Land und Leute in Neu-Britannien

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Autor: Otto Finsch
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Titel: Bilder aus dem Stillen Ocean. 2. Land und Leute in Neu-Britannien
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aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 696–700
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Ethnologische Beschreibungen von der Insel Matupi, inbesondere der Begräbnisrituale.
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Bilder aus dem Stillen Ocean.[1]

2. Land und Leute in Neu-Britannien.
Für die „Gartenlaube“ beschrieben von Dr. O. Finsch.

„Also endlich einmal wirkliche Wilde!“ dachte ich bei mir selbst, als ich auf meinen Kreuz- und Querzügen durch den Stillen Ocean zuerst meinen Fuß in Neu-Britannien an’s Land setzte, und somit, vom „goldenen Thore“ (San-Francisco) im Westen ausgehend, die ganze Breite dieses größten aller Meere in directer Entfernung auf nahezu 6000 Seemeilen durchmessen hatte. Die dunklen Menschen, die ich hier, in Melanesien, erblickte, machen keinen angenehmen Eindruck auf den Ankömmling. Ihr negerähnlicher Typus, ihre völlige Nacktheit, das wilde, zum Theil buntgefärbte Haar und die manchmal abschreckende Malerei auf einigen Körpertheilen verleihen ihnen ein ebenso ungewohntes wie abstoßendes Aussehen, das beim weiblichen Geschlecht womöglich noch stärker hervortritt als bei dem männlichen. Unter der gaffenden Menge, die den Fremden um Tabak bettelnd umsteht, bemerkt man nicht selten bewaffnete Männer. Sie tragen mit Federn geschmückte Wurfspeere oder eingetauschte eiserne Aexte an langem, sonderbar geformtem und bemaltem Stiele. Mit einem Worte: ich sah mich unter einer mir bisher fremden Rasse, über welche die spärlichen Berichte der wenigen weißen Besucher fast übereinstimmend nicht eben vortheilhaft und vertrauenerweckend lauten; denn sie messen den Eingeborenen von Neu-Britannien Habsucht, Hinterlist, Räuberei, Mordlust und die schreckenerregende Sitte der Menschenfresserei bei.

Ganz anders bildet sich das Urtheil bei dem, welcher, wie ich, monatelang mit und unter den Eingeborenen lebte und ihre Sitten und Gewohnheiten zu seinem Studium machte. Das Auge hat sich bald mit der Nacktheit versöhnt, bemerkt sie fast gar nicht, und findet, daß die hübschen Federkronen und Büschel, die dichten Schnüre weißer und bunter Glasperlen dem dunklen Körper gut stehen, ja söhnt sich zuletzt sogar mit dem Bemalen von Haar und Körper aus, als könne dies gar nicht anders sein. Auch an die Körper- und Gesichtsformen dieser Menschen gewöhnt man sich. Zwar können die breite, nur mit der Kuppe vorspringende Nase, die weitgeöffneten Nüstern, der meist unschön große Mund, das wollig verfilzte Haar sich niemals, vom Standpunkt des Weißen aus betrachtet, das Prädicat: schön erringen, aber im Uebrigen muß man gestehen, daß die Neu-Britannier wohlgebaute Menschen von kräftigem Gliederbau und starker Natur sind und daß die dunkle kaffee- oder chocoladefarbene Haut ganz zu ihrer Erscheinung und dem Himmel, unter dem sie wohnen, paßt. So abschreckend besonders auch die Weiber anfangs erscheinen, nach und nach bemerkt man namentlich unter den jungen Mädchen gar nicht üble Personen, die in Körperform und untadelhafter Büste jeden Vergleich aushalten. Vor allem haben viele dieser „Damen“ große, schöne, lang und zart bewimperte Augen, die ohne die gelbliche Trübung des Weißen, wie sie allen Farbigen eigen ist, geradezu schön genannt zu werden verdienten. Bei diesen Schwarzen Melanesiens macht sich Lebhaftigkeit, Beweglichkeit und eine stets heitere und fröhliche Geselligkeit bemerkbar. Das schwatzt, das scherzt und schäkert oft bis tief in die Nacht hinein, und namentlich an hellen Mondscheinabenden nimmt die ausgelassene Fröhlichkeit kaum ein Ende. Musik und Tanz sind auch hier die unzertrennlichen Begleiter jeder Lustbarkeit; bald hört man einsame Künstler, die in der Stille des

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Die Gartenlaube (1882) b 697.jpg

Leichenfeier in Neu-Britannien.
Für die „Gartenlaube“ nach der Natur aufgenommen von O. Finsch. Auf Holz gezeichnet von Martin Laemmel.

[698] Abends auf der Flöte ihre sanftesten Weisen zum Besten geben; bald vereinigen sich Viele, um unter dem Tacte hölzerner oder mit Eidechsenhaut überspannter Trommeln mehr tumultuarische Concerte aufzuführen, denen es aber keineswegs an Rhythmus mangelt.

Musikalische Instrumente giebt es hier eine ganze Menge, darunter drei verschiedene Arten Flöten und ein Saiteninstrument; jedes Geschlecht hat seine eigenthümlichen Musikwerkzeuge für sich. Bei aller Ureinfachheit läßt sich in den Weisen und Gesängen der Melanesier ein melodischer Zug nicht verkennen, und er stellt diese „Wilden“ in ihren musikalischen Leistungen weit über alle östlichen Südsee-Insulaner, ja über das hochgebildete Volk der Chinesen, deren Musik unser Ohr auf das Aergste beleidigt. Gelegenheit zu Tanz und Festen bietet sich so oft, daß es fast scheint, als sei das Leben dieser Schwarzen nur eine ununterbrochene Kette von Lustbarkeiten und Vergnügungen. In der That ist ein solches Leben nur unter dem gesegneten Himmelsstriche, in welchem sie heimathen, und bei der natürlichen Bedürfnißlosigkeit möglich, welche diese Wilden trotz der langjährigen Bekanntschaft mit Weißen streng beibehielten. Nur so konnten sie bis jetzt ihre Freiheit und Sorgenlosigkeit bewahren.

Unter den vielen Artikeln europäischer Civilisation wußten sich bei den Eingeborenen nur Rauchtabak (und dieser noch nicht allenthalben), Glasperlen, Messer, Aexte und Feuerwaffen nebst Munition Eingang zu verschaffen, während nach Bekleidungsgegenständen kaum Nachfrage herrscht und das so verführerische Feuerwasser, welches am Untergange vieler Südsee-Insulaner die Hauptschuld trägt, in Neu-Britannien standhaft verabscheut wird. Wirklich ist der dunkle Mann sehr wohl im Stande, ohne die Hülfe seines weißen Bruders zu leben; denn das Land bietet Nahrung im Ueberfluß und befriedigt alle seine Bedürfnisse. Freilich hält die Natur auch in der Südsee nicht stets offene Tafel, wie man sich dies bei der sprüchwörtlichen Fülle der Tropen so gern einbildet, sondern es bedarf auch hier der Arbeit, wenn diese auch nicht sehr anstrengend ist: Bananen, Yams und Cocosnüsse bilden die Hauptnahrung der Bewohner Neu-Britanniens, und außerdem zeitigt der Wald eine Menge anderer Früchte, die unserem Geschmacke aber nicht sonderlich entsprechen und nicht entfernt einen Vergleich mit unseren heimischen Früchten bestehen können.

Die Neu-Britannier sind treffliche Landbauer; allenthalben sieht man geklärte und mit Hülfe von Feuer urbar gemachte Stellen, und oft wandelt man auf weite Strecken durch wohlgepflegte und gehegte Pflanzungen von förmlichen Bananenwäldern, welche für den Fleiß und die Sorgfalt dieses Volkes das günstigste Zeugniß ablegen. Entsprechend den gebotenen Verhältnissen hat sich der Neu-Britannier zum Ackerbauer entwickelt, ohne die Zwischenstufen des Jäger- oder Hirtenlebens durchzumachen, wie sonst gewöhnlich erwartet wird. Der Küstenbewohner ist dagegen außerdem ein geschickter Fischer und bedient sich zu diesem Gewerbe weit besserer Geräthe als der Mikronesier. Jagd tritt dagegen auf diesen Inseln gänzlich in den Hintergrund, weil es an größerem Wilde fehlt und die Waffen und Fanggeräthe unzureichend sind. Als vorwiegender Vegetarianer kennt der Melanesier weder Fallen- noch Schlingenstellen, welches doch die ergiebigsten Methoden für den Fang des zahlreichen Vogelwildes sein würden.

Auch seine Wohnungen versteht der dunkle Mann gut einzurichten: kleine, aber saubere Hütten, deren aus Bambu oder Stangen bestehendes Gerippe mit Binsen gedeckt und bekleidet ist, sind zu zwei, drei oder mehreren von einem Zaune umgeben und verleihen den Dörfern ein freundliches Ansehen, das durch überraschende Reinlichkeit noch bedeutend erhöht wird. Leicht zu beschaffen ist auch das wenige und geringe Hausgeräth. Zum Kochen oder besser Garmachen von Vegetabilien und Fleisch (hauptsächlich Fisch) bedarf man keiner irdenen Geräthe oder überhaupt Geschirrs, da diese Gerichte nicht in Wasser gekocht werden, sondern es genügen glühend gemachte Steine und frische Bananenblätter zum Einhüllen der Speisen. Servirt wird ebenfalls auf frischen Blättern oder in schnell aus solchen gefertigten kleinen Gefäßen, Körben oder Matten. Als Hauptgetränk dient der Saft der Cocosnuß, die sogenannte Cocosmilch, welche man sich zu jeder Zeit frisch von den Bäumen holt. Wasser, welches man in Cocosschalen verwahrt, wird dagegen im Ganzen wenig getrunken. Waschen in unserem Sinne ist unbekannt, aber die Bevölkerung liebt es, stundenlang im Wasser zu liegen und sich unter lautem Gejauchze und Gesang mit Schwimmen und Tauchen zu unterhalten.

Bei dem Reichthum des Landes an den verschiedensten Bodenproducten mußte sich auch der Handel entwickeln, der bis zur Abhaltung ständiger Wochenmärkte an den verschiedenen Küstenplätzen führte. Dieser Handel blieb nicht auf der niedrigsten Stufe des bloßen Tauschhandels stehen, sondern entwickelte sich zu höheren Formen; denn die Neu-Britannier besitzen eine Münze. Sie ist zwar himmelweit verschieden von unseren geprägten Geldstücken, aber im Verkehr doch ganz denselben entsprechend. Es ist dies eine kleine, etwa acht Millimeter lange, flache, kauriartige Meeresmuschel, deren abgeschlagener Rücken eine kleine Oeffnung bildet, durch welche man diese Muscheln zu Hunderten, Tausenden und Hunderttausenden auf biegsame Pflanzenstengel reiht und so kolossale Ringe von der Größe eines Wagenrades bildet, die, in sauber gespaltenes Bambus eingeflochten, den eigentlichen Reichthum der Capitalisten dieses Landes ausmachen. Dieses Muschelgeld heißt Diwarra oder Param, ein corrumpirtes Wort nach dem englischen Worte Fathom (Faden), da es nach Klaftern (Faden), Arm- oder Handlängen gemessen wird.

Wie bei uns nach Geld, so trachtet hier Jeder nach Diwarra; denn mit demselben kann sich der Neu-Britannier Alles verschaffen, was sein Herz wünscht. Mit Diwarra kauft er sich Nahrung, Land, Cocospalmen, Waffen, Netze, Canoes, Frauen, bezahlt Vergehen bis zur Blutschuld, erwirbt sich Freunde, Anhang und kann es bis zum Häuptling bringen; denn auch bei diesem auf der Naturstufe stehenden Volke herrscht kein Communismus, und es giebt Reiche, Wohlhabende, Bemittelte, ganz wie bei uns; nur Bettler, die lediglich von dem Mitleide ihrer Nebenmenschen leben, kennt man nicht. Häuptlinge und Reiche unterscheiden sich übrigens in ihrem Aeußern durch nichts; sie leben wie die übrige große Menge, auf die sie nur gewissen Einfluß haben, aber Jeder weiß, daß sie reich sind und gelegentlich von ihrem Reichthum abgeben, und dies genügt. Aber Niemand unter dieser anscheinend gesetz- und zügellosen Bande wird auf den Gedanken einer Theilung dieser nicht immer durch eigenen Fleiß, sondern meist durch Erbschaft überkommenen Reichthümer geraten, wie derselbe unverhohlen von einer gewissen Partei in Europa zur Parole erhoben wurde, sondern bei diesen „Wilden“ ist Privateigenthum, aufgehäufter Reichthum, selbst ohne feuer- und diebessichere Schränke, unantastbar.

Diebstähle kommen unter den Eingeborenen selten vor und werden streng bestraft; denn auch dieses Volk hat, ohne gedruckte oder geschriebene Gesetze, gewisse Satzungen für Recht und Ordnung, die ihm durch Gewohnheit und Gebrauch in Fleisch und Blut übergingen und bei Jedermann als selbstverständlich gelten. Je länger man mit diesen Leuten vertraut wird, um so mehr erstaunt man über die herrschende Ordnung, welche ohne alle Vermittlung von Staat und Kirche sich überall, namentlich bei großen Festen, kundgiebt.

Der Bewohner Neu-Britanniens kennt keine Feste oder Opfer irgend einer Gottheit, da er keine Spur von Religion oder irgend einem Cultus besitzt, und so bewegen sich die Lustbarkeiten, mit Ausnahme einiger wenigen, die einer noch unbekannten geheimen Gesellschaft der Männer angehören, fast ausnahmslos im Rahmen von Familienereignissen. Diese Richtung ist bei dem engen Verbande kleiner, meist durch Blutsverwandtschaft verbundener Gemeinden vollständig erklärlich: Leid und Freud des Einzelnen oder einer Familie berührt Andere und steigert sich je nach Rang und Ansehen bis zur Theilnahme des ganzen Dorfes und selbst der Nachbargemeinden.

Unter allen Festen werden Begräbnisse am feierlichsten begangen, und die Ehren, welche man Todten erweist, übersteigen bei Weitem die den Lebenden gezollten. Der flüchtige Besucher dieses Landes, welcher gelegentlich einmal bis in ein Dorf drang, forscht vergebens nach den Orten, wo die Todten ruhen; er findet weder Begräbnißplätze, noch Ueberreste von Knochen auf Bäumen, wie dies anderwärts der Fall ist. So kam es, daß daraufhin ein Reisender flugs die Vermuthung aussprach, die Verstorbenen möchten vielleicht von den Lebenden verzehrt werden, was ja ganz mit dem Charakter der „Wilden“ verträglich schien.

In Wahrheit verhält es sich aber ganz anders; denn die Eingeborenen, weit entfernt, ihre Todten aufzuzehren, bestatten sie vielmehr mit einem Pomp, der im Verhältniß nur selten in Europa zur Geltung kommt, ein Zug, der diesen Naturkindern zur größten Ehre gereicht.

[699] Wenn man bei Menschen, die von Kindesbeinen an gewohnt waren, nackend zu gehen, ja denen jede Kleidung unbequem und verhaßt ist, voraussetzt, daß sie die Unbilden ihres milden Klimas mit Leichtigkeit ertragen und ihr Körper gegen Witterungseinflüsse vollkommen gestählt und abgehärtet sein müsse, so irrt man in dieser Voraussetzung. Das lernte ich während meines Aufenthaltes daselbst kennen. Die Regenzeit, welche im December eintrat und bis Mitte März fast ununterbrochen anhielt, warf mit ihrer feuchten, kühlen Witterung, in der das Thermometer bis 19½° R. fiel, bald ganze Dorfschaften mit Krankheit darnieder, die einen epidemischen Charakter annahm. Es war Hals-und Brustkatarrh, das, was bei uns, glaube ich, mit „Grippe“ bezeichnet wird, also ein im Ganzen nicht gefährliches Uebel. Aber es forderte unter den Eingeborenen viele Opfer, und namentlich im Februar verging kaum ein Tag, wo nicht ein oder ein paar meist ältere Personen starben. Zwar machte man mehrmals den Versuch, den bösen Geist der Krankheit durch allgemeines Lärmen, Schlagen mit Knüppeln an Häuser, Zäune und Bäume, Abfeuern von Flinten etc. zu vertreiben, aber es half nichts, und die Bevölkerung ergab sich nun ruhig in ihr Schicksal, ohne irgend ein anderes Heilmittel zu kennen, als Blutlassen mittelst Einritzen durch Glassplitter. Diese Universalmethode der Eingeborenen, welche damit jede Krankheit behandeln, fand in dieser Zeit die umfassendste Anwendung. Kaum eine Person war zu sehen, die nicht Spuren dieser Curmethode, welche an den mit Kalk eingeschmierten Wundmalen leicht kenntlich ist, an sich trug. Wie überall verschonte der Tod selbst die Höchsten nicht, und der Eingeweihte erkannte einen solchen Fall leicht an der Heftigkeit des Klagegeschreies, welches sich dann erhob. Eines Abends ließ sich dasselbe stärker als sonst vernehmen: es mußte etwas ganz Besonderes passirt sein. Und so war es. Turumane, der älteste und höchste sogenannte König, der größte Grundeigenthümer auf der Insel Matupi und an der Küste, der mächtigste Geldprotz, hatte sein Leben beschlossen. Noch an demselben Abend eilte Alles herbei, um beim Todten zu klagen, und selbst große Männer schienen so von Schmerz überwältigt, daß sie für keine Frage Gehör hatten.

Am andern Tage entwickelte sich die eigentliche Begräbnißfeier, die mit zu den glänzendsten gehörte, welche ich in Neu-Britannien zu sehen bekam. Schon am Vormittage setzte sich die Bevölkerung nach dem Trauerhause in Bewegung, die Weiber in langen Gänsemarschreihen mit den unvermeidlichen Körben im Nacken, die an einem Bande über den Vorderkopf getragen werden. Viele Männer waren mit Glasperlenhalskragen und Federbüschen geschmückt; Häuptlinge nahten in feierlichem Aufzuge mit ihrem Anhange. Sie ließen einen Theil ihres Reichthums in mächtigen eingestrickten Muschelgeld-Ringen sich nachtragen, um denselben zur Verherrlichung des Tages zur Schau zu stellen. Trompeter, welche großen Tritonshörnern dumpfe, klagende Töne entlockten, eröffneten den Zug; Bewaffnete beschlossen denselben. Im Trauerhause herrschte bereits Leben; in langen Reihen saßen die Weiber für sich und aßen Betel, ohne welchen keine Zusammenkunft denkbar ist. Der Platz selbst war festlich geschmückt, wobei sich wiederum der natürliche decorative Geschmack dieser Eingeborenen vortheilhaft bekundete. Der Verstorbene selbst war im höchsten Schmucke zur Parade, und zwar in sitzender Stellung, ausgestellt, wie dies mein nach der Natur gezeichnetes Bild am besten zeigt, dem die zum besseren Verständnisse so nöthigen Farben im Holzschnitte allerdings fehlen (vergl. S. 697). Man wolle sich dieselben nach der folgenden Beschreibung dazu denken: Ein breiter weißer Streif bedeckt Brust und Unterleib des Todten, seine Stirn eine rothe mit Muschelgeld und an den Seiten mit gelben Haubenfedern vom Kakadu verzierte Binde. Was unter derselben noch frei bleibt, ist blau bemalt, unten von weißen Strichen begrenzt. Ein gleicher, aber rother Streifen ziert den Nasenrücken, während die Backen eine weiße rechtwinkelige Zeichnung tragen. Der Bart, welcher mit stutzerhafter Eitelkeit gepflegt wird, hat diese Sorgfalt auch beim Todten erfahren und ist weiß bepudert. Der Mund, dessen Lippen mit Betel roth gefärbt sind, hält eine lange Thonpfeife, wie sie dem Lebenden lieb und werth war, auf dem Kopfe aber prangt eine weiße Federkrone aus Schwanzfedern des Kakadu, die in einem hohen Aufbau aus bunten Papageien- und anderen Federn endet. Um die Arme trägt der todte Häuptling breite weiße, kostbare Ringe aus Riesenmuscheln, die ihm in’s Grab folgen müssen, da sie so fest in’s Fleisch eingewachsen sind, daß sie sich nicht mehr abstreifen lassen. Die Rechte hält die Lieblingsstreitaxt, die Linke einen Prachtspeer mit reichem buntem Federschmucke in geschmackvollem Muster. Auf dem Schooße des Todten aber liegt ein Spiegel; seine Beine endlich sind am Fesselgelenk roth bemalt, und an diesen selbst mit Bändern von Muschelgeld umflochten.

Der Todte sitzt unter einer Art Baldachin, welchem eingerammte Speere, mit Menschenknochen verziert, als Stützen dienen, an welchen Stücke buntgemusterten Baumwollenzeuges befestigt sind. Zu den beiden Seiten dieses Baldachins sind, zum Theil durch Prachtruder gestützt, die nur bei solchen Gelegenheiten in Gebrauch kommen, die gewaltigen Ringe Muschelgeld aufgestellt, von denen ich an dreißig zählte. Sie waren zum großen Theil Eigenthum des Verstorbenen oder sind von anderen Häuptlingen hergeliehen. An jeder Seite des entschlafenen Königs sitzt ein junges Mädchen, ein Büschel buntfarbiger Blätter in der Hand, mit welchem es die Fliegen verscheucht.

Man erkennt die niedlichen Geschöpfe kaum wieder; denn sie sind heut in der landesüblichen Trauerfarbe: in Schwarz – zwar nicht gekleidet, aber angestrichen; das Gesicht glänzt, gleich Stiefelwichse, und der übrige Körper zeigt einen matteren Ton; die Jungfrauen ähneln in diesem Schwarz mehr kleinen Teufeln als Menschen. Weiber kommen noch immer truppweis daher, lassen sich vor dem einst gewaltigen Todten nieder und stimmen ihr Klaggeheul an, wobei sie den Augen Thränen zu entlocken versuchen. Hat dies eine kurze Zeit gewährt, so machen sie Anderen Platz; sie setzen sich unter die übrigen Weiber und empfangen als nächste Belohnung Betelnüsse, Pfefferblätter und pulverisirten Kalk als Vorspiel der späteren großen Mahlzeit. Aber nicht diese ist es, auf welche die Menge jetzt sehnsuchtsvoll harrt und die sie erst durch Gesänge gleichsam erwerben muß, sondern etwas ganz Anderes hält die Aufmerksamkeit gespannt.

Nachdem nämlich Alles versammelt und sich gruppenweis, nach den Geschlechtern getrennt, niedergesetzt hat, fängt das eigentliche Todtenopfer an: Zwei große Ringe Muschelgeld werden herbeigeschleppt und ihrer Hülle entkleidet; dieses Geld wird nun an die Anwesenden nach Rang und Würde vertheilt. Häuptlinge und Große erhalten natürlich das meiste, ein bis zwei klafterlange Stränge, aber Keiner geht leer aus, und selbst der ärmste Knabe bekommt mindestens ein Stück so lang wie von der Fingerspitze bis zum Handgelenk. Mit dieser Geldvertheilung ist zunächst die Hauptfeier beendet, die Menge geht in derselben Ordnung, in welcher sie kam, wieder nach Hause, um sich am Nachmittage abermals im Trauerhause zum eigentlichen Begräbnisse zu versammeln.

Schon in der Nacht hat man Vorkehrungen getroffen und in der Eile eine neue mit grünen Palmblattmatten gedeckte Hütte errichtet, wie dieselbe der Hintergrund meines Bildes zeigt. Diese Hütte, welche die Ruhestätte überdacht, ist sinnig geschmückt. Die beiden runden Giebelspitzen sind mit buntbemalten Cocosnüssen und Blättern verziert, und von ihnen führen bis zur Mitte der Firste weiße flaumige Schnüre herab, die wie Schwanenhälse aussehen und in der That mit weißen Daunen von Hühnern umsponnen sind. An diesen Schnüren hängen die beiden unglücklichen Opfer eines so hohen Festes, zwei lebende Hühner, die – ich muß es zur Schande der Eingeborenen leider gestehen – hier hängen bleiben, bis sie elendiglich verschmachten. Es ist dies übrigens die einzige Thierquälerei, welche mir bei diesem Volke begegnet ist. An der Hütte selbst sind schlanke Bambus mit den zarten Blattwedeln befestigt, an diese wiederum zum Theil künstlich gezackte und verzierte Blätter.

Der Todte wird nun in dauerhafte Matten aus dem zähen Baste oder aus der Borke der Betelpalme gewickelt, und alle seine Verwandten und Freunde geben ihm etwas mit auf den Weg. Da fliegen längere und kürzere Stücke aufgereihtes Muschelgeld, Tabak, Betelnüsse, Kupferhütchen, Streichhölzer, Pulver, Glasperlen, selbst Messer und Beile mit unter die Leichenhülle, während dieselbe noch eingeschnürt wird, und ich habe selbst bei geringerem Range des Verstorbenen den Werth der mit in’s Grab versenkten Waaren auf sechszig bis achtzig Mark veranschlagt. Irgend eine andere Bedeutung als den einer letzten Liebesgabe an den Verstorbenen haben diese Geschenke nicht; denn der Glaube an irgend eine Fortdauer nach dem Tode, welche die Mitgabe nützlicher Gegenstände als nothwendig erscheinen lassen könnte, ist den Neu-Britanniern nicht eigen.

Inzwischen haben vorzugsweise die Weiber in der Todtenhütte ein schmales, kaum zwei Fuß tiefes Grab ausgekratzt und [700] mit Matten aus grünen Cocosblättern hübsch ausgekleidet. Man legt den Todten hinein, und die Menge stimmt die letzte leidvolle Todtenklage an, womit zwar der Schmerz, aber keineswegs die Festlichkeit ihr Ende findet. Die letztere, welche von nun an zunächst einen Charakter der Freude trägt, ist so mannigfach und nimmt so lange Zeit in Anspruch, daß es hier zu weit führen würde, sie zu beschreiben. Ich will daher nur kurz anführen, daß zu Ehren des hohen Verstorbenen bald von Männern, bald von Weibern feierliche Tänze abgehalten werden, die sich wochenlang an mehreren Abenden wiederholen, daß man ferner Tage hindurch früh und Abends förmliche Trommelconcerte hört und daß man schließlich zum Andenken an den Todten eine Art Monument errichtet. Dasselbe besteht aus einem hohen buntbemalten, mit farbigen Blattpflanzen decorirten Gestell oder Stacket, an dem in symmetrischer Vertheilung Cocosnüsse, Yams, Bananen, imitirte Ringe, Muschelgeld und die Schädel der verzehrten Schweine aufgehangen werden. Sie legen Zeugniß ab von den Gastereien, welche die nächsten Erben zum Besten gaben.

Aber auch damit sind die Todtenfeierlichkeiten noch nicht zu Ende; denn noch nach vielen Monaten werden dieselben mit Tänzen und Schmausereien wiederholt, und dann stellt man zugleich den inzwischen ausgegrabenen und buntbemalten Schädel des Todten aus, der übrigens in keiner Weise Gegenstand einer religiösen Verehrung ist.

Frauen werden mit demselben Pompe wie Männer begraben, was allein schon zur Genüge für die Gleichstellung spricht, welche das weibliche Geschlecht gegenüber dem männlichen genießt, und diesem Naturvolke wiederum zur Ehre gereicht. Mit ärmeren Leuten, um dies noch zu erwähnen, wird es in Neu-Britannien, obwohl keine Classen-Begräbnisse bestehen, ganz wie bei uns gehalten: sie finden ohne große Ceremonien und Feierlichkeiten ihre letzte Ruhestätte, wenn auch hier jeder an der Leiche Mittrauernde seinen geringen Tribut in einem Stückchen Muschelgeld erhält, den einzufordern selbst Häuptlinge sich nicht für zu gering erachten.

     Matupi, Neu-Britannien.


  1. Vergl. Jahrg. 1881, S. 700.