Im Eisenbahn-Coupe

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Autor: X.
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Titel: Im Eisenbahn-Coupe
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 166–168
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[166]
Im Eisenbahn-Coupé.


Pierre des Piliers,[1] ehemaliger Benedictinermönch von Solesmes bei Le Mans, erzählte mir jüngst ein Reise-Abenteuer, welches die Leser der „Gartenlaube“ gewiß mit Interesse vernehmen werden. Die Thatsache ist um so fesselnder, als die Wahrheit derselben durch Herrn de Piliers verbürgt ist.

„Ich stieg in M.“ – erzählte er mir – „in den Zug und war allein in meinem Coupé. Die Nacht war schon hereingebrochen. Durch das offene Fenster sah ich beim Scheine der [167] Laternen einen jungen Priester, der vergebens nach einem Platze suchte. Da ich bemerkte, daß einige junge Leute schon anfingen seiner Verlegenheit zu spotten, sagte ich ihm: ‚Herr Abbé, ich bin allein; steigen Sie gefälligst hier ein!‘

‚Besten Dank, mein Herr! Ich werde bei Ihnen Platz nehmen,‘ antwortete er.

Da unser Coupé gut beleuchtet war, konnte ich seine Züge deutlich sehen. Er zählte höchstens achtundzwanzig Jahre und schien mir eine genügende Dosis Selbstbewußtsein zu besitzen.

‚Ohne Zweifel sind Sie Vicar, Herr Abbé?‘

‚Das bin ich. Mit wem aber habe ich das Vergnügen zu sprechen?‘

‚Ich bin aus Brüssel und reise Geschäfte halber in dieser Gegend.‘

‚So, aus Brüssel sind Sie? Dort geht ja Alles vortrefflich. Die belgische Regierung ist die einzige, welche ungeachtet der schlechten, von den Liberalen ihr aufgezwängten Verfassung die Interessen der Religion und der Kirche zu wahren weiß.‘

‚Nun ja, Herr Abbé, Sie werden aber auch zugeben, daß in ganz Europa nirgends die Presse so frei und die Gewissensfreiheit so vollständig ist, wie gerade in diesem Lande. Wenn aber der belgische Klerus diese Freiheit zu Gunsten der Religion zu benutzen versteht, wie kommt es, daß er anderswo gerade in dieser Freiheit den Untergang der römischen Kirche erblickt?‘

‚Wo denken Sie hin? Um das Schicksal unserer Kirche brauchen wir nicht besorgt zu sein. Ihr ist die Verheißung geworden: ‚Die Reiche dieser Welt werden zusammenfallen, die Kirche aber, wie ein Fels im brandenden Meere, wird bleiben in Ewigkeit.‘ Nur um die Rettung der durch den schlechten Zeitgeist irregeleiteten Seelen sind wir bekümmert.‘

‚Dieses menschenfreundliche Gefühl, Herr Abbé, ist für Sie höchst ehrenvoll und ermuthigt mich, Sie um Aufklärung einiger religiöser Fragen zu bitten, über die nur ein aufgeklärter Theologe, ein der Geschichte wohlkundiger Christ urtheilen kann.‘

‚Sind Sie vielleicht Protestant, mein Herr?‘

‚Nein, Herr Abbé; ich bin in der römischen Kirche geboren und will in derselben leben und sterben als guter katholischer Christ.‘

‚Nichts leichter als dieses; um guter Katholik oder guter Christ zu bleiben, was im Grunde dasselbe ist, haben Sie jeder Discussion irgend eines Dogmas fern zu bleiben. Dies genügt, aber es ist auch zugleich unumgänglich nothwendig, daß Sie als gehorsames Kind alle Dogmen annehmen, die Ihre unfehlbare Mutter, die Kirche, für gut findet aufzustellen.‘

‚Verzeihen Sie, Herr Abbé, aber meiner Ansicht nach widersprechen Sie sich. Einerseits sagen Sie mir, daß, um guter Katholik zu sein, man Alles von der römischen Kirche blindlings annehmen müsse, andererseits hat aber die römische Kirche immer als Erklärung des Wortes 'katholisch' diejenige von St. Vincent de Lerin, gestorben im Jahre 1180, gegeben: ‚Was zu allen Zeiten, in allen Orten und durch alle Gläubigen geglaubt wurde.‘ Die Unfehlbarkeit des Papstes verstößt also – die Kirche selbst lehrt es – gegen die Principien der katholischen Religion, denn der Glaube an dieselbe, statt ein allgemeiner zu sein, wird nur von wenigen Christen getheilt, und das erst seit dem 18. Juli 1870. Gerade deshalb, Herr Abbé, verwerfe ich die Unfehlbarkeit des Papstes und das Papstthum selbst, um ein guter katholischer Christ zu bleiben. Sie sind beide im Widerspruch mit dem Christenthum, wie dies klar aus dem Evangelium hervorgeht, wo sich keine Spur vom Papstthum, noch viel weniger von päpstlicher Unfehlbarkeit vorfindet. Sie sind dann auch im Widerspruch mit der katholischen Tradition der sechs ersten Jahrhunderte, denn Gregor der Große spricht genau die entgegengesetzte Meinung aus, und zwar in drei verschiedenen Briefen, die er an den Kaiser von Constantinopel, an den Patriarchen und an den Diakonus derselben Stadt richtete, und worin er jeden Bischof, sei es auch derjenige der größten Stadt, der sich höher dünkte als einer seiner Collegen, mit dem Titel: ‚Vorgänger des Antichrist‘' straft.

Uebrigens steht die Unfehlbarkeit der Vernunft schnurstracks entgegen. Die Unfehlbarkeit setzt durchaus die Göttlichkeit in der unfehlbaren Person voraus. Wenn nun Pius der Neunte diese Unfehlbarkeit besitzt, hört er auch sogleich auf Mensch zu sein; er bildet dann einen Theil der Gottheit. Und endlich, Herr Abbé, verstößt diese päpstliche Unfehlbarkeit gegen die Geschichte und widerspricht sehr oft den Beschlüssen der sogenannten Unfehlbaren.‘

‚Nun, da haben Sie in wenig Worten eine Fülle von Fragen aufgeworfen. Sind Sie Theologe? Denn nur ein Theologe hat das Recht, über dergleichen Fragen zu urtheilen.‘

‚Nein, mein Herr, ich bin ein einfacher Christ, der von ganzem Herzen die Wahrheit sucht, um sein Leben danach einzurichten. Jesus selbst hat gesagt: ‚Die Wahrheit wird euch frei machen‘ (frei vom Irrthume und seinen Folgen) und Paulus: ‚Prüfet Alles, und das Beste behaltet.‘ Ich habe also, ohne, wie Sie, Herr Abbé, Theologe zu sein, das Recht, die religiösen Fragen zu prüfen, um Aufklärung darüber zu erhalten, um das Wahre vom Falschen, den Weizen vom Unkraut zu unterscheiden. Da ich nun das Vergnügen habe, mit Ihnen zu reisen, will ich diese Gelegenheit benutzen. Sie werden mich gewiß aufklären und meine Zweifel beseitigen.‘

‚Gut, ich werde mit Ihren Einwürfen, betreffend die Geschichte, beginnen.‘

Ich will hier nicht wiederholen, was mir der Abbé Alles herplapperte. Schülerhaft, fast wörtlich, citirte er mir mehrere Seiten der Kirchengeschichte von Abbé Rohrbacher, Alles Stellen, die sich auf den Papst Honorius und auf verschiedene zwischen den Ultramontanen und den Gallicanern streitige Punkte bezogen. Es schien mir, daß die Priester seines Sprengels diese Stellen wörtlich auswendig wissen mußten, um sie jedwedem Einwurf entgegenstellen zu können.

Als er geendigt, erwiderte ich ihm: ‚Aber, Herr Abbé, Sie haben mir da ja wörtliche Auszüge aus Rohrbacher vorgetragen. Weder die Erzählungen, noch die ziemlich unverständlichen Erklärungen dieses Geschichtsschreibers, den ich gelesen, können mich von der Wahrheit dessen, was er sagen will, überzeugen. Wie kommt es übrigens, daß eine große Anzahl Priester aus allen Landen, ja sogar aus Italien, aus der nächsten Nähe des unfehlbaren Papstes, die wie Sie auferzogen wurden, sich nichts destoweniger von der römischen Kirche lossagen, nur weil die Unfehlbarkeit des Papstes als Dogma gelehrt wurde? Und es sind dies durchaus keine Unwissenden, irregeführt durch schlechte Zeitungen und Bücher. Sie zählen zu den hervorragendsten und bedeutendsten Mitgliedern des Klerus; sie lesen auch nur die von der Kirche gutgeheißenen Zeitungen und Bücher. Wenn sie nichtsdestoweniger diese Kirche verließen, so muß man zugeben, daß in ihren Augen wenigstens die Trennung der Kirche vom Christenthum und vom Katholicismus eingetreten war.‘

‚Aber, mein Herr, diese Behauptung geht durchaus nicht aus dem Vorhergesagten hervor.‘

‚Wie so?‘

‚Wenn Sie mir erlauben, will ich Sie aber die Gründe aufklären, welche viele dieser unglücklichen Priester zur Abtrünnigkeit bewegen. Sie sind des Gelübdes, das sie doch aus freien Stücken geleistet, müde, und wollen heirathen. Denken Sie nur an die Verhältnisse in der Schweiz, wo schon mehrere abtrünnige Priester verheiratet sind, welche dem Beispiel des Ex-Pater Hyacinthe folgten, dieses ehemaligen Carmeliter-Mönches, der aus der Gesellschaft eines buhlerischen Weibes weg an die Stufen des Altars tritt, um eine unreine, gotteslästerliche Messe zu lesen. Wie der Unglückliche es wagt, bei einem solchen Leben das heilige Meßopfer zu feiern, ist mir unbegreiflich.‘

'Wie, Herr Abbé, irrte ich mich, als ich Sie für einen geschichtskundigen Priester ansah? Haben Sie nicht in Rohrbacher gelesen, daß die Apostel, mit Ausnahme von Paulus, die große Mehrheit der Bischöfe und Priester der drei ersten christlichen Jahrhunderte und viele Priester aus der Zeit vom vierten bis zum zehnten Jahrhunderte sämmtlich verheirathet waren? Diese Thatsache ist über allen Zweifel erhaben. Die griechische Kirche, die sich erst im elften Jahrhunderte von der römischen getrennt hat, nöthigt ihre Priester zur Ehe, und doch feiern auch diese das Meßopfer. Sie wissen ohne Zweifel auch, daß die armenischen Priester, die zum Verbande der römischen Kirche gehören, mit Einwilligung des Papstes selbst, verheirathet sind. Wenn Sie also das Gefühl, das den gegen die Unfehlbarkeit protestirenden Priester zur Ehe führt, eine schmähliche Leidenschaft heißen, verdammen Sie die Apostel, Bischöfe und Priester der ersten Kirche, die Sie doch als Heilige anbeten. Wenn Sie die [168] Messen des Ex-Pater Hyacinthe und der gegen die Unfehlbarkeit protestirenden Priester unheilige und gotteslästerliche nennen, verdammen Sie auch die Messen der Apostel und Priester der ersten Kirche oder müssen bestreiten, daß diese Messen gelesen haben. Sie verdammen damit Ihren unfehlbaren Papst, welcher Gotteslästerung und andere Gräuel bei den armenischen Priestern zugiebt. Und wenn Sie die Weiber der Altkatholiken ‚Buhlerinnen‘ nennen, müssen Sie denselben Titel den Weibern der armenischen Priester beilegen. Sie bestreiten ferner die Lehre der katholischen Kirche über die Ehe als Sacrament. Wenn, wie Sie behaupten, die Messe, die der Priester liest, der aus den Armen eines Weibes weg an die Stufen des Altars tritt, unrein und gotteslästerlich ist, wie viele reine und heilige Messen werden dann gelesen? Herr Abbé, Sie schieben den Priestern, die sich von Ihrer Kirche getrennt, niedere und gemeine Leidenschaften unter; ist es Ihnen noch nie zu Ohren gekommen, was die Jesuiten-Patres oder andere Geistliche, welche die religiösen Uebungen der Priester leiten, ihren geistlichen Zuhörern offen erzählen? Sie behaupten, daß kaum Einer von hundert Priestern das Gelübde der Keuschheit halte. Dieselben behaupten dann freilich öffentlich auf der Kanzel vor allem Volke, daß, wenn auch Jesus unter zwölf Jüngern einen Judas zählte, unter hundert Priestern sich kaum Einer finde, der seinen Gelübden untreu wird. So, Herr Abbé, predigt man dem Volke in der unfehlbaren Kirche (historisch). Zudem ist es gewiß nicht diese Leidenschaft, die den Propst Döllinger, einen siebenzigjährigen Greis, von Rom losgerissen hat.'

‚Nun ja, bei seinem Alter kann man dies nicht behaupten; es war vielmehr der Ehrgeiz.‘

‚Der Ehrgeiz! Herr Abbé! Wie ungerecht urtheilt doch Ihre Kirche! Es scheint Ihnen unmöglich, Ihren Gegnern ehrliche Gründe ihres Handelns zuzuerkennen. Gleich sind Sie mit Verleumdungen da. Wäre der Propst Döllinger ein ehrgeiziger Priester, wie Sie’s behaupten, hätte er sich wohl gehütet, aus Ihrer Kirche auszutreten, wo er als ein Pfeiler derselben in hohem Ansehen stand. Er wußte wohl, daß er sich durch seinen Austritt den Haß und die Verleumdung der Ultramontanen zuziehen würde.‘

‚Lassen wir dieses Gespräch fallen, mein Herr! Sie sind nicht Theologe und deshalb nicht im Stande diese Fragen zu beurtheilen.‘

‚Sie strecken also die Waffen?‘

‚Durchaus nicht, aber mit einem Laien mag ich den Kampf nicht fortführen.‘

‚Das heißt überhaupt ihn aufgeben. Uebrigens bin ich nicht so ganz Laie.‘

Der Abbé fuhr betroffen auf und starrte mich an.

‚Mit wem habe ich denn die Ehre?‘ stotterte er endlich.

Ich konnte kaum ein Lächeln unterdrücken, als ich dem betroffenen Abbé antwortete:

‚Ich heiße Pierre des Piliers. Der Name ist Ihnen vielleicht nicht ganz unbekannt?‘

Bei diesen Worten war es, als wenn ein Blitz zwischen mich und den Abbé niedergefahren wäre oder als wenn der Hölle Abgrund sich aufgethan und der Leibhaftige selbst mit Pferdefuß und Hörnern vor dem entsetzten Abbé emporgestiegen.

Ein schriller Pfiff der Locomotive ertönte.

‚Station N.,‘ rief der Schaffner, die Thür aufreißend. Ein Sprung, und der bleiche Abbé war verschwunden in der Nacht.

Armer Abbé! Wird Dein Weg Dich führen ‚Durch Nacht zum Licht‘?“

X.
  1. Verfasser des Artikels „Der Papst und der Peterspfennig“ in Nr. 4 unseres Blattes („Blätter und Blüthen“).