In der Ausstellung zu Augsburg

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Titel: In der Ausstellung zu Augsburg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 601, 602
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[601]
In der Ausstellung zu Augsburg.
Mit Illustrationen von R. Püttner.
Die Gartenlaube (1886) b 601 1.jpg

Das Hauptgebäude der Ausstellung zu Augsburg.


In dem Kranze freier Reichsstädte leuchtete Augsburg jahrhundertelang als einer der kostbarsten Edelsteine. Weit und breit war der Reichthum seiner stolzen Patriciergeschlechter gepriesen, und deren schone Töchter selbst Fürsten freiten. Nach der fernen Levante und nach dein noch entlegeneren Venezuela reichten die Handelsverbindungen und Kolonialunternehmungen der rührigen Kaufherren.


Die Gartenlaube (1886) b 601 2.jpg

Kaffeehaus und Pavillon am See.


Die Fugger und die Welser waren ja Söhne Augsburgs. Die Kunst blühte nicht minder in den schützenden Mauern der Stadt. Berühmte Maler, Holzschneider und Buchdrucker fanden hier ein glückliches Heim, und die Goldschmiede und „Harnäschmacher“ Augsburgs zählten in ihren Reihen Meister ersten Ranges.

Die Zeiten sind anders geworden. Augsburg liegt nicht mehr an einer der wichtigsten Handelsstraßen, welche den Norden mit dem Süden verbanden. Damit ist manche Quelle des Reichthums versiegt, aber trotzdem waltet noch immer in den alterthümlichen Häusern der schaffensfreudige und rührige Geist, und Augsburg blüht und gedeiht auch heute wie nur wenige Städte unseres Vaterlandes.

„Die schwäbische Kreis- Industrie-, Gewerbe- und kunsthistorische Ausstellung“, welche seit dem 15. Mai Tausende Neugieriger nach der Augusta Vendilicorum lockt, giebt den glänzendsten Beweis dafür. Eine Ausstellung, an welcher sich nur der Kreis Schwaben mit seiner Hauptstadt Augsburg betheiligt – und welche Fülle hervorragender Leistungen finden wir hier vereinigt!

Erzeugnisse der Baumwoll-Spinnerei und -Weberei fesseln unser

Auge neben trefflichsten Leinwandstücken; dort reihen sich Buchdruckschnellpressen an einander; neben ihnen landwirthschaftliche Geräthe und Maschinen zum Brauereibetrieb, Möbel, Wagen und Reiserequisiten, Seifen, Schnupftabake und selbst Zündhölzchen! So mannigfaltig sind die Erzeugnisse eines kleinen Landkreises, dessen Bevölkerung nur eine halbe Million Einwohner zählt! Freilich ist das Land von der Natur gesegnet. Acht Flüsse und zahllose Bäche rauschen und schäumen durch seine Fluren und bieten nicht allein Feuchtigkeit den Aeckern und Wiesen, sondern vor Allem billige Arbeitskraft dem Fabrikanten. Hat man doch treffend behauptet, daß mit den Wasserkräften, die hier noch unbenutzt mit den Wellen fortrinnen, alle Fabriken Deutschlands in Betrieb gesetzt werden könnten. Die praktischen Einwohner wissen den Werth dieser Arbeitskraft zu schätzen und sie haben hier und dort ihre natürliche Wirkung noch gesteigert. Ein ganzes System von Kanälen durchzieht die Stadt Augsburg und ihre nächste Umgebung.

Unter solchen Voraussetzungen durfte sich die Stadt mit Siegesgewißheit zur Eröffnung der Ausstellung rüsten. Die große Wiese am Rande des „Rosenauberges“ wurde binnen Jahresfrist in einen Park verwandelt, aus dem reizende Boskets hervorschauen, farbenprangende Blumenbeete entgegengrüßen und in welchem die schmucken Ausstellungsgebäude mit ihren Kuppeln, Thürmen und Erkern im bunten Fahnenschmuck prangen. Selbst lauschige Ruheplätze fehlen nicht auf dem Platze. Dort in der Nähe des schmucken Kaffeehauses schimmert [602] die ruhige Wasserfläche eines Sees, auf welchem majestätisch die Schwäne einherrudern und in dessen Wassern sich die Kuppel eines von grünem Gebüsch umrankten Pavillons wiederspiegelt. Ein passender Ort zur Sammlung des Geistes und zur Klärung der gewonnenen Eindrücke! Sie drängen sich hier Jedem mächtiger auf, als in vielen anderen Ausstellungen; denn wir schauen auf diesem Plane nicht allein die Werke der hastig vorwärts strebenden Gegenwart, auch die Schätze längst vergangener Zeiten blenden unser Auge. Die kunsthistorische Abtheilung bildet ohne Zweifel die schönste Zierde und das lehrreichste Stück der Ausstellung. Ans den öffentlichen Mnseen und privaten Sammlungen der Stadt, ja selbst von fernher von kunstsinnigen Freunden wurden hier in großer Zahl Werke der Kunst vereinigt, die in verschiedenen Jahrhunderten unter der Haud der Bürger Augsburgs entstanden und in ihrer Gesammtheit einen wahrhaft überwältigenden Eindruck ausüben. Neben Martin Schongauer’s berühmtem Gemälde „Maria im Rosenhag“ erblicken wir das ergreifende Votivbild des hingerichteten Bürgermeisters Ulrich Schwarz von Augsburg – ein Werk Hans Holbein’s des Aelteren. Auch ein Altargemälde desselben Meisters ist gegenwärtig für einige Monate in Augsburg vereinigt, während die eine Hälfte des Bildes sich bis jetzt in Eichstädt, die andere in München befand. Seltene Miniaturen ans deu letzten drei Jahrhunderten, Emailmalereien von höchstem Werth, Erzeugnisse der Plastik und des Kunstgewerbes, wie der elfenbeinerne Stab des Abtes Reginbald von St. Ulrich, die Bronzefignren der Maria und des Johannes aus dem 11., Reliquiaricu und Truhen aus dem 13. und 14. Jahrhundert, Bildschnitzereien von Syrlin, Vater und Sohn aus Ulm, endlich zahlreiche bewnndernngswürdige Erzeugnisse der Goldschmiedekunst, des Holzschnittes und Kupferstichs, sowie des Buchdruckes – alle diese kostbaren Kunstwerke ans Augsburgs Glanzzeit erwecken in uns das größte Interesse und zugleich eine lebhafte Erinnerung an die frühere Blüthe deutschen Kunstgewerbes, welches heute nach langem Daniederliegen wie ein Phönix aus seiner Asche wieder aufersteht. Und doch ist das Alles nur ein Theil der vielen Schätze, die das kunstsinnige und fleißige Augsburg einst nach allen Weltgegendeu versandte. In Paris befinden sich die prachtvollen Rüstungen, welche Augsburgs Waffenschmiede für die Könige Frankreichs gehämmert haben, in der Armeria del Real zu Madrid hingen die einst für Philipp II. bestimmten Wehrstücke – Kunstwerke des Defiderius Kollmann, „Kaiserlicher Majestät Harnäschmachers“ aus Augsburg. –

Ruhmreiche Vergangenheit und thatenfrohe Gegenwart – wem sie beschicken sind, der darf sich glücklich schätzen und sicheren Auges in die Zukunft blicken. Augsburg sind sie beschicken! Unter schwierigen Verhältnissen wußte die Stadt sich zu behaupten, in den Zeiten des Friedens wird sie gewiß noch kräftiger blühen und gedeihen und ein Vorbild bleiben für viele ihrer Schwesteru im neuen Deutschen Reich.