Hoangti, oder der unglükliche Prinz

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Autor: Ludwig Ferdinand Huber
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Titel: Hoangti, oder der unglükliche Prinz
Untertitel: eine Geschichte nicht ganz im Geschmak der Scheherezade.
aus: Thalia – Erster Band,
4. Heft (1788), S. 97–129
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1787
Verlag: Georg Joachim Göschen
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Erscheinungsort: Leipzig
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[97]

VI.

Hoangti, oder der unglükliche Prinz,

eine Geschichte nicht ganz im Geschmak der Scheherezade.


Schach Moluk, ein ächter Zweig aus dem Hause Riar, jedoch nur von einer gleichsam appanagirten Linie, die mit der Sultanschaft Samarkande abgefunden war, hatte das eigne Familien-Unglük, das schon mehrere von seinen Vorfahren vorzüglich Schach Lolo betroffen, nämlich vor lauter Wohlsein sich herzlich elend zu befinden; hauptsächlich aber litt er unter einer Last, deren Druk freilich nur Genies der ersten Größe zu fühlen pflegen: ich meine die Zeit, die ihm unerträglich lang wurde, und die zu erwürgen man daher alle mögliche Mittel hervorsuchen mußte.

Schon mit der ganzen sultanischen Romanenbibliothek war man durch, und da diese nicht nur den grossen Vorrath an Manuscripten aus den Händen der weisen Scheherazade, der reichhaltigen Sutlumene, des [98] geschikten Almanzei, des Vezier Moslem und anderer großer Köpfe in diesem Fache enthielt, welche durch Erbschaft auf die Linie Moluk gekommen waren; sondern weil man auch wegen des überwiegenden Hanges des Fürsten, zu dieser Art von Gelese alles zusammen getrieben hatte, was zusammen zu treiben war, um nur immer neue Beschäftigungen für den rühmlichen Fleis des Fürsten zu haben, so war dies gewiß eine der zahlreichster Sammlungen, die je in diesem Fache existiret haben. Man wundre sich nicht über diesen erwähnten Fleis und über die Zeit die dazu gehört, sich das alles vorlesen zu lassen - Zumal da man weis wie es mit dem Vorlesen gehet, daß man nämlich: dabei nie so weit kömmt wie mit dem Selbstlesen, da es nicht unterbleibet, daß nicht von einer oder der andern Seite eine Betrachtung angestellt, und die Geschichte rüber und nüber in Ueberlegung gezogen werden sollte, welches doch alles seine Zeit kostet. Gar nicht einmal zu gedenken, daß ein Schach nicht im Stande ist, so lange einerlei Beschäftigungen, zumal so eine anstrengende auszuhalten, und daß also etwas darzwischen vorgenommen werden muß, und wenn man auch nicht nach den rühmlichen Familienbeispielen, Papierfiguren ausschnitt, oder Mäuse aus Aepelkernen machte, oder Vögel abrichtete, doch wie sich nachher zeigen wird, darinnen sein Original-Genie wieder zu andern Fertigkeiten anzuwenden wußte. Kurz dies alles hält auf, und man sieht daraus die Schwierigkeiten die es hatte, so ein großes Werk zu vollenden; allein, wenn man hinwieder [99] bedenkt, wie die morgenländischen Fürsten leben, wie wenig sie sich gegen unsre abendländischen gerechnet, um Regierungsgeschäfte bekümmern, indem bei ihnen weder Oper noch Bal noch Kartenspiel mit der gehörigen Wichtigkeit behandelt wird, so läßt sich leicht begreifen, daß ihnen Zeit genung zu Frivolitaeten übrig bleibt, da sie die wichtigern Angelegenheiten wie Frivolitäten behandeln.

Schach Moluk war übrigens ein sehr gewöhnlicher Schlag von Fürsten, von dem sich, wie von andern, recht viel gutes und recht viel böses sagen ließ. Er war der Laune sehr unterworfen, kam ihm nun, wenn er gerade bei guter Laune war, ein Mann von Verdienste oder eine rühmliche Handlung vor, so konnte kein Mensch ihm den Ruhm streitig machen, daß er der Fürst war, der Verdienste zu schäzzen und zu belohnen wußte; kam ihm hingegen zu Zeiten seiner üblen Laune ein Bösewicht, so war er gewiß ein strenger Richter und ein Fürst, unter dem man es nicht wagen durfte, Ungerechtigkeit zu begehen. Aber freilich mußte man nicht verlangen, daß sich seine Launen nach den Menschen richten sollten die ihm vorkamen, sondern die Menschen mußten sich nach seinen Launen richten. Auch sahe sich bei allem dem sein Historiographus im Stande immer von Zeit zu Zeit mit einem Bändchen Anektoden von rühmlichen Handlungen und geistreichen Aussprüchen des großen Schach Moluk (und der wizzigen Köpfe seines Hofes) hervorzutreten. [100] Hätte er freilich alle die faden Späschen und unrühmlichen Handlungen des großen Schach Moluk heraus geben wollen, so würde er jedes Jahr mehrere Bände davon haben anfüllen können, allein dafür wurde er nicht bezahlt, auch wüßt ich noch niemand, der sich dazu einen Historiographus gehalten hätte.

Ueberdieß hatte er einen Vezier, der zufälligerweise eine Menge Eigenschaften in sich vereinigte, die gerade dem Sultan abgiengen. War zum Beispiel Schach Moluk nicht eben so schnell mit seiner Befassungskraft, so war hingegen Hormuz, so hieß der Vezier, ein schneller Kopf, von ungemeiner Einsicht; war der Sultan voller Launen, so hatte hingegen der Vezier fast gar keine. Hatte der Sultan für gar nichts Gefühl als für sein Ich, so hatte der Vezier würklich die Schwachheit eines allgemeinen Wohlwollens in hohem Grade; erstrekten sich die Talente des Schachs hauptsächlich darauf mit der Zunge einen Knoten in einen Kirschstiel zu knüpfen, und aus den Gräten eines Karpfenkopfes einen Storch zu machen, (lauter Künste die sich bei der Tafel bereiten ließen, wo er sich am liebsten und längsten aufhielt) so hatte der Vezier würklich eine gute Dosin Wiz und Scharfsinn. Kurz er war ein Phönix unter den Vezieren, ohngeachtet immer ein Phönix unter den Vezieren noch ein sehr gewöhnliches Thier unter den Menschen sein kann. Und dieß war auch würklich der Fall mit Hormuz, der mit [101] allen diesen guten Eigenschaften so eine Indolenz, so ein Jovialisches Wesen verband, daß alle seine guten Einsichten und weisen Bemerkungen selten die geringste Folge hatten, weil sie nicht in Ausübung gebracht wurden.

Dieß hinderte indessen nicht, daß die Artikel von Samarkande die interessantesten in allen Zeitungen und Journalen des Morgenlandes waren, weil immer Hormuz, im Namen seines Sultans in Ansehung der politischen Einrichtungen Ideen angab, denen selbst die benachbarten nebenbuhlerischen Veziere ihren Beifall nicht versagen konnten. Und weil man in die Zeitungen und Journale immer nur die Ideen und nicht ihre Ausführung sezte: so konnte es nicht fehlen, daß in allen Vorlesungen über Politik, Statistik und Finanz-Wissenschaft auf allen Akademieen des Morgenlandes, die Regierung zu Samarkande als das Muster der weisesten Regierung aufgestellt wurde. Und in der That, wenn man die Grundsäzze und Raisonements des Vezier Hormuz hörte, so mußte man auch gewiß glauben, daß so eine Regierung noch nie, selbst zu Salomons Zeiten nicht existiret habe.

Es war in einem der Anfälle von übler Laune, denen Schach Moluk unterworfen war, und die sich jezt einmal häufiger als bisher einfanden, als man nach Beendigung einer Vorlesung, über Menschenwerth und Glükseligkeit disputirte (denn zuweilen pflegte man nicht geringere Gegenstände abzuhandeln), daß der [102] Sultan behauptete, daß nicht nur weit mehr Elend und Bosheit, als Glük und Gutes auf der Welt wäre, sondern daß auch, vorzüglich er, das unglüklichste von allen Geschöpfen sei. Ein Saz, den er schon mehrere Male geglaubt hatte, davon die Ueberzeugung aber allezeit nur so lange dauerte, als seine verdorbenen Säfte, und den richtig eine Dosis der heilsamen Sibirischen Wurzel mit sich hinwegnahm. Indessen da Ihro Majestät die gedachte Wurzel sehr ungerne verschlukten, so pflegten sie sich immer einige Zeit länger mit dem Sazze zu schleppen, als sie gebraucht hätten, und er ward oft, aber immer vergebens mit Worten bestritten. Diesmal nur war das Uebel hartnäkiger, und die Rhabarber vermochte eben so wenig dagegen als die demonstratio methodo mathematica ohngeachtet zwo gleiche Kräfte die zu gleicher Zeit angelegt werden, doch noch einmal so stark würkten, als jede einzelne. Es fuhr daher Hormuz der Gedanke durch den Kopf dem Uebel auf einer andern Seite beizukommen, und sich eines Vehikuls zu bedienen, das der Natur des Sultans angemessen war, es war dieses ihn durch eine Erzählung auf die wahren Begriffe von Menschenwerth, Menschenglük und Menschenelend zu führen, auf welche es gerade hier ankam.

Wenn Ihro Majestät gnädigst erlauben, fieng er auf einmal an, nachdem man über den Hypochondrischen Saz verschiedentlich disputiret hatte, ohne jedoch die Sache selbst im mindesten ins klare zu sezzen, weil zumal [103] der Status controversiae wie es bei einem philosophischen Gespräche am Hofe zu gehen pflegt, etwas schwankend geworden: Wenn Ihro Majestät gnädigst erlauben, so will ich morgen ein Buch mitbringen, das ich durch meinen Sekretair aus einer Auction erhalten habe, das in der That nicht übel ist, und wo diese Begriffe sehr gut auseinander gesezt sind.

Nur nicht etwa eine moralische Abhandlung vom Doktor Danischmende! die will ich mir verbitten, denn diese geben mir der Wagschaale des Elends in dieser Welt ein großes Gewichte.

Ihro Majestät halten zu Gnaden, es ist eine Erzählung von einem ungenannten Verfasser, die aber so alt ist, daß ich mir sie gar nicht so herzulesen getraue, sondern daß ich mir sie erst will abschreiben lassen.

Meinetwegen! wir wollen hören was daran ist, ohngeachtet mir das Ding bedenklich fällt, daß sie von einem ungenannten Verfasser ist. Warum sollte sich der Verfasser nicht genannt haben?

Ihro Majestät sagte der Vezier, welcher gewohnt war, daß sich der Sultan mit jeder Antwort begnügte, wie es nur eine Antwort war, gesezt auch, daß er dadurch nicht eine Silbe mehr wußte, als ehe er gefragt hatte, also Ihro Majestät sagte er ganz ruhig, vielleicht daß es seine Verhältnisse nicht erlaubt haben.

Was für Verhältnisse konnten aber wohl das sein, die dieses nicht erlaubten?

[104] Diese Frage hatte sich Hormuz nicht versehn, und sie hätte ihn beinahe in Verlegenheit gesezt, er faßte sich aber sogleich und sagte: Vielleicht daß er unter Mitbürgern lebte, unter welchen diese Autorschaft so verschrieen war, daß er lieber unter dem Mantel des Inkognito bleiben wollte, vielleicht daß er mit den Critikern in Zwist war, und sein Buch nicht wollte ausgezischt haben, vielleicht aber auch, daß er nicht wie ich das Glük hatte, unter einem Fürsten zu leben der diese großmüthige Nachsicht, die Beispiellose Liebe zur Wahrheit hatte, und den er folglich durch die Ideen die es etwa enthält zu beleidigen fürchtete.

Ha! ich merk es schon, sagte Schach Moluk, es wird tüchtig über die Sultans hergehen, aber das will ich mir verbitten, ich bin des langweiligen Geschwäzes überaus müde.

Ihro Majestät halten zu Gnaden, es wird keines Sultans im ganzen Buche erwähnt – Auch keines Derwischen? unterbrach ihn der Sultan. Diese Frage brachte den Vezier in eine neue Verlegenheit, denn im Grunde war in dem Tone soviel Neugierde oder Theilnehmung, ohne daß er doch im geringsten einen Wink gegeben hätte, wie er die Frage beantwortet wünschte, daß Hormuz ohnmöglich daraus errathen konnte, ob der Sultan gerade ein Devot, oder ein starker Geist war, welches bei ihm auch abwechselte wie andere Launen. Denn er hatte gewöhnlich einen Derwisch mit bei sich sizzen, bald um der Religion seine [105] Ehrerbietung zu zeigen, bald um sich über ihn lustig zu machen.

Wie denn auch jezo bei dieser Frage einer am Fuße des Sophas saß, und dem Vezier stark auflauerte, wie er sich aus dem Handel ziehen würde. Nun war es in der That möglich, wenn der Sultan gerade in der Laune der Starkgeisterei war, daß dieses der erwähnten Geschichte eine große Empfehlung gewesen wäre, wenn sie tapfer auf die Derwischen losgezogen, allein war er auch gerade der Devot, so wurde sie sogleich konviszirt. Hormuz fand also für gut lieber gar nicht in der Lotterie zu spielen und sagte:

Nicht ein Wort von Derwischen, aber die Ponzen dürften vielleicht erwähnt werden.

Schon gut sagte der Sultan, wir wollen sie hören – aber heut nicht, denn jezo wird die Stunde zum Gebeth da sein.

Wohl dir, daß du die Derwischen geschont hast, dachte der Vezier, denn heute wärst du damit sehr übel angekommen. Er gieng hierauf und wendete alle Zeit die er nicht bei Schach Moluk zubringen mußte, auf die Ausarbeitung dieser Erzählung, denn er schmeichelte sich nicht wenig zur Glükseeligkeit von Samarkande beizutragen, wenn er den Sultan um so viel weiser und besser machte, als er doch gewiß durch seine Geschichte werden mußte. Nun hab ich freilich noch kein Beispiel gesehen, daß ein Land durch so eine Erzählung in usum delphini, von den Aventures de Telemaque [106] an bis auf die Geschichte der Könige von Scheschmin wäre glüklicher geworden, und es wäre also wohl besser gewesen, wenn Herr Hormuz die Zeit und Mühe auf die Ausübung guter Grundsätze in seiner Regierung gewendet, als solche erbauliche Märchen geschrieben:

Allein, dies war eben ein Hauptzug in seinem Charakter, daß er es behäglicher fand, sich selbst wider seine geheime Ueberzeugung, von ihrem Nuzzen, lieber auf dergleichen Spekulationen als auf Ausübungen einzulassen, dazu weit mehr Anstrengung, Thätigkeit und Anhalten gehörte, als zu solchen Phantasien, die sich im Kabinette eigenhändig und höchstens mittelst eines Sekretairs dem man sie diktirte, ausführen ließen.

Er kam also richtig nächstens Tages mit einem Hefte im Busen. –

Noch eins, fieng der Sultan an, als Hormuz das Papier zur Vorlesung aus dem Busen zog, hat das Buch eine Vorrede?

Nicht eine Zeile Ihro Majestät, sagte der Vezier, es war so alt, daß die Vorrede hinweggerissen war – Denn der Sultan war ein abgesagter Feind von Vorreden. Hormuz müßte also das Buch nicht geschrieben haben, wenn es hätte eine Vorrede haben sollen.

Und die Noten?

Es hat nie welche gehabt.

[107] Schon gut Barukh, sagte der Sultan zu einem Emir, den er in der Qualität eines Hofnarren beständig um sich zu haben pflegte, du wirst sie ersezzen, und du Derwisch wirst Acht geben, daß er nichts wider die Religion und guten Sitten vorbringt.

Der Derwisch neigte sich gegen Schach Moluk, und gegen Hormuz, ob aber wirklich in dem Blik den er dem erstern gab, alle die kriechende Demuth, und in dem, welchen er auf den lezten warf, alle der triumphirende Stolz war, den Hormuz darinnen zu finden glaubte, das will ich nicht behaupten, denn Hormuz war ein philosophischer Menschenbeobachter, und die philosophischen Menschenbeobachter wollen immer viel sehen, das gar nicht existirt, über dies hatte er, so wenig er sonst gegen die Derwische war, ein großes Vorurtheil gegen die Hofderwischen; ich lasse also lieber die Sache an ihrem Ort gestellet sein, aber kurz, der Vezier fühlte sich unter der heiligen Inquisition, und war schon im Begriff die ganze Erzählung aufzugeben, bis ihn die Veränderlichkeit des Sultans tröstete, und er also anhub:

Der Kaiser Hoangti war einer der glüklichsten Fürsten, welche je den Chinesischen Thron besessen haben. Der Ruhm seiner Waffen hatte seine Feinde zu Boden geschlagen, und den Frieden um seine Grenzen gelagert; seine Gemahlin war schön wie die Morgenröthe, und betete ihn an, und seine Kinder machten [108] den Stolz der Nation. Seine Mandarinen waren Morgensterne der Weisheit. –

Bis daß die Sonne Hormuz aufgieng, unterbrach ihn hier der Emir mit dem ihm eigenen Tone der dem Vezier ein Paar unwillkührliche Runzeln in die Stirne zog, bis er sich wieder sammlete, und sogleich fortfuhr.

Und sein Hofnarr übertraf Barukh an Wiz.

Friede! sagte der Sultan, der sonst ein großer Freund von solchen Gefechten war; jezo will ich hören, was dem Kaiser Hoangti für ein Unglük begegnet ist, denn ohne dieses würde seine Geschichte nicht lange Interesse für mich behalten.

Ein Unglük – keines das ich wüßte, fuhr der Vezier fort, und eben dadurch, daß ihm gar keines begegnete, gieng es ihm wie jezo Ew. Majestät sehr weislich zu bemerken geruheten, seine Geschichte verlohr das Interesse selbst für ihn – und es fehlte ihm an hundert Enden bloß darum, weil es ihm eigentlich an keinem fehlte.

Wenn alle Vollkommenheit solche lange Weile macht, unterbrach ihn hier wieder der Emir, als dem Kaiser von China die seinige, so sei Gott uns bei deiner Erzählung gnädig!

Und deinem Halse Barukh, sagte der Sultan, denn wer den Vezier noch ein einzigesmal unterbricht, den will ich sogleich den Stummen übergeben lassen.

Der Emir machte eine Verbeugung. So ists gleichviel sagte der Vezier, er wird auf Odre Ew. Majestät [109] erstikken, es sei am Srikke eines Stummen oder an seinen wizzigen Einfällen. Diese ununterbrochene Glükseligkeit also, fuhr er fort, indem er sein Manuscript wieder vor sich nahm, brachte bei Hoangti die äusserste Langweile und am Ende den größten Mißmuth hervor. Wie dies aber zugegangen, unterbrach ihn hier der Sultan nachdenklich, dies sehe ich freilich noch nicht so ab; wenn du mir es ohne eine lange philosophische Abhandlung, denn das weißt du, daß ich dergleichen nicht liebe, aus einander sezzen wolltest, so würdest du mir einen sehr reellen Dienst erzeigen, denn es scheint nicht, daß sich dein Autor die Mühe genommen, dieses in der That schwere Problem mir zu erklären. Befehlen Ew. Majestät, daß ich den Stummen winke, fiel der Emir dem Sultan hier ein; es wurde vorhin eine Belohnung aufs Unterbrechen gesezt – Da es gewöhnlich dergleichen Emirs vergönnt ist, sich sehr beträchtliche Freiheiten herauszunehmen, so ward auch diesem das Majestätsverbrechen verziehen, daß er einem Sultan gesagt hatte, daß die Fürsten selbst ihre Gesezze halten sollten; welches man füglich sonst nicht ungestraft sagen darf. Indessen erwiderte Schach Moluk wenigstens etwas Sultanisch:

Ja Barukh, sobald ich ihn wieder unterbreche, will ich mich dafür erwürgen lassen. Hormuz! die Erklärung;

Sehr gerne, ohngeachtet wie Ew. M. voraus sehen, mein Autor nicht eine Sylbe davon erwähnt. Alle Empfindung ist Fieberreiz, welcher sowohl in Ansehung [110] seiner Stärke als seiner Dauer nur bis auf einen gewissen Punkt angenehm ist, und sobald er diesen Punkt überschreitet, wegen der daraus nothwendig erfolgenden Ueberspannung oder Erschlaffung Schmerz wird. Jedes allzulange Anhalten einer und derselben Empfindung also – du hast mich wohl nicht verstanden sagte Moluk, ich wollte keine Abhandlung von Danischmenden. Fahre in deiner Erzählung fort. – Der Kaiser Hoangti durfte also nur sehen, daß ein einziger seiner Befehle nicht so befolgt wurde, wie er es wünschte, oder daß er nicht die Folgen hatte, die er hofte, oder durfte erfahren, daß jemand in Armuth und Elend schmachtete, welches sich nicht vermeiden ließ, weil er nicht selten in einem Incognito ausgieng, das einem Kaiser von China um so leichter wird, weil seine Unterthanen, außer den Tag da er die Hand an den Pflug legt, ihn nie zu sehen bekommen; mit einem Worte bei jeder dieser Gelegenheiten pflegte er auszurufen: Es muß kein Land so unglüklich sein wie das, das ich beherrsche, und kein Mensch so elend wie ich, dem kein einziger seiner Wünsche erfüllet wird. Und ich, sagte einmal darauf der Mandarin,[1] den er immer um sich hatte, behaupte, daß Ew. Majestät gerade nicht mehr und nicht weniger Ursache haben, über Unglük zu klagen, als irgend einer von den Bewohnern des Chinesischen Reichs oder der ganzen Welt. Denn wir haben alle Unglük nach Verhältnis der Erwartungen, die getäuscht werden können, und größtentheils getäuscht werden müssen, mithin sind wir darinnen alle gleich. Dein Saz kann sehr weise [111] sein Paun, sagte der Kaiser zum Mandarin, aber er ist es für mich nicht, denn ich glaube ihn nicht. So will ich ihn beweisen sagte Paun, und was noch mehr ist, ich will Ew. Majestät davon überzeugen.

So kannst du den Eyang[2] aus seinem Bette leiten.

Der Mandarin war aber seiner Sache sehr gewiß, weil er wußte, daß eben sowohl moralische als phisische Ursachen, an dem Unmuth des Kaisers Schuld wären, und daß er, wenn er auf einige Zeit aus den Regierungsgeschäften, und aus seiner gewöhnlichen Lebensart sich heraus riß, die Welt aus einem ganz andern Gesichtspunkte würde ansehen lernen. Er beredete ihn also die Regierung auf einige Zeit seinen übrigen Mandarinen zu überlassen, und mit ihm auf Reisen zu gehen, um Menschen aufzusuchen, die elender wären als er, oder die mehrere Ursache hätten mit ihrem Schiksale unzufrieden zu sein.

Aber warum mußte Hoangti nach den Leuten reisen? konnte er nicht lassen die Leute zu sich kommen? unterbrach hier Moluk seinen Vezier sehr sultanisch. Ja darinnen lag eben ein großer Theil vom Beweise des Mandarins für seinen Saz, versezte Hormuz, daß er den König aus seinen Geschäften und Mangel von Bewegung [112] riß, und dadurch seine Gesundheit und seine Säfte verbesserte, denn sonst hätte freilich der Mandarin es eben so leicht gefunden, an Ort und Stelle seine Zeugen abzuhören, als daß er erst so eine Creuzfarth anstellete, wie wir nunmehro finden werden.

Aus hundert Gründen, die alle sehr wichtig, aber hier anzuführen zu weitläufig wären, giengen sie also unter dem strengsten Inkognito auf Reisen. Sie erwählten nach lange hin und her Ueberlegen die Gestalt der Kaufleute, und nahmen so viel Geld und Edelgesteine, als die drei Pferde, welche sie beide nebst einem Bedienten fortragen mußten, noch ertragen konnten, und so traten sie ihre Reise mit einander an.

Paun hatte aus Ursachen die sich leicht errathen lassen, sich sogleich ausbedungen, daß sie ihre Nachforschungen nicht eher anfangen wollten, bis sie ausserhalb den Grenzen des Chinesischen Reichs wären; Was konnten das für Ursachen sein? sagte Moluk, ich errathe sie nicht, und es gefällt mir gar nicht von deinem Autor, daß er mich da will zu einem Dumkopf machen: also was waren das für Ursachen?

Ich errathe sie eben so wenig, erwiederte der Vezier Hofmännisch genung, es müßte denn etwa sein, daß Paun gefürchtet, es würde den Mißmuth des Hoangti vermehret haben, wenn er unter den Klagen, die nicht fehlen konnten, Klagen über die Regierung hörte; sie wanden sich also Südwestwärts, und kamen nach einer [113] langen und für Hoangti sehr beschwerlichen Reise an der Grenze von Kochin-China an.

Sie hatten nur noch eine waldigte wüste Gegend zu passiren, welche dieses Reich von China trennet. Durch Einöden kommen die Wanderer sich einander näher; dahero als Hoangti und Pan-u diesen Weg antraten, so gesellete sich ein Mann zu ihnen, der dem Anscheine nach das würklich war, wofür diese sich ausgaben, und bei dem sie, als sie sich mit ihm ins Gespräch einließen, den Vortheil fanden, daß er mit den Wegen sehr bekannt war, und daß er schien, sie sehr oft passirt zu sein. Weil nun, bekanntermaaßen, die Chineser nicht viel von andern Nationen wissen, und sich um andre Länder nicht bekümmern, so bediente sich Pan-u dieser Gelegenheit sich und seinem Monarchen einen vorläufigen Begriff von dem Reiche zu machen.

Ihr seid also noch nie in Kochinchina gewesen? sagte der Fremdling.

Nein versezte Pan-u. Unser Handel gieng bisher nach Thibet, aber die bürgerlichen Uneinigkeiten, und die gänzliche Zerrüttung dieses Reichs, durch innerliche Kriege, macht daß wir keinen Vortheil mehr dabei finden, und daß zumal mit dem Juwelenhandel, da gar nichts mehr zu thun ist, denn wer kaufte in solchen unglüklichen Zeiten, wie sie jezzo in Thibet haben, Kostbarkeiten! – wir wollen also unser Glük gegen Süden versuchen, und durch Kochinchina Tunkin nach Siam gehen, welches ein sehr prächtiger Hof sein soll, [114] und da wollen wir sehen, ob wir etwas gewinnen können. Wird wohl in Kochinchina etwas mit diesem Handel zu thun sein? oder ist das Land zu arm –

Man hört es wohl, daß ihr Chineser seid, erwiederte der Fremdling, die gewöhnlich jedes Land außer China verachten, weil sie keines kennen, oder wenn sie auch noch eines gesehen haben, es mit Vorurtheil betrachten. Daß ihr zwar durch Juwelenhandel da ein großes Glük machen solltet, das will ich nicht behaupten, aber ihr werdet euch durchaus verwundern, wenn ihr dieses Land werdet kennen lernen. Es ist klein, aber groß durch seinen Beherrscher. –

Hier wurde eine Saite berührt, wo Pan-u doch nicht wußte, ob es heilsam wäre sie weiter klingen zu lassen, allein Hoangti ließ ihm gar nicht länger Zeit, dieß zu überlegen, sondern er ließ sich sogleich mit ihm auf eine genaue und ausführliche Beschreibung dieses Landes ein.

Kochinchina fieng der Fremde auf Hoangti’s Verlangen an, ist ein Land, gegen welches die Natur so stiefmütterlich gewesen ist, als sie gegen wenig Länder war, welches aber durch den Geist einiger seiner Beherrscher zu einem der blühendsten und mächtigsten Staaten ist gemacht worden, über welche die Sonne aufgeht. Ein großer Theil des Landes ist gebürgig, und sonst jederzeit für unbewohnbar gehalten worden, allein da einige seiner Bäche Goldsand führten, so schloß [115] der vorige König nicht ohne Grund daraus, daß darinnen müßten Goldgruben angelegt werden können; er ließ also aus Westen Leute kommen die sich darauf verstanden, und legte Bergwerke an, und ob sich gleich das Gold nicht so häufig fand, so gruben sie Kupfer und andre nüzliche Erze, und es ist jezo ein Werk, dadurch sich viele Tausend Menschen nähren, und dadurch der König Millionen gewinnt.

Weil aber diese Erzgruben nur die Männer beschäftigen, so hat er Woll und Seitenweber aus Bengalen und von den Ufern des Indus kommen lassen, die ihre Kunst die Weiber und Kinder gelehrt haben, damit auch diese Arbeit fänden und ein schickliches Gewerbe für sich hätten; diese Fabrik verlegt nunmehro nicht nur seine ganzen Staaten mit diesen Bedürfnissen sondern zieht auch noch ungeheure Summen von den Kaufleuten der Abendländer, die übers Meer kommen. Außer diesen Gewerben unterstüzte er alle andre Arten von Künstlern, die Metalle verarbeiteten, die hier so gutes Materiale in Ueberfluß fanden; und foderte der Umtrieb dieser Fabriken und Manufakturen Menschen, so erfoderte der Handel mit denselben, und der Betrieb nicht minder welche: dies zog eine Menge Fremde ins Reich. Natürlicher Weise brauchte man alle diese Menschen zu erhalten viele Lebensmittel: dieß trieb also den Reisbau in dem wenigen flachen Lande, welches das Reich enthielt, aufs höchste; so daß man wegen der Sorgfalt und Fleiß in der Kultur zwei bis dreimal [116] soviel auf dem Morgen Landes baut, als in andern, selbst den fruchtbarsten und kultivirtesten Ländern.

So weit war der vorige König mit der Einrichtung eines Staats gekommen, dessen Vollkommenheit, wie man geglaubt hätte, sich nichts hinzusezzen ließ; allein Yoo, so heißt der jezzige König, kannte die politische Habsucht und den falschen Ehrgeiz der Fürsten zu gut, als daß er nicht hätte einsehen sollen, daß so ein Land, das so reich und so blühend sei, bald die Lüsternheit seiner Nachbarn erregen würde. Er sorgte also, sobald er zur Regierung kam, vor allen Dingen, für die Sicherheit seines Staats. Er vermehrte seine Armee auf eine Zahl, daß er jeder benachbarten Macht, selbst der Chinesischen die Spizze bieten konnte, welches sein Land bei dem unglaublichen Reichthum und der Bevölkerung wohl aushielt; er übte diese Truppen beständig, und ohne daß er eine einzige Schlacht gewonnen, oder einen Fußbreit Land erobert hätte, entschied er bei allen politischen Negotiationen der benachbarten Fürsten, von Tunkin Siam, Pepu bis Bengal, despotischer als Jengis Kan jemals entschieden hat.

Während dem ganzen Gespräche hatte immer Hoangti von Zeit zu Zeit Pan-u einen Blik gegeben, und Pan-u sahe wirklich aus wie ein Arzt, der mit seinem Patienten zu Grabe gehen muß.

Wo ist dieser Gebrauch, unterbrach hier der Sultan den Vezier, daß der Arzt den zum Grabe verholfenen, begleiten muß?

[117] Eben in China wie diese Stelle offenbar beweist, sagte Hormuz.

Ich habe noch nie einen Weisern gefunden! sagte Schach Moluk, da müßen weit weniger durch die Aerzte sterben?

Davon sagt mein Autor nichts, gnädigster Herr, versezte der Vezier. Und warum auch?

Darum sagte Alep, der sich nicht länger halten konnte, weil sie soviel mit Begleiten zu thun haben, daß sie nicht so viel mehr umbringen können.

Der Emir hatte seine Leute zu gut gekannt, als daß er nicht gerade eine Bemerkung und einen Moment hätte wählen sollen, wo er sich wieder ins Gespräch mischte, dabei ihm verziehen wurde. Denn der Sultan war nicht sonderlich Freund von den Aerzten, weil sie ihm seine bösen Launen immer nicht hatten vertreiben können, und der Zorn des Veziers, in wiefern man von Hormuz Zorn sagen konnte, war nicht nur nunmehro vorbei, sondern es war ihm vielmehr jezt willkommen unterbrochen zu werden, weil sein Manuscript nicht weiter gieng, und er in der äußersten Verlegenheit war. Auch hatte es würklich die gehofte Folge, denn der Sultan fand erst bei dieser Unterbrechung, wie lang diese Vorlesung gedauert hatte, und winkte zu schließen.

Wir ließen gestern deinen Hoangti, hub der Sultan an, auf seiner Reise nach Schlaraffenland und seinen Mandarin in der Verlegenheit, ohngeachtet mir [118] heute Nacht erst eingefallen ist, daß ich nicht einsehe, worüber er in Verlegenheit war.

Darüber gnädigster Herr, daß der Kaiser ihm mit jedem Blik sagte: Siehst du wie andre Fürsten gegen mich glüklich sind, und wie ich hingegen elend bin? Jenen gerathen alle ihre Entwürfe und mir keine, sie verbreiten Glükseligkeit aller Art um sich her, und ich keine, gestehst du mir nun nicht zu, daß ich Ursache habe zu klagen?

Ha, unterbrach der Sultan, nun versteh ichs schon, also nur weiter, wie fandet ihrs denn nun in dem Lande?

Sogleich will ich Ew. Majestät dies erzählen, nur muß ich erst noch das Gespräch des Fremden beendigen. Ihr wisset, fuhr dieser in seiner Rede fort, was für Zwistigkeiten, die so oft bis zum Aufruhr und Blutvergießen kamen, zwischen den Anhängern der Lehre des Konfut-se und zwischen den Bonzen immer gewesen sind, weil die Regierung sich der einen oder der andern Parthey angenommen. Yoo nimmt in seinem Lande alle Arten von Religionen auf, und gönnet allen gleiche Vorrechte; dieß macht, daß alle Nationen und Leute aller Art ihre Zuflucht nach Kochin nehmen, und daß das Land so volkreich ist als irgend eins. Freilich waren anfangs die Bonzen, deren Religion allein da herrschte, gewaltig aufgebracht, allein wer zu allen die Bonzen um Rath fragt, ist ein schlechter Politikus, und überhaupt scheint doch nichts vernünftiger zu sein als alle Religionen …

[119] Hier hustete der Derwisch zum dritten male.

Es scheint,[3] daß der Derwisch etwas sagen will, unterbrach ihn hier der Sultan, und sahe den Derwisch mit einem Blik an, der ihn zur Rede aufforderte.

Ew. Majestät sind ein Fels der Lehre, hub der Derwisch an, und auch dadurch über alle Menschen erhaben; da sonst die großen Politiker immer große Indifferentisten sind.

Von dieser Schmeichelei ist doch nur die Anwendung der ersten Hälfte eine Lüge, dachte der Vezier, und fuhr, weil ihm der Sultan winkte, fort:

Ew. Hochwürden scheinen mit meinem Vortrage nicht zu frieden, aber sie müssen nur bedenken, daß ich eben so wenig meine Meinung, als die Meinung meines Chinesischen Verfassers, sondern bloß die Rede des Fremden hererzähle, der mit Hoangti an der Grenze eines Landes sprach, wo man reden konnte was man wollte. Kurz, der Fremde fuhr fort: überhaupt scheint doch nichts vernünftiger zu sein, als alle Religionen neben einander zu dulden, denn wie kann man ihren Werth besser heraus bringen, als durch Vergleichung und Prüfung, und wie können sie besser und allgemeiner geprüft und verglichen werden, als wenn sie alle neben einander sind?

Ich überschlage hier einen Theil dergleichen Betrachtungen, die der Fremde noch anstellte, und fahre in der Geschichte fort. Sie kamen an eine Herberge, [120] wo der Fremde zu übernachten einkehrte; weil aber Hoangti und sein Mandarin beßre Pferde hatten, so trieb theils die Neugierde das so merkwürdig beschriebne Land zu sehen, theils der Wunsch mit Pan-u allein zu sprechen, den Kaiser, daß er seine Tage-Reise noch um eine Station verlängerte. Und so sehr sich jener vor dieser Unterhaltung fürchtete, konnt er es doch nicht vermeiden, sich den Klagen des Kaisers, die er vorher sahe, auszusezzen.

Siehst du Pansu, fieng er demnach an, so bald sie allein waren, wie andre Fürsten herrschen? wie ihre Entwürfe gelingen, und sie Länder blühend und glüklich machen?

Ha nunmehro begreif ich wohl, unterbrach ihn hier der Sultan, woher du gestern wissen konntest, was der Kaiser von China und sein Mandarin zusammen dachten, das selbst ich nicht errathen konnte: da du es hiermit deutlichen Worten gelesen.

Es ist eine Unachtsamkeit von mir gewesen, dieses nicht gleich selbst mit anzumerken ...

Gnädigster Herr, antwortete der Mandarin, ist nicht China das blühendste glüklichste weiseste Land, das Ti-en[4] umspannt?

Aber ist es mit Kochin zu vergleichen? und wenn es auch wäre, hab ichs nicht schon so blühend erhalten [121] als es ist, hab ichs aus nichts geschaffen wie Kochins Beherrscher das ihrige?

Ew. Majestät verzeihen, daß ich erst das Land sehen muß, eh ich mich auf einen einzigen dieser Zweifel einlassen kann.

Dadurch war auf einmal dem Kaiser –

Das Maul gestopft, unterbrach ihn der Emir, und dazu will freilich mehr gehören, einem Kaiser das Maul zu stopfen, als dem armen Emir Alep.

Dies läugne ich durchaus, versezte der Vezier, denn ich behaupte, daß es leichter ist einem Kaiser das Maul zu stopfen, als einem wizigen Kopfe, oder einem Narrn und wo sich vollends diese Eigenschaften vereinigen! – Kurz (fuhr er nach einer kleinen Pause in seinem Manuscript wieder fort) sie reisten so unter mancherlei Betrachtungen weiter nach Cherim-ky zu, wo sie gehört hatten, daß eine große Seidenweberei sei, die sie zuerst sehen wollten.

So wie sie sich dieser Stadt nur auf eine Meile näherten, fieng die Landescultur an sehr zu wachsen, es war kein Flekgen das nicht bebaut und benuzt gewesen wäre, an beiden Seiten der Straße standen niedliche Häußer mit artigen Gärtgen, und soweit das Auge trug, verlohr es sich in solchen Gärten und Häusern, wo in allen Groß und Klein beschäftigt zu sein schien.

Nachdem sie einige Zeit zwischen diesen anmuthigen und allem äußern Ansehn nach ganz reinlichen Gebäuden [122] hingeritten waren, stiegen sie ab, um in eins, das mit vorzüglichem Geschmak angelegt war, hinein zu gehen. Als sie hinein kamen, fanden sie es oben bei weitem nicht so reinlich, als es von außen geschienen hatte. Ein Mann mit den Spuren ehemaligen Wohlstandes, und mit einem gewissen Adel der Geburt im Gesicht, saß da an seinem Webstuhl, und eine Frau mit vier Kindern beschäftigte sich mit Winden Haspeln und andern Zubereitungen, die zur Seidenweberei gehören.

Erlaube, sagte Pan-u, daß wir bei dir einkehren, der Mittag ist heiß, und kein Caravanserai in der Nähe, wir bitten dich um nichts, als um den Schatten deines Daches, und wenn du uns hold bist, die Erquikkung deiner Gespräche! (Dem Pan-u ahndete, daß dieß ein Mann wäre, der in seinen Plan taugte).

Sezzet Euch Fremdlinge, sprach er mit einer Freundlichkeit, in welches eben soviel äußere Höflichkeit, als heimlicher Mißmuth lag. Sie sezten sich und sprachen vieles mit ihm über seine Arbeit, erkundigten sich über verschiedene Handgriffe der Weberei, bis sie bekannter zusammen wurden, und Pan-u ihn endlich um ein Nachtquartier bat.

Der Seidenweber war zu höflich, als daß er es ihnen hätte abschlagen sollen, sie blieben also, und Abends, als ihr Wirth aufgehört hatte zu arbeiten, sezten sie sich mit ihm vors Haus unter die Palmenallee, welche längst den Häusern hingepflanzet war, [123] und nachdem sie bei Thee und Sorbet, womit Hoangti den Seidenweber bewirthete, etwas vertraulicher worden waren, wagte Pan-u seinem Zwek näher zu kommen und fragte:

Aber sage Gastfreund, du bist nicht glüklich, was fehlt dir? du mußt in der Welt Unglük erfahren haben?

Herr ich wünschte, antwortete der Seidenweber, daß du weniger weise wärest, und weniger die Sprache der Seelen verständest.

Warum? versezte Pan-u.

Wenn du weniger richtig bemerkt hättest, so wäre ich weniger unglüklich gewesen; und kannst du dich wundern, wenn ich Kummer zu ersparen wünschte?

Du hast recht sprach Hoangti, aber willst du uns nicht die Geschichte deines Unglüks erzählen?

Herr, wozu hilft es dir, daß ich Wunden wieder aufreiße, welche die Zeit heilen sollte. Glaube nicht etwa, daß du deine Unfälle mit den meinigen vergleichen willst, denn keine menschlichen Unfälle sind mit den meinigen zu vergleichen.

Um so viel mehr reizest du meine Neugierde, sprach Pan-u, gieb meinen Bitten Gehör!

Er sträubte sich noch lange, endlich gab er Pan-us Bitten nach, und hub also an:

Er soll lieber einen andern Tag anheben sagte der Sultan, und wenn er sich etwas weniger umständlich fassen könne, und weniger wizzig sein wollte, so würde er mir einen Gefallen erzeigen.

[124] Ew. Majestät haben nur zu befehlen! sagte der Vezier.

Meine Väter, hub der Seidenweber an, waren sämtlich im Dienste der Kaiser von Kochin grau worden, und ich war der einzige noch lebende Zweig einer zahlreichen Familie. Ich hatte den Kriegsdienst zu meiner Bestimmung gemacht, und es war mir gelungen, daß ich durch Thätigkeit und Ordnung, mich so weit ausgezeichnet hatte, daß ich in den beiden Feldzügen, die Yoo gegen Tunkin unternahm, um seinen Unterthanen die freie Schiffarth auf allen Flüssen dieses Landes zu versichern, einige der wichtigsten Unternehmungen auszuführen gebraucht wurde, auch mir dabei viel Beifall erwarb, und der Kaiser selbst mich mit Ehrenbezeugungen überhäufte. Auf meinem Rükzuge aus Tunkin übernachtete ich mit meinen Kriegern zu Nam-ky, wo ich die Tochter des dasigen Befehlshabers kennen lernte. Vergebens würd ich mich bemühen, mit einem Feuer, das Alter gedämpft und Kummer zerstört haben, Reize zu schildern, davon ich in der Kraft der ersten Begeisterung Euch nur den Schimmer zu geben vermocht hätte. Sie war die Perle der Mädchen, und mein ganzes Herz huldigte sogleich der noch nie gesehenen Schönheit, auch ward meine Theilnehmung an ihr durch die Bemerkung, die ich zu machen glaubte, daß ich ihr ebenfalls nicht gleichgültig sei, gar sehr vermehrt. Kurz, ganz in ihr Anschaun versunken, fühlt ich bald, wie ich nicht ohne sie leben könne: ich wande mich an ihren Vater, um sie zu werben.

[125] Du bist ein ehrenvoller Kriegsmann, sagte der würdige Greiß, und der Ruhm deiner Thaten hat deinen Namen verkündiget. Allein ich habe vier Töchter, ich hatte drei an Krieger gegeben, dein Feldzug hat sie zu Witwen gemacht. Ich habe einen theuren Eid gethan, meine vierte Tochter soll nicht auf dem Schlachtfelde zur Witwe werden.

Du überraschest mich Hormuz, sagte der Sultan mit dem zufriedenen Lächeln, mit dem man eine sehr gewagte Entdekkung hervorbringt, von welcher man jedoch ganz überzeugt ist. Du überraschest mich, denn ich erwartete mir von deiner Erzählung nicht mehr und nicht weniger, als ein politisches Kollegium, und ich kenne nichts langweiligers für einen Regenten als eine Vorlesung über die Regierungskunst.

Die oben darein noch, sezte der Emir mit dem zweideutigen Tone hinzu, den ein Sultan für Ernst, und ein gescheuter Vezier für Spott nimmt, wenn ich die Bemerkung deinem weisen Spruche hinzufügen darf, nie praktisch sein kann, wenn sie nicht selbst von einem Sultan kömmt.

Ich machte, fuhr Hormuz in seiner Erzählung fort, nachdem eine kleine Pause verrathen hatte, daß weder emirscher Wiz, noch sultanische Weisheit durch sie verdrängt werde, ich machte dem ehrwürdigen Alten tausend Vorstellungen, und verschwendete meine ganze Beredsamkeit um ihm zu beweisen, daß dem allen ohngeachtet [126] seine vierte Tochter mit mir glüklich sein könne, wenn auch seine andern unglüklich genung gewesen wären, ihre Männer zu verlieren; er versicherte mich unaufhörlich, daß er durchaus nichts wider mich habe, vielmehr wie er von ganzem Herzen wünsche, daß seine Tochter mit mir glüklich sein möchte: ja auf mein heftigeres Bitten und Dringen beklagte er von Herzen, daß er diesen übereilten Eid gethan, versicherte aber nochmals, und mit neuen Betheuerungen, daß er dem nicht entgegen handeln, und mir, so lange ich in Kriegsdiensten sei, seine Tochter nicht geben könne. Alle diese Schwierigkeiten hatten meine Liebe zu Khery, so hieß die Tochter, vermehrt; es war also für mich keine Hofnung weiter, als nach der Residenz zurükzueilen, und Yoo um meine Entlassung zu bitten. Allein so schmeichelhaft er mich empfieng, und so viele Lobeserhebungen er mir über meine Kriegsunternehmungen machte, so war er doch durch nichts in der Welt zu bewegen, in mein Gesuch zu willigen, vielmehr, weil er meine Liebe für eine bloße jugendliche Aufwallung hielt, gab er den strengsten Befehl, daß ich binnen sechs Monaten die Residenz nicht verlassen sollte. Zwei Monat hielt ich dieses Verboth mit einer Standhaftigkeit, in der mich nur der äußerste Grad der Anstrengung erhalten konnte. Als ich aber erfuhr, was Khery bei dieser Hoffnungslosen Trennung litt, deren Vater gegen sie so unerbittlich war, als der König gegen mich, dann verließ mich diese ganze Standhaftigkeit, und Liebe beherrschte jeden meiner Entschlüsse. In der ersten Betäubung [127] meiner Verzweiflung wande ich mich noch einmal schriftlich an den König, aber vergebens. Seine Hofleute rühmen die Festigkeit seines Charakters. Es blieb also meinem hoffnungslosen Zustande weiter nichts übrig – als ihn noch hoffnungsloser zu machen, und heimlich aus der Residenz in die Arme meiner Geliebten zu fliehen.

Der einzige Tag, den ich nach meiner Ankunft in ihren Armen zubrachte, war mir freilich mehr als hundertfältiger Ersaz für allen während meiner Trennung erlittenen Kummer, um so mehr, als er für sie von gleichem Werthe zu sein schien. Indessen kamen nur zu bald eine Menge Unannehmlichkeiten, die dieses Glük gar sehr verbitterten. Ihr Vater, der nun erst erfuhr, auf welche Art ich aus der Residenz gegangen war, und fürchtete, sich die Ungnade seines Monarchen zuzuziehen, wenn er mir einen längern Aufenthalt in seinem Hauße, oder auch nur zu Nam-ky gestattete, kündigte mir also an, daß ich die Stadt verlassen, und auf den Besiz seiner Tochter Verzicht leisten müßte. Von meiner Khery mich wieder, und zwar so hoffnungslos zu trennen, als jezzo mir bevorstand, dieß war mehr als ich zu tragen vermochte; und da ich zugleich erfuhr, daß in der Residenz meine Feinde, deren ich doch wie jeder Mensch hatte, und, wie jeder vom äussern glänzenden Glük begünstigte, sehr viele haben mußte, sich diesen Fehler wider die Kriegszucht, auf welche Yoo sehr fest hält, zu Nuzze machten, und es [128] dahin gebracht hatten, daß nach der Strenge des Kriegsrechts wider mich verfahren werden sollte, nach welchem ich das Leben verwirkt hatte, so hatt ich ohnehin weiter nichts zu verlieren, sondern gab blos der Verzweiflung Gehör, und dachte auf nichts als mit meiner Khery zu entfliehen.

Khery, die mit einer Zärtlichkeit an ihrem Vater hieng, wie nur eine Tochter sie haben kann die des Vaters Liebling ist, fühlte den fürchterlichsten Kampf zwischen ihren Entschlüssen; aber welche Leidenschaft siegt im Kampfe mit der, für den Mann, den man liebt? mit verzweiflungsvollen Augen, und mit ringenden Händen riß Khery sich aus den Armen ihres Vaters, und flohe mit mir, ohne zu wissen wohin, (denn ich wußte es selbst nicht) und mit gänzlicher Entsagung jeder Art von Glükseligkeit, außer der die Liebe gewähren kann. Es war eine fürchterliche Nacht, in der wir Nam-ky verließen, denn es war einer der entsezlichsten Orkane, den man in diesen Gegenden gehabt hatte. Allein mein Elend war schon so groß, daß selbst dieser Aufruhr der Elemente uns willkommen war, weil er unsre Flucht verbarg, die schon äußerst gefährlich war, da ich wußte, daß man die Befehle zu meiner Verhaftnehmung bereits ertheilt, auch Leute mir nachzusezzen, abgeschikt hatte. Wir fürchteten verrathen zu werden, wenn wir Pferde mit uns nähmen; Khery mußte also zu Fuße mit mir entfliehen. Denket sie euch selbst in aller Weichlichkeit des Harems erzogen, in dieser wilden [129] stürmischen Nacht, und überlegt wie weit sie wohl zu Fuße kam. Allein ohngeachtet ihre Kräfte bald erschöpft waren, so durften wir doch nicht wagen, auszuruhen, oder unter einem schüzzenden Felsen oder Baume vor dem eindringenden Gußregen uns zu verbergen; sondern ich nahm sie auf meinen Arm und trug sie in der Betäubung fort, mit dem Vorsazze, mich mit ihr nach der Wüsten zu wenden, die unser Land von China trennt, ohne daß ich jedoch im geringsten die Gegend gekannt, oder auch die Entfernung mit einiger Bestimmtheit anzugeben vermocht hätte.

Die pfadlosen Gegenden, nach welchen ich meinen Weg nehmen mußte, um nicht verrathen zu werden, und das Wasser, das von allen Seiten zuströhmte, erschöpften auch meine Kräfte, und ich vermochte der äußersten Anstrengung ohngeachtet, mit meiner süßen Bürde nicht weiter zu kommen, als ich in einiger Entfernung ein Licht gewahr ward, wo ich mit Zusammenraffung meiner lezten Kräfte endlich noch ankam, und sahe daß es –

Ihr sollt heut alle nicht erfahren, was es gewesen ist, sagte der Sultan ..


Anmerkungen:
  1. Vorlage: Madarin
  2. Der größte Fluß in China, den sie Katexochin mit diesem Namen belegen, der im Grunde nur überhaupt einen Strohm bedeutet.
  3. Vorlage: schetnt
  4. Der Himmel