Seite:BaumannImGottesländchen.pdf/115

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was unter Anwendung von Gewalt gegen die Widerstrebenden geschehen sei. Damit war aber seine streng lutherisch gesinnte Mutter durchaus nicht zufrieden. Um die von neuem katho­lisch gewordenen Bauern auch äußerlich von den Lutheranern zu unterscheiden, zwang ihnen der Graf eine besondere Tracht aus, nämlich den Männern große lange Röcke mit bunten steifen Kragen und großen Knöpfen und den Frauen gleichfalls lange Röcke. Endlich war der Tag gekommen, an dem die Kirche für den katholischen Gottesdienst eingesegnet werden sollte. Der Graf und die Gemeinde waren versammelt, es fehlte noch des Grafen Schwester. Da stürzte plötzlich voller Zorn und Entrüstung die Mutter des Grafen in die Kirche, bahnte sich durch die Leute eiueu Weg zum Altar, ergriff die brennenden Lichte und schleuderte sie mit dem Fluche zu Boden, daß ebenso ihr Geschlecht erlöschen, ihre Kinder in Not und Armut sterben und deren Gebeine nie vermodern möchten, worauf sie fortstürzte und sich das Leben nahm. Ihr Fluch ging in furchtbarer Weise in Erfüllung. Dem Grafen starb die Braut, er selbst ergab sich aus Gram dem Trunke, vergeudete seine Güter und starb, verachtet und verlassen von seinen Leuten (Mai 1636). Eine Überlieferung besagt, daß der Graf auch seine Schwester mit Gewalt gezwungen habe, katholisch zu werden; auf der Flucht vor dem Bruder sei sie aus einem Turmfenster gesprungen und habe sich dabei den Fuß gebrochen. Lange nachher hat man im Gewölbe der Kirche die einbalsamierten Leichname des Grafen und seiner Schwester sehen können, wobei die Gräfin am Fuße, wo der Bruch gewesen, einen silbernen Ring gehabt habe. Noch jetzt soll es im Schloßkeller verborgene Räume geben, wo früher gegen sich nicht bekehrende Bauern die Folter angewandt worden sei. Leider war der Arrendator nicht zu Hause und daher konnten wir nicht in den Keller gelangen, der mit seinen geheimen Gängen tief in die Erde hineinreichen soll. Das Schloß

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Edgar Baumann: Im Gottesländchen. In Kommission bei Kluge und Ströhm [et al.], Reval [et al.] 1904, Seite 107. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:BaumannImGottesl%C3%A4ndchen.pdf/115&oldid=- (Version vom 16.2.2019)