Im Lande des Machdi

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Autor: Heinrich Brugsch
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Titel: Im Lande des Machdi
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 154–155
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht vom oberen Nil
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[154]
Im Lande des Machdi.
Von Heinrich Brugsch.

In Folge der unerwarteten Reise unseres hochgeschätzten Mitarbeiters Heinrich Brugsch-Pascha nach Persien, die er als Mitglied der deutschen Gesandschaft bekanntlich im vorigen Jahre angetreten hatte, mußte leider die Fortsetzung seiner im Jahrgang 1884 der „Gartenlaube“ (Seite 510) begonnenen Artikelserie „Bilder aus Oberägypten“ unterbrochen werden. In einem uns noch vor seiner Abreise von Brugsch-Pascha eingesandten Manuskript findet sich die nachfolgende Schilderung jener Gegenden, durch welche die englische Expedition unter General Wolseley unter schweren Kämpfen die vielgenannten Wüstenmärsche ausführen mußte, und zugleich eine Beleuchtung der sudanesischen Wirren, die wir unsern Lesern nicht vorenthalten möchten. Der inzwischen erfolgte Fall Khartums und das Eingreifen der englischen Truppen unter Wolseley haben die vor mehr als einem halben Jahre niedergeschriebenen, durchaus zutreffenden Ausführungen des berühmten Orientforschers nur bestätigt.

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Nilaufwärts bis nach Khartum bewohnen die Stämme der sogenannten Barabra die schmale Rinne des Nilthales, eine öde trostlose Heimath, durch welche der Nil von Wassersturz zu Wassersturz sich in seinem Felsenbett hindurchdrängt. Armselige Dörfer und traurige Ansiedelungen zwischen Palmengebüsch und Dornakazien dienen der halbnackten Bevölkerung als Wohnorte, welche die Reisenden nur da zu betreten pflegen, wo die Ruinen von Tempeln einen kurzen Halt auf der Auffahrt bis zum zweiten Katarakt gebieten. Die Dörfer Korusko und Wadi-Halfa, in welchen sich zugleich die Sitze ägyptischer Behörden befinden, bilden gleichsam die Hauptstädte der heutigen nubischen Landschaft. Die Barabra, oder wie man sie richtiger bezeichnen sollte, die Nubavölker, reden ihre eigene Sprache, deren Stämme sich bis zu den Bergen südlich von Kordofan verfolgen lassen.

Die daselbst ansässigen Nubastämme zeigen den Negertypus in seinen markantesten Zügen: wolliges krauses Haar, aufgeworfene dicke Lippen und die bekannte platte, kleine Negernase. Obgleich die an den Nilufern seßhafte Bevölkerung der Barabra jede Verwandtschaft mit ihren Vettern in Kordofan entschieden in Abrede stellt und in der vergangenen Zeit des Sklavenhandels keinen Anstand fand, an den Sklavenjagden auf dieselben einen regen Antheil zu nehmen, so steht dennoch die Stammverwandtschaft [155] beider außer Zweifel. Die heutigen Barabra (vom Singular Berberi, woher der geläufigere Name der Berberiner im Munde der in Aegypten lebenden Europäer) sind degenerirte Neger, deren Typus sich im Laufe von Jahrtausenden durch die Berührung mit echt ägyptischen, semitischen und kuschitischen Elementen allmählich verändert und jene kaum noch die Negerabstammung verrathende Eigenthümlichkeit angenommen hat, unter welcher sie heute die Blicke des Reisenden auf sich ziehen. Von schlankem Wuchse, regelmäßiger, oft schöner Gesichtsbildung und dunkelbrauner Hautfarbe, wenn auch von mäßiger Intelligenz, scheinen sie der Negerrasse fern zu stehen, und dennoch bilden sie ein wichtiges Glied der afrikanischen Urbevölkerung, deren Heimath von jeher die Nillandschaft im Süden des altägyptischen Reiches gewesen ist.

In der Mitte des dritten Jahrtausends vor dem Anfange unserer Zeitrechnung durch seefahrende rothfarbige Kuschiten bedrängt, welche an den nubischen Küsten des Rothen Meeres landeten, durch die Wüstenthäler westwärts bis zum Nile vorrückten und im Kampfe mit der schwarzen und braunen Ureinwohnerschaft eine neue Heimath zu erobern suchten, fielen die Neger der in Kultur und Sitte höher stehenden kuschitichen Rasse zum Opfer und ein kuschitischer Staat gründete sich an den Ufern des Niles inmitten der alten Negerheimath. Das weltberühmte Meroë wurde im Laufe der Zeiten der Mittelpunkt der kuschitischen Bevölkerung, der eigentlicheu Aethiopen, wie sie die Griechen von Homer an zu bezeichnen pflegten.

Die heutigen Berberiner, um diese bekannte Bezeichnung beizubehalten, fühlen sich, vor allem in ihrer Eigenschaft als Muslimin, wie die nächsten Stammverwandten der Aegypter. Schon in früher Jugend verlassen sie ihre armselige Heimath, um sich im Unterlande des Nilthales, besonders in Alexandrien und Kairo, als Diener (chadam), Vorläufer (Saïs) und Thorhüter (Bowab) zu verdingen und für die Zukunft einen Spargroschen anzulegen. Sie gehen gern nach ihrem Geburtsdorfe zurück, um einen eigenen Hausstand zu gründen und am knarrenden Wasserrade die schönen Tage ihrer Jugend unter den Aegyptern zu vergessen. Leider haben die letzten Jahre den Beweis geliefert, daß der Umgang mit den zuströmenden europäische Elementen und die überreiche Bezahlung ihrer Dienstleistungen aus den nüchternen, fleißigen, ehrlichen und treuergebenen Berberinern das gerade Gegentheil geschaffen und daß der Fanatismus sie zu den entschiedensten Feinden der Europäer gestempelt hat.

Man wird sich der Gräuelthaten erinnern, welche von den Berberinern während des letzten Aufstandes in Alexandrien und längs der Eisenbahnstraßen, die von den Küsten des Mittelmeeres durch das Herz des Deltalandes nach Kairo führen, gegen die Christen und Juden ohne Unterschied der Nation ausgeübt worden sind. Ich selber war bei meinem letzten Aufenthalte in der Chalifenstadt nicht mehr im Stande, meine langjährigen berberinischen Diener im Hause zu dulden. Ihr verhaltener Ingrimm und ihre Widerspenstigkeit trat bei jeder Gelegenheit zu Tage, und meine europäischen Freunde klagten ohne Ausnahme über eine ähnliche Veränderung im Charakter ihrer Berberiner in Folge der letzten Ereignisse. Andererseits muß zugestanden werden, daß die Aegypter in den Zeiten des Aufstandes unter Arabi Pascha unseligen Angedenkens die Berberiner mit Verachtung behandelten und von solchen Patrioten wenig wissen wollten. Die kommenden Ereignisse werden die Beweise liefern, daß die Berberiner ihre Rache zu nehmen nicht unterlassen werden. Sollte es den Schaaren des Machdi gelingen, ihren Lauf nach der ägyptischen Südgrenze über Wadi-Halfa und Korusko (den Endpunkt der Karawanenstraße quer durch die Wüste von Abu Hammed aus) unbehindert fortzusetzen, so werden die Berberiner die Ersten sein, welche sich ihnen anschließen, um den Aegyptern und Europäern ihren vollen Haß fühlen zu lassen. Sie waren von jeher berüchtigte Sklavenjäger, die jahraus jahrein mit den arabischen Sklavenhändlern in das Herz von Afrika zogen, die Dörfer und Ansiedelungen der Neger überfielen, raubten, plünderten und mordeten und ihre lebendige Beute hinter Palisaden-Verschanzungen von Seriba zu Seriba vertheidigten.

In der Grenzstadt Assuan hat der Reisende oftmals Gelegenheit eigenthümliche Völkertypen zu sehen, deren Erscheinung geeignet ist, eine ganz besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Bronzefarbige Menschen von mittlerer Größe, von männlich schönen Gesichtszügen, den Kopf von einem wunderlichen Haaraufputz überragt, die Augen dunkelschwarz, die Zähne von blendender Weiße, Hände und Füße von zierlicher Kleinheit, nur mit einem Schurze von Baumwollenstoff bekleidet, mit Rundschild, Lanze und breitem Schwerte mit Kreuzgriff bewaffnet, erscheinen nicht selten auf dem Markte und auf den Plätzen am Nilufer der Stadt in Begleitung leicht gebauter, hellfarbiger Dromedare, um ihre eigene Neugierde zu befriedigen und für Andere einen entsprechenden Gegenstand der Neugierde zu bilden. Es sind die Bewohner der Wüste zwischen dem rechten Nilufer und der Küste des Rothen Meeres, welche vom Breitengrade der Stadt Kenneh an bis nach Abessinien hin die wilden Gebirgsthäler bewohnen, den Karawanenverkehr vermitteln und in einigen Oasen mit Brunnen ihre Zeltwohnaugen aufgeschlagen haben.

Berühmte Kameelzüchter, ziehen sie neben dem Karawanengeschäfte ihre Haupteinnahme aus dem Verkaufe ihrer Thiere. Sie sind die Nachkommen jener rothfarbigen Kuschiten, von denen ich bereits oben gesprochen habe. Ihre Sprache ist keine Negersprache, sondern eine kuschitische, das sogenannte Bedja, und die Hauptzweige ihrer Stämme, in der Richtung von Norden nach Süden, die Ababdeh, die Bischari und die Hadendoa.

Dieselben Namen haben in letzter Zeit eine bedeutsame Rolle gespielt. Als die Engländer von Suakin aus ihre wohlgeschulten Heeresmassen den Schaaren des berüchtigten Osman Digma entgegenschickten und blutige Lorbeeren auf dem ungewohnten Kriegsschauplatze einernteten, gehörten die Bedjavölker, mit deren Schilderung ich mich soeben beschäftigt habe, zu den erbittertsten Feinden der Engländer.

An ein unstätes fahrendes Leben gewöhnt, leicht erregbar und mißtrauisch gegen alles Fremde, lieben sie den Kampf und fürchten den Tod nicht. Dem Namen nach mohammedanisch, beruht ihr Glaube auf sehr allgemeinen Vorstellungen über Gott und den Propheten, aber Neid und Haß gegen alle Kulturvölker und die Befürchtung, ihrer ungebundenen Freiheit beraubt zu werden, schürte die helle Flamme des Fanatismus an, der in dem Glauben an die Unfehlbarkeit des von Gott gesandten Machdi, an den Befreier des Islam und den Ueberwinder der Ungläubigen, seinen Höhepunkt erreichte. Man erinnert sich noch, mit welcher Todesverachtung jene wilden Söhne der Wüste ihre nackte Brust den britischen Bajonetten und Kanonen entgegenstellten, wie sie tollkühn mit Lanze und Schwert auf die formirten Karrés losstürmten und selbst die englische Taktik in bedenkliche Verwirrung brachten.

Es ist auch nicht unwahrscheinlich, daß der falsche Prophet mit Hilfe dieser Stämme sein Ziel erreichen wird: die vollständige Unabhängigkeit des Sudan von ägyptischer und englischer Oberhoheit, die Anerkennung seiner Autorität und die Freigebung des Sklavenhandels. Wird aber dieses erreicht, so hat die christliche Mission auf der nordöstlichen Seite Afrikas den Todesstoß erlitten und der Islam einen Triumph gefeiert, dessen Folgen unabsehbar sind. Welcher Forschungsreisende, welcher Diener der Kirche, welcher Kaufmann christlichen Glaubens würde es fortan wagen, nilaufwärts zu ziehen, um in den Herd eines Fanatismus einzudringen, aus dem kein Rückzug mehr offeu steht? Schon im Nilthale sind die Europäern ohne Unterschied ihrer Abstammung und ihres Glaubens, keine beliebten Gäste mehr, und nur die Furcht vor der Uebermacht der europäischen Waffen verschafft der Strenge polizeilicher Maßregeln noch einige Achtung. Jenseit Wadi-Halfa hat bereits diese Furcht ihr Ende erreicht und man spottet der europäische Ueberlegeheit. Terrainverhältnisse, Wasserarmuth und ein dem europäischen Soldaten mörderisches Klima sind die Haupthindernisse für jede militärische Expedition, und um das Blut der gefallenen Opfer von den Händen zu waschen, dazu dürften für denn unbesonnene Urheber einer solchen die Wasser des Nilstromes nicht ausreichen. Der englischen Politik ist es gelungen, die alten Handelswege nach dem ägyptischen Sudan von der Nord- und Ostseite her durch Waffengewalt zu versperren. Den friedlichen Unterhandlungen mit den Negervölkern längs des Kongogebietes wird es gelingen, den Verlust wett zu machen und einen neuen Weg, von Westen her, in die reiche Landschaft des äquatorialen dunklen Welttheiles zu bahnen. Damit wird die alte Nilstraße ihre Bedeutung als Handelsstraße eingebüßt haben und nur der Reisende sich bewogen fühlen, das oberägyptische Land zu besuchen, um die Werke der Vorzeit zu bewundern oder von dem milden winterlichen Klima Heilung seiner körperlichen Leiden zu erwarten.