Kurzgefaßte Einleitung in die heiligen Schriften (11. Auflage)/Vorbemerkungen

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Kurzgefaßte Einleitung in die heiligen Schriften (11. Auflage)
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Vorbemerkungen.




§ 1.
Begriff der „Einleitung“.

 Unter Einleitung in die heiligen Schriften Alten und Neuen Testamentes versteht man diejenige Wissenschaft, welche die Urkunde der göttlichen Heilsoffenbarung nach ihrer Entstehung und Beschaffenheit, als Ganzes und in ihren Teilen übersichtlich kennen lehrt.


§ 2.
Einteilung.

 Sofern das Ganze der A. und N.T.lichen Schriften oder der Kanon ins Auge gefaßt wird, nennt man die Einleitung allgemeine, sofern aber die einzelnen Schriften behandelt werden, nennt man sie spezielle.


§ 3.
Allgemeine Einleitung.

 Sie handelt 1. von der Entstehung und Geschichte der Sammlung unserer h. Schriften oder des Kanon, 2. von den Sprachen, in welchen diese Schriften verfaßt sind, 3. von der Überlieferung des Schrift-Textes, 4. von den Übersetzungen, 5. von der Auslegung der h. Schriften.


§ 4.
Spezielle Einleitung.

 Sie lehrt Namen, Verfasser, Entstehung, Zweck und Inhalt eines jeden einzelnen biblischen Buches kennen.


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§ 5.
Geschichte der Einleitungswissenschaft.

 Die Geschichte unserer Wissenschaft beginnt schon mit der Zeit der Kirchenväter, doch finden wir hier noch keine vollständige Lösung der wissenschaftlichen Aufgabe. Erst zur Zeit der Reformation fängt man an, die h. Schrift nach allen Seiten hin zu erforschen. Leider hat sich seit der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts der Unglaube, welcher das Ansehen der h. Schrift zu untergraben sucht, der biblischen Einleitungswissenschaft je länger je mehr bemächtigt. Die kirchliche Theologie hat aber von Anfang an gegen solche Bestrebungen angekämpft und diesen Kampf nicht ohne den Segen eigener Förderung bis auf diesen Tag fortgeführt.

 Litteratur. 1. Unter den Kirchenvätern bieten Hieronymus in seinen Vorreden zu den einzelnen biblischen Büchern in der Vulgata und Augustinus in seinen Schriften, besonders in der Schrift de doctrina christiana, manches, was zur biblischen Einleitung gehört; darauf gestützt gab Cassiodorus († 563) in seinem Werke de institutione divinarum literarum eine Art von Einleitung, welche das gebräuchlichste Handbuch im Mittelalter war.

 2. Aus dem Mittelalter gehören hieher die Vorbemerkungen zu den einzelnen biblischen Büchern in dem fortlaufenden Kommentar zum A. und N. Testament von Nicolaus de Lyra († 1340), den er perpetuae postillae betitelte.

 3. Im Jahrhundert der Reformation erschienen die bibliotheca sancta des Sixtus von Siena 1566 auf katholischer, und die immer noch reiche Ausbeute gewährende clavis scripturae sacrae von Matthias Flacius auf lutherischer Seite. Wie riesige Fortschritte auf allen zur biblischen Einleitung gehörigen Wissensgebieten, besonders dem sprachlichen und historischen, gemacht wurden, zeigen die zur sog. Londoner Polyglotte von Brian Walton (1657 bis 69) gehörenden einleitenden Traktate.

 4. Der erste, welcher in dem nachreformatorischen Zeitalter die Notwendigkeit historischer Behandlung der biblischen Einleitung anerkannte und die Einleitung in das A. Testament von der in das N. Testament trennte, war der französische Katholik Richard Simon in seinem gründlich gelehrten bahnbrechenden, aber für die göttliche Seite der h. Schrift fast schon blinden Werke Histoire critique de Vieux et de Nouveau Testament 1678 ff. Mit ihm wetteiferte in allen diesen Stücken der Arminianer Clerikus in Amsterdam. Ihnen gegenüber verteidigte der Lutheraner Joh. Gottlob Carpzov in seiner Introductio (1714) und den Critica sacra (1728) die kirchliche Überlieferung von der h. Schrift.

 In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde der Kirche in Bengel ein Schriftausleger geschenkt, der die h. Schriften nicht mehr bloß dogmatisch, sondern offenbarungsgeschichtlich behandelte und auch der Einleitungswissenschaft| neue Impulse gab. Aber seine Richtung drang nicht durch. – Bald wurde eine Behandlung der h. Schrift allgemein, welche sich selbst die kritische nennt, und deren Eigentümlichkeit darin besteht, daß sie die h. Schrift wie jedes andere menschliche Buch behandelt und von vornherein gegen alles Überlieferte eingenommen ist. Der Vater dieser Kritik wurde Joh. Salomo Semler. Ihm gegenüber bewahrte sich Herder (Briefe über das Studium der Theologie 1780) wenigstens einen erschlossenen Sinn für die religiöse Tiefe und unvergleichliche Großartigkeit der h. Schriften. In Semlers Sinn arbeitete Joh. David Michaelis († 1791), in Herders Sinn aber Joh. Gottfried Eichhorn († 1827) weiter. Gegen diese Kritik, welche mehr und mehr das göttliche Ansehen der h. Schrift untergrub, erhob sich Hengstenberg in seinen Schriften, welchem wieder Hävernik und Keil in ihren Einleitungswerken folgen. – Die Neutestamentliche Einleitung insonderheit ist von Semler, Eichhorn und Berthold, ebenso wie die Alttestamentliche, in kritisch negativem Sinn behandelt worden; etwas positiver, aber ebenfalls noch der kritisch negativen Richtung zugethan, sind die zum Teil sehr gründlichen Werke von de Wette, Credner und Reuß. Daß auch vom kirchlichen Standpunkte aus die Wissenschaft nicht minder gründlich gefördert werden könne, haben der Katholik Hug in seiner Einleitung zum N. Testament und später Guericke (Neutestamentliche Isagogik) gezeigt.

 Einen großen Kampf über das N. Testament auf einleitungswissenschaftlichem Gebiet hat, mit 1835 beginnend, die Baur’sche Schule in Tübingen herbeigeführt. Sie verlegt die Abfassung fast sämtlicher Neutestamentlicher Schriften in das zweite Jahrhundert und erklärt ihren Charakter aus absichtlichem Bezüge auf die damaligen Streitigkeiten zwischen der sog. paulinischen (widergesetzlichen, freien) und der petrinischen (gesetzlichen, judaisierenden) Richtung (vgl. Gal. 2, 11–21 und die Versuche, beide Richtungen zu vermitteln (vgl. Apostelgeschichte, besonders 15, 1–35). Jedoch ist diese Verkehrung des Thatbestandes bereits siegreich aus dem Felde geschlagen worden von Thiersch (Versuch zur Herstellung etc. 1845), Tischendorf (Wann wurden unsere Evangelien verfaßt 1865), Hofmann (Das Neue Testament zusammenhängend untersucht, 1862 ff.), welcher letztere überall die Behauptungen der Tübinger Schule einer eingehenden exegetischen und historischen Prüfung unterzieht, von Ebrard in seinem großen Werke: „Kritik der evangelischen Geschichte“, 3. Auflage, 1868. Erhebliches hat R. Grau in seiner „Entwicklungsgeschichte des Neutestamentlichen Schrifttums“ (2 Bände, Gütersloh bei Bertelsmann 1871) auf dem Gebiete der N.T.lichen Einleitungswissenschaft geleistet, indem er der tendenziösen Darstellung der negativen Richtung eine aus tiefem Verständnis N.T.lichen Schrifttums und gründlichen Forschungen erwachsene wahrhaft genetische im Sinne der kirchlichen Tradition gegenüberstellte.

 Als wichtigstes Werk, das auf positiver Seite in neuester Zeit erschienen ist, muß bezeichnet werden die zweibändige Einleitung in das Neue Testament von D. Theodor Zahn (Leipzig, A. Deichert’sche Verlagsbuchhandlung Nachf. G. Böhme, 1897–1899). Gestützt auf umfassende Kenntnis der altkirchlichen| Litteratur sucht er auf Grund sorgfältiger Erforschung der einzelnen Schriften unter eingehender Prüfung und Widerlegung der gegnerischen Einwürfe die Echtheit der N.T.lichen Schriften und die Berechtigung des kirchlichen Urteils über dieselben zu erweisen.

 Von dem Kampfe, der in neuester Zeit, angefacht durch J. Wellhausens Geschichte Israels, Berlin 1878, auf alttestamentlichem Gebiete entbrannt ist, wird, da es sich bei demselben zunächst und vorzugsweise um den Pentateuch handelt, in der speziellen Einleitung gesprochen werden.




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