Kaisertage der Mainau

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Textdaten
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Autor: Georg Horn
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Titel: Kaisertage der Mainau
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 552–556
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[552]
Kaisertage der Mainau.
Von Georg Horn.

„Die Welt ist vollkommen überall, wohin der Engländer und Amerikaner nicht kommt mit seiner Qual,“ rief ich parodirend aus, als ich mich nach einer kurzen Tour in der Schweiz wieder auf deutschem Boden fühlte. Die Angehörigen der zwei genannten Nationen hatten mich aus dem Paradiese vertrieben. Ich athmete wieder auf, als die langen Füße der Engländerinnen, die schlechten kleineren der Amerikaner mein ästhetisches Gefühl nicht mehr beleidigten, das „O Yes – very nice!“ mich nicht mehr in convulsivische Aufregung versetzte. Ich suchte im „Hecht“ in Constanz ein Plätzchen zum Ausruhen, mit vieler Mühe. Die Reise-Saison war im Schwunge – das alte wohlbekannte Gasthaus gefüllt. Man hörte kein Englisch, aber dafür desto mehr Französisch, und an der Table d’hôte sowohl wie vor dem Hause sah man Gestalten, wie man sie sonst nur auf den Boulevards in Paris zu sehen gewohnt ist, Herren mit dem üblichen Napoleonischen Schnurr- und Knebelbarte, mit dem rothen Bouton der Ehrenlegion im Rocke von Gayteuil oder Dufantry – das Fremdenbuch war mit Namen von französischen Vicomtes, Barons und Generalen gefüllt.

„Wie kommt es, daß so viele Franzosen hier sind?“ fragte ich den Wirth.

„Die Kaiserin Eugenie ist in Arenenberg,“ wurde mir zur Antwort. „Die Herren sind Bonapartisten, die hierher kommen, um ihr die Huldigungen ihrer Treue und Ergebenheit darzubringen. Die Herren kommen jedes Jahr um diese Zeit.“

So gingen die Anhänger der Stuarts von England einst [553] nach Saint Germain zu ihrem vertriebenen Könige Jakob dem Zweiten; so wandern die Legitimisten heutigen Tages nach Frohsdorf zu Henri dem Fünften; so ist das Ziel der Bonapartisten Arenenberg, wo Eugenie, wie einst ihre Schwiegermutter, die Königin Hortense, spätere Herzogin von Saint Leu, ihrer frühern Herrlichkeit nachweint. Ich ließ mich durch die Bonapartisten in meiner Constanzer Ruhe nicht stören. Ich sah mir das alte Kaufhaus an, in dessen Saale das Kostnitzer Concil war abgehalten worden, die Fresken, die dasselbe darstellen. Auf einer derselben, die den Einzug des Papstes in Constanz versinnbildlicht, geht Friedrich von Hohenzollern neben dem Pferde des Papstes her und führt dasselbe am Zügel. Als Kaiser Wilhelm vor mehreren Jahren den Saal besuchte, soll er, wie die Fama berichtet, mit Hinweis auf seinen Vorfahren bemerkt haben: „Heutzutage thät’ er es nicht mehr.“ Nicht weit entfernt von dem Kaufhause ist die Stelle, von wo aus der große Weg des Hauses Hohenzollern in die Weltgeschichte beginnt. Doch da die Gartenlaube schon mehrmals und erst noch jüngst über den Act der Belehnung des Burggrafen Friedrich von Nürnberg mit der Mark und Kur Brandenburg, ebenso über das Concil und die Kerker- und Todesleiden des Huß genügend berichtet hat, so dürfen wir an diesen Geschichtsdenkwürdigkeiten der Stadt und auch an des edlen, ebenfalls schon gefeierten Wessenberg Amtswohn- und Sterbehaus jetzt vorübergehen, um uns ganz der Gegenwart hinzugeben.

Wie können hier, im Angesichte der wunderbarsten Natur – ruft man unwillkürlich aus – wie können andere Gedanken als die des Friedens, der Milde, der Liebe und Erhebung die Menschenseele erfüllen, beherrschen und leiten? Dieser See, hingestreckt in das fruchtbarste, üppigste Land – auf der einen Seite die ewige Alpenwelt, auf der anderen lachende Ufer – Gelände voll Obst und Wein, reiche Dörfer und Städte, alte Burgen, prächtige Landsitze! Wer kann es den Herren von der Clerisei verdenken, daß sie sich zur Betrachtung der himmlischen Dinge auf Erden die wonnigsten Plätzchen aussuchten, wer den Fürsten der Gegenwart, daß sie die alten Klosterpaläste und Capitelshäuser in ihre Residenzen umwandeln?

Die Insel Mainau ist ein solcher Fürstensitz geworden.

Bis zur Aufhebung aller geistlichen Ritterorden war sie eine Commende des deutschen Ordens, der hier „im festen Haus“ einen Comthur sitzen hatte; dann befand sie sich einige Zeit im Privatbesitze, bis sie im Jahre 1853 in die Hände des damaligen Regenten, des Prinzen Friedrich, jetzigen Großherzogs von Baden, überging. Ueber dem Thorwege, der zum inneren Schloßhofe führt, hat er sein Wappen in die Mauer einfügen lassen, nicht das seiner fürstlichen[WS 1] Gewalt, sondern das eines einfachen Ritters, der hier entfernt von Geräusch und Prunk der Welt im Anschauen und Genuß der Natur, sich Herz und Geist erfrischen, als ein Bürger unter den Bürgern seines Landes wohnen will.

„Im Juli kommt der Großherzog mit der Großherzogin und den Kindern, dann werden die Zimmer im zweiten Stocke neben dem großen Saale hergerichtet, und die Großherzogin rückt wohl selbst die Stühle und gießt die Tinte in das große Schreibzeug auf dem geschnitzten eichenen Schreibtische, und dann fährt sie mit ihren Manne nach Constanz und holt den Herrn Vater vom Bahnhofe ab und dann – nachher sind sie eben sehr gut und gemüthlich beisammen auf der Mainau. Ja, Herr, unser Schwiegervater ist der deutsche Kaiser.“

So erzählte mir ein Bürger aus Constanz, mit dem ich den Weg nach der Mainau ging. Wir wanderten durch einen prächtigen Wald, der Stäck genannt, der die Grenzscheide zwischen dem Unter- und dem Ueberlingersee bildet, der sich auch der Bodmansee nennt. Beim Heraustreten aus dem Forste hat man die Insel von der Südseite vor sich. Doch kann man nicht sagen, daß sie hier ihr schönstes Bild bietet; sie flacht sich nach der westlichen Seite ab; man sieht Gärten und Weinberge, auch einzelne Wirthschaftsgebäude aus den Baumwipfeln aufsteigen, rechts und links den blauen See, der hier vor uns die Insel durch einen schmalen Seearm vom Lande abtrennt. Ehe wir jedoch die stattliche Brücke betreten, die nach der Insel hinüberführt und in deren Mitte ein metallenes Kreuz mit den beiden Schächern – eine Arbeit des sechszehnten Jahrhunderts – sich erhebt, ist es vielleicht am Ort, daran zu erinnern, daß wir hier an dem Seeufer uns auf der äußersten Grenze des deutschen Reiches nach Süden zu befinden. Denn vor den Thoren von Constanz ist die Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland.

Die ganze Insel Mainau hat nach der sorgfältigen Monographie des Dr. Meners in Constanz einen Flächeninhalt von hundertzehn badischen Morgen; der Umfang mag eine halbe Stunde betragen. Man kann nach diesen Zahlen also nicht wohl behaupten, daß der Großherzog damals einen schlechten Kauf gemacht habe. Wenn man im Vorübergehen auch nur einen flüchtigen Blick auf die Cultur des Bodens wirft, muß man die Ueberzeugung gewinnen, daß der jetzige Eigenthümer sich auf die rationelle Bewirthschaftung desselben sehr wohl versteht. Der Großherzog scheint den größeren Theil der Mainau zu einem landwirthschaftlichen Versuchsfelde im Kleinen bestimmt zu haben. Dadurch wird man, ich muß es gestehen, beim Betreten der Insel etwas enttäuscht; man hat von hohen landschaftlichen Reizen gehört; mein Begleiter hatte noch dazu meine Illusionen durch seine Schilderungen verstärkt, und nun sieht man rechts [554] und links und vor sich auf dem sanft ansteigenden Wege Stücke von Feldern und Wiesen, von Gärten und Weinbergen, was allerdings für einen Oekonomen recht hübsch und lohnend ist, wenn man eben nicht mit der Prätension käme, einen schönen fürstlichen Landsitz zu sehen, einen großartigen Ueberblick über den See zu haben.

Allerdings sollte ich beschämt werden.

Durch einen gewölbten Thorweg trat ich im Verfolgen meines Weges auf ein weites Plateau, das von drei Seiten von prachtvollen Gartenanlagen umgeben ist; nach Osten hin schließt es ein imposanter Schloßbau ab, der aus einem Mittelbau und zwei Seitenflügeln besteht; daneben ist die Kirche gelegen. Die Gebäude sind von röthlichem Sandstein in jenem Magnificenzstyle aufgeführt, den die Jahreszahl 1746 andeutet. Ueber dem Erdgeschosse bauen sich zwei Etagen auf; im zweiten Stocke befindet sich ein Balcon, und oberhalb desselben begrüßen wir die Wappen der Bauherren, des Hochmeisters des deutschen Ordens, des Herzogs Clemens August von Bayern, Kurfürsten von Köln, des Landcomthurs Grafen von Froberg und des Comthurs in der Mainau, des Freiherrn von Baden; das ist die nach dem Schloßhofe gehende Seite. Man ist mit dem Schlosse indeß bald fertig; der Blick geht auf die entzückenden Blumenbosquets zurück, die sich um das Schloß gruppiren. Das Grün und die Blumen erscheinen hier in erhöhter Farbenpracht; vielleicht ist es die Seeluft – die Luftwelle rings ist Duft und Aroma. Als ich mit meinem Begleiter den Schloßhof betrat, war im Schlosse eine gewisse Bewegung; die Lakaien rannten von einem Schloßflügel zum andern. Vor dem Eingange des Südflügels war ein Teppich die Stufen hinab bis auf den Boden gelegt, und ab und zu erschien ein Bediensteter des Hofes, den Blick forschend nach dem Thorwege richtend. Ein Herr von kräftiger Statur, wenn auch nicht sehr groß, mit blondem Vollbart, in schwarzem Frack und hellen Beinkleidern, erschien in der Thür und sprach mit einem ältern Herrn von hagerer Gestalt, der eine Brille trug.

„Der mit dem Vollbart ist unser Großherzog,“ flüsterte mir mein Begleiter, der mich auf kurze Zeit verlassen hatte, zu, „und der andere, das ist der Gemmingen, der Hofmarschall. Ich hab’ mich bei einem Lakaien erkundigt. Wissen Sie, was los ist? Die französische Kaiserin, die Eugenie, kommt von Arenenberg, drüben vom thurgauischen Ufer, zum Besuch.“

„Ah, das ist ja sehr interessant.“

„Sehen Sie, und die Dame, die jetzt zu unserem Großherzog tritt, das ist unsere Großherzogin.“

Er fragte mich, ob das nicht noch „ä schee Frauche“ wäre?

Ich kannte die hohe, edle Gestalt der Großherzogin mit dem milden anmuthigen Gesichte von Berlin her. Sie trug ein schwarzseidenes Kleid, das mit gelblichen Spitzen garnirt war. In demselben Augenblicke rollte eine Equipage durch den Thorweg auf den Schloßhof, auf den Eingang zum Schlosse zu. Der Hofmarschall trat auf die unterste Stufe; das großherzogliche Paar stand vor dem Eingange, die beiden Kinder, Prinzessin Victoria und Prinz Victor, zur Seite. Im Vestibule sah man Herren und Damen des Hofes. Die Equipage war dunkelgrau; Kutscher und Diener auf dem Bocke waren ganz in Schwarz gekleidet. Aus dem Wagen stieg eine Dame, von Kopf bis zu Fuß in schwarze Wolle und schwarzen Krepp gehüllt. Der Großherzog und die Großherzogin gingen ihr entgegen und begrüßten sie. Es war die Wittwe Napoleon’s des Dritten; sie trug um den Gatten noch die tiefe Trauer, ebenso wie ihre Begleitung, eine Hofdame und jener bekannte Corsicaner Pietri, erst Cabinetschef, dann Polizeipräfect unter dem Kaiserreiche und nun dienstthuender Kämmerer der Wittwe seines früheren Herrn. Ich hatte vorher die Kaiserin nie gesehen; ich hatte mir in ihr eine imposante Erscheinung vorgestellt und sah nun vor mir eine kleine Frau, aber sie war von einer unendlichen Grazie in den Bewegungen. Ich hatte so sehr gewünscht, ihr Gesicht zu sehen, aber leider schlug sie den Schleier nicht zurück.

Der Zug setzte sich die Treppe hinauf, in die Gemächer des großherzoglichen Paares in Bewegung. Das Treppenhaus, die Corridore sind mit alten Gobelins aus dem neuen Schlosse von Meersburg, mit alten Schränken, Truhen, Gefäßen, Bildern in der reizvollsten Weise decorirt. Die Kaisern, in der Mitte des großherzoglichen Paares gehend, warf ab und zu einen Blick auf dieselben und machte anerkennende Bemerkungen in Französisch, das sie mit sehr hoher Stimme sprach. Dann schlossen sich hinter den drei hohen Persönlichkeiten die Thüren der Privatwohnung des großherzoglichen Paares. Nach etwa einer halben Stunde kamen die Herrschaften wieder zum Vorschein – die Kaiserin immer verschleiert –, um sich in den eine Treppe höher gelegenen Ordenssaal zu begeben. Dort, wo sie von ihrer Begleitung erwartet wurden, war ein Imbiß aus Wein, Früchten, Eis und Kuchen servirt. Die Kaiserin nahm davon Einiges, trat auf den Balcon, der einen Blick auf den See gewährt, bewunderte die Aussicht, den Saal, der eben restaurirt war, ließ sich mehrere Persönlichkeiten des badischen Hofes, die sie noch nicht kannte, vorstellen und gab sich unbefangen und lebhaft. Von dem tragischen Schicksale, das hinter ihr lag, sprachen nur diese schwarzen Gewänder und die wenn auch nur leisen Furchen ihres Gesichts.

Sie hatte hier im Saale den Schleier auf kurze Zeit zurückgeschlagen. Endlich! Das Gesicht hatte seine schönen Linien noch nicht verloren. Wenn mich im ersten Augenblicke etwas störte, so war es das in die Stirn hängende, abgeschnittene Haar, wie es unsere jungen Damen tragen. Aber diese haben es, wie mir später erklärt wurde, der Kaiserin nachgeahmt, diese trug es zuerst als Trauer, als Wittwentracht, unsere weibliche Jugend hat eine Coquetterie daraus gemacht. Nach eingenommenem Imbiß machten die Herrschaften mit ihrer Begleitung noch einen Spaziergang durch die Gärten am Schlosse, dann fuhr der Wagen wieder vor. Der Großherzog überreichte seinem Besuche ein Bouquet von Rosen, die Kaiserin umarmte die beiden Kinder des fürstlichen Paares, verneigte sich gegen den ganzen Hof mit einer Grazie, die nur einer Spanierin eigen ist, und nun rollte der Wagen wieder davon, dem Schweizerufer zu. Es war Napoleon’s Campagnewagen von Sedan.

Die Ostseite des Schlosses macht den Reiz dieses Patmos des Bodensees aus. Die Hauptfronte des Schlosses geht nach dem See hinaus; über dem hohen Balcon sieht man noch das schwarze weißgeränderte Kreuz der Deutschordensherren, dasselbe Kreuz, welches in den Jahren 1813 und 1870 in dem eisernen Kreuze wieder erstanden ist. Unmittelbar vor dem Schlosse fällt die Insel in einem schroffen, jähen Abhang in den See hinab. Auf wohlgepflegten Wegen, durch lauschige Gänge von Laubholz und Tannen steigt man bis hinab an den Rand der Insel, bis an den Hafen, in dem einst die Parade-Gondel des Comthurs mit dem schwarz-weißen Baldachine lag. Welch buntes Farbenspiel mag das einst gewesen sein, wenn die Pavillons und Baldachine aller der kleinen Seesouveräne auf Spazierfahrten sich begegneten! Es waren nicht wenige und meistens geistliche Fürsten, die wohl zu schätzen wußten, wo gut Wein und Korn wächst. An schönen, linden Sommerabenden, wenn die blaue Welle des Sees sich im leichten Spiele kräuselt und schmeichelnd an den Nachen sich drängt, fährt von hier nicht selten ebenfalls eine stattliche Barke hinaus in den See; die Wimpel flattern im Winde, die gelbrothen des Zähringer Stammes und von Baden, und über diesen, stolz in den Lüften sich blähend und bauschend, die deutsche Kaiserflagge. Das Schifflein, das auf ruhiger Bahn dahingleitet, trägt den Kaiser, und mit größerem Rechte als jener stolze Römer kann dieser sagen: du trägst den Cäsar und sein Glück. Denn das Glück, das hier auf dem engsten Raume, im trautesten Familienzusammensein sich vereint findet, hat jener Cäsar, von dem das Wort stammt, nicht gekannt. Wenn man eine Insel still verborgenen Glückes schildern, schaffen wollte, man müßte das Abbild von dieser nehmen. Welche wunderbaren, stillen, heimischen, von Laub umhegten, überwölbten, von Moos und Epheu überwucherten Plätzchen! Ueberall Feld, Wald, Wasser. Der äußerste Rand der Insel bildet einen Weg um dieselbe – der entzückendste Spaziergang, grünes Laubdunkel, die Welle, die den Fuß des Gehenden fast bespült, dann plötzlich ein Glitzern von Silberstreifen durch das grüne Gehege, eine Oeffnung, ein Bild auf Dörfer, Städte, Schlösser und Berge! Steigt man höher, wieder zum Schlosse zurück, dringt Einem der üppigste Blumenduft entgegen; die Terrassen um das Schloß sind in Blumenparterres, in Blüthengehege verwandelt, aus denen weiße Marmorstatuen und Vasen sich erheben; man glaubt sich nach Ischia, nach Isola Bella versetzt, und diese kennen zudem den deutschen Wald nicht – die Mainau ist weit schöner als diese. Nicht weit vom [555] Schlosse ist ein rings wie in ein Geheimniß eingeschlossenes Plätzchen, still, wie eine befriedigte Seele, und poetisch, als wäre es aus einem tiefen Frauengemüth entstanden: eine Ruhebank von Stein und Moos und zur Seite auf einer Marmorsäule die Erzbüste desjenigen, dem die Schloßherrin das Plätzchen geweiht hat. Die Büste stellt den Kaiser Wilhelm dar, den Vater der Großherzogin.

Von der einstigen prächtigen inneren Einrichtung des Schlosses ist nicht viel mehr übrig. Nach dem Todte des letzten Comthurs (1819) hatte sich Alles zerstreut. Man weiß in solchen Fällen nie recht, wie das geschieht; man sieht nur endlich, daß nichts mehr da ist. Die ganze Einrichtung des Schlosses ist neu. Es befinden sich, namentlich auf den weiten Corridoren des ersten und zweiten Stockwerkes, recht viele alterthümliche Gegenstände, alte Wandteppiche aus dem neuen Schlosse von Meersburg, Bilder, Uhren, Schränke, Waffen, Geschirr in jeder Form und aus jedem Stoffe, aber das war Alles erst, wie man mir sagte, durch die Großherzogin zusammengebracht worden. Derartige Sachen sind ihre Passion, und sie ist unablässig bemüht, diese Sammlung zu vervollständigen und ihr Inselschloß damit zu schmücken. Der Räume, welche das großherzogliche Paar bewohnt, sind sehr wenige, etwa vier oder fünf, darunter zwei größere Salons, welche der Großherzog mit der Großherzogin theilt; die Schreib- und Arbeitstische des fürstlichen Paares befinden sich in einem derselben hart nebeneinander. Man sieht daraus, daß dasselbe in wahrhaft bürgerlicher Weise zusammenwohnt. Dem entspricht auch die Einrichtung; sie ist bequem, elegant, aber ohne jeden Luxus; man sieht viele Bücher und Zeitungen. Für Verhandlungen in Landessachen und für Geschäftsvorträge hat der Großherzog einen abgesonderten Raum, der an diese Zimmer stößt. Für gesellige Vereinigung dient des Abend die in englischem Geschmacke eingerichtete Halle; diese nimmt einen Theil des Erdgeschosses des Mittelgebäudes ein; aus ihr tritt man unmittelbar hinaus in das Freie.

In den letzten Jahren sind für Frühstück und Thee einige Zimmer im Geschmacke des vorigen Jahrhunderts restaurirt und eingerichtet worden; die Wände sind in weißem Lack mit Arabesken und Füllungen von stumpfen, gebrochenen Farben gehalten, Vorhänge und Möbel von elsässischem Kattun; an den Wänden sieht man Figurengruppen von altem Porcellan. Zur fürstlichen Repräsentation ist der hohe, weite Ordenssaal gemacht, in welchem einst der Ordenscomthur den Hochmeister oder seine Gäste empfing und in welchem die Wittwe Napoleon’s des Dritten die Erfrischungen einnahm. Der Saal ist ebenfalls vor einigen Jahren im Geschmacke der Zeit seiner Erbauung wieder hergestellt worden. Die Wände sind weiß, die Verzierungen in Gold; mitten in dieser Einfachheit sind die leuchtenden Farben der Möbel und zweier lichtblauen Blumentruhen von englischem Porcellan von brillantem Effecte. Dieser Raum dient als Speisesaal. An ihn reihen sich die Zimmer für die fürstlichen Gäste an; rechts davon liegen die Gemächer, die der Kaiser alljährlich zu bewohnen pflegt, über denen der Großherzogin. Der Kaiser pflegt zwischen der vollendeten Cur in Ems und der beginnenden von Gastein hier in der Mitte der Seinigen einen Ruhepunkt zu machen. Er kommt nur mit kleiner Umgebung; einige Flügeladjutanten, der Geheime Cabinetsrath, der Arzt und die Leibbedienung machen das ganze Gefolge aus. Frau Etiquette wird nicht mit nach der Insel genommen. Des Kaisers Schreibtisch steht am Fenster, und wenn er das Schreibzeug in der Stellung, wenn er das Papier, alle Utensilien in der Ordnung vorfindet, wie er das gewöhnt ist, dann weiß er schon, welche Hand hier sorgend, liebend gewaltet hat.

Wenn der Kaiser, vom Arbeiten vielleicht ermüdet, den Blick hinaus wendet, dann gleitet derselbe über die weite, von Schiffen und Fahrzeugen belebte, blaue Fläche des Sees hinweg. Links legt sich behaglich wie eine alte Reichsstadt die Stadt Ueberlingen aus. Dort am Ende des Ueberlingersees lag die königliche Pfalz Bodman; weiter steigen die Mauern von Montfort aus dem Wasser; dahinter kommen die altersgrauen Ueberreste der alten Königsresidenz der Meersburg zum Vorschein – überall bieten sich dem Blicke Städte, Dörfer, Wald und Flur zum köstlichsten Bilde, und im Hintergrunde steigt die Alpenwelt in ihrer ganzen wunderbaren Kette schnee- und eisbeglänzt in den Himmel empor. Wo kann es ein herrlicheres Plätzchen deutscher Erde geben, als hier an des deutschen Reiches Grenze? Keine andere Empfindung kann ein Herrscher über dasselbe in dessen Anschauen und Fühlen haben, als sie an einer Stelle im Parke durch den Spruch ausgedrückt ist:

Deutsches Haus, deutsches Land
Schirme Gott mit starker Hand!




Die Mainau hat, als geweihte Heimstätte fürstlicher Familienliebe, in jüngster Zeit ein Fest erlebt, das eine schmückende Erinnerung der Insel bleiben wird und über das deshalb dem vorstehenden Artikel eine Kunde angefügt werden muß.

Auch in diesem Jahre flog das Schifflein von Mainau über den See, um den Enkeln ihren Großvater herüberzutragen. Während Kaiser Wilhelm die schönen Tage seines stillen Glücks genoß, war es eine eifrige Sorge der Officiere der in Constanz garnisonirenden Bataillone, ihren Kriegsherrn mit einer militärischen Huldigung zu überraschen. Da es dem Kaiser galt, so waltete auch über ihrem Wunsche – das „Kaiserglück“. Zwei Dichter am Bodensee, Scheffel und Gustav von Meyern-Hohenberg, jener in Radolfzell, dieser in Constanz, entwarfen den Plan zu einer dramatischen Scene, welche der Letztere (jahrelang Intendant des Hoftheaters von Coburg-Gotha und selbst trefflicher Dramendichter, dessen geschichtliche Schauspiele „Heinrich von Schwerin“, „Das Haus der Posa“ und „Die Malteser“ gerechte Anerkennung theils gefunden haben, theils verdienen) poetisch und praktisch aus- und durchführte. Wir erzählen nun, was am Spätabende des 14. Juli dieses Jahres auf der Mainau sich ereignete, ohne vorher den üblichen Inhalt eines Theaterzettels zu verrathen.

Es wollte eben Nacht werden, als dem Großherzog von seinem Adjutanten gemeldet wurde: die Dienerschaft sei beunruhigt durch geisterhafte Erscheinungen, man wolle gesehen haben, daß die alten todten Ordensritter an ihrer ehemaligen Lieblingsstätte in dem Dunkel der Bäume umgingen. Der Großherzog benachrichtigte seinen kaiserlichen Gast von dieser seltsamen Meldung, und beide hohen Herren beschlossen, zur Beruhigung der Leute der Sache auf den Grund zu gehen. Wirklich gewahrten sie unter der großen Linde unweit des Schlosses Gestalten in weißen Mänteln um eine Tafel sitzen, die plötzlich in heller Beleuchtung vor ihnen stand. Die Fürsten und ihr Gefolge erkannten, bei ihrer Kenntniß der Geschichte der Insel, auf den ersten Blick an dem schwarzen Kreuz auf den Mänteln, daß sie eine Versammlung der Ordens-Comthure und zwar vom ersten bis zum letzten (1272 bis 1805) vor sich sahen. Bald sollte dies zur Gewißheit werden. Hatten bis jetzt alle Ritter um die schwarzbehangene und mit Crucifixen geschmückte Tafel und auf schwarzen Bänken mit gesenkten und gestützten Häuptern wie schlafend gesessen, so erhob sich nun der älteste der Comthure, Arnold von Langenstein, und wendete sein Wort in tiefem, vollem, geisterhaftem Tone an die Genossen. Er stellte ihnen vor die Seele, wie Großes der Orden „seit dem ruhmvoll bösen Tag von Akkon“ geleistet, aber auch wie schwer er gesündigt habe und daß sie darum von der göttlichen Gerechtigkeit alljährlich zu einem Bußconvent verdammt seien, bis ein neuer höherer deutscher Orden sie erlöse. „Diese Erlösung,“ verkündete er ihnen, „ist vollbracht.“

„Ja, hört und staunt! Die Welt ist anders worden,
Der Arbeit Segen hat mit Gold gewuchert.
Der freie Geist trug Riesenfrucht; er trug sie,
Seit weise Schulung ihm die Kraft gestählt
Und feste Zucht an’s Vaterland ihn bannte – –
Ein Vaterland, das war’s was Euch gefehlt – – –
– Ein Vaterland! Als dieser Ruf erscholl,
Da strömte neues Blut in’s Herz des Reiches,
Da sah die Welt, wie nie zuvor ein Gleiches,
Sah ‚deutsche Ritter‘, wie sie nie gezogen,
Sah deutschen Adler, wie er nie geflogen,
Einköpfig wieder, wie er weiland war,
Doch mächt’ger noch, als einst der Staufenaar.“

Und wie nun Alle beglückt die Hände erhoben und Einer fragte, wie der neue Orden sich nenne, rief Langenstein begeistert aus:

     „Er heißt: ein Volk in Waffen!
Ein Volk, das tüchtig, weil es Tücht’ges lernte,
Erstarkt in Kriegerzucht, regiert vom Geist,
Das ganze Volk ein einz’ger großer Orden,
Sein Ordens-Kreuz ein schwarz-weiß-eisernes –:
So flog’s von Sieg zu Sieg, so trug’s den Namen
‚Deutschland‘ zu ew’gem Ruhm – ein Volk des Friedens,
Und doch ein Heldenbund, denn wißt, des Bundes
Hochmeister ist sein Kaiser.“

[556] „Wie? Sein Kaiser?“ fragten nun Alle – aber schon leuchteten bengalische Flammen über der Scene, kriegerische Musik erscholl und heran marschirte „ein Fähnlein der neuen Ritter“; unter dem Klange der „Wacht am Rhein“ rückten die bis dahin verdeckt gestandenen Bataillone von Constanz vor; auf des Commandirenden Hochruf erbrauste ein dreimaliges Hurrah der Truppen für den Kaiser – und nachdem Langenstein feierlich gesprochen:

„Heil Ihm! Wir sind erlöst durch Ihn
Und ewig schlafen mag der alte Orden!“

sank ein schwarzer Vorhang über die Gruppe; die Musik spielte „Heil Dir im Siegerkranz“ und die Truppen schwenkten so, daß sie zwischen den Kaiser und die Comthure zu stehen kamen. Letztere warfen eiligst Rüstung und Mäntel ab und standen plötzlich als Officiercorps neben der Musik, während hinter ihnen Tafel und Bänke verschwanden. Und als nun unter bengalischer Beleuchtung der Insel und des Gestades, nach feierlicher Serenade die Truppen mit großem Zapfenstreich abzogen, erschien es wohl, als sei der ganze Geisterspuk in den Boden versunken. – In allen Herzen aber blieb ein schönes Bild zurück.

Das war das Kaiserfestspiel auf der Mainau. –

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: fürstlchen