Im Marmorpalais zu Potsdam

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Autor: Gerhard von Amyntor
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Titel: Im Marmorpalais zu Potsdam
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 570–572
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: das Marmorpalais in Potsdam als Wohnort von Kronprinz Wilhelm, dem späteren Kaiser Wilhelm II., und seiner Familie
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[570]

Im Marmorpalais zu Potsdam.

Nachdruck verboten.
Alle Rechte vorbehalten.

Der Reisende, welcher Potsdam besucht, versäumt jetzt selten, durch die Platanenallee im Norden der Stadt dem sogenannten Neuen Garten zuzustreben, um einen neugierigen Blick nach dem in demselben befindlichen Marmorpalais zu werfen. Dieses Palais ist die Sommerresidenz des kaiserlichen Enkels, des Prinzen Wilhelm von Preußen und seiner Familie. Vor nun bald hundert Jahren wurde es von Friedrich Wilhelm II. am Westufer des Heiligen Sees erbaut, und die rothen Backsteinfaçaden mit ihrem weißen Marmorschmuck und den grüngestrichenen Fensterladen bilden noch heute den Hauptanziehungspunkt in dem großen, noch [571] immer als Neuer Garten bezeichneten, aber schon recht alten und mit einer Fülle der merk- und ehrwürdigsten Bäume besetzten Parke.

Wer das Wachtgebäude am südwestlichen Eingange zu diesem Parke passirt hat, den umschmeichelt sofort der durch den Aushauch des nahen grossen Wasserspiegels erfrischte Waldesodem; mit weiter Brust, mannigfachen Blüthenduft begierig einfangend, schreitet er vorwärts auf dem von pyramidenförmig gezogenen Eichen besetzten Hauptwege, an dessen linker Seite verschiedene kleinere, in holländischem Geschmack erbaute Häuschen dem Hofstaate des Prinzen zu Wohnungen dienen. Bald jedoch hindert ein schildernder Grenadier am weiteren Vordringen. Die nächste Umgebung des Marmorpalais ist als Privatgarten der hohen Herrschaften abgesperrt, und der Fremde muß einen linksabführenden Seitenpfad einschlagen, um über die Orangerie und deren kreisrunden Rosengarten den Weg zu gewinnen, der bei der Hofgärtnerwohnung vorbei nach der Meierei am Jungfernsee führt und in liberaler Weise dem Publikum zur Benutzung überlassen ist. Dicht hinter der Hofgärtnerwohnung erreicht man einen Punkt, von wo aus man zur Rechten über eine weite Rasenfläche hinweg die mit vorspringenden Arkadenflügeln versehene Westseite des Palais frei überblicken kann. Die unschönen italienischen Pappeln, die früher einen Theil des Schlosses dem Anblicke entzogen, sind nun gefallen; in allen seinen Theilen übersichtlich, flimmert der bunte Bau mit seiner eigenartigen hochragenden Kuppel im Sonnenlichte, und die vom Mast wehende prinzliche Hohenzollernstandarte verkündet, daß der Schloßherr anwesend ist.

Wem es vergönnt ist, durch die trennende Schranke hindurch dem Schlosse näher treten zu dürfen, der gewahrt bald ein staffagenreiches landschaftliches Bild, das seinem Gedächtnisse so leicht nicht wieder entschwind[e]n wird. Vor dem durch die beiden vorspringenden Arkadenfl[ü]gel gebildeten, nur auf der Westseite offenen Binnenhofe des Schlosses, der mit einer von blühenden Orangen umgebenen Prometheus-Statue geschmückt ist, breiten sich duftige Teppichanlagen mit rauschenden Fontainen und lauschigen Schattengängen aus, an die sich wiederum auf der Westseite die Spielplätze der prinzlichen Kinder anschließen. Auf diesen Spielplätzen ist es heute besonders lebendig. Der kleine Prinz Adalbert, der dritte Sohn des prinzlichen Paares, feiert seinen dritten Geburtstag. Seine Geschwister und mehrere kleine Gäste, die ihm als Spielgefährten eingeladen sind, umgeben ihn. Die Schaukel wird fleißig benutzt; auch fehlt es nicht an Bällen, Waffen und sonstigem Spielzeug; selbst ein Sandhaufen ist da, in dem die kleinen Händchen wühlen und graben dürfen. Die Aufsicht über die Kinderschar führen die prinzliche Kinderfrau und mehrere Bonnen. Lakaien gehen hin und her und bringen der jungen Welt gelegentlich eine Erfrischung. Die Linden blühen; Clematis und Geisblatt klettern dufthauchend an Stämmen und Spalieren empor; Rosen aller Arten und Farben glühen im Gestäude, und ab und zu fährt ein kühkender Lufthauch vom Heiligen See herüber durch die Wipfel der Baumriesen und schüttelt hier ein Blättchen und dort eine Blüthe hernieder auf die jauchzende Kinderschar. Tiefer und tiefer neigt sich das Tagesgestirn. Vom Schlosse her naht sich eine hohe, jugendliche Blondine in leichtem kirschrothen Sommerkleide und schreitet strahlenden Auges auf die sich tummelnden Kinder zu. Ein fünfjähriger Knabe, in der kecken kleidsamen Uniform der Garde-Husaren, stürmt ihr entgegen. „Mama!“ tönt es freudig von seinen schwellenden Lippen. „Mein süßer Wilhelm!“ jubelt die Mutter, und mit ausgebreiteten Armen beugt sie sich nieder, um ihren ältesten Sohn an das glückliche Herz zu ziehen. Es ist die Prinzessin Wilhelm, Augusta Viktoria, geborene Prinzessin von Schleswig-Holstein, die als Gemahlin des Kaiserenkels dem Lande diesen einstigen Thronerben und nach ihm noch drei andere Prinzen geschenkt hat. Erst seit dem 27. Februar 1881 mit dem Prinzen Wilhelm von Preußen vermählt und also kaum länger als ein Lustrum diese Sommerresidenz bewohnend, ist sie doch schon sämmtlichen Bewohnern der Stadt Potsdam wohlbekannt und ans Herz gewachsen. Voll Anmuth und anspruchslos verkehrt sie mit dem Publikum. Sie scheut es nicht, nur von einer einzigen Dame begleitet, weitere Spaziergänge zu machen oder unvermuthet in eines der Kaufgewölbe der Stadt einzutreten, um dort irgend einen Einkauf für ihre zahllosen Schützlinge und Pflegebefohlenen zu machen; denn kein der Sorge für die Armen und Elenden gewidmeter Verein existirt in der Stadt, den sie nicht durch ihre Theilnahme und thatkräftige Unterstützung wesentlich zu fördern weiß.

Als sie am 6. Mai 1882 in demselben Schlosse ihres ersten Söhnleins genesen war, durfte ich, wohl im Sinne der ganzen, glücklich bewegten Bevölkerung von Stadt und Land, folgenden Glückwunsch in das Meldebuch der hohen Frau eintragen:

„Am sechsten Mai zur Abendstund’
Wie sternhell glänzte das Himmelsrund!
Im ‚Neuen Garten‘ am Marmorpalast
Wie huschten die Vöglein von Ast zu Ast!
Es scharten die Nachtigallen sich all
Und sangen ein Ständchen mit süßem Schall:

Ein Dreiblatt grünte im Deutschen Reich,
Nichts war auf Erden dem Dreiblatt gleich:
Solch Kaiser, solch Kronprinz, solch Kronprinzensohn
War nie noch berufen zu Scepter und Kron’.
Dem Dreiblatt – o jubelt, daß weithin es gellt! –
Hat heut sich ein viertes Blättlein gesellt.
Glückbringende Blüthe, daß Gott Dich erhalt’;
Gedeihe und blühe und werde alt!

Die Vöglein schwiegen, es kam die Nacht;
Cantate-Sonntag ist drauf erwacht;
In alle Lande die Kunde drang
Von der neuen Knospe, die gestern sprang.
Die Flaggen flatterten hoch empor,
Die Völker sangen im frohen Chor:

Solch kaiserlich Vierblatt ward nicht gesehn,
So lang um die Sonne sich Sterne drehn!
Ein Kaiser, ein Kronprinz, siegesgeschwind,
Ein schneidiger Enkel, ein Urenkelkind!
Empor die Herzen! Wir beugen die Knie’:
Solch Maienwunder geschah noch nie!
Erhalte das Vierblatt, du starker Gott,
All seine Feinde mache zum Spott!“

Schon ein Jahr darauf wurde Prinz Eitel Friedrich geboren; im Juli 1884 Prinz Adalbert. Hatten so die drei ersten Prinzen im Lenz und Sommer das Licht der Welt erblickt, so erblühte der vierte, Prinz August, ausnahmsweise im Winter 1887 als jüngstes Reis am alten ehrwürdigen Hohenzollernstamme. Wer je die innigen Blicke belauschen durfte, mit denen die hohe Mutter auf dieses glückverheißende Vierblatt ihrer schönen Söhne zu schauen pflegt, wer aus dem Antlitze des prinzlichen Vaters, wenn dieser einen seiner Knaben auf seinem Knie reiten läßt, das Glück und den Stolz des Vaterherzens zu lesen vermag, der weiß, daß es im ganzen deutschen Lande kein glücklicheres und reicher gesegnetes Ehepaar giebt als das Prinz Wilhelm’sche.

Die Sonne küßt den Horizont. Betäubender duften die Blüthen; aber ein leiser Schauer geht durch die Natur, und die sorgliche Mutter meint, daß es Zeit sei, das Spiel der Kinder zu beenden. Equipagen rollen heran, welche die geladenen kleinen Gäste aufnehmen und entführen. Die prinzliche Mutter kehrt mit ihren drei ältesten Knaben nach dem Schlosse zurück; Prinz August, das „Baby“, wird ihr nachgetragen. Noch ein herzhafter Kuß auf jedes Lippenpaar des blühenden Kindersegens, und die junge Schar wird der Obhut einer älteren Dame übergeben, die sich mit dem ihr anvertrauten Schatze in den linken Arkadenflügel, das besondere Reich der Kinder, zurückzieht. Bald liegt das Schloß, von der Silberfluth des Mondlichts übergossen, still und träumerisch; nur die taktmäßigen Schritte der auf- und abwandelnden Schildwache werden laut, und auf der Ostseite des Palais plätschern die Wogen des Heiligen Sees in leisem Gemurmel an das Steinfundament der Terrasse.

Im Schloßhofe aber scheint sich das marmorweiße Prometheus-Standbild zu beleben und die Arme wie segnend in die Luft zu erheben; mag auch der Schloßherr, der da drinnen sein Lager sucht, dereinst dem deutschen Volke ein anderer Prometheus werden, der ihm das Feuer der Kraft und des Nationalbewußtseins in den Adern mehrt, der es zu immer höherer Weisheit und Erkenntniß hinanführt und den Namen der Deutschen immer geachteter macht von einem Ende der civilisirten Welt bis zum andern! – Auf Prinz Wilhelm setzt Deutschland die schönsten Hoffnungen. Er ist ein schneidiger Soldat, aber auch allen Künsten des Friedens hold und geneigt, und, was die Hauptsache ist, ein deutscher Mann vom Scheitel bis zur Sohle. Nichts Undeutsches duldet er an seinem Hofe; keine aus Frankreich oder England importirte Mode darf je Einfluß üben auf die Ordnung seines Hauses. [572] Schon früh am Morgen sind die Bewohner des Marmorpalais auf den Beinen. Die Prinzessin Wilhelm frühstückt stets zusammen mit ihrem Gemahl, und wenn diesen sein Dienst als Oberst und Befehlshaber der Garde-Husaren schon in der sechsten Morgenstunde in den Steigbügel zu treten zwingt, so leistet sie ihm auch schon um diese Zeit, als pflichttreue und hingebende Gemahlin, am Frühstückstische Gesellscha[f]t. Ein ceremonielles zweites Frühstück existirt nicht; schon um ein Uhr wird zu Mittag gespeist.

Gegen fünf Uhr Nachmittags wird der Thee genommen und nach einem frühen und frugalen Abendessen begiebt man sich zeitig zur Ruhe. Diese außerordentlich gesunde und besonders der jungen Welt bekömmliche Lebensweise, die von vielen Residenzbewohnern leider schon gänzlich verlernt worden ist, wird hoffentlich nach und nach auch in weiteren Kreisen bahnbrechend wirken; in dem Marmorpalais wird nur dann von ihr abgewichen, wenn unabweisliche Verpflichtungen gegen hohe Gäste oder der unerbittliche militärische Dienst einmal ausnahmsweise dazu zwingen.

An den Nachmittagen werden Promenaden zu Fuß oder im Wagen gemacht; gelegentlich legt auch ein schmuckes, von Matrosen der nahen Matrosenstation am Jungfernsee bemanntes Boot am Fuße der Schloßterrasse an: dann schreitet das prinzliche Paar, nur von einigen Herren und Damen vom Dienste begleitet, über die Steinstufen der Terrassentreppe hinab und nimmt Platz auf den mit Polstern belegten Bootsitzen. Die prinzliche Standarte wird gesetzt; die Ruder der Matrosen tauchen gleichmäßig in die Fluh, und pfeilgeschwind fliegt das Boot über die im Sonnenschein aufglitzernde Seefläche. Durch einen schmalen Kanal unter der Schwanenbrücke hindurch gelangt man auf den weiten Spiegel des Jungfernsees und bei der von Friedrich Wilhelm IV. im italienischen Geschmacke hart am Strande erbauten Kirche von Sakrow vorüber nach der reizend gelegenen Pfaueninsel. Dort wird angelegt, und das prinzliche Paar dringt ein in die Schattengänge dieses lieblichsten aller Eilande, auf dessen fruchtbarem Grunde Baumriesen gedeihen, deren Alter kanm noch zu schätzen ist und unter deren Laubdächern wahrscheinlich noch altwendische Opfer geblutet haben.

Wenn die [k]leinen Prinzen den hohen Eltern im Wagen nachkommen, so bietet ihnen die auf der Insel erbaute hölzerne Rutschbahn willkommene Gelegenheit zu allerlei Belustigungen. Erst bei sinkender Sonne wird die Rückfahrt angetreten; dann geht ein erquickender Hauch über die leicht gekräuselte Wasserfläche, vom Gestade her weht Rosen- und Jasminduft aus den Glienicker Gärten herüber, und langsam steigt die blasse Scheibe des Mondes herauf. Dann liegt ein Zauber über der stillen Havellandschaft, wie ihn kein anderer Strom des deutschen Landes besitzt.

Prinz Wilhelm ist überhaupt ein Freund des Wassers, zumal des Meeres; er interessirt sich lebhaft für unsere Flotte und nimmt an allen ihren Schicksalen einen so regen und sachverständigen Antheil, daß ihm der Kaiser auch die Uniform des Seebataillons verliehen und ihn so auch äußerlich in nähere Beziehungen zur Marine versetzt hat.

Der Aufenthalt des prinzlichen Paares im Marmorpalais währt gewöhnlich bis tief in den Spätherbst hinein; erst wenn die Stürme gar zu arg zu toben beginnen und den Laubschmuck der prächtigen Bäume des Neuen Gartens unbarmherzig zerzausen und auf die Erde schütteln, siedelt der Prinz nach der Stadt über und läßt seine Standarte auf dem im Lustgarten gelegenen Schlosse aufziehen. Dort bewohnt er das zweite Stockwerk des Mittelbaues und des der Garnisonkirche zugewandten Flügels. Ob er auch im kommenden Winter daselbst residiren wird, ist zweifelhaft; man spricht davon, daß er das Kommando eines Garde-Infanterie-Regimentes übernehmen und seinen Wohnsitz vielleicht nach Berlin verlegen wird. Wohin ihn aber auch der Dienst entführen möge, überall hin wird ihn und die Seinen die Liebe und Verehrung der Potsdamer Einwohnerschaft begleiten, in deren Mitte er seine Honigmonde und die ersten Ehejahre verlebt und das Beispiel des reinsten und glücklichsten deutschen Familienlebens gegeben hat. Gerhard von Amyntor.