Vorwort 1921/1931 (Loos)

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Textdaten
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Autor: Adolf Loos
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Titel: Vorwort 1921/1931 (Loos)
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aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 9–11
Herausgeber: Franz Glück
Auflage:
Entstehungsdatum: 1898
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
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Erscheinungsort: Wien
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: PDF bei Commons
Kurzbeschreibung: Loos pflegte eine Kleinschreibung (außer bei Satzanfängen und Namen) auch bei seinen Titeln, wie den Inhaltsverzeichnissen zu entnehmen ist (im Buch selbst sind die Titel in Versalien gesetzt). Um Irritationen zu vermeiden, werden die Titel in der gewohnten Groß-Kleinschreibung gegeben
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VORWORT


Dieses buch[WS 1] umfaßt meine schriftlichen arbeiten bis zum jahre 1900. Die darin enthaltenen aufsätze waren zu einer zeit geschrieben, da ich tausend rücksichten zu nehmen hatte. Meine wahre meinung mußte ich aus pädagogischen gründen in sätze fassen, die mir nach jahren beim lesen nervenschmerzen verursachten. Nur auf drängen meiner schüler habe ich mich seinerzeit entschlossen, der herausgabe dieser aufsätze zuzustimmen.

Mein treuer schüler architekt Heinrich Kulka hat die erste auflage bearbeitet, die im verlag von Georges Crès u. Co., Paris, erschienen ist, da kein deutscher verlag 1920 die veröffentlichung wagte. Es war wohl in den letzten hundert jahren das einzige buch, das original in deutscher sprache in Frankreich herausgegeben wurde.

Nun sind die aufsätze stilistisch und inhaltlich durchgegangen worden, ohne daß ihr zeitcharakter ihnen irgendwie genommen worden wäre. Eine kleine vermehrung ist durch den aufsatz „Die Potemkinsche stadt“ erfolgt.[H 1]

Der leser wird mit ärger bemerken, daß die hauptwörter mit kleinen anfangsbuchstaben geschrieben sind. Diese schreibweise hat schon Jacob Grimm als logische folge der anwendung der antiquabuchstaben angeordnet, und seine schüler, also alle germanisten, drucken seither auf diese art.

Ich schalte hier ein paar sätze aus Jacob Grimms vorrede zum deutschen wörterbuch ein: „Alle schrift war ursprünglich majuskel, wie sie in stein gehauen wurde, für das schnelle schreiben auf papyrus und pergament verband und verkleinerte man die buchstaben, wodurch [10] sich die züge der minuskel mehr oder minder abänderten. Aus den mit dem pinsel hinzugemalten initialen der handschriften entsprang die verbogene und verzerrte gestalt der majuskel … In lateinischen büchern blieben außer den initialen nur die eigennamen durch majuskel hervorgehoben, wie noch heute geschieht, weil es den leser erleichtert. Im laufe des 16. jahrhunderts führte sich zuerst schwankend, endlich entschieden der mißbrauch ein, diese auszeichnung auf alle und jede substantive zu erstrecken, wodurch jener vorteil wieder verloren ging, die eigennamen unter der menge der substantiva sich verkrochen und die schrift überhaupt ein buntes schwerfälliges ansehen gewann, da die majuskel den doppelten oder dreifachen raum der minuskel einnimmt … Kürze und leichtigkeit des ausdrucks, die im ganzen nicht unser vorzug sind, weichen vor diesem geschlepp und gespreize der buchstaben völlig zurück. Meinesteils zweifle ich nicht an einem wesentlichen zusammenhang der entstellten schrift (fraktur) mit der zwecklosen häufung der großen buchstaben, man suchte darin eine vermeinte zier und gefiel sich im schreiben sowohl an den schnörkeln als an ihrer vervielfachung …

Hat nur ein einziges geschlecht der neuen schreibweise sich bequemt, so wird im nachfolgenden kein hahn nach der alten krähen … Lassen wir doch an den häusern die giebel, die vorsprünge der balken, aus den haaren das puder weg, warum soll in der schrift aller unrat bleiben?“

Ich weiß, daß Jacob Grimms gedanken einmal von allen deutschen werden ergriffen werden. Außer dem deutschen gott haben wir auch die deutsche schrift. Beides ist falsch. Sagt doch schon Jacob Grimm am selben orte: „Leider nennt man diese verdorbene und geschmacklose [11] schrift (die fraktur) sogar eine deutsche, als ob alle unter uns in schwang gehenden mißbräuche zu ursprünglich deutschen gestempelt, dadurch empfohlen werden dürften.“

Alle diese deutschen heiligtümer, die von anderen herrühren und nur dadurch deutsch geworden sind, daß sie im deutschen geistesbezirk erstarrten und sich nicht mehr verändern konnten, mögen in die rumpelkammer geworfen werden. Ich deutscher protestiere dagegen, daß alles, was von anderen völkern für immer abgelegt wurde, als deutsch ausgeschrien werde. Ich bin dagegen, daß immer und immer wieder zwischen deutsch und menschlich eine schranke gezogen wird.

Das starre festhalten an der schreibung der hauptwörter mit großen anfangsbuchstaben hat eine verwilderung der sprache zur folge, die davon herrührt, daß sich dem deutschen eine tiefe kluft zwischen dem geschriebenen wort und der gesprochenen rede auftut. Man kann keine großen anfangsbuchstaben sprechen. Jedermann spricht, ohne an große anfangsbuchstaben zu denken.

Nimmt aber der deutsche die feder zur hand, dann kann er nicht mehr schreiben wie er denkt, wie er spricht. Der schreiber kann nicht sprechen, der redner nicht schreiben. Und schließlich kann der deutsche beides nicht.


Wien, im august 1921.

Paris, im juli 1931.
Adolf Loos

Anmerkungen (H)

  1. [449] Diese feststellung stimmt nicht, denn die erste auflage enthielt auch den aufsatz „damenmode“ nicht.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gemeint ist das Buch „Ins Leere gesprochen“.