In und um Tirols Oberammergau/1.

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Autor: Bernhard Heinzig
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Titel: In und um Tirols Oberammergau/1.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 501–504
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: In und um Tirols Oberammergau (1.)
2. „Auf den Bergen die Burgen“ und Notburga’s Ruhm und Preis
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[501]
In und um Tirols Oberammergau.
1. Das Passionsspiel zu Brixlegg.


Es ist außerordentlich wohlthuend, von einem Völkchen, das wir Alle lieb haben, das durch sein Land, seine Geschichte, seine Sitten, Tracht, durch sein kerniges, ursprüngliches Wesen uns zu sich hinzieht und über das dennoch seit langer Zeit so viel des Betrübenden, Besorgniß und Bedauerniß Erregenden berichtet wird, endlich einmal wieder Etwas zu erfahren, das Zeugniß für die Unverwüstlichkeit einer von Haus aus gesunden Volksseele ablegt.

Daß es dem Alpenvolk Tirols nicht an Begabung fehlt, daß es nur unter allzulang geübter geistiger Verwahrlosung leidet, ist allbekannt. Trotz des besten Willens von gewisser Seite, Alles, was wie „irdische Lust“ aussieht, mit Stumpf und Stiel auszurotten, ist dies doch noch nicht in dem Maße gelungen, daß nicht wohlhabendere Thäler, in welche die Sonne breiter hinein scheinen kann, sich die Freude an allerlei Künsten bewahrt hätten. Zurückgegangen ist freilich Vieles. So wissen wir, daß eines der Kennzeichen der geistigen Frische des Gebirgsvolks, das Schnaderhüpfl-Improvisiren sammt diesem lebensvollen Volksgesang selbst, aus vielen Thälern, wo beides früher blühte, verschwunden und nur in wenigen noch erhalten ist; aber erhalten ist es eben doch noch, und ebenso steht der alte Sängerruf der Tiroler wenigstens in der Fremde noch aufrecht; und daß auch in anderen Künsten, wie in der Bildschnitzerei, Gepriesenes in Tirol geleistet wird, gehört ja auch zu den tröstlichen Anzeichen der noch nicht ganz ruinirten Gesundheit der alten Volksseele. Das beste Zeugniß für dieselbe ist die erst jetzt auch außerhalb Tirols allgemeiner bekannt werdende Begabung des dortigen Landvolks für mimische Kunst und die sich rasch verbreitende Liebe zu theatralischen Darstellungen. In fast allen größeren Tiroler Dörfern findet man Bauernkomödien, welche Rittergeschichten, Heiligengeschichten, Possen zur Darstellung bringen. „Des Judenwirths Roßknecht“, welcher in der Gartenlaube erst jüngst (Nr. 22) als „ein Bauerndramaturg im Hochgebirge“ unsern Lesern vorgestellt worden ist, hat seine Bühne in Brixlegg im Saale des Gasthauses zum goldenen Hirsch aufgeschlagen.

In früherer Zeit waren auch die Passionsspiele in Tirol ziemlich allgemein verbreitet; sie wurden aber theils wegen der in sie eingelegten, die Leidensgeschichte profanirenden, burlesken Rollen, theils wegen ihrer Ausartung in Rohheit mit obligater Schlägerei verboten, und bekanntlich blieb als Ueberrest aus alter Zeit nur das Passionsspiel zu Oberammergau in Oberbaiern. Seit dem Jahre 1868 hat man nun auch die Aufführung von Passionsspielen wieder vorgenommen, und zwar wiederum in Brixlegg.

Dieser Fortschritt und Erfolg des Unternehmungsmuthes ist wahrhaft erfreulich. Der alte Tirolerfreund Ludwig Steub, der nach früherem vergeblichem Trachten darnach gerade im Eröffnungsjahre des Passionsspiels in Brixlegg eine schöne Unterkunft fand, drückt seine Genugthuung darüber sogar in den tiefgefühlten Worten aus: „Hin und wieder geschieht es doch, daß dem Menschen schon hienieden ein Wunsch in Erfüllung geht.“ Und mit ehrlichstem Wohlgefallen hat er dann der ersten Passionsaufführung beigewohnt.

Ich lasse hier das reizende Brixlegg, wie seine nächste und weitere Umgebung ungeschildert, um der Passionsaufführung unsere Aufmerksamkeit ausschließlich zuzuwenden. Nur Das möchten wir noch vorausschicken, daß die Lage von Brixlegg in dem gesegneten Unterinnthale und an der Eisenbahn von Kufstein nach Innsbruck, sowie an der Mündung volkbelebter Thäler, wie des Ziller- und Alpbachthals, den dortigen Passionsspielen nicht nur ein starkes Publicum aus der Nähe sichert, sondern auch aus weitester Ferne leichter zuführt, als dies für das vom Weltverkehr abgelegene Oberammergau möglich ist. Wie da, sind auch dort die Spieltage große Volksfesttage, welche mit Musik begrüßt, gefeiert und beschlossen werden.

Der erste Festmorgen ist da. Schon um sieben Uhr wimmeln die Gassen und rauscht die Musik. Den Beginn des Spiels verkünden drei Kanonenschüsse. Da eilen auch wir zur Brücke am Alpbach, denn dort ist für die Passionsspiele aus Brettern in großem Maßstabe ein Theatergebäude in Gestalt eines Rechtecks von achtundvierzig Fuß Breite und hundertzweiundfünfzig Fuß Länge erbaut, welches gegen dreitausend Personen faßt, obwohl Bühne und Orchester fast ein Drittheil des ganzen Gebäudes in Anspruch nehmen. Zwei Logen und gegen rückwärts sich zweckmäßig erhöhende Sitzbänke bilden die verschiedenen Rangclassen der Plätze.

Die Bühne und der Zuschauerraum sind vollständig gedeckt, sodaß man gegen Sonne und Regen geschützt ist, ein entschiedener Vorzug vor der Anlage des Oberammergauer Theaters. Vor der Mittelbühne ist ein geräumiges Proscenium angelegt, an dessen beiden Seiten die Häuser des Pilatus und des Hohen Priesters sich finden. Um Licht auf die Bühne zu bringen, hat man das Dach über dem Proscenium erhöht und mit Glas gedeckt. Zu beiden Seiten der Mittelbühne laufen Seitengassen aus, deren Wände entsprechend bemalt sind. Der innere Vorhang enthält ein perspectivisches Gemälde der Stadt Jerusalem und bildet den geeignetsten Hintergrund der Vorbühne, auf welcher gespielt und gesungen wird, während gleichzeitig hinter demselben das Stellen der lebenden Bilder, die Verwandlung der Decorationen für die nächste Vorstellung vom Publicum ungesehen vorgenommen werden kann.

Der äußere Vorhang stellte 1868 nach L. Steub’s Schilderung „das Dorf Brixlegg mit seiner Kirche, dem Herrenhause und anderen namhaften Gebäuden, den Hüttenwerken, dem Bahnhof und zwei dampfenden Zügen, sowie die gesammte Berglandschaft wahrheitsgetreu vor Augen.“ Er bittet um milde Beurtheilung desselben, da Anton Windhager, damals Gehülfe im nahen Bade Mehren, ihn umsonst gemalt habe. Die übrigen Decorationen stammten damals von Franz Staudacher, Tischlermeister und Maler zu Rattenberg, her.

Jene erste Aufführung hatte die Finanzen der Gesellschaft in den Stand gesetzt, für die Aufführung von 1873 nicht nur das Theatergebäude zu erweitern und zu verbessern, sondern auch namentlich für Decorationen und Costüme bedeutende Summen zu verwenden. So sind die Decorationen von einem der gesuchtesten Theatermaler Tirols, Joseph Bartinger in Innsbruck, gefertigt, und die prachtvollen Costüme, ganz wie in Ammergau nach den Gemälden Albrecht Dürer’s ausgeführt, hat man von Fumagalli in Innsbruck für viertausend Gulden angekauft. Bei dieser Gelegenheit mag gleich bemerkt werden, daß die Verwaltung des Theaters in den Händen eines Comités liegt. Die Proben leitet ein schlichter Bauersmann Andrä Obinger.[1] Musik und Chor dirigirt ebenfalls ein Dilettant, Dr. Leiter, ein Beamter bei der Servitutenablösungscommission aus dem nahen Rattenberg. Aller fünf Jahre sollen Passionsspiele veranstaltet werden; für 1873 hatte man alle Montage der Monate Juni, Juli, August und September festgesetzt und das Spiel begann Vormittags halb zehn Uhr und dauerte, durch eine anderthalbstündige Pause unterbrochen, bis Nachmittags fünf Uhr. Derartigen Anordnungen ist, wenn sie sich einmal bewährt haben, ihr Bestand auch für die künftigen Zeiten gesichert.

Was nun Text und Musik zum Passionsspiel betrifft, so ist Beides in Oberammergau für dreihundert Gulden angekauft worden.[WS 1] Es hat mir aber geschienen, als ob ersterer an Schwung der Sprache und Adel des Ausdrucks dem zu Oberammergau bedeutend nachstehe. Entweder haben die Ammergauer den Concurrenten in Brixlegg ihren Text nicht in seiner letzten vollkommenen Gestaltung abgetreten oder die Brixlegger Acteurs haben ihn für sich mundrecht gemacht. Denn derartige landläufige Ausdrücke, wie sie Pilatus den Juden gegenüber gebraucht: „Nun, so geht und laßt mich in Zukunft ungeschoren!“ kamen in Ammergau nicht vor. Ebenso hatte man in Ammergau störende sprachliche Incorrectheiten, wie Verwechselung der Casus, schlechte Aussprache der Vocale, worin besonders der Chorführer etwas [502] leistete, starkes Hervortreten des Dialektes etc., nicht zu bemerken Gelegenheit. – Der musikalische Theil des Passionsspiels steht dem zu Ammergau würdig an der Seite, wenn er denselben nicht gar übertrifft. Der

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Schloß Matzen.
Nach der Natur aufgenommen von R. Püttner.

Gesang ist entschieden besser; er wird zum größten Theile von Innsbrucker Gesangskräften vorgetragen.

Das Passionsspiel zerfällt bekanntlich in drei große Aufzüge mit sechszehn Scenen oder „Vorstellungen“ – und jede Vorstellung besteht aus drei vereinigten Theilen unseres modernen Bühnenwesens: sie ist Oper in den Arien, Duetten und Gesammtgesängen des Chors; sie ist Schauspiel in den gesprochenen Scenen der eigentlichen Handlung; und sie ist, sozusagen, reine Mimik in den zwischen die Vorträge des Chors und die dramatischen Scenen eingeflochtenen lebenden Bildern aus der Geschichte des alten Testaments, welche deshalb angebracht sind, um deren inneren allegorischen und prophetischen Zusammenhang mit der Passion zu zeigen. Eine ausführliche Schilderung des Passionsspiels, nach einer Oberammergauer Aufführung, hat Herman Schmid in Nr. 34 und 35 der Gartenlaube von 1860 mitgetheilt.

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Brixlegg
vom Bahnhof aus gesehen.
Nach der Natur aufgenommen von R. Püttner.

Nachdem die Ouverture beendet und der äußere Vorhang aufgezogen ist, so daß wir die zweite Gardine mit dem Bilde von Jerusalem, welche das Proscenium abschließt, vor uns haben, treten von beiden Seiten die entsprechend costümirten Schutzgeister hervor; in der Mitte derselben erscheint der Chorführer oder Prologsprecher, welcher declamatorisch das jeder Vorstellung vorhergehende, den alttestamentlichen Typus zu derselben bietende lebende Bild erklärt, worauf die Schutzgeister in Solo- und Chorgesängen diese Erklärung fortführen und beenden. In der Regel hebt sich schon am Ende der Declamation des Chorführers der Vorhang der eigentlichen Bühne, auf welcher die lebenden Bilder gestellt sind, weshalb dann die singenden Schutzgeister, um die Aussicht [503] auf die Bühne nicht zu beeinträchtigen, sich zu beiden Seiten der geöffneten Bühne aufstellen; nach Beendigung ihres Gesanges und vor dem Beginne der Handlung selbst gehen sie zu beiden Seiten ab.

Die Zahl der singenden Schutzgeister in Brixlegg ist zwölf. Die lebenden Bilder unterscheiden sich von denjenigen, welche man gewöhnlich

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Rattenberg am Inn.
Nach der Natur aufgenommen von R. Püttner.

sieht und wie man sie auch in Ammergau fand, dadurch, daß einzelne Personen sich marionettenartig bewegen und so dem Bilde größere Deutlichkeit und mehr Leben geben. So wird z. B. bei dem Vorbilde zum Verrathe des Judas „der Verkauf des Joseph durch die Brüder“ vollständig mimisch dargestellt. Joseph wird zunächst aus der Grube herausgezogen, hierauf von den mittlerweile kommenden Kaufleuten betrachtet und, nachdem Juda durch Handschlag den Handel abgeschlossen und ein anderer Bruder das Kaufgeld in Empfang genommen hat, abgeführt. Bei dem Typus auf den Tod Christi, „der Brudermord des Kain“, knieen zunächst beide Brüder betend vor ihren Altären, von denen der Rauch aufsteigt; hierauf springt Kain auf und schlägt seinen Bruder todt. Diese Art der Darstellung lebender Bilder ist wahrscheinlich aus den weltlichen Komödien herübergenommen, bei welchen jedesmal der ganze nachfolgende Act von denselben Personen, die auch bei der wirklichen Handlung auftreten, mimisch vorgeführt wird.

Was die einzelnen Rollen anlangt, so ist die Judasrolle die schwierigste. Sie ist, da dem Judas in der Bibel wenig Worte

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Blick auf Rattenberg von der Veste aus.
Nach der Natur aufgenommen von R. Püttner.

in den Mund gelegt werden frei bearbeitet und psychologisch fein angelegt. Judas wird durch den Geiz ganz gegen sein besseres Ich dem Meister Schritt für Schritt entfremdet, bis er endlich den Verrath selbst ausführt. Er zeigt seinen Geiz zuerst bei der Salbung Jesu durch Magdalena; später tritt er allein auf und entwickelt in einem Monolog, daß, da Christus, wie sich immer mehr zeige, doch kein irdischer König werde, der ihm eine gute Versorgung für sein Alter verschaffen könne, er doch am besten thue, ehe noch der Haß der Juden auch die Jünger treffe, sich zurückzuziehen. Ein Mitglied des hohen Raths bringt ihn dann unter Versprechung glänzender Aussichten in die Zukunft und durch das Versprechen der dreißig Silberlinge zum Entschlusse des Verraths, den Judas unter der Bedingung zusagt, daß man Christo nicht an’s Leben gehe. Er wird hierauf in die Versammlung des hohen Raths geführt, wo er mit sichtlicher Hast das Geld in Empfang nimmt. Später erscheint er noch beim Abendmahl, sodann am Garten Gethsemane, wo er Christum den Feinden überliefert. Nachdem Christus zum Tode verurtheilt ist, tritt bei Judas die Reue ein. Das Geld, nach dem vorher sein ganzes Streben ging, verursacht ihm die größte Qual; er stürzt mit demselben herein in die Versammlung des hohen Raths und wirft es hin mit den Worten: „Da nehmt das verfluchte Geld zurück und gebt ihn los!“ Später tritt er nochmals allein im Zustande der Verzweiflung in einer wüsten Felsengegend auf und spricht einen ergreifenden Monolog. Schließlich will er, nachdem er den Tag seiner Geburt verwünscht, an einem auf der Landschaft stehenden Baume seinem „verfluchten Leben“ ein Ende machen. Da fällt der Vorhang.

Die Judasrolle ist gut besetzt in der Person des Wachtmeisters vom Hüttenamt zu Brixlegg, Anton Unterberger; besonders ist seine Mimik eine ganz vorzügliche. Sein Costüm ist gelbroth, ebenso Bart und Haar, und giebt seiner Erscheinung schon insofern etwas Abstoßendes.

Nicht minder gut wird die Christusrolle von einem Schauspieler Georg Bachmeier, angeblich aus Freising, gespielt, der auch völlig dialektfrei spricht. Der Text für seine Rolle ist größtentheils biblisch; übrigens strengt die Christusrolle physisch [504] am meisten an. Die Kreuztragung, die Kreuzigung, wobei Christus doch mindestens fünfzehn Minuten am Kreuze hängt, und die Abnahme vom Kreuze sind mit starker körperlicher Anstrengung verbunden.

Die Petrus- und Johannesrollen sind mit zwei Hüttenarbeitern aus Brixlegg, Johann Georg Huber und Johann Eger, besetzt; sie bieten wenig Erwähnenswerthes. Eine Art Mephistorolle spielt ein Mitglied des hohen Rathes, Moloch mit Namen, der, an Geist den übrigen Rathsmitgliedern weit überlegen, in der Versammlung die besten Rathschläge zum Untergange Christi zu geben weiß, der den Judas gewinnt, den Pöbel gegen Christum aufhetzt, Joseph von Arimathia und Nicodemus, die gegen das Todesurtheil sprechen, so weit bringt, daß sie die Rathsversammlung verlassen, der endlich Christus am empfindlichsten zu verspotten weiß. Auch diese Rolle ist gut besetzt.

Unter den Frauenrollen steht die der Maria obenan. Sie wird gespielt von Marie Gutveger, einer Müllerstochter aus Brixlegg, und hat nur Schmerzensscenen zur Darstellung zu bringen. Eine hübsche Erscheinung ist die Magdalena. Eine Rolle, welche man in Oberammergau bei der letzten Vorstellung weggelassen hat, die der heiligen Veronica, welche nach der Legende dem Herrn auf dem Kreuzeswege den Schweiß vom Gesichte abtrocknete und später auf ihrem Tuche das Bild des dornengekrönten Hauptes Christi erblickte, ist in Brixlegg beibehalten worden. Auf die übrigen Rollen einzugehen, würde zu weit führen.

Manche Vorstellungen werden, wie in Ammergau, mit Aufbietung eines zahlreichen Personals gegeben. Ich erinnere nur an den Einzug, die Gefangennahme Christi, die Verhöre vor den Hohenpriestern und dem Pilatus, den Kreuzesgang Christi, wobei Greise, Weiber und Kinder jeden Alters auftreten. Besonders anschaulich sind: die Austreibung der Wechsler und Taubenkrämer, wobei den Letzteren die Tauben von der Bühne aus fortfliegen, die in parlamentarischer Ordnung verlaufenden Verhandlungen des hohen Raths, das Passahmahl und die Fußwaschung, zu welcher letzteren, da dabei wenig gesprochen wird, der Brixlegger Dirigent eine besondere musikalische Einlage componirt hat, und die Kreuzigung, die freilich in ihrem ganzen Verlaufe, wie sie dargestellt wird, nach den Gesetzen der Aesthetik nicht auf die Bühne kommen dürfte.

Bei einem Vergleiche der Brixlegger Passionsspiele mit denen zu Ammergau ergiebt sich das Resultat, daß erstere diesen noch nicht ganz ebenbürtig sind. Die Haltung der Spieler in Ammergau ist noch eine würdigere, das Zusammenspiel ein präciseres, die Auffassung der Rollen bei allen Spielen eine tiefere und innigere. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß das Brixlegger Passionsspiel deshalb noch gar nicht sehenswerth sei. Derjenige Besucher, der eine derartige Bühnenleistung noch nicht zu sehen Gelegenheit hatte, wird sicher ganz befriedigt das Theater zu Brixlegg verlassen. Nur muß er bei Anlegung des kritischen Maßstabes immer bedenken, daß die Spieler größtentheils Bauern sind und Kunstleistungen zur Darstellung bringen, die ihrer Entstehung nach dem Mittelalter angehören, die aber gerade deshalb mit dem gegenwärtigen Volksleben in Tirol in vollem Einklange stehen.[2]

Bernhard Heinzig.




  1. In demselben haben wir auch unsern „Bauerndramaturg im Hochgebirg“ vor uns, dessen Name in jenem Artikel ungenannt geblieben ist. Herr Obinger schreibt uns selbst, daß er 1870 aus Gefälligkeit die Führung und Besorgung der Laufpferde des Judenwirths übernommen und zwei und ein Viertel Jahr behalten, bis das Passionsspiel ihn ganz in Anspruch genommen. Director des dortigen Localtheaters sei er schon seit siebenundzwanzig Jahren.
    Anmerk. d. Red.
  2. In einem zweiten Artikel werden wir Brixlegg und seine nähere Umgebung schildern und damit die Erklärung von Stadt und Veste Rattenberg, Burg Matzen etc. verbinden.
    Anmerk. d. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. vergleiche die dazugehörige Berichtigung