Land und Leute/Nr. 5. Die Ruhl und die Rühler

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Autor: Ludwig Storch
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Titel: Land und Leute. Nr. 5 Die Ruhl und die Rühler
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27–29, S. 352–355, 374–376, 386–388
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 5
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Land und Leute.
Nr. 5. Die Ruhl und die Rühler.
Die Gegend. – Die schönen Ruhlerinnen und die Elephantine. – Ueberall Poesie. – Geschichte von Ruhla. – Ein Ort und drei Landesväter. – Wie der Herr so der Knecht. – Die Ruhl im vorigen Jahrhundert. – Die Leidenschaften der Rühler. – Taubenzüchter. – Finkenschlag.

Wie die schlafende Natur auf einzelne Menschen alle reizenden Gaben des Körpers und des Geistes häuft, so auf einzelne Gegenden und Landschaften. Die Natur ist die größte und wahrste Dichterin. Auf viele tausend Meilen fruchtbares ebnes Ackerland in Hellas gab sie nur ein zwei Stunden langes Thal Tempe. Auf die fruchtreichen Gegenden des nördlichen und mittlern Thüringens gibt sie die nur wenige Stunden im Umfange haltende reizende Gebirgslandschaft des nordwestlichen Thüringerwaldes, deren Mittelpunkt und merkwürdigster Ort Ruhla oder die Ruhl ist, die neuerdings wieder von Bade- und anderen Reisenden so viel besucht wird. Der vorherrschende Charakter dieser Berggegend ist durchaus der der Milde und Anmuth.

Mit dem Reiz der Gegend verbindet sich ein schöner, edler, deutscher Menschenschlag, geistig und körperlich wohlbegabt, zu Scherz und Frohsinn und Lebenslust vorzüglich geneigt, witzig und neckelustig, voll reizender Schelmerei und Schalkhaftigkeit. Und auch in der Menschenwelt ist das anmuthige und milde weibliche Element das hervorragende, überwiegende. Die fast mehr als die griechische von Kennern hochgehaltene deutsche Schönheit der ruhlaer Mädchen ist schier weltberühmt. Nicht vergebens strömen in der schönsten Jahreszeit alljährlich eine Menge Studenten aus Jena, Göttingen und anderen Universitäten nach Ruhla, um einige Tage hier im Genuß der Schönheit zu verleben, welche ihr natürlicher ästhetischer Sinn in Berg und Thal und den Menschenkindern weiblichen

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Die Gartenlaube (1856) b 353.jpg

Rühlerinnen. Ansicht von Ruhl.

Geschlechts bewundert. In der That, es kann nichts Lieblicheres in der organischen Natur geben, als eine schlank gewachsene Rühlerin mit ihren blonden oder braunen Zöpfen, ihren großen blauen, von Muthwillen und Schalkhaftigkeit lachenden Augen, ihrem frischen von Grazien umgaukelten Mund, in ihrer feinen, kleidsamen Volkstracht mit dem turbanähnlichcn Kopfputz. Und dazu die eigenthümlich singenden und schnarrenden Töne der rühler Mundart, in der so Vieles naiv und witzig klingt, was im Hochdeutschen kahl und farblos erscheint, vom spitzen, gewandten Zünglein eines so allerliebsten Bergkindes doppelt, ja zehnfach interessant. Laß Dich nur in ein Gespräch mit ihr ein, und es ist Eins gegen Hundert zu wetten: Du wirst nach einer halben Stunde wie bezaubert von ihr sein. Und am Ende bist Du doch der Gefoppte, der Gegenstand ihres naiven Spottes. Es sind noch keine zwanzig Jahre her, als die unter dem Namen der „schönen Elephantine“ eines schier europäischen Rufes genießende Rühlerin eine große Menge Fremder nach Ruhla (sie war die Gastwirthstochter im Gasthofe zum Elephanten; daher ihr improvisirter Name) und nach Mechterstedt, einem Dorfe an der Straße von Eisenach nach Gotha, wo sie Gastwirthin war, zog, und es gab gewiß Keinen, den sie nicht mit ihrer gewandten, witzigen und köstlichen Unterhaltung entzückte. Kehrten doch im letztern Orte sogar die Königin von England und der Prinz Albert bei ihr ein, um sie, das schönste Weib aus dem Volke in Thüringen, kennen [354] zu lernen, und sie unterhielt sich mit den hohen Herrschaften eben so „lustig“, wie mit ihres Gleichen. Die andern Mädchen stehen ihr wahrlich nicht viel nach, da sie aber auf allen Bäumen wachsen und keine Gastwirthstöchter sind, so ist von Einzelnen nicht so viel Gerede, wie zu seiner Zeit von der Elephantine war.

Zu der schönen Natur und dem schönen Menschenschläge steht die Geschichte dieser Gegend im Einklang, und auf keine andere hat die Sage, die poetische Schöpfung des Volks, so viel duftende Kränze geworfen. Da ist kein Berg, kein Thal, kein Fels und kein Bach, von welchen sich das Volk nicht reizende Dichtungen zu erzählen weiß. Der Aberglaube, das so oft verkannte und thöricht geschmähete Kind einer längst vergangenen Zeit, blüht hier noch in manchen Beziehungen kräftig, wie eine tausendjährige Eiche, auch zum Beweis, daß diese Gegend der Sitz eines großartigen Kultus unserer heidnischen Vorfahren war. Denn im deutschen Polytheismus wurzelt er, und aus ihm saugt er noch heute seine Lebenskraft, wenn er auch das Kreuzeszeichen zur Schau trägt.

So ist überall Poesie auf dieses kleine Stück Erde gestreut, wie duftende Blüthenflocken, und die Menschen dieser Berge und dieses Thales erfreuen sich ihrer. Sie lieben die schöne Natur, den Frohsinn, das Vergnügen, sie lieben Musik und Gesang, und musiciren und singen selbst nach Herzenslust, sie lieben die Singvogel, die Tauben, die Blumen, und ihre Liebe äußert sich meist auf originelle Weise. Inzwischen hat sich doch vieles von der alten kernigen Naivetät verloren, und die Kultur hat auch die Kinder des Ruhlathales nicht allein äußerlich beleckt. Seit hundert Jahren schwindet die Volkstracht mehr und mehr, hat sich das Idiom, die Sprache der alten Thüringer, der hochdeutschen Aussprache mehr und mehr genähert und die frischen, brennenden Farben des Aberglaubens sind zu unbestimmten Tönen verblichen und verschwommen. Man erzählt die Sagen jetzt als Kuriositäten, und die Liebhaberei der Finken, Tauben, der Nelken, und Aurikel hat die flagrante Leidenschaftlichkeit der Altvordern verloren. Will man die heutigen Rühler ganz verstehen, so muß man die Rühler aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts betrachten. So weit kennen wir sie aus mündlicher und schriftlicher Ueberlieferung. Was weiter zurückliegt, ist nur Geschichte, nicht mehr Sittenbeschreibung.

Ruhla ist höchst wahrscheinlich einer der ältesten Orte im Gebirge, doch hat er früher weiter östlich in einem höhern nach dem Gebirgskamm sich emporsehenden Thale gelegen, welches noch heute „die alte Ruhl“ heißt. Der Sage, daß die ältesten Einwohner aus Tirol eingewandert seien, jedenfalls aus der Lautähnlichkeit (die Ruhl, Tirol) entstanden, widersprechen Mundart und Sitte, welche ächt thüringisch sind. Da ist kein Laut, der an ein anderes Land erinnerte, am wenigsten an Tirol. Die alten eigenthümlichen Spiele und Tänze haben das unverkennbare Gepräge autochthonischer Originalität.

Die früheren Bewohner Ruhla’s waren zumeist Waffenschmiede, und der nahe Hof der Landesfürsten, der Landgrafen von Thüringen, auf der Wartburg, mochte ihnen guten Verdienst gewähren; außerdem Hammerschmiede, Bergleute, Köhler. Nach dem Verfall des Ritterthums wurden allmälig Messerschmiede aus ihnen. Als solche treten sie mit scharf ausgeprägter Physiognomie in unsern Gesichtskreis. Aber so schlau und so thätig sie auch sind, es fehlt ihnen die Genialität der Industrie. Sie verstehen es nicht, mit der Zeit fortzuschreiten, geschweige ihr voran zu gehen. Wie sie sich wahrscheinlich erst als Waffenschmiede von andern hatten überflügeln lassen und deshalb gezwungen gewesen waren, zur Messerfabrikation zu greifen, so ließen sie sich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts den Rang auch in diesem Industriezweig ablaufen, und auch sie kam in Verfall. Dafür kam das Verfertigen von Pfeifenköpfen aus Holz, Thon, Meerschaum, und das Beschlagen derselben und der Porzellanköpfe mit Messing auf. Doch auch dieser Nahrungszweig ist schon seit Jahrzehnten sehr precär geworden und geht seinem Verfall entgegen. Andere Nahrungszweige tauchen auf, wie denn seit Kurzem eine nicht unbedeutende Portemonnaisfabrik errichtet worden ist. Uebrigens leidet der schöne freundliche Ort an allem Elend des Fabrikwesens, physischem und moralischem, das zum starken Dämpfer des sonst so lustig aufjauchzenden Volksgeistes geworden ist.

Ruhla wäre jedenfalls eine eben so große und blühende Bergstadt wie Suhl, wenn die Zerspaltung des Orts ihn nicht in seiner Entwicklung aufgehalten hätte. Als die Fürstenthümer Koburg und Eisenach, welche die beiden Herzöge und Brüder Johann Kasimir und Johann Ernst erst gemeinschaftlich und dann getheilt, jener Koburg, dieser Eisenach regiert hatten, bis sie nach Johann Kasimir’s Tode wieder auf eine kurze Zeit unter Johann Ernst vereint worden waren, nach dem Tode des letztern 1638 an die verwandten Fürstenhäuser von Weimar und Altenburg fielen, und die Söhne des früh verstorbenen Herzogs Johann von Weimar ihre Landesportion unter sich theilten – ein unseliger Gebrauch deutscher Fürstenhäuser, welcher die gesunde Blüthe Deutschlands sehr geschädigt hat – erhielt Herzog Ernst, welcher in der Geschichte den Beinamen des Frommen führt, in der Ländertheilung vom Jahre 1640 das gothaische Land, Herzog Albrecht, sein jüngerer Bruder, das eisenacher, und beide Bezirke wurden selbstständige Fürstenthümer. Es war gewiß kein guter Einfall, daß im Ruhlathale das Flüßchen Ruhla, wahrscheinlich Rolla, d. i. rollendes, stürzendes Wasser, von welchem der große Gebirgsort den Namen erhalten hat, als Grenzscheide der beiden Fürstenthümer bestimmt wurde. Denn da der Bach, von jener Bestimmung Erbstrom genannt, den Ort in zwei ziemlich gleiche Theile scheidet, so erhielt die südwestliche Hälfte den eisenacher Herzog zum Herrn, der nordöstliche den gothaer. Der untere, westliche und größere Theil der gothaischen Hälfte stand wiederum in einem Lehnsverhältniß zu den Herren von Uetterodt zu Scharfenberg in Thal; der obere oder östliche gothaische Theil gehörte dagegen zum Amte Tenneberg. So bestanden in Ruhla drei Gemeinden und dreierlei Regiment. Die dadurch herbeigeführten Nachtheile wurden durch eine merkwürdige, fast republikanische Handels- und Gewerbefreiheit ausgeglichen, die in jetziger Zeit, wo die allein zünftigen Messerschmiede nicht mehr existiren, noch bedeutender ist. In der Ruhl kann, wie in Nordamerika, Jeder zu seiner Nahrung treiben, was er will; kein Zunftzwang und kein Gesetz hindert ihn daran. Schon dieser Umstand allein macht den Ort zu einem der merkwürdigsten in Deutschland.

Der eisenachische Grund und Boden in Ruhla hieß nach dem officiellen Sprachgebrauch „meines Herrn Ort“, und davon „die herrnört’sche Seite“, „die herrnört’sche Gemeinde“ und die derselben angehörigen Einwohner kurzweg „die Herrnört’schen.“ Das von ütterodt’sche Lehnsbesitzthum wurde „auf Uetterodt“,’„die ütterodt’sche Seite, die ütterodt’sche Gemeinde“ und die ihr Angehörigen „die Uetterödt’schen“ oder vielmehr nach rühler Aussprache „die Uetteröh’schen“ genannt; der dem Amtsbezirk Tenneberg endlich zugehörige Ortstheil hieß der „tennebergische (vulgo: temmer’sche) Boden“, die Bewohner desselben „die Temmer’schen.“ Seit die im Gothaischen gelegenen ütterodt’schen Güter Staatseigenthum geworden, sind die beiden letztern Gemeinden zu einer verschmolzen, welche zum Amtsbezirk des Gerichtsamts Thal gehört, trüber hatte der Ort natürlich nur eine Kirche; als die fürstlichen Brüder getheilt hatten, baute sich die eisenacher Gemeinde eine zweite. Im Theilungsreceß wurden eine Anzahl rechtlicher Bestimmungen stipulirt, sogenannte Gemeinderechte, die bei friedlicher Gesinnung der beiden Fürstenhöfe zu Gotha und Eisenach und der ruhlaer Gemeinden wohl zur Geltung kommen konnten, bei feindlicher aber leicht die Veranlassung zu bösen Streitigkeiten werden mußten. Und so kam es auch.

Der gothaische Hof war die Schule der feinsten Sitte, des zartesten Anstands, der eisenachische ein Gelag hochgeborner Wüstlinge. Diese beiden Höfe mußten sich hassen. Die Streitigkeiten und Plackereien zwischen ihnen nahmen kein Ende. Und da ging denn das alte Wort des Horaz: Quidquid delirant reges, plectuntur Achivi wieder in kleinlicher Weise in komisch bittere Erfüllung. Die eisenachischen und die gothaischen Unterthanen in Ruhla, Sprossen eines Volksstammes, Bewohner desselben Orts, deren Häuser meist nur wenige Schritte von einander lagen und eigentlich durch nichts weiter als einen Bach getrennt waren, Menschen, die im engsten Verbande der Verwandtschaft, der Sitte, der Sprache, des stündlichen Verkehrs, Gewerbes und Handels zusammen standen und gar nicht ohne einander leben konnten, die vor hundert Jahren in friedlicher Gemeinschaft unter einer Regierung gelebt hatten, entbrannten in unnatürlichem lächerlichen Haß und alberner Feindschaft gegeneinander und aus keinem stichhaltigen Grunde weiter, als weil ihre beiderseitigen Herzöge, oder vielmehr der Herzog von Eisenach und die Herzogin von Gotha nicht gut aufeinander zu sprechen waren. Die Volkspicoterie machte sich in [355] gegenseitigen Neckereien, Schimpfereien und Turbationen Luft; doch nahm der kleine komische Krieg zuweilen auch eine ernste Wendung. An Ursachen zum Streit fehlte es natürlich niemals, und wenn er einmal hellaufloderte, so durfte sich ein „Herrnört’scher“ nicht wohl in einem Bierhause „auf Uetterodt“ oder „auf dem temmer’schen Boden“ sehen lassen, ohne Gefahr zu laufen, daß er halb todt geschlagen würde. Schlimmer war es nach umgekehrt, wenn ein „Uetteröh’scher“ oder „Temmer’scher“ sich auf „der Herrnort“ sehen ließ. Denn die eigentlichen Streit- und Händelsüchtigen, die Hetzer und Schürer des alten dummen Grolls, die immer wieder anfingen, waren die eisenacher Unterthanen, gerade wie ihr Herzog auch eigentlich der Veranlasser der Entfremdung zwischen seinem und dem gothaischen Hofe war.

Es klingt sonderbar, und doch ist es wahr, daß die Uetterodt’schen sich durch Bildung und Sitte vor den „Herrnört’schen“ hervorthaten, daß Kirche und Schule auf der gothaischen Seite den humanen Gesetzen des Christenthums mehr entsprachen, als die gleichen Institute auf der eisenach’schen Seite, so daß auch hier das Sprichwort zur Anwendung kommen durfte: „Wie der Herr, so der Knecht.“

Diese Verhältnisse dauerten auch unter der Regierung des weimarischen Herzogs Ernst August, welcher Eisenach erbte, fort; denn dieser geizige, abergläubische, wunderlichste und barockste aller Häupter, die je Land und Leute regiert haben, konnte sich ebenfalls nicht mit der aufgeklärten, feinen und taktvollen Herzogin von Gotha vertragen. Nach seinem Tode kam sein unmündiger Prinz Ernst August Constantin unter gothaische Vormundschaft und wurde am feinen gothaischen Hofe erzogen, Eisenach aber von der gothaischen Regierung verwaltet. Da standen denn die beiden Hälften von Ruhla unter einem Regiment, und der Streit ruhte. Später unter Karl August von Weimar und Ernst von Gotha ist er wieder ausgebrochen, wenn auch nicht mit der alten Bißigkeit, und heut zu Tage mögen höchstens ein paar Kinder sich noch über den Bach herüber und hinüber Böcke schimpfen.

Treten wir in die Ruhl des vorigen Jahrhunderts, etwa im zweiten Jahrzehnt desselben, als die Messerfabrikation noch in voller Blüthe stand! Die Wege, welche in das langgestreckte Thal führten, waren meist halsbrechend, die steilen Abhänge der schöngeformten hohen und mächtigen Berge, Rimber (Ringberg), Bärmer (Bärenberg), Engestieg, Dornsenberg, Mühlrain, Wasserberg, Häsel, Kirchberg, Nesselrain und Breitenberg, stürzen von allen Seiten nach dem Bache herab und sind dichter und weiter herab mit Laubholz bestanden, als heutiges Tags. Nur an einer Stelle dehnt sich das tiefe Thal zu geringer Breite aus und gibt mehren Straßen Raum; hier liegen die beiden Kirchen an Bergabhängen einander schief gegenüber. Uebrigens zieht sich der Ort fast eine Stunde lang an den Ufern des Erbstroms hin, kleine freundliche Häuser, oft mit der Schmiedeesse zusammengebaut, oft steht diese als besondres Häuschen daneben. Die meisten hart am Berge. Hier hat sich altthüringische Sprache und Sitte erhalten, wie nirgend weiter. Einst ein mächtiges Königreich, dessen Dynastie einen hochtragischen Untergang erfuhr, wurde dieses reizende und reiche Thüringerland im Laufe der Zeit politisch mehr zerrissen und zerstückt als irgend ein anderes. Die laxen Sitten der kleinen Höfe, die darin gewuchert, die Stürme der Kriege, die darüber hingebraust, und der Fittich der alles verwehenden Zeit hatten die originelle und charakteristische Art und Weise der Altvordern verwischt; in diesem Thale hatte sie sich festgeklammert, in diese Berge war sie wie eingekeilt. Hier sang und schnarrte noch das Idiom, das Martin Luther von seinen Eltern lernte; hier saßen die Reste des alten polytheistischen Volksglaubens, den Karl der Große mit dem Schwert bekämpft hatte, in großer Menge, freilich in christlich gefärbten Aberglauben maskirt; hier fächelte noch der einst so kräftige Hauch individuellen deutschen Volksthums; hier sprangen noch die Eigenthümlichkeiten der altdeutschen Volkstracht mit ihren hellen bunten Farben in’s Auge; in diesen markigen, untersetzten, arbeitgestählten, wettergebräunten Männergestalten war noch etwas Typisches von jenen Helden, von welchen die Römer geschlagen und Europa erobert worden war; in diesen schlanken, gewandten, edlen Frauengebilden mit braunen und blonden Zöpfen und blauen Augen hatte sich die Schönheit erhalten, welche Cäsar und Tacitus bewundert hatten. Die Rühler spielten noch Spiele, die, im übrigen Deutschland verschwunden und vergessen, sich nur noch in England erhalten hatten, sie tanzten noch Tänze, die mehr als alles Andere die harmlose Naivetät des ursprünglichen Volkscharakters zur Anschauung brachten. Alles, was in diesem Ruhlathale lebte und webte, die Menschen, die Kühe, die Hühner, die Tauben und die Finken, war gesund und wohlgebaut, und die Erstern nicht „angekränkelt von des Gedankens Blässe.“ An den schönen Kindern dieser Berge war noch Alles natürlich und wahr.

Wie alle kindlichen Völker waren sie in ihren Vergnügungen und in ihrem Aberglauben am Originellsten. Besonders stark trat ihre Vorliebe für einige Arten gefiederter Erdenbewohner und Zierblumen hervor; die Erstern waren die Hofhühner, die Tauben und die Singvogel; die Letztem Nelken und Aurikel. Unter Jenen erfreute sich der Kampfhahn ihrer ganz besondern Gunst; die Tauben mußten auffallend gezeichnet sein, wenn sie ihnen eine an’s Lächerliche angrenzende Liebe zuwenden sollten, und sie hatten eine reiche Terminologie und Nomenklatur für dieselben, und unter den Singvögeln genoß der Fink bei ihnen eines ganz außerordentlichen Vorzugs.

Die beliebtesten Tauben waren: „Schwarzköpf’, Weißköpf’ (rothe, braune, blaue und gelbe), Rothköpf’, Kahlköpf’, Eulige, Weißeulige, Schwarzeulige, Silbereulige, Lacheulige, Grunzeulige, Lerchenstöpfliche, Gelblichstöpfliche, Weißlichstöpfliche, Gräulichstöpfliche, Grundstöpfliche, Gelbgrundstöpfliche, Silberfarbige, Hammergraue, Rothmalige, Grunzfarbige, Schnürige, Schwalbenschecken, Schwalbenschwänz’, Schwarzmauser, Weißmalige, Schwarzstriemige, Silberbrüster, Roth-, Braun-, Blau-, Gelb- und Weißbrüster.“ – Es ist unmöglich durch bloße Beschreibung die Zeichnungen der Tauben auch nur entfernt anschaulich zu machen; genug sie waren eben so mannigfach wie die Farbenmischungen und es war ein beliebtes, obwohl sehr unsicheres Studium der Taubenzüchter, Farben und Zeichnungen durch eigenthümliche Beimischungen zur Nahrung der Tauben hervorzubringen, und fast Jeder hatte in dieser Beziehung sein Geheimniß. Die „Grunzeuligen“ waren dem rühler Geschmack nach die schönsten Tauben, die „Schwarzeuligen“ die seltensten und theuersten. Es wurde ein nicht unerheblicher Handel mit diesen Luxustauben getrieben, und nicht wenige Messerschmiede arbeiteten mehr für ihren Taubenschlag, als für ihren Haushalt. Die ächten Taubenmänner warteten niemals den Feierabend ab, um mit dem langen Blasrohr den Tauben nachzulaufen; sie ließen gar oft die Arbeit im Stich. Da sah man sie in ihrer Arbeitskleidung, die aus wenig mehr als einem groben schmutzigen Hemd, das den Schlitz hinten hatte, einer kurzen ledernen Hose und einem paar Schlumpschuhen bestand, von Essenruß geschwärzt durch die Straße rennen, die Augen unverwandt auf die Firste der Häuser gerichtet, wo die bunten Gegenstände ihrer Excursionen Platz genommen hatten, oder an den Berghängen und auf den Thalwiesen laufen, das Blasrohr immer schußsertig haltend. Solch ein Schießgewehr war ein höchst wichtiges und eben nicht billiges Möbel in jedem Hause. Die theuersten und besten waren inwendig mit Maulwurfsfellchen gefüttert, und es wurde mit ungebrannten Thonkugeln daraus geschossen. Diese Kugeln wurden in einer eisernen Form gefertigt, und da sie in großer Menge verbraucht wurden, so war ihre Verfertigung eine zeitraubende Arbeit.

Die Finken wurden nach ihrem Gesang klassificirt und benannt, der theils ein natürlicher, theils ein eingelernter war. Es gab Messerschmiede, Schalenschneider und Feilenhauer, welche den ganzen Tag über während ihrer Arbeit am Schraubstock dem im Bauer am Fenster über der Werkbank hängenden Finken vorpfiffen, bis er ein Stückchen nach dem andern nachpfiff. Die vorzüglichsten Finkenschläge waren: „der ein- und zweitheilige Doppelschlag, der Walddoppelschlag, der schmalkalder Doppelschlag, der härfner Doppelschlag, der härzer Doppelschlag; der einfache Wirr, der grobe Wirr, das Kutschengewirr, das Härzergewirr, das Hochzeitgewirr (Hotziggewirr); das Gutjahr, das Tollgutjahr; die Wittscheer, die Pottscheer; das Kienöl, das Quakkienöl, das Würzgebühr, das Richtsgebühr; der einfache Weingesang, der gute Weingesang, der schlechte Weingesang; das Wüthjeh, das Zeterwüthjeh, das Drehwüthjeh; der Scharf’, der gleiche (glich) Scharf’, der urnshäuser Scharf’; das Rädesthier, der Bräutigam, der Kauzjoi (Kuizjoi), der Larzer, der Reuzug, der Tannenwälder, der Fiedelmann (Fiddelmuhn), das Bockshorn.“

[374] Wenn im Frühjahr die Schneelager in den Bergen zum größern Theil weggethaut, und die Finken wieder in’s Land gekommen waren, zur magern Fastenzeit, da kochten die Rühler zum Feierabend Vogelleim und schnitten die kleinen Ruthen, die mit dem klebrigen Leim beschmiert, in der Leimscheide Platz fanden, flochten Gärnchen und übten den Dußpfeifer, und so ausgerüstet gingen sie auf die lustige „Fastenlock“, eins ihrer liebsten Vergnügen, wobei die tollsten Possen getrieben wurden. Im Spätsommer dagegen begaben sie sich auf die „Tränk-“ oder „Feldlock.“ In der Fastenlock wurde zumeist das Gärnchen zum Fang der Vögel an [375] gewandt; in der Feldlock die Leimruthe. Im Herbste, wenn die Finken zogen, stellten sie ihnen Schneißen. Der „Fastenfink“ war der mehr geschätzte, und am blauen Schnabel erkenntlich. – Wie sie aus der Esse oder vom Schraubstock kamen, diese ungeberdigen Natursöhne, rußig und luftig, so gingen sie auf und davon mit ihrem Dußpfeifer auf dem Rücken, mit dem Gärnchen, der Leimscheide, der Mehlwürmerschachtel, dem scharfen Schnitzer, Käse und Brot und der vollen Schnapsflasche im Querchsack, mit dem langen Blasrohr in der Hand und „ein paar Pfennigen“ in der Tasche, und brachen unaufhaltsam in die noch kahlen Laubwälder durch Schnee und Wasser, lustig und guter Dinge, voll Schnurren und Schelmereien, ein ungewaschenes, ungezogenes Völkchen, dessen Narretheiding und starke Faust überall gefürchtet, wurde. Früh, eh’ noch der Tag graute, zogen sie die Dornsengasse im steilen Grund hinaus und tranken in den „Hüscherchen“ (Häuschen), zwei Pirschhäusern auf dem Gebirgsrücken mit Gastwirthschaft, die jetzt verschwunden sind und nur der Stelle, wo sie gestanden, ihre Namen hinterlassen haben, den Frühstücksbranntwein, dann weiter auf der rauhen Höhe des Gebirgsjochs über die Schwarzgraben-Halde hin, den „Kissel“ hinab, über den „Streifling“ hin, immer bergab dem Werrathale zu. War dieses durchschnitten, so ging’s den Langenberg hinauf, und der Pfad am Abhang desselben brachte die Vogelfänger in die schönen Buchen- und Eichenwälder in der Nähe des Dorfes Urnshausen. Da lagerten sie sich in einen Graben, verzehrten ihr „Käs und Brot“ und ihren Schnaps. Dabei horchten sie mit geübtem Ohre auf den Schlag der nahen Finken und stellten dann Gärnchen und Leimruthen und den „Dußpfeifer“ auf den besten Schläger aus, der den beliebten „urnshäuser Scharfen“ schlug. Der Leimruthenstock war schon zugerichtet, ein mäßiger Stab mit eingeschnittenen Kimmen, in welche der untere trockene Theil der Leimruthen eingeklemmt wurde. Daran wurden Mehlwürmchen als Lockspeise befestigt und der Dußpfeifer dicht daneben gestellt. Der Fink in den Bäumen, dem die Jagd galt, duldete in seinem Umkreise keinen andern Schläger. Sobald nun der Dußpfeifer zu schlagen begann, lustig und schmetternd, „Keil auf Keil“, wie der Kunstausdruck lautet, d. h. in einer Minute zwei bis drei Mal, gleichsam herausfordernd und verhöhnend, so erboste sich der „Sitzfink“, sträubte die Kuppe und flog nach der Stelle, wo der Dußpfeifer schlug, um ihn auszubeißen. In der Hitze gerieth er dann auf den Leimruthenstock oder ließ sich von den Würmchen anlocken und ward gefangen. Oder er ging in’s Gärnchen, das über ihm zusammenschlug, sobald er den Mehlwurm mit dem Schnabel faßte.

Es war auch nichts Seltenes, daß die rühler Vogelfänger auf ihren Waldfahrten mit den herrschaftlichen Jägern und Kreisern Händel bekamen, und sie gaben durch allerlei Unfertigkeiten, Neckereien, Sticheleien, Hänseleien, „Atzeleien“ und sonstigen Unfug meist die erste Veranlassung dazu. Auf solche Fälle bestens vorbereitet, befanden sich in ihren Händen außer den harten Blasröhren, frisch abgeschnittene tüchtige Knittel, in ihren Hosen- und Jackentaschen nicht nur Sand, Hammerschlag und Essenstaub, sondern auch der scharfe Schnitzer, in ihren Leimscheiden überflüssiger Vogelleim. Kam’s zur Prügelei – und es kam oft dazu, denn sie reizten und ärgerten die Leute, bis auch die Sanftmüthigsten wild und zornig wurden – so keilten sie mit den Fäusten, Blasrohren und Knitteln auf die Gegner los, rangen sie mit studirten Griffen und Kraftwendungen nieder, warfen ihnen den staubigen Inhalt ihrer Taschen in die Augen, klebten sie ihnen mit Vogelleim zu und salbten ihnen Haare und Kleider damit, so daß sie Alles, was sich ihnen feindlich entgegenstellte, in die Flucht schlugen und aus jedem Kampfe siegreich hervorgingen, da sie im äußersten Falle sogar von dem gefährlichen Schnitzer als Waffe Gebrauch machten. Wieherndes Hohngelächter und der brüllende Gesang grober Spottlieber verfolgten dann wohl mit einem Steinhagel den nicht selten blutig geschlagenen flüchtigen Feind. Die Sieger aber gingen mit ihrem Fang fröhlich von dannen.

Außer den wuchtigen Schlägen, welche ihre unnahbaren Fäuste versetzten, verfehlte der geschickte Steinwurf ihrer Hand fast nie das Ziel. Sie trafen mit dem Steine den Vogel im Fluge und in der Spitze der höchsten Bäume; der Wurf holte die Taube vom Dache herab. Ein ihm nachgeschleuderter Stein machte denn auch in der Regel ein Loch in den Kopf des fliehenden Mannes. Wer einmal mit ihnen auf so empfindliche Weise zusammengerathen war, mied sie entweder ganz, oder suchte sich auf guten Fuß mit ihnen zu setzen. Es half auch nichts, wenn man sie mit Uebermacht angriff; denn in diesem Falle liefen die baarbeinigen Gesellen schneller als das Reh und stoben nach allen Seiten; und wer so weit gegangen wäre, ihnen eine Kugel aus dem Feuerrohre nachzuschicken, dessen Leben wäre sicher ihrer unbändigen Rachsucht verfallen gewesen. Denn wie überhaupt trotz aller Mühe erst ihrer katholischen und dann ihrer protestantischen Seelsorger ein mächtiges Stück Heidenthum in diesen Bergkindern hängen geblieben war, so hielten sie in’s Besondere eine gewisse Blutrache nicht nur für erlaubt, sondern sogar für Pflicht. – Die Jäger aber, die sie ruhig in den Wäldern gewähren ließen, oder sich wohl gar mit ihnen befreundeten, fanden bald ein kurzweiliges Ergötzen an den drolligen, wunderlichen Käuzen, und wenn sie mit ihnen fraternisiern, so gewannen sie gute lustige Freunde an ihnen, die durch Possen und Schwänke, launige Erzählungen und Aufschneidereien den Nachmittag im Walde und den Abend im Wirthshause wegscherzten, daß kein Mensch wußte, wie die Zeit verstrichen war. Mancher Jäger und Waldläufer sah ihnen also lieber hinter einem Baume oder einem Busche versteckt, zu, wie sich die schnurrigen Menschen im Walde einrichteten, wie sie rannten, um einen von der Leimruthe abgerissenen Vogel einzufangen, wie sie die hohen, glattschaftigen Bäume gleich wilden Katzen erkletterten, um ein Finken-, Drossel-, Amsel-, Rothkehlchen- oder Plattenmönchsnest auszunehmen, wie sie mit dem Stein, der Blasrohrkugel oder dem kurzen Knittel den Vogel trafen und dazwischen ihre läppischen Streiche trieben. Oder er setzte sich zu ihnen, ließ sich wohl dies und das gefallen und gab ihnen wieder Waare daran. Hatten sich die Rühler und die Jäger und Kreiser einmal befreundet, so wurden die erstern ganz gemüthliche Spaßvögel, schenkten neue Taschenmesser und aßen und tranken mit ihnen, bei welcher Gelegenheit sie mit ihren klassischen Zähnen die Schinken und Würste der Förster und reichen Bauern auf bewundernswürdige Weise vertilgten, und eine wahre Sündfluth von Bier austranken. So geschah es denn wohl, daß aus den erst bösen Feinden die besten Freunde wurden, bei welchen man Messer für die eigene Haushaltung und für die der Verwandten und Bekannten bestellte, was wieder manchen Geschäftsgang der Rühler in diese Gegend veranlaßte, und aus dem Vogelfänger wurde ein Handelsmann, er wußte kaum wie, der mit seinem Kalbfellranzen voll Messer auszog und mit schönem Gelde heimkehrte. Wohin solch ein schnurriger Messerhändler kam, da wurde er gern gesehen und noch lieber gehört, und in Familien und Wirthshäusern versammelte sich schnell ein großer Zuhörerkreis, um seine possirlichen Geschichten und Schwanke zu belachen.

Auf der „Tränk- und Feldlock“ ging’s der Jahreszeit wegen noch munterer und lustiger zu; denn sie fiel Ende August, wenn die Ernte der Feldfrüchte vorüber war. Da wurden die Leimruthen an kleinen Quellgerinnen („Vogeltränken“) oder auf dem Felde aufgestellt. Die „Feldbäumchen“ mit den in die Kimmen eingeklemmten Rüthchen wurden schon zu Hause eingerichtet und konnten auf jeden beliebigen Platz aufgestellt werden. Man besteckte aber auch im Felde oder in Zäunen stehende Bäume mit Leimruthen. Die Vogelfänger lagen faullenzend und Possen treibend in einem schattigen Hinterhalt und ließen ihren Dußpfeifer die Finken herbeilocken, oder sie suchten in Feld und Wald heilsame Kräuter, mit deren Eigenschaften sie wohl bekannt waren, oder sie schossen mit den Blasröhren wilde Tauben und andere Waldvögel, aus welchen sie sich schmackhafte Mahlzeiten bereiteten. Auch war es nichts Ungewöhnliches, daß sie bei solchen Gelegenheiten einen Hasen in ausgestellter Schlinge singen, dem sie mit dem Schnitzer den Genickfang gaben, oder in den klaren Waldbächen Forellen mit der bloßen Hand fingen, worin sie eine bewundernswürdige Geschicklichkeit besaßen. Ja, es kam wohl auch vor, daß der Eine und der Andere mit dem Dußpfeifer und dem Blasrohre in frühester Morgenstunde eine gute Jagdflinte in das Feld und den Wald trug, und während der Lockvogel die Finken herbeirief, einen Rehbock auf das Fell brannte.

Die hohen schön gesonnten Berge mit den prächtigen Laubholzwäldern, die lieblichen Thäler und Gründe mit den springenden Quellen und dem grünen Rasenteppich waren allerdings der Lieblingsaufenthalt dieser kernigen Naturmenschen, aber die hohen Reize ihres Gebirges kamen ihnen dabei keineswegs zum Bewußtsein; sie schwelgten nicht in poetischen Gefühlen, welche die sie umgebende Natur in ihnen wachrief. Vielmehr waren sie ursprünglich [376] und unmittelbar mit dieser Natur eins, wie der Hirsch und der Vogel, der Baum und die Quelle. Ihr Glück, hier zu leben und diese Berge zu durchstreifen, war kein Gefühl in ihnen, das sie mit Seelenwollust oder Raffinerie durchzukosten vermocht hätten; es war eine Nothwendigkeit, eine Lebensbedingung, wie Essen und Schlafen, und je unfähiger sie waren, es zu objectiviren und Reflexionen darüber anzustellen, desto rücksichtsloser gaben sie sich ihm hin und gingen ganz in ihm auf. Das zeigte sich recht an dem Umstande, daß sie gar nicht außer ihren Bergen zu leben vermochten. Sie wurden krank und elend, wenn sie sich draußen in der Welt länger aufhielten, als einige Wochen, die ihr Kleinhandel erforderte, und lebten wieder auf, wenn sie in ihre Bergluft zurückkehrten. Das ganze Jahr über, von ihrer Kindheit an bis in’s hohe Alter durchstreiften sie diese Wälder bergauf und bergab, und lebten höchst genügsam dabei. Sie kannten im stundenweiten Umkreise jeden Grund, jede Quelle, jeden Fels, und die reizenden Sagen, die Reste einer großartigen Naturreligion, die an diesen Oertlichkeiten haften geblieben und mit der Seele des Volkes gleichsam verwachsen waren, bewahrten sie treu als geistiges Erbtheil der Väter, das sie ihren Kindern überlieferten. Der Aberglaube, dieser wunderbare Centimane, das uralte Kind des Heidenthums, saß hier als mächtiger Beherrscher der Geister unbeirrt auf seinem tausendjährigen Throne.

Was glaubten diese Menschen nicht Alles! Aber das war doch eigentlich gar kein Glauben; denn der Glaube bedingt doch seinen Gegensatz, den Zweifel, wie das Licht den Schatten. Von einer Möglichkeit des Zweifelns konnte bei jenen Naturmenschen gar keine Rede sein. Alle diese Ueberlieferungen standen in ihnen unerschütterlich fest; der Aberglaube war ganz mit ihnen verwachsen und ein integrirender Theil ihres geistigen Wesens. Da wuchs die Wünschelruthe, und ihr Zaubersegen, d. h. der mysteriöse Spruch, mit welchen, sie gebrochen werden mußte, pflanzte sich von Mund zu Mund. Ebenso der Diebssegen, womit man Diebe fest machte. Da gab es eine Zauberformel, womit man Heckegeld machen konnte und eine andere, wodurch diese unheimliche Kraft wieder aufgehoben wurde. Da gab es Hexen und Hexenmeister, die Läuse machen, den Kühen die Milch versiechen lassen, die Kinder krank machen konnten, und dann gab es wieder Geheimkünste, die Läuse zu versprechen, das Geld im Kasten und in der Tasche durch Zauber vor Dieben zu schützen, das Vieh vor Hexenmacht zu sichern, versetzte Schätze zu heben, sich unsichtbar zu machen und tausend andere solche Dinge. Auf den Bergen wuchsen Kräuter und Sträuche, die zu Zauber und Gegenzauber unentbehrlich waren, z. B. das Elferhirtenholz (viburnum opulus flore roseum), welches jetzt als Zierstrauch in den Gärten steht, dem die alten Rühler eine höchst wunderbare Kraft beilegten.

Auch gegen jede Krankheit und Leibesbeschwerde stand ein Heilkraut in den Bergen, oft nur an ganz bestimmten Orten und war nur an gewissen Tagen, zuweilen sogar nur an bestimmten Stunden zu pflücken. Eben so standen an vielen bekannten Orten zu gewissen Stunden des Jahres Schätze zu Tag, und wer da ein schneeweißes Tüchlein darauf warf, konnte sie gewinnen. Gar viele Menschen aus der frühern Zeit sollten solche Schätze (meist silberne Schüsseln und Kannen) gesehen haben, aber stets waren sie verhindert worden, sie sich zuzueignen. In gleicher Weise gab es viele Stellen im Orte selbst und in den Bergen und Gründen, wo es spukte. Das nationalste von den umwandelnden Gespenstern („Wannerdenger“, d. i. Wanderdinger, Wanderwesen genannt, wie denn „wanner“, wandern der rühler Ausdruck für gespenstisch umgehen ist), war der „Bieresel“, ein gespenstisches Ungethüm in Gestalt eines Esels, das sich den Männern aufhockte, die nach Mitternacht etwas aufgeregt aus den Bierschenken heimkehrten, und das sie unter großer Anstrengung eine Strecke lang, meist bis an ihre Hausthür, tragen mußten. Thiere mit drei Beinen, Pferde ohne Köpfe, ein Reiter mit dem Kopf unter dem Arme, hatten ihre bestimmten Plätze. Es ist immer der wilde Jäger mit seinem Gefolge, es ist der seiner Götterherrlichkeit entkleidete und zum Gespenst herabgewürdigte Wotan. Die „gläserne Kutsche“ spielte eine vorzügliche Rolle in den Volkserzählungen der Rühler, die mit hohen spukenden Herrschaften (heidnische Götter) befrachtet, mit Geisterpferden bespannt, an steilen Abhängen rasch und geräuschlos dahin fuhr. Es ist der uralte Götterwagen der Frau Holda (Freya), der hohen Göttin, in welchem sie ihren Umzug durch das Land hielt. Das „wüthende Heer“ (verderbt aus Wuotans Heer, obgleich Wuotan hinwiederum von „Wuth“ abgeleitet ist) braus’te in den zwölf Nächten durch die Berge und Thäler, und der „feurige Mann“ wanderte auf den Grenzen der Grundstücke und suchte vergebens die Stelle, wo er den im Leben verrückten Grenzstein wieder hinsetzen könnte. Weiße Jungfrauen mit Schlüsselbunden traten aus Felsen heraus und luden zum Eintritt ein; Mönche gingen auf einsamen Waldwiesen um; Kroaten und Panduren aus dem dreißigjährigen Kriege spukten an allen Orten und Enden. Wer sich im Walde verirrte, war über „Irrkraut“ gegangen, und geschah es öfter an demselben Berge, so kam dieser wohl gar in Verruf, und Jedermann mied die bezeichnete Gegend so viel als möglich. Die Irrlichter waren Hexen und böse Geister, und die Sternschnuppen Höllenbraten oder der Teufel selbst, der da kam, um seinen Bräuten, den Hexen, Töpfe voll Rahm zu bringen, damit sie fette Kuchen backen konnten. Niemand wagte aber, ihn mit seinem eigentlichen Namen zu nennen; er hieß der „bös’ Vahl“ (verderbt aus Volland), der „bös’ Ritt“ (Ritter, Junker); seine Großmutter: „die beste Kötsche“ und die „Biizmuß.“ – Wackelte ein Stein im Keller, so lag darunter ein Schatz, versteht sich mit Zaubersegen versetzt, und die Familie delibrirte Jahre lang, wie er zu heben sein möchte, zog wohl auch erfahrene Nachbarn und Freunde zur Berathung, befragte weise Männer und machte allerlei vergebliche Versuche.

Gegen Krankheiten, besonders örtliche Schmerzen, war außer den Wunderkräutern der Berge das mysteriöse Versprechen sehr gebräuchlich. Wurde es schlimmer, so suchte man die Hülfe eines Wunderdoktors oder weisen Mannes. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hatte der Hirt Hans Heß als solcher einen hochberühmten Namen; gegen Ende desselben nahm der viel besprochene „Vörwerts-Häns“ in Thal seine Stelle ein.

[386] Im Sommer wurden im Walde Erdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren, Brombeeren und Preißelsbeeren gesammelt, im Herbst Haselnüsse, Bucheckern und Eicheln. Die Bucheckern gedeihen nur in einem Zwischenraume von mehren Jahren. Im Spätherbst eines Eckernjahres lag dann die ganze Einwohnerschaft des Orts in den Buchenwäldern und kehrte und siebte die ölige Frucht zusammen, oder schüttelte sie von den Aesten auf unten ausgebreitete Tücher. Da gewann man das kostbare Schmalzöl für Kuchen und Suppen auf mehre Jahre. –

Es gab nur wenige sogenannte Kaufleute, „Kauf- und Handelsherren“ in der Ruhl, welche mit großen Waarenvorräthen die Messen bezogen, dagegen eine Menge kleiner Handelsleute, die nur eine Kiste verluden, oder ihre Waaren selbst auf dem Reff trugen. Das Geschäft war in den ersten dreißig Jahren des 18. Jahrhunderts blühend und einträglich. Die Kaufleute waren mäßig reich; die Handelsleute wurden es; die Fabrikanten befanden sich wohl. Der Hauptabsatz des Fabrikats wurde auf den Messen in Breslau, Frankfurt an der Oder, Königsberg und Danzig, überhaupt nach Preußen, Schlesien und Polen gemacht. Die Handelsleute frequentirten zumeist die Messen in Naumburg, Leipzig und Braunschweig. Es gab aber auch eine Anzahl Messerschmiede, welche ihr Fabrikat auf den zuletztgenannten Messen und den Jahrmärkten der thüringischen Städte vertrieben. Manche packten wohl ohne Umstände ihre Messer in das lederne, oft sehr geflickte Schurzfell, banden es auf das Reff, setzten den Bauer mit dem Dußpfeifer darauf, legten die Leimscheide mit den Fangrüthchen, das Gärnchen und die Mehlwürmerschachtel dazu und wanderten so fröhlich von dannen. Nicht selten vervollständigte das Blasrohr den geringen Reiseapparat. So konnten sie in Wald und Feld ihre Vogelfanglust befriedigen. Aber sie fingen den Bauern auch die Tauben weg und ließen sich in den Herbergen eine Mahlzeit daraus zurichten.

Die häusliche Einrichtung der Rühler war ungemein einfach. Von der Straße trat man durch die Hausthür in die reinliche Küche, die ihr Licht durch die offne Oberthür empfing und mit der reich versehenen Töpfenbank geziert war. Von hier trat man [387] in die Stube, an deren aus runden in Blei gefaßten Glasscheiben bestehenden Fenstern die mit mehreren Schraubstöcken garnirte Werkbank hinlief. Ueber derselben, an den Fenstern in der Stube und außen am Hause hingen die kleinen hölzernen Gitterbauer mit den Finken, Rothkehlchen, Zeischen, Drosseln, Meisen, Amseln, Plattenmönchen und Nachtigallen, der Dußpfeiser dem Meister zunächst, denn das war der Liebling, und Mancher hätte lieber Frau und Kind gemißt, als den Vogel. Man erzählt Beispiele, daß für einen gutgelernten Schläger eine Kalbe hingegeben wurde. An die Schmiedeesse stieß in der Regel der Kuhstall; denn eine oder zwei gute Kühe hatten die Meisten. In der Nähe war auch der kleine Hühnerstall, wo die Kampfhähne bestens verwahrt und gepflegt wurden.

Vor den Fenstern des Hauses waren die Blumenbrete befestigt und mit Scherbengewächsen dicht besetzt. An das Haus grenzte das freundliche Blumengärtchen. Hier und dort war der prächtige Nelken- und Aurikelflor zu schauen. Die Narzisse, die Glokkenblume, die Kaiserkrone, die Tulpe, die weiße, die Schwert- und die Feuerlilie, das Gartenhähnchen (Eberraute), Pfeffer- und Krausemünze waren die vorzüglichsten Ziergewächse ihrer Gärten; in den Töpfen hielten sie das Aschenkraut, das starkduftende Katzenkraut, den Rosmarin, den Lack, die Winterlevkoie. Ihre Leidenschaft für ausgezeichnete Nelken erinnert an die Tulpenliebhaberei der Holländer. Kenner fanden bei einfachen Messerschmieden in der Ruhl so seltne, kostbare und ausgezeichnete Nelkenblumen, wie fast in der ganzen Welt nicht weiter. Auch die Nelken hatten ihre Nomenklatur, z. B. die rothe, blaue, fleischfarbne Flammös; die weiße, rothe doppelte Henne; die Prinzessin Amalie; der Prinz Friedrich; der alte Fritz mit der Schnupftabacksnase; der alte Dessauer; die Krone von Harlem; die Perle von Holland; die Perle von Eisenach; der Prinz Dahlberg; Hektor; der Doktor Storch etc. Für ein Dutzend Nelkenschleißen (Absenker) zahlten jene einfachen Menschen, die keinen Luxus kannten, je nach ihrer Güte einen bis drei Friedrichsd’or.

Wir haben noch von ihren Kampfhähnen und deren Wettkämpfen zu sprechen. Die Hähne heißen mit ihren technischen Namen: Beißer, Hitzige, Kreischer, Giller, Sperber, Latscher, Schwarzköpfe, Rothkämme, Weißkuppen, Heißsporn, Gescheckte, Gesprenkelte etc. Vor dem Kampf wurden sie mit in Branntwein geweichten Gerstenkörnern gefüttert. Die Kämpfe fanden gewöhnlich Sonnabend Nachmittags an bestimmten Plätzen unter großer Zuschauermenge statt. Alle Leidenschaften wurden rege und hohe Wetten gemacht, ganz wie in England. In der Ruhl hat nur ein Hogarth gefehlt, der uns die originellen Gestalten mit den leidenschaftlichen Zügen und den Hahnenkampf verewigt hätte. Gewöhnlich blieb ein Hahn todt auf dem Platze, aber der Hahnenkampf zog auch nicht selten einen Menschenkampf nach sich.

Zum Feierabend besuchten die Messerschmiede einander, um sich am Finkenschlag zu ergötzen, „die Finken zu verhören“, nach ihrem Ausdruck, und die Nelken und Aurikel zu beschauen, oder sie machten (vorzüglich Sonntags) ihre Waldgänge, wo denn auch die freien Finken „verhört“ wurden, oder sie versammelten sich an den Spielplätzen im Ort zu Hahnenkampf und Spiel. Auch ihre Spiele waren so eingerichtet, daß eine große Menge Menschen daran Theil nehmen konnte. An Sonn- und Festtagen kam Jung und Alt zusammen, um sich mit Spielen zu unterhalten. Mit dem Flitschbogen. und dem Blasrohre wurde nach dem (hölzernen gemalten) Vogel, nach Stern- und Ringelscheibe geschossen. Man hatte mehre sehr complicirte Ballspiele, wobei das Verfehlen des Balls beim Schlagen und Fangen mit kurzen Stäben in kleine runde Löcher, welche in den Boden gedreht waren, bemerkt wurde; jeder Mitspieler hatte sein Loch. Das Kegelspiel war ebenfalls verschiedener Art, das älteste und beliebteste mit Kugeln mit Grifflöchern, die im Bogenwurf in die Kegel geschleudert wurden. Ein andres beliebtes Spiel hieß: „nach der Geiß werfen.“ Aus Steinen wurde eine kleine Pyramide aufgebaut und nach dem größern Kuppenstein ein kurzer Knittel geschleudert. Höchst mannigfach und zum Theil sehr complicirt waren die Spiele mit „Stennern“, den kleinen steinernen und thönernen Kugeln (Schustern, Marbeln); man bezeichnete sie mit den Kunstausdrücken schießen („schiß“), fangen („fah“), schacken („schack“), picken („peck“). Es gehörte jahrelange Uebung dazu, um sie und ihre zahlreichen Regeln alle zu kennen und gut zu spielen. Mit bewundernswerther Fertigkeit schnippten (schossen) die Spieler mit den Fingern den Stenner nach andern Stennern in einem Kreise, oder in einer Linie, oder nach einem Pfählchen, auf welchem Geld lag. Wurde das Hölzchen getroffen, so waren die Stücken der herabgefallenen Münzen, welche das Wappen nach oben kehrten, dem Treffer. Es gab da eine Anzahl technischer Ausdrücke, die meistens unerklärlich sind. Oder man „pickte“ die Stenner aus einem glatt gedrehten runden Loche durch Werfen aus kleiner Entfernung, mit einem größern Stenner heraus. Beim „Schacken“ wurde eine Hand voll Stenner nach dem Loche geworfen, und die darin Liegenbleibenden bestimmten Gewinn und Verlust. Beim „Fahen“ mußte der emporgeworfene auf eine Steinplatte zurückgefallene und von da emporgeschnellte Stenner gefangen und in der Zwischenzeit die auf der Platte liegenden „Fahstein’“ weggenommen werden. Dieses war vorzüglich ein Mädchenspiel. An den großen und verwickelten Stennerschießspielen nahm oft eine beträchtliche Anzahl Männer Theil, und ein einziges Spiel dauerte mehre Stunden, einen ganzen, ja wohl mehre Tage.

Nächst diesen uralten Spielen, die hier nur kurz angedeutet und bei weitem nicht alle genannt werden konnten, sind die eigenthümlichen Tänze, die Volksfeste und ihre leidenschaftliche Vorliebe für Musik und Gesang und das Läuten der Glocken zu erwähnen. Die Tänze waren sehr charakteristisch und hatten nichts gemein mit den heutigen. Theils erinnerten sie an die Menuet, theils an die Masurka und die Sabotiere, doch hielten sie ihren ursprünglich deutschen Charakter fest und ähnelten wohl zumeist der Allemande. Einer war ausschließlich Eigenthum der Ruhl und hieß deshalb auch „der rühler Springer“. Die Musik dazu hat sich erhalten, den Tanz selbst kann Niemand mehr ausführen. Andre dieser Tänze hießen „der Birnschüttler“, „der Schlahmöller“ (Schlagmüller d. i. Oelmüller), „die Siebensprünge“. Da man aber nur die mündliche Ueberlieferung davon hat, so kann man sich keine rechte Vorstellung mehr davon machen. So sind auch die alten Volksgesänge verschwunden und nur kleine Bruchstücke daraus haben sich erhalten. Sie deuten auf Gebräuche, die aus dem Heidenthume stammend den Wechsel der Jahreszeiten u. dgl. behandelten. Der Frühling wurde z. B. alljährlich in Person mit Gesang eingeführt; ein Knabe wurde ganz in frisches Buchenreis eingebunden, so daß die Wipfel über dem Kopfe eine Krone bildeten und das Bürschchen einem wandelnden Busche glich. Er hieß „das Laubmännchen“ und bedeutete ursprünglich den wiedergebornen und mit Jubelgesängen eingeholten sonnigen Frühlingsgott Balder.

Die rühler Musikanten waren berühmt, und ihre Kirchenmusiken zogen Fremde an. Johann Sebastian Bach, der große Tonschöpfer, 1685 in Eisenach geboren, ging in seiner Jugend oft in die Ruhl, um diese Musikanten zu hören, und hat Zeit seines Lebens den musikalischen Anregungen, die er unter dem muntern Völkchen im Ruhlathale empfing, ein dankbares Andenken bewahrt.

In der Auszählung der rühler Liebhabereien kommen wir endlich zum Läuten der Kirchenglocken, dem sie sich mit einer Leidenschaftlichkeit und Ausdauer Hingaben, die in Erstaunen setzt. Die Glocken hängen nicht auf den Thürmen der beiden Kirchen, sondern in eignen Glockenhäusern, eine Strecke über jenen an den Bergabhängen. Jedes Glockenhaus hat drei Glocken, die große, die mittlere, die kleine; alle sechs sind nach der Tonscala gestimmt, so daß ihr Geläute harmonisch ineinander hallt. Nie wird ein Ohr schönere Glockenklänge vernehmen als die, welche zu Sonn- und Festlagen das Ruhlathal durchzogen; Niemand verstand aber auch besser zu läuten als die rühler Messerschmiede. Sie hatten das Läuten zu einer Kunst ausgebildet, die sie mit derselben unruhigen Lust betrieben, wie den Vogelfang, Tauben- und Blumenzucht, Musik, Tanz und Spiel. Und nirgend wurde mehr geläutet als in der Ruhl. Jeden Tag zu Mittag und Feierabend ertönte die kleine Glocke; zu Kindtaufen, Trauungen und Begräbnissen erschallte Geläute, und Sonntags waren die Glokkenhäuser voller kräftiger Menschen, die sich mit Begierde beim Läuten ablösten. Keine Stunde in der Ruhl wurde mit größerm Vergnügen vernommen, als die vom Ableben einer fürstlichen Person aus den resp. Familien der Landesherrschaften oder der freiherrl. von ütterodt’schen Familie; denn da durfte drei bis sechs Wochen lang jeden Tag ein paar Stunden das volle Trauergeläute erschallen, und die Läuter konnten sich ein Genüge thun.

In die Kirche gingen die Rühler wohl, aber doch nur aus [388] Gewohnheit und durchaus nicht aus seelischem Bedürfniß. Nichts war in der Ruhl weniger zu finden als religiöser Sinn, und wie es überhaupt wenig Bücher in den Häusern gab, so gehörte gerade die Bibel auch nicht zu den dort viel gesehenen und gelesenen. Um die widerwärtigen kirchlichen Zänkereien der Zeit bekümmerten sich diese an Geist und Leib gesunden Menschen ganz und gar nicht; sie wußten überhaupt vom Heidenthum viel mehr als vom Christenthum. Mit ihren Pfarrern lebten sie stets auf einem gespannten Fuße; sie thaten diesen würdigen Herren gern allerlei kleinen Schabernack an und machten sie zur Zielscheibe ihres derben Witzes.

Wir können nur noch Weniges über die rühler Mundart hinzufügen, und das führt uns erst auf die eigenthümliche Art des Grußes, sodann auf die noch seltsamere Benennung der Personen in der Ruhl. Man grüßt da keineswegs wie in der übrigen Welt mit einem frommen Wunsch, sondern mit einer Frage. Steht Jemand am Fenster, so grüßt der Vorübergehnde mit der Frage: „settchüch an öm?“ (seht ihr euch denn um?) Ist es spät: „wollt an ball schlaof geh?“ Früh: „haat an uisgeschlaoffen?“ Vormittags: „haot an d’u Brandwin getrounken?“ Der Sitzende wird mit der Frage gegrüßt: „Is an de Rouh gut?“ Ein Besuch im fremden Hause: „Seid an spill gangen?“ Die Antwort ist natürlich entsprechend.

Die eigentlichen gesetzlichen Namen der Leute standen nur in den Kirchen- und Gemeinderegistern. Dort standen sie gut; Niemand bekümmerte sich darum, Niemand konnte; nach einem solchen war kein Mensch im Ort zu erfragen. Da hatten die Leute ganz andre Namen, Namen von der eigenthümlichsten und seltsamsten Bildung. Und diese pflanzten sich nicht nur vom Vater, sondern auch von der Mutter auf die Nachkommenschaft fort, immer mit Anhängung der besondern namentlichen Bezeichnung des Individuums. Waren z. B. drei Söhne in einem Hause, so wurde der Aelteste „der Groß“, der Mittlere „der Deck“ (Dicke, und wenn er ganz dürr war), der Jüngste „der Klenn“ (der Kleine, und wenn er der Längste war), genannt, jedoch mit Vorsetzung des Spitznamens des Vaters oder der Mutter. Diese Spitznamen selbst waren durch die mannigfachsten Zufälligkeiten entstanden, so daß sie zum größten Theil gar nicht mehr zu erklären sind.

Solcher Namen sind: Hopphansen-Balten, Schicken Hannes, Kepp-Kap, Gelen-Dorten-Barlies, Buide-Krischen-Gehennes, Bol-Niklaosen-Hangobes, Kraers-Gretchen-Wölfsdeck, Schloos-Hirzen-Jane, Juiditen-Aller, der Giller, das Buttermesser, der Kuvatsch, Bären-Hantines, Hülers-Hanmerten, Sidonen-Gehennes, der Hähstoffel etc.

Die eigenthümlichen Vokaltöne der Sprache können mit unsern Schriftzeichen nicht ausgedrückt werden. Das a wird meist dumpf, als Mischlaut von a und o ausgesprochen, z. B. Vaoter; e bekommt dagegen oft den a-Laut, wie in laben d. i. leben. ä und nicht selten e haben den hellsten schärfsten a-Laut, z. B. Májen (Mädchen), práchtig (prächtig), der Bást (Beste). Die Infinitivendung en fällt immer weg, dafür erhält das Wort die Participialvorschlagsylbe ge, z. B. gegeh = gehen, gehür = hören. Uebrigens ist die Sprache außerordentlich arm an abstrakten Ausdrücken, so daß viele Begriffe entweder gar nicht, oder nur durch weitschweifige Umschreibung auszudrücken sind. Man sieht sogleich es ist die Sprache von Menschen, die der Geistesbildung ermangeln, aber sie hat primitive frische und kindliche Naivetät. Man erzählt sich, daß Friedrich der Große, der 1747 und in den folgenden Jahren, als die Messerschmiede in Ruhla sehr in Noth gekommen waren, eine nicht unbedeutende Auswanderung nach Neustadt-Eberswalde zur Anlegung einer königlichen Messerfabrik veranlaßte, die Rühler gern sprechen hörte und sich bemühte, ihnen nachzusprechen. Das Unternehmen scheiterte, und die Nachkommen jener Auswanderer leben in einer Vorstadt dort in ärmliche Verhältnissen zusammen und haben Sprache und Sitte noch treuer bewahrt, als der Mutterort.