Ich habe dich erwartet!

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Textdaten
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Autor: Marie Eugenie Delle Grazie
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Titel: Ich habe dich erwartet!
Untertitel:
aus: Italische Vignetten,
S. 123-125
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Breitkopf und Härtel
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Aus dem Zyklus „Capri“.
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[123]
 2.

„Ich habe dich erwartet!“ und hernieder
Schritt lächelnd er und griff nach meiner Hand –
Entsetzen fuhr mir lähmend durch die Glieder,
Und Aug’ in Aug’ hielt ihm mein Grauen stand.

5
„Was schüttelt dich die Angst in meiner Nähe?

Ich bin nur Einer aus der Riesenzahl!“
Und freundlich grinste er – mir war, als sähe
Ich dieses Grinsen nicht zum ersten Mal...
„Du siehst, ich kreuz’ nicht unhold deine Wege,

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Sonst hätt’ ich deiner dort geharrt, wo schwül

Die Zauber der Vergangenheit noch rege –
Doch hier ist’s frei – und menschennah – und kühl –
Nicht hat Tiberius das Licht zu scheuen,
So lang’ ein Menschlein noch im Staube kreucht!

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Nichts blieb ihm zu beweinen, zu bereuen,

Als etwa... doch, tritt hieher! Sieh, mir däucht,
An jener Stelle wär’ einst Blut geflossen!
Ein holder Knabe war’s: blondlockig, keck...
Auf jedem Pfad blüht’s hier von Purpur-Rosen

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Um mich – sieh dorthin nur! Welch’ schöner Fleck!“

Mein Herz stand stille; nur ein dumpfes Brausen
Und Hämmern dröhnte quälend mir im Ohr –
Sein Auge letzte sich an meinem Grausen,
Dann nickte er, hob meine Hand empor

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Und sprach: „Ihr habt das Kreuz auf euch genommen,

Und schändet, mordet, haßt und schwelgt nicht mehr –
Ihr? Haha!“ und dürft nun schaudern kommen
Und aufseufzen: „Hier wüthete Tiber!“

[124]
Ihr? Hahaha!“ und von den Felsen gellte

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Und sprang sein Hohngelächter schrill zurück:

Es war, als ob ein Stein daran zerschellte,
Ein spitzer Stein – abbröckelnd Stück für Stück...
„O wie ich euch veracht’! Wie ich euch immer
Verachtet habe!“ und sein Augenpaar

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Durchflog ein irres, grünliches Geflimmer,

Im Winde flatterte das nächt’ge Haar. –
„Ihr seid – dieselben noch! noch ist die Lüge
Ein Gottesdienst und Dünkel der Altar –
Einfraß in euer Hirn, in eure Züge

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Sich ihrer Nothzucht Schandmal! Nichts ist wahr

Am Menschen, als die Frechheit, ihr zu dienen!
Verdammt ihr noch den blutigen Tiber,
Deß’ Gräuel diese traurigen Ruinen
Erzählen, ragend über Land und Meer –

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Dann wißt: er sloh hieher, um nicht zu scheinen,

Was er nie war! Der bess’re Mensch hat hier
Gehaust, gewüthet... einer eurer „Reinen“
Warf hier die Maske ab und ward – ein Thier!
Und wälzte sich wie ihr im geilen Bade

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Der Lust – nur zeigte er auch seinen Schmutz –

Und haßte, würgte, ohne Wahl und Gnade –
Nur bat er nicht wie ihr um Gottes Schutz
Dazu! Nur heuchelte er nicht Erbarmen,
Wo schadenfroh sein Herz auflachte – nur

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Zwang er sich nicht, den Gegner zu umarmen,

Wenn er den Tod ihm wünschte, und Natur
Zu leugnen, wenn sie ihre Bestientatzen
In’s Fleisch ihm grub mit wollüstigem Schmerz –
Ihr zeigt stets weiche Hände, glatte Fratzen –

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Die Tigerkrallen wuchsen euch in’s – Herz!

Ich war Tiber und hatt’ den Muth, es bleiben
Zu wollen! Dies allein ist’s, was uns trennt –

[125]
Ich war ein adlig Thier... mein Schwelgen, Treiben
Vermacht’ ich euch, daß ihr einst schaudern könnt

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Und – mir nach-wüthen in geheimen Stunden,

Wenn euch kein And’rer sieht, als euer Gott...
Ich neid’ ihm nicht das Volk, das er gefunden!“
Und wieder grinste er – satan’schen Spott
Und Hohn im tigerhaften Angesichte;

70
Dann wies er siegreich über Land und Meer

Und rief: „Er lebt nicht nur in der Geschichte,
In jeder Menschenbrust lacht ein Tiber!“