Im Hydepark zu London

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Autor: Wilhelm Hasbach
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Titel: Im Hydepark zu London
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 752–755
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Beschreibung des Hyde Parks und der diversen Nutzungen
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Im Hydepark zu London.

Schneller, als man glauben sollte, gewöhnt man sich an das großartige Treiben in den Straßen Londons. Einige Wochen nach seiner Ankunft in der britischen Hauptstadt geht der Fremde über London Bridge, ohne den Mastenwald auf der Themse eines Blickes zu würdigen oder zur stolz aufragenden Kuppel von St. Paul empor zu schauen. Er fährt an Whitehall vorbei und denkt nicht mehr daran, daß aus einem jener hohen Fenster Karl der Erste auf das Blutgerüst trat. Die Nelson-Säule erinnert ihn nicht länger an den Sieger von Trafalgar. Westminster-Abtei erweckt in ihm ein abgeblaßtes Wohlgefallen, und das Parlamentsgebäude, welches ihn zuerst durch Größe und Wucht der Verhältnisse zum Staunen, zur Bewunderung hinriß, fordert nun vielleicht seine herbe Kritik heraus. Nur der Hydepark verliert niemals den ursprünglichen Reiz; im Gegentheil – er gewinnt bei näherer Bekanntschaft. Denn seine Physiognomie ist immer neu, wechselnd nach Stunden, nach Tagen, nach den Jahreszeiten.

Aber lassen wir uns durch unseren Enthusiasmus nicht zur Uebertretung der gewöhnlichen Höflichkeitspflichten verführen! Vergessen wir nicht, Hydepark unsern Lesern vorzustellen! Es ist zwar keine leichte Aufgabe, da er an 160 Hectare groß ist, doch wer einiges Interesse an ihm nimmt, wird sich die Mühe nicht verdrießen lassen, in Oxford Street, einer der größten von Osten nach Westen führenden Verkehrsadern Londons, mit uns einen Omnibus zu besteigen und in langsamem Tempo die Häuserzeilen entlang zu fahren, welche in der schönen Morgensonne des Maimonats fast reinlich erscheinen.

Da sehen wir ihn vor uns. Die rechte Häuserreihe strebt unabsehbar weiter, auf unserer Linken sind wir eben an dem letzten Gebäude vorübergerollt, und in südlicher Richtung dehnt sich der Park aus, eine weite grüne, von spärlichen Bäumen bedeckte Rasenfläche, die von breiten Wegen durchschnitten wird. Gerade vor uns, wo der hohe Staketenzaun eine Ecke bildet, erhebt sich ein prächtiges Eingangsthor in der Form eines Triumphbogens. Das ist Marble-Arch. Indem wir auf der breiten Straße vorwärts fahren, haben wir rechts die manchmal schönen Häuserfaçaden eines vornehmen Stadttheiles, links den etwas eintönigen Hydepark neben uns. Wenn wir aber rückwärts schauen, erblicken wir die Straßenfronte von Park Lane, welche ihn im Osten begrenzt.

Doch nun verändert sich die Scenerie. Baumgruppen und zu Spaziergängen einladende Alleen erheben sich über dem Rasengrund. Dies sind Kensington Gardens, welche die westliche Fortsetzung von Hydepark bilden. Wir verlassen den Omnibus, treten durch eines der Thore und schlendern unter dem Schatten majestätischer Ulmen auf einen blinkenden runden See zu, welcher mit unauslöschlichen Zügen in dem Herzen Londoner Knaben eingegraben ist. Dort lassen nämlich täglich Hunderte von Vertretern der jüngeren Generation eines seefahrenden Volkes kleine Segelboote über die leicht gekräuselten Wellen dieses Binnenmeeres gleiten.

Als Vorboten der jungen Welt, die dort ihr Wesen treibt, kommen uns Kindermädchen mit dem freundlichsten Kindermädchenlächeln und Gouvernanten in correcter Haltung entgegen. Man kann sicher sein, von einigen Knaben gefragt zu werden, wie viel Uhr es ist, und wenn wir besonderes Zutrauen erwecken, tritt vielleicht ein junger Teichfahrer mit der Bitte um etwas Bindfaden an uns heran, um sein Takelwerk wieder in Ordnung zu bringen.

Wir schreiten in südlicher Richtung vorwärts über den in allen Farbenschattirungen des grünen Sammet spielenden Rasen. Menschen kommen uns entgegen; Menschen liegen auf dem Boden ausgestreckt; Menschen sitzen auf Stühlen; Menschen wandeln auf den Wegen und neben den Wegen, was einen an schimpfende Schutzmänner und donnernde Gensd’armen gewöhnten Deutschen zuerst sehr in Verwunderung setzt. Man glaubt sich auf dem Lande zu befinden – so idyllisch ist es hier. In Wirklichkeit sind wir auf allen vier Seiten von dem Häusermeere Londons eingeschlossen. Doch jetzt schlägt der Lärm der Wagen, der in jener Stelle verstummt war, wieder an unser Ohr. Wir stehen vor der Fortsetzung einer andern großen Verkehrsstraße, nämlich von Piccadilly. Diese Straße läuft parallel mit Oxford Street und begrenzt den Park im Süden. Der kreisrunde Bau auf der andern Seite der Straße, um welchen ein Terracottenfries läuft, ist Albert Hall und enthält den größten Concertsaal Londons, ja vielleicht der Welt. Links von uns steht das mit unbeschreiblicher Pracht geschmückte, an fünfzig Meter hohe Albert-Denkmal. Eine gothische Spitze erhebt sich über der in sitzender Stellung modellirten Figur des Prinz-Gemahls.

Gehen wir an diesem Denkmal vorüber, so gelangen wir bald durch ein eisernes Thor wieder in den Hydepark. Bäume und Sträucher liegen hinter uns; wir erblicken wieder den grünen Rasen. Was uns allerdings zuerst in die Augen fällt, ist ein fast eine halbe Stunde langer, wohlgepflegter Reitweg, der wie ein breites Band auf das Wellington-Denkmal zu aufgerollt ist. Dies ist die berühmte Rotten-Row, deren Name aus dem französischen Route de Roi (Königsweg) entstanden sein soll und die auf beiden Seiten von reinlichen Fußwegen begrenzt wird.

Noch ist der Reitweg leer. Aber es fehlt nicht an Reitern; denn rechts vor uns, in einiger Entfernung, vor einer großen Caserne ist eine Schwadron Gardecavallerie mit Exerciren beschäftigt. Das Schmettern der Hörner hallt zu uns herüber; wir sehen ein rasches Aufsitzen und Absitzen schöner, schlanker, stattlicher, über sechs Fuß hoher Männer mit regelmäßigem, oft kühnem

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Die Gartenlaube (1882) b 753.jpg

Im Hydepark zu London.
Originalzeichnung von A. Wanjura.

[754] Gesichte. Es sind dies wohl die schönsten Männer, welche ein europäisches Heer aufweisen kann, und mit Recht nennt sie Taine, ein französischer Geschichtsschreiber der englischen Literatur, „les beaux colosses“ (die schönen Kolosse).

Von der Uhr der Caserne schlägt es einhalb Zwölf. Setzen wir uns auf eine der Bänke, welche am nördlichen Fußwege angebracht sind! Wir sind hier allein und werden in der Betrachtung eines schönen Schauspiels, welches nun bald beginnen wird, nicht gestört. Vereinzelte Reiter und Reiterinnen erscheinen von ferne. Mit jeder Minute wird die Schaar dichter, welche einzeln, zu zweien, in Reihen in ganzen Zügen, im Schritt, im Trabe, im Galopp auf schönen, feurigen Pferden an uns vorüberreiten. Da sind Herren und Damen, echte und imitirte Lords, Officiere und Sonntagsreiter, die oft genug, wie unser Bild zeigt, aus der Rolle fallen. Sollte Jemand daran zweifeln, daß England schöne Frauen aufzuweisen hat, so möge er sich nur eine Stunde auf eine der Bänke niederlassen. Wer einen schönen Gesammteindruck reizenden Einzelheiten vorzieht, wem Frische und Einfachheit des Wesens mehr gelten als der Reiz der Affectation, wer vom Weibe einen Eindruck verlangt, der sich nicht blos an seine Sinnlichkeit, sondern weit mehr an sein Gemüth und seine Phantasie wendet, der wird vielleicht lächeln, wenn man ihm – gegenüber der Engländerin – von der Schönheit der Frauen des Südens spricht. Kant sieht mit Recht das Merkmal des Schönen in demjenigen Eindrucke des Wohlgefallens, der uns zugleich die Ruhe des ästhetischen Schauens vergönnt. Ich kenne Niemand, der die englischen Damen wegen der Anmuth ihrer Bewegungen gepriesen hätte, aber ich muß gestehen, daß ich in keinem Lande so viele, ich möchte sagen, dianenhafte Grazie gesehen habe als eben in England. Die Haltung der Engländerin, mag sie schreiten, fahren oder reiten, ist bisweilen von königlicher Schönheit. Von hinreißendem Reize ist manchmal der kräftige, freie Schritt jugendlicher Gestalten und ihre eigenartige Anmuth bei heftigen Bewegungen. Was ist alle Grazie der Französin, der Spanierin verglichen mit der anmuthigen Meisterschaft, mit der die junge englische Reiterin im wildesten Galopp an uns vorüberfliegt!

Nun ist es auch auf dem Fußwege lebendig geworden. Die Brücken füllen sich; Damen und Herren stehen am Geländer, um das Leben in Rotten-Row in nächster Nähe anzusehen. Wir gehen langsam hinab. Je mehr wir vorwärts schreiten, desto mehr verdichtet sich die Menschenmenge, und jetzt, da wir uns am Ende von Rotten-Row und Hydepark-Corner dem an der Südwestecke des Parkes befindlichen Thore nähern, sehen wir Stühle und Bänke von Hunderten von Herren und Damen in den elegantesten und manchmal geschmacklosesten Toiletten besetzt. Wir sehen die crême der englischen Gesellschaft vor uns, die sich dort täglich sieht, bewundert, beneidet, verlacht, Fußgänger und Reiter an sich vorüberziehen läßt und auch etwas mit einander spricht; denn die englische Sprache ist eine schweigsame Sprache, und wer „Auh“ und „Hauh“, „Yes“ und „No“, „All right“ und well“ zu sagen im Stande ist, der kann schon eine längere Conversation führen. An’s Geländer lehnen sich nachlässig young swells and old bucks (junge Stutzer und alte Roués), beide außerordentlich gut gekleidet, beide mit einem „Monocle“ bewaffnet, beide mit einem ungeheuren Blumenstrauß im Knopfloch, beide in Lackstiefeln und Cylinder, die Jüngeren manchmal mit dem Ausdrucke, daß sie gar nichts gelernt haben, die Aelteren, daß sie eine Kunst gründlich verstehen: die Kunst, sich zu conserviren.

Alles Irdische ist vergänglich, und da das Leben in Rotten-Row auch irdisch ist, so muß es vergänglich sein. Die Probe auf diesen regelrechten Schluß kann man jeden Tag gegen zwei Uhr machen. Um diese Stunde ist die reitende und spazierengehende Gesellschaft verschwunden und widmet sich zu Hause dem ganz gewöhnlichen, vom Weisen gering geschätzten Hantiren des Essens und Trinkens. Gegen halb drei Uhr zeigt sich in Rotten-Row auch im Monat Mai eine solche Leere, wie den größten Theil des Jahres hindurch zu allen Tageszeiten; denn das gestalten- und farbenreiche Leben, dessen Zuschauer wir soeben gewesen sind, pulsirt in London nur drei Monate. Es besteht der große Unterschied zwischen England und Deutschland, daß die deutschen Familien, welche wohlhabend genug sind, um sich einen Land- und Stadtaufenthalt gestatten zu können, im Winter in der Stadt leben und den Sommer auf dem Lande zubringen, während in England der Stadtaufenthalt gewöhnlich in den Frühling und Sommer fällt. Der Adel und die reiche Welt vertauschen im Anfange des Frühlings ihr Landhaus mit ihrem Hause in London, wo im Mai die „season“ beginnt. Die oberen Zehntausend sehen sich alsdann und gönnen ihren Söhnen und Töchtern Muße, einander kennen zu lernen und Heirathen zu schließen.

Aber auch in der stillen Jahreszeit fehlt es dem Hydepark nicht an Reiz. Das berauschende, saftige Grün der Rasen und Bäume, welches die englische Vegetation charakterisirt, verblaßt in Hydepark natürlich früher, als auf dem Lande. Aber wenn sich ein schwerer gelber Nebel über die Straßen Londons gelagert hat, die Laternen selbst am Tage die nächste Dunkelheit nur nothdürftig zu durchbrechen vermögen, wenn die Gestalten der uns Entgegenkommenden plötzlich auftauchen, Farbe und bestimmtere Gestalt annehmen und an uns vorüberschreitend sich wieder in allmählich verblassende Schattenbilder auflösen, dann ist es manchmal in Hydepark verhältnißmäßig klar und nebellos. Wer müde und des Lärms der Stadt überdrüssig, ländliche Stille genießen möchte, der wendet das ganze Jahr hindurch seine Schritte gern nach dem schönen Parke.

Von zwölf bis zwei und von vier bis sechs Uhr rollt in Hydepark ein ungeheurer ununterbrochener Strom von Wagen auf dem Fahrwege an einander vorüber, Europäer und Amerikaner, Perser und Hindus, die als asiatische Touristen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen pflegen und zu dem ihnen als Mentor dienenden englischen Rosselenker oft einen grellen Contrast bilden. Die Damen erscheinen wieder in Toiletten, die von ihrem Reichthume oder Credit, und manchmal auch von ihrem Mangel an Geschmack das unwiderleglichste Zeugniß ablegen. An einer gewissen Stelle nahe Hydepark-Corner, wo Reitweg und Fahrweg, einander schneidend, eine schmale Zunge bilden, sitzen wieder Hunderte von Damen und Herren und lassen mit größerer oder geringerer Gedankenlosigkeit die Reihe von Wagen an sich vorüberfahren. Die Stühle sind billig; denn man bezahlt für einen Sitz einen Penny (achteinhalb Pfennig).

Wer von hier auf Marble-Arch zuschlendert, sieht plötzlich die Fläche eines breiten, flußartigen Sees zu seiner Linken aufblitzen, der in der Nähe von Kensington Garden unter den Bohlen einer stattlichen Brücke verschwindet. Dies ist die berühmte Serpentine, eine der größten Zierden des Parkes. Gewöhnlich nur von Schwänen freiwillig und von Hunden unfreiwillig durchfurcht, bietet die Serpentine zuweilen Morgens und Abends der Londoner Bevölkerung, welche den Preis eines kalten Bades nicht erschwingen kann, eine Aufmunterung zur Reinlichkeit. Soll dieser Vorgang stattfinden, dann wird eine Flagge aufgehißt. Jung und Alt stürzt sich nun in die Fluthen des Sees und verweilt dort, bis die Flagge wieder herabgelassen wird.

Aber es ist nöthig, den Hydepark nicht nur an einem Werktage zu besuchen; man muß ihn auch an einem Sonntage sehen. Dann entfaltet sich dort ein buntes Volksleben. Die Arbeiter strömen schon am Morgen hinein, manche noch krankend an den Nachwirkungen der vorhergehenden lustigen Nacht. In stillen Winkeln geht die Flasche herum. Auf den grünen Rasenflächen liegt hier und da Einer dahingestreckt und liest sein Wochenblatt, mit welchem er nach beendigter Lectüre sein Gesicht bedeckt, um einen gesunden Vormittagsschlaf darunter zu halten. Wie praktisch die Engländer sind!

Doch erst am Nachmittage wird der Hydepark ein großer Volksgarten. Dann drängen sich auf den Wegen geputzte Köchinnen, hübsche Dienstmädchen, wohlgenährte Diener, elegante Kellner, mit Geschmack gekleidete Ladenmädchen, junge Commis, ernste Handwerker, die besseren Classen von Arbeitern, prächtige Gardisten, auf Urlaub befindliche Matrosen – alle im Sonntagsstaat. Die Soldaten, besonders natürlich die „schönen Kolosse“, verfehlen auch in diesem Lande nicht den Eindruck, den sie in anderen Ländern auf weibliche Herzen machen. Man erzählt sich sogar, daß manche der Damen, welche wir soeben vorzustellen die Ehre hatten, die Garde für ritterliche Begleitung bezahlen. Wie wohlhabend muß die Schöne auf unserer Illustration sein, die sich nicht nur das Heer, sondern auch die Flotte dienstbar macht!

Doch das englische Militär bethätigt sich noch auf eine andere, praktische Weise in dem weit ausgedehnten Hydepark. Unser[WS 1] Künstler hat eine Gruppe Soldaten dargestellt, welche ihre Fahnen schwenken. Es ist dies eine Zeichenverständigung zwischen zwei größeren Truppenabtheilungen, die einander nicht sehen können. [755] In gewissen Entfernungen zwischen den beiden Truppen sind Posten von je drei bis vier Mann aufgestellt, und dieselben vermitteln die Signale, welche der Führer der einen Abtheilung dem Commandanten der anderen zugehen lassen will.

Nicht wenig interessant sind auch die „Herbstfeuer“, welche die englische Jugend hier abzubrennen pflegt. Man duldet diese Belustigung, weil die Wiesen und freien Plätze des Hydepark so groß sind, daß der Rauch der Herbstfeuer das übrige Publicum kaum belästigt und eine Feuersgefahr vollständig ausgeschlossen ist.

Eine Hauptanziehung bilden aber seit zwei Jahren die freilich nicht kunstgerechten Concerte, die an Sonntagnachmittagen im Hydepark stattfinden – zum Entsetzen aller frommen Gemüther, welche in dieser Sonntagsentheiligung eine große Sünde erblicken, wie denn eine alte Dame dem Schreiber dieser Zeilen kürzlich alles Ernstes mittheilte, daß die ägyptischen Unruhen von der Einführung der Sonntagsconcerte her datirten.

Ein Spaziergang am Nachmittage im Hydepark ist in mancher Beziehung interessant: überall sehen wir auf dem Rasen Gruppen von Menschen zusammen stehen, die einem in ihrer Mitte befindlichen Redner lauschen. Der uns zunächst Stehende ist ein irischer Katholik. Unter dem lauten Gelächter seiner Zuhörer nennt er Luther einen Wüstling, Calvin einen Lügner, Kant einen Schurken und fordert seine Zuhörer auf, zur alleinseligmachenden Kirche zurückzukehren. Der Andere drüben ist ein Jude. Er greift das Wohlleben und die Sittenlosigkeit der christlichen Geistlichkeit in der heftigsten Weise an; er nennt das Christenthum eine schmutzige Institution und behauptet, daß das Evangelium die Menschen tief unglücklich gemacht habe. Ein anderer Haufen umsteht eine fromme Gruppe, welche unser Künstler mit großer Treue gezeichnet hat. Auf einer Fahne, welche von einer frommen Engländerin gehalten wird, lesen wir die Worte aus der Offenbarung: „Der Geist und die Braut sagen: ‚Komm!‘“

Siehe da – ein anderes Bild! Dort steht eine kampfbereite Compagnie der „Erlösungsarmee“ (salvation-army), welche man das aggressive Christenthum nennen könnte. Die Leutchen sind um einen Redner, ein Harmonium und eine blaue Fahne versammelt. Wir lesen auf der Fahne die Worte: „O Mensch, wo willst Du die Ewigkeit zubringen?“ Wir nähern uns der Gruppe und horchen auf die Worte des Redners. Er spricht von der Sündhaftigkeit irdischer Vergnügen an Sonn- und Feiertagen.

„Oft,“ sagt er, „sind auf dem Continente Häuser niedergebrannt, während die Besitzer derselben in einem Sonntagsconcerte sich an den lustigen Weisen eines Walzers ergötzten.“

Das ist unstreitig wahr. Da aber auch Häuser niederbrannten, während die Besitzer derselben sich in der Kirche befanden, so vermuthen wir, daß der Redende kein Apostel, sondern ein verkappter – Feuerversicherungsagent ist – wir verlassen ihn enttäuscht.

Nachdem die Engländer uns soweit auf der Bahn der Civilisation gefolgt sind, daß sie an Sonntagen das Spielen von profaner Musik gestatten, werden sie uns vielleicht bald auf die höchsten Höhen der deutschen Cultur nachfolgen. Was vermißt heute noch der biedere Deutsche, wenn er von den Höhen und Klippen der Insel Wight aus das tiefblaue Meer sich in duftige Ferne hinaus entrollen sieht? Was vermißt er, wenn er sich an dem herrlichen Laube weidet, welches den von Wellen umrauschten Saum der Insel umzieht? Ach, er vermißt den Klang eines soliden deutschen Biergartenconcertes. Er sehnt sich nach dem melodischen Klappern heimischer Kaffeetassen, dem lieblichen Klirren von Löffeln an einem gemüthlichen, deutschen Spießbürger-Gartentische.

Ja, wenn nach Jahrzehnten ein Anderer einmal wieder für die „Gartenlaube“ über das Leben im Hydepark zu berichten hat, dann wird er vielleicht gerührt die Thatsache verzeichnen, daß er überall die Inschrift gelesen habe: „Hier können Familien Kaffee kochen.“ Wilhelm Hasbach.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Uuser