Im Saal (Storm)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Theodor Storm
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Im Saal
Untertitel:
aus: Sommergeschichten und Lieder, S. 3-13
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1848
Erscheinungsdatum: 1851
Verlag: Duncker
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons und Google
Kurzbeschreibung: Novelle
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[3]
Im Saal

Am Nachmittag war Kindtaufe gewesen; nun war es gegen Abend. Die Eltern des Täuflings saßen mit den Gästen im geräumigen Saal, unter ihnen die Großmutter des Mannes; die Andern waren ebenfalls nahe Verwandte, junge und alte, die Großmutter aber war ein ganzes Geschlecht älter, als die ältesten von diesen. Das Kind war nach ihr „Barbara“ getauft worden; doch hatte es auch noch einen schöneren Namen erhalten, denn Barbara allein klang doch gar zu altfränkisch für das hübsche kleine Kind. Dennoch sollte es mit diesem Namen gerufen werden: so wollten es beide Eltern, wie viel auch die Freunde dagegen einzuwenden hatten. Die alte Großmutter aber erfuhr nichts davon, daß die Brauchbarkeit ihres langbewährten Namens in Zweifel gezogen war.

Der Prediger hatte nicht lange nach Verrichtung seines Amtes den Familienkreis sich selbst überlassen; [4] nun wurden alte, liebe, oft erzählte Geschichten hervorgeholt und nicht zum letztn Male wieder erzählt. Sie kannten sich Alle; die Alten hatten die Jungen aufwachsen, die Aeltesten die Alten grau werden sehen; von Allen wurden die anmuthigsten und spaßhaftesten Kindergeschichten erzählt; wo kein Anderer sie wußte, da erzählte die Großmutter. Von ihr allein konnte Niemand erzählen; ihre Kinderjahre lagen hinter der Geburt aller Andern; die außer ihr selbst etwas davon wissen konnten, hätten weit über jedes Menschenalter hinaus sein müssen. - Unter solchen Gesprächen war es abendlich geworden. Der Saal lag gegen Westen, ein rother Schimmer fiel durch die Fenster noch auf die Gypsrosen an den weißen, mit Stuckaturarbeit gezierten Wänden; dann verschwand auch der. Aus der Ferne konnte man ein dumpfes eintöniges Rauschen in der jetzt eingetretenen Stille vernehmen. Einige der Gäste horchten auf.

Das ist das Meer, sagte die junge Frau.

Ja, sagte die Großmutter, ich habe es oft gehört; es ist schon lange so gewesen.

Dann sprach wieder Niemand; draußen vor den Fenstern in dem schmalen Steinhof stand eine große Linde, und man hörte, wie die Sperlinge unter den Blättern zur Ruhe gingen. Der Hauswirth hatte die Hand seiner Frau gefaßt, die still an seiner Seite saß, [5] und heftete seine Augen an die krause altertümliche Gypsdecke.

Was hast Du? fragte ihn die Großmutter.

Die Decke ist gerissen, sagte er, die Simse sind auch gesunken. Der Saal wird alt, Großmutter, wir müssen ihn umbauen.

Der Saal ist noch nicht so alt, erwiederte sie, ich weiß noch wohl, als er gebaut wurden.

Gebaut? Was war denn früher hier?

Früher? Wiederholte die Großmutter; dann verstummte sie eine Weile, und saß da, wie ein lebloses Bild; ihre Augen sahen rückwärts in eine vergangene Zeit, ihre Gedanken waren bei den Schatten der Dinge, deren Wesen lange dahin war. Dann sagte sie: Es ist achtzig Jahre her; dein Großvater und ich, wir haben es uns oft nachher erzählt, - die Saalthür führte dazumalen nicht in einen Hausraum, sondern aus dem Hause hinaus in einen kleinen Ziergarten; es ist aber nicht mehr dieselbe Thür, die alte hatte Glasscheiben, und man sah dadurch gerade in den Garten hinunter, wenn man zur Hausthür hereintrat. Der Garten lag drei Stufen tiefer, die Treppe war an beiden Seiten mit buntem chinesischem Geländer versehen. Zwischen zwei von niedrigem Bux eingefaßten Rabatten führte ein breiter, mit weißen Muscheln ausgestreuter [6] Steig nach einer Lindenlaube; davor zwischen zweien Kirschbäumen hing eine Schaukel; zu beiden Seiten der Laube an der hohen Gartenmauer standen sorgfältig aufgebundene Aprikosenbäume. - Hier konnte man Sommers in der Mittagsstunde deinen Urgroßvater regelmäßig auf- und abgehen sehen, die Aurikeln und holländischen Tulpen aus den Rabatten ausputzend oder mit Bast an weiße Stäbchen bindend. Er war ein strenger, accurater Mann mit militärischer Haltung, und seine schwarzen Augbrauen gaben ihm bei den weißgepuderten Haaren ein vornehmes Ansehen.

So war es einmal an einem August-Nachmittage, als dein Großvater die kleine Gartentreppe herabkam; aber dazumalen war er noch weit vom Großvater entfernt. - Ich seh’ es noch vor meinen alten Augen, wie er mit schlankem Tritt auf deinen Urgroßvater zuging. Dann nahm er ein Schreiben aus einer sauber gestickten Brieftasche und überreichte es mit einer anmuthigen Verbeugung. Er war ein feiner junger Mensch mit sanften freundlichen Augen, und der schwarze Haarbeutel stach angenehm bei den lebhaften Wangen und dem perlgrauen Tuchrocke ab. - Als dein Urgroßvater das Schreiben gelesen hatte, nickte er und schüttelte deinem Großvater die Hand. Er mußte ihm schon gut sein; denn er that selten dergleichen. Dann [7] wurde er in’s Haus gerufen, und dein Großvater ging in den Garten hinab.

In der Schaukel vor der Laube saß ein achtjähriges Mädchen; sie hatte ein Bilderbuch auf dem Schooß, worin sie eifrig las; die klaren goldnen Locken hingen ihr über das heiße Gesichtchen herab, der Sonnenschein lag brennend darauf.

Wie heißt du? fragte der junge Mann.

Sie schüttelte das Haar zurück, und sagte: Barbara.

Nimm dich in Acht, Barbara; deine Locken schmelzen ja in der Sonne.

Die Kleine fuhr mit der Hand über das heiße Haar, der junge Mann lächelte, - und es war ein sehr sanftes Lächeln. - - Es hat nicht Noth, sagte er; komm, wir wollen schaukeln.

Sie sprang heraus: Wart, ich muß erst mein Buch verwahren. Dann brachte sie es in die Laube. Als sie wieder kam, wollte er sie hineinheben. Nein, sagte sie, ich kann ganz allein. Dann stellte sie sich auf das Schaukelbrettchen und rief: Nur zu. - Und nun zog dein Großvater, daß ihm der Haarbeutel bald rechts, bald links um die Schultern tanzte; die Schaukel mit dem kleinen Mädchen ging im Sonnenschein auf und nieder, die klaren Locken wehten ihr frei von den Schläfen. Und immer ging es ihr nicht hoch genug! Als [8] aber die Schaukel rauschend in die Lindenzweige flog, fuhren die Vögel zu beiden Seiten aus den Spalieren, daß die überreifen Aprikosen auf die Erde herabrollte.

Was war das? sagte er, und hielt die Schaukel an.

Sie lachte, wie er so fragen könne. Das war der Iritsch, sagte sie, er ist sonst gar nicht so bange.

Er hob sie aus der Schaukel, und sie gingen zu den Spalieren; da lagen die dunkelgelben Früchte zwischen dem Gesträuch. Dein Iritsch hat dich tractirt! sagte er. Sie schüttelte mit dem Kopf und legte eine schöne Aprikose in seine Hand. Dich! sagte sie leise.

Nun kam dein Urgroßvater wieder in den Garten zurück. Nimm er sich in Acht, sagte er lächelnd, er wird sie sonst nicht wieder los. Dann sprach er von Geschäftssachen, und beide gingen in’s Haus.

Am Abend durfte die kleine Barbara mit zu Tisch sitzen; der junge freundliche Mann hatte für sie gebeten.

- So ganz, wie sie es gewünscht hatte, kam es freilich nicht; denn der Gast saß oben an ihres Vaters Seite; sie aber war nur noch ein kleines Mädchen, und mußte ganz unten bei dem allerjüngsten Schreiber sitzen. Darum war sie auch so bald mit ihrem Essen fertig; dann stand sie auf und schlich sich an den Stuhl ihres Vaters. Der aber sprach mit dem jungen Mann so eifrig über Conto und Disconto, daß dieser für die kleine [9] Barbara gar keine Augen hatte. - Ja, ja, es ist achtzig Jahre her; aber die alte Großmutter denkt es noch wohl, wie die kleine Barbara damals recht sehr ungeduldig wurde und auf ihren guten Vater gar nicht zum Besten zu sprechen war. Die Uhr schlug zehn, und nun mußte sie gute Nacht sagen. Als sie zu deinem Großvater kam, fragte er sie: Schaukeln wir morgen? und die kleine Barbara wurde wieder ganz vergnügt. - Er ist ja ein alter Kindernarr, er! sagte der Urgroßvater; aber eigentlich war er selbst recht unvernünftig in sein kleines Mädchen verliebt.

Am andern Tage gegen Abend reiste dein Großvater fort.

Dann gingen acht Jahre hin. Die kleine Barbara stand oft zur Winterzeit an der Glasthür und hauchte die gefrornen Scheiben an; dann sah sie durch das Guckloch in den beschneiten Garten hinab, und dachte an den schönen Sommer, an die glänzenden Blätter und an den warmen Sonnenschein, an den Iritsch, der immer in den Spalieren nistete, und wie einmal die reifen Aprikosen zur Erde gerollt waren, und dann dachte sie an einen Sommertag, und zuletzt immer nur an diesen einen Sommertag, wenn sie an den Sommer dachte. - So gingen die Jahre hin; die kleine Barbara war nun doppelt so alt, und eigentlich gar nicht [10] mehr die kleine Barbara; aber der eine Sommertag stand noch immer als ein heller Punkt in ihrer Erinnerung. - Dann war er endlich eines Tages wirklich wieder da.

Wer? fragte lächelnd der Enkel, der Sommertag?

Ja, sagte die Großmutter, ja, dein Großvater. Es war ein rechter Sommertag.

Und dann? fragte er wieder.

Dann, sagte die Großmutter, gab es ein Brautpaar, und die kleine Barbara wurde deine Großmutter, wie sie hier unter euch sitzt und die alten Geschichten erzählt. - So weit war’s aber noch nicht. Erst gab es eine Hochzeit, und dazu ließ dein Urgroßvater den Saal bauen. Mit dem Garten und den Blumen war’s nun wohl vorbei; es hatte aber nicht Noth, er bekam bald lebendige Blumen zur Unterhaltung in seinen Mittagsstunden. Als der Saal fertig war, wurde die Hochzeit gehalten. Es war eine lustige Hochzeit, und die Gäste sprachen noch lange nachher davon. - Ihr, die ihr hier sitzt, und die ihr jetzt allenthalben dabei sein müßt, ihr wart freilich nicht dabei; aber eure Väter und Großväter, eure Mütter und Großmütter, und das waren auch Leute, die ein Wort mitzusprechen wußten. Es war damals freilich noch eine stille, bescheidene Zeit; wir wollten noch nicht Alles besser wissen, [11] als die Majestäten und ihre Minister; und wer seine Nase in die Politik steckte, den hießen wir einen Kannegießer, und war’s ein Schuster, so ließ man die Stiefeln bei seinem Nachbar machen. Die Dienstmädchen hießen noch alle Trine und Stine, und jeder trug den Rock nach seinem Stande. Jetzt tragt ihr sogar Schnurrbärte wie Junker und Cavaliere. Was wollt ihr denn? Wollt ihr alle mit regieren?

Ja, Großmutter, sagte der Enkel.

Und der Adel, und alle die hohen Herrschaften, die doch dazu geboren sind? Was soll aus denen werden?

Oh - - Adel - - sagte die junge Mutten, und sah mit stolzen liebevollen Augen zu ihrem Manne herauf.

Der lächelte und sagte: Streichen, Großmutter; oder wir werden alle Freiherren, ganz Deutschland mit Mann und Maus. Sonst seh ich keinen Rath.

Die Großmutter erwiderte nichts darauf; sie sagte nur: Auf meiner Hochzeit wurde nichts von Staatsgeschichten geredet; die Unterhaltung ging ihren ebenen Tritt, und wir waren eben so vergnügt dabei, als ihr in euren neumodischen Gesellschaften. Bei Tische wurden spaßhafte Räthsel aufgegeben und Leberreime gemacht, beim Desert wurde gesungen „Gesundheit, Herr Nachbar, das Gläschen ist leer“ und alle die andern hübschen [12] Lieder, die nun vergessen sind; dein Großvater mit seiner hellen Tenorstimme war immer herauszuhören. - Die Menschen waren damals noch höflicher gegen einander; das Disputiren und Schreien galt in einer feinen Gesellschaft für sehr unziemlich. - Nun, das ist Alles anders geworden; - aber dein Großvater war ein sanfter, friedlicher Mann. Er ist schon lange nicht mehr auf dieser Welt; er ist mir weit vorausgegangen; es wird wohl Zeit, daß ich nachkomme.

Die Großmutter schwieg einen Augenblick, und es sprach Niemand. Nur ihre Hände fühlte sie ergriffen; sie wollten sie Alle noch behalten. Ein friedliches Lächeln glitt über das alte liebe Gesicht; dann sah sie auf ihren Enkel und sagte: Hier im Saal stand auch seine Leiche; du warst damals erst sechs Jahre alt, und standest am Sarg zu weinen. Dein Vater war ein strenger rücksichtsloser Mann. Heule nicht Junge, sagte er, und hob dich auf den Arm. Sieh her, so sieht ein braver Mann aus, wenn er gestorben ist. Dann wischte er sich heimlich selbst eine Thräne vom Gesicht. Er hatte immer eine große Verehrung für deinen Großvater gehabt. Jetzt sind sie Alle hinüber; - und heute hab’ ich hier im Saal meine Urenkelin aus der Taufe gehoben, und ihr habt ihr den Namen eurer alten Großmutter gegeben. Möge der liebe Gott sie eben [13] so glücklich und zufrieden zu meinen Tagen kommen lassen.

Die junge Mutter fiel vor der Großmutter auf die Knie und küßte ihre feinen Hände.

Der Enkel sagte: Großmutter, wir wollen den alten Saal ganz umreißen und wieder einen Ziergarten pflanzen; die kleine Barbara ist auch wieder da. Die Frauen sagen ja, sie ist dein Ebenbild; sie soll wieder in der Schaukel sitzen und die Sonne soll wieder auf goldne Kinderlocken scheinen; vielleicht kommt dann auch eines Sommer-Nachmittags der Großvater wieder die kleine chinesische Treppe herab, vielleicht - -

Die Großmutter lächelte: Du bist ein Phantast, sagte sie, dein Großvater war es auch.