Kaiser Otto der Dritte

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Autor: Karl Ludwig von Woltmann
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Titel: Kaiser Otto der Dritte
Untertitel:
aus: Neue Thalia. 1792–93.
1792, Erster Band,
S. 393–412
Herausgeber: Friedrich Schiller
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1792
Verlag: G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung
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[393]
VII.
Kaiser Otto der Dritte.

Der Sächsische Kaiserstamm, welcher mit Heinrich so schön aufsproßte und beym Antritt der Regierung Otto’s des zweiten in der vollsten Blüthe stand, vergieng schon mit dem Sohne des letztern; denn Heinrich der zweite war ein unfruchtbarer Nebensprößling. Italien war die einzige Ursache davon, so wie überhaupt die Verbindung zwischen demselben und Deutschland unsägliches Unglück über unser Vaterland brachte. Ueber Italien vergaß Otto der Große, wie er gekonnt hätte, für dieses zu sorgen; und seine beiden Nachfolger, welche durch ihre großen Talente es um zwei Jahrhunderte hätten weiter bringen können, fanden ein frühes Grab durch italiänische Ränke; Otto der Dritte [394] vielleicht durch italiänisches Gift. Eine Empörung verdrängte die andre in Italien: seufzend rief es die Deutschen zur Rettung herbei, aber man hat ganz Recht, es der Hyäne zu vergleichen, welche mit Mitleid erregender Stimme den Schäfer herzulockt, um ihn zu zerreißen. Und was gewannen wir durch diese Verbindung? Wären wir dadurch nicht vertrauter mit den Schätzen des Alterthums geworden, wahrlich, so wäre wenig für deutschen Geist dabei gewonnen; er ist so verschieden vom italiänischen, daß er sich eher an dem Genie jeder andern Nation hätte aufrichten können. Hiezu kam in jenen Jahrhunderten noch die Todfeindschaft, welche politische Verhältnisse zwischen beiden Nationen hervorbrachten: sie glichen zwei Menschen, welche sich tödtlich hassen, aber doch nicht von einander getrennt bleiben können, der eine will sich an dem andern reiben, der eine dem andern seine Uebermacht fühlen lassen. Deutscher Sinn aber, deutsche Redlichkeit konnte verdorben werden durch die Gemeinschaft mit einem [395] Lande, wovon der ehrliche Ditmar im zehnten Jahrhunderte sagt: wohl nennen wir jene Gegenden die occidentalischen, denn wie die Sonne dort niedersinkt, so geht da auch alle Tugend und Redlichkeit unter!

Als Otto der Zweite im Jahr 980 nach Italien gieng, ahndete ihm vielleicht sein trauriges Schicksal, denn er ließ seinen Sohn vorher zum Könige wählen und übergab ihn den Erzbischoff Warin von Kölln zur Erziehung. Was half ihm sein Muth und seine Kraft? So wie er sich einen Sieg erfocht, ward er ihm vom Schicksal entrissen, welches Menschen von großer emporstrebender Seele sich am liebsten zur Verfolgung erwählt, um ihnen zu zeigen, daß es doch stärker sey, als alle menschliche Kraft. Als Otto 983 starb, war sein zum Nachfolger bestimmter Sohn kaum im vierten Jahre; dennoch ward er sogleich zu Aachen vom Erzbischoff Willigis von Mainz gekrönt, einem Manne von unermüdeter Thätigkeit, welchen nie Privateigennutz und Begierde, seine Kirche zu [396] vergrößern, dahinriß, der mit unverwandtem Blick auf das Ganze sah und festhielt bei dem einmal gegebenen Worte. Man freut sich, auf einen Mann von so ächtem Gemeinsinn zu treffen, in einem Lande, wo dieser eine so seltene Erscheinung ist, zu einer Zeit, wo ein solcher Geist höchstes Bedürfniß war. Wer sollte während der Minderjährigkeit des jungen Königs die Regierung führen? Großmutter und Mutter stritten sich darum. Adelheit von Burgund konnte noch nicht vergessen, daß sie einen Mann, wie Otto den Großen beherrscht hatte, daß sie unter der Regierung ihres Sohns einer jüngern Nebenbuhlerinn, seiner Gemahlinn Theophania, einer griechischen Prinzessinn das Gleichgewicht hielt. Beide waren schlau, beide ihren Männern weit an Kultur überlegen, beide schön und regiersüchtig in einem Grade, wie es selten weibliche Seelen sind. Durch das Herrschen schienen sie sich entschädigen zu wollen für die Freuden eines üppigen Hofes, welche sie verließen, um halben Barbaren zu befehlen. Allein, die [397] Szene veränderte sich bald, indem ein dritter dazwischen kam, Herzog Heinrich von Baiern, eine von den unruhigen Seelen, welche ihr ganzes Leben mit Zänkereien zubringen, um im Alter was zu haben, das sie pietistisch bereuen können. Wegen ewiger Streitigkeiten war er seines Herzogthums entsetzt und hatte zu Utrecht unter der Aufsicht des Bischoffs Poppo leben müssen: kaum war er seit einiger Zeit wieder frei gelassen von Otto dem Zweiten, so entspann er jetzt ein Gewebe, dessen Fang wahrscheinlich die Kaiserkrone seyn sollte. Ein Geistlicher half es knüpfen, aber ein Geistlicher zerstörte es auch wieder. Der Erzbischoff Warin war treulos genug, ihm den jungen König auszuliefern. Die Nachricht davon war ein schrecklicher Schlag für Theophania, denn alle ihre schönen Träume vom Regieren waren dahin, Heinrich mochte nun während Otto’s Minderjährigkeit als nächster männlicher Verwandte die Regierung verwalten wollen, oder im Sinn haben, sich selbst die Königskrone aufzusetzen. Die Kaiserinn [398] eilte voll Betrübniß nach Pavia, wo Adelheid lebte: jetzt keine Nebenbuhlerinnen mehr, gesellten sie sich gerne zu einander und schöpften desto mehr Trost aus ihrem gegenseitigen Umgange, da ihr Mißmuth aus einerlei Quelle floß.

Heinrich ward indeß zu Quedlinburg von einigen Fürsten zum Könige ausgerufen, andre aber vergaßen nicht sobald des Eides, welchen sie dem Enkel Otto’s des Großen geschworen hatten. Sie giengen seitwärts nach Hesseburg und schlossen da einen Bund, standhaft ihren geschwornen Eid zu erfüllen: Erzbischoff Willigis von Mainz, und der tapfere Markgraf Eckhard von Meissen, waren die Häupter desselben, und ihnen muß man es zuschreiben, daß alle Ueberredungskünste der andern Parthie vergebens waren. Durch Willigis Betriebsamkeit kam es zu einer Zusammenkunft zu Mainz, wo er mit einem solchen Muth und Feuer sprach, daß Heinrich selbst gerührt ward und versprach, den königlichen Titel wieder abzulegen, [399] und an einem Orte, der Rara hieß, am dritten Julius den Sohn seiner Mutter wieder zu schenken. Mit welcher Ungeduld flog diese nach Deutschland! Selbst Adelheid verließ ihr geliebtes Italien, denn vielleicht konnte ja ein Theil der Regierung ihr zufallen.

Willigis verband durch seinen edlen Gemeinsinn die deutschen Fürsten auch gegen Frankreich. Der König Lothar, welcher in Lothringen eingefallen war, um die Kindheit Otto’s des Dritten zu benutzen, ward zurück getrieben. Eben so glücklich ward gegen die Slaven gefochten, welche noch nicht vergessen konnten, daß es der Großvater des jungen Königs war, welcher ihnen ihre Freyheit geraubt hatte. Deutschland fühlte sich glücklich unter Theophania’s Szepter, welche von Willigis geleitet mit männlichem Muthe und Bescheidenheit regierte. Ihre ganze mütterliche Sorgfalt wandte sie auf die Erziehung ihres Sohns, aber sie dachte nicht daran, daß sie durch die gar zu große Ausbildung [400] seiner Talente den Grundstein zu seinem Unglück lege. Welche Wonne für sie, wenn seine feurige Phantasie, genährt durch die lateinischen Dichter, ihn lehrte, in seinen Kinderspielen Szenen aus den Zeiten des alten Roms zu wiederhohlen! wenn er griechisch sprach, wie es an ihrem väterlichen Hofe gesprochen ward, wenn der Knabe mit seinem Lehrer Gerbert, welcher seiner vielen Kenntnisse wegen der Magier hieß, so gelehrt schwatzte, daß seine Unterthanen ihn selbst für einen Magier halten mußten! Ein Glück für sie, daß sie bald genug die Welt verließ, um die traurigen Früchte ihrer Erziehung nicht zu erleben. Nach ihrem Tode (990) eilte die Großmutter wieder herzu und hoffte, durch ihren Enkel zu herrschen; aber der Knabe war schon zu klug geworden, er schickte sie bald wieder hinweg.

Wir wissen wenig von Otto’s Regierung von Theophania’s Tode bis zu seinem fünfzehnten Jahre. Er focht siegreich gegen die aufrührerischen Böhmen und unterjochte [401] sie von neuem; übrigens war er noch zu jung um diese Zeit, als daß er selbst hätte regieren sollen. Wahrscheinlich ließ er sich vom Erzbischoff Willigis, dem Markgrafen Eckhard und seinem Lehrer Gerbert leiten. 996 ward endlich sein Wunsch erfüllt, nach Rom zu kommen, wohin ihn Unruhen riefen, welche von neuem daselbst ausgebrochen waren. Seine Phantasie, welche ihm das Gemälde des alten Rom’s vorhielt, täuschte ihn, daß er nicht einsah, welches verworfene Gesindel die Nachkommen der Brutus und Scipionen waren. Die abgeschiedenen Geister der alten Römer giengen spucken unter ihren Enkeln, um sie zu Thorheiten zu verleiten, denen die Strafe auf den Fuß folgte. Ihren Vätern wollten sie es gleich thun, und so geschah es, daß ihre Handlungen fast immer eine Parodie waren auf irgend eine herrliche Szene des alten Roms. Sie wußten es, wie dieses auf die alten Deutschen, wie auf wilde Thiere verächtlich herabsah, und jetzt sollten sie eben diesen Barbaren gehorchen. Kein Mittel [402] ließen sie unversucht, kein Laster ungethan, um ihrer los zu werden; half nichts mehr, so half der italiänische Dolch. Niemand wußte diesen ihren Sinn besser zu benutzen, als Crescentius, ein schlauer Bösewicht, aus einer vornehmen römischen Familie. Schon unter Otto dem zweiten fieng er öfters Empörungen an; allein, anfänglich hielt ihm die toscanische Familie das Gleichgewicht, und nachher verhinderten Adelheid und Theophania durch ihre häufige Gegenwart in Rom, daß seine Unruhen nie sehr furchtbar werden konnten. Jetzt aber begann er seine Empörungen von neuem. Otto eilte nach Rom und stillte sie durch die Milde und Klugheit seines Geistes. Einen solchen deutschen König hatten die Römer noch nicht gesehn, der schöne Jüngling schien ihres Gleichen zu seyn. Mit einer Feinheit und Kultur, wie wenige unter ihnen sie besaßen, verband er deutsche Treue und Unschuld und liebte die Unwürdigen unaussprechlich. Es mußte ihrer Eitelkeit schmeicheln, wann sie ihm seinen geheimen Plan abmerkten, [403] Rom künftig zu seiner Residenz, und Deutschland zu einer Provinz des italiänischen Reichs zu machen. Er nahm daher öfters vornehme Römer mit sich, um sie allenthalben in Deutschland umher zu führen und mit dem Lande bekannt zu machen, welches von Rom aus sollte regiert werden. Vielleicht aber erbitterte es sie, daß er einen Deutschen, seinen Anverwandten Bruno zum Pabst machte, und sich von diesem zum Kaiser krönen ließ, denn kaum hatte er Rom verlassen, so ließen sie sich durch Crescentius wieder zur Empörung verleiten. Der deutsche Pabst mußte sich aus der Stadt flüchten, und ein Grieche, Bischoff Johann von Plazenz, der Otto’s des Zweiten und Theophania’s volle Liebe besaß, und von Otto dem Dritten selbst Beweise der Achtung empfangen hatte, kam an seinen Platz. Crescentius schien sich darin zu gefallen, daß er einen Mann, welcher dem Hause der Ottonen so viel schuldig war, gegen dasselbe aufwiegeln konnte. Sein arglistiger Plan war, Rom gänzlich der deutschen Herrschaft zu [404] entziehn, und wieder den Griechen zu unterwerfen, wie es vor Karl dem Großen gewesen war. Schnell wie ein Blitz kam Otto über sie und setzte seinen deutschen Pabst wieder mit großer Feyerlichkeit ein, indem sich der griechische durch die Flucht zu retten suchte. Allein die elenden Römer, welche sich jetzt wieder bei dem Kaiser einschmeicheln wollten, eilten ihm nach und mißhandelten ihn, welchen sie kurz vorher als den Nachfolger des Petrus verehrt hatten, auf die schrecklichste Weise. Rückwärts auf einen Esel gebunden, den Schwanz desselben in der Hand, mußte er sich in feyerlicher Prozession durch die ganze Stadt herumführen lassen, nachdem man ihm die Augen vorher ausgestochen und Nase und Ohren abgeschnitten hatte. Crescentius glaubte jetzt nicht mehr auf Otto’s Güte rechnen zu können, er flüchtete sich mit seinem Anhange in die Engelsburg, und der Kaiser mußte eine förmliche Belagerung anfangen, bis endlich die Burg von dem tapfern Eckhard mit Sturm eingenommen ward. Es wurde [405] ein Gericht über den Crescentius niedergesetzt und das Urtheil gesprochen, daß er mit zwölf von den seinigen solle hingerichtet werden. Ihre Leichname wurden zur Schau aufgehängt.

Otto fuhr noch immer fort, Rom in einem romantischen Lichte zu betrachten, ob ihn gleich das Schiksal seines Großvaters und Vaters, und jetzt sein eigenes hätten lehren sollen, wie wenig den Römern zu trauen sei. Der Markgraf Eckhard war sein Liebling unter den Deutschen, deren Umgang ihm sonst zuwider war: er saß von ihnen getrennt, an einem höheren Orte und speiste an einem besondern Tisch. Seine liebste Gesellschaft war der gelehrte Gerbert, welcher nach Bruno’s Tode Pabst ward unter dem Nahmen Sylvester der zweite: mit ihm übte er sich im Lesen der alten Autoren und in den Wissenschaften der damaligen Zeit, vorzüglich in der Dialektick; mit ihm träumte er sich in die Vorzeit zurück. Aber er hatte noch nicht das zwanzigste Jahr erreicht, als ihm sein Leben schon zur Last [406] ward; er konnte sich nicht retten vor sich selbst, auf Wallfahrten suchte er die verlohrne Ruhe wieder zu finden, deren schlimmsten Feind er in seinem Herzen mit sich umher trug. Schwärmerisch war seine Verehrung gegen die Manen Karls des Großen. Er wallfahrtete zu dem Grabe desselben nach Aachen und ließ sich den Sarg öffnen! Nachdem er lange in Schwärmerey versunken dabei verweilt hatte, eignete er sich zum Andenken das goldene Kreuz zu, welches Karl auf seinem Busen trug.

Die Wallfahrten waren geendigt, aber seine Seele ward immer trüber; zum Theil Wirkung seines Temperaments, denn alle drei Ottonen scheinen Hang zur Melancholie gehabt zu haben. Bei Otto dem Großen äußerte sich dieser in einer finstern Verschlossenheit, welche bei einem Manne seiner Art unerträglich und fürchterlich seyn mußte: die Seele seines Sohns war eine Zeitlang durch Ehrgeiz gespannt, und als dieser nicht befriedigt ward, so verfiel er in Schwermuth und starb vor Gram: bei [407] Otto dem Dritten wurde dieser Trübsinn zur Schwärmerei, welche bei dem Feuer, mit welchem er alles umfaßte, bei einer für diese Zeit so wenig passenden Ausbildung seiner Talente, höchst verderblich werden mußte.

Jeder Mensch, welchem die Natur Drang gab und Kraft, sich zu einem höhern Grade von Kultur empor zu arbeiten, muß in Einer Periode seines Lebens sich unaussprechlich unglücklich fühlen. Sie fällt gewöhnlich in die Jahre der reizbarsten Empfindlichkeit, wo eine gewisse Beschränktheit des jugendlichen Blicks allmählig aufhört, die Seele aber noch nicht genug erstarkt ist, sich mit männlichem Muthe über das Schicksal zu erheben. Jede vorhergehende Beschäftigung wird ihnen zuwider, eine ängstliche Unruhe und Leerheit, verbunden mit einem Stolze, welcher die Freuden der Gegenwart vereckelt, weil man sich für größere, edlere geschaffen glaubte, verfolgen sie überall, und dann kommt es darauf an, ob ihre Kräfte in dieser Melancholie gänzlich erschlaffen [408] oder sich durch alle Stürme zur Ruhe, zu einem glücklichen Gleichgewicht durcharbeiten. Diese Ruhe konnte Otto in seinem verfinsterten Zeitalter nicht erringen; seine Blüthe kam um einige Jahrhunderte zu früh.

Nach der Wallfahrt zu Karls Grabe eilte er wieder zu den Römern, welche ihm bei seiner Abreise tausend Lobeserhebungen nachgeschickt hatten; aber kaum lebte er voll Sorglosigkeit und Zufriedenheit unter ihnen, so entstand plötzlich ein Tumult; verschiedene seiner Freunde wurden vom Pöbel erschlagen und er selbst in seinem Pallaste drei Tage belagert. Kein Mensch durfte zu ihm, alle Nahrungsmittel wurden ihm versagt. Schon bereitete er sich, mit den Seinigen einen Ausfall zu thun, als er Wege fand, glücklich zu entkommen, denn lieber hätte er sich in den Tod gestürzt, als sich den Römern ergeben.

Kaum war er in Freiheit, so beschwor er alle seine Freunde, zu ihm zu eilen, und ihn an den Treulosen zu rächen. Sein Zorn stieg zu dem höchsten Grade; alle [409] Versuche der Römer, seine Güte zu bestechen, waren vergebens, je sanfter und liebevoller seine Seele sonst, desto standhafter jetzt in ihrem Hasse. Es versammelte sich bald ein großes Heer zu ihm, vorzüglich freuten sich die Deutschen, daß sie diejenigen züchtigen sollten, um derentwillen sie vernachläßigt waren. Schwer würde Otto’s Rache die Römer getroffen haben, wenn nicht die schwärzeste Melancholie alle seine Kräfte gelähmt hätte. Vergebens suchte er sich vor ihr zu retten! am Tage erschien er mit erzwungner Heiterkeit im Gesichte, aber ganze Nächte hindurch saß er schlummerlos, mit niederhängendem Haupte, starren Augen, aus denen je und je Thränen hervorquollen. Die Treulosigkeit der Römer hatte seine Heiterkeit auf immer zerstört.

Vielleicht wirkte auch auf Otto’s Seele der Wahn, welcher um diese Zeit allgemein war, daß mit dem Jahr Tausend das jüngste Gericht herannahe. Von jeher war ein solcher Glaube unter den Menschen, welche das, was sie am meisten fürchten, [410] für das nächste halten im Laufe des Schicksals. Es ist ein sonderbares Schauspiel, zu welchen thörichten Handlungen und lächerlichen Erscheinungen ein solcher Wahn in dem Mittelalter Anlaß gab. Hier sah man eine Gruppe von Säufern, welche noch alle ihre Habe verzehren wollten vor dem Untergang der Welt; wenn sie ihre Fässer geleert hatten, verkrochen sie sich darin vor dem jüngsten Gericht, indeß dort ein Frömmling langsam mit gebeugtem Haupte daher wandelte, und auf die Verantwortung vor dem Weltrichter sann. Der Jäger streifte wütend in den Wäldern umher, um so viel Wild als möglich vor Zerstörung seiner schönen Forsten zu erlegen. Wo man hinkam, sah man Haufen von alten Weibern und muthigen Rittern, welche den Himmel beschauten, ob sich die Sonne nicht plötzlich verfinstere, ob die Sterne nicht blutroth würden, oder ein feuriger Drachen herabstürze. Mit brünstigem Gebete um Vergebung der Sünden legte man sich auf das Lager nieder und verwunderte sich am andern Morgen, daß die Sonne wieder leuchtete.

[411] Die Welt blieb freilich stehn, aber in Otto’s Seele ward es immer schwärzer: kein Mensch hatte Rath, kein Arzt Mittel gegen seine Krankheit. Endlich wußte ihn Stephania, die Gemahlinn des hingerichteten Crescentius, mit welcher er nach dem Zeugniß einiger Schriftsteller der Liebe soll genossen haben, zu überreden, daß er sich ihrer geheimen Heilkunde anvertraute. Er soll ihr versprochen haben, sie zu heirathen, und dennoch schickte er jezt eine Gesandtschaft an den griechischen Kaiser und ließ um dessen Tochter werben. War es dies, oder wollte sie den Tod ihres Crescentius rächen, genug, sie war nach einer allgemeinen Sage in Deutschland und dem Zeugniß vieler italiänischen Schriftsteller die Ursache vom Tode des Kaisers. Eines Tages schickte sie alle Wache hinweg, unter dem Vorwande, sie sollten ihr schnell eine frische Rehhaut bringen, wodurch ihr Herr bald würde geheilt werden. Unterdeß träufelte sie Gift in die Medizin und Salbe. Kaum hatte man ihr die Haut gebracht, so entfernte sie sich, indem sie vorgab, sie müsse zu einem ihrer [412] Verwandten, der plötzlich todtkrank geworden sei. Das Gift äußerte bald seine tödtliche Wirkung, und so starb Otto 1002 in der Stadt Paterno in der frühen Blüthe seiner Jahre.

Hätte er doch lange genug gelebt, um seinen Charakter völlig zu entwickeln! Obgleich der Beinahme des Mildesten gerecht ist, welchen ihm die Chronisten geben, so könnte man doch zweifeln, ob er ihn auch bei fortgesetzten Verfolgungen von den Menschen verdient haben würde. Sein Sinn war zu tief und traurig, sein Verstand zu groß, als daß er, wie Kaiser Heinrich der Vierte, bei allen Beleidigungen der Menschen, diesen doch immer mit gutmüthiger Heiterkeit hätte zugethan bleiben können. Gewiß hätte Otto’s Seele bei einem ähnlichen Schicksal viel Bitterkeit bekommen, aber auch Festigkeit und Stärke. Aber, er starb früh und sein kurzes Leben war unglücklich, weil er einige Jahrhunderte zu früh lebte! –

Woltmann.