Im Gottesländchen/Alschwangen und Edwahlen

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Goldingen Im Gottesländchen
von Edgar Baumann
Nach Pilten
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Alschwangen und Edwahlen.

Der Weg führte über Tal und Höhen. Schöne Waldpartien und wogende Kornfelder, hin und wieder auf grüner Anhöhe ein Gesinde, gaben liebliche ländliche Bilder. Ich passierte die Gebiete Krahzen, Kurmahlen und Dexten; darauf zeigte ein Grenzpfosten den Anfang des Edwahlenschen Kirchspiels des Windauer Kreises an. Am Abend erreichte ich eine schöne Lauballee, die mich zum Gute Edwahleu führte. Hier fiel mir die altertümliche Fassade des Schlosses aus, das von den Wirtschaftsgebäuden, wo reges Leben herrschte, von einem großen Parke und einem Obstgarten umgeben, an einem größeren Mühlenteiche lag. Weiter ging der Weg über einen Damm durch den Teich, in dem sich eine kleine laubbeschattete Insel spiegelte. Drüben bei der Schmiede wiesen mir schwarzberußte Schmiedegesellen den Fußpfad zum Schulhause.

Am folgenden Tage, dem 27. Juli, wurde unter Füh­rung des Hilfslehrers A. ein Streifzug in das nahe Alschwangensche Gebiet unternommen. Am frühen Morgen gingen wir aus. Gleich anfangs passierten wir einen mit Fichten bestandenen Berg, der im Volksmunde „Schwedengräber“ hieß; [100] nach der Überlieferung sollte dort Geld vergraben liegen. Darauf gelangten wir zum Kuschke-Gesinde, wo uns ein lieblicher Birkenhain in seinen Schatten aufnahm. Hinter dem Haine kamen wir auf eine Lichtung hinaus. Hier wies uns bei einem Gesinde ein Hüterweib den Weg durch den Wald nach Schloß Reggen. Baron S., dem Reggen gehörte, sollte eine alte Chronik besitzen, die über die Katholisierung Alschwangens durch einen Grafen Schwerin Näheres enthalte. Das schöne neue Schloß lag an einem Teiche. Wir besichtigten die geschmackvoll eingerichteten Innenräume. Der Baron weilte mit seiner Gemahlin im Auslande, und nur ein kleiner Stammhalter, Bodo mit Namen, der unter der getreuen Obhut der Gouvernante zu Hause geblieben war, begrüßte uns mit kindlichem Lächeln. Über die Chronik wußte man uns nichts zu sagen. In einem Zimmer wurde mit der Schleudermaschine Honig gereinigt; schon gegen 10 Töpfe standen damit gefüllt an der Wand. — Hinter Reggen durch­schritten wir einen Wald und erreichten dann das Alschwangensche Gebiet. Hier leben gegen 6500 katholische Letten, die gleichsam einen besonderen Bezirk im Lande bilden, da sie sich durch ihre Sitten, ihre alte Tracht und ihren Glauben ausfallend von den ringsum wohnenden lutherischen Letten, von denen sie „Ssuiten“[1] genannt werden, unter­scheiden. Sie selbst nennen sich Katholiken und ihre Heimat, welche die großen zum Hasenpothschen Kreise gehörenden Gemeinden Alschwangen, Guddenieken, Bassen und Felixberg am Strande (mit einer Filialkirche) umfaßt, Alßunga. Zur Reformationszeit war auch Alschwangen lutherisch geworden, aber um 1630 trat der Besitzer des großen Gutes zum Katholizismus [101] über und zwang darauf seinen Untergebenen von neuem den katholischen Glauben auf. Im Jahre 1634 vertrieb er den lutherischen Prediger uind ließ die Kirche in Alschwangen wieder für den katholischen Gottesdienst einweihen. Gleich beim Betreten des Gebietes sahen wir eine Ssuitin in ihrer eigenartigen Tracht des Weges gehn. Ihre Lieblingsfarbe war rot. Der lange rote Rock mit schwarzer Verzierung reichte bis zur Brust, und ein ebenso gefärbtes Jäckchen bildete das obere Kleidungsstück, während ein rotes Tüchlein das Haupt bedeckte. Durch die hügelige, wiesenreiche Gegend von Allmahlen gelangten wir zur uralten sogenannten „heiligen Linde“ an der Landstraße nach Libau, 3 Werst von der Kirche zu Alschwangen. Von dieser Linde wird erzählt, daß im Jahre 1634 am Morgen des Pfingstsonntages der protestantische Prediger Lysander, der vor dem gewalttätigen Grafen Schwerin weichen mußte, hier, in einer Vertiefung des Baumes stehend, seine letzte Ansprache an seine ihm treu gebliebenen Gemeindeglieder gehalten und zum letzten Male das heilige Abendmahl verteilt habe; danach sei er fortgezogen, um nie mehr zurückzukehren. Von diesem Baume soll sich das Volk auch erzählen, daß er stetig der Kirche in Alschwangen näherrücke. Wenn er bis zu ihr gelangt, dann werde Alschwangen wieder lutherisch werden. Daher sollen die Leute auf eine jede Weise versucht haben, die Linde zum Verdorren zu bringen, aber das sei ihnen nicht gelungen: wer nur die Axt gegen den Baum erhoben oder einen Ast abgebrochen, von dem sei zur Stunde der Segen des Himmels gewichen und Unglück habe sich fortan an seine Fersen geheftet. Noch jetzt sah man im mächtigen Stamme Spuren von diesen Versuchen, den Baum zum Verdorren zu bringen. Die großen Narben und Einbuchtungen konnten unmöglich von Natur entstanden sein. Moosbedeckt waren die kolossalen Äste des Jahrhunderte alten Baumes, aber in voller Lebenskraft stand er noch [102] da, wahrlich wie ein Symbol des evangelischen Glaubens. Ein gemauerter Pfosten mit drei Heiligenbildern in seinem Schatten sollte den Zweck haben, seine Fortbewegung zu ver­hindern. Die Linde stand auf einer Anhöhe, von der man über eine weite Lichtung blicken konnte, wo nur Wiesen, Wa­cholder und kleine Fichten zu sehen waren. Rechts lag das letzte lutherische Gehöft, während links die Ssuiten-Gesinde ihren Anfang nahmen. — Weiter gehend sahen wir mehrere grö­ßere Holzkreuze mit Heiligenbildnissen am Wege. Wo ein Gewässer war, sei es auch nur ein Graben, sollte das Bild Johannes des Täufers, des „Wasserheiligen", stehen. Manche Kreuzesstämme waren bunt bemalt und mit Verzierungen versehen. Fast um einen jeden waren Blumen gewunden, oder es war daran ein Rosenkranz für den Wanderer, der den seinen verloren haben sollte, angebracht. Die Männer entblößten vor dem Kreuze das Haupt, während sich die Frauen bekreuzigten und den Stamm küßten. — Unser nächstes Ziel war der Richtberg (l. tiessas kalns), dessen Name seine Bestimmung in alter Zeit andeutete. Dort standen nur ein Paar einsame Birken, sonst bedeckte niedriges Wacholdergestrüpp den Boden. Von diesen Birken berichtete eine Sage, die mein Führer als kleiner Knabe von einem eilten Mütterchen gehört haben wollte, folgendes: „Einstmals vor vielen Jahren, als hier die Leibeigenschaft herrschte, wider­setzte sich das Volk dem Gutsherrn, der ihm Unrecht tat. Da wurden zwei Brüder ergriffen und schuldig gesprochen, das Volk aufgewiegelt zu haben. Sie mußten beide sterben, obgleich sie ganz unschuldig waren. Da sie sich sehr lieb hatten und einer den andern nicht sterben sehen wollte, baten sie, man möchte sie zu gleicher Zeit den Tod erleiden lassen. Ihrer Bitte sollte entsprochen werden. Laut weinte das auf der Richtstätte, dem „tiessas kalns", versammelte Volk, als der Henker fragte, ob nicht jemand einen Strick bei sich habe, [103] mit dem man die Haare der Brüder zusammenbinden könnte. Niemand antwortete; doch fand sich ein Mann, der einen Riemen reichte, damit die Qualen der Ärmsten nicht zu lange währen möchten. Mit dem Riemen band der Henker beider Haare zusammen und enthauptete sie darauf mit einem Streiche seines Schwertes. Der Himmel aber wollte aller Welt zeigen, daß ihr Blut unschuldig geflossen war. Zur Stunde entsprossen dem dürren Boden zwei Birken, an denen sich bald Auswüchse bildeten, die den Gesichtern der Brüder ähnlich sahen, und an mehreren Stellen der weißen Birkenrinde erschienen Blutflecken.“ Vom Richtberge konnte man die Gegend weit überschauen: Das Auge schweifte mit Wohlgefallen über die Wald- und feldreichen Gefilde, die am Horizonte vom schimmernden Baltischen Meere begrenzt wurden.

Von diesem Berge wandten wir uns der Kirche und dem Schlosse in Alschwangen zu. Eine Stelle am Wege, wo ein Kreuz mit verwitterter Inschrift in lettischer Sprache stand, soll früher durch Gespenster oder böse Geister gefährdet gewesen sein. Das habe so lange gewährt, bis man an dieser Stelle ein Kreuz errichtete. So sei eines Abends ein Ssuiten-Wirt beim Priester in Alschwangen zum Besuch gewesen, und als er im Dunkeln nach Hause gegangen, sei ihm hier ein schwar­zer Hund mit funkelnden Augen begegnet und habe ihm nicht er­laubt, seinen Weg fortzusetzen. Der Wirt habe umkehren und sich vom Priester den Segen erbitten müssen. Darauf sei ihm der Hund nicht mehr erschienen. — In dieser Gegend soll noch an stillen Sommerabenden in seiner eigenen Weise auf Hügeln und Anhöhen der alte lettische Volksgesang ertönen. Sonst ist er im lettischen Gebiete schon fast überall erloschen.[2] [104] Zur Rechten zweigte ein Seitenweg zum stattlichen Schulhause ab. Bald darauf betraten wir das katholische Pfarrhaus in Alschwangen. Da der ältere Priester nicht zu Hause war, wandten wir uns an den jüngeren mit der Bitte, das Gotteshaus besichtigen zu dürfen. Freundlich geleitete er uns selbst zu der großen bequem eingerichteten Kirche. Drei Altäre zierten den Innenraum. Die Altarbilder waren Kopien nach Raphael (Mariä Himmelfahrt), Tizian und Rubens (Christus am Kreuz). Die fromme Hand der Gläubigen hatte die Altäre mit frischen Blumen geschmückt, doch waren deren Farben wie die Städter sagen würden, banernhaft: grell-gelb (Son­nenblumen) und rot. Früher soll von der Kirche unter dem Teiche ein unterirdischer Gang zum Schlosse geführt haben. Im Gewölbe der Kirche waren Graf Schwerin und seine unglückliche Schwester bestattet, jedoch der Eingang zum Gewölbe vermauert. Jedesmal beim Passieren des Hauptaltars fiel unser Führer auf die Kniee und betete. Von Geburt war er ein Litauer, daher war es ihm nicht schwer geworden, die lettische Sprache zu erlernen, die er ganz gut beherrschte Als wir von der Kirche zum Pfarrhause zurückgekehrt waren zeigte er uns einen in einem Grabe gefundenen metallenen Ringgürtel. (Dieser Art Gürtel sind vor vielen Jahrzehnten von Mädchen auf dem Lande getragen worden; vergl. Be­schreibung des Gouvernements Kurland, Mitau, 1805, Seite 104.) Da wir uns für die Tracht der Einwohner interessierten, schenkte er uns ein rot, gelb und schwarz gefärbtes Wolltuch, wie es zur Zeit am Orte getragen wurde. Das Tuch hatte eine Magd für eine gehaltene Messe dem Priester anstatt Zahlung gegeben. — Auf dem Wege zum Schlosse gingen wir beim früheren Gemeindelehrer an, der uns einige interessante [105] Nachrichten über die Ssuiten mitteilte. Früher habe jedes Gebiet seine besondere Tracht gehabt. Die „Willaine“ (Woll­tuch), die wir vom Priester erhalten, sei ein ganz neues, seit etwa 20 Jahren von den Turlauern[3] übernommenes Gewand­stück. Früher hätten die hiesigen Frauen weiß und schwarz gestreifte Wolltücher getragen, noch früher weiße mit grünblauen Verzierungen an den Rändern. Diese Tücher seien meist an Sonn- und Festtagen getragen worden, wobei eine „Ssakta" (Fibel, Spange, „Breze“) sie vorne zusammengehalten habe. Die Ssakten seien sehr verschieden gewesen, groß und klein, sowohl aus Messing als auch aus Silber, je nachdem, ob die Eigentümerin Wirtstochter oder einfacher Leute Kind gewesen. Manche Ssakten aus Silber, mit eichel­artigem Schmuck, roten und grünen Glasstückchen verziert’ hätten 10–14 Rubel gekostet. Solch eine Ssakta besaß z. B. die Tochter des Schullehrers.– Als wir diesen Besuch erledigt hatten, bestiegen wir den Kanonenberg am Teiche, der, seiner Form nach zu urteilen, früher eine Befestigung gewesen sein mußte. Oben wuchsen Fichten, die aber nur eine mittlere Höhe erreichten. Ans dieser Tatsache haben [106] einige geschlossen, daß sich im Berge (besser Hügel) ein Ge­wölbe befinden müsse, das den Wuchs der Fichten hindere. Von diesem Hügel hatten wir einen schönen Ausblick auf das Tal zu beiden Seiten, sowohl auf die Kirche, das Pfarrhaus und den Krug, als auch auf das alte Schloß Alschwangen jenseit des Teiches, das sich noch zum Teil in der Gestalt erhalten hat, in welcher es 1372 vom Ordensmeister Wilhelm von Vrimersen erbaut worden ist. Diesem Schlosse wandten wir uns nun zu und betraten durch das große, gemauerte Tor den Schloßhof. Im Schlosse machte alles einen verwahrlosten Eindruck. In seinem Hauptteile wohnte jetzt der Arrendator. Im Schloßsaale trafen wir junge Mädchen und eine ältere Frau mit Handarbeit beschäftigt an. Früher hatte hier das Geschlecht der Grafen Schwerin gelebt, jetzt[4] erinnerten nur die altertümliche Fassade und die geheimen Gänge unter dem Schlosse an die alte Zeit. Über die Katholisierung Alschwangens haben sich folgende Nachrichten erhalten, die Wahrheit und Dichtung in bunter Ansehung wiedergeben. Im Anfange des 17. Jahrhunderts gehörten alle Güter im Umkreise dem Grafen Ulrich Schwerin (im Volksmunde „wetzais Swiringsch" genannt). Wegen Vorranges im Kirchengestühle entzweite er sich mit einem Nachbar, gegen den er in Polen einen Prozeß anhängig machte. (Kurland stand damals unter polnischer Oberhoheit.) Dort verliebte er sich in die Tochter eines polnischen Magnaten, Barbara Konarska. Aber sowohl in seinem Prozeß als auch in seiner Liebe konnte der Graf erst dann von Erfolg sprechen, als er auf Wunsch der Geliebten zum katholischen Glauben übergetreten war. Nach Alschwangen zurückgekehrt, ging er mit großem Eifer daran, auch seine Leibeigenen zu katholisieren, [107] was unter Anwendung von Gewalt gegen die Widerstrebenden geschehen sei. Damit war aber seine streng lutherisch gesinnte Mutter durchaus nicht zufrieden. Um die von neuem katho­lisch gewordenen Bauern auch äußerlich von den Lutheranern zu unterscheiden, zwang ihnen der Graf eine besondere Tracht aus, nämlich den Männern große lange Röcke mit bunten steifen Kragen und großen Knöpfen und den Frauen gleichfalls lange Röcke. Endlich war der Tag gekommen, an dem die Kirche für den katholischen Gottesdienst eingesegnet werden sollte. Der Graf und die Gemeinde waren versammelt, es fehlte noch des Grafen Schwester. Da stürzte plötzlich voller Zorn und Entrüstung die Mutter des Grafen in die Kirche, bahnte sich durch die Leute eiueu Weg zum Altar, ergriff die brennenden Lichte und schleuderte sie mit dem Fluche zu Boden, daß ebenso ihr Geschlecht erlöschen, ihre Kinder in Not und Armut sterben und deren Gebeine nie vermodern möchten, worauf sie fortstürzte und sich das Leben nahm. Ihr Fluch ging in furchtbarer Weise in Erfüllung. Dem Grafen starb die Braut, er selbst ergab sich aus Gram dem Trunke, vergeudete seine Güter und starb, verachtet und verlassen von seinen Leuten (Mai 1636). Eine Überlieferung besagt, daß der Graf auch seine Schwester mit Gewalt gezwungen habe, katholisch zu werden; auf der Flucht vor dem Bruder sei sie aus einem Turmfenster gesprungen und habe sich dabei den Fuß gebrochen. Lange nachher hat man im Gewölbe der Kirche die einbalsamierten Leichname des Grafen und seiner Schwester sehen können, wobei die Gräfin am Fuße, wo der Bruch gewesen, einen silbernen Ring gehabt habe. Noch jetzt soll es im Schloßkeller verborgene Räume geben, wo früher gegen sich nicht bekehrende Bauern die Folter angewandt worden sei. Leider war der Arrendator nicht zu Hause und daher konnten wir nicht in den Keller gelangen, der mit seinen geheimen Gängen tief in die Erde hineinreichen soll. Das Schloß [108] hatte zwei Türme. In dem einen wohnte der Milchpächter, in dem andern fielen uns alte Malereien an der Wand auf: dies sollte der Turm sein, aus dessen Fenster sich die Gräfin damals gestürzt habe. In einem Teil des Schlosses, jetzt die Herberge genannt, wohnten die Schloßbauern. Hier erstand ich eine schöne Willaine, wie sie vor fünfzig Jahren an Festtagen in Alschwangen getragen wurden: weiß mit bunten Rändern. Beim Betrachten der Leute fiel es mir auf, daß die meisten noch kleine Ssakten und nicht Knöpfe zum Zusammenhalten ihrer Kleidungsstücke verwandten. In den Wohnräumen war die Wiege nach alter Art hängend an einer von der Lage schräg herabreichenden Stange befestigt. Auf dem Rückwege nach Reggen machten wir einen Be­such beim Müller in der Raibul-Mühle, die einer Uberlieferung zufolge im Leben des Grafen Schwerin eine traurige Rolle gespielt haben soll. Einmal sei er in Reggen gewesen und habe die dortige Besitzerin zum Uebertritt bereden wollen. Diese aber habe schon längst einen Haß gegen den Grafen gehegt und ihm eine vergiftete Speise vorgesetzt. Als der Graf gefühlt, daß er vergiftet worden, sei er rasch zu Pferde nach Hause geeilt. Unterwegs habe er im Raibul-Gehöft Milch verlangt, der Müller aber ihm diese verweigert. Bis er nach Alschwangen geritten, habe das Gift schon seine Wirkung getan, und bald darauf sei er eine Leiche gewesen. Als wir von Ssakten sprachen, wies uns der Müller einige einfache vor, welche die Ssuiten für Getreidemahlen verpfändet hatten. — Weiter führte uns der Weg über einen aus dem Grütze-See kommenden Bach. Bei Reggen suchte mein Führer das Grabgewölbe eines früheren Besitzers dieses Gutes im Walde, der von den Ssuiten für einen Zauberer gehalten worden, da er im Sommer ohne Hilfe von Pferden oder anderen Tieren mit einem Schlitten zur Besichtigung der Landarbeit aus das Feld gefahren sei. Aber der Abend nahte, die [109] Grabstätte ließ sich nicht finden, und daher begaben wir uns durch Feld und Wald zum Kaluaraj-Gesinde, dem letzten der Ssuiten nach Edwahlen zu. „Kaluaraj“ bedeutet Berglandmann, und das Gesinde lag auf einem Berge. Dort erstanden wir von einem Mädchen eine Ssakta und ein Paar buntgestrickte Strümpfe, die ein originelles, farbenreiches Muster zeigten. Diese Gegenstände entnahm sie ihrem Aussteuerkasten, dem „Puhrs". — Als der Abend dämmerte, begaben wir uns aus den Heimweg. Der letzte bemerkenswerte Ort am Wege war der Osolkalns (Eichenberg), der höchste[5] in dieser Gegend, den wir auch bestiegen. Schaurig rumorte oben der Wind im Gebüsche, während der Himmel überall mit großen dunklen Wolken bedeckt war; nur meerwärts zeigte sich am Horizonte au einer Stelle die Abendröte, die ein klein wenig das Dunkel erhellte. Um 11 Uhr nachts erreichten wir unser Heim, und süß war die Ruhe nach dem anstrengenden Wandertage. — Die alten Sitten fangen auch tu Alschwangen all­ mählich an zu schwinden, an ihrem katholischen Glauben[WS 1] aber halten die Bewohner des Gebiets zähe fest und suchen sogar die umwohnenden Lutheraner zum Übertritt zu bewegen, was ihnen auch manchesmal gelingen soll. Mir kam in Edwahlen ein lettisch geschriebenes Büchlein zu Gesicht, dessen Zweck darin bestand, die katholischen Letten vor dem Eingehen von Mischehen zu warnen. — Der Dialekt von Alschwangen und Edwahlen ist der tahmische, und einige Wörter unterscheiden sich sehr vom Schriftlettischeun So gebraucht man hier „buhju" für „biju“ (ich war), „ziers“ für „zirnis“ (Beil), „buors“ für „burwis“ (Zauberer) u. s. w. In alten Zeiten haben hier Liven gewohnt. Manche Ortsnamen sind noch jetzt rein livisch, z. B. der Gesindenamen „Pujalg“ (Holzfuß).

[110] Am 28. Juli hatte der Lehrer R. die Freundlichkeit, mir auf einem Spaziergange die Sehenswürdigkeiten Edwahlens zu zeigen. Zuerst besichtigten wir die Kirche. Auf der Schwelle lag in den Boden eingelassen ein großer Grabstein, dessen Inschrift durch das allsonntägliche Gehen der Kirchenbesucher weggetreten war. Der Sage nach lag hier Johann von Behr, der aus Eifersucht seinen Bruder ermordet und vor seinem Tode die Weisung erteilt habe, ihn an dieser Stelle zu bestatten, damit zur Strafe auch seine Gebeine keine Ruhe fänden, gleichwie er zeitlebens ohne Ruhe gewesen. (Ein Blutfleck an der Wand im Turmzimmer, wo der Mord geschehen, soll noch bis vor kurzem zu sehen gewesen sein. Man habe ihn auf keine Weise vertilgen können: immer wieder sei er von neuem zum Vorschein gekommen. (Vgl. dazu Bienemanns Sagenbuch.) Das Innere der Kirche machte einen gefälligen Eindruck: die Lage war bemalt, der Altar und die Kanzel mit Holzschnitzereien verziert, die im Jahre 1697 ein Bauernwirt freiwillig geliefert haben soll. Über dem Altare stand die ernstmahnende Inschrift: „Memento mori![6] Der Tod ist gewiß, die Stunde ungewiß!“ In der reich verzierten Kirche hingen vom Gewölbe alte Standarten mit Bildnissen verstor­bener Barone von Behr herab. Vor einigen hundert Jahren soll es nämlich in Kurland Sitte gewesen sein, solche Stan­darten dem Sarge eines Edelmanns (Erbherrn) bei der Beerdignng nachzutragen, wobei unter dem Bildnis ein Lobspruch zu lesen gewesen. So wurde auf einer Fahne ein Behr als „des Vaterlandes schönste Zier“ gepriesen. — Von der Kirche gingen wir längs dem Mühlenteiche und der daran stoßenden Brennerei in den schönen lauschigen am Edolbache gelegenen Schloßpark. Dort war es wohl herrlich im Laubgange, wo die Blätter im Winde rauschten und raschelten, während die [111] Sonnenstrahlen flimmernd durch das Laub der Ahornbäume drangen. Am Ufer stand au einer Stelle ein eigentümlich geformter Stein, der wie mit einer flachen Mütze bedeckt aussah. Das sollte der Sage nach ein verzauberter Ritter sein. Das weiße Schloß mit den 4 Ecktürmen war früher von mit Wasser gefüllten Gräben umgeben. Es soll im Jahre 1275 vom Ordensmeister Walter von Nordeck erbaut worden sein, nach anderen Nachrichten vom kurländischen Domkapitel zwischen 1264 und 1276. Schloß Edwahlen nebst dem angrenzenden Gebiete hat bis 1561 dem Bischof von Pilten gehört, von da an bis heute der aus Hannover stammenden Familie von Behr. Der jetzige Baron soll ein menschenfreundlicher, allgemein beliebter Gutsherr sein. Von einem früheren Barone (im Volksmunde heißt er die Weißmütze „baltzepure“) erzählt eine Sage, daß er einmal den Zwergen gestattet habe, eine Hochzeit im Schloßsaale zu feiern, und versprochen, daß sie dabei niemand belauschen werde. Dennoch habe er selbst durch ein Schlüsselloch das Treiben des kleinen Volkes beobachtet. Als er am Tage darauf durch den Park geritten, sei ihm bei einer Eiche ein Zwerg erschienen und habe ihm deswegen Vorwürfe gemacht. Sein Pferd habe gescheut, und er sei so unglücklich heruntergefallen, daß er auf der Stelle tot gewesen. Noch stand die uralte Eiche, bei der das geschehen sein sollte. Sie maß 24 Fuß im Umfange und erhob, obgleich angefault, ihr grünes Haupt noch hoch über alle anderen Bäume im Parke. Auf dieser Eiche lebt eine besondere Art von Bienen, welche die verzauberten Zwerge von anno dazumal sein sollen. (In Bienemanns Sagenbuche wird eine ähnliche Sage auf den schon genannten Johann von Behr bezogen.) — Durch den schönen Park gingen wir über die sogenannte „Kirchenbrücke“, längs großen Kartoffelfeldern, zu einem Mausoleum auf einer Anhöhe hinauf, wo die Verstorbenen jüngeren Glieder des Behrschen Geschlechts im Schatten [112] von Fichten ruhten. Oben stehend bemerkten wir hoch oben in der Luft ein Paar große Vögel, die mein Führer für Kraniche oder Seeadler erklärte; sie gaben eigenartige schrille Töue von sich. — Auf dem Rückwege zum Schulhause passierten wir den Galgenberg (lett. Kahtjakalns, „Prangerberg“ genannt). In alten Zeiten bestanden harte Gesetze. Für den kleinsten Diebstahl, sei es auch nur, daß eine Ente oder ein Huhn gestohlen worden, soll schon die Todesstrafe vorgesehen gewesen sein. Auf diesem Berge wird wohl so mancher Armesünder sein Leben gelassen haben. — Zum Imbisse im Schulhause nach dem Spaziergange wurden uns von der Frau Wirtin echte kurische Rauschen (Kuchen aus gegorenem Teige) vorgesetzt. Sie hatten ungefähr einen halben Fuß im Durchmesser, doch sollen sie in manchen Gegenden Kurlands sogar einen Durchmesser von einem Fuß ausweisen. Die Frau, eine Tochter der hiesigen Gegend, erzählte uns, es sei nicht gar lange her, wo man auch in Edwahlen eine besondere Tracht gehabt habe. Das weiße Wolltuch der edwahlenschen Mädchen sei mit dicken schwarzen Streifen versehen gewesen. Als vor Jahren unweit von hier Kaiser Alexander II. mit seiner hohen Gemahlin nach Libau durchgefahren sei, hätten sich an einer Stelle am Wege eine Menge junger Mädchen dieser Gegend, je zwei von jeder Gemeinde, in ihren schönsten Nationalkostümen zur Begrüßung des Kaiserpaares ausstellen müssen. Als die Kaiserin dieser Gruppe von Mädchen ansichtig geworden, habe sie sich sehr gefreut, sei aus dem Wagen gestiegen und habe die Volkskostüme näher in Augenschein genommen. Bei einem jungen Mädchen, dessen Kleid besonders kunstvoll und eigen ausgesehen, habe sich die hohe Frau nach der Ellenzahl erkundigt, die zur Her­stellung des Kostüms nötig gewesen. Vor lauter Überraschung habe das Mädchen keine Antwort finden können, und der betreffende Schullehrer der Kaiserin die gewünschte Auskunft erteilen müssen.

  1. Das Wort stammt entweder von „Jesuit“ oder dem lioischen „suoi“ (sumpfig) her. Nach Ulmann lautet es Ssuitjis (suikis), was einen „Sprachmenger“ bedeuten soll.
  2. Nach der Einleitung zur „monumentalen“ Baronschen lettischen Volksliedersammlung gehörte Alschwangen zu den sehr wenigen Orten, wo die Sammler im 19. Jahrhundert noch mehrere Tausende von Volksliedern (Vierzeilern) aus dem Munde des Volkes haben auszeichnen können, und nach der Aussage der Edwahlenschen Lehrer R. und A. sollen dort noch jetzt viele Frauen und Männer leben, die eine Menge Sagen, Märchen und Volkslieber kenneten.
  3. Von diesen Turlauern' erzählte mir mein Führer, daß sie noch größere Sonderlinge als die Ssuiten seien. Bei ihnen sollen alle, Mann und Frau, klein und groß, rauchen. Bereits der kleinste Schweinehirt gehe mit einer großen Pfeife auf die Hütung und rauche wie ein Erwachsener. Wenn die Turlauer in der Kirche säßen, sollen sie gleich den Indianern die Friedenspfeife von einer Bank zur andern wandern lassen, und ein jeder müße sie der Reihe nach rauchen. Ihre Frauen sollen sich durch energisches und mannhaftes Betragen auszeichnen. Wenn sie in einen Krug oder eine Schenke kämen, nähmen sie einen Tisch für sich in Anspruch, ließen sich Bier und Branntwein vorsetzen, rauchten ihre Pfeifen an und schütteten alsdann einander ihr Herz aus. Nachher koste es den Männern Mühe, sie nach Hause zu bekommen.
  4. Seit mehr als hundert Jahren ist Alschwangen ein Kronsgut.
  5. Die Bodenerhebungen des Alschwangen-Edwahlenschen Gebiets gehören dem Amboten-Windauer Höhenzuge an.
  6. „Gedenke des Todes!“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Glanben