In der Zerstreutheit

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Walther Kabel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: In der Zerstreutheit
Untertitel:
aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1910, Erster Band, Seite 222–223
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1910
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
In der Zerstreutheit.pdf
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[222] In der Zerstreutheit. – Einer der Statthalter von Palästina zur Zeit des römischen Kaiserreichs war Salvius Flagellus, ebenso bekannt durch seine Freude an den Wissenschaften als durch seine Zerstreutheit. Als einmal eine größere Anzahl Kriegsgefangene hingerichtet werden sollten, ließ Salvius Flagellus diese auf dem Markte von Jerusalem in langer Reihe aufstellen. Sie sollten als abschreckendes Beispiel durch eine Abteilung römischer Bogenschützen erschossen werden, doch hatte Flagellus vorher den Offizier, der die Bogenschützen befehligte, verständigt, daß man auf ein Zeichen von ihm mit der Exekution aufhören und dem Reste der Gefangenen das Leben schenken solle. Zum Unglück der Gefangenen erregte die Sonne, die sich in einem auf der Erde liegenden Glassplitter mit ihren Strahlen brach und ein besonderes Farbenspiel abgab, die Aufmerksamkeit des Statthalters, der der Hinrichtung beiwohnte. Er vertiefte sich in Gedanken über die wunderbare Erscheinung der Brechung des Lichtes und vergaß darüber seine Umgebung so vollkommen, daß er es unterließ, dem Offizier das Zeichen zur Beendigung der Exekution zu geben. Erst als ihm dieser meldete, daß sämtliche Gefangene tot seien, fand er sich in die Wirklichkeit zurück und verließ nach einem zerstreuten Blick auf die Reihe der Leichen den Marktplatz.

Von dem französischen Dichter Voltaire, dem Freunde Friedrichs des Großen, wird eine Geschichte erzählt, die ebenfalls von der zeitweisen Geistesabwesenheit des großen Franzosen, aber ebenso auch von dessen berüchtigter Anmaßung spricht. Voltaire hatte die Angewohnheit, seine Gedanken, gleichviel wo er sich befand, zu Papier zu bringen. Zu diesem Zwecke trug er stets ein Büchlein bei sich, in dem er besonders klangvolle Reime und geistreiche Einfälle vermerkte. Bei einem Hoffeste im königlichen Schlosse in Berlin saß bei der Tafel rechts von Voltaire die durch ihre Schönheit und Anmut bekannte Fürstin R., während zur Linken des Dichters der General [223] v. Seydlitz seinen Platz hatte. Voltaire, der sich bis dahin sehr lebhaft nach beiden Seiten unterhalten hatte, verstummte plötzlich, zog sein Büchlein hervor und begann zu schreiben. Minuten vergingen, und die neben ihm Sitzenden verhielten sich aus Respekt vor dem berühmten Manne vollkommen ruhig, um ihn nicht zu stören. Schließlich dauerte diese Pause der lebhaften Fürstin R. aber doch zu lange, und sie wandte sich wiederholt mit der Frage an Voltaire, was er sich denn da aufschreibe. Dieser war aber so sehr in seine Arbeit vertieft, daß er nichts hörte.

Da fühlte sich Seydlitz verpflichtet, ihn aufmerksam zu machen. Er stieß den Dichter leise an und flüsterte ihm zu: „Geben Sie acht, die Fürstin spricht zu Ihnen.“

Voltaire schaute den General zerstreut an und erwiderte laut: „Aber was geht das mich an!“

Erst das schallende Gelächter der Umsitzenden zeigte ihm, wie ungalant er gewesen war.

[ws 1] Der Physiker Isaak Newton saß an einem sehr kalten Winterabend lesend in seinem Zimmer und fror stark. Er befahl daher zu heizen und rückte seinen Sessel dicht an den Kamin, in dem eine Menge Holz aufgeschichtet lag. Als sich das Feuer allmählich immer mehr entfacht hatte und die Hitze den Gelehrten arg zu belästigen begann, rief er nach seinem Diener, der aber erst nach einer Weile erschien. Newton war beinahe geröstet. „Nimm den Kamin fort, du Faulpelz!“ rief er mit ungewöhnlicher Gereiztheit und stampfte ärgerlich mit dem Fuße auf.

„Aber Herr,“ entgegnete der Diener mit leisem Lächeln, „könnten Sie nicht eher Ihren Stuhl zurückziehen?“

„Auf mein Wort,“ sagte Newton, jetzt erst völlig zur Besinnung kommend, und nickte dabei dem Diener freundlich zu, „daran habe ich wirklich nicht gedacht.“

W. K.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Der nachfolgende Abschnitt bis zum „Ende“ findet sich auch im Artikel Die Zerstreutheit großer Geister ohne Verfasserangabe, welcher erschienen ist in: Die Burg. Illustrierte Zeitschrift für die studierende Jugend, 2. Jahrgang, S. 296–297.