Lederwaren und Gold- und Silberschmiedekunst

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Autor: Adolf Loos
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Titel: Lederwaren und Gold- und Silberschmiedekunst
Untertitel:
aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 15–18
Herausgeber: Franz Glück (1899–1981)
Auflage:
Entstehungsdatum: 1898
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
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Erscheinungsort: Wien
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: PDF bei Commons
Kurzbeschreibung: Loos pflegte eine Kleinschreibung (außer bei Satzanfängen und Namen) auch bei seinen Titeln, wie den Inhaltsverzeichnissen zu entnehmen ist (im Buch selbst sind die Titel in Versalien gesetzt). Um Irritationen zu vermeiden, werden die Titel in der gewohnten Groß-Kleinschreibung gegeben
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[15]
LEDERWAREN UND GOLD- UND SILBERSCHMIEDEKUNST
(15. mai 1898)


Wenn man an der scholle klebt, kommt einem niemals zum bewußtsein, welche schätze die heimat birgt. Das vorzügliche wird zum selbstverständlichen. Hat man sich aber draußen umgesehen, dann tritt ein umschwung in der wertschätzung des heimischen ein.

Als ich vor jahren die heimat verließ, um die architektur und das gewerbe auf der anderen seite des atlantischen ozeans kennen zu lernen, war ich noch völlig überzeugt von der überlegenheit des deutschen kunsthandwerkes. In Chicago ging ich mit stolzem hochgefühl durch die deutsche und durch die österreichische abteilung. Mitleidig lächelnd blickte ich auf die amerikanischen „regungen des kunstgewerbes“. Wie hat sich das geändert! Der jahrelange aufenthalt drüben hat bewirkt, daß mir noch heute die schamröte ins gesicht steigt, wenn ich bedenke, welche blamage das deutsche kunsthandwerk in Chicago erlebt hat. Diese stolzen prachtleistungen, diese stilvollen prunkstücke, sie waren nichts weiter als banausische verlogenheit.

Zwei gewerbe waren es, die unser prestige retteten. Das österreichische prestige, nicht das deutsche, denn die deutschen hatten auch hier nichts gutes aufzuweisen. Diese gewerbe waren die ledergalanteriefabrikation und die gold- und silberschmiedekunst. Sie taten es nicht in gleicher weise. Während es jene auf allen gebieten ehrlich meinte, traf man diese auch im verlogenen lager.

Damals hatte ich eine stille wut über diese sachen. Da gab es portemonnaies, zigarren- und zigarettentaschen, [16] bilderrahmen, schreibzeuge, koffer, taschen, reitpeitschen, stöcke, silbergriffe, feldflaschen, alles, alles glatt, ohne ornamentalen schmuck, die silberwaren höchstens gerieft oder gehämmert. Ich schämte mich dieser arbeiten. Das war kein kunstgewerbe, das war mode! Und mode! Welch schreckliches wort! Für einen echten und rechten kunstgewerbler, der ich damals noch war, das reine schimpfwort.

Gewiß, die wiener kauften solche sachen gern. Den bemühungen der kunstgewerbeschule zum trotz nannte man sie „geschmackvoll“. Vergeblich wurden die schönsten gegenstände der früheren kunstepochen hervorgesucht und zur anfertigung empfohlen. Die gold- und silberschmiede taten schließlich auch, wie ihnen geheißen wurde. Sie ließen sich zeichnungen von den berühmtesten männern anfertigen. Aber die danach gearbeiteten gegenstände waren unverkäuflich. Die wiener blieben eben unverbesserlich. (Anders in Deutschland. Da wurden die portemonnaies und zigarettentaschen mit den schönsten renaissance- und rokoko-ornamenten übersät und fanden reißenden absatz. „Stilvoll“ hieß die losung.) Mühsam konnte man den wiener dazu bewegen, seine wohnungseinrichtung der neuen lehre untertänig zu machen. Aber bei seinen gebrauchsgegenständen und am eigenen leibe folgte er nur seinem eigenen geschmacke, und der fand alle ornamente ordinär.

Damals also war ich noch anderer meinung. Jetzt aber stehe ich nicht an, zu erklären, daß mich damals das dümmste gigerl an geschmack übertroffen hätte. Die scharfe amerikanische und englische luft hat alle voreingenommenheit gegen die erzeugnisse meiner eigenen zeit von mir genommen. Ganz gewissenlose menschen [17] haben es versucht, uns diese zeit zu verleiden. Stets sollten wir rückwärts schauen, stets uns eine andere zeit zum vorbild nehmen. Wie ein alp ist es von mir gewichen. Jawohl, unsere zeit ist schön, so schön, daß ich in keiner anderen leben wollte. Unsere zeit kleidet sich schön, so schön, daß ich, wenn ich die wahl hätte, mir das gewand irgend einer zeit auszuwählen, freudig nach meinem eigenen gewande griffe. Es ist eine lust zu leben.

Inmitten der allgemeinen handwerklichen charakterlosigkeit muß man es den erwähnten beiden zweigen des österreichischen kunstgewerbes als hohes verdienst anrechnen, daß sie rückgrat genug besaßen, sich der allgemeinen zeitverleugnung nicht anzuschließen. Ehre aber auch den wienern, die diese beiden zweige, allen kunstgewerblichen reformen zum trotz, durch ihre kauflust unterstützten. Heute können wir es getrost aussprechen: Nur die ledergalanteriefabrikation und die gold- und silberindustrie verschaffen dem österreichischen kunstgewerbe auf dem weltmarkte geltung.


Die industriellen dieser branchen haben eben nicht erst gewartet, bis der staat durch einführung englischer vorbilder der allgemeinen stagnation ein ende bereitet, was sich jetzt in der möbelindustrie als notwendig herausstellt, sondern haben schon vor fünfzig jahren an den englischen ideen neue kräfte gesammelt. Denn englisch ist diese industrie von a bis z. Und trotzdem macht sich kein niedergang, wie ihn die schwarzseher der möbelbranche prophezeien wollen, bemerkbar. „England ist der ruin des kunstgewerbes.“ Sie sagen kunstgewerbe und meinen das akanthusornament. Dann ists wohl wahr. Aber unsere zeit legt mehr gewicht auf richtige form, auf solides material, auf exakte durchführung. Das ist kunstgewerbe!

[18] In der ausstellung zeigen sich die gold- und silberschmiede noch durchaus nicht von jenem einfluß frei, der vom stubenring ausgeht; es fehlt an mut der überzeugung. Die schaufenster der kärntnerstraße, des grabens und des kohlmarktes geben uns ein besseres bild vom wiener geschmacke als der silberhof, dessen ausstellung man die furcht anmerkt, „oben“ und unter den anderen kunstgewerblern nicht für voll zu gelten, wenn man nicht „stilvolle“ sachen bringt. Aber immerhin sieht man noch genügend proben von echtem handwerklichen können, von eigener werkstatterfindung, von einer kunst, die wohl einfach ist, aber den vorzug hat, in der werkstatt ihren ursprung zu haben und nicht von außen in diese hineingetragen worden zu sein.

Die lederarbeiter haben es besser. Die sind noch nicht so stark in die abhängigkeit von der kunstgewerbeschule geraten. Ihre internationale anerkennung verdanken sie dem glücklichen umstande, daß der staat es unterlassen hat, eine diesbezügliche fachschule ins leben zu rufen. Die hätte uns noch gefehlt. Der berühmte architekt an der spitze, und dann ade, du alte, tüchtige handwerkstradition! Der reißbrettdilettantismus hätte auch hier von allen formen besitz genommen, wie in den anderen unglücklichen gewerben, die in schulen zugrunde gerichtet wurden. Die ältesten reiseutensilien wären aus alten handschriften und denkmälern rekonstruiert worden, und die österreichische lederindustrie hätte sich mit gotischen koffern, renaissance-hutschachteln und griechischen zigarettentaschen lächerlich machen können. Allerdings erst auf der ausstellung in Chicago, weil es zu einem export dann ja niemals gekommen wäre.