Herzog Karl August und sein Leibjäger

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Herzog Karl August und sein Leibjäger
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 393–395
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[393]
Herzog Karl August und sein Leibjäger.
I.

Es sind nicht blos die großen Begebenheiten, es sind auch die kleinen Charakterzüge, die eines Menschen tiefes Wesen zeigen. Herzog Karl August von Sachsen-Weimar, Goethe’s und Schiller’s großherzigen Freund, das klare feste Haupt des Musenhofes, ihn kennt Jedermann. Und doch kennt man damit nur einen Theil seines Wesens. Wie soll man es sich erklären, daß dieser Fürst eines kleinen Landes jene großen Männer mit ehernen Banden an sich fesselte? Er konnte es, weil er die geistvolle Genossenschaft seines Hofes als Meister übersah, ihre Eigenthümlichkeiten mit liebevoller Geduld ertrug, ihnen gegenüber so gut wie nie den Herrn herauskehrte, weil er ihnen gewährte, was nur der wahrhaft große Fürst kennt und gewährt, Freiheit. Will man dieses begreifen, so betrachte man Karl August im Verhältniß zu seinen Bauern, Förstern und Dienern; man durchstreife die Försterhäuser und Kammergüter des Thüringer Waldes, in denen die Geschichten vom „alten Herrn“ als Heiligthümer vom Vater auf den Sohn forterben. In allen ist Karl August derb, kernig, großartig, oft streng und rauh, eine Gestalt wie aus Eisen; selbst ein ganzer Mann, ließ er dagegen jeden andern Mann gelten. Karl August hat sein kleines Land ungemein gehoben, ihm einen geachteten Namen gegeben, seine enge Hauptstadt und Hochschule zur Wiege unsterblichen Ruhmes gemacht; aber in den Geschichtsbüchern nicht verzeichnet steht die unendliche Hochachtung und Liebe, welche der alte Herr bei jedem Graukopf aus der alten Zeit noch besitzt; in den vielleicht nicht immer ganz wahrheitstreuen, öfter halb oder ganz mythischen Ueberlieferungen des Volkes sehen wir, daß Karl August war, was so Wenige, eine gewaltige, großartige freie Persönlichkeit.

Einer dieser Grauköpfe ist es, der mir in den stillen Abendstunden seines Forsthauses das Nachfolgende erzählt hat.

„Sehen Sie,“ sagte der Förster, „wenn ich an unsern alten Herrn denke, dann werde ich wieder jung. Da hängt er an der Wand; es ist ein schlecht Bild; aber so hat er ausgesehen, ein stattlicher Herr, breit und tüchtig, die Hände auf dem Rücken zusammengeschlagen; mit ihm ging immer ein großer Jagdhund und sah ihm nach den Augen; er liebte die schönen Hunde gar sehr, der Herzog Karl August, Gott hab’ ihn selig!“

„Ihr habt ihn gekannt?“

„Ob ich ihn gekannt habe! ich bin manchmal mit ihm auf dem Kesseltreiben gewesen oder hab’ ihm die Büchse gespannt, hab’ manches bissige Wort und manchen Laubthaler besehen von dem alten Herrn. Wie der war, so giebt’s heutzutage keinen mehr. Die geringen Leute verachtete er nicht; jeder Bauer, der schießen konnte, durfte mit ihm auf die Jagd gehen; seine Kammerpächter durften ihren Zins schuldig bleiben wie lang, wenn sie nur gute Bauern waren, so war er nicht streng. Es galt ihm ein jeder gleich, wenn er nur Kern hatte, und darauf hat er sich verstanden wie einer, wer Kern hatte oder wer nicht. Wenn er seine Leute ansah, so hatten sie Furcht; aber nach Zeit und Gelegenheit ließ er sich auch einen derben Spaß gefallen und machte ihn selbst. Er mochte nichts, was nicht Kern hatte. Die Beamten waren dazumal nicht so genau mit dem Rechnungswesen, kam auch nicht alle Augenblick von Weimar eine Commission zum Revidiren; da ging mancher Thaler nebenaus, wollte er oder wollte er nicht. Der alte Herr wußte es, denn der kannte jedes Gänschen auf seinen Kammergütern; aber er ließ es laufen, wenn sie die Geschichte nur nicht gar zu plump machten. War wieder einmal einer erwischt worden, der es zu grob getrieben hatte, den jagte der Karl August fort und sprach: „Hätt’ er’s gescheidter angefangen, so wär’s gut gewesen, aber der dumme Kerl hat sich doch gar zu täppisch angestellt!“

Der Leser dieses denke sich eine wohl eingeräucherte niedrige Fensterstube des Thüringerwaldes; Rehgeweihe über den Thüren, ein paar Büchsen im Gewehrschranke, einen langen Tisch für die bisweilen zu einem Glas Bier einsprechenden Bauern oder den in diese Einsamkeit versprengten Fußreisenden. An der Wand ein mächtiger schwarz glasirter Kachelofen, daneben ein Großvaterstuhl mit Hirschleder überzogen; ein Rehfell lag davor. Auf diesem Lehnstuhl saß der alte Förster, ein eisgrauer Mann, der aber noch gar vergnüglich aus den Augen sah, seinen Wasunger Knaster mit Lust rauchte und in den Pausen der Erzählung einen Schluck Bier trank, oder nach seiner Pfeife sah oder sich umschaute nach seinem geliebten Herrn, der in freundlicher Ernsthaftigkeit aus dem schwarzen Rahmen an der Wand niederblickte. Ein Hühnerhund hatte den Kopf auf des alten Försters Knie gelegt und sah ihn unverwandt mit klugen glänzenden Augen an, als verstände er die Geschichten, welche sein Herr erzählte; der Förster kraute dem betagten Freund den Kopf.

[394] Der aber, dem der alte Förster diese bunten Geschichten erzählte, ist auch mittlerweile nicht jünger geworden. Gar manchmal ist er über die Wartburg und den Rennstieg hinübergewandert nach der traulichen Stube, sich zu erbauen an der köstlichen Waldeinsamkeit und an den wundersamen Geschichten des Försters, welche dieser mit stets denselben Worten, aber stets neuer Lust vorbrachte. Ein Theil dieser Geschichten ward damals im frischen Eindruck der Gegenwart und möglichst getreu niedergeschrieben und darf wohl als wahr und echt gelten; freilich der gemüthliche Ausdruck der Worte und die behagliche Breite der Thüringer Mundart lassen sich nicht wiedergeben, sowenig als des Graukopfes glänzendes Auge, wenn er von seinem Herzog sprach, der nun schon fast vierzig Jahre todt ist und so viel Liebe hinterlassen hat, um solch ein altes Herz mit jugendlicher Gluth zu beleben. Das kleine Enkelkind, das damals die Freude des Alten war, ist unterdeß wohl ein großes Mädchen geworden; ob der alte Förster noch lebt, weiß der Berichterstatter nicht, der noch nach Jahren für seine stillen einsamen Stunden warmen Dank nachfühlt.

„Ja wohl,“ fuhr der graue Förster fort, „ich habe ihn gekannt, unseren Alten. Er mochte nur Leute um sich leiden, in denen Kern war. Fällt mir da sein Leibjäger ein, der Schnell; von dem könnt’ ich Geschichtchen erzählen und von seinem Herrn; ein närrischer Kerl, ja das war er. Auf eine merkwürdige Art war der Schnell zum Herzog Karl August gekommen. Droben in Salzungen war einmal in den siebziger Jahren eine große Jagd; dazu kamen die Herzöge von Gotha und von Weimar und viele andere große Herren zusammen, die Alle schon lange todt sind. Ueber der Jagd kehren die Herren einmal bei dem Förster Schnell ein und lassen sich’s wohl sein, wurden lustig und der Meininger fragte: ‚Schnell, wieviel Jungen hast Du eigentlich?‘ ‚Ja,‘ sagte der Schnell, ‚so viel, daß ich jedem Herzoge von Sachsen einen zum Leibjäger geben könnte,‘ sagt’ er. Es waren aber damals noch mehr da als jetzt. ‚Es soll ein Wort sein!‘ sagte der Herzog von Weimar und dann der Gothaer und der von Hildburghausen. ‚Gottlob! drei Jungen bin ich jetzt schon los!‘ sprach der Schnell. Die drei sind später auch Leibjäger geworden; der Herzog von Weimar aber hatte den besten bekommen.

Der Schnell war so ungefähr achtzehn Jahre alt und der Herzog zwanzig. Wenn einer ein gescheidter Kerl war und nicht zur unrechten Zeit kam, der durfte sich beim alten Herrn schon was herausnehmen; dafür genirte sich unser Herr auch nicht. Der Schnell war sein Leibjäger, bis er alt wurde und nicht mehr mitmachen konnte. Er verstand sich besonders gut auf das Dressiren der Hunde und Pferde, Karl August aber hatte schöne und kluge Jagdhunde über Alles gern. Wenn der Leibjäger ausritt, so sah es immer aus wie eine Menagerie; zuerst er selbst auf seiner schönen Stute, dann ein großer Wasserhund, dann ein Fohlen, dann ein Hund, dann ein zahmer Hirsch, endlich wieder ein Fohlen und ein Hund. Die liefen alle, eines streng hinter dem Anderen, und wenn eines ein bischen aus der Reihe ging, so brauchte der Schnell nur die Gerte rechts oder links hinauszuhalten, so gab’s gleich Ordnung. Wenn er so durch Berka ritt mit seinen Fohlen und Hunden, so lief ihm die halbe Stadt nach. So führte er sie spazieren in schöner Ordnung, und so ritt er auch in den Schloßhof vor den Herzog. Es war ein närrischer Kerl, der Schnell!

Die Jagd hatte unser alter Herr vor Allem gern; auch kam es ihm nicht drauf an, wer tüchtig schießen konnte, der durfte mit ihm auf die Jagd gehen, und wenn’s ein Bauer war. So hielt er einmal droben im Wald ein großes Kesseltreiben. Die Treiber jagten ihnen das Wild zu, die Leibjäger standen bei den Herrschaften und luden die Büchsen. Es waren viele Hasen im Trieb. Nun stand neben dem Herzog ein Bauer aus Lengefeld, mit einem alten Kuhbein von Gewehr, lud langsam, und wenn ein Hase herbeilief, plautz! schoß der Bauer den Hasen auf hundert Gänge dem Herzog vor der Nase weg. So ging es fünfmal, und der Herzog kam nicht zum Schuß vor dem Bauer. Da drehte sich der Büchsenspanner, der hinter dem Herzog stand, nach dem Bauer zu und winkte ihm, er solle zu schießen aufhören. ‚Was giebt’s?‘ fragte der Herzog. ‚Durchlaucht,‘ sprach der Schnell, ‚der Bauer schießt alle Hasen weg.‘ – ‚Aber er trifft sie! dort liegen sie alle fünf auf einem Haufen, und hat jeder seinen richtigen Purzelbaum gemacht. Schieß Du nur immer fort!‘ So sprach der Herzog.

Als die Jagd zu Ende war, trat er zum Bauer, nahm das Gewehr in die Hand, und sagte: ‚Kerl, Du schießt gut!‘

‚Durchlaucht,‘ sagte der Bauer, ‚mit einem guten Gewehr ist auch gut schießen.‘ Das Gewehr war ein altes Kuhbein mit einem Steinschloß, aber so lang wie der Tisch da. Es ist kein Wunder, meinten die Leute, daß der Kerl auf hundert Gänge trifft, sein Gewehr ist schon fünfzig Gänge lang.

‚Weißt Du was, Bauer,‘ sagte der alte Herr, ‚wir wollen tauschen. Da hast Du meine Büchse für das alte Ding da!‘

‚Durchlaucht,‘ sprach der Bauer, ‚ich möcht’ es nicht gern, ich bin einmal daran gewöhnt, aber wenn Ihr’s so gern habt und es sein muß –‘

‚Dummer Kerl, nichts muß sein. Willst Du Dein Kuhbein behalten, so behalt’s; weil Du aber gut schießt, so will ich Dir meine Büchse dazu schenken, kannst auch immer mit auf die Jagd kommen.‘

So ein Herr, mein’ ich, könnte gar nicht wiederkommen!

Einmal war große Jagd drüben im Werragrund. Jetzt hat man eine Brücke dort gebaut; aber dazumal mußte man durch die Werra oder hinten in Gerstungen über das Wasser. Dort jagte der Herzog gern, weil man das Wild so schön in’s Wasser treiben und darin abfangen konnte. So zog er auch eines Morgens von Wilhelmsthal aus mit vielen Herren vom Hofe bei Gerstungen über die Werrabrücke. Den Tag über war droben hinter Bach ein starkes Gewitter niedergegangen, so daß das Wasser mächtig groß wurde, wie fast noch nie. Da kam ein reitender Bote und meldete dem Herzog, daß drüben in Wilhelmsthal vornehmer Besuch eingetroffen sei, und daß die Herzogin ihn zur Mittagstafel erwarte. Da war guter Rath theuer! Ueber die Gerstunger Brücke, das war ein Umweg stundenweit, und der Herzog wär’ erst spät am Abend heimgekommen. Durch die Werra konnte man sonst wohl durchfahren und durchreiten, aber das Wasser war so wild und hoch, wie es noch niemand erlebt hatte. ‚Und ich muß nach Wilhelmsthal,‘ rief der Herzog zornig, ‚und wenn’s durch die Werra geht!‘

‚Durchlaucht,‘ sagte ein alter Bauer, der dabei stand, ‚durch die Werra könnten wir schon, aber nicht gerade durch, sondern erst steif gegen den Fluß und dann stromab, damit das Wasser die Kalesche nicht umwirft. Aber mit Euren verfluchten Schindmähren kann ich’s nicht,‘ sagt’ er, und wies auf des Herzogs stattliches Gespann.

‚Gut,‘ sprach lachend der Herzog, ‚schaff’ mich nach Wilhelmsthal wie Du willst!‘ Er schnarrte so, wenn er sprach, und sprach kurz und barsch; dabei trug er die Hände auf dem Rücken oder er legte sie vorn über einander und kräbbelte sich so im Aermel. So that er diesmal auch, denn die Zeit wurde ihm lang.

Der Mann kam endlich wieder mit vier prächtigen Hengsten und spannte sie vor die Kalesche. ‚Donner,‘ sagte der Herzog, ‚das sind freilich andere Pferde als meine Schindmähren!‘

Nun fuhren sie fort, der Bauer und der Herzog ganz allein, in Gottes Namen gradaus in die wilde Werra. Dem Herzog wurde es doch ein wenig bange zu Muthe, als die Pferde bis an den Bauch hineinfielen, und das Wasser durch die Räder schoß. Der Bauer hieb wie wüthend auf die vier Hengste, denn es ging gerade gegen den Strom an. Jü! Jü! Jü!

Das Wasser trat zum Kutschenschlag herein, und der Herzog mußte die Beine auf den Sitz heraufziehen. ‚Kerl,‘ sagte er, ‚die Sache geht schlimm!‘

‚Jü! Jü! Jü! Was an Galgen soll, versifft net im Wasser! jü! jü!‘

Jetzt waren sie in der Mitte, und der Bauer drehte rasch um nach dem rechten Ufer und fuhr im rauschenden Fluß stromab. Die Bäuche der vier Hengste und die Räder der Kalesche traten gemach wieder aus dem Wasser, und der Herzog kam glücklich zur rechten Zeit nach Wilhelmsthal.

‚Ich bin doch froh,‘ sagte er, ‚daß ich nicht noch einmal zurück muß.‘ Hat auch dem Bauer nachher einen stattlichen Rappen zu seinen vier Hengsten geschenkt.

Drüben an der Werra ist der alte Herr oft auf der Jagd gewesen, hat in des Försters Haus gewohnt, seine Stube wie hier die, einfache bürgerliche Möbel, hölzerne beschlagene Stühle. Bei ihm war der Schnell, denn wo der Herzog Karl August war, mußte auch der Leibjäger sein. Der Herr wird wohl wissen, wie es dazumal mit der Parforsch-Jagd war. In den älteren Zeiten war mehr Wild in den Wäldern, als heutzutage, so daß einem [395] die Hirsche nachliefen und aus dem Reff fraßen, wenn ich das Grummet heimtrug im Herbste. Dem Herzog mußte der Schnell die Hunde dressiren, dabei gilt es, daß der Leithund dem angeschossenen Thiere nachläuft und nicht von der Fährte abgeht; das verstand der Leibjäger aus dem Grunde den Hunden beizubringen.

So kam er einmal zum Förster in Berka, Ißleib hieß er. ‚Ißleib,‘ sprach er, ‚Du sollst heute Abend einen Hirsch waidwund schießen, daß wir morgen die Hunde auf die Spur bringen können.‘ Nun war zu jener Zeit ein strenges Regiment; die Förster schossen dazumal noch besser als jetzt, wo nur noch Eichhörnchen und Holztauben zu schießen sind; und wenn es hieß, ein Schmalthier soll geliefert werden oder ein Spießer für des Herzogs Küche, so konnte einer kurzerhand fortgeschickt werden, wenn er einen Zehner schickte. Der Ißleib geht also in den Wald und beschleicht einen Bock. Vorsichtig! denkt er, damit er bloß schweißt! zielt bedachtsam, und paff! da liegt der Bock und ist hin. Denn solch ein Thier stürzt schon von einem kleinen Posten, der es an der rechten Stelle trifft, und so geschah es diesmal. Der Förster kommt zum Leibjäger und wehklagt: ‚Schnell, ich hab’ den Bock todtgeschossen. Sag’s dem Herrn, aber daß er nicht böse wird. Auf die Hauptwache mag er mich schicken, nur nicht vom Brod weg.‘

‚Hm,‘ sprach der Schnell, ‚das ist eine ärgerliche Geschichte! Der Herzog wird gewaltig wild werden, wenn er’s erfährt.‘ Geht also hinein: ‚Durchlaucht,‘ spricht er mit so recht kläglicher Stimme und macht sich klein, denn er war ein langer schöner Mann; ‚Durchlaucht, der Ißleib steht draußen und jammert; er hat den Bock todtgeschossen. Aber er ist mit Allem zufrieden, nur sollen Durchlaucht ihm nicht ungnädig werden!‘ Der Herzog machte ein böses Gesicht, stand auf, legte die Hände auf den Rücken und brummte ärgerlich in sich hinein; so ging er in der Stube auf und ab; dann sagte er kurz und rauh: ‚der Ißleib soll morgen besser schießen, sonst geht’s ihm schlecht!‘

Am folgenden Abend geht der Förster wieder auf den Anstand. Nun ist es leicht, einen Hirsch waidwund zu schießen, wenn man nicht will, aber schwer, wenn man’s drauf anlegt. Dort steht nun der Ißleib, aber die Hand zittert ihm vor Angst, und er schießt den zweiten Hirsch richtig auf dem Platz todt.

Der Förster wollte sich die Haare ausraufen. Ich will froh sein, wenn ich mit vier Wochen Hauptwache davonkomme, dachte er. Der Leibjäger wollte nicht daran, es noch einmal dem Herzog zu sagen, aber endlich that er es. Der gnädige Herr ward sehr zornig. ‚Morgen soll sich der Ißleib auf der Hauptwache melden, auf vier Wochen,‘ brömmelte er zornig. ‚Heute aber soll er mir noch einen Hirsch anschießen, aber diesmal!‘

Und der Ißleib ging hinaus, und schoß in der Angst seines Herzens den dritten Hirsch todt.

Jammernd kam er zu dem Leibjäger. ‚Ich geb’ Dir Alles, was ich habe, wenn Du mir Verzeihung schaffst vom gnädigen Herrn; nur fortjagen soll er mich nicht und mir nicht böse werden!‘

‚Bist selber ein armes L–,‘ sagte der Leibjäger, ‚und hast nicht viel zu geben, wenn Du auch Alles zusammennimmst. Das ist eine böse Geschichte, und es ist das letzte Mal, daß ich Dir aus der Patsche helfe, das sage ich Dir, – wenn ich Dir helfen kann.‘

Er ging also hinein zum Herzog, der saß und arbeitete. ‚Durchlaucht,‘ sprach er, und machte den Rücken krumm, und ein weinerliches Gesicht und eine weinerliche Stimme, so erbärmlich, als er sie auftreiben konnte, ‚Durchlaucht, der Ißleib hat wieder Unglück gehabt. Er hat richtig gezielt, aber die Kugel hat sich auf dem Mastdarm verschlagen und ist dem Hirsch durch das Herz gefahren.‘

Der Herzog schwieg lange still und machte grimmige Augen. Dann sagte er:

‚Wenn sich die Kugel auf dem Mastdarm verschlagen hat und durch’s Herz gegangen ist, so kann der Ißleib freilich nichts dafür. Morgen will ich selbst hingehen und mir einen Bock anschießen. Den Hirsch aber schicke ich nach Jena auf die Anatomie und wenn sich die Geschichte mit dem Mastdarm nicht genau so herausstellt, so geht es dem Ißleib nicht gut!‘

Selbigen Abend aber hatte der Förster einen Hirsch richtig waidwund geschossen, und ist nicht einmal auf die Latten gekommen, und war doch nur der Schnell mit seiner Geschichte von dem Mastdarm schuld daran.

Bei Weimar ist ein Dorf, heißt Pfiffelbach. Dort ist ein kleines Fichtenwäldchen, in dem unzählige Raben nisten; mancher Baum trägt seine sechzig bis siebenzig Rabennester. Da wurde denn alle Jahre ein großes Schießen gehalten; der Herzog war dabei und der ganze Hof und was von Besuch bei Hofe war. Ein Theil der Raben wurde weggeschossen, Rabenbulliong gekocht und noch viel mehr Wein getrunken.

So war einmal ein fremder Fürst zu Weimar auf Besuch zu der Zeit, als gerade das Rabenschießen war, und der große Herr war natürlich auch dabei. Bei solcher Gelegenheit lädt nicht der Leibjäger des Herzogs Flinte, sondern er wählt sich sonst einen; der Schnell aber bediente den fremden Fürsten; wer es war, weiß ich nicht mehr.

Als nun die Rabenjagd zu Ende ging, fiel es dem Herrn ein, er müßte seinem Büchsenspanner doch auch ein Douceur geben. Er fragte also seinen Nachbar, einen Herrn vom Hofe auf französisch, was bei solcher Gelegenheit wohl zu geben üblich sei. Der andere sagte, das werde nach Belieben gehalten, ein Laubthaler oder ein Kronenthaler, ein Ducaten oder auch mehr, je nachdem. Der Schnell verstand auch französisch, denn sein Vater war aus Frankreich in den Thüringerwald gekommen; also verstand er Alles, was die zwei mit einander redeten. Nun weiß ich nicht ob der fremde Herr besonders sparsam war, oder ob er blos dazumal dachte: wozu einen Ducaten ausgeben, wenn’s ein Laubthaler auch thut? genug, er zog den Beutel, in dem ein paar Goldstücke blitzten. Aber diese Ecke zog er behutsam zu, holte einen Laubthaler hervor und gab den dem Leibjäger zum Trinkgeld.

Der Schnell zog ein schiefes Gesicht, sagte aber gar nichts, griff in die Westentasche, holte auch einen Laubthaler hervor, und rief laut: ‚Heda, ihr Burschen! Habt euch den ganzen Tag geschunden, da kommt, da habt ihr zwei Laubthaler, dafür trinkt einmal auf meine Gesundheit.‘

Der fremde Herr riß die Augen gewaltig auf und machte selbigen Tag bis zum Abend ein ärgerliches Gesicht. Noch spät ließ der Herzog Karl August seinen Leibjäger kommen. ‚Schnell,‘ sagte er grimmig, und der Zorn sah ihm aus den Augen heraus, ‚was hast Du mir da heute für Dummheiten gemacht? Bist Du nicht ein Flegel, daß Du meinen Besuch so in’s Gesicht zum Narren hast? Was soll der Herr von mir denken, daß ich solch’ einen groben Leibjäger habe? Heut bist Du zum letzten Male mit auf der Jagd gewesen.‘

‚Durchlaucht,‘ sagte der Schnell dagegen, ‚das habe ich Ihnen nicht zur Schande, sondern zur Ehre gethan. Soll der Kerl wohl gar meinen, des Herzogs von Weimar Leibjäger seien so schlecht gehalten, daß man sie mit einem schäbigen Laubthaler abfüttert? Wahrhaftig, Durchlaucht, es ist mein letzter gewesen, nicht einen rothen Mops habe ich mehr im Sack; aber ehe ich mir von so einem einen Laubthaler schenken lasse, als ob ich ein Hungerleider wäre, und nicht Euer Durchlaucht Leibjäger, eher schenke ich das Geld den Jägerburschen.‘

Karl August griff in die Tische, zog einen Louisd’or heraus und sprach recht brummig, aber inwendig freute er sich doch und lachte aus den Augen: ‚Da, Schnell, um Deine zwei Laubthaler sollst Du nicht kommen, aber sei mir nicht mehr so grob gegen meine Gäste.‘

Daß der Herzog Karl August ein lustiger Herr war in seiner Jugend und besonders mit Goethe zusammen manchen lustigen Streich ausführte, ist bekannt, die Gartenlaube selbst hat aus der Ilmenauer Zeit verschiedene seiner Stückchen erzählt. Auch in Berka[1] und Tannroda, zwei reizend gelegenen kleinen Orten, nur zwei Stunden von Weimar entfernt, hielt er sich gern auf, und dort, namentlich im Tannroder Forst, auf einem dazu eigens ausgehauenen Platz, tanzte er oft mit den hübschen Bauermädchen mitten unter seinen Förstern, Bauern und Hofherren.




  1. Berka durch seine vor Nordwind geschützte Lage, seine reizenden Umgebungen, prächtigen Fichten-, Kiefern- und Buchenwälder, ist seitdem ein sehr besuchter Badeort geworden, der besonders von Brust- und Asthmakranken mit großem Erfolg besucht wird. Ringsum von bewaldeten Anhöhen umgeben, liegt der Ort, dessen Anpflanzungen von Goethe herrühren, in einem reizenden Wiesenthale, an dessen einem Ende das Bade-, Cur- und Logirhaus dicht am Walde in geschmackvoller Weise angebaut sind. Berka ist zugleich ein billiges und von Modegästen noch wenig besuchtes Bad.
    D. Red.