Ein paar einfältige Berge, dort unten das kleine Nest, das die Leute eine Stadt nennen, schlechten Kaffee, keine Weiße, keine Sonntagsruhe.“

Der Herr war der Geheimerath Fischer aus Berlin, die beiden Damen seine Töchter.

Der Geheimerath Fischer war ein Berliner Geheimerath; er war auch ein Berliner Kind und stammte aus einer jener, dem Mittelstände angehörenden Berliner Bürgerfamilien, in denen die Männer große, altfränkische Schnupftabaksdosen von gediegenem, dreizehnlöthigem Silber tragen, und die Frauen goldene Halsketten, dick und schwer wie Hemmschuhketten; in denen aber auch Sittlichkeit, Redlichkeit und Treue zu Hause sind, fest und rein, wie das gediegendste Silber und das reinste Gold. Ich habe sie kennen gelernt diese Bürgerfamilien des verrufenen Berlins. Vielleicht nirgend in der Welt findet man mehr Sitte und Tugend. Nur zwei Schwächen trifft man in diesen Berliner Bürgerfamilien an. Aber kann man sie wirklich Schwächen nennen? Nichts in der Welt geht ihnen über Berlin, und in Berlin geht ihnen nichts in der Welt über das Kammergericht. Aber konnte nicht der Müller von Sanssouci seinem großen Könige mit dem Kammergerichte in Berlin drohen? An solchem Ruhme kann man lange zehren. Und ist nicht Berlin jetzt noch eine schöne Stadt?

Der junge Fischer wurde zum Studiren bestimmt, denn er sollte Kammergerichtsrath in Berlin werden. Er besuchte das Gymnasium zum grauen Kloster in der Klosterstraße und dann die Universität, dem Opernhause gegenüber. Nach beendigten Studien wurde er bei dem Stadtgerichte in der Königsstraße zuerst Auscultator, dann Referendarius, dann Assessor und endlich Stadtgerichtsrath, und stand jetzt auf der letzten Stufe zum Kammergerichtsrathe.

Aber da kam ein neuer bürgerlicher Justizminister nach Berlin, der seine Karriere nicht blos in Berlin, sondern sogar meist in den Provinzen gemacht hatte. Der brachte den sonderbaren Gedanken mit, es sei nicht gut, das Kammergericht in Berlin ausschließlich mit Söhnen des märkischen Adels und mit Berliner Kindern zu besetzen. Jedenfalls müßten diese, bevor sie am Kammergerichte angestellt werden könnten, sich eine Zeit lang außerhalb der Residenz im Lande umgesehen haben. Er bemerkte auch dem Stadtgerichtsrath Fischer, er könne ihm zwar wohl eine Rathsstelle beim Kammergerichte verleihen, vorher aber müsse er sich auf einige Jahre an ein Oberlandesgericht in der Provinz versetzen lassen. Mehrere Jahre in einer kleinen Provinzialstadt [606] leben! Er, der Sohn einer Berliner Bürgerfamilie, dem folglich gleichfalls nichts über Berlin ging, und der daher noch nicht weiter gekommen war, als nach Köpenick und Potsdam, wo es königliche Schlösser zu sehen gab. Seine Frau, die aus einer gleichen Berliner Bürgerfamilie stammte, und die zudem schon als Frau Stadtgerichtsräthin unter ihren Freundinnen eine Art höheren Wesens war. Das hieß das Glück, Kammergerichtsrath und Kammergerichtsräthin zu werden, gar zu theuer erkaufen. Auf höheren Gehalt brauchte man nicht zu sehen. Die Familie Fischer war reich, und auch Madame Scholz, die Mutter der Frau Stadtgerichtsräthin, trug ihre goldene Halskette, groß und schwer wie eine Hemmschuhkette.

Fischer wurde nicht Kammergerichtsrath, bekam aber eine andere Genugthuung dafür. Er hatte einen milden Sinn, und der Herr Justizminister war der Ansicht, daß man zu Criminalrichtern nicht eben hartherzige Menschen aussuchen müsse. Freilich herrschte damals auch noch die Ansicht, daß zu der Criminalrechtspflege eben nicht die ausgezeichnetsten Köpfe verbraucht werden dürften. So wurde Fischer als Mitglied in die Criminaldeputation des Stadtgerichts oder in das Criminalgericht von Berlin versetzt. Er hatte sich schon immer gern auf Menschenkenntniß gelegt, und Lavater’s physiognomische Fragmente waren sein Lieblingsstudium. Jetzt konnte er ein ganzer Menschenkenner werden. Dabei erfuhr er täglich durch die Criminalkommissarien des Polizeipräsidiums was es Allerneuestes in der Stadt gab, und er hatte des Abends, wenn er zum Weißbier ging, oder wenn bei den Familien Fischer und Scholz Gesellschaft war, die neuesten und wichtigsten Neuigkeiten und dabei zugleich die grausigsten Criminalgeschichten zu erzählen, was Alles damals von ganz besonderem Interesse war, weil die Berliner Zeitungen zu jener Zeit über Berlin und Inland nichts schreiben durften, als was vorher die Staatszeitung geschrieben hatte, die Staatszeitung aber eben nichts darüber schrieb. Im Uebrigen trösteten er und die Familien Fischer und Scholz sich damit, daß der bürgerliche Justizminister nicht ewig Justizminister bleiben könne, und daß wieder ein Adliger an seine Stelle kommen und dann auch die alten, bessern Zeiten zurückkehren würden.

So war er immerhin ein glücklicher Mann, zugleich ein glücklicher Gatte und Vater. Seine Frau vergaß nie, daß sie nur darum Stadtgerichtsräthin und mithin unter ihren Freundinnen ein Wesen höherer Art vorstellte, weil ihr Mann Stadtgerichtsrath war, und er war wieder dankbar für diese dankbare Gesinnung seiner Frau. Er hatte zwar keinen Sohn, auf den er den Namen Fischer vererben konnte; allein dieser Name starb ohnehin nicht aus, dafür hatte er zwei liebenswürdige Töchter: Louise hieß die ältere, Charlotte die jüngere.

So wurden zu damaliger Zeit fast alle Töchter in den Berliner Bürgerfamilien getauft. Louise nach „unserer hochseligen Königin,“ Charlotte nach „unserer Kaiserin.“ „Seine hochselige Königin“ hat der Berliner auch jetzt noch nicht vergessen; die Kaiserin von Rußland nennt er aber nicht mehr „seine Kaiserin.“

Beide Mädchen hatten eine vortreffliche Erziehung genossen, zuerst in einer Schule, die „sogar von einer adeligen Dame in der Friedrichsstraße“ gehalten wurde; dann in dem Bormann’schen Institute in der Schützenstraße. In ihrem neunzehnten Jahre war Louise glückliche Braut; Charlotte, kaum sechzehn Jahre alt, versicherte, an das Heirathen noch nicht zu denken.

Da kam das unglückliche Jahr 1848, und zerstörte auch einen großen Theil des Glückes des Stadtgerichtsraths Fischer. Er war guter Patriot. Schon über das Patent vom 3. September 1847, die Bildung des vereinigten Landtages betreffend, hatte er deshalb den Kopf geschüttelt. Preußen ein konstitutioneller Staat! Wer könnte sich Friedrich den Großen als konstitutionellen König denken? Weder seine Frau noch seine Kinder hatten deshalb hingehen und zusehen dürfen, als der vereinigte Landtag das erste Mal eröffnet wurde. Als er aber zum zweiten Male im Anfange des Jahres 1848, zusammenberufen war, hatte der in der Luft dieses Jahres liegende Ansteckungsstoff des Revolutionsfiebers wenigstens seine Frau schon so inficirt, daß sie trotz seinem Verbote hinging, die Eröffnungsfeier anzusehen. Es erging ihr indeß, wie dem verewigten Landtage; sie erkältete sich, bekam eine Lungenentzündung, und starb nach kurzer Frist.

Im März brach die Revolution aus, in die der Herr Stadtgerichtsrath sich gar nicht finden konnte; und im April traf ihn ein anderes Unglück. Der Bräutigam seiner Tochter, ein Kammergerichtsassessor von Thilo, hielt sich zur demokratischen Partei; dies empörte ihn. Eines Abends, als der junge Mann, wie täglich, bei ihm zum Abendessen war, warf er ihm seine nichtswürdigen Gesinnungen, und daß alle Demokraten Verräther seien, vor, und als der Hitzkopf das nicht zugeben wollte, warf er ihn selbst zur Thüre hinaus, alles Bittens, Flehens und Weinens seiner Töchter ungeachtet; ja machte am andern Morgen den beiden Familien Fischer und Scholz feierlich bekannt, daß die Verlobung seiner ältesten Tochter Louise mit dem Kammergerichtsassessor von Thilo aufgehoben sei.

Sie blieb aufgehoben. Wie nachgiebig der gutmüthige Mann in allen andern Dingen war, namentlich nach dem Tode seiner Frau, der jüngeren Tochter gegenüber, in Beziehung auf die Revolution und Alles, was damit zusammenhing, war er in dieser Sache unerbittlich und unerschütterlich. Ein Demokrat könne sein Kind nur unglücklich machen, dabei blieb er. Gewissermaßen sollte er eine Rechtfertigung erhalten. Der Kammergerichtsassessor von Thilo, ein reicher junger Mann, hatte seinen Abschied genommen, um ganz unabhängig zu sein, und sich nun offen in den Strudel der Politik geworfen, und von diesem so weit forttreiben lassen, daß er in Dresden, in der Pfalz und in Baden mitkämpfte. Es ward daher eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet, und er wurde wegen Hoch- und Landesverrath zum Tode verurtheilt. Zwar nur in contumaciam, denn er war glücklich in das Ausland entkommen, und hatte auch sein Vermögen, ehe es mit Beschlag belegt wurde, aus dem Lande ziehen können. Aber der Stadtgerichtsrath Fischer hatte es jetzt schwarz auf weiß, daß er ein Verräther sei, der seine Tochter nothwendig hätte unglücklich machen müssen. Wie sehr er selbst dazu beigetragen hatte, den jungen Mann, der seine Braut eben so leidenschaftlich liebte, wie sie ihn, unglücklich zu machen, daran dachte er nicht.

Die arme Louise härmte sich indeß ab. Die Revolution wurde zwar bezwungen, aber von dem was mit und an ihr hing, blieb so Manches! Namentlich arbeiteten bei dem Criminalgerichte immer eine Menge Kammergerichtsassessoren, und der Stadtgerichtsrath Fischer konnte nun einmal nicht umhin, wie den Namen Thilo, so den Titel Kammergerichtsassessor mit der Revolution zu identificiren. Allerdings ein Irrthum, wie man zugeben muß. Zudem wurde noch immer kein adeliger Justizminister wieder angestellt, und er hatte mithin keine Aussicht, Kammergerichtsrath zu werden. Ja, durch die Verordnung vom 2. Januar 1849 war gar der Name Kammergericht ganz beseitigt, und das Kammergericht zu Berlin hieß fortan Appellationsgericht, wie jedes Obergericht in der Provinz, und seine Mitglieder waren einfache Appellationsgerichtsräthe.

Darüber faßte ihn eine Art Verzweiflung; er nahm seinen Abschied, erhielt diesen, und zwar, da er lange gedient hatte und ein patriotischer Mann war, auch keine Pension verlangte, sogar mit dem Titel Geheimer Justizrath.

Berliner Geheimerath! Ueber ihn ging jetzt nur sein Präsident, wenn er noch einen gehabt hätte, ein Minister – eigentlich nur ein vormärzlicher –, ein General, ein Prinz und der König. Aber er war dennoch nur halb glücklich. Die Gesundheit seiner ältern Tochter schwand immer mehr dahin, und die jüngere war in der neueren Zeit manchmal so sonderbar übellaunig geworden. Wichtige Neuigkeiten konnte er nicht mehr erzählen, sondern sich nur welche erzählen lassen, und zwar in Wein- oder Bierhäusern, bei Gaspari in der Königsstraße oder bei Schwarze an der Leipziger- und Friedrichsstraßenecke, und da waren es nur die naseweisen, revolutionairen Kammergerichtsassessoren, die sie erzählten.

Das Kammergericht zu Berlin war unterdessen wieder hergestellt, und von Anbringen alter, und Sammeln neuer Menschenkenntnis; war gar nicht mehr die Rede. „Die verdammte Revolution!“ weiter hörte man fast gar nichts mehr von ihm.

So war das Jahr 1852 herbeigekommen. Es war im Sommer dieses Jahres, als eines Mittags gegen ein Uhr die beiden Töchter des Geheimeraths Fischer in dem Familienzimmer mit weiblichen Arbeiten beschäftigt saßen. Der Vater war bei Schwarze, um „ein Bairisches“ zu trinken. Die Arbeiten der Damen sind dafür da, Träumen und Plänen der schönen Arbeiterinnen [607] einen desto leichteren, höheren Schwung zu geben. Auch die beiden Berliner Geheimerathstöchter träumten und machten Pläne; ernst und traurig die ältere, fröhlich und lustig, nach ihren Mienen, die jüngere.

Es wurde rasch und laut die Hausklingel gezogen; die beiden Mädchen fuhren fast in die Höhe. Gleich darauf meldete der Bediente:

„Herr Kammergerichtsassessor Hartmann!“

Fräulein Charlotte wurde erst roth, dann blaß.

„Mein Gott, welche Unvorsichtigkeit! Der Vater kann jeden Augenblick zurückkommen.“

Der Kammergerichtsassessor Hartmann, ein junger, hübscher Mann, mit einem nicht minder kecken und schelmischen Gesichte, wie Fräulein Charlotte, war schon eingetreten. Die ältere Schwester Louise hatte gleichzeitig mit einem schweren Seufzer das Zimmer verlassen.

„Herr Hartmann, wie können Sie –?“

„Fräulein Charlotte, ich bin sehr eilig.“

„Ich bitte darum.“

„So, Sie bitten darum, mein Fräulein?“

„Ja, ja, Sie hören es.“

„Fräulein, ich erhalte so eben einen Brief, in dem dieser Brief an Sie eingeschlagen war.“

Er übergab ihr einen Brief. Fräulein Charlotte besah Aufschrift und Petschaft. Sie erblaßte und zitterte.

„Mein Gott, der Brief kommt –?“

„Aus der Schweiz, mein Fräulein.“

„Von Herrn –?“

„Von meinem Freunde Thilo.“

„Er ist ja in Amerika.“

„Seit acht Tagen in der Schweiz.“

„Welche Tollkühnheit.“

„Die Liebe, mein Fräulein! – Die Liebe, Fräulein Charlotte, wagt Alles.“

„Auch die Liebe des Kammergerichtsassessors, mein Herr?“

„Liefert mein Freund nicht den Beweis?“

„Er war Kammergerichtsassessor.“

„Fräulein, darf ich heute Abend wieder herkommen?“

„Wozu, mein Herr?“

„Um Ihre Befehle zu holen. Ich reise morgen nach der Schweiz.“

„Meine Schwester wird Sie annehmen.“

„Nicht auch Sie?“

„Wir werden sehen.“

Der junge Mann nahm die Hand der jungen Dame und drückte sie an seine Lippen. Er mußte so etwas von einem Gegendrucke gefühlt haben, denn in seinem Gesichte strahlte Glück, als er das Zimmer verließ, und sie sah ihm erröthend und träumend nach.

Sie brach den Brief auf. In einem Couvert an sie lag ein Brief für ihre Schwester; sie rief sie wieder herein.

„Louise, ein Brief für Dich.“

„Für mich? Von wem?“

„Setze Dich zuerst auf das Sopha, Du möchtest mir sonst hier mitten in der Stube umsinken.“

„Von ihm?“

„Von ihm.“

Sie führte die Schwester zum Sopha, gab ihr den Brief und verließ das Zimmer, um die Lesende nicht zu stören, auch wohl selbst nicht gestört zu werden. Sie machte Pläne, und um solche ungestört machen zu können, mußte sie wieder eine weibliche Arbeit haben, ging in das Visitenzimmer, und ordnete und putzte.

Nach einer Weile kam der Geheimerath Fischer nach Hause. Er war verstimmt, ging in das Familienzimmer und sah dort seine älteste Tochter, blaß, abgehärmt, die weinenden Augen gen Himmel gerichtet, und wurde noch verstimmter, ging dann weiter, um seine jüngste Tochter zu suchen. Wenn er früher zu Hause kam, hatte er seine Frau gesucht, um auszusprechen, was er auf dem Herzen hatte. Jetzt war Fräulein Charlotte die Hausregentin. Er fand sie mit Ordnen und Putzen noch beschäftigt; mit ihren Plänen schien sie im Reinen zu sein.

„Charlotte, die Louise sitzt wieder allein.“

„Leider, Vater.“

„Sir weint wieder.“

„Leider, Vater.“

„Die verdammte Revolution! Auch diese Kammergerichtsassessoren werden alle Tage naseweiser. Man kann bald gar nicht mehr zu dem Schwarze gehen.“

„Ich weiß etwas Anderes, wohin Sie gehen könnten.“

„Wohin denn?“

„Vater, für die arme Louise muß etwas geschehen.“

„Was soll das?“

„Sie härmt sich ab; ich will Sie nicht ängstigen, aber wenn nicht bald –“

„Ja, ja, Du hast Recht. Sie ist zwar verblendet und sollte sich im Grunde glücklich schätzen; aber man muß etwas für Sie thun.“

„Und auch Sie, lieber Vater, bedürfen der Zerstreuung.“

„Ich?“

„Sie sind mager geworden.“

„Wer kann bei solchen Zeiten fett werden?“

„Sie sind noch nie aus Berlin herausgekommen.“

„O doch, ich war in Köpenick und Potsdam.“

„Aber nicht weiter. Väterchen, lassen Sie uns eine Reise machen.“

Der Geheimerath erstarrte fast. „Mädchen, bist Du toll?“

„Man sieht so viel Schönes!“

„Schönes? Außerhalb Berlin? Nichts geht über Berlin.“

„Bitte, lieber Vater.“

„Nichts da. Ich will Euch lieber eine Sommerwohnung Miethen.“

„Eine langweilige Berliner Sommerwohnung.“

„In der Thiergartenstraße beim Hofjäger; oder, wenn Ihr das Wasser vorzieht, bei Moabit, bei Charlottenburg, bei dem Beer’schen Etablissement; wo Ihr wollt.“

„Ach, ich hatte mir das Reisen so schön gedacht, für Sie, und die arme Louise. Wir hätten schöne Gegenden gesehen.“

„Unser Thiergarten ist eine sehr schöne Gegend.“

„Wir hätten hohe Berge erstiegen.“

„Ich fahre mit Euch nach den Pichelsbergen.“

„Wir wären auf reizenden Seen gefahren.“

„Ich miethe Euch eine Gondel auf dem Rummelsburger See.“

Die Tochter stampfte über solche ungewohnte Hartnäckigkeit mit dem Fuße. Den Leser, der hier vielleicht an die Sitte und Tugend der Berliner Bürgerfamilie zurückdenken wollte, bitte ich zu erwägen, daß er einer Scene aus dem Leben einer Berliner Geheimerathsfamilie beiwohnt.

„Ich wenigstens gehe nicht mit,“ sagte Fräulein Charlotte, während sie mit dem Fuße stampfte; „weder in den Thiergarten, noch zu den Pichelsbergen, noch zu –. Sie werden die arme Louise da draußen allein begraben müssen, im Sande oder gar in jenen trüben Wellen. Das –“

„Aber, Charlotte, sprichst Du im Ernst?“

„Zweifeln Sie daran?“

„Wohin sollten wir denn reisen, mein Kind?“

Endlich konnte Fräulein Charlotte triumphiren. „Ah, Vater, das ist mir ganz gleichgültig. Ich suche nur Ihre und Louise’s Zerstreuung.“ Sie erschrak daher auch nicht, als der Vater fragte: „Meinst Du denn nach Mecklenburg oder Pommern?“

„Es ist so sehr flach da,“ antwortete sie nur leicht.

„Aber es gibt dort fruchtbare Gegenden, und man sieht das Meer. Man hat also da doch etwas, was man bei uns in Berlin nicht findet.“

„Aber auch schreckliche Langeweile.“

„Welche Gegend würdest Du denn vorziehen?“ fragte der einmal vom Zuge des Nachgebens fortgerissene Vater.

„Was meinen Sie zu einer Rheinreise, Vater?“

„Es soll hin und wieder ganz hübsch dort sein.“

„Und bei Basel kommt man in die Schweiz.“

Der Geheimerath fuhr doch etwas auf. „Nicht in die Schweiz. Daraus wird nichts.“

„Es ist so schön dort, Vater.“

„Das verstehst Du nicht.“

„Ich bitte Sie, Vater –“

„Der naseweise Bursch, der Kammergerichtsassessor Hartmann, will auch hin.“

[608] „Wir reisen ja nicht mit ihm.“

„Und sodann – alsdann – jener schlechte Mensch, jener Verräther –“

„Von wem sprechen Sie?“

„Soll ich den Namen des Menschen noch nennen, der Deine Schwester unglücklich gemacht, sein Vaterland verrathen hat?“

Fräulein Charlotte wurde doch unruhig, zumal da sie nicht geradezu lügen wollte. „Sie meinen, er sei in der Schweiz?“ fragte sie listig.

„Die sämmtlichen Flüchtlinge sind da.“

„Aber nach den letzten Zeitungsnachrichten – die Wahrheitsliebende betonte das Wort Zeitung – ist er in Amerika.“

„Diese Revolutionäre sind überall.“

„Aber, Vater, er ist zum Tode verurtheilt“

„In der Schweiz sind Subjekte, die zwei, drei Mal zum Tode verurtheilt sind.“

Die Dame stimmte einen andern Ton an. Sie mußte zum Ende kommen. „Vater,“ rief sie verwundert, „Sie fürchten sich doch nicht vor jenen Menschen in der Schweiz? Sie waren Criminalrichter –.“

Der Geheimerath lachte; er lachte stolz, und konnte es, denn er hatte in seinem Amte keinen Menschen gefürchtet, nicht einmal seinen Präsidenten und Minister. Er hatte nur seine Pflicht gethan und haßte nur die Revolution und die Kammergerichtsassessoren, die er mit ihr identificirte.

„Ich wußte es,“ sagte Fräulein Charlotte, nicht minder stolz. Und mit einer ihr eigenthümlichen, vielleicht, vorgesehen ihre Lage, auch einem Professor der Philosophie einleuchtenden Logik, setzte sie hinzu: „Also, wir reisen in die Schweiz, Väterchen?“

Dem Vater mochte die Logik nur halb einleuchten. „Aber Charlottchen –“

„Das ist schön, das ist herrlich.“

„Aber Mädchen –“

„Wie freue ich mich –“

„Aber wir müssen die Sache doch noch überlegen, mein Kind –“

„Gewiß, gewiß. Gleich bei Tische. Befehlen Sie, daß ich auftragen lasse?“

„Thue das, es ist schon spät.“

Fräulein Charlotte eilte zuerst zu der ältern Schwester. „Erschrick nicht, Louise!“

„Was gibt es wieder?“

„Wir reisen in die Schweiz.“

Die beiden Schwestern lagen einander weinend in den Armen, doch Fräulein Charlotte nur einen Augenblick. Sie eilte weiter in die Küche und ließ auftragen.

Drei Tage später saß der Geheimerath Fischer mit seinen beiden Töchtern auf der Eisenbahn, die von Berlin über Magdeburg, Braunschweig, Hannover, Minden nach Köln führt. Von da fuhren sie mit dem Dampfschiffe den Rhein hinauf.

Die beiden Töchter waren glücklich; nicht ganz so der Geheimerath. Zuerst machten ihm Land und Gegend viel zu schaffen. In der Nähe von Berlin ging es noch an.

„Wie schön liegt der Thiergarten da,“ sagte er zufrieden; „und der Kreuzberg ist doch ein stattlicher Berg.“ – Auf der Haide von Großbeeren sagte er: „die Fichten wachsen doch recht ansehnlich hier.“ Auf der Trebnitzer Haide aber, als der graue, dicke Thurm von Trebnitz über die „ansehnlichen“ Fichten herübersah: „Und welche romantische Stellen unsere schöne Mark hat!“ Immer aber blieb er dabei: „Ueber Berlin geht doch nichts!“

Allein bei Coswig fing sein Verdruß an, und er mußte auch nach anderen Trostgründen suchen und greifen. Als er durch den schönen Park von Wörlitz fuhr, recitirte er den Vers von den Felsen, die man nicht in die Tasche stecken, und von den Seen, die man nicht durch die Hunde solle aussaufen lassen. In Braunschweig und Hannover aber rief er: „Eigentlich sind diese Länder doch nur preußische Enclaven und wer weiß, in wie langer oder kurzer Zeit – !“ Er schwieg mit einer wichtigen Miene.

Als er bei Minden, an der schönen Weser, an der herrlichen Porta Westphalica wieder auf preußisches Gebiet gekommen war, hatten jene patriotische Gedanken schon Vieles zur „Vermittelung“ in seinem Innern beigetragen. „Ganz Preußen gehörte ja eigentlich nur zu Berlin, wie ja auch das große römische Reich nur die erweiterte Stadt Rom gewesen war.“ Dieser Trost geleitete ihn weiter und verließ ihn nicht in dem schönen Düsseldorf, in dem majestätischen Dome zu Köln, in dem reizenden Siebengebirge, in dem lieblichen Koblenz, auf dem großartigen Ehrenbreitenstein, auf dem ganzen schönen Rheinstrome, zwischen allen den malerischen Bergen, Thälern und Ruinen.

Aber dieser Trost konnte nur anhalten bis Bingen. Da kam er wieder in fremdes Land. Und mit jedem Schritte auf dem Lande, und mit jeder grünen Welle, die der mächtige, herrliche Strom ihm entgegenwälzte, wurde die Gegend reicher, schöner, großartiger, die Berge romantischer, die Thäler heimlicher, die Ruinen malerischer. Das Herz that ihm weh.

Noch einen glücklichen Augenblick hatte er in Mainz. Er sah dort wieder preußische Uniformen, und er hörte dort jenen mythischen Major auf der Schiffbrücke, der, als alle Welt den herrlichen Sonnenuntergang und die goldene Pracht bewunderte, in welcher die alte Stadt mit ihrem Dome, der breite Rheinstrom, die gegenüberliegenden Berge, die Spitzen des Taunus, die breiten Rücken und hohen Felswände der fernen Rheinberge, der weiße Johannisberg und hinten in weiter Ferne der Donnersberg dalagen, da in begeistertem Zorne ausrief: „Ei was, meine Damen und Herren, das sollten Sie bei uns in Berlin sehen!“

Hinter Mainz war es vorbei. Einen andern Verdruß machte ihm seine Menschenkenntniß. In seiner Brust trug er eine neue Ausgabe von Lavater’s physiognomischen Fragmenten, verbessert und vermehrt mit den Erfahrungen und daraus hergeleiteten Abstraktionen des Berliner Inquirenten; und zugleich seitdem er einmal auf Reisen war, des Touristen, der aus Berlin kam, aus der Stadt, über die nichts in der Welt ging. So hielt er schon gleich hinter Jüterbogk einen jungen Mann, der dort in das Eisenbahncoupe einstieg, für einen Dieb, der aus der Strafanstalt zu Brandenburg entsprungen sein müsse, weil der Mann mit einem scheuen, verschleierten Blicke einstieg und Niemandem gerade in das Auge sehen konnte.

„Eine echte Zuchthausphysiognomie,“ flüsterte er seiner jüngsten Tochter zu. „Ich kenne diesen verschleierten Blick, der schillert und verschwindet, wie eine grüne Eidechse im Laube. Sie scheinen immer halb nach den Taschen ehrlicher Leute, halb nach dem Galgen zu schielen.“

„Aber Vater,“ erwiederte Fräulein Charlotte; „es ist ja ein ganz anständiger junger Mensch. Sehen Sie nur die gute Kleidung, die schneeweiße Wäsche und die feinen Hände.“

„Ich versichere Dich, Charlotte, ich kenne die Menschen; wer weiß, wo der Kerl schon wieder gestohlen hat.“

Aus der nächsten Station stieg eine adelige Dame in das Coupé; es war kein Zweifel über ihren Stand, denn ein Major in voller Uniform, der sie bis an den Wagen begleitete, nannte sie meine gnädigste Frau. Die gnädige Frau kannte den jungen Mann, und es wies sich aus, daß er ein Kandidat der Theologie war, der seine Probepredigt in einem benachbarten Dorfe halten wollte.

Am schlimmsten erging es ihm am Rhein. Auf dem Dampfschiffe spazierte sehr breit auf und ab ein spitzer, hagerer Herr, eine dicke, breite ältere und eine schiefgewachsene jüngere Dame. Alle drei hatten gelbe Gesichter, schwarze Augen, schwarze Haare, lange, dicke Nasen.

„Eine spanische Grandenfamilie,“ flüsterte der Geheimerath seiner Tochter zu. „Die kastilische Gesichtsbildung, der südliche Teint, die stolze Haltung lassen keinen Zweifel.“

„Aber Vater, es ist eine Frankfurter Judenfamilie; ich habe sie vorhin unter sich sprechen hören.“

„Das verstehst Du nicht. Was verstehst Du von der Frankfurter Sprache? Du warst nie dort.“

Gerade redete ein junger jüdischer Reisender die Familie in Frage an: „Herr Ellwanger, Madame Ellwanger, freue mich sehr, Ihne wohl zu sehen! Auch das Fräuleinche!“

[621] Eins wollte sich der Geheimerath Fischer aber gar nicht ausreden lassen. Ueberall in den Gasthöfen und auf den Dampfschiffen begegnete man Reisenden, Herren wie Damen, mit schmalen Schultern, langen Hälsen, langen Gesichtern, langen Nasen, die Gesichter roth, die Nasen mit Rubinen besäet. Er sah ihnen jedes Mal mit Wehmuth nach.

„Schade, Schade,“ sagte er. „Wie doch der Schnaps den Menschen ruinirt. Diese Russen sind an sich ein so kräftiger Menschenschlag, und wie sehen sie aus!“

„Aber, Vater, das sind ja echt englische Gesichter, die der Porter geröthet hat.“

„Russische Schnapsgesichter, ich versichere Dich, Charlotte.“

„Aber, Vater, sehen Sie nur die langen, gebogenen Nasen. Die Russen haben dicke, aufgeworfene Stumpfnasen.“

„Das verstehst Du nicht, mein Kind. Es gibt zweierlei Arten von russischen Physiognomien; die eine mit den langen, die andere mit den dicken aufgeworfenen Nasen. Die Regimenter der Garde werden danach gesondert. In die einen kommen nur langnasige Leute, in die anderen nur stumpfnasige. Die letzteren heißen la garde aux nez retrousseé. Ich weiß das ganz genau. Diese letzteren müssen auch den Schnurrbart in die Höhe gewichst tragen, und wie in dem ganzen Regimente der eine Mann vollkommen wie der andere aussieht, so meint man, ein ganzes Regiment Meerkatzen vor sich zu haben. Die meinst Du; ich aber die anderen von der Sorte, die man hier sieht.“

„Aber, Vater –“

„Aber, Vater! Immer aber, Vater. Ich verbitte es mir. Dies weiß ich nur zu gewiß; ich kenne die Menschen.“

„Wenn der Vater auf Rußland kommt,“ sagte Fräulein Charlotte zu ihrer Schwester, „so duldet er gar keinen Widerspruch. Diese Engländer mit Russen zu verwechseln! Und jene häßlichen Judengesichter mit kastilischen Granden! Ach, wenn der Herr Boz-Dickens das gehört hätte, der in seinem englischen Hochmuthe meint, es gäbe nur zwei schöne Volksstämme auf der Erde, die Engländer und die Kastilier, nur wieder mit dem Unterschiede, daß in England die Schönheit sich in der ganzen Race erhalten habe, in Kastilien aber nur noch in einzelnen Familien fortlebe!“

Aber die in Hoffnung lebende und in Furcht schwebende Schwester erwiederte nur: „Ich bitte Dich, verdirb dem Vater die gute Laune nicht!“

Das wagte Fräulein Charlotte denn auch bei einer anderen Gelegenheit nicht, wie oft ihr das Herz bersten und der Kopf zerspringen wollte.

Zwischen Bingen und Mainz war auf einer Nebenstation eine einzelne Dame in das Dampfboot eingestiegen. Sie war zwar bescheiden, aber desto anständiger, und ganz wie eine Dame aus den höheren Ständen gekleidet. Sie war im mittleren Alter, vielleicht schon eine angehende Vierzigerin. Aber sie war noch sehr wohl erhalten. Ihr Teint war frisch und rein, wie Milch und Blut; ihr blaues Auge war zwar etwas fatiguirt, glänzte aber in einzelnen Augenblicken in einem wunderbaren Schmelz; in andern Augenblicken war dieses Auge freilich sehr bekümmert, aber darum nicht minder schön. Zu dem Alter paßten, und selbst zu dem bekümmerten Blicke, standen nicht schlecht die runden, etwas vollen Formen des Körpers, besonders ein paar schöne, schneeweiße, runde Arme, die aus den weiten Aermeln des schwarzseidenen Reisekleides mit unbewußter Koketterie hervorsahen und die Blicke fesselten und blendeten. Das Wesen der Dame war einfach, wie ihr Anzug. Ihr Benehmen war sicher, als wenn sie gewohnt sei, sich in der großen Welt zu bewegen, und hatte doch wieder eine gewisse Schüchternheit. Man mußte indes; nur zu gern geneigt sein, diese mit ihrem verkümmerten Blick in Verbindung zu bringen. Sie schien unglücklich zu sein.

Den Geheimerath Fischer zog ihr Anblick sofort an. Er mußte sie oft und viel ansehen, und wußte selbst nicht, warum. Aber er mußte sie nicht auf eine abstoßende, übelwollende Weise angesehen haben, denn nicht weit von Mainz trat die Dame, der seine Blicke nicht entgangen sein mochten, auf ihn zu, und sagte zu ihm:

„Mein Herr, Ihr würdiges Wesen flößt mir Vertrauen ein. Ueberdies sind ohne Zweifel diese beiden liebenswürdigen jungen Damen Ihre Töchter?“

Sie sprach mit einer Stimme, die so rein wie ihr Teint, und so schmelzend wie der Blick ihres Auges war.

„Unterthäniger,“ erwiederte der Geheimerath. „Gewiß; ich reise in Gesellschaft meiner beiden Tochter.“

„So darf eine Unglückliche eine Bitte an Sie wagen?“

Der Geheimerath zögerte doch mit einer Antwort. Die Dame aber fuhr mit ihrer schönen unglücklichen Stimme fort.

„Ich muß Ihnen mit völlig offenem Vertrauen entgegenkommen. Ich bin die Frau von Neetzow auf Sanden bei Lauenburg in Pommern.“

„Ah, wir sind also Landsleute, gnädige Frau!“

„Ich bin Wittwe und eine unglückliche Mutter.“

[622] „Wittwe?“

„Mein verstorbener Mann war Rittmeister; mein einziger Sohn wurde ebenfalls Soldat; er trat früh ein, ist jetzt Fähndrich, und steht seit einiger Zeit bei dem einunddreißigsten Regimente in Mainz. Er war so gut, so unverdorben; böses Beispiel verführte ihn bald. Er machte mir viele Sorgen. Seine Kameraden schrieben von ihm in die Heimat, daß er hier ein ausschweifenderes Leben führe, als je vorher. Sie begreifen das Mutterherz, mein Herr. Ich mußte selbst sehen, ihn beobachten, um danach weiter beschließen zu können, was zu seiner Rettung erforderlich ist.“

„Ich begreife vollkommen, gnädige Frau,“ sagte der teilnehmende Geheimerath. „Um ihn beobachten zu können, muß ihm meine Anwesenheit in Mainz vor der Hand ein Geheimniß bleiben.“

„Es ist sehr einleuchtend.“

„Zu demselben Zwecke nahe ich mich Ihnen mit einer Bitte.

Mein Name würde bekannt werden, in das Fremdenblatt kommen, wenn ich ihn im Gasthause abgeben müßte. Daher –. Aber darf ich vorher fragen, mit wem ich die Ehre habe zu sprechen?“

„Ich bin der Geheimerath Fischer aus Berlin.“

„Ach, Herr Geheimerath, dann darf ich meine Bitte nicht wagen.“

Die Dame wurde sehr traurig.

„Sprechen Sie, meine gnädige Frau.“

„Wie dürfte ich, die Unbekannte, in die Familie eines so hochstehenden Mannes, wenn auch nur äußerlich, wenn auch nur dem Namen nach, mich eindrängen wollen?“

„Befehlen Sie, gnädige Frau,“ sagte der gutmüthige Geheimerath.

„Ich muß Ihnen vorher meinen Paß zeigen, damit nicht der geringste Zweifel –“

„Ich bitte, gnädige Frau. Sie würden mich beschämen. Unter keinen Umständen.“

Der Geheimerath wußte zu leben; die Dame gleichfalls. Sie stand davon ab, ihn zu beschämen.

„Wie gütig sind Sie, Herr Geheimerath. Ich darf also die Bitte an Sie richten, mich an Sie anschließen und als zu Ihrer Familie gehörig mit Ihnen in Ihren Gasthof in Mainz einkehren zu dürfen? Ich werde Sie nicht im geringsten weiter belästigen, aber zugleich einen Trost darin finden, Ihren liebenswürdigen Töchtern eine mütterliche Freundin zu sein.“

Sie sprach so unglücklich, sie blickte so schmelzend, ihr schöner runder Arm legte sich so sanft bittend auf den Arm des Geheimerathes.

„Es wird mir eine Freude sein, einer unglücklichen Mutter in Ausübung einer so schweren Pflicht behülflich sein zu können.“

„O, Sie edler Mann, wie soll ich Ihnen danken? Und darf ich bitten, mich zu Ihren Fräulein Töchtern zu führen?“

Die Fräulein Töchter saßen in der Nähe. Sie hatten fast jedes Wort hören können, besonders die aufmerksame jüngere Tochter. Warum hätte die unglückliche Mutter ihr Leiden vor den liebenswürdigen Töchtern des edlen Mannes verbergen sollen, dem sie ihr volles Zutrauen schenkte? Fräulein Charlotte's Herz wollte bersten; die ganze kleine Person wollte wenigstens – aufspringen. Aber sie durfte ja nicht einmal mehr: „Aber, Vater!“ sagen.

„Frau Baronin von Reetzow,“ stellte der Geheimerath die Dame seinen Töchtern vor.

„Nicht Baronin! Aber eine unglückliche Mutter, die sich glücklich schätzen wird, Ihnen, meine jungen Damen, wenn auch nur für einige Stunden, eine mütterliche Freundin zu sein. Darf ich um ihre Namen bitten?“

„Meine Schwester heißt Louise, und ich Charlotte,“ antwortete Fräulein Charlotte kurz, aber trotzig.

„O, ich werde Ihre Liebe gewinnen!“

Das Dampfboot hatte Mainz erreicht. Es legte an dem Landungsplatze an. Der Geheimerath führte die mütterliche Freundin seiner Töchter; es durchzuckte ihn elektrisch, als ihr schöner, weißer, runder Arm so mit völligem Vertrauen in dem seinigen lag.

„Ihr Paß, mein Herr!“ sagte höflich der Gensd’arm an der Landungsbrücke.

Der Geheimerath wies seinen Paß vor.

„Herr Geheimerath Fischer aus Berlin?“

„Wie Sie sehen.“

„Mit Familie?“

„So steht es auch im Paß.“

„Alle drei Damen?“

„Alle drei,“ antwortete der Geheimerath erröthend. Wem mochte das Erröthen gelten, dem Gewissen des alten Inquirenten, oder dem schönen Arme, den er so gewissenlos als zu seiner Familie gehörig erklärte?

„Aber der Paß enthält weder Zahl noch Signalement?“

Der Geheimerath wurde stolz. „Sie sehen, es ist ein Ministerialpaß; der enthält niemals solches Detail. Dafür wird er aber auch nur vertrauten Personen ertheilt.“

„Entschuldigen Sie; man muß seine Pflicht thun.“

Der Geheimerath passirte mit seiner Familie. Im Gasthofe zum „Römischen Kaiser“ schrieb der Geheimerath gleichfalls in das Fremdenbuch: „Geheimerath Fischer aus Berlin, mit Familie.“

Die Frau Baronin, die selbst keine Baronin sein wollte, hatte sich bald in ihre Stube zurückgezogen, und war dann ausgegangen.

Das Mutterherz ließ ihr keine Ruhe.

„Charlotte,“ sagte der Geheimerath zu seiner jüngsten Tochter, „warum bist Du so still?“ Die ältere Tochter fragte er nicht. Sie war immer still.

„Ich darf ja nicht mehr sprechen,“ antwortete Fräulein Charlotte.

„Was soll das nun wieder heißen?“

„Seit jenen langweiligen Engländern, die mit Gewalt Russen sein sollten –“

„Du willst mir also schon wieder widersprechen?“

„Ich darf ja nicht.“

„Wegen dieser unglücklichen Mutter?“

„Wer sagt Ihnen, daß sie das ist?“

„Sie selbst.“

„Wie mancher Inquisit hat Ihnen –“

„Schweig; ich kenne die Menschen. Ein alter Inquirent, wie ich, kann Wohl die Verbrecher von dem ehrlichen Manne unterscheiden.“

„Wir sprechen von einer Frau.“

„Auch Frauen, auch Frauen. Auch bei dieser. Welcher Anstand, welche edle Würde –

„Welche Aufrichtigkeit! So ohne Weiteres sich in eine völlig unbekannte Familie einzudrängen –“

„Sie entschuldigte sich ja. Sie ist so allein –“

„Warum reiset sie allein? Macht nicht schon das sie verdächtig? Nicht einmal ein Bedienter –“

„Das verstehst Du nicht. Sie will ihren Sohn überraschen, beobachten.“

„Aber, Vater, was hinderte sie der Bediente –“

„Schon wieder: aber, Vater! Ich sage Dir, es ist eine edle Unglückliche. Diese Anmuth, dieser Adel lügen nicht. – Warum antwortest Du mir nichts?“

„Ich darf Ihnen ja nicht widersprechen.“

„Zudem kommt sie mir so bekannt vor; ich muß sie schon irgendwo gesehen haben, und kann mich nur gar nicht besinnen, wo. Wahrscheinlich ist sie in Berlin bei Hofe gewesen. Ja, ja, so wird es sein. Diese Anmuth! Und die Neetzow’s sind eine angesehene Familie in Pommern. Mädchen, Du solltest Dich glücklich schätzen, in Gesellschaft einer so feinen, gebildeten Dame zu reisen.“

Der Abend neigte sich. Man ging auf die Schiffbrücke, den Sonnenuntergang zu sehen. Hier war es, wo die goldne Pracht des Abends und jener mythische Major das heute besonders für Glück empfängliche Her; des Geheimeraths völlig glücklich stimmte. Auch Fräulein Charlotte ließ ihren Unmuth fahren. Sie folgte träumend mit der träumenden Schwester den goldenen und purpurnen Wolken, die Glück verkündend, nach dem Süden hinzogen, nach der Schweiz hin.

Freilich später sollte sie der volle Unmuth wieder fassen. Die mütterliche Freundin war zum Abendessen zurückgekehrt. Sie war sehr still und traurig. Der zartfühlende Geheimerath wagte nicht, durch eine Frage, vielleicht unzart, ihr Herz zu berühren. Er sprach daher nur von seiner morgenden Weiterreise, und daß diese zunächst nach Wiesbaden gehe, wo er bis übermorgen, Sonntag, zu bleiben gedenke, um seinen Töchtern den Genuß eines Sonntagsbadelebens zu verschaffen.

Da bekamen die Augen der Dame wieder ihren schönsten rührenden Schmelz. Neben dem Dunkel des Unglücks leuchtete zugleich ein Strahl der Hoffnung darin.

[623] „Nach Wiesbaden reisen Sie, mein Herr?“

„Nach Wiesbaden, gnädige Frau.“

„O, mein Gott! Ich habe meinen Sohn hier nicht gefunden.

Er ist mit einem Bösewicht, seinem Verführer, in Wiesbaden; schon seit drei Tagen. Wie sollte ich allein ihm dahin folgen? Ohne Beistand? Ohne Schutz? O, mein edler Herr! Sie haben schon so viele Güte für mich gehabt. O, meine lieben, theuren Freundinnen, helfen Sie einer unglücklichen Mutter, Ihren braven Vater zu bitten.“

Aber es bedurfte der Bitten der lieben, theuren Freundinnen nicht. Sie hatte die Hand des Geheimeraths ergriffen und gedrückt.

„Es wird uns Allen eine große Freude sein, gnädige Frau, Sie noch langer in unserer Gesellschaft zu sehen.“

„Nein, das ist um aus der Haut zu fahren!“ rief es in Fräulein Charlotte.

Sie reisten am andern Tage zusammen nach Wiesbaden. Unterwegs zeigte die Dame sich wirklich als eine mütterliche Freundin der beiden Töchter des Geheimeraths.

„Sie nehmen mir eine Bemerkung nicht übel, mein edler Freund,“ sagte sie zu ihrem Beschützer.

„Wie könnte ich bei Ihrem Wohlwollen?“

„Ihre lieben Töchter gehen zu einfach. Ich ehre den einfachen Sinn; vielleicht haben auch die jungen Damen nicht gewußt, daß es gerade seit der vorigen Saison nicht mehr zum guten Ton gehört, in einfacher Reisetoilette zu erscheinen. Besonders die Engländerinnen haben diese gute Sitte verdrängt. Es ist das natürlich. Diese in Deutschland reisenden Engländerinnen gehören meist den Klassen an, die in ihrer Heimat eine gute Gesellschaft nie zu sehen bekommen: Schusters-, Schneiders- und Fleischerstöchter. Aber Sie haben Geld; und da putzt und bläset sich das denn auf, und die Französinnen und Deutschen machen es ihnen nach. Kurz, der frühere gute Ton ist einmal verdorben, und man muß mitmachen. Ich, eine Wittwe, eine unglückliche Mutter, kann mich zwar von solcher Mode emancipiren; aber solche junge, liebenswürdige Damen – Sie werden begreifen! Und ich werde in Wiesbaden um die Erlaubniß bitten, den feinen Geschmack der lieben Kinder in der Auswahl einer neuen Toilette bewundern zu dürfen.“

Der Herr Geheimerath begriff; um so weniger konnte er begreifen, daß seine Töchter nicht begriffen. Es handelte sich doch um ihre Toilette, und in Wiesbaden waren die elegantesten Läden und Magazine, die es gerade zu jener Zeit mit Gerson am Werder’schen Markte in Berlin aufnehmen konnten. Er ging so weit, dies selbst zuzugeben.

„Ich meinte, es ginge nichts über Berlin,“ erwiederte ihm Fräulein Charlotte.

„Eigentlich allerdings nicht. Allein wenn man alle diese eleganten Läden zusammen nimmt, so möchten sie doch gewissermaßen Gerson überbieten, obwohl Gerson sonst der erste Laden der Welt ist.“

„So warten wir, bis wir wieder in Berlin sind.“

„Aber, liebe Charlotte, dann ist ja der Zweck verfehlt. Ihr müßt doch auf der Reise anständig aussehen; und ich will es nun einmal, und wenn Ihr nicht mit wollt, so gehe ich mit der Frau von Neetzow allein und kaufe.“

Das wollte Fräulein Charlotte gar nicht. Sie hatte zwar noch eine List. „Lassen Sie uns wenigstens warten bis Frankfurt, Vater. Dort ist der Bundestag, dort müssen also noch großartigere Läden sein –“

„Ja, ja, wir haben selbst einen Gesandten da.“

„Also!“

Aber die Logik seiner Tochter wollte der Baronin gegenüber dem Geheimerath nicht einleuchten.

„Nein, nein, in Frankfurt ist doch auch viel Juden- und anderer Trödel. Wer weiß, was man dort findet. Hier sind nun einmal schöne Sachen.“

Die beiden Mädchen mußten mit ihm und der Baronin in einen der reichen, eleganten Läden gehen, die in der Badesaison zu Wiesbaden allerdings mit Gerson in Berlin wetteifern können. Die Baronin schien sie in den reichsten und elegantesten von allen geführt zu haben. Sie stellte sich auch an die Spitze des Nachfragens, des Auswählens und des Handelns. Sie war hier in der That ganz die mütterliche Freundin der beiden jungen Damen. Indeß waren beide junge Mädchen sehr enthaltsam, Fräulein Charlotte offenbar aus Trotz, und die stille Louise, weil ihre Schwester es war. Sie nahmen nur wenige und einfache Sachen, zum Aerger des Geheimeraths, aber unter fortwährendem Lobe der Baronin über die liebenswürdigste Bescheidenheit, die ihr noch nie vorgekommen sei.

Die Dame schien glücklich zu sein; aber nur für die halbe Stunde in dem Laden. Draußen sagte sie traurig: „Jetzt beginnen wieder die unglücklichen Sorgen der Mutter. Seien Sie glücklich unterdeß in diesem schönen Punkte der Natur und des Lebens. Ich suche meinen Sohn auf; ich muß ihn allein suchen.“

Sie verschwand in der Menge. Der Geheimerath sah ihr mit einem tiefen Seufzer nach, wie einer holden Erscheinung aus einer andern Welt, die plötzlich entzückt hat, aber auch eben so plötzlich wieder verschwindet.

„Wo ich sie nur schon gesehen habe?“ rief er träumend.

„Vielleicht in der Stadtvogtei,“ sagte boshaft Fräulein Charlotte.

Aber die beiden jungen Damen gaben sich ganz der schönen Natur und dem bewegten, ihnen völlig neuen Badeleben hin, und bekümmerten sich wenig mehr um die Baronin aus Lauenburg in Hinterpommern.

Sie sollten sich indeß doch bald darum bekümmern müssen.

Vater und Tochter saßen am Sonntag Nachmittag auf der schönen Terrasse vor dem Kurhause. Die Töchter waren glücklich, der Vater aber nicht. Die Baronin hatte sich nur auf wenige Augenblicke sehen lassen; sie war sehr verstimmt und traurig gewesen, und hatte ihren Sohn vergeblich gesucht. Sie hatte zwar von einem Trupp junger Kavaliere sprechen gehört, unter denen auch einige junge Herren von der Besatzung in Mainz seien, und die allerlei tolle Streiche und Debouchen machten. Die unglückliche Mutter konnte nicht zweifeln, daß ihr Sohn darunter sei; aber sie hatte ihn noch nicht zu Gesichte bekommen können, und mußte weiter suchen. Das hatte auch den Geheimerath verstimmt. Er ärgerte sich über Alles; er schimpfte über Alles, über die einfältigen Berge, das kleine Nest, den schlechten Kaffee, und daß nicht einmal Weißbier da war; endlich selbst über das bunte, bewegte, fröhliche Leben, in dem er mit seinen beiden Töchtern sich mitten innen befand.

„Und dabei die Schande,“ rief er, „so den Sonntag zu entheiligen. Selbst die Läden sind heute offen!“

Das war aber Fräulein Charlotte zu arg.

„Aber, Vater,“ rief sie, allem Verbot zum Trotz. „Was hätten Sie denn in diesem Augenblicke in Berlin? Selbst in Ihrem schönen Thiergarten? Alles still, züchtig und ehrbar. Wie die Lippen stumm, so müssen die Blicke niedergesenkt sein; kein Wagen darf schnell fahren, keine Musik darf laut werden –“

Zu dem Aerger des Geheimeraths gesellte sich ein anderes Gefühl.

„Und darüber lästerst Du, Mädchen? Ueber hohe polizeiliche Anordnungen?“

„Wir sind ja nicht in Preußen, Vater.“

Endlich schien er einmal wieder für die Logik seiner Tochter zugänglich zu sein. Er erwiederte seiner Tochter nichts; er hätte es auch nicht gekonnt, denn in demselben Augenblicke war Jemand an den Tisch getreten, der, von dem Kurhause kommend, vielfach in dem Gewühle umhergespäht, und dann, als er den Geheimerath und dessen Töchter bemerkt hatte, in ziemlich gerader Richtung, aber doch dem Anscheine nach absichtslos, auf ihren Tisch zugegangen war.

Es war ein hübscher junger Mann in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre, mit einem feinen, klugen, offenen Gesichte, in dem man sehr genau nachsehen mußte, wenn man den lauernden Blick erhaschen wollte, der sich tief hinter den lebhaften Augen versteckt hielt. Wie er absichtslos an den Tisch gekommen zu sein schien, so blieb er auch wie zufällig stehen.

„Ein schöner Punkt hier!“ wandte er sich an den Geheimerath mit einer treuherzigen, aber nicht rohen Ungenirtheit, die dem offenen Gesichte, freilich ohne den Zusatz des versteckten lauernden Blickes, entsprach.

„O ja,“ entgegnete der Geheimerath sehr kalt.

„Der Reisende, zumal wenn er den Rhein herauf kommt, hat sich allerdings an schöne Gegenden gewohnt.“

Der Geheimerath antwortete nur mit einem leichten Kopfnicken.

„Die Damen werden mir gewiß ebenfalls beistimmen.“

Fräulein Charlotte sah nach den Bergen, ohne ihm etwas zu erwiedern. Die sanfte Louise sagte:

„Wir haben wunderschöne Parthieen gesehen.“

Der Fremde wurde lebhafter. -

[624] „Auch nach ihnen behält Wiesbaden immerhin seine Reize. Dieses plötzliche, großartige, fast großstädtische Leben in dem kleinen verborgenen Winkel.“

Fräulein Charlotte rümpfte die Nase. Der Geheimerath aber sagte in einem halb zornigen, halb belehrenden Tone:

„Großstädtisch können Sie denn doch dieses Leben unmöglich nennen.“

„Freilich,“ entgegnete der Fremde, „wenn man das Leben von Berlin damit vergleichen wollte! Indeß in mancher Beziehung hat die Saison hier selbst ein großartigeres Leben und Treiben aufzuweisen, als Berlin.“

„Ich möchte doch wissen, in welcher?“

„Zum Beispiel im Industrieritterthum.“

„Ah, mein Herr, glauben Sie das nicht.“

„Ich versichere Sie dennoch. Nirgend, in keiner noch so großen Residenz, wird das Gaunerwesen, namentlich das vornehme, mit mehr Verschmitztheit und zugleich Frechheit getrieben, als in den Bädern, besonders hier in Wiesbaden.“

Charlotte fing an, den Fremden mit mißtrauischen Blicken zu betrachten. Sie wollte ihrem Vater einen Wink geben; allein der alte Inquirent war in seinem Elemente, und dann sah er nicht rechts und nicht links.

„Haben Sie das Verbrecherwesen in großen Städten kennen gelernt, mein Herr?“ fragte er den Fremden.

„Mitunter. Und gerade darum kann ich meine Behauptung aufrecht erhalten. In den Bädern treten die Industrieritter in ganz andern Gestalten, unter ganz andern Formen auf; feiner, gewandter, mit mehr Aplomb. Man kann sie in Residenzen ganz genau kennen, und sich vor ihnen zu hüten gelernt haben; im Bade läuft man dennoch Gefahr, ihr Opfer zu werden.“

Fräulein Charlotte wurde mißtrauischer. Der Geheimerath lächelte sehr verächtlich. Der Fremde fuhr unbefangen fort:

„Auch in großartigerem Maßstabe treiben sie in Bädern ihr Wesen. Wo sie in großen Städten um Hunderte prellen, betrügen sie hier um Tausende.“

„Pah!“ warf der Geheimerath weg.

„Ich könnte ihnen gleich ein Beispiel anführen. In Berlin hat vor einigen Jahren eine gewisse Bommert ihr Unwesen getrieben.“

„Bommert?“ rief der Geheimerath, im höchsten Grade überrascht.

„Der Name fällt Ihnen auf?“

„Bommert? Bommert? Was wissen Sie von der Person?“

„Sie kennen sie also?“

Der Geheimerath sah zweifelhaft bald den Fremden an, bald vor sich hin. Der Fremde kam seiner Unbeholfenheit zu Hülfe.

„Ich verdiene Ihr Mißtrauen,“ sagte er mit einem feinen Lächeln. „Ich war nicht offen gegen Sie. Ich habe mich selbst einer kleinen Hinterlist gegen Sie schuldig gemacht. Es ist das sonst meinem offenen, leider zu offenem Charakter fremd. Aber der Beamte ist vor Allem Beamter. Ich habe die Ehre, den Herrn Geheimerath Fischer aus Berlin zu sprechen?“

„Woher kennen Sie mich, mein Herr?“

„Nur aus dem Fremdenbuche. Ich bin Polizeibeamter hier.“

„Und in welcher Absicht, Herr – Herr –?“

„Mein Titel thut nichts zur Sache, Herr Geheimerath. Wir sind hier nicht in Berlin. – Ah, entschuldigen Sie. Ich sagte es ja, ich bin leider zu offen. Mein Name ist übrigens Klein. Aber Sie wünschen zu wissen, warum ich mich der List gegen Sie bediente?“

„In der That, Herr Klein.“

„Eine äußerst gewandte und verschmitzte Gaunerin hat seit Kurzem in Ems, Schwalbach und Schlangenbad vielfältige Betrügereien verübt, und heute bekommt die hiesige Polizei die Nachricht, daß sie wahrscheinlich ihre Reise nach Wiesbaden genommen habe. Nach einzelnen von ihr mitgetheilten Zügen kam ich unwillkürlich auf den Gedanken, die Person könne die Bommert sein, die vor einigen Jahren vom Criminalgerichte zu Berlin steckbrieflich verfolgt wurde, gleichwohl seitdem spurlos verschwunden war. Ihr Steckbrief mit Signalement ist zwar hier; aber, Herr Geheimerath, Sie, als erfahrener, gediegener Inquirent, werden bester wissen, wie geringen Anhalt und Zuverlässigkeit solche Signalements geben.“

„Woher wissen Sie,“ fragte der Geheimerath wieder, „daß ich Inquirent war?“

„Ich hatte die Ehre, Ihnen zu sagen, daß ich Polizeibeamter bin.“

„Freilich, freilich.“

„Ich beschloß daher, den günstigen Zufall Ihrer Anwesenheit zu benutzen, und Sie, Herr Geheimerath, unmittelbar um persönliche, anhältlichere Auskunft zu bitten. Daß ich den kleinen Umweg wählte – ah, man gewöhnt sich zu leicht an die Wege der Polizei. Entschuldigen Sie mich.“

Der Geheimerath fühlte sich nur noch geschmeichelt.

„Ich stehe Ihnen gern zu Diensten, Herr Klein.“

„Also die Bommert?“

„Ich habe sie genau kennen gelernt. Ich selbst war in Berlin ihr Inquirent.“

„Ich kam also an die beste Quelle.“

„Die Person ist gebürtig aus einem Dorfe bei Graudenz in Westpreußen, wo ihr Vater Fleischer war. Ihr voller Name ist Anna Maria Bommert. Sie führt aber stets eine Menge anderer Namen. Sie begann ihre Verbrechen in ihrem sechzehnten Jahre mit Diebstählen in ihrer Heimat; trieb sich dann beinahe achtzehn Jahre in den Provinzen West- und Ostpreußen, in Polen und in Rußland umher, stehlend und betrügend, oder ihre Diebereien und Betrügereien in den Zuchthäusern verbüßend. Immer in verschiedener Gestalt, denn ihre größte Kunst bestand darin, durch Toilette, Schminke u. s. w. sich unkenntlich zu machen. Sie wandte sich endlich Berlin zu, um dort ihre Verbrechen großartiger fortzusetzen. Sie wurde aber schon unterwegs, in Küstrin, ergriffen, bei einem Ladendiebstahle. Ladendiebstähle bildeten ihre Lieblingsbeschäftigung. Sie wurde zu zehnjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt, und in die Strafanstalt in Spandau gebracht. Aber wie sie schon früher fast überall mit großer List und Frechheit aus den Zuchthäusern entwichen war, so gelang ihr dies auch in Spandau. Von einer Mitgefangenen, die nach Beendigung ihrer Strafzeit entlassen wurde, und ihre mitgebrachten Kleidungsstücke zurückerhielt, wußte sie sich ein Kleid und eine seidene Mantille zu erschwindeln. Sie verbarg diese bis zu einer gelegenen Zeit in dem gemeinschaftlichen Schlafsaale. Die Zeit schien ihr an dem Tage gekommen zu sein, als ein neuer Portier der Strafanstalt zum ersten Male seinen Dienst versah. Sie schlich sich mit dem erschwindelten Kleidungsstücke aus dem Schlafsaale, kleidete sich auf dem Flur rasch um, und ging nun dreist an die Ausgangsthür der Strafanstalt. Dem neuen Portier gab sie sich für die Schwester des Direktors aus; sie habe in der Anstalt die Aussicht über die Tapisseriearbeiten, und ertheilte ihm noch einen Auftrag. Er öffnete ihr die Thür; sie entkam.“

„Das war ihr letztes Entweichen?“ fragte mit einem listigen Lächeln der Polizeibeamte von Wiesbaden den Berliner ehemaligen Criminalbeamten.

Der Geheimerath erröthete.

„Gewissermaßen nicht.“

„Darf ich bitten?“

Sie ging von Spandau direkt nach Berlin. Hier wurden auf einmal in kurzer Zeit eine Menge der listigsten und bedeutendsten Ladendiebstähle verübt. Manchmal hatte man auf Niemanden Verdacht werfen können; manchmal hatte man hinterher gewagt, ihn auf eine unbekannte, sehr vornehm aussehende Dame zu werfen. Die Dame war aber, dem Anscheine nach, in jedem Laden eine andere gewesen. Um so weniger konnte man der Diebin auf die Spur kommen. Endlich wurde sie auf einem großen Diebstahle in einem Seidenladen ertappt, und in die Stadtvogteigefängnisse des Criminalgerichts eingebracht. Ihre Lügen, ihre Ausflüchte übergehe ich; sie bilden nur Romane, und Romane gehen eigentlich der Justiz und Polizei nichts an.“

„O, ich bitte,“ sagte der Herr Klein.

Der Geheimerath fuhr fort:

„Sie wurde, genauer von den Leuten in Augenschein genommen, als die Urheberin der vielen Ladendiebstähle anerkannt. Durch Vernehmung der Spandauer Gefängnißbeamten wurde, trotz ihres Leugnens, festgestellt, daß sie die Bommert war.“

„Und darauf?“ fragte der Herr Klein den stockenden Geheimerath.

„Darauf entkam sie.“

„Aus der Berliner Stadtvogtei?“

„Hören Sie, Herr Klein. Als sie eines Tages wieder zum Verhör gebracht wurde, hatte sie sich von einer Mitgefangenen ein Umschlagetuch und eine Haube geliehen. Sie hatte darin das Aussehen einer ehrsamen Bürgersfrau. So wurde sie durch den Gefangenwärter in die Verhörstube geführt. Die Verhörzimmer des [625] Berliner Criminalgerichts liegen an einem langen, schmalen, sich mehrfach windenden Gange. Dieser steht an dem einen Ende durch eine Thür in unmittelbarer Verbindung mit den Gefängnissen. An seinem andern Ende befindet sich die Ein- und Ausgangsthür für die Personen, die aus der Stadt an das Gericht geladen sind. Beide Thüren werden immer verschlossen gehalten; an der einen halten fortwährend zwei Gefangenwärter, an der andern zwei Criminaldiener Wache. Die verschmitzte Abenteuerin entkam dennoch. Als sie durch den Gefangenwärter, der sie hergebracht hatte, aus der Verhörstube wieder hinausgeführt wurde, befanden sich in dem Gange wie gewöhnlich viele Menschen, vorgeladene Zeugen, Sachverständige, Damnificaten u. s. w. Auf einmal war sie dem Gefangenwärter unter den Händen in der Menge verschwunden, und ehe er sich nur darauf besinnen konnte, wo er sie in dem Gewühl suchen sollte, war sie schon vor der Ausgangsthür nach der Stadt hin. „Das war ein langes Zeugniß,“ sagte sie zu dem Wache haltenden Criminaldiener. „Bitte, lassen Sie mich schnell hinaus: ich habe ein krankes Kind zu Hause.“ – Sie sah aus, wie eine ehrbare Bürgersfrau, die ein Zeugniß abgelegt habe. Sie wurde hinausgelassen.“

„Und man wartet wohl noch heute auf ihre Rückkehr’?“ fragte der Herr Klein.

„So glaube ich,“ sagte etwas kleinlaut der Geheimerath, der selbst der Inquirent der Diebin gewesen war. „Ich würde mich sehr freuen, wenn sie hier wieder ergriffen würde und ich dazu beitragen könnte.“

„Und nun ihr Signalement, Herr Geheimerath?“

„Sie ist von mittlerer Größe –“

„O, wenn ich bitten darf, nicht das Schablonensignalement; dieses führe ich in der Tasche. Es ist in dem Steckbrief des Berliner Criminalgerichts. Aber vielleicht frischt es Ihr Gedächtniß auf.“ Er zog ein Papier aus der Tasche und las:

„Die verfolgte Bommert, die sich bald Gundnow, Berchau, Lenz, von Lenz, von Brünn, von Brüning, Baronin von Brinksens, Gräfin Schwerin nennt, ist 39 Jahre alt, evangelischer Religion, mittlerer Statur, 4 Fuß 11 Zoll groß; hat wenig Haar, weshalb sie zuletzt hier eine braun-schwarze Perrücke trug, blaue Augen, eine etwas breite Nase, ein rundes Kinn und einen kleinen Mund.

Besondere Kennzeichen: die rechte Schulter höher als die linke, oben keine Zähne, überm Kinn links eine Narbe von der Form einer Bohne, in der Mitte des Kinnes eine kleine runde Pockennarbe; sie ist der deutschen und polnischen Sprache gleich mächtig.“

„Richtig, richtig!“ sagte der Geheimerath. „Und ich kann Ihnen Folgendes hinzufügen, was in dem Steckbriefe nicht –“

Aber auf einmal brach er ab. Er wurde unruhig, blaß, seine Stirn wurde feucht.

„Darf ich bitten, Herr Geheimerath?“

Der Geheimerath fuhr über die nasse Stirn, als wenn er ein böses Phantom verscheuchen wolle.

„Ah,“ lachte der Herr Klein, „Ihr Gedächtniß bringt Ihnen wohl noch neue, noch größere Häßlichkeiten zu denen des Signalements?“

„Nicht doch, mein Herr; die Person war nicht so häßlich, wie jene Beschreibung sie macht. Sie hatte ein Etwas, das man in einem gerichtlichen Signalement nicht wieder geben konnte.“

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel einen angenehmen Blick der Augen, und die Augen waren groß und nicht häßlich. Ferner –“

„Ferner?“

„Ferner einen wohlgeformten Arm.“

„Und weiter?“

„Weiter wüßte ich nichts.“

Aber der Geheimerath mußte doch noch mehr wissen. Er wurde unruhiger, blasser, auf seiner Stirn sammelten sich dickere Schweißtropfen.

Der Herr Klein sah ihn mit einiger Verwunderung an. Er fand aber keine Zeit, seiner Verwunderung weiteren Ausdruck zu geben; denn in demselben Augenblicke sah er mit seinen Augen, die auch, wenn sie sich verwunderten, überall waren, einen Menschen, der sich durch die Menge auf ihn zudrängte, in einer kurzen Entfernung von ihn, stehen blieb und ihm einen Wink zuwarf. Es war ein langer, grauer Mensch in einem schäbigen Rocke und mit einem schäbigen Gesichte. Der Herr Klein wurde eilig.

„Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Geheimerath. Wenn ich Ihnen wieder dienen kann, wird es mir immer eine Freude sein. Leben Sie wohl. Meine Damen, ich empfehle mich Ihnen.“ Er verschwand mit dem grauen, schäbigen Menschen in der Menge. Auch Fräulein Charlotte hatte die Unruhe des Geheimeraths bemerkt.

„Fehlt Ihnen etwas, Vater?“

„Es ist hier so heiß.“

„Der Mensch hat Sie mit der dummen Geschichte gequält. Es war ein recht unangenehmer, widerwärtiger Mensch.“

„Ein Polizeibeamter, Charlotte!“

„Wer weiß? Es kann auch eben so gut einer jener Industrieritter sein, vor denen er warnte, um sicher zu machen.“

„Meinst Du, Charlottchen?“

„Welch’ ein gemeines, verdächtiges Gesicht rief ihn da eben ab.“

„Ich hielt es für das Gesicht eines verkleideten Polizeidieners.“

„Es war ein vollkommenes Gaunergesicht.“

„Meinst Du, Charlottchen?“

Der Geheimerath sprach so weich; er stritt nicht mehr. Fräulein Charlotte verwunderte sich noch mehr, als der Polizeibeamte. Sie ängstigte sich.

„Sind Sie unwohl, lieber Vater?“ !

„Nicht doch. Aber wollen wir nicht zum Gasthofe zurückkehren? Ich habe eine solche Unruhe. Ach, Charlottchen!“

„Um Gotteswillen, mein Vater! Was ist Ihnen?“

„Da haben wir es! Es ist richtig!“

„Was ist richtig?“

„Da kommt er. Sein Gesicht –“

„Wer kommt?“

„Es ist richtig, Charlottchen, gib Acht! Meine Ahnung!“

Der Geheimerath wurde leichenblaß. Herr Klein kehrte zurück, und machte sich rasch Bahn durch die Menge. Sein Gesicht drückte eine gewisse wichtige Unruhe aus. Er kam in gerader Richtung auf den Geheimerath zu.

„Herr Geheimerath, Sie haben gestern in einem hiesigen Magazine Einkäufe für Ihre Fräulein Töchter gemacht?“

„Ja, mein Herr.“

„Es war noch eine dritte, ältere Dame in Ihrer Gesellschaft?“

„Ja.“

„Sie steht im Fremdenbuche als zu Ihrer Familie gehörig aufgeführt?“

„So ist sie eingeschrieben.“

„Die Dame ist vor einer Stunde in das Magazin zurückgekehrt.“

„Mein Gott!“

„Sie hat sich die reichsten Stoffe vorlegen lassen.“

Der Geheimerath wollte sprechen; die Stimme versagte ihm.

Der Andere fuhr fort:

„Sie hat eine reiche Auswahl getroffen, für mehr als sechshundert Thaler. In Ihrem Namen, für Ihre Fräulein Töchter, die Sie mit den schönen Sachen überraschen wollten. Sie hat die Sachen in den Gasthof bringen lasten, und sie dort in Empfang genommen. Natürlich auf Kredit, auf Ihren Kredit. Sie gehörte zu Ihrer Familie. Dem Herrn Geheimerath Fischer aus Berlin kreditirte man gern. Hinterher bekam man doch Besorgnis; Man erkundigte sich in dem Gasthofe; die Dame war fort; sie konnte auf einer Promenade, bei Ihnen sein; aber auch die Sachen waren fort; und nicht blos die heute von ihr gekauften, auch Ihre gestrigen Einkäufe. Kisten, Schränke und Koffer waren erbrochen und leer.“

Der Geheimerath hatte die Sprache wiedergewonnen. „Die Bommert!“ rief er. Aber er konnte nur das eine Wort aussprechen.

„Ich wagte die Ahnung nicht,“ sagte der Herr Klein.

Aber dieser Polizeibeamte war ein dankbarer Mensch. „Herr Geheimerath,“ fuhr er fort. „Ich bot Ihnen vorhin meine Gegendienste an. Gestatten Sie mir, Ihnen einen Rath zu ertheilen. Es wird bei uns jetzt über den Vorfall eine weitläufige, zuerst polizeiliche und dann gerichtliche Untersuchung eingeleitet werden. Sie und Ihre Fräulein Töchter werden darin die Hauptzeugen sein. Man würde Sie zwanzig Mal vernehmen wollen; Sie würden Wochen lang bei uns bleiben müssen, und doch würde man dadurch weder die Diebin, noch die Sachen zurückbekommen. Mein Rath wäre daher, Sie reiseten so schnell als möglich von hier ab. Ihre Vernehmungen können ja später durch Requisitionsschreiben herbeigeführt werden.“

[626] Im Gasthofe fand sich Alles bestätigt, was der Herr Klein gesagt hatte. Der Geheimerath reisete mit dem ersten Eisenbahnzuge ab, der nach Frankfurt ging. Auf dem ganzen Wege hatte er kein Wort gesprochen. Aber in Frankfurt wurde ihm wieder wohl; er sah preußisches Militair und den Bundespalast.

„Mit dem Herrn Klein hattest Du doch Unrecht, Charlotte,“ sagte er. „Er war ein wirklicher Polizeibeamter. Ich kenne die Menschen. Und wenn in Wiesbaden des sonntags die Läden verschlossen werden müßten, wie bei uns in Berlin, so wäre das ganze Unglück nicht passirt.“



[633]
II.
Polizeiwidrige Gesinnungen.

Wenn man von Frankfurt am Main nach dem Norden reisen will, ohne die neueren großen Straßen, Eisenbahnen u. s. w., zu berühren – man kann manchmal seine Ursachen dazu haben – so nimmt man seinen Weg von Frankfurt nach dem Städtchen Königstein am Abhange des Taunus, wo man zugleich eine sehr schöne, großartige Schloßruine findet, und von dieser aus eine der schönsten Aussichten hat, die der Taunus in so reicher Fülle darbietet. Man gelangt von da weiter auf der alten Poststraße über Limburg, Wetzlar, Gießen, Marburg, Kassel zu seinem nördlichen Ziele.

Es war im Sommer des Jahres 1852, als der Bürgermeister und zugleich Postmeister und Posthalter zu Königstein Herr Heller, des Abends noch etwas spät in dem Bureau saß und behaglich seine Pfeife rauchte. Er war ein „zwölf Jahre gedienter Unteroffizier,“ der auch die „Befreiungskriege“ mitgemacht hatte. Nach Beendigung seiner zwölf Jahre hatte er eine „Civilversorgung“ erhalten; anfangs eine kleine, bis er zuletzt zu jener doppelten, eigentlich dreifachen, avancirt war. Daneben hatte er die Erlaubniß, Gastwirthschaft zu führen, was aber kein Amt war, keinen Gehalt und keinen Titel abwarf, und daher als eine Civilversorgung nicht betrachtet wurde. Er saß in seinem Bureau; man konnte fragen: in welchem der drei Bureaus für jene drei Posten? Allein er hatte mit Erlaubniß seiner hohen Vorgesetzten nur ein einziges Bureau, in welchem jeder der drei Posten seine besondere Ecke und seinen besondern Tisch hatte. Er versah alle seine Geschäfte allein, und so mußte er denn auch natürlich in allen drei Ecken und an allen drei Tischen arbeiten. Indessen machte ihm das keine große Beschwerde, denn alle seine drei Posten waren ja eben „Civilversorgungen.“ Die meiste Zeit brachte er daher auch, wenn die Gastwirthschaft ihn nicht in Anspruch nahm – für die er aber einen Kellner hatte – zwar in seinem Bureau zu, aber in keiner jener drei Ecken, sondern in der vierten, die er für neutrales Gebiet erklärt hatte, und in der er mithin außeramtlich thun konnte, was er wollte, also auch rauchen. Er war übrigens noch eine große, starke, magere Unteroffiziersfigur, hatte aber gleichwohl schon den Anfang dazu gemacht, sich ein kleines, spitzes Bürgermeisterbäuchlein zuzulegen.

Er saß auf seinem neutralen Gebiete und rauchte. Um ihn her war es still, sowohl in seinem Bureau, in seiner Gaststube, als in der Straße des Städtchens. Die Landstraße von Frankfurt nach dem Norden war schon längst durch die neuen Verkehrsstraßen veraltet, und wurde sehr selten mehr befahren. Reisende, die den Königstein besehen wollten, kamen nur aus den Städten und Bädern in der Nähe, Frankfurt, Wiesbaden, Schwalbach u. s. w., und kehrten gleich nach Sonnenuntergang zu den Orten zurück, aus denen sie hergekommen waren. Die Bewohner des Städtchens hatte der Bürgermeister Heller mit zwölf Jahre gewohnter Strenge an Ruhe und Ordnung gewöhnt.

Plötzlich wurde die Stille des Abends unterbrochen. Der Galopp eines Pferdes ließ sich hören; er kam die Straße herauf, von Frankfurt her. Vor dem Hause des Bürgermeisters und Postmeisters, auch Posthalters, hielt er mit einem Male und mit einem lauten, weithin schallenden Peitschenschlage an. Der Bürgermeister – dies war sein vornehmster und deshalb im Verkehre sein einziger Titel – wurde neugierig; aber er blieb auf seinem neutralen Gebiete sitzen; er konnte ja noch nicht wissen, ob überhaupt, oder in welcher seiner amtlichen Eigenschaften er werde in Anspruch genommen werden. In Anspruch sollte er genommen werden.

Nach wenigen Sekunden trat Jemand rasch in das Zimmer. Es war ein kleiner, beweglicher Mann in großen, weiten Reiterstiefeln, die bis über die Knie hinaufreichten, enganliegenden gelbledernen Beinkleidern, strohgelber Weste, blauem kurzen Reitrocke, und kleiner blauer Kappe mit breiter silberner Borde; in der behandschuheten Hand trug er eine große schwere Reitpeitsche. Das ganze Aeußere des Mannes verrieth einen Reisecourier, wie reisende Herrschaften sie früher sehr häufig vorausschickten, um Extrapostpferde, Quartier und andere Nothwendigkeiten und Bequemlichkeiten der Reise vorher zu bestellen. Die neuere Art des Reisens auf Eisenbahnen und in Dampfboten, noch mehr der Telegraph haben sie meist entbehrlich gemacht. Durch Königstein ging weder Eisenbahn, noch Dampfschiff, noch eine Telegraphenlinie.

„Guten Abend, Herr Bürgermeister,“ grüßte der Courier.

„Alle Donnerwetter, Scheerer, wie sieht man Sie denn einmal wieder?“

„Nicht wahr? Schlechte Zeiten, Herr Bürgermeister.“

„Ja, ja, sehr schlechte Zeiten, Herr Scheerer.“

„Kein Verkehr, kein Leben mehr in der Welt.“

„Diese verdammten Eisenbahnen, diese einfältigen Telegraphen –“

„Und vor Allem, Herr Scheerer, diese verdammte Revolution, die ist Alles daran Schuld.“

„Gewiß, gewiß. Aber ich bin eilig, Herr Bürgermeister. Sechs Pferde Extrapost, vier für den herrschaftlichen Wagen und zwei für die Dienerschaft.“

[634] Der Bürgermeister war schon aufgestanden, hatte seine Pfeife weggelegt, und sich an den Posthaltertisch gesetzt.

„Für wen?“ fragte er.

„Für Se. Durchlaucht den Fürsten von Hohenstein.“

„Wie viel Personen?“

„Der Fürst, die Fürstin, Kammerdiener, Kammerfrau, Jäger und Lakei.“

„Wann?“

„Heute Nacht noch. Vor Mitternacht wohl nicht.“

„Heute Nacht schon?“

„Die Herrschaft ist eilig; sie hatte in Heidelberg eine Trauernachricht bekommen.“

„Schön, Herr Scheerer. Notirt. Soll Alles besorgt werden.“

„Gute Nacht, Herr Bürgermeister.“ „Gute Nacht, Herr Scheerer. Keinen Schoppen?“

„Ist schon draußen bestellt. Ich trinke ihn beim Aufsteigen.

Ich bin sehr eilig.“

Er ging. Schon nach einer halben Minute hörte man ihn weiter galoppiren. Er mußte auch seinen Schoppen im Galopp getrunken haben. Der Bürgermeister klingelte. Ein Knecht trat ein.

„Sechs Pferde Extrapost und zwei Postillone. In anderthalb Stunden muß Alles bereit sein.“

Der Knecht ging wieder. Der Bürgermeister wollte aufstehen und sich auf sein neutrales Gebiet zurückverfügen, als wieder der Galopp eines Pferdes laut wurde. Er blieb sitzen; er konnte ja noch einmal als Posthalter fungiren müssen. Das Pferd kam wieder aus der Richtung von Frankfurt und hielt wieder vor seiner Thüre. Gleich darauf trat auch Jemand in das Bureau. Diesmal war es aber ein Gensd’arm. Der Bürgermeister stand auf und setzte sich an seinen Bürgermeistertisch.

Der Gensd’arm übergab ihm ein versiegeltes Schreiben, und wollte sich sofort wieder entfernen.

„So eilig, Herr Schulze?“

„Heute Abend ist der Teufel los, Herr Bürgermeister. Von Frankfurt, von Höchst, von Gattersheim, von aller Welt ist die Gensd’armerie in Bewegung gesetzt. Ich muß schnell weiter nach Würges.“

„Was gibt es denn, Herr Schulze?“

„Sie werden es in dem Schreiben da schon lesen. Gute Nacht, Herr Bürgermeister.“ „Gute Nacht, Herr Schulze.“

„Eine schöne gute Nacht, das. Hole der Teufel alle Revolution.“

„Ja wohl, ja wohl,“ seufzte der Bürgermeister.

Der Gensd’arm galoppirte weiter, ohne einen Schoppen zu trinken. Der Bürgermeister erbrach das Schreiben, und las es. Seine kleinen grauen Augen leuchteten, wichtig, vergnügt, ärgerlich, ingrimmig, alles zu gleicher Zeit. Er zog wieder die Klingel, aber eine andere. Jeder seiner Tische hatte eine besondere Klingel.

Ein Polizeidiener trat ein. Es war eine eben so große, kräftige, magere Figur wie der Bürgermeister, hatte auch eben so kleine graue Augen und einen eben so großen grauen Schnurrbart wie dieser. Aber es fehlte ihm jegliche Ahnung eines spitzen Bauches, und sein Gesicht war nicht wichtig, nicht befehlend, und nicht ingrimmig, sondern sehr melancholisch. Er war gleichfalls ein zwölf Jahre gedienter Unteroffizier, und in seiner Civilversorgung. Aber er hatte es nur bis zum Polizeidiener gebracht, weil er nur nothdürftig lesen und schreiben konnte. Er selbst gab freilich einen andern Grund an; denn er haßte seinen Vorgesetzten, der doch eben nur Unteroffizier gewesen war, wie er.

„Polizeidiener!“

„Herr Bürgermeister?“ knurrte der Polizeidiener, der den Unterschied der Civilversorgung einmal anerkennen mußte.

„Bestelle Er sofort die beiden Gensd’armen des Ortes, zwei Nachtwächter und den Gefangenwärter hierher. Sie sollen eilig sich einfinden; die Gensd’armen völlig bewaffnet, der Gefangenwärter mit seinem Säbel, die Nachtwächter mit ihren Piken.“

„Auch mit ihren Hörnern?“ fragte etwas höhnisch der Polizeidiener.

Der Bürgermeister besann sich. „Auch mit ihren Hörnern,“ sagte er dann sehr wichtig. „Man kann nicht wissen!“

Der Polizeidiener verließ das Zimmer, um die Befehle seines Vorgesetzten auszurichten.

Der Bürgermeister machte noch einmal Miene, sich auf sein neutrales Gebiet zurückzuverfügen; er besann sich aber. Eine gewisse innere Unruhe schien ihn in der stillen, einsamen Bureaustube nicht mehr zu dulden. Er nahm seine Pfeife, zündete sie wieder an, verließ die Stube, und wandte draußen im Gange sich zuerst links nach seinem Familienzimmer hin, kehrte aber fast in demselben Momente um, indem eine Uhr im Gange neun schlug, und um diese Zeit seine Frau sich zu Bette legte, und nahm einen anderen Weg. Gerade seinem Bureau gegenüber, auf der andern Seite des Ganges, lag die Gaststube des Gasthofes; denn Gasthof, Polizeiamt, Postamt, das Alles hatte er in einem und demselben Hause vereinigt. Er ging in die Gaststube.

In dieser befand sich nur ein einziger Gast. Es war ein junger Mann, am Ende der zwanziger oder im Anfange der dreißiger Jahre stehend. Es schien ein Handwerksbursche zu sein; er trug eine Blouse von grauer Leinwand; ein Knotenstock und ein Ränzel lagen neben ihm. Der Mensch schien Zahnschmerzen zu haben; er hatte das Gesicht mit einem breiten, schwarzseidenen Tuche umwunden, und außerdem eine Hand fest auf Mund und Backe gedrückt. Von seinem Gesichte konnte man so nur wenig sehen. Er saß auf einer Bank, die Ellnbogen auf den Tisch vor ihm gestützt. Einen Schoppen Wein und ein Stück Brot, die vor ihn, standen, hatte, er kaum angerührt. Er schien etwas tiefsinnig vor sich hinzublicken, als der Bürgermeister eintrat; er veränderte auch bei dessen Eintreten weder Stellung noch Blick.

Der Bürgermeister sah ihn sehr scharf und prüfend an, gar mit einer gewissen Unruhe. Er trat dann näher an ihn heran.

„Woher des Weges, Landsmann?“ fragte er barsch.

Der Fremde blickte kaum auf. „Von Usingen,“ antwortete er kurz.

„Und wohin weiter?“

„Ist es nöthig, daß ich darauf Antwort gebe?“ antwortete der Fremde, beinahe noch barscher, als der Bürgermeister.

„Ich denke. Ich bin zugleich der Bürgermeister hier.“

„Nach Frankfurt. Wollen Sie auch meinen Paß?“ Die Worte wurden nicht minder barsch gesprochen.

„Hat Er Zahnweh?“ fragte der Bürgermeister.

„Wie Sie sehen.“

„Das ist ein grober Kerl, der ist nicht gefährlich,“ murmelte der Bürgermeister zwischen seinen gesunden Zähnen. Er wandte sich von dem groben Menschen ab, und ging still rauchend in der Stube umher.

Nach einer Weile hörte man wieder auf der Straße den Gang eines Pferdes; aber es war diesmal kein Galopp, sondern ein höchstens etwas rascher Schritt. Der Bürgermeister horchte. Das Pferd hielt vor seinem Hause.

„Alle Donnerwetter, was ist denn heute Abend los?“

Er horchte weiter; er hörte aber nur ein paar Worte draußen, die er nicht deutlich verstehen konnte, und denen die Stimme seines Hausknechtes gleichfalls unverständlich antwortete. Gleich darauf trat ein Fremder in die Gaststube. Es war ein junger Mann in Reisekleidung mit einem feinen, klugen Gesichte und einem ungenirten Wesen. Er sah gleich bei seinem Eintreten sich rasch und lebhaft in der Stube um.

„Der Herr Wirth?“

„Der bin ich.“

„Auch Bürgermeister hier? Herr Bürgermeister Heller?“

„Ich bin der Bürgermeister Heller.“ .

„Einen Schoppen Wein, wenn ich bitten darf, Herr Bürgermeister.“

Den Bürgermeister hatte das kecke, sogar etwas befehlende Wesen des Fremden vom ersten Augenblicke an geärgert.

„Rufen Sie den Kellner,“ sagte er zornig, „dort ist die Klingel.“

Der Fremde ließ sich durch den Zorn nicht irre machen. „Ei,“ sagte er freundlich lachend, gar höflich, „wenn der Herr zu Hause ist, ziemt es sich nicht für die Gäste zu klingeln.“

Dem zwölf Jahre gedienten Unteroffizier war der Sinn dieser Worte wohl zu fein. Vielleicht gerade darum aber, und da doch der Fremde höflich gesprochen hatte, besann er sich kurz und verließ die Stube, das Verlangte zu besorgen.

Sofort stellte der fremde Reiter sich vor den fremden Handwerksburschen. Er schlug die Arme übereinander, sah mit seinen lebhaften Augen den Zähnekranken durchdringend an, und blieb so stumm vor ihm stehen.

[635] Der Handwerksbursche hatte bei dem Eintreten des Reiters nur ein wenig und verstohlen aufgeblickt. Fast in demselben Momente hatte er den Blick wieder gesenkt. Aber er hatte seitdem seinen Gesichtszügen nicht wehren können, den Ausdruck einer großen Unruhe anzunehmen und zu behalten. Das schwarze Tuch und die vor das Gesicht gedrückte Hand konnten diese kaum verbergen. Er wagte auch anfangs nicht, dem durchbohrenden Blicke des mit den gekreuzten Armen stumm vor ihm stehenden Reiters zu begegnen.

Auf einmal aber erhob er sich entschlossen, und stellte sich dicht dem Reiter gegenüber; es war eine hohe, imposante Gestalt.

Er sah den Reiter gleichfalls durchbohrend an, aber mit blitzenden, zornigen Augen.

„Ja,“ sagte er, „Du irrst Dich nicht, ich bin es. Nun, was willst Du?“

„Aber, Mensch,“ erwiederte der Andere, „wie kommst Du hierher? Wie kannst Du es wagen?“

„Ich habe gewagt. Wage auch Du nun.“

„Du traust mir nicht, Thilo!“

Der Andere lachte. „Du hast Dich in eine Lage gebracht, daß Dir kein Mensch mehr traut.“

„Du verkennst mich. Ich bin kein Verräther.“

„So sprechen alle Verräther.“

„Und Ihr seid sogleich mit dem Worte Verräther bei der Hand.“

„Bist Du keiner?“

„Schrei nur nicht so, Mensch.“

„Man kennt Dich hier noch nicht?“

„Man könnte Dich kennen lernen. Mensch, daß Du, zum Tode verurtheilt, nach der Schweiz zurückkehren konntest, war schon ein Wagestück. Aber daß Du auch nach Deutschland kommst, das ist Tollkühnheit, das ist mehr als Tollkühnheit. Die geheimen Steckbriefe kündigen Dich schon seit gestern an. Ich wollte ihnen nicht glauben; ich konnte es nicht begreifen. Jetzt kann ich nicht begreifen, wie Du bis hierher hast kommen können, ohne zehn Mal gefangen zu werden. Wenn ich darüber nachdenke, wie Du weiter oder zurück, wie Du aus der Mausefalle, in der Du sitzest, wieder herauskommen willst, so steht mir der Verstand völlig still. Auf zehn Meilen in der Runde ist jetzt kein Gensd’arm und kein anderer Polizeimensch, der nicht auf Deinen Fang wartet. Du kannst keine zehn Schritte weit gehen, ohne daß sie Dich haben.“

Der anscheinende Handwerksbursch Thilo war etwas unruhig geworden. „Was bist Du denn eigentlich jetzt?“ fragte er, zugleich mißtrauisch.

„Zum Teufel, bekümmere Dich um Dich.“

„Was willst Du von mir? Mit mir?“

„Still! Der Wirth kommt zurück. Setze Dich wieder; habe wieder Zahnweh.“

Der Bürgermeister öffnete schon die Thür. Er brachte den Wein selbst. Der vermeintliche Handwerksbursch Thilo hatte sich in seiner frühern Lage wieder auf die Bank gesetzt. Der Reiter ging pfeifend in der Stube umher. Er schenkte sich ein Glas Wein ein, trank es aus, und stellte sich vor den Bürgermeister.

„Also der Herr Bürgermeister Heller?“ fragte er in seiner kecken, beinahe unverschämten Weise.

Der Bürgermeister blickte zornig, aber auch zugleich neugierig auf den bald so frechen, bald so fröhlichen Fremden. Aus Neugierde hatte er auch wohl selbst den Wein hereingebracht.

„Ich sagte es Ihnen schon,“ antwortete er kurz.

„Früher Unteroffizier gewesen?“

„Ja,“ antwortete der Bürgermeister, noch kürzer und mit wieder steigendem Aerger. Er haßte die Erinnerung an einen früheren Stand, den sein Polizeidiener mit ihm gemein hatte.

Der Andere fuhr unbekümmert fort. „Der jetzige Dienst ist wohl schwerer?“

„Leicht ist er nicht.“

„Und das soll eine Versorgung für einen braven, alten Soldaten sein.“

„Was soll man machen?“

„Richtig; man muß leben. Ihr alter Polizeidiener hat es noch schlechter.“

Der Bürgermeister wurde roth vor Zorn, aber zugleich neugieriger, einem Menschen gegenüber, der seine Verhältnisse so genau zu kennen schien, und der ihm völlig fremd war.

„Er lebt aber auch,“ sagte er.

„Die Polizei macht Ihnen hier wohl am meisten zu schaffen?“

„Es geht.“

Der Fremde lachte. „Gut geantwortet. Es geht auch, wenn der Teufel los ist.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Ist seit heute Abend nicht der Teufel bei Ihnen los, lieber Herr Bürgermeister Heller?“

Der Bürgermeister stutzte; er sah den fremden Reitersmann neugieriger, mißtrauischer an.

„Also wirklich!“

„Was ist wirklich? Was wissen Sie, Herr?“

„Ich? Nichts. Aber horch, ich höre Waffen! Ah, ah, Sie haben Ihre Gensd’armen schon hierher bestellt. Ich sagte es ja; heute Abend ist bei Ihnen der Teufel los.“

Man hörte wirklich in dem Gange vor der Stube ein leises Geräusch, wie von Waffen. Gleich darauf steckte der alte Polizeidiener sein graues Gesicht durch die Thür.

„Herr Bürgermeister, sie sind da!“

„Plaudertasche!“ brummte der Bürgermeister.

Er verließ verlegen und zornig die Wirthsstube. Der Reiter wandte sich an den Handwerksburschen.

„Es gilt Dir, Thilo, dem zum Tode verurtheilten ehemaligen Kammergerichtsassessor von Thilo, einunddreißig Jahre alt, großer, schlanker Figur, Gesicht oval –“

Der ehemalige Kammergerichtsassessor von Thilo unterbrach ihn. „Ich bin in Deiner Gewalt. Es bleibt sich gleich, ob ich Dir vertraue oder nicht.“

„Vertraue!“

„Werde ich wirklich schon mit Steckbriefen verfolgt?“

„Gewiß.“

„Bin ich in Gefahr?“

„In der größten, die ich kenne.“

„Willst Du und kannst Du mich retten?“

„Ob ich will? Keine Frage. Ob ich kann? Zum Teufel, das ist eine verzweifelte Frage. Von hier, von diesem alten Bürgermeister kann ich Dich leicht befreien. Aber wohin dann? – Doch laß hören. Was machst Du hier? Was hast Du vor? Wohin willst Du?“

„Ich folge meiner Braut.“

„Der Galgen ist Deine Braut, bestenfalls das Zuchthaus.“

„In diesem Augenblicke bin ich ihr eigentlich voraus.“

„Gott gebe, daß es wahr sei.“

„Spotte nicht, ich bin in einer verzweiflungsvollen Lage.“

„Das weiß Niemand bester als ich. Wer ist Deine Braut?“

„Sie muß jeden Augenblick hier eintreffen.“

„Und dann?“ Der ehemalige Kammergerichtsassessor wollte antworten, als der alte Polizeidiener eintrat. Die beiden Fremden schwiegen und nahmen die Miene an, als ob sie kein Wort mit einander gesprochen hätten, einander gar nicht kannten.

Der Polizeidiener warf zunächst einen Blick auf die Fenster der Stube, als wenn er sich vergewissern wollte, ob sie zugemacht seien. Sie waren zu. Dann nahm er einen Stuhl, stellte diesen an die Eingangsthür der Stube und ließ sich darauf nieder. Er saß so, daß Niemand zur Stube ein oder aus konnte, ohne über seine ausgestreckten Beine zu schreiten. Er warf finstere, grämliche Blicke auf die beiden Fremden. Es konnte diesen kein Zweifel darüber sein, daß sie seine Gefangenen seien, deren Bewachung ihm sehr strenge anbefohlen sein müsse. Der Herr von Thilo wurde unruhiger.

Der Reiter mußte auf einmal laut auflachen. Er nahete sich dem Polizeidiener, dessen finsteres Gesicht über das freche Lachen noch ingrimmiger wurde.

In demselben Augenblicke hörte man draußen einen Wagen rasch fahren, und gleich darauf vor dem Hause halten.

Der Polizeidiener warf neugierige Blicke nach dem Fenster, und als er sich überzeugte, daß er so nichts sehen könne, horchte er neugierig nach dem Gange vor der Stube. Man hörte dort fremde Stimmen. Die beiden Fremden wechselten unterdeß Blicke.

„Ist sie das?“ fragten die Augen des Reiters.

„Sie ist es!“ antworteten die des Andern.

Sie suchten zugleich ängstlich einen Ausweg aus der Stube; es bot sich keiner dar.

Unmittelbar darauf öffnete sich die Thür des Zimmers. Es erschienen in dieser, halb noch in dem nur dunkel erleuchteten Gange, [636] mehrere Personen, voran eine junge Dame mit einem sehr blassen, leidenden Gesichte. Sie blickte in die Stube, sie sah den Herrn von Thilo, sie sah den Reiter, sie sah den Wache haltenden Polizeidiener, und fiel mit einem lauten Angstschrei einer andern, hinter ihr stehenden jungen Dame in die Arme.


Der Geheimerath Fischer hatte mit seinen beiden Töchtern von Frankfurt aus seine Reise den Rhein hinauf nach der Schweiz fortgesetzt. Er war merkwürdiger Weise, je näher er der Schweizer Grenze kam, munterer, besserer Laune geworden. Von der Anna Maria Bommert hatte er nichts mehr gehört; auch in die Zeitungen hatte die fatale Geschichte keinen Eingang gefunden. Er selbst sprach gleichfalls nicht davon. Es beschäftigten ihn andere Gedanken.

„Ah,“ sagte er sehr vergnügt, „ich bin doch neugierig auf dieses unglückliche Land. Welch’ eine grauenvolle Verwirrung muß dort herrschen! Was sage ich? Verwirrung? Gesetzlosigkeit, Anarchie. Wie kann es auch anders sein? Eine Republik ist schon an sich ein Zustand der Anarchie.“

„Aber, Vater!“ bemerkte Fräulein Charlotte.

„Aber, Vater! Was hast Du wieder?“

„Dann müßten Sie sich ja fürchten, einen unterwühlten Boden zu betreten, oder gar in einen offenen Krater sich zu stürzen.“

„Das ist eben das Sonderbare, Charlottchen. Wir können ruhig hinkommen, den Fremden thun sie nichts. Sie fressen sich nur unter einander auf, wie echte Wölfe der Demokratie.“

Sie kamen nach Basel. Der Geheimerath war doch mit einigem Herzklopfen über die Rheinbrücke gefahren; er hatte dann an den Straßenecken nicht ohne Besorgniß sich umgesehen, ob er nicht einem wilden demokratischen Wolfsgesichte begegne, ob er nicht gar Zeuge sein müsse, wie plötzlich ein harmloser Bürger von ein paar Wühlern überfallen, erdolcht und ausgeplündert werde. Er sah von alledem nichts. Er fuhr durch stille und ruhige Straßen, in denen nur das Geräusch und die Bewegung des geschäftigsten und ordentlichsten Verkehrs herrschte.

Der Geheimerath schüttelte den Kopf. Er blieb den folgenden Tag in Basel, und fand nur dieselbe ruhige und ordentliche Geschäftsthätigkeit. Er wurde still, beinahe verstimmt. Doch tröstete er sich zuletzt damit, einmal, daß Basel unmittelbar an der deutschen Grenze gelegen, eigentlich nur eine deutsche Stadt, und zum Andern, daß es, wenngleich eine Republik, doch eine aristokratische Republik sei, die im Grunde von einer Monarchie sich nicht im Prinzip, sondern nur in einem gewissen Zahlenverhältnisse unterscheide.

Er fuhr von Basel nach Schaffhausen; meist auf deutschem Gebiete, und erfuhr daher auf dieser Tour wenig von der Schweiz. Bei Schaffhausen sah er nur den Rheinfall und das schöne Hotel Webern. In Schaffhausen selbst sah er gar nichts. Von Schaffhausen fuhr er aus dem Dampfschiffe den Rhein hinauf, über den ganzen Bodensee bis Rorschach. Das war eine herrliche Fahrt. Seinen beiden Töchtern ging das Herz auf in allen den Herrlichkeiten des wundervollsten Wechsels von Milde, Anmuth, Wildheit und Schauerlichkeit der Ufer des Rheins; dann der reizendsten, romantischen Parthien des Untersees; der Großartigkeit des Obersees, mit seiner ungeheuern, kaum übersehbaren Wasserfläche, seinen schönen Städten, dem ehrwürdigen alten Constanz, dem eleganten Friedrichshafen, dem freundlichen Lindau, dem in der, herrlichsten Natur gelegenen Bregenz; endlich der erhabenen Aussicht auf die hohen Gletscherketten bis tief in Graubünden hinein. Aber nur den Töchtern des Geheimeraths ging das Herz auf. Er selbst blieb kalt bei allen diesen Schönheiten, oder er redete es sich wenigstens ein. „Pah, was ist es denn nun?“ sagte er, als er den Hochsäntis sah; „eine rauhe und roh geformte Steinmasse; was kann man sich denn dabei denken?“ Und beim Anblicke der Schneeberge rief er aus: „Unnatürlich! Ich liebe das Unnatürliche nicht. Solche Schneefelder gehören nach Rußland, nicht in die Schweiz.“

Nur einmal war ihm auch wohl geworden, und er verleugnete es nicht. Es war noch auf dem unteren Bodensee, Als das Dampfschiff dort unter dem unendlich lieblichen und reizenden Arenenberg hinglitt, ließ er mit vollem Entzücken das Auge auf dem sanft aus dem See ansteigenden Berge haften, auf seiner dunkeln Waldung, seinem weiten Parke und auf dem aus Wald und Park hervorleuchtenden, weit den See und das Land bis tief in Baden und Würtemberg hinein beherrschenden Schlosse.

„Ha,“ rief er, „dort hat er geweilt, dort hat er den ersten Keim empfangen für seine nachherigen großen Thaten, der Mann, der die Demokratie auf das Haupt geschlagen hat, dem Europa und die Kreuzzeitung die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung verdanken.“

Später wurde er freilich wieder stiller; und als er in Rorschach den Schweizer Boden wieder betreten hatte, und jeder Schritt, ihn weiter in immer neue Schönheiten des schönen Landes hineinführte, da wurde er zu Zeiten fast melancholisch; da war eine Vergleichung mit den Pichelsbergen und dem Thiergarten gar nicht mehr möglich, wie der Bodensee sich nicht hatte mit dem Rummelsburger See vergleichen lassen. Dabei sollte ihm noch ein Anderes schwer aus das Herz drücken. Fast in jedem Dorfe sah er ein großes, Helles, sehr sauber gehaltenes Gebäude, das sich vor den andern Häusern auszeichnete.

„Das ist gewiß ein Edelsitz?“ fragte er.

„Nein!“ wurde ihm zur Antwort. „Das ist das Schulhaus der Gemeinde.“

„Und jenes dort?“ frug er in St. Gallen, auf ein großes, glänzendes Gebäude zeigend, das auf einer reizenden Anhöhe reizend gelegen – „welcher Fürst hat sich dies Schloß gebaut?“ „Kein Fürstenschloß,“ hieß es wieder, „es ist das Armenhaus.“ – Er fragte dann nicht mehr.

In dem schönen Toggenburg lebte er aber wieder auf. Nicht über die Schönheit der Gegend, aber über etwas Anderes. In dem Gasthofe zu Herisau traf er einen wohl und gebildet aussehenden Mann, der, wie er erfuhr, aus der Nachbarschaft zu einer Sitzung des Obergerichts des Kantons herübergekommen war. Er erkundigte sich bei ihm mit Hast nach den Rechtszuständen des Kantons.

„Sie sind sehr gut geordnet,“ erwiederte ihm der Mann. „Alle Welt ist mit der Rechtspflege zufrieden; ein Beweis ist, daß das Obergericht, das höchste Gericht des Landes, an welches alle Appellationen gehen, fast gar nichts zu thun hat.“

Schon darüber mußte der Geheimerath bedenklich den Kopf schütteln. Aber noch mehr stieg sein Erstaunen, als er erfuhr, daß in der Schweiz eigentlich gar kein Gesetzbuch existire, daß das Volk alljährlich seine Regierung und seine Richter aus seiner Mitte wähle und von diesen Recht sprechen ließ.

„Unstudirte Leute,“ sagte er spöttisch, „ein Käsehändler Richter – Oberrichter, was bei uns in Berlin Ober-Tribunalrath ist – Charlottchen, es ist doch ein elendes Land!“

Er hatte dabei nur eine Furcht: dieses Elend möge blos im Kanton Appenzell bestehen. Zu Basel und Schaffhausen hatte er nicht daran gedacht, nach den Rechtszuständen sich zu erkundigen.

Wohin er jetzt kam, fragte er darnach. Er hörte, daß dieselben Zustände völlig so in den Kantonen Schwyz, Uri, Unterwalden, Zug und Glarus sich finden. Aber in den größeren Kantonen? Er kam nach Zürich. Auch dort war es so, nur mit einem kleinen Unterschiede. Die Richter wurden nicht alljährlich, sondern nur alle vier Jahre aus dem Volke gewählt.

Aber er sollte in Zürich etwas erleben, was ihn Gesetz und Richter und Recht und Rechtspflege und alle andern Zustände der Schweiz vergessen ließ. –

Ein schöner Punkt bei dem schönen Zürich ist der Uetliberg, das „Uetli“ oder „Huntli.“ Man hat dort eine weite, eine erhabene Aussicht über die ganze Gegend, über den größten Theil der Ostschweiz, weit, tief in Deutschland hinein, auf die sämmtlichen Gletscher der Ostschweiz und des Berner Oberlandes.

Schöner als das Uetli ist für mich die „Waid“ bei Zürich. Man übersieht auf diesem kleineren, aber nähern Berge nur die Gegend bei Zürich; aber man übersieht sie mit einem wundervollen Gesammtüberblick und dem klarsten Einblick in alle die reizenden Einzelnheiten dieser lieblichsten und anmuthigsten aller Gegenden, die mein Auge bisher erblickt hat. Zu unseren Füßen liegt das Limmatthal mit seinem kraus sich windenden Flusse und dem kraus fast überall ihn umschließenden Buschwerke; mit seinen vielen Dörfern, Fabriken und einzelnen Häusern, seinen Chausseen und weißen Landstraßen, die breit und bequem sich von Dorf zu Dorf ziehen, mit seinem Schienenwege, der sich mitten durch sie alle hindurch nach dem schönen Baden zieht. Das Thal wird begrenzt durch die lange Albiskette, dessen höchster Punkt jenes Uetli, mit seinem hübschen Hause gerade vor uns sich erhebt. Links, die Limmat hinauf, liegt die Stadt Zürich in ihrer ganzen Ausdehnung vor uns, mit ihren alten und großen Kirchen, mit ihren hohen, schönen Thürmen, mit den großartigen und geschmackvollen, schloßähnlichen [637] Landhäusern, die von jedem schönen Punkte der Umgebung – und jeder Punkt bei Zürich ist ein schöner – freundlich, manchmal auch wohl mit etwas aristokratischem Stolze herabblicken. Rechts von der Stadt schießt aus enger Gebirgsschlucht die wilde Siehl hervor, um sich gleich unterhalb der Stadt mit der Limmat zu vereinigen. Aber es ist eine sehr spröde Vereinigung, als wenn zwei harte Köpfe zusammen in das Ehejoch gespannt wären. Noch eine ganze Meile weit fließen in demselben Bette die beiden Flüsse neben einander her, ohne ihre Wellen mit einander zu vermischen, links das gelbe Wasser der wilden, trotzigen Siehl, rechts die grünen Wellen der stolzen und heftigen Limmat. Erst vor Baden vertragen sie sich mit einander; sie müssen ja endlich wohl in dem engen Bette.

[645] Gleich hinter Zürich, zum Theil noch zwischen seinen Straßen, breitet sich der See aus, dieser lieblichste aller Seen, der selbst denen des nördlichen Italiens nicht nachsteht. Der Bodensee und der Genfersee sind größer, mächtiger, haben einzelne romantischere Parthieen; der Vierwaldstädtersee ist in allen seinen Parthien wild und romantischer; aber an Anmuth, Lieblichkeit und Freundlichkeit übertrifft sie alle weit der Zürchersee. Und nirgend sieht man ihn mehr in allen seinen Reizen, als auf der Waid bei Zürich. Mit seiner ganzen Ausdehnung lagert er sich bis an die Stadt; von allen anderen Seiten sieht man ihn umgeben von leise ansteigenden Anhöhen, und jede derselben ist bedeckt mit üppigen Reben, mit reichen Obstgärten, mit kräftigen Waldungen, aus denen allen überall freundliche Häuser hervorsehen; und in allen Schluchten zwischen den Anhöhen strömen, wie wunderbare Bäche, die sich dem See vermählen wollten, lange Dörfer mit hellen Häusern, dunklen Kirchthürmen und blühenden Gärten hervor. Die Ufer des Sees selbst aber, unmittelbar am Wasser, sind mit den schönsten, freundlichsten, mitunter den elegantesten und überall weißen Häusern besetzt. Man meint, den ganzen See, soweit das Auge reicht, mit weißen Perlen eingefaßt zu sehen.

Hinter den Anhöhen erheben sich zwei dreifache Ketten von Bergen, die eine höher als die andere. Im fernsten Hintergrunde überragt sie alle, ungeheuern Titanen gleich hoch in die Wolken steigend und strebend, jene ununterbrochene Kette der wunderbarsten Alpengletscher links vom Glärnisch an, der achttausend Fuß hoch steil neben der Stadt Glarus ansteigt, bis rechts zu dem Tiflis hin, der, beinahe elftausend Fuß hoch seinen ewigen Schnee tragend, die Kette schließt.

Der Geheimerath Fischer war bis Zürich nur noch stiller geworden. Er konnte sich immer weniger den Eindrücken der mit jedem Schritte schöner werdenden Gegenden entziehen, und wurde damit auch nur melancholischer, trotz jenen einzelnen Lichtblicken in den elenden Zustand des Volkes.

Fast ähnlich war es mit seinen beiden Töchtern. Auch sie wurden stiller und melancholischer, fast ängstlicher, je näher sie Zürich kamen. Selbst das schelmische und stets unverzagte Fräulein Charlotte ließ zuweilen sehr das Köpfchen hängen. Ein aufmerksamerer Beobachter als der Geheimerath würde unschwer errathen haben, daß die beiden Mädchen irgend einem wichtigen Ereignisse, dessen Ausgang für sie sehr zweifelhaft war, entgegensahen.

Sie waren des Nachmittags in Zürich angekommen, und im Hotel Baur, dem ersten Gasthofe der Schweiz, abgestiegen; sie hatten im Verlaufe des Tages die Stadt besehen, später den Sonnenuntergang auf der „Katy“ im botanischen Garten, und dann in dem stillen Abenddunkel eine Gondelfahrt auf dem See gemacht. Am folgenden Nachmittage fuhren sie zu der Waid hinaus. Die beiden Mädchen schienen diese Fahrt nach dem schönsten Punkte bei Zürich kaum erwarten zu können, und doch wieder schienen sie vor ihr zu erschrecken. Sie zitterten wenigstens heftig als sie in den Wagen stiegen; die blasse Louise konnte sich kaum halten.

Sie kamen auf der Waid an, und sehten sich unter die Kastanienbäume, die das Wirthshaus mit dem Badehause verbinden. Dort gerade hatten sie die wunderschönste Aussicht. Sie gaben sich ihr ganz hin, selbst die zitternde Louise, die sich nur an dem Arme der gleichfalls sehr bewegten Schwester aufrecht halten konnte. Es dauerte lange, ehe sie die Blicke von allen den Schönheiten zurückwenden konnten. Als sie es thaten, wurden die Augen des Geheimeraths auf einmal zornsprühend, und sein Gesicht beinahe blässer, als das der bleichen Louise. Auf der andern Seite unter den Kastanien stand der Kammergerichtsassessor Hartmann aus Berlin.

„Das ist zu arg,“ stammelte vor Zorn der Geheimerath.

„Eine solche Unverschämtheit, uns hierher zu verfolgen!“

„Aber, Vater,“ sagte Fräulein Charlotte.

„Aber, Vater! Schweig; ich will kein Wort mehr hören.

Wir kehren um; auf der Stelle. Wir reisen ab; sofort. Diese naseweisen Kammergerichtsassessoren.“

„Aber, lieber Vater, der Herr Hartmann ist kein Kammergerichtassessor mehr.“

„Was?“

„Er ist seit acht Tagen zum Stadtgerichtsrath in Berlin ernannt“

„Was? Ah, ah! Das ist freilich etwas Anderes. Aber woher weißt Du das?“

„Und er wird auch nie wieder naseweis sein.“

„Ah, ah! Du Schelm! – Also Stadtgerichtsrath? Kein Kammergerichtsassessor mehr!“

Fräulein Charlotte hatte dem neuen Stadtgerichtsrathe schon einen Wink gegeben. Er kam näher.

„Welch’ glückliches Zusammentreffen an dieser schönen Stelle.“

„Herr Stadtgerichtsrath, Herr College muß ich eigentlich sagen, empfangen Sie meine besten Glückwünsche zu Ihrer Beförderung.“

„Herr Stadtgerichtsrath,“ rief Fräulein Charlotte, „Sie sind ja wohl schon seit einigen Tagen hier, und kennen die Gegend. Nennen Sie uns doch die hohen Schneeberge, die dort hinten den Horizont bekränzen.“

„Ich kann sie Ihnen bezeichnen, mein Fräulein.“

„Vor Allem, wie heißt jener hohe Berg in der Mitte der Kette, der, in Gestalt des höchsten Riesengrabes der Welt, vom Fuße bis zur Kuppel mit seinem weißen Schnee bedeckt ist?“

[646] „Das ist der Tödi, mein Fräulein, beinahe zwölftausend Fuß hoch.“

„Und die Doppelspitze rechts neben ihm?“

„Das sind die Scheerhörner. Aber, mein Fräulein, wenn ich Sie eine kleine Strecke weit dort höher den Berg hinauf geleiten dürfte, so würden wir die Gegend noch besser übersehen, und ich würde Ihnen Alles noch klarer bezeichnen können.“

Die Tochter sah fragend den Vater an. Dieser sagte:

„Wenn Sie die Güte haben wollten, Herr College!“

„Es wird mir eine Freude sein, Herr Geheimerath.“

Das Wirthshaus zur Waid liegt nicht völlig auf der Höhe des Berges. Man steigt aber gleich hinter ihm auf einem angenehmen Fußwege zu der Höhe hinan. Der Pfad führt zuerst an einem Föhrenwäldchen, dann an dichter Laubwaldung entlang. Oben auf seiner Spitze ist der Berg ganz mit Wald bedeckt. Auf einem lichten Einschnitt in diesen hat man in der That eine noch weitere Aussicht, als unter den Kastanien am Wirthshause. Dorthin führte der neue Stadtgerichtsrath seine neue Gesellschaft. Den Damen hatte er bald einen leisen Wink gegeben. Er unterhielt sich darauf ausschließlich mit dem Geheimerath.

Oberhalb des Föhrenwäldchens waren die beiden Damen verschwunden. Der Geheimerath bemerkte es nicht. Er war in das Gespräch mit dem „Collegen“ vertieft.

„Ja, ja, ein schönes Land, diese Schweiz, und doch so unglücklich.“

„Unglücklich, Herr Geheimerath?“

„Ich versichere Sie.“

„Aber die Leute hier fühlen sich vollkommen glücklich. Sie beneiden kein anderes Volk und sind der Meinung, jedes andere müsse sie beneiden.“

„Wirklich? Ja, ja. Ich habe schon etwas davon erfahren. Aber das ist ja gerade der tiefste Grad des Unglücks, wenn man dieses nicht mehr fühlt, wenn diese Gesetzlosigkeit, diese Anarchie den Leuten schon zur andern Natur geworden ist. Wo mögen denn meine Mädchen stecken?“

„Die Damen werden einen Augenblick in dem Schatten des Waldes ausruhen wollen.“

„Ich muß mich doch nach ihnen umsehen.“

„Erlauben Sie, daß ich die Damen suche?“

„Wir gehen gemeinschaftlich.“

Sie gingen gemeinschaftlich. Nach einer Weile traten ihnen die beiden Damen unter den Bäumen her entgegen. Beide sahen verstört aus. Louise hatte verweinte Augen; Fräulein Charlotte war sehr blaß. Sie waren, als sie von ihren Begleitern sich getrennt hatten, unbemerkt vom Vater, auf den Wink des Herrn Hartmann, in den Wald gegangen.

Ein junger Mann war ihnen dort bald entgegengetreten. Louise hatte sich ihm in die Arme geworfen, und lange vor Weinen und Schluchzen nicht sprechen können. Auch in den Augen des kräftigen Mannes hatten Thränen gestanden. Fräulein Charlotte hatte sich, mehr nach dem Rande des Waldes hin, auf einen Baumstamm gesetzt, um die Liebenden allein zu lassen und Wache zu halten. Die Liebe findet auch unter den heftigsten Thränen ihre Worte.

„Ich lasse Dich nie wieder, Louise!“

„Nur Augenblicke sind uns zugemessen, Karl!“

„Du bist wieder mein. Nichts reißt Dich aus meinen Armen!“

„Mein Vater ist wenige Schritte von hier!“

„Du bist meine Braut. Du bist es noch, nach Gesetz und Recht. Ein bloßer Eigensinn konnte das Band nicht zerreißen. Du gehörst mir, Louise. Nicht wahr, Du willigst ein?“

„Ich bin Tochter!“

„Louise, ich schwöre Dir, ich lasse nicht wieder von Dir!“

„Schwöre nicht, Karl, ich kann nicht!“

„Ich schwöre es dennoch, bei meinem Leben, bei meiner Seligkeit. Ich habe noch nie einen Schwur gebrochen. Du wirst mein hier, oder ich folge Dir, wohin Du gehst. Jenseits der Grenze erwartet mich der Tod, oder statt dessen ewige Gefangenschaft. Ich folge Dir über die Grenze, bis in Dein väterliches Haus, wenn Du hier nicht einwilligst, die Meine zu werden.“

„Karl, Du bist grausam!“

„Ich habe es geschworen. Ich kann nicht mehr anders.“

Das unglückliche Mädchen mußte laut aufschreien. Fräulein Charlotte eilte herbei. Sie hatte gehorcht, und hatte noch mehr errathen.

„Sie sind ein Wahnsinniger, Thilo,“ sagte sie zu dem jungen Manne.

„Ich bin ein leidenschaftlicher Mensch, ich weiß es. Aber diesmal hat meine Leidenschaft Recht.“

„Sie sind ein Narr, ein Grausamer. Louise hat Recht.“

„Wer ist grausamer? Sie, die sich und mich unglücklich macht?

Oder ich, der ich –?“

„Bei Lichte besehen, Louise, hat er so ganz Unrecht nicht.“

„Auch Du, Charlotte?“

„O, Charlotte, seien Sie unser Engel!“

„Es sei. Laßt mich überlegen; der Vater kommt. Ziehen Sie sich zurück. Laß uns gehen; kein Abschied.“

Sie riß die Liebenden auseinander. Sie trat mit der Schwester dem Vater entgegen. Dieser dachte an die Anarchie und das Unglück der Schweiz, und ahnete nicht das Unglück seiner einen, und die anarchischen Pläne seiner andern Tochter.

Des Abends im Hotel Baur mußte auf Befehl der jüngeren Schwester die ältere sich sehr früh in ihre Schlafstube begeben. Fräulein Charlotte blieb mit dem Vater allein; er war sehr aufgeräumt.

„Es freut mich doch recht, daß er kein Kammergerichtsassessor mehr ist.“

„Auch daß er nicht mehr naseweis sein will?“ fragte die Tochter.

„Hm! Er war wirklich heute liebenswürdig, Einzelnheiten abgerechnet. So wollte er die Schweiz für ein glückliches Land halten. Aber, das wird sich schon geben.“

„Wenn sich nur ein Anderes geben möchte!“

„Was meinst Du, Charlottchen?“

„Das Unglück der armen Louise.“

„Auch das. Habe Du nur noch ein paar Jährchen Geduld.“

„Ein paar Jährchen, noch so klein, sind immer ein paar Jahre. Und wenn es nicht anders mit ihr wird, so liegt sie nach einem Jahre im Grabe.“

„O, o, Charlotte, man muß nichts übertreiben.“

„Vater, wenn Louisens ehemaliger Bräutigam hier wäre?“

„Was? Ich will nicht hoffen.“

„Wenn Louise ihn heute gesprochen hätte?“

Der Vater war leichenblaß geworden. Er sah die Tochter starr an.

„Fahre fort,“ sagte er leise; leise, als wenn er vor innerer Bewegung nicht habe laut sprechen können.

Fräulein Charlotte fuhr fort; aber bebend vor entsetzlicher Angst, von der sie bei dem Anblicke des blassen Vaters mehr und mehr erfaßt wurde.

„Vater, ich muß Ihnen die Wahrheit sagen. Thilo ist hier; Louise hat ihn gesprochen.“

Der Vater sank in seinen Stuhl zurück, und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen.

„Also Ihr habt mich betrogen!“

Die Tochter fiel vor ihm nieder, umfaßte seine Knie, und riß ihm beide Hände vom Gesicht. Sie mußte seine Gesichtszüge, seine Augen sehen. Thränen stürzten aus ihren Augen.

„Vater, verzeihe!“

„Fahre fort.“,

„Verzeihung, mein Vater, Verzeihung!“

„Fahre fort, befehle ich Dir.“

Sie fuhr in steigender Angst fort; sie mußte. „Sie bitten um Ihren Segen, Vater. Sie können nicht von einander lassen.

O, Vater –!“

„Schweig. Kein Wort weiter. – Kein Wort. Geh’ zu Bette.

Morgen früh reisen wir ab. Geh’, ich befehle es Dir.“

Der unerbittliche Punkt des Geheimeraths war noch immer der unerbittliche geblieben.

„Noch ein einziges Wort, Vater!“

„Keins.“

„Es betrifft mich.“

„Sprich.“

„Ich allein habe Sie betrogen, nicht Louise. Seien Sie nicht hart gegen die Unglückliche.“

„Es ist gut.“

Sie ging in die Schlafstube zu der Schwester.

„Es war vergebens, Louise. Und Du darfst auch von dem Vater nicht lassen. Ich hatte Unrecht, und will mit Dir zu Grunde gehen, aber von dem Vater darfst Du nicht lassen.“

[647] Der Morgen fand die Schwestern noch mit verschlungenen Armen und verweinten Augen. Um fünf Uhr stand der Vater schon reisefertig vor ihnen. Eine halbe Stunde später saßen alle drei im Wagen und fuhren aus dem schönen Zürich, um bei Basel wieder die Schweiz zu verlassen und auf dem alten Wege in die Heimat zurückzukehren. Weder dem Herrn Hartmann, noch dem Herrn von Thilo hatten sie von ihrer Abreise eine Nachricht können zukommen lassen.

Aber schon in ihrem ersten Nachtquartiere auf Deutschlands Boden, zu Freiburg im Breisgau, sollten wenigstens die Schwestern erfahren, daß ihre Spur entdeckt und verfolgt sei. Als sie des Abends, den Vater mit einem Fremden im Gespräche über die unglückliche Schweiz an der table d’hôte lassend, in den Gatten des Gasthofes gingen, standen plötzlich beide junge Männer vor ihnen.

„Karl, liebst Du mich so? Du gehst in Dein gewisses Verderben!“

„Ja, so liebe ich Dich!“

„Hartmann, vermögen Sie denn nichts über Ihren Freund?“

„In dieser Sache nichts, theure Charlotte. Er hat sein Wort gegeben.“

„Er ist ein Wahnsinniger!“

„Louise, willst Du mir folgen?“

„Ich kann nicht. Ich kann meinen Vater nicht verlassen.“

„Und ich Dich nicht.“

„Ich beschwöre Dich, Karl!“

„Ich kann nicht anders.“

„Du verdirbst Dich und mich!“

„Bei Gott, ich kann nicht anders.“

„Du bist ein furchtbarer Mensch!“

„Ha, Du liebst mich nicht mehr; das ändert die Sache.“

„Karl, ich sterbe ja ohne Dich!“

„Und ich soll leben ohne Dich?“

Es lag Logik in seinen Worten, wenigstens in der Verzweiflung seiner Leidenschaft. Auch Fräulein Charlotte konnte das nicht verkennen. Aber sie redete ihrer Schwester nicht mehr zu. Keiner wußte einen Rath, und so mußten sie sich trennen.

So reisten sie weiter: der Vater mit seinen beiden Töchtern, und die beiden jungen Männer bald hinter, bald vor ihnen.

Als der Geheimerath von Frankfurt abfuhr, sagte er zu seinen Töchtern:

„Den Rhein von Mainz bis Düsseldorf kennen wir. Er hat auch nur hin und wieder hübsche Parthien, wie ich es schon in Berlin sagte. Dagegen soll es im Nassauischen recht nett sein. Auch ist Kassel keine ganz unebene Stadt. Ich denke, wir schlagen die Route ein.“

Fräulein Charlotte war nicht zweifelhaft darüber, daß der Vater Wiesbaden, Mainz, und überhaupt den besuchteren Rhein vermeiden wollte, wo sein Wiesbadener Abenteuer bekannt geworden sein konnte. Sie sagte aber nichts. Es konnte so auch, indem sie von der großen Straße abwichen, Thilo ihre Spur verlieren. Freilich vermochte sie daran nur mit Beben zu denken; aber der Geächtete war ja unter der Vorsorge eines umsichtigen und entschlossenen Freundes, der vielleicht gar, nachdem die Spur einmal verloren war, ihn zur Rückkehr in die Schweiz bewegen konnte. Die Liebe hatte indeß gewacht.

Der Geheimerath hatte von Frankfurt aus einen Lohnkutscher, genommen. Die Hauderer im lieben Deutschland sind die Eckensteher in Berlin. Sie sind deshalb auch zu Grunde gegangen, wie diese. Auch der Frankfurter Hauderer des Geheimeraths war ein träger Gesell, der viel Geld verdienen, viel trinken, aber wenig fahren wollte. Es war daher später Abend geworden, als er in Königstein ankam, wo Nachtquartier gemacht werden sollte. Er fuhr hier vor dem Gasthofe des Bürgermeisters und Postmeisters, auch Posthalters Heller vor.

Es war viel Bewegung vor und in dem Hause, aber wenig Licht darin; vor dem Hause brannte gar keins, und in dem Gange des Hauses nur eine trübe Oellampe. Man konnte daher von der Bewegung nur mehr hören, als sehen, vor Allem hörte man mehrere Bewaffnete hin- und hergehen.

Der Geheimerath stieg aus. „Können wir hier Zimmer bekommen?“ fragte er Jemanden, der im Dunkeln vor der Hausthür stand.

Der Gefragte war einer der von dem Bürgermeister herbefohlenen Gensd’armen.

„Ich weiß es nicht,“ antwortete der Gensd’arm. „Hier rechts ist die Wirthsstube.“

„Ist denn kein Kellner hier?“

Es meldete sich kein Kellner. Die Bewegung im Hause und die Neugierde mochten ihn anderswo aufgehalten haben.

„Treten wir einstweilen in die Wirthsstube ein,“ sagte der Geheimerath zu seinen Töchtern.

Er öffnete die Thür der Wirthsstube, um als höflicher Vater die Damen zuerst eintreten zu lassen.

Louise wollte eintreten, fiel aber mit einem lauten Schrei zurück in die Arme ihrer Schwester.

„Was ist denn das?“ fragte der Geheimerath.

„Mich dünkt, nichts Unbegreifliches,“ sagte schnell vortretend der fremde Reitersmann. „Diese dicke Wein- und Kneipenluft kann auch weniger zart organisirte Naturen ohnmächtig machen.“

„Ah, Sie da, Herr –?“ rief überrascht der Geheimerath.

Der Fremde hatte schnell den Finger auf den Mund gelegt.

Der Geheimerath beendete seinen Ausruf nicht.

„In der That, eine schlechte Luft da drinnen.“

„Befehlen die Herrschaft Zimmer?“ fragte der Kellner, der unterdeß herbeigekommen war.

„Gewiß.“

„Haben Sie die Güte, mir zu folgen.“

Die Thür der Wirthsstube wurde wieder zugemacht. Der Reiter ging ein paar Mal in der Stube aus und ab. Dann trat er zu dem Polizeidiener, der noch immer steif an der Thüre saß.

„Hier im Hause ist viel Verkehr.“

„Nicht immer,“ sagte der alte Mann mürrisch.

„Auch Extrapostverkehr. Ich sah bei meiner Ankunft zwei Postillone anschirren.“

„Ja.“

„Es wird wohl eine hohe Herrschaft erwartet?“

„Ist mein Dienst nicht; ich bekümmere mich nicht darum.“

„Bei solchem Leben muß der Bürgermeister ein reicher Mann werden. Meinen Sie nicht auch, Herr Polizeidiener?“

„Ich weiß das nicht.“

„Freilich, er verdient das auch. Ein braver Mann. Hat zwölf Jahre als Unteroffizier gedient.“

„Das haben auch andere Leute gethan.“

„Hat sich in den Befreiungskriegen tapfer gehalten, sogar ausgezeichnet.“

„Wissen Sie etwas davon?“ knurrte der Polizeidiener.

„Eigentlich nicht. Das heißt, nicht von ihm. Dagegen habe ich gehört, daß ein anderer Unteroffizier, der gleichfalls hier im Orte wohnen soll, auch zwölf Jahre und gar noch länger gedient hat, daß der in vielen Schlachten sich sehr ausgezeichnet, Wunder der Tapferkeit verrichtet, und eine Menge Orden und Ehrenzeichen erhalten haben –“

„Die er aber nicht tragen darf,“ fiel wüthend der Polizeidiener ein.

„Was? Wer. will ihm das verbieten?“

„Der Bürgermeister, weil der nicht so viele hat.“

„Das ist ja nichtswürdig! Teufel, da fällt mir ein –. Ist es denn wahr, daß dieser nämliche, brave Mann hier nur Polizeidiener sein soll?“

„Ja,“ donnerte fest der Polizeidiener.

„Eine schlechte Versorgung! Hat der Mann vielleicht später etwas verbrochen?“

Der Polizeidiener sprang aus. „Was, Herr? Sie unterstehen sich –“

„Ah, lieber Herr Polizeidiener, Sie sind es wohl selbst?“,

„Ja, ich bin es selbst, und will –“

„Nehmen Sie mir meine Worte nicht übel, lieber, braver, alter Unteroffizier. Ich bin selbst Soldat gewesen, Offizier. Ich habe freilich jene glorreichen Feldzüge nicht mitgemacht, aber um so mehr achte ich jeden alten braven Soldaten aus jener Zeit, und da freut es mich, einen so würdigen Kameraden kennen zu lernen. Wie ist es denn nur gekommen, daß Sie eine so schlechte, und Ihr jetziger Vorgesetzter eine so gute Stelle erhalten hat?“

Der alte Unteroffizier wurde zorniger und knurrte freundlicher.

„Wie das gekommen ist, Herr – Herr –? Sind Sie wirklich Offizier gewesen?“

„So wahr als Sie ein braver Unteroffizier waren. Aber Sie brauchen mir nicht zu antworten, ich kenne solche Geschichten [648] schon. Es gibt brave, ehrliche Soldaten, die nicht kriechen, die immer den Kopf gerade halten, gerade ausgehen –“

„So ist es, Herr Offizier.“

„Keine hübsche Frau haben –“

„Zum Teufel, Herr Offizier, so ist es.“

„Und dann gibt es wieder andere, die –. Soll ich es noch sagen?“

„Ich sehe, Sie wissen Alles.“

„Wenigstens Manches. So zum Beispiel auch, daß Sie hier heute Abend noch einen gefährlichen Verbrecher erwarten.“

Der Unteroffizier sah vor sich hin und schwieg.

„Oder vielmehr, daß Sie meinen, er sei schon hier.“ Der Unteroffizier schwieg immer noch. „Oder eigentlich, daß Ihr kluger Herr Bürgermeister das meint, der Sie vorhin eine Plaudertasche nannte.“

„That er das?“ fuhr der Unteroffizier auf.

„Ich würde es nicht sagen, wenn es nicht wahr wäre. Der kluge, gestrenge Herr meint sogar, daß ich oder jener fremde Handwerksbursch mit dem Zahnweh, oder am Ende, daß wir alle Beide der gefährliche Verbrecher seien.“ Der Polizeidiener schwieg wieder.

„Und darum müssen Sie uns hier bewachen. Ist nicht Alles so?“

„So ist es,“ brummte der Polizeidiener endlich.

„Zum Teufel, und ich werde es Ihrem Herrn Bürgermeister lehren, ehrliche Leute so wie Spitzbuben und Mörder zu behandeln.

Rufen Sie ihn einmal hierher.“

Der Fremde sprach mit Zuversicht, gar mit Stolz. Der Unteroffizier freute sich, daß seinem ehemaligen Kameraden der Kopf entweder gewaschen oder heiß gemacht werden solle. Aber er kannte seine Pflicht und Subordination.

„Ich darf nicht von hier weichen,“ sagte er.

„Pah, Sie fürchten, ich oder der da würde ihnen entfliehen. Wir verlassen Beide die Stube nicht; ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf.“

„Kann ich mich darauf verlassen?“

„Auf das Ehrenwort eines alten Offiziers?“

Der Polizeidiener verließ nach kurzem Schwanken die Stube.

Der Reiter sprang zu dem Herrn von Thilo.

„Und nun rasch, Mensch. Was willst Du hier. Warum folgst Du Deiner Braut?“

„Ihr Vater hatte unser Verhältniß zerrissen.“

„Der Herr Geheimerath Fischer aus Berlin?“

„Kennst Du ihn?“

„Gewiß. Auch Deine Braut. Es war doch die Blasse von den Beiden?“

„Woher kennst Du sie?“

„Erzähle weiter.“

„Wir trafen uns jetzt in der Schweiz wieder. Der Vater blieb unerbittlich.“

„Ich glaube es. Ach, und ich begreife es auch. Du wolltest sie entführen, und die zarte, liebevolle Tochter konnte sich nicht dazu entschließen, den alten Vater zu verlassen, der so alt noch nicht ist, und da gerieth der Bräutigam in Verzweiflung, wie ein echter Romanenheld, oder was am Ende einerlei ist, wie ein närrischer Barrikadenheld. Mensch, Du bleibst Dir doch immer gleich. Aber ich weiß genug; verhalte Dich nur ganz ruhig, und thue Alles was ich Dir befehlen werde. Widersetze oder besinne Dich keine Sekunde, wenn Du nicht verloren sein willst.“

„Was hast Du vor?“

„Noch eine Frage. Bist Du allein gekommen?“

„Ein Freund begleitet mich, der Stadtgerichtsrath Hartmann aus Berlin. Er besorgt die Reise –“

„Kennt er die Familie.“

„Er liebt die jüngste Tochter.“

„Fräulein Charlotte? Ah, kein übler Geschmack. Und Fräulein Charlotte und Herr Stadtgerichtsrath Hartmann haben auch wohl das edle Geschäft übernommen, auf der Reise die thränenreichen Zusammenkünfte zwischen einem verzweiflungsvollen Narren und seiner sentimentalen Schönen zu besorgen? – Aber wo ist der liebende Stadtgerichtsrath?“

„Er zieht Erkundigungen ein –“

„Teufel, auch ein Polizeispion?! Wohl da oben, bei den Damen? – Doch still; bekomme wieder Zahnweh. Die beiden in Bürgermeister und Polizeidiener verpuppten Unteroffiziere kehren zurück.“

Bürgermeister und Polizeidiener traten ein. Der Reiter ging dem Bürgermeister entgegen. Zwar nicht mehr ungenirt und keck, wie vorher, aber desto befehlender und stolzer.

„Mein Herr, ich hätte ein paar Worte mit Ihnen allein zu sprechen.“

Dieser sah ihn verwundert an. „Mein Herr? Ich bin hier Bürgermeister.“

„Gerade mit dem Bürgermeister wünschte ich zu sprechen. Führen Sie mich in Ihre Amtsstube.“

Der stolze, befehlende Ton imponirte dem Beamten, von dem der Polizeidiener versichert hatte, daß er kein solcher Unteroffizier gewesen sei, wie er, der Polizeidiener. Er führte den Fremden in seine Amtsstube und an seinen Bürgermeistertisch.

„Nun, was wünschen Sie?“ fragte er etwas zweifelhaft.

Der Fremde zog ein Papier aus der Tasche, entfaltete es, hielt es dem Bürgermeister hin und sagte kurz: „Lesen Sie!“

Er las, wurde unruhig, warf einen mißtrauischen Blick auf den Fremden, las nochmals, warf einen untergebenen Blick in Form eines Submissionsstriches auf den Fremden, gab das Papier zurück und sagte leise: „Herr Ober –“

„Still, Herr Bürgermeister, auch nicht leise das Wort ausgesprochen. Ich bin, auch wenn wir allein sind, was das Aeußerliche anbetrifft, nur ein Fremder für Sie. Aber zur Sache. Der Steckbrief hinter dem ehemaligen Assessor von Thilo ist Ihnen überbracht?“

„Ja, Herr –“

„Sie hielten mich oder den armen Handwerksburschen da drüben für den Verfolgten?“

„Ich bitte um Verzeihung, wenn ich –“

„Sie waren vorsichtig, das war in der Ordnung. Nur liefen Sie Gefahr, einen anderen gefährlichen Verbrecher darüber aus den Augen zu verlieren.“

„Darf ich fragen, wie?“

„Er ist bei Ihnen im Hause.“

„Was? Was? Bei mir? Wer?“

„Sogleich. Es ist Ihnen eine Extrapost angesagt!“

„Sechs Pferde, nach Würges.“

„Und zwei Postillone!“

„Sie wissen –?“

„Zu heute Nacht!“

„Bis Mitternacht.“

„Eine vornehme Herrschaft!“

„Fürst Hohenstein, mit Gemahlin und Bedienung.“

Die Augen des Fremden leuchteten. „Ich weiß,“ sagte er kalt.

„Sie wissen –?“

„Sehen Sie sich genau die Dienerschaft des Fürsten an.“

„Wie so?“

„Besonders den Lakeien. Man hat Verdacht, daß der Lakei jener verfolgte Assessor sei.“

„Wie wäre das möglich?“

Der Fürst kommt aus der Schweiz. Jener Flüchtling ebenfalls. Um unerkannt zu bleiben, hat er sich in die Maske eines Bedienten geworfen und dem Fürsten seine Dienste angeboten. Sie begreifen das?“

„Vollkommen.“

„Also scharf aufgepaßt. Und nun zu dem Patron da oben –“

„Bei mir?“

„Bei Ihnen. Haben Sie von einer Diebin Anna Maria Bommert gehört?“

„Die vor einigen Wochen in Wiesbaden –?“

„Dieselbe. Auch von einem Geheimerath Fischer aus Berlin?“

„Den armen Menschen hatte die Person ja gerade angeführt.“

„Schwindel. Der Mensch steckte mit ihr unter einer Decke. Es ist jetzt ermittelt.“

„Ein Geheimerath aus Berlin?“

„Er ist gar kein Geheimerath; aber ein gewandter Dieb, der aus den Criminalgefängnissen, aus der Stadtvogtei zu Berlin ausgebrochen ist. Ein sehr verschmitzter, ein sehr gefährlicher Mensch.“

„Der ist es doch nicht da oben –?“

„Gewiß ist er es.“

„Ha, ich habe zum Glück alle Gensd’armen und Polizeibeamten hier.“

„Ruhig; keine Uebereilung. Der Mensch ist sehr gefährlich; [649] eben so verwegen wie verschmitzt. Haben Sie schon von Revolvers gehört?“

„Eine neue Spitzbubengattung?“

„Das nicht, aber ein neues Spitzbubengewehr. Ein Pistol mit sechs Läufen, mit dem man also sechs Mal hintereinander schießen kann, ehe Einer die Hand umdreht.“

„Eine gefährliche Waffe,“ versicherte der Bürgermeister.

„Er führt zwei bei sich. Sie sehen, da muß man vorsichtig sein; da reichen alle ihre Gensd’armen und Polizeidiener nicht aus.“

„Man muß die Bürgerschaft aufbieten.“

„Um ihn aufmerksam zu machen, und jedenfalls Bürgerblut zu vergießen? Ich habe einen andern Rath.“

„Ich bitte darum.“

„Er logirt hier heute Nacht, hält sich auf dieser abgelegenen Straße sicher, und wird ruhig schlafen. Im Schlafe wird er plötzlich überfallen, leise, ohne Geräusch –. Sie haben doch einen Hauptschlüssel?“

„Aber er könnte von innen verriegeln.“

„Desto besser. Dann bleibt er eingeschlossen und wird ausgehungert.“

Dem Bürgermeister schien der Plan des Fremden einzuleuchten. „Ich bleibe vorläufig noch hier,“ fuhr dieser“ fort; „ich gehe, das Terrain zu recognosciren.“

„Und der Handwerksbursch drüben?“ fragte der Bürgermeister.

„Ah, hätte ich doch den Menschen beinahe vergessen. Lassen Sie ihn mit oder ohne seine Zahnschmerzen laufen, wohin er will.“

Der Fremde ging. Er stieg die Treppe hinauf, die zu den im obern Stock gelegenen Fremdenzimmern führte, und fand dort, was er erwartet hatte. Eine männliche Gestalt suchte in das Dunkel einer Ecke zu entschlüpfen. Er ging ihr nach.

„Herr Stadtgerichtsrath Hartmann, ein Wort.“

Der junge Stadtgerichtsrath trat vor. „Mein Herr, warum spioniren Sie mir nach? Wer sind Sie?“

„Herr Hartmann, wenn Ihr Freund Thilo nicht gehängt oder geköpft werden soll, so verhalten Sie sich ganz ruhig und thun Sie pünktlich Alles, was ich von Ihnen fordern werde.“

„Mein Herr, wer sind Sie?“

Zum Teufel, bekümmern Sie sich nicht um mich. Ihr Freund ist in der größten Gefahr, und es gibt nur noch ein Mittel, ihn zu retten. Hat Jemand hier im Hause Sie gesehen?“

„Kein Mensch.“

„Gottlob. Suchen Sie unvermerkt daraus wieder zu entkommen; dann kehren Sie auf der Stelle zurück; aber nicht hierher in den zweiten Stock; Sie bleiben vielmehr hübsch unten, fragen nach dem Postmeister oder Posthalter, geben sich für den Kammerdiener des Fürsten Hohenstein aus, sagen, der Wagen des Fürsten habe draußen eine Viertelstunde vor der Stadt umgeworfen und die Achse zerbrochen, verlangen eine Postchaise mit zwei Pferden nach Mainz, indem der Fürst und die Fürstin sofort weiter reisen müßten, und kündigen Fürst und Fürstin als Ihnen auf dem Fuße folgend an. Haben Sie Alles verstanden?“

„Verstanden Alles, mein Herr, aber begriffen nichts.“

„Teufel, Sie sind Hegelianer; das sollte mich beinahe fürchten machen für die Mission, die ich Ihnen da ertheile.“

„Mein Herr, im Ernst, ich muß vorher –“

„Ihren Freund hängen sehen? Herr, ich beschwöre Sie, gehen Sie. – Noch eins. Haben Sie nicht irgend ein verabredetes Zeichen für Fräulein Charlotte?“

„Aber, mein Herr, wer sind Sie? Was wollen Sie?“

„Haben Sie ein Zeichen, so machen Sie es, und dann schnell, daß Sie fortkommen; die Zeit ist nachgerade verdammt kurz zugemessen.“

Der junge Stadtgerichtsrath pfiff kopfschüttelnd auf einem Finger.

„Verdammt einfach!“ sagte der Andere. „Jetzt gehen Sie.“

Der Stadtgerichtsrath schlich sich fort. An dem Gange öffnete sich eine Thür. Fräulein Charlotte trat in den Gang, leise, vorsichtig.

„Wie unvorsichtig,“ flüsterte sie.

„Gewiß, Fräulein!“

„Herr Klein, Sie?“

„Still, Fräulein. Keinen Namen! Aber Recht hatten Sie. Es kann nicht wohl eine größere Unvorsichtigkeit geben, als mit der Sie dazu beigetragen haben, meinen Freund Thilo –“

„Um des Himmelswillen, mein Herr!“

„Meinen Freund Thilo mitten zwischen Steckbriefe, Gensd’armen, [650] Polizei, Justiz, Galgen und Rad zu führen. Helfen Sie nun auch retten.“

„Wie? In welcher Weise, mein Herr?“

„Daß doch dir Welt immer aufgeregt sein muß. Auch Sie, eine so verständige Dame! Aber es ist nun einmal so. Wo ist Ihre Schwester Loulse?“ „In dem Zimmer dort.“

„Allein?“

„In diesem Augenblick.“ „So benutzen Sie diesen Augenblick. Werfen Sie ihr ihren Shawl um, setzen Sie ihr einen Hut auf, lassen Sie sie Handschuh und Sonnenschirm nehmen, und führen Sie sie zu mir herunter in den Garten des Hauses.“

„Aber zu welchem Zweck?“

„Zum Teufel, um Thilo zu retten!“

„Aber ich sehe nicht ein –“

„Sie sollen nur handeln.“

„Kann ich Ihnen vertrauen?

Der Herr Klein stampfte mit dem Fuße.

„Sehe ich denn aus wie ein Spitzbube?“

„Ja,“ wollte ihm Fräulein Charlotte antworten, aber sie kehrte in das Zimmer zurück. „Wir kommen,“ sagte sie im Gehen.

Der Herr Klein stieg ruhig wieder die Treppe hinab, und ging unten in die Wirthsstube. Dort saß noch der verkleidete Handwerksbursch mit seinem Zahnweh. Es stand auch noch der erst zur Hälfte ausgetrunkene Schoppen Wein des Herrn Klein da. Der alte Polizeidiener war fort, dagegen saß ein Nachtwächter mit seiner langen Pike da, aber fest eingeschlafen. Der Herr Klein leerte seinen Schoppen; dann gab er dem Handwerksburschen einen Wink, und verließ die Stube. Der Herr von Thilo folgte ihm mit seinem Ränzel; er schien nur auf den Herrn Klein gewartet zu haben. Der Herr Klein führte ihn in eine Laube des Gartens hinter dem Hause. Es war zehn Uhr Abends vorbei; eine späte Zeit für das Landstädtchen. Der Garten war leer.

„Hast Du Kleidungsstücke in Deinem Ränzel?“

„Ja.“

„Kleide Dich um, so elegant als möglich. Du bist der Fürst Hohenstein; Du hast hier für zwei Wagen sechs Extrapostpferde bestellt; Du hast draußen vor der Stadt Deinen Wagen zerbrochen; Du bist aber sehr eilig; Du hast deshalb Deinen Kammerdiener Hartmann vorausgeschickt, Dir einen Wagen und zwei Pferde zu bestellen; Du bist ihm zu Fuße mit Deiner Gemahlin gefolgt; Deine Leute kommen später mit Deinem Wagen nach. Du reisest mit Deiner Gemahlin ab, nach Mainz; Du hattest zwar nach Würges gewollt, aber eine unvermuthete Nachricht hat Deinen Plan geändert. Dein Postzettel legitimirt Dich als Fürsten. Kein Mensch wird Dich nach Deinem Paß fragen, noch weniger den Galgenkandidaten in Dir vermuthen. So fährst Du weiter, direkt nach der belgischen Grenze. Drüben bist Du sicher. Du hast doch Alles verstanden?“

„Ja“

„Auch begriffen?“

„Nicht völlig.“

„Also auch ein begriffsloser Hegelianer. – Aber Du bist ja fertig, das ist die Hauptsache. Teufel, Du siehst wirklich aus wie ein junger Fürst, und bist ein Fürstenfeind! Seltsame Ironie des Schicksals. – Ah, da ist auch Deine Gemahlin. Komm zu ihr.“

Fräulein Charlotte führte die zur Reise gekleidete Schwester in den Garten.

„Thilo, nimm. den Arm der Dame; aber keine Umarmung. Fräulein, sind Sie bereit, diesen unvorsichtigen Menschen zu retten?“

„Was soll ich thun?“ fragte die bebende Louise.

„Vor allen Dingen nicht zittern. Sodann mit diesem Herrn in einen Wagen steigen, und mit ihm bis vor das Thor fahren.“

Die blasse Louise wurde mißtrauisch.

„Mein Herr, was ist Ihre Absicht?“

„Meinen Freund zu retten. Ich fahre übrigens mit Ihnen, und führe Sie hierher zurück.“

„Zögere nicht, Louise!“ bat ihre Schwester.

Die blasse Dame legte ihren Arm in den ihres frühern Verlobten.

„So, jetzt voran. Fräulein Charlotte, Sie müssen schon die Güte haben, noch eine Weile hier zurückzubleiben, um später unbemerkt in das Haus zu kommen. Auf Wiedersehen!“

Der Herr Klein verließ mit den Liebenden den Garten; er führte sie in die große Straße des Städtchens, in dieser nach dem Wirthshause zurück. In der Nähe des Hauses sagte er leise:

„Fräulein, Ihren Schleier herunter. Und Du, Thilo, die Reisemütze so tief in das Gesicht, wie möglich.“ Dann sprach er laut und gespreizt: „Ach, Durchlaucht, ich bitte unterthänig, keinen Dank. Es macht mich unendlich glücklich, Ihnen diesen kleinen Dienst erzeigen zu können. Ah, Ihr Wagen scheint schon fertig zu sein. – Herr Bürgermeister, oder vielmehr Herr Postmeister!“

Der Wagen hielt wirklich schon angespannt vor der Thür des Wirthshauses. Der Postillon saß auf dem Bocke; der Stadtgerichtsrath Hartmann stand als Kammerdiener an dem offenen Schlage. Neben ihm stand der Herr Heller, der als Postmeister und Posthalter nicht minder aufmerksam auf den Dienst war, wie als Bürgermeister. Der Herr Hartmann trat wie ein unverfälschter Kammerdiener, den Hut in der Hand, zu seiner Herrschaft.

„Ihre Durchlauchten können sogleich weiter reisen; es ist Alles besorgt.“

Er hob zugleich die Dame in den Wagen, half dem Assessor beim Einsteigen, und schwang sich selber auf den Bock neben den Postillon.

„Fort, Schwager!“

„Habe alleweil den Reisezettel noch nicht; der Herr Bürgermeister haben ihn noch.“

Der Herr Bürgermeister aber hatte mit einem sehr bedenklichen Gesichte den Herrn Klein auf die Seite genommen.

„Die Sache kommt mir verdächtig vor.“

„Haben Sie wirklich Verdacht?“

„Sie selbst machten mich auf den Bedienten aufmerksam.“

„Gewiß. Aber Sie haben ja doch das Signalement. Dieser Kammerdiener ist ein kleines, schmächtiges Kerlchen; der Verfolgte ist ein Riese gegen ihn.“

„Richtig. Aber –“

„Unter der nachfolgenden Dienerschaft wird er stecken. Da werden Sie genau aufpassen müssen.“

„Gewiß, gewiß! Ich meinte auch etwas Anderes. Der Mensch war so sonderbar, so –

„Verlegen?“

„Das nicht im Geringsten, aber so – beinahe frech.“

„Mit Steckbriefen Verfolgte pflegen nicht frech zu sein.“

„Es war eine so eigne Frechheit. Er war so verstockt; er wollte über nichts Auskunft geben; nicht wo der Wagen zerbrochen sei, warum sein Herr die Reiseroute verändert habe; er wollte nicht einmal von dem vorausgekommenen Courier etwas wissen.“

„Die Kammerdiener der vornehmen Herren sind überall grobe Schlingel. Uebrigens hat der Fürst, den ich zufällig auf dem Wege hierher traf, mir über Alles Mittheilung gemacht.“

„Sie kennen den Fürsten also?“

„Ich habe ihn auf dem Wege kennen gelernt.“

Der Bürgermeister machte ein langes Gesicht.

„Sie kennen ihn also nicht? Wenn es Betrug wäre! Dieser, dieser Fürst da ist so ein halber Riese. Alle Donnerwetter, da muß ich –“

„Keine Uebereilung. Was wollen Sie?“

„Ich muß seinen Paß sehen.“

„Teufel, und wenn sein Paß in Richtigkeit wäre? Mit Fürsten ist nicht zu spaßen!“

„Ich bin im Dienst.“

„Uebertriebener Diensteifer hat schon Manchem den Dienst gekostet. Aber wissen Sie was? Ich werde mich unter irgend einem Vorwande bis zum Stadtthore mit in den Wagen setzen. Ich werde es dann schon herausbekommen.“

„Da fällt mir ein Stein vom Herzen,“ sagte der alte Unteroffizier, reichte dem Postillon den Postzettel zu, und kommandirte selbst: „Fort, Schwager!“

Der Herr Klein hatte unterdeß ein paar Worte in den Wagen hineingesprochen, und war dann eingestiegen. Der Wagen fuhr ab.

„Nun, mein Fräulein,“ sagte der Herr Klein zu der Dame, „ein paar ernste Worte mit Ihnen; aber werden Sie mir nicht aufgeregt, wie die Andern. Wollen Sie freiwillig oder gewaltsam entführt werden? Sie haben die Wahl.“

Die blaffe Louise erbebte wieder.

„Die Abrede war, ich sollte nur bis zum Thore mitfahren.“

„Der Mensch denkt, Gott lenkt. Ich bitte um Ihre gütige Antwort.“

[651] „Louise, Du bist frei,“ wollte der Herr von Thilo das Wort nehmen.

„Du schweigst; ich habe allein mit dem Fräulein zu reden. Also, mein Fräulein? Aber vorher eine kurze Geschichte. Ihr Nachbar da kann sein Leben oder seine Freiheit nur retten als Fürst Hohenstein an der Seite der Fürstin Hohenstein. Verlassen Sie ihn, so ist er in demselben Augenblick unrettbar verloren. Das beschwöre ich Ihnen.“

„O, mein Gott!“ rief die arme Louise.

„Freiwillig oder gewaltsam?“

„Karl, mein Karl!“

„Freiwillig oder –?“

„Mein armer Vater!“

„Das heißt freiwillig.“

Die Gemarterte konnte nur noch weinen.

„Weder freiwillig, noch gewaltsam!“ rief Thilo. „Louise, verzeihe mir. Ich war ein Bösewicht, ein Barbar gegen Dich. Ich bin ein Elender!“

„Ein Narr bist Du!“ sagte der Herr Klein.

„Ein Elender, der Dich unglücklich gemacht hat, der Dich seiner Selbstsucht, seinem Hochmuth, seiner Wildheit opfern wollte. Wie konnte ich so lange verblendet sein! Wie konnte ich Dich so martern, Du Gute, Du Engelsseele! Kannst Du mir verzeihen?“

Die Arme schlang ihre Anne um ihn.

„Ich bleibe bei Dir, Karl, ich kann Dich nicht verlassen!“

„Nein, nein, Du mußt fort, zurück zu Deinem Vater.“

„Himmeldonnerwetter über diese hohe Reitschule himmlischer Tugenden!“ rief der Herr Klein. Wollt Ihr endlich vernünftig werden? Was wollen Sie, Fräulein? Entscheiden Sie sich.“

„Sie kehrt zurück. Ich entsage Dir, Louise. Du hast höhere, heiligere Pflichten.“

„Nun wird es gar zu arg,“ sagte der Herr Klein. „Nun noch Entsagungen! Da muß die Polizei sich hineinmischen. Menschenkinder, wohin würden Euch Eure sublimen Tugenden führen, wenn Ihr nicht eine gute Polizei hättet? Fräulein, Sie fahren mit, und Du, Bursch, nimmst sie mit. Keines von Euch hat jetzt eine Wahl mehr. Ich befehle. Dich hängen sie, wenn sie Dich verläßt, und Sie verzehren sich in Gram, wenn er Sie von sich stößt. Damit Holla! – Für Eure zarten Gewissen aber noch Eins. Ihr fahrt bis Brüssel, unter dem Schutze des Tugendwächters da auf dem Bocke. Von Brüssel aus schreibt Ihr an den Herrn Vater in Berlin, versteht sich re integra, stellt Alles zu seinem Befehle, und es wird sich dann mit Hülfe des Fräulein Charlotte und des Herrn da auf dem Bocke, die ein paar vernünftige Leute zu sein scheinen, schon machen. Lebt wohl!

– Postillon, halt!“

Der Postillon hielt; der Herr Klein sprang aus dem Wagen. Der Wagen fuhr zum Thore hinaus. Herr Klein kehrte in die Stadt zurück. Beim Bürgermeister Heller war reges Leben. Der Herr Geheimerath Fischer war, im Schlafrock, ein Licht in der Hand, langsam die Treppe herunter gekommen, um seine Töchter zu suchen. Unten im Hausflur standen die Nachtwächter und der Gefangenwärter; sie waren bis an die Zähne bewaffnet; vor dem verwegenen Berliner Räuber, der aus der Stadtvogtei ausgebrochen war, wichen sie scheu zurück.

„Ah,“ sagte der Geheimerath vergnügt, „hier gilt doch wieder Achtung vor der Autorität. Man sieht, daß man nicht mehr in der unglücklichen Schweiz ist.“

Aber der aufpassende Bürgermeister hatte den Gensd’armen einen Wink gegeben: „Jetzt ist es Zeit. Er ahnt nichts, und scheint sogar unbewaffnet zu sein.“

Der Geheimerath wurde durch die Gensd’armen von hinten ergriffen; von vorn stürzten jetzt auch die Nachtwächter herbei.

„Aber, meine Herren, was ist denn das?“

„Haben wir Dich, alter Spitzbube!“

„Verwahrt ihn fest; er ist sogar aus der Stadtvogtei ausgebrochen.“

„Allmächtiger Gott, ich? Fünfundzwanzig Jahre lang Criminalrichter an der Stadtvogtei in Berlin!“ Er war in Verzweiflung.

Im Galopp fuhren zwei Extraposten bis unmittelbar an die Hausthür. Die eine war mit vier, die andere mit zwei Pferden bespannt.

„Pferde, frische Pferde!“ schrie man. „Wo sind denn die Pferde?

Sie sind ja seit drei Stunden bestellt!“ so riefen die Bedienten.

Aus der eleganten vierspännigen Equipage stieg ein Herr.

„Herr Postmeister, ich bin sehr eilig.“

„Wer sind Sie, mein Herr?“

„Der Fürst Hohenstein.“

Der Fürst war hochgewachsen und hatte ein vornehmes Aussehen.

„Ha!“ ging es hell in dem Bürgermeister auf, „dieser ist der Rechte. Ihr Paß, mein Herr!“

„Ich führe keinen Paß.“

„So sind sie arretirt.“

„Wer, ich?“

„Man kennt Euch Hochverräther, die alle Fürsten vertilgen wollen!“

„Bei Gott,“ sagte der Fürst, wie soeben der Geheimerath.

„Ich, selbst ein Fürst?“

„Das kann Jeder sagen.“

„Aber, Herr, so sehen Sie doch das Wappen meines Wagens an; fragen Sie meine Leute. Und hier, wenn Sie durchaus Geschriebenes wollen, ein Schreiben des Großherzogs an mich.“

In dem Bürgermeister schien es anders hell zu werden. Er sah an dem Wagen das fürstliche Wappen; er sah in dem Schreiben auch ihm bekannte Schriftzüge.

„Aber Postillon, hattet Ihr nicht umgeworfen und den Wagen zerbrochen?“

„Gott bewahre, Herr Postmeister.“

Auch der Bürgermeister stand in Verzweiflung. Der Herr Klein kam um die Ecke.

Vor der Hausthür, in der Thür, im Flur, überall war es beinahe tageshell geworden. Alle Lichter und Laternen des Hauses waren dort versammelt. Jedermann sah den Herrn Klein; der Herr Klein sah Jedermann.

„Herr Klein,“ rief der Geheimerath, „Sie kennen mich, retten Sie mich!“

Der Herr Klein hörte auf den Namen nicht. Der Geheimerath riß sich mit Riesengewalt los. Er stürzte auf den Herrn Klein zu.

„Retten Sie mich, mein Herr! Sie wissen, daß ich der Geheimerath Fischer aus Berlin bin.“

„Mein Herr, ich kenne Sie nicht; ich habe Sie nie gesehen.“

Der Bürgermeister nahm den Herrn Klein auf die Seite.

„Dieser ist der Fürst Hohenstein; ich habe mich überzeugt.“

„Nachdem Sie ihn arretirt hatten?“

„Ja.“

„Man muß sich zuerst überzeugen und dann arretiren.“

„Aber Sie selbst haben mir gesagt –“

„Ich habe Ihnen nichts gesagt.“

„Großer Gott –“

„Haben Sie Schrift oder Zeugen?“

„Aber Sie sind ja –“

„Still. Sie wissen, daß Sie meinen Namen und meine Worte vergessen müssen, so wie Sie sie gehört haben.“

Der Bürgermeister schwieg in neuer Verzweiflung.

„Aber ich will Ihnen beistehen,“ sagte der Herr Klein. „Indeß unter einer Bedingung, die freilich in Ihrem eigenen Interesse liegt. Von der ganzen Geschichte erfährt Niemand weiter etwas. Sir instruiren darnach Ihre Leute. Zudem überlassen Sie mir, verstehen Sie, nur allein jeden ferneren Schritt in der Sache. Wir sind Beide betrogen, und ich werde den Betrügern sofort nachsetzen.“

„Ich verspreche Alles!“ rief der Bürgermeister.

Der Herr Klein wandte sich an den Fürsten:

„Werden Eure Durchlaucht die Gnade haben, ein doppelt zu beklagendes Mißverständniß eines alten, braven, nur zu pflichtgetreuen Beamten, großmüthig zu ignoriren?“

„Gern, mein Herr! Sorgen Sie nur, daß ich Pferde bekomme.“

„Pferde!“ schrie der Bürgermeister seinen Postillonen zu.

Die Pferde waren im Nu da, im Nu vorgespannt; die fürstlichen Equipagen fuhren weiter.

„Hausknecht, mein Pferd!“ sagte Herr Klein zu dem Hausknecht.

„Herr Klein,“ rief der Geheimerath, „so kennen Sie mich doch; befreien Sie mich!“

„Sie, mein Lieber, scheinen von einem beklagenswerthen Mißverständnisse noch nicht befreit zu sein.“ Mit diesen doppelsinnigen Worten schwang der Herr Klein sich auf sein Pferd, und sprengte davon.

Der Geheimerath konnte erst am folgenden Tage aus seinem beklagenswerthen Mißverständnisse befreit werden. Er begriff, da seine älteste Tochter fehlte, den Zusammenhang seines Abenteuers.

Es war zu spät, den Entflohenen nachzusetzen. Er kehrte mit der [652] Jüngeren Tochter auf dem geradesten Wege nach Berlin zurück.

Dort kam ihm der Herr Stadtgerichtsrath Hartmann mit Briefen der Entflohenen aus Brüssel und zugleich mit der Bitte entgegen, ihm, dem Herrn Hartmann, Fräulein Charlotte zur Frau zu geben.

Fräulein Charlotte sagte dabei: „Zwei glückliche Töchter als Bräute, Vater, oder zwei unglückliche Nonnen. Wird Louise nicht Frau Thilo, so muß sie in’s Kloster gehen, und geht sie hinein, so muß ich auch hineingehen.“

Die Logik seiner jüngsten Tochter leuchtete dem Geheimerath wieder ein. Er feierte bald nachher die Hochzeiten seiner beiden Töchter in Brüssel. Von dem Herrn Klein aber durfte ihm Niemand sprechen.


Auch der Schreiber dieser Zeilen hat von Herrn Klein nichts weiter erfahren können. Wer überhaupt dieser Herr war, ob er noch in Amt und Würden, und wie er zu diesen gekommen und in diesen gewirkt – darüber schwebt ein Geheimniß, das vielleicht die Zukunft noch lösen wird.