In einem armenischen Hause in Bajazid

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Textdaten
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Autor: Paul von Franken
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Titel: In einem armenischen Hause in Bajazid
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 84–86
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Bilder aus dem Kaukasus.
Nr. 3.
In einem armenischen Hause in Bajazid.

Wir wandeln auf biblischem Boden. Als Noah nach dem Verrinnen der großen Fluth mit seinem zoologischen Cabinet auf dem Ararat, dem Archen-Berge, sitzen blieb, stiegen mit ihm aus Sem, Ham und Japhet, und Noah erfand den Wein, und seine Söhne bevölkerten von Neuem die Erde.

Der vierte Nachkomme Japhet’s, Haik, wohnte dem Thurmbau zu Babel bei, und als die große Verwirrung der Zungen begann, zog er mit dreihundert Getreuen seines Geschlechts in das Land zwischen dem Wansee und dem Ararat, und ward der Stammvater der Armenier, die sich auch nach ihm das Volk des Haik nannten.

Von diesem Mittelpunkte am Ararat erstreckten die Armenier ihre Herrschaft nach den drei großen Wassern hin, nach dem Schwarzen Meere, dem Kaspischen See und dem Mittelländischen Meere, und so bildet ihr Land noch heute ein Dreieck, von welchem ein Winkel an der Mündung des Kur, der andere an der Mündung des Rion und der dritte im Busen von Skanderun zu suchen ist. Dieses Dreieck mag wohl eine Größe von 5000 Quadratmeilen haben.

Armenien ist im Innern Hochland, im Ganzen Staffel- und Tafelland. Von allen Himmelsrichtungen betritt man dasselbe in Thallandschaften, hinter welchen die Höhen sich aufgipfeln, und zwar von den Thälern aus fast allenthalben mit einem steilen Rand. Von diesem Rand umzogen, breitet das Hochland sich aus; es wechselt von einer Höhe von 2600 bis zu 6000 Fuß (über dem Meere) und bildet wiederum die Basis für zweierlei neue Erhebungen: die Kegelberge und die sogenannten Plateauketten. Von letzteren ist ist die des Ala-Dagh die wichtigste, denn sie theilt dadurch, daß

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Die Gartenlaube (1862) b 085.jpg

Aus dem Innern eines armenischen Hauses.
Nach der Natur aufgenommen von Paul Franken.

sie sich vom Ararat bis zum Vereinigungspunkte der beiden Quellenflüsse des Euphrat hinzieht, das gesammte armenische Plateau oder Tafelland in zwei Hälften, die südliche und die nördliche. Wir lassen die südliche liegen und wenden uns ausschließlich der nördlichen zu. – Hier treiben die Berge die kühnste Romantik. Mit Ketten und Kegeln ragt hier die Erde in die Luft, gewährt fruchtbaren Weideebenen und üppigen Thälern Raum, hat die Rippen der Berge bald aus Porphyr, bald aus Basalt oder aus Trachyt gefügt, zeigt in den ausgebrannten Essen der hohen Kegel die wilde Arbeit Vulcan’s in der Urgeschichte dieser Stätte, legt den dreifachen Ring des Klima’s auf die Staffeln des Landes, den subtropischen der Region des Regens, den milden des veränderlichen Niederschlags, und den starren des ewigen Schnees, und hat die Beete der Flora ausgebreitet, von der Platane und Melone, vom Wein und Reis bis hinauf zur Birke und zum letzten Strauch der Alpenvegetation. Und für jede Region sind aus Noah’s Kasten die Thiere hervorgegangen, die sich in ihr wohl befinden.

Auf diesem nördlichen Tafellande finden wir die Hochebenen von Bajazid, von Erzerum (5580 Fuß hoch), von Kars, von Achalzik und die von Eriwan. Letztere erreicht zwar nur eine Höhe von 2680 Fuß, aber gerade auf ihr steigen die höchsten jener Kegelberge empor: der große Ararat, der sie noch um 13,530 Fuß überragt, der kleine Ararat mit 12,000 Fuß und der Alaghes mit 12,870 Fuß Höhe über dem Meere.

Aus dem Thale des Kur, der in den Kaspischen See mündet, führen drei Hauptwege über den Nordrand des Hochlands: der eine von Tiflis über Gori und Suran nach Kutais, der andere von Tiflis über Elisabethpol und Schuscha nach Nachitschewan, der dritte von Tiflis nach Eriwan und von da nach Bajazid. Auf diesem letzten begleiten wir unsern Reisenden, von dem wir heute die dritte seiner Originalzeichnungen mittheilen (vergl. Nr. 7 und Nr. 21, Jahrg. 1861 der Gartenl.), und finden ihn in Bajazid.

Es war ein Glück für mich, erzählt er, daß auf des Fürsten Fürsprache ein armenischer Kaufmann mir gestattete, in seinem Zimmer zu übernachten, denn in der Karawanserai giebt es keine Logirstuben, und in den Kameelställen wollte ich nicht liegen. Gasthöfe nach Bädekers Vorschriften giebt es hier zu Lande nicht, wo die meisten Einrichtungen und Gewohnheiten des täglichen Lebens sich nur wenig von denen zu Zeiten Abraham’s und Israel’s unterscheiden. Das Haus nun, in dem ich mich befand, hatte, abgesehen von einem [86] Hinterraume, in dem für diese Nacht die Familie zubrachte, und außer dem Weiberzimmer weiter kein Gelaß. Ordnungsmäßige Küchen, Waschräume, Keller und der Art mehr, wie wir es zum Comfort für unerläßlich halten, giebt es nicht. Ein Speicher ist nicht möglich, da sämmtliche Häuser nicht bloß einstöckig, sondern da sich über der Mattenbedeckung des einen Hauptzimmers gleich das flache Hausdach ausbreitet, nicht etwa mit Zink oder Schindeln gedeckt, sondern einfach mit Erde und Unrath vollgehäuft. Die Hausthüre führt sofort in das Zimmer, wie es der beifolgende Holzschnitt zeigt, einen Raum von etwa 16 Fuß Breite bei 18 Fuß Länge. Die Wände sind schmutzig weiß getüncht und mit Verschlägen und Wandschränken zur Aufbewahrung der geringen Habseligkeiten der Einwohner versehen. Ornamentenluxus ist fast nur am Kamin angebracht. Der Boden besteht aus fester Lehmmasse, auf den man gleich an der Thüre zu treten genöthigt ist. Nur in der Tiefe des Zimmers befinden sich Matratzen und Teppiche, erstere, wie rechts auf dem Bilde zu sehen ist, dünn und mit Seidenstoff überzogen, die Teppiche persisches Fabrikat.

Während unsere Mannschaften vor der Hofthür unter freiem Himmel campirten, wurde also für meinen Beamten aus Eriwan und mich das Zimmer hergerichtet. Sage ich hergerichtet, so hat man unter dieser „Herrichtung“ nichts Weiteres zu verstehen, als daß man mir noch einen feinen, buntfarbigen persischen Teppich zum Zudecken hereinbrachte. Mein Gefährte saß inzwischen mit dem Armenier und dessen Sohne im eifrigsten politischen Gespräche in einer Ecke und ließ sich von Beiden auseinandersetzen, wie gern sie russisch würden, um für ihren Handel und ihre Personen eines gesetzlichen Schutzes theilhaftig zu werden, denn die Muselmänner verfolgten sie auf das Zügelloseste, rein nach Launen und Willkür. Vater und Sohn waren ihrer ganzen Erscheinung nach interessant genug, daß ich die Zeit benutzte, um Beide, sicherlich ohne daß sie eine Ahnung davon hatten, zu zeichnen.

Endlich war es Schlafenszeit. Da ich der Abendkost und dem Wasser nicht zusprechen mochte, mußte ich mich entschließen, hungrig schlafen zu gehen, wozu ich übrigens auf meinen Reisen im Kaukasus häufig genug gezwungen war. Unsere Wirthe verließen uns, ich streckte mich behaglich aus, zog mir den persischen Teppich, der nach den feinsten Parfüms duftete, bis über die Ohren und fiel bald in süßen Schlaf. Aber es mochte kaum Mitternacht sein, als ich durch das Knacken eines Pistolenhahns in meiner Nähe geweckt wurde. Das Licht brannte noch, und als ich mich orientirt hatte, sah ich, daß mein Eriwanscher Schlafgefährte bereits auf den Beinen und mit seinen Waffen wohlversehen unter der Schießscharte so hingekauert stand, daß ihn weder Wurf noch Schuß von außen erreichen konnte. „Was ist?“ fragte ich ihn in gebrochenem Russisch, doch bedeutete er mich, nur zu schweigen. Was er mir zuflüsterte, vermochte ich nicht zu verstehen. Daß wir bei der großen Nähe des Lagers innerhalb des Hauses eines angesehenen Kaufmanns in ernstlicher Gefahr sein könnten, war mir undenkbar. Ich versuchte deshalb wieder einzuschlafen, aber Hunderte von gierigen Flöhen, die rege geworden waren, ließen das auch nicht für einen Moment zu. Was half alles Wenden und Drehen und Kratzen und Werfen? Das Tagesgrauen stahl sich durch die Fensteröffnung, und ich hatte mich von Mitternacht ab vergeblich bemüht, meine Ruhestörer zu verscheuchen. Möchte ich nie wieder eine Nacht unter diesem ambraduftigen Perserteppich zubringen müssen, war mein Morgenwunsch, als ich mich erhob und meinen Nachtgefährten antrieb, für unsere Abreise Sorge zu tragen. Er war schnell munter, sah sich besorgt um und rief dann mit beruhigtem Tone: „Gott sei gedankt! Nacht und Gefahr sind vorüber!“ Mehr von den vielen Redensarten, mit denen er mir begreiflich machen wollte, daß unser Leben nur durch einen Zufall gerettet sein könne, verstand ich nicht, sondern vollendete die Skizze des Gemaches, in dem ich übernachtet hatte, und war damit eben fertig, als der Thürvorhang sich öffnete und eine der Töchter unseres Wirthes, die schlanke Aleika, unverschleiert hereintrat, um den Teppich wieder weg zu holen und einige andere Kleinigkeiten mitzunehmen.

Mein ganzes Leben hindurch werde ich der wunderbaren Anmuth, des ganz unbeschreiblichen Liebreizes der jungen Armenierin mit Vergnügen mich erinnern. Sie mochte zwischen dreizehn und vierzehn Jahren sein, also gerade in dem blühendsten Alter der Orientalinnen, und ich bekenne aufrichtig, daß ich niemals etwas vollendeter Schönes gesehen habe, solche süße Frische und Zartheit, solche reine und weiche Färbung der Haut, solche zu zärtlichen Liebesblicken wie geschaffene Augen, scharf und auf das Zierlichste von den schwarzen Brauen überwölbt. Dabei ließ mich die leichte Morgenkleidung deutlich das vollkommene und unsäglich reizende Ebenmaß ihrer Figur erkennen. Um den Kopf hatte sie ein seidenes Tuch so nachlässig anmuthig geschlungen, wie es die raffinirteste Koketterie nicht hätte ersinnen können, und unter dem Tuche hervor quoll das glänzend schwarze und in reichen Linien niederwallende Haar lose bis zu den Knieen herab. Ich erlaubte mir nur verstohlen über mein Skizzenbuch, das ich wieder zur Hand genommen hatte, nach ihr hin zu blicken und war überrascht über das feine, kleine Näschen, während doch sonst die Armenierinnen die gebogene Nase der Jüdinnen haben. Das Kleid oder vielmehr das seidene Hemd, das sie trug, war nach orientalischer Sitte vorn geschlitzt, so daß die Mitte der Brust unbedeckt war. An den Knieen war es lose festgebunden, aber es stand ihr vortrefflich, ebenso wie die weiten rothen Hosen und die gelben Pantöffelchen.

Seh’ ich Deine kleinen Füßchen an,
So begreif’ ich nicht, Du holdes Mädchen,
Wie sie so viel Liebreiz tragen können,

dachte ich mit Mirza-Bodenstedt und ließ meine Augen ihre Bewunderungs- und Huldigungsreise ungestört fortsetzen. Ich darf sagen ungestört, denn mich würdigte das reizende Kind auch nicht eines Blickes. Sie ging im Zimmer hin und her, als ob ich gar nicht da sei, und nur als sie mit unnachahmlicher Grazie sich an einem der Wandschränke auf den Zehen emporhob, um irgend Etwas bester hervorlangen zu können, warf sie einen flüchtigen, aber so mächtigen Blick ihrer Houriaugen auf mich, daß es mir war, als erhielte ich einen körperlichen Eindruck davon. Dieser Blick war aber auch wirklich der einzige, dessen sie mich würdigte. Wieder davonschwebend ergriff sie noch den Perserteppich, unter dem ich geschlafen hatte, und schüttelte ihn mit einer Gebehrde aus und faltete ihn mit einem Unwillen zusammen, daß es mir plötzlich klar wurde, es war ihr Teppich, es war die Decke, auf der ihre zarten Glieder Nachts zu ruhen gewohnt waren und dessen sie sich nur diese Nacht zu meinen Gunsten hatte berauben lassen müssen. Die nächste Nacht sollte er wieder ihre edlen Formen einhüllen. Ich dachte an meinen übereilten Morgenwunsch und machte mich auf, um nicht noch mehr übereilte Morgenwünsche in mir aufkeimen zu lassen.

Werfen wir einen Blick auf unser Bild. Die männlichen Figuren desselben sind der armenische Kaufmann und sein Sohn, beide in türkischen Costümen, nur die Kopfbedeckung ist die hohe, weiße armenische Filzmütze, umwunden mit roth und blau geblümten Tüchern. Das Mädchen trägt ein weißes Tuch über den Kopf geworfen, die Aermel sind ebenfalls weiß, das Kleid ist von schwarzem Sammet und mit Goldlitzen in türkischem Geschmacke besetzt. Die Hosen sind aus leichtem Seidenstoffe und von rother Farbe, die Füße nackt, denn beim ungenirten Verweilen im Hause werden die Pantoffeln meist geschont. Während Vater und Sohn getreu nach der Natur gezeichnet sind, habe ich die Tochter so hinzugefügt, wie sie im Hause gekleidet zu sein pflegt. Alle sind das, was wir Naturkinder zu nennen pflegen, denn von der Unmasse unserer europäischen Bedürfnisse hat man hier keinen Begriff. Bis auf die Unterschiede, welche das armenische Christenthum nothwendig mit sich führt, sind Leben und Gebräuche wie in der Türkei. Die Frauen zeigen sich nie, und es war ein Glücksfall, daß wir ihre Bekanntschaft machten.

Aleika war meinen Blicken entschwunden, ich durfte nicht erwarten, sie noch einmal zu sehen, und wollte auch Nichts dazu thun. Deshalb hielt mich nun Nichts mehr. Ich trat vor das Haus und trieb meine Leute an, alles zur Abreise Erforderliche zu beschleunigen. Dem Vater Aleika’s bot ich für gastliche Bewirthung einige Goldstücke, die er aber anzunehmen verschmähte. Er hatte mir zugesagt, mich auf dem Ritt in’s Lager begleiten zu wollen; als ich im Sattel saß und nach ihm umsah, war er schon an meiner Seite – und nun ging es schneller fort, als mir nach den Strapazen der letzten Tage lieb war. „Fahr wohl, holdselige Aleika!“ dachte ich, als ich dem Hause Valet sagte, „und möge der armenische Jüngling, der Dich früher oder später heimführt, möglichst wenige der Charaktereigenthümlichkeiten seines Volkes haben.“