Kreuzeswissenschaft/Frühe Begegnungen mit dem Kreuz

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§ 1. FRÜHE BEGEGNUNGEN MIT DEM KREUZ

Wir fragen nun, wie die Saat der Kreuzesbotschaft in diese fruchtbare Erde gesenkt wurde. Wir haben kein Zeugnis darüber, wann und wie Johannes das Bild des Gekreuzigten zum erstenmal in sich aufgenommen hat. Es ist wahrscheinlich, daß die tief gläubige Mutter ihn schon als kleines Kind in seiner Vaterstadt Fontiveros in ihre Pfarrkirche mitgenommen hat. Da war der Heiland am Kreuz zu sehen, das Gesicht vom Schmerz entstellt, echte Haare an den Wangen herabhängend bis auf die striemenbedeckten Schultern[1]. Und wenn die junge Witwe, die soviel Not und Leid zu tragen hatte, ihren Kindern von der himmlischen Mutter sprach, dann hat sie sie gewiß auch zur schmerzhaften Mutter am Kreuz geführt. Wir dürfen wohl auch mit aller Ehrfurcht vor den Geheimnissen der Gnadenführung die Vermutung aussprechen, daß Maria selbst ihren Schützling frühzeitig in der Kreuzeswissenschaft unterwiesen haben wird. Wer könnte so gut darin unterrichtet sein und so durchdrungen von ihrem Wert wie die weiseste Jungfrau?

Dem Kreuzbild ist Johannes jedenfalls auch in den Werkstätten begegnet, in denen er arbeitete. Vielleicht hat er sich damals schon selbst daran gewagt, Kreuze zu schnitzen, wie er es später gern tat. Wenn wir für all das auf Vermutungen angewiesen sind, so finden wir doch eine gute Stütze für die Annahme einer frühen Begegnung mit dem Kreuz in der sicher bezeugten Tatsache einer früh hervortretenden Liebe zu Buße und Abtötung. Schon der Neunjährige verschmäht sein Bett und macht sich ein Reisiglager zurecht. Einige Jahre später gönnt er sich auf diesem harten Lager nur noch wenige Stunden Ruhe, weil er einen Teil der Nacht zum Studium verwendet. Als kleiner Schüler erbettelt er Almosen für seine noch ärmeren [10] Kameraden, später für die Armen des Hospitals. Er widmet sich nach so vielen mißglückten Versuchen in andern Berufen dem schweren Krankendienst und harrt mit ganzer Hingabe darin aus. Nach der Aussage seines Bruders Francisco war es ein Pockenlazarett, in dem er zu pflegen hatte (al hospital de las bubas)[2]. Es ist aber auch die Vermutung ausgesprochen worden, daß in diesem Haus syphilitische Kranke untergebracht waren[3]. Ob dies zutrifft oder nicht – sicher hat der Knabe bei seinen Patienten nicht nur körperliche Krankheit, sondern auch seelisches und sittliches Elend kennen gelernt, und die treue Pflichterfüllung wird von dem reinen, tief und zart empfindenden Herzen oft schmerzlichste Überwindung gefordert haben. Was gab ihm die Kraft dazu? Gewiß nichts anderes als die Liebe zum Gekreuzigten, dem er nachfolgen wollte auf seinem harten, steilen und engen Wege. Der Wunsch, Ihn näher kennen zu lernen und sich noch besser nach Seinem Bilde zu formen, hat Johannes wohl dazu bestimmt, neben dem Krankendienst das Studium im Kolleg der Jesuiten aufzunehmen als Vorbereitung auf den Priesterberuf. Um besser der Kreuzesbotschaft lauschen zu können, wird er das Angebot der einträglichen Kaplanstelle an seinem Hospital ausgeschlagen und dafür die Armut des Ordens erwählt haben[4]. Derselbe Wunsch ließ ihn bei der gemilderten Observanz der damaligen Karmeliten keine Ruhe finden und führte ihn der Reform zu.


  1. Vgl. P. Bruno de Jesu Maria O.C.D., St Jean de la Croix, Paris 1929, S. 4 f.
  2. P. Bruno a. a. O. S. 10 u. 377.
  3. Vgl. J. Baruzi, St Jean de la Croix et le Problème de l’Expérience Mystique, Paris 1931, S. 77 f.
  4. a. a. O. S. 91.
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