Seite:BaumannImGottesländchen.pdf/120

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von Fichten ruhten. Oben stehend bemerkten wir hoch oben in der Luft ein Paar große Vögel, die mein Führer für Kraniche oder Seeadler erklärte; sie gaben eigenartige schrille Töne von sich. — Auf dem Rückwege zum Schulhause passierten wir den Galgenberg (lett. Kahtjakalns, „Prangerberg“ genannt). In alten Zeiten bestanden harte Gesetze. Für den kleinsten Diebstahl, sei es auch nur, daß eine Ente oder ein Huhn gestohlen worden, soll schon die Todesstrafe vorgesehen gewesen sein. Auf diesem Berge wird wohl so mancher Armesünder sein Leben gelassen haben. — Zum Imbisse im Schulhause nach dem Spaziergange wurden uns von der Frau Wirtin echte kurische Rauschen (Kuchen aus gegorenem Teige) vorgesetzt. Sie hatten ungefähr einen halben Fuß im Durchmesser, doch sollen sie in manchen Gegenden Kurlands sogar einen Durchmesser von einem Fuß ausweisen. Die Frau, eine Tochter der hiesigen Gegend, erzählte uns, es sei nicht gar lange her, wo man auch in Edwahlen eine besondere Tracht gehabt habe. Das weiße Wolltuch der edwahlenschen Mädchen sei mit dicken schwarzen Streifen versehen gewesen. Als vor Jahren unweit von hier Kaiser Alexander II. mit seiner hohen Gemahlin nach Libau durchgefahren sei, hätten sich an einer Stelle am Wege eine Menge junger Mädchen dieser Gegend, je zwei von jeder Gemeinde, in ihren schönsten Nationalkostümen zur Begrüßung des Kaiserpaares ausstellen müssen. Als die Kaiserin dieser Gruppe von Mädchen ansichtig geworden, habe sie sich sehr gefreut, sei aus dem Wagen gestiegen und habe die Volkskostüme näher in Augenschein genommen. Bei einem jungen Mädchen, dessen Kleid besonders kunstvoll und eigen ausgesehen, habe sich die hohe Frau nach der Ellenzahl erkundigt, die zur Her­stellung des Kostüms nötig gewesen. Vor lauter Überraschung habe das Mädchen keine Antwort finden können, und der betreffende Schullehrer der Kaiserin die gewünschte Auskunft erteilen müssen.

Empfohlene Zitierweise:
Edgar Baumann: Im Gottesländchen. In Kommission bei Kluge und Ströhm [et al.], Reval [et al.] 1904, Seite 112. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:BaumannImGottesl%C3%A4ndchen.pdf/120&oldid=- (Version vom 14.7.2020)