Im Gottesländchen/Nach Pilten

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Alschwangen und Edwahlen Im Gottesländchen
von Edgar Baumann
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Nach Pilten.

Meine Absicht war, über Pilten Windau zu erreichen und von dort, um eine Seefahrt kennen zu lernen, mit dem Schiffe nach Riga zurückzukehren. Doch sollte es anders kommen. — Von Edwahlen führte der Weg anfangs durch eine schöne bergige Gegend, wo viele Gehöfte und Felder zu sehen waren. Dann wurde der Boden ebener, und wersteweit ging es durch einen Fichtenwald, wo man keinem Menschen begegnete. Der Himmel war bewölkt. Es war recht warm und im Walde windstill. Nachdem ich 10 Werst gegan­gen war, kam ich auf die Goldingen-Windauer Landstraße hinaus, wo bald rechts der Neuenkrug lag. Auch hier war überall nur Wald zu sehen. Nach kurzer Rast schlug ich einen nahen Seitenweg nach Pilten ein, der wieder durch schönen Wald, wo prächtige Schwarzbeeren wuchsen, führte. Auf einer Lichtung weidete ein Knabe singend das Vieh. Der Weg führte zur Windau, die hier schon größer als bei Goldingen war, da sie die Gewässer der Abau aufgenommen hatte. Beim Flusse lag das Zihrul- (Lerchen-) Gesinde. Ein alter tahmischer Fährmann setzte mich über. Bis Pilten waren es noch gegen 6 Werst. Diese ganze Strecke ging der Weg über flaches Land, wo dichtes Wacholdergestrüpp den Boden bedeckte. Am Wege selbst lag kein einziges Gehöft; weiterhin seitwärts ließ sich Wald sehen. Überall vernahm ich das Klimpern der Blechkästchen, mit denen an Stelle von Herdenglöckchen das hier frei weidende Vieh versehen war. Als ich mich in der Abendstunde Pilten näherte, kam die feurige Sonne zwischen den Wolken zum Vorschein, und schöne Wolkengebilde, verschiedenartig gefärbt, bedeckten den Himmel. Am Horizonte sah ich einen Kirchturm und Häusergruppen auftauchen : das war Pilten. Gar seltsam wurde es mir zumute, als ich durch die öde Gegend beim Lichte der purpurnen Abendsonne [114] einer historisch merkwürdigen Stätte zuschritt. Dabei wußte ich nicht, wie und wo ich in Pilten Unterkunft finden würde, denn ein dort wohnhafter Herr, an den ich von seinen früheren Studiengenossen schriftliche Empfehlungen mitbekommen hatte, war mir persönlich unbekannt und vielleicht in Amtsgeschäften ausgefahren. Immer näher kam ich dem Orte, wo sich schon wieder Gesinde und Kornfelder zeigten. Endlich, beim Anbruche der Dämmerung, bog ich in die einzige große Straße von Pilten ein. Links lag, vom Laube umgeben, die Kirche, in deren Nähe sich, etwas weiter vom Wege ab, ein Trümmerhaufen erhob: die letzten Reste des stolzen Piltenschen Schlosses, dessen Geschichte so lehrreich und interessant ist. Hier hat einst eine der ältesten christlichen Burgen, noch vor der Eroberung des Landes durch die Deutschordensritter von den Dänen erbaut, gestanden; hier haben die Bischöfe von Kurland in Pracht und Herrlichkeit gelebt, denn Pilten war ihre Residenz; hier ist der „König von Livland," Herzog Magnus, ein dänischer Fürstensohn und Schwager Iwans des Schrecklichen, 1583 nach einem bewegten Leben gestorben; und noch bis in die Neuzeit hinein hat das Stift Pilten seine eigene Verfassung gehabt und einen selbständigen kleinen Staat im Staate gebildet. — In Pilten erging es mir in später Abendstunde recht schlecht. Der Herr, bei dem ich eingekehrt war, lag krank zu Bett. Für die Nacht fand ich in seinem Hause kein Unterkommen. Schon wollte ich gleich nach Windau weiterwandern, da erfuhr ich von einem Juden — Pil­ten ist hauptsächlich von Juden bewohnt —, daß das Schiff erst am 5. August nach Riga gehe. Ohne Paß, ohne Bekannte und ohne Geld konnte ich in Windau nichts anfangen. Da beschloß ich vorderhand in Pilten zu übernachten. Aber wo? In ein Gasthaus, das Gott weiß welcher Art war, getraute ich mich nicht einzukehren, und der Schloßkrug lag schon in Finsternis gehüllt da. Ich beeilte mich, den Ort wieder zu[WS 1] verlassen, und [115] ging den Weg, den ich gekommen, zurück. Doch war es nicht ratsam, in der Nachtkühle, nachdem man den ganzen Tag gewandert und seelische Aufregungen erlebt hatte, dem übermüdeten Körper das Äußerste zuzumuten. Noch bei Pilten selbst ging ich auf ein Feld, wo zusammengelegte Haufen von Roggengarben standen. In einem von diesen machte ich eine Öff­nung, setzte dort meinen kleinen Reisekoffer hinein, hüllte mich in die Willaine aus Alschwangen und verkroch mich unter den trockenen Roggen, um dort in sitzender Stellung zu einer kurzen Nachtruhe die Augen zu schließen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: zn