In der Kurischen Nehrung

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: In der Kurischen Nehrung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 56
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[56]
Die Gartenlaube (1882) b 053.jpg

Fischertanz. (Motiv aus der Kurischen Nehrung.) Nach dem Oelgemälde von Max Rentel.


[56] In der kurischen Nehrung. (Mit Abbildung S. 53.) „Contre“ ist er nicht, der Tanz, welchen Meister Rentel mit so lebenstreuen Strichen aus unserem heutigen Bilde dargestellt hat. Die biederen Fischer kennen augenscheinlich noch nicht die von der alles gleichmachenden Mode vorgeschriebenen Sprünge und „Pas“, sie tanzen nach alter Sitte, frei und ungebunden, wie da draußen im Spiel der Winde die Wogen der Salzfluth schäumen und tosen, um den vielumworbenen und vielumstürmten Strand mit Perlen durchsichtigen Bernsteins zu überstreuen. Der verfeinerte Culturmensch würde freilich an diesem lärmend-fröhlichen Festgelage, in dieser primitiven Schenke, mitten unter diesen dicken Tabaksqualmwolken die der Sonnenschein nur mit Mühe durchdringt, und in der Gesellschaft dieser oft allzu geradherzigen Leute keine richtige Freude haben. Aber auch dem Fischer von der schmalen ostpreußischen Nehrung, welcher im Saus und Braus der Seewinde die vielen Stunden seiner Arbeit dahinlebt, würde die Salonluft der Städte gar zu dünn vorkommen wenn er zu seiner Erholung in derselben eine Quadrille oder sogar eine Polonaise bedächtig hertanzen sollte. „Jedem das Seine“ lautet der Wahrspruch des preußischen Staates, und so mögen denn diese Altpreußen nach ihrer Facon vergnügt bleiben in dieser schweren Zeit, da dem Alles umfassenden Zollstab auch die Fische des Meeres, grün oder geräuchert, unterthan bleiben müssen. Wahrlich, gönnen kann man diesen Fischern das Vergnügen, denn der Zollstab und der Steuerzettel sind lange nicht das Schlimmste, was sie zu ertragen haben. Das Land, auf dem sie leben ist schon an und für sich nichts weniger als ein Paradieswinkel der Erde. Die Kurische Nehrung bildet, wie ihre Zwillingsschwestern die „Frische“ und „Pommersche“, einen gar schmalen Streifen Landes, der viele Meilen weit in die See hineinragt; sie trennt das Kurische Haff von der Ostsee. An ihrer ganzen Länge ziehen sich gewaltige Sanddünen hin, die mächtigsten, die in dem alten Europa zu schauen sind, und die hier und dort bis zu 65 Meter Höhe sich aufthürmen. Wo aber viel Sand ist, da ist in der Regel wenig Segen, und auch hier ist der Sand kein Freund der Cultur. Hat man doch ausgerechnet, das, wenn in der Ostsee alles beim Alten bleibt, das Kurische Haff binnen 300 bis 500 Jahren versandet werden und eine Art Sahara des Nordens bilden wird. Gegen diesen Sand muß nun der Fischer in der ostpreußischen Nehrung ebenso ankämpfen wie der friesische Bauer gegen die Sturmfluthen; denn während an der Nordsee das nasse Grab des Meeres Länderstriche und menschliche Wohnstätten verschlingt, werden hier an der Ostsee die Dörfer versandet.

Doch was der Friese vermochte, das wird auch der Ostpreuße noch zu Wege bringen: über kurz oder lang wird der bösen Undine, die da im kristallenen Palaste auf dem Grunde der Ostsee hauset, nachdrücklichst bedeutet werden, daß ihr weiser Flugsand nicht auf die Felder gehört, auf denen „die holde Ceres lachen“ kann, und die Cultur wird dem Vorwärtsdringen der feindlichen Dünenlinie ein gewaltsames und entschiedenes Halt! gebieten. Das wissen wohl die Fischer der Nehrung, Alt und Jung, und darum lassen sie sich in ihrem Tanz nicht stören, unbekümmert darob, was da der morgende Tag bringen wird.