Leben des Robert Burns

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Textdaten
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Autor: Robert Burns, Adolf Wilhelm Ernst von Winterfeld
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Titel: Leben des Robert Burns
Untertitel:
aus: Lieder und Balladen,
S. VII - XIX
Herausgeber:
Auflage: 1
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: A. Hofmann und Comp.
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer: Adolf Wilhelm Ernst von Winterfeld
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Quelle: Scans auf commons
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[VII]

Leben des Robert Burns


But, ah! what poet now shall tread  
Thy airy heights, thy woodland reign,
Since he, the sweetest bard, is dead  
That ever breath’d the soothing strain?

Es ist gewiß keine überflüssige Arbeit die Entwickelung eines Charakters zu schildern, wie es der des Robert Burns war. Im Bauernstande geboren schwang er sich durch die Kraft seines eigenen Geistes zu Auszeichnung und Einfluß empor, und legte in seinen Dichtungen nieder, was so selten gefunden wird, die Reize eines ursprünglichen Genie’s. Mit einer tiefen Kenntniß des menschlichen Herzens vereinigt seine Poesie die ganze Kraft der Imagination; sie malt und durchduftet die eigenthümlichen Sitten seiner Heimath. –

Robert Burns wurde am 29. Januar 1759 in Ayrshire geboren und zwar in einem einzelnstehenden Hause, nur wenige hundert Schritte von der Alloway Kirche entfernt, die er in seinem Gedicht „Tam Shanter“ unsterblich gemacht hat. Die Ereignisse in des Dichters Leben bis zum Jahre 1787 wurden von Burns selbst dem berühmten Dr. Moore mitgetheilt. Nach einigen einleitenden Bemerkungen, fährt der Dichter fort: – „Mein Vater war aus dem Norden Schottlands, der Sohn eines Farmers und durch frühzeitige Unglücksfälle ziemlich kahl in die Welt geworfen, wo er, nach manchen Wanderungen und Reisen einen ziemlich bedeutenden Reichthum an Beobachtungsgabe und Erfahrung einsammelte, denen ich hauptsächlich die Ansprüche zu danken verpflichtet bin, die ich an die Weisheit zu machen habe. In den ersten sechs oder sieben [VIII] Jahren meines Lebens war mein Vater ein Gärtner auf eines würdigen Gentleman’s kleinem Gut in der Nachbarschaft von Ayr. Später übernahm er, mit der Beihülfe seines großmüthigen Herrn, selbst die Pacht eines kleinen Farm auf des Letzteren Besitzung.

„In meinen Kinder- und Knabenjahren war ich sehr einer alten Frau zugethan, die in der Familie lebte und sich durch Unwissenheit, Leichtgläubigkeit und Aberglauben auszeichnete. Ich glaube, sie hatte im ganzen Lande den größten Schatz von Erzählungen und Liedern, welche Teufel, Geister, Hexen, Kobolde, Feen, Zauberer, Spuke, Ungeheuer, Irrlichter, Todtenuhren, Erscheinungen, Riesen, Märchen, verzauberte Thürme, Drachen und anderes Teufelswerk betrafen. Das erweckte die noch schlummernden Saaten der Poesie, machte jedoch einen so starken Eindruck auf meine Einbildungskraft, daß ich von dieser Zeit an, auf meinen nächtlichen Streifereien, gewissen verdächtigen Plätzen eine besondere Aufmerksamkeit schenkte, und obgleich Niemand skeptischer in diesen Sachen sein kann als ich, kostete es mich doch oft eine Anstrengung meiner Philosophie, um diese eingebildeten Schrecken abzuschütteln. Das erste Gedicht, dessen ich mich erinnern Eindruck auf mich gemacht zu haben war: „Die Vision des Mirza“ und ein Hymnus von Addison, der anfing: „How are thy servants bless’d, O Lord!“ – Die beiden ersten Bücher, die ich für mich las und die mir mehr Genuß verschafften, als irgend zwei andere Bücher, die ich seitdem gelesen, waren: „Das Leben des Hannibal“ und „die Geschichte des Sir William Wallace.“ Hannibal gab meinen jungen Ideen einen solchen Schwung daß ich hinter den Rekruten herzustolziren pflegte, wenn sie nach Trommel und Dudelsack das Marschiren übten, und daß ich nichts sehnlicher wünschte als groß zu sein, um auch Soldat werden zu können, während die Geschichte des Wallace den schottischen Nationalstolz in meine Adern goß, der in denselben sieden wird, bis sich die Schleusen meines Lebens zur ewigen Ruhe schließen werden.

Die große Nähe der Stadt Ayr war von einigem Vortheil für mich. Ich machte mehrere Bekanntschaften mit anderen jungen Leuten, welche höhere Vorzüge besaßen, mit angehenden Schauspielern, [IX] die eifrig mit dem Studium der Rollen beschäftigt waren, in denen sie binnen Kurzem auf der Bühne des Lebens erscheinen sollten, wo ich, leider, bestimmt war mich stets hinter den Coulissen zu placken. Es ist keine gewöhnliche Erscheinung in diesem jugendlichen Alter, daß unsre junge Gentry einen richtigen Sinn für den ungeheuren Abstand zwischen ihr und ihrem zerlumpten Spielgefährten habe, denn es bedarf nur weniger Schritte in die Welt, um dem jungen, durch Geburt ausgezeichneten Manne jene eigenthümliche Geringschätzung gegen den armen, unbedeutenden Teufel annehmen zu lassen, der vielleicht in demselben Dorfe geboren wurde wie er. Meine jungen Gönner beleidigte niemals die plumpe Erscheinung des armen Pflüger-Jungen, dessen Costüm allen Unbeständigkeiten der Jahreszeiten ausgesetzt war. Sie liehen mir ganze Stöße von Büchern, aus denen ich, selbst damals schon, manchen Nutzen zog und einer meiner jungen Freunde verhalf mir auch zu einiger Kenntniß des Französischen. Der Abschied von diesen meinen Gönnern und Wohlthätern, als sie, theils nach Ost- theils nach Westindien gingen, verursachte mir nicht geringe Betrübniß; aber ich sollte bald zu noch anderen Unglücksfällen berufen werden. Der großmüthige Gutsherr meines Vaters starb; die Farm wurde verkauft und, um das Maaß des Unglücks voll zu machen, fielen wir in die Hände eines Faktors, welcher zu dem Gemälde saß, das ich in meiner Erzählung: „Geschichte zweier Hunde“ (Tale of Twa Dogs) von ihm gegeben habe. Mein Vater war schon bejahrt als er heirathete; ich war das älteste von sieben Kindern, und er, übermäßig angestrengt durch frühe, harte Arbeit, war jetzt unfähig zu derselben. Meines Vaters geistige Kraft war schnell irritirt, aber nicht leicht gebrochen. Er erhielt eine Verlängerung seiner Pacht für zwei Jahre und, um diese zwei Jahre durchzuhalten, schränkten wir unsere Ausgaben ein. Wir lebten sehr ärmlich; ich war ein geschickter Pflüger für mein Alter und das nächstälteste Kind nach mir war mein Bruder Gilbert, der sehr gut pflügte und mir das Korn ausdreschen half.

„Diese Art und Weise des Lebens, die freudenlose Einsamkeit eines Eremiten, verbunden mit der unausgesetzten Arbeit eines [X] Galeeren-Sklaven, begleitete mich bis zu meinem sechszehnten Lebensjahr, und eine kurze Zeit vor dieser Periode beging ich zum erstenmal die Sünde einen Vers zu machen. Sie kennen die Sitte unseres Vaterlandes in der Erndte-Arbeit ein Männlein und ein Fräulein als Partner zusammen zu thun. In meinem fünfzehnten Herbst war mein Partner ein bezauberndes Wesen, ein Jahr jünger als ich selbst. Meine mangelhafte Kenntniß des Englischen beraubt mich der Macht ihr in dieser Sprache Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; aber Sie kennen das schottische Idiom: – she was a bonnie, sweet, sonsie lass. (Sie war ein schönes, süßes, fröhliches Mädchen.) Mit einem Wort, sie führte mich, ohne es selbst zu wissen, in jene köstliche Leidenschaft ein, welche ich trotz herber Enttäuschung, Karrengaul-Klugheit und Bücherwurm-Philosophie für die schönste der menschlichen Freuden, für die herrlichste Segnung hienieden halte. Außer ihren sonstigen liebeeinflößenden Eigenschaften, hatte sie eine süße, wohlthuende Stimme, und ich ließ es mir angelegen sein, ihre Lieblingsmelodie durch einen gereimten Text zu verkörpern. Ich war nicht so anmaßend mir einzubilden, daß ich solche Verse machen könne, wie man sie gedruckt lies’t, und die von Männern zusammengereimt werden, die Griechisch und Lateinisch verstehen; aber mein Mädchen sang ein Lied, das von einem kleinen Landedelmann’s-Sohn an eine von seines Vaters Mägden gerichtet sein sollte, in die er verliebt war, und ich sah deßhalb keinen Grund, weßhalb ich nicht eben so gut reimen sollte wie er. Denn, ausgenommen daß er Schafe einschmieren und Torf stechen konnte, weil sein Vater im Moorlande lebte, hatte er nicht mehr Schulkenntnisse als ich.

„So begannen in mir Liebe und Poesie zu walten, welche zu Zeiten meine einzige und, bis in die neueste Zeit, meine höchste Freude gewesen sind. Mein Vater quälte sich ab, bis seine Pacht abgelaufen war und übernahm dann eine größere Farm (Mount Oliphant) ungefähr zehn Meilen (englische) weiter in das Land hinein. Die Abfassung des Pachtcontrakts war der Art daß mein Vater gleich bei der Uebernahme der neuen Farm etwas Geld in die Hände bekam; sonst wäre das Geschäft überhaupt nicht zu [XI] machen gewesen. Vier Jahre lang lebten wir hier ganz angenehm; aber verschiedene Ansichten zwischen meinem Vater und seinem Gutsherrn über die Termine der Pachtzahlung brachten es dahin, daß, nach dreijährigem Umhergeworfenwerden in dem Strudel des Proceßganges, mein Vater von den Schrecken des Gefängnisses nur durch die Auszehrung befreit wurde, deren Vorboten sich bereits zwei Jahre vorher gezeigt hatten. Dieser unglückliche Zufall führte ihn sanft dorthin, wo der Elende aufhört zu leiden und wo der Müde ungestört ruht.“

„Während der Zeit, welche wir auf dieser Farm lebten, ist meine kleine Geschichte sehr ereignißreich. Ich war bei’m Beginn dieser Periode vielleicht der linkischste, plumpste Bursch im Kirchspiel; kein Solitaire war weniger bekannt mit den Wegen der Welt. Was ich von der alten Geschichte wußte hatte ich aus Salmon’s und Guthrin’s geographischen Gramatiken geschöpft; und die Ideen, die ich mir über moderne Sitten geformt hatte, über Literatur und Kritik, waren aus dem „Speetator“ entnommen. Diese obengenannten Bücher, nebst Pope’s Werken, einigen Stücken von Shakespeare und einige andere Werke, machten meine ganze Belesenheit aus. Die Sammlung von Liedern war mein vade mecum. Ich sang sie ab, wenn ich meinen Karren fuhr oder zur Arbeit ging, Gesang nach Gesang, Strophe nach Strophe, indem ich es mir angelegen sein ließ, die zarten oder erhabenen von jedem Bombast oder jeder Uebertreibung fern zu halten.“

„In meinem siebenzehnten Jahre besuchte ich, um meinen Sitten einen Schliff zu geben, eine Dorf-Tanzschule. Mein Vater hatte einen unbeschreiblichen Widerwillen gegen diese Zusammenkünfte, und meine Theilnahme an derselben war, was ich bis auf den heutigen Tag bereue, in Widerspruch mit seinen Wünschen. Mein Vater war, wie bereits erwähnt, in hohem Grade leidenschaftlich und bekam, von diesem Augenblick meines Ungehorsams an, eine Abneigung gegen mich, welche, wie ich glaube, zu dem unregelmäßigen Leben beitrug, dem ich mich in meinen folgenden Lebensjahren ergab, daß große Unglück meines Daseins war der Mangel eines Lebenszweckes. Ich hatte früh einige Regungen [XII] des Ehrgeizes empfunden, aber sie waren wie das blinde Umhertappen des homerischen Cyclopen um die Wände seiner Höhle. Meines Vaters Lage überlieferte mich unausgesetzter Arbeit die beiden einzigen Thore, durch die ich in den Tempel des Glückes gelangen konnte, waren: knickrige Sparsamkeit oder der Weg kleinlicher Krämerei. Das Erstere ist eine so enge Oeffnung, daß ich mich nimmer hindurchzwängen konnte und das Letztere habe ich stets gehaßt – dort war selbst beim glücklichen Eintritt, nur Besudelung zu erjagen. So, ohne Zweck und Aussicht im Leben, war ich mit einem starken Hang zur Geselligkeit behaftet, der theils einer angeborenen Fröhlichkeit, theils einer umfassenden Beobachtungsgabe entsprang. Dazu kam eine ebenfalls angeborne Melancholie und Hypochondrie, die mich die Einsamkeit fliehen ließen und zieht man endlich noch meinen Durst nach Wissen, ein gewisses, wildes, logisches Talent und eine starke Denkungskraft in Betracht, so wird es nicht überraschend erscheinen, daß ich überall ein gern gesehener Gast war und daß, wo überhaupt zwei oder drei beisammen waren, ich mich unter ihnen befand. Hinter dem Pflug und dem Haken oder bei der Sense fürchtete ich keinen Nebenbuhler und da ich nur dann an meine Arbeit dachte, wenn sie mich grade beschäftigte, verbrachte ich meine Abende nach meiner eigenen Neigung.“

„Ein anderer Umstand meines Lebens, welcher einige Aenderungen in meine Gedanken und Sitten brachte, war, daß ich meinen neunzehnten Sommer eine gute Strecke von Hause, an einer Schmuggler-Küste zubrachte, und zwar in einer bekannten Schule, wo ich das Vermessen etc., lernen sollte und auch nicht unbedeutende Fortschritte in dieser Kunst machte. Obgleich ich hier auch mein Glas zu füllen lernte, arbeitete ich mich doch hübsch in die Geometrie hinein bis die Sonne in das Zeichen der Jungfrau trat, zu welcher Zeit eine reizende Fillette, welche Haus an Haus mit der Schule wohnte meine Trigonometrie umstürzte und mich von dem Kreise meiner Studien losriß. Ich kämpfte zwar noch einige Tage weiter mit meinem sinus und cosinus; als ich jedoch an einem schönen Sommertage in den Garten ging um die Höhe der Sonne zu messen, begegnete ich dort meinem Engel:

[XIII]

„Gleich Proserpinen, Blumen sammelnd,
Sie selbst die schön’re Blume.“

„Es war ganz vergebens auf der Schule noch an irgend etwas Vernünftiges zu denken. Die nächste Woche blieb ich noch, that aber Nichts das die Fähigkeiten meiner Seele für sie zu zerreiben oder mich hinauszustehlen, um ihr zu begegnen; und wäre in den beiden letzten Nächten meines Aufenthalts in der Schule, der Schlaf eine Todsünde gewesen, so hätte das Bild dieses einfachen und unschuldigen Mädchens mich schuldlos erhalten.“

„Ich kehrte, ziemlich bedeutend vervollkommnet in meine Heimath zurück. Ich hatte die menschliche Natur in einer neuen Phase gesehen und ich bewog mehrere meiner Mitschüler eine literarische Correspondenz mit mir zu unterhalten. Dieser Briefwechsel übte einen günstigen Einfluß auf meinen Styl aus. Außerdem war ich in den Besitz einer Sammlung witziger Briefe aus der Regierungszeit der Königin Anna gerathen und las dieselbe mit großem Eifer; auch copirte ich diejenigen meiner Briefe, die mir besonders gefielen und die Vergleiche mit den Schreiben meiner Correspondenten schmeichelten meiner Eitelkeit“

„So verfloß mein Leben bis zu meinem zwanzigsten Jahr. Vive l’amour et vive la bagatelle waren die einzigen Principien meiner Handlungen. Die Poesie war bereits ein Lieblingszug meiner Seele, aber ich gab mich derselben nur hin, wenn die augenblickliche Laune mich dazu aufforderte. Ich hatte gewöhnlich ein halbes Dutzend oder mehr Gedichte vorräthig und nahm das eine oder das andere vor, je nachdem es zu der augenblicklichen Färbung meines Gemüths paßte. Meine Leidenschaften, wenn einmal aufgereizt, wütheten gleich ebenso vielen Teufeln, bis sie sich im Reim Luft machten; wenn ich dann aber meine Verse auswendig lernte, gaben sie, wie ein Zauberspruch, meinem Innern die Ruhe wieder.“

„Mein dreiundzwanzigstes Jahr war eine wichtige Aera für mich. Theils aus Laune, theils von dem Wunsche beseelt Etwas in der Welt zu schaffen, begab ich mich zu einem Flachshechler in der benachbarten Stadt Irvine um sein Geschäft zu lernen; das wurde eine unglückliche Geschichte. Als wir eine Neujahrsfestlichkeit [XIV] gaben, fing der Laden Feuer und brannte gänzlich nieder, so daß ich, wie ein wahrer Poet, ohne einen Pfennig in der Tasche zurückblieb.“

„Es blieb mir nun Nichts übrig als diesen Plan wieder aufzugeben. Die Wolken des Unglücks zogen sich immer dichter über dem Haupte meines Vaters zusammen und, was das Schlimmste von Allem war, er ging sichtlich seiner nahen Auflösung entgegen. Als mein Vater endlich starb, fiel Alles was er besaß den Höllenhunden anheim, die in der Höhle des Gerichtes heulen, doch, wir griffen zu dem Mittel etwas Geld in der Familie zu collectiren, mit welchem, um uns zusammen zu halten, mein Bruder und ich eine benachbarte Farm pachteten. Mein Bruder entbehrte sowohl meiner haarsträubenden Einbildungskraft als auch meiner socialen und verliebten Tollheit, aber, was gesunden Menschenverstand und jede andere vernünftige Eigenschaft anbetrifft, war er mir weit überlegen.“

„Ich betrat diese neue Farm mit dem festen Entschluß: „Komm! Vorwärts! Ich will vernünftig sein!“ Ich las landwirthschaftliche Schriften; ich machte Erndte-Speculationen; ich besuchte die Märkte, kurz „trotz des Teufels, der Welt und des Fleisches“ würde ich vielleicht ein vernünftiger Mann geworden sein, wenn wir nicht das erste Jahr durch schlechte Saat und das zweite durch eine späte Erndte unseren halben Einschnitt verloren hätten. Dieser Umstand warf meine ganze Weisheit über den Haufen und ich kehrte zurück wie der Hund zu seinem freiwilligen Vomitiv und die Sau zu ihrem Koth.“

„Nun begann ich in der Nachbarschaft als ein Versemacher bekannt zu werden. Mein erster poetischer Versuch, der das Tageslicht erblickte, war eine Klage über einen Streit zwischen zwei calvinistischen Predigern. Beide dramatis personae in meinem Gedicht: „Holy Fair.“ Ich glaubte selbst daß das Gedicht einigen Werth habe, um jedoch dem Schlimmsten vorzubeugen, gab ich einem Freunde, der viel auf solche Sachen hielt eine Abschrift und sagte ihm, daß ich den Autor nicht kenne, das Machwerk aber für sehr anerkennungswerth halte. Mit einer gewissen Beschreibung des [XV] geistlichen wie des weltlichen Standes, die darin enthalten war, erndtete ich donnernden Beifall. Meine erste Arbeit war: „Holy Willie’s Prayer,“ welches Gedicht den Clerus so gewaltig in Allarm setzte, daß er verschiedene Zusammenkünfte hielt, um die Artillerie seines Geistes dahin zu prüfen, ob vielleicht zufällig irgend ein Geschütz gegen einen profanen Versemacher zu richten sei. Ich überließ meinen Antheil an der Farm meinem Bruder, was mir um so leichter wurde, als er überhaupt nur nominell mein eigen genannt werden konnte, und traf meine Vorbereitungen um nach Jamaica abzugehen. Ehe ich jedoch mein Vaterland für immer verließ, entschloß ich mich meine Gedichte zu veröffentlichen. Ich beurtheilte meine Leistungen so unpartheiisch, als es in meiner Macht stand und konnte dennoch nicht umhin zu sagen, daß sie nicht werthlos seien, und es war ein seliger Gedanke für mich, daß man mich einen gescheidten Kopf nennen würde, obgleich dies Lob selbst zu hören, mir nicht bestimmt war. Die Wahrheit zu gestehen, der pauvre inconnu hatte damals beinahe eine ebenso hohe Idee von sich und seinen Werken, als ich sie diesen Augenblick habe, wo das Publicum sich bereits zu ihren Gunsten entschieden hat. Es ist immer meine Meinung gewesen, daß die Irrthümer, sowohl vom rationalistischen Standpunkt aus betrachtet, Irrthümer deren sich täglich Tausende schuldig machen, nur in dem Nichterkennen derselben begründet liegen. Selbsterkenntniß war schon seit geraumer Zeit mein Studium gewesen. Ich prüfte mich selbst allein; ich verglich mich mit Anderen; ich nahm alle Mittel zur Belehrung wahr, um zu erkennen wie viel Grund ich als Mensch und Dichter inne hatte; ich studirte eifrig die Absicht der Natur in meiner Bildung und wie die Lichter und Schatten in meinem Character angebracht waren. Ich war ziemlich fest überzeugt, daß meine Gedichte einigen Anklang finden würden, und, im schlimmsten Falle, mußte ja das Brausen des atlantischen Oceans die Stimme der Censur betäuben und das Neue der westindischen Welt mich die Vernachlässigung meines Talents vergessen machen. Ich ließ sechshundert Exemplare abziehen, von denen ich bereits vorher ungefähr dreihundertundfünfzig auf dem Wege der Subscription [XVI] abgesetzt hatte. Meine Eitelkeit wurde im höchsten Grade durch die Anerkennung des Publicums geschmeichelt und ich erhielt, alle Kosten abgerechnet, beinahe zwanzig Pfund als reinen Gewinn. Diese Summe kam mir sehr gelegen, grade in dem Augenblick, wo ich im Begriff stand, aus Mangel an Geld, meine Person zu verdingen, um die Kosten der Ueberfahrt zu decken. Sobald ich jedoch Herr von neun Guineen war, kaufte ich mir einen Platz auf dem ersten Schiff das aus dem Clyde auslaufen sollte, um dem Hunger im Vaterlande zu entgehen.“

„Ich hatte mich bereits seit mehreren Tagen, mit dem schrecklichen Vorgefühl einer nahen Gefängnißstrafe, von einem Schlupfwinkel zum andern geschlichen, weil einige schlechtberathene Menschen, die erbarmungslose Meute des Gesetzes losgekoppelt und auf meine Spur geführt hatte. Ich hatte meinen Freunden das letzte Lebewohl gesagt; mein Koffer war auf dem Wege nach Greenock und das letzte Gedicht, das ich jemals in Caledonien reimen sollte war fertig („The gloomy night was gathering fast.“ (in nachstehender Auswahl unter dem Titel: Die schönen Ufer des Ayr) als ein Brief vom Dr. Blacklock, einem Freunde von mir, alle meine Pläne umwarf, indem er mir neue Aussichten zur Befriedigung meines dichterischen Ehrgeizes eröffnete. Seine Meinung daß ich in Edinburgh Aufmunterung zu einer zweiten Auflage meiner Gedichte finden würde, setzte mich so in Feuer, daß ich mich sofort auf den Weg zu jener Stadt machte, ohne irgend eine Bekanntschaft dort, ohne irgend einen Empfehlungsbrief dorthin zu haben. Der verderbliche Stern, der so lange mit seinem giftigen Strahl meinen Zenith beschienen hatte, wandte sich nun plötzlich gegen den Nadir, und eine gütige Vorsehung stellte mich unter den Schutz eines der edelsten Männer, des Earl von Glencairn.“

„In Edinburgh war ich in einer neuen Welt; ich kam mit vielerlei Menschen in Berührung und ich war eifrigst darauf bedacht Charactere und Sitten zu studiren.“

Bis hierher Burns. – Von den Männern, der Wissenschaft war seine Aufnahme im Allgemeinen schmeichelhaft. Er war ein gern gesehener Gast in den frohesten und vornehmsten Cirkeln und [XVII] empfing häufig von weiblicher Schönheit und Eleganz jene Aufmerksamkeiten, die er allen anderen vorzog. Durch die neuen Auflagen seiner Gedichte erhielt Burns eine so beträchtliche Summe Geldes, daß es ihm nicht allein ermöglicht wurde an den Vergnügungen Edinburghs Theil zu nehmen, sondern er sich auch in den Stand gesetzt sah, seinen langgehegten Lieblingswunsch auszuführen und diejenigen Theile seines Vaterlandes zu besuchen, die ihrer großartigen Schönheit wegen, so berühmt sind.

Nach einer dreiwöchentlichen Wanderung durch die interessante Scenerie des See-Districts, wandte sich Burns nach Northumberland. Er besuchte Alnwick Castle, das alte Kastell von Warksworth, Morpeth und Newcastle. In letzterer Stadt blieb er zwei Tage und ging dann über Hexham und Wardrue nach Carlisle, von wo aus er, nach eintägigen Aufenthalt, über Annan nach Schottland zurückkehrte.

Von Annan ging Burns nach Dumfries und dann weiter durch Sanquhar, nach Moßgiel, in der Nähe von Mauchline in Ayrshire, wo er nach einer langen Abwesenheit von sechs geschäftigen und ereignißreichen Monaten wieder eintraf. Es ist wohl leicht zu begreifen mit welchem Stolz und welcher Freude er von seiner Mutter, seinem Bruder und seinen Schwestern empfangen wurde. Arm und beinahe ohne alle Aussicht hatte er sie verlassen, hoch in der Achtung der Menschen und in auskömmlichen Verhältnissen kehrte er zu ihnen zurück. Nachdem er einige Tage im Schooße seiner Familie verlebt, ging er wieder nach Edinburgh und begab sich von dort sofort wieder auf eine Reise in die Hochlande. – Die wiederholten, vorerwähnten Reisen hatten jedoch Burns’ Wißbegierde noch nicht befriedigt, und er unternahm bald darauf noch eine bedeutend ausgedehnte Reise in die Hochlande, in Gesellschaft mit einem Herrn Nicol, mit dem er einen Freundschaftsbund geschlossen hatte, der erst mit seinem Leben endete.

Die Reisenden gingen durch das Herz Schottlands, drangen nördlich bis ungefähr zehn Meilen jenseits Inverneß vor und kehrten dann, den Küstenweg verfolgend, nach Edinburgh zurück. Auf dieser letzten Tour besuchten die Reisenden eine beträchtliche [XVIII] Anzahl der bemerkenswerthesten Gegenden, deren wilde, und großartige Schönheit den lebhaftesten Eindruck auf Burns Phantasie machte.

Nun blieb Burns, den größten Theil des Winters von 1787 auf 88 in Edinburgh und stürzte sich wiederum in den Strudel der Gesellschaft und der Zerstreuungen jener Hauptstadt.

Bei der Abrechnung mit seinem Verleger Mr. Creech, fand er sich im Besitz von beinahe fünfhundert Pfund, wovon er sogleich zweihundert seinem Bruder Gilbert vorschoß. Mit dem Rest des Geldes und einigen anderen Vortheilen, die er aus seinen Gedichten gezogen hatte, beschloß er sich nun für das Leben der Landwirthschaft zu weihen und pachtete die Farm Ellisland an dem Ufer des Nith: da er bereits früher der Steuerbehörde zur Anstellung empfohlen worden und sein Name bereits in die Candidatenliste der Steueraufseher eingetragen worden war, ließ es sich Burns sogleich angelegen sein sich zu seinem künftigen Amte vorzubereiten, um vollständig mit seinen Functionen vertraut zu sein, wenn er zur Ausübung derselben gelangen sollte.

Bei seiner Ankunft in Ellisland zog sein Ruf natürlich die Aufmerksamkeit der Nachbarn auf sich und er wurde bald in der ganzen Gegend allgemein bekannt und geachtet, so daß er selbst an der Tafel der Edelleute von Nithsdale mit Güte und Zuvorkommenheit empfangen wurde. Bald darauf erhielt er auch die Steueraufseherstelle in seinem District und mußte, um sich den Pflichten dieses neuen Amtes hinzugeben, seine Farm in den Händen seiner Leute zurücklassen. –

Nachdem er seine Geschäfte eine Zeit lang zur Zufriedenheit seiner Behörde verwaltet hatte, wurde ihm ein anderer District angewiesen, dessen Verwaltung ihm ungefähr siebenzig Pfund jährlich eintrug und, da er hoffte, daß diese bescheidene Summe hinreichen werde um den Unterhalt für sich und seiner Familie zu bestreiten, verauctionirte er sein Inventarium und Erndte zu Ellisland und bezog ein kleines Haus in Dumfries, um das Ende des Jahres 1791.

Vom October 1795 bis zum Januar des folgenden Jahres [XIX] fesselte ihn ein Unwohlsein an das Haus, dann ward er von einem heftigen Rheumatismus heimgesucht, der ihn ungefähr eine Woche plagte. Sein Appetit begann nun abzunehmen, seine Hand zitterte und seine Stimme bebte bei der geringsten Anstrengung oder Bewegung, Sein Puls wurde schwächer aber schneller und bedeutende Schmerzen in Händen und Füßen beraubten ihn des erquickenden Schlafes. Zur Hebung seines Uebels ging er nach Braw um die Wirkungen des Seebades zu versuchen und, obgleich dieses den Rheumatismus beseitigte, zog es ihm doch einen Fieberanfall zu, der so heftig war, daß er am 15. July 1796 nach Dumfries zurückgebracht werden mußte. Drei Tage lang blieb er in einem Zustande großer Schwäche, verbunden mit Deliriren, bis er am 21. July, im achtunddreißigsten Lebensjahre seine Seele aushauchte. – Robert Burns wurde mit militairischen Ehren begraben, nicht allein durch die Freiwilligen von Dumfries, deren Mitglied er war, sondern auch durch die Fencible Infanterie und ein Regiment Kavallerie von Cinque Port, welches in Dumfries in Garnison lag. Seine irdischen Uebereste geleiteten beinahe zehntausend Menschen zu Grabe.

Burns war fünf Fuß zehn Zoll groß und hatte einen robusten und gewandten Körper. Seine Unterhaltung war reich an Witz und Humor und trug oft tiefe Gedanken und feines Gefühl zur Schau, denn es konnte so leicht Niemand geben, der einen feineren Unterschied zwischen Recht und Unrecht gemacht hätte, als Robert Burns.