Seite:BaumannImGottesländchen.pdf/119

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Sonnenstrahlen flimmernd durch das Laub der Ahornbäume drangen. Am Ufer stand an einer Stelle ein eigentümlich geformter Stein, der wie mit einer flachen Mütze bedeckt aussah. Das sollte der Sage nach ein verzauberter Ritter sein. Das weiße Schloß mit den 4 Ecktürmen war früher von mit Wasser gefüllten Gräben umgeben. Es soll im Jahre 1275 vom Ordensmeister Walter von Nordeck erbaut worden sein, nach anderen Nachrichten vom kurländischen Domkapitel zwischen 1264 und 1276. Schloß Edwahlen nebst dem angrenzenden Gebiete hat bis 1561 dem Bischof von Pilten gehört, von da an bis heute der aus Hannover stammenden Familie von Behr. Der jetzige Baron soll ein menschenfreundlicher, allgemein beliebter Gutsherr sein. Von einem früheren Barone (im Volksmunde heißt er die Weißmütze „baltzepure“) erzählt eine Sage, daß er einmal den Zwergen gestattet habe, eine Hochzeit im Schloßsaale zu feiern, und versprochen, daß sie dabei niemand belauschen werde. Dennoch habe er selbst durch ein Schlüsselloch das Treiben des kleinen Volkes beobachtet. Als er am Tage darauf durch den Park geritten, sei ihm bei einer Eiche ein Zwerg erschienen und habe ihm deswegen Vorwürfe gemacht. Sein Pferd habe gescheut, und er sei so unglücklich heruntergefallen, daß er auf der Stelle tot gewesen. Noch stand die uralte Eiche, bei der das geschehen sein sollte. Sie maß 24 Fuß im Umfange und erhob, obgleich angefault, ihr grünes Haupt noch hoch über alle anderen Bäume im Parke. Auf dieser Eiche lebt eine besondere Art von Bienen, welche die verzauberten Zwerge von anno dazumal sein sollen. (In Bienemanns Sagenbuche wird eine ähnliche Sage auf den schon genannten Johann von Behr bezogen.) — Durch den schönen Park gingen wir über die sogenannte „Kirchenbrücke“, längs großen Kartoffelfeldern, zu einem Mausoleum auf einer Anhöhe hinauf, wo die Verstorbenen jüngeren Glieder des Behrschen Geschlechts im Schatten

Empfohlene Zitierweise:
Edgar Baumann: Im Gottesländchen. In Kommission bei Kluge und Ströhm [et al.], Reval [et al.] 1904, Seite 111. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:BaumannImGottesl%C3%A4ndchen.pdf/119&oldid=- (Version vom 25.2.2020)