Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung/Die Veränderungen in den Märchen

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Ursprung der Märchen Leitfaden der vergleichenden Märchenforschung (1913)
von Antti Aarne
Die geographisch-historische Forschungsmethode
[23]
II. Die Veränderungen in den Märchen.

Das innere Leben der Märchen ist sehr anziehend. Aus der Art ihrer Erhaltung folgt, dass sie im Laufe der Zeit Veränderungen unterworfen gewesen sind und noch fortwährend sind. Wir können ein und dasselbe Märchen mehrere hundert Male aus dem Volksmunde aufzeichnen, aber zwei auch in ihrer Wortform ganz gleiche Varianten sind unmöglich zu finden. Dies ist eine Folge des beschränkten Erinnerungsvermögens. Die Verfasser der literarischen Bearbeitungen der Märchen sind mit den volkstümlichen Erzählern zu vergleichen. Auch in ihren Händen hat sich die Erzählung verändert, obgleich die Ursachen der Veränderungen teilweise anderer Art sein können. Der Schreiber hat seine Veränderungen öfter als der volkstümliche Erzähler absichtlich gemacht. Seine Arbeit wurde von einem bestimmten, z. B. schönliterarischen oder didaktischen Ziel geleitet.

Es ist dem Forscher möglich über die Verhältnisse des inneren Lebens der Märchen Klarheit zu gewinnen. Die Veränderungen folgen nämlich bestimmten Gesetzen des Denkens und der Phantasie, die mit den in den sprachlichen Erscheinungen herrschenden Gesetzen der Sprache zu vergleichen sind. Die Veränderungen sind durch bestimmte Ursachen hervorgerufen. Es geschehen zwar auch vom Zufall abhängige Veränderungen, aber sie sind selten und dem erfahrenen Forscher leicht erkennbar.

Ich werde im Folgenden die bemerkenswertesten dieser Gesetze darstellen.

Wenige Umstände verursachen in den Märchen so viele Veränderungen wie das Vergessen eines Zuges (einer Person, eines Gegenstandes, eines Ereignisses u. a.). Das Vergessen betrifft seltener die für die Ganzheit der Erzählung wichtigen Grundzüge. Gewöhnlich gerät ein Umstand in Vergessenheit, der mit der übrigen [24] Erzählung nicht in festerem Zusammenhang steht und dessen Wegbleiben deswegen keine anderen bemerkenswerteren Veränderungen zur Folge hat. In dem Märchen von den Tieren im Nachtquartier ist oft die die Tiere betreffende Todesdrohung vergessen, derentwegen die Tiere das Haus verlassen. In der Märchenform, wo der Mensch in Gemeinschaft mit den Tieren als Teilnehmer an der Reise vorkommt, ist oft die ganze Darstellung des Aufbruches zur Reise weggeblieben und ohne nähere Aufklärung wird nur gesagt, dass der Mensch die Tiere bei sich hat. In dem Märchen von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten, durch deren Hilfe die Entwenderin der Gegenstände gezwungen wird, dieselben zurückzugeben, ist zuweilen die Dreizahl der Empfänger der Zaubergegenstände vergessen worden. Im Zaubervogelmärchen ist die Erzählung von dem Reichwerden des Vogelempfängers durch das Verkaufen der Eier vergessen, und das Verschwinden des Reichwerdens hat seinerseits das Vergessen der ursprünglichen Armut des Mannes erleichtert. Die Armut ist nämlich ursprünglich als Gegensatz zum Reichwerden vorgekommen, und nachdem das Reichwerden weggeblieben ist, ist es nicht mehr notwendig gewesen, die Armut des Mannes hervorzuheben.

Das Vergessen hat in den inneren Schicksalen des Märchens einen grösseren Einfluss als irgendein anderer Umstand. Ja man kann sagen, es hat einen grösseren oder kleineren Anteil an den meisten in den Märchen vorsichgehenden Veränderungen.

Der Gegensatz des Vergessens ist die Erweiterung der Erzählung durch ursprünglich nicht zu ihr gehörige Stoffe. Auch die Erweiterung ist eine der allgemeinsten Erscheinungen in den Märchen. Das was hinzugefügt wird, entnimmt man meistens dem schon vorhandenen Stoffvorrat, gewöhnlich anderen Märchen. Mitunter erfindet der Erzähler selbst eine Ergänzung an [25] einer Stelle, die ihm in irgendeiner Beziehung mangelhaft erscheint. Mit der Erzählung werden ganze Episoden oder Stücke einer solchen verbunden. In den sich vereinigenden Teilen muss ein zusammenfassender gemeinsamer Zug oder etwas Übereinstimmendes sein. Erweiterungen können in jedem Märchen auftreten. Mit dem Abenteuer von den im Nachtquartier befindlichen Tieren hat sich die Geschichte vom Bärenführer, der mit Hilfe seines Bären den Teufel verjagt, verbunden. Die Vereinigung rührt davon her, dass es sich in beiden Geschichten um die Vertreibung des Gegners handelt und der Vertreiber in beiden ein Tier ist. In dem Zaubervogelmärchen ist ein anderswoher gekommener Zusatz der Diener, der den Jungen zur Flucht verhilft, die der Liebhaber der Mutter getötet haben will. Der Diener schlachtet die Jungen nicht, wie ihm aufgetragen ist, sondern er bereitet für den Liebhaber ein Essen aus zwei jungen Hunden zu. In der ursprünglichen Episode wird gewöhnlich von dem Bringen des Tierherzens anstatt des Herzens des zu tötenden Menschen gesprochen. Ein solcher Zusatz, den ein späterer Erzähler selbst erdichtet hat, ist das Kaufen der Häuser durch den Besitzer des Beutels für seine Brüder in einer Gruppe finnischer Varianten des Märchens „Die drei Zaubergegenstände und die wunderbaren Früchte“. Den Umstand, dass die anderen Empfänger der Zaubergegenstände diese dem Besitzer des Beutels zur Verfügung stellen, hat man eines näheren Motivs bedürftig erachtet. Ein solches Motiv hat man durch den Kauf der Häuser bekommen, indem die Hergabe der Zaubergegenstände als Belohnung für diese Wohltat erscheint. Eine später gebildete Episode desselben Märchens ist augenscheinlich auch das Schönmachen als Eigenschaft der wunderbaren Früchte, wodurch die Aufmerksamkeit der Königstochter auf die Früchte gelenkt wird, und ebenso das Durchprügeln der Königstochter wodurch man die Grösse der ihr auferlegten Strafe verschärfen wollte.

[26] Die Erweiterung kann an jedem beliebigen Punkte des Märchens einsetzen, aber besonders sind der Anfang und das Ende der Erzählung dazu geeignet. Die Erzähler haben eine besondere Vorliebe, die Einleitung der Erzählung auszudehnen und ebenso die Erzählung mit Endzusätzen fortzuspinnen. Der Zusatz am Schluss gestaltet sich bisweilen zu einem schnurrigen Epilog. Der Anfang und das Ende des Märchens zeigen auch sonst eine grössere Neigung sich zu verändern als seine übrigen Teile. Wenn wir z. B. die Art und Weise des Empfangs der Zaubergegenstände in den Märchen „Die drei Zaubergegenstände und die wunderbaren Früchte“ und „Die Zaubergaben“ betrachten, treffen wir in beiden eine Anzahl mehr oder weniger verbreitete verschiedenartige Bildungen an. Einige von ihnen sind deutlich aus anderen Märchen gekommen, z. B. in dem erstgenannten Falle die Erlösung der verzauberten Jungfrauen, die Entwendung der Zaubergegenstände aus den Händen der wegen der Teilung sich streitenden Teufel, der Besuch des väterlichen Grabes, die Segnung des unbestatteten Leichnams usw., und in dem letzteren das Emporklettern an einer grossen Pflanze ins Paradies, das Erhalten der Zaubergegenstände von dem Glück, von dem die Saat des Mannes beschädigenden Vogels u. a.

Zur Erweiterung gehört auch die Vereinigung verschiedener Märchen zu einem Ganzen. Die Erzähler verbinden Märchen miteinander, in denen sich irgendein gemeinsamer, zusammenhaltender Zug befindet. Zusammenrückung kann man in einzelnen Fällen in allen beliebigen Märchen finden, aber einige Märchengruppen zeigen besondere Neigung dazu. Solche sind zunächst die Tiermärchen. Ebenso wie die Zusammensteller der mittelalterischen Tierepen verschiedene Tiergeschichten in einem gemeinsamen Rahmen miteinander verbanden, ebenso vereinigt auch das Volk z. B. die Abenteuer des schlauen Fuchses und des dummen Bären. Zusammenrückung bemerkt [27] man auch in den Märchen von dem dummen Teufel, den der kluge Mensch betrügt, und in den Schwänken, besonders in den Schildbürgerschwänken. Es sei jedoch bemerkt, dass die Zusammengehörigkeit verschiedener Geschichten nicht immer Zusammenrückung bedeutet, denn sie kann teilweise auch ursprünglich sein.

Eine Art Erweiterung ist noch die Vervielfältigung. Auch darin vermehrt sich der ursprünglich in die Erzählung gehörende Stoff. Die Persönlichkeiten, Gegenstände, Eigenschaften, Tätigkeiten u. a. vervielfältigen sich. Es ist Vervielfältigung, wenn sich in dem Märchen „Die Tiere im Nachtquartier“ die Zahl der Tiere vermehrt: neben dem Hahne erscheint ein Huhn, neben dem Ochsen eine Kuh, neben den Haustieren Tiere des Waldes. In der einfachen Vervielfältigung multipliziert sich der Gegenstand oder der Begriff mit einem oder mehreren gleichen. In dem erwähnten Märchen sind bisweilen anstelle eines Hahnes viele Hähne, anstelle einer Gans viele Gänse gekommen usw. Gewöhnlich berührt die Vervielfältigung nur einzelne von den auf der Reise befindlichen Tieren, aber zuweilen ist die Zahl aller Tiere vervielfältigt. In dem Märchen von den auf der Reise befindlichen Hausgeräten hat sich in einigen europäischen Varianten die zur Reisegesellschaft gehörende Nadel verdoppelt, ja bisweilen sogar verdreifacht. In einer olonetzischen Variante des Aladdin-Märchens sind statt einer Lampe viele Lampen, aber die Zauberkraft gehört nur einer von ihnen, die sich von den anderen durch ihre Schmutzigkeit unterscheidet. Die Vervielfältigung ist also in diesem Falle nicht vollständig.

Oft werden bei der Vervielfältigung bestimmte Zahlen befolgt. Die Dreizahl ist in den Märchen sehr gewöhnlich. Brüder sind oft drei vorhanden, von denen der jüngste als dümmster gilt, während er in Wirklichkeit der klügste ist, Zaubergegenstände gibt es drei, die Zahl der Richter im [28] Märchen „Undank ist der Welt Lohn“ ist drei usw.[1] Bei der Allgemeinheit der Dreizahl in den Märchen ist es kein Wunder, dass sie auch in der Vervielfältigung oft angewendet wird. In der Geschichte von dem Fischen des Bären mit dem Schwanze ist der Bär mitunter drei Nächte an das Eisloch gesetzt, in dem Märchen „Bärenfrass“ wo der Mann dem Fuchse statt der ihm versprochenen zwei Gänse (Hühner) zwei Hunde bringt, kommt zuweilen anstelle von drei, aber auch fünf oder zehn Gänsen dieselbe Anzahl Hunde vor.

Das Ergebnis der Vervielfältigung ist oft eine Duplettenform, d. h. in der Erzählung bildet sich nach einem vorhandenen Zuge ein neuer ihm gleichender Zug. So ist es z. B. in der Fortunatus-Variante der Gesta Romanorum geschehen, wenn neben den aussätzig machenden Früchten ein Zauberwasser erschienen ist, das das Fleisch von den Füssen löst. Das Wasser hat eigentlich dieselbe Wirkung wie die Früchte. Dasselbe Verhältnis herrscht zwischen den gesundmachenden Früchten und dem entsprechenden Wasser. Eine Duplettenform ist auch die Wiederholung des Durchprügelns in einigen Varianten des Märchens „Die Zaubergaben“. Im Märchen zwingt der von selbst schlagende Knüppel (oder der Sack, aus dessen Innerem Jungen mit Stöcken in den Händen erscheinen) durch das Prügeln den Entwender der Zaubergegenstände dieselben ihrem Besitzer zurückzugeben. Nach diesem ist das am Ende des Märchens bisweilen vorkommende Durchprügeln des Weibes des Besitzers der Zaubergegenstände und ebenso in den Varianten mit zwei Zauberdingen das Durchprügeln der Gäste des reichen Bruders gebildet. Die Entstehung der Duplettenformen hat in diesem Falle wahrscheinlich der amüsante Charakter des Zuges [29] verursacht. In der Räuberfassung des Märchens „Die Tiere im Nachtquartier“ ist eine Duplettenform die Verjagung der Besitzer des Nachtquartiers von ihrem Schmaus bei der Ankunft der Tiere in dem Haus. Die Verjagung ist hier eine Kopie der ursprünglich zu dem Märchen gehörenden Verjagung des in das Nachtquartier Eindringenden. In der Urform des Märchens sind nämlich die Besitzer des Hauses bei der Ankunft der Tiere abwesend. Das Verkaufen des Vogels in einigen Varianten des Zaubervogelmärchens ist eine Duplettenform des Verkaufens der zu der Urform des Märchens gehörenden kostbaren Eier.

Die Duplettenform fügt der Erzählung in den erwähnten Fällen einen neuen Zug bei. Es gibt auch Duplettenformen, die die Erzählung nicht erweitern, sondern einen in der Erzählung schon vorhandenen Zug einem anderen Zug angleichen. Diese sog. Analogieformen, die den sprachlichen Analogieformen entsprechen, sind in den Märchen sehr gewöhnlich. Sie sind zweierlei Art, jenachdem ob das Vorbild der Form in demselben oder in einem anderen Märchen vorkommt.

Eine zu der ersteren Art gehörende Analogieform ist der Dienst, den die Katze und der Hund in einigen finnischen Varianten des Märchens vom Zauberring erweisen durch die Rettung des Gebers des Gegenstandes aus dem Feuer. Es ist dies eine Kopie von dem Zurückbringen des entwendeten Zauberringes. Ja die Katze ist sogar oft auch beim Durchdringen des Feuers, ebenso wie es beim Überschwimmen des Wassers dargestellt ist, auf den Rücken des Hundes gesetzt. Die gleiche Analogieform entsteht in dem Märchen von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten, wenn die Entwendung des Zaubergegenstandes „bringt einen, wohin man will“ nach der Art der Entwendung der anderen Zaubergegenstände von der fernen Insel in das Haus der Königstochter übergeht, und ebenso in dem Zaubervogelmärchen, wenn anstatt der [30] Abenteuer des Verzehrers des Herzens der eine Bruder zu einem vornehmen Beamten bei seinem König gewordenen Bruder gemacht wird.

Wenn im Märchen mehrere in derselben Stellung befindliche Züge vorkommen, können diese alle sich ex analogia dem einen Zuge gleich verändern. So geht es z. B. im Märchen von den Tieren im Nachtquartier, wenn die Aufgabe oder der Beruf des einen Wanderers allen Mitgliedern der Reisegesellschaft zugeeignet wird. So stellt sich der Erzähler mitunter nach dem Widder, der in der Urform des Märchens ein Schuhmacher gewesen ist, alle Tiere als Schuhmacher vor, nach der Gans alle als Schneider usw.

Als Beispiel von Analogieformen, wo das eine Märchen das andere beeinflusst, erwähne ich die Verwechslung der Plätze des Bären und des Fuchses in der nordischen Umformung des Märchens „Der Bär mit den Zähnen am Schwanze des Pferdes hängend“. In dieser lockt der Bär den Fuchs an den Schwanz des Pferdes, aber nach anderen Abenteuern des Bären und des Fuchses, in denen der Bär immer als Betrogener und der Fuchs als Betrüger erscheint, ist auch hier zuweilen der Bär an die Stelle des Fuchses als Fahrender, der Fuchs an die Stelle des Bären als Ratgeber gestellt worden.

Selten ist in den Märchen auch nicht die Spezialisierung einer allgemeinen oder die Verallgemeinerung einer speziellen Bezeichnung. Die Erzähler bestimmen gern näher, beschränken einen Begriff allgemeinerer Art und erweitern umgekehrt einen engeren Begriff in seiner Bedeutung. Die letztere Veränderung kann bisweilen eine Folge des Vergessens sein. In dem Märchen vom Zauberring ist mitunter der Fisch, welcher den Zaubergegenstand verschluckt, seiner Art nach als Hecht, Felchen u. a. bestimmt, und ebenso hat man in dem Zaubervogelmärchen den Vogel stellenweise [31] Huhn, Gans, Ente u. a. zu nennen begonnen. Eine entgegengesetzte Erscheinung kommt in dem Märchen von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten vor, wenn die bestimmte Fruchtart, die Äpfel, hie und da gemeinhin in Früchte verändert worden sind, und im Märchen von den Tieren im Nachtquartier, wenn statt eines bestimmten Handwerks für verschiedene Tiere Benennungen wie „einer“, „jemand“ angewendet worden sind.

Mit den Erzählungen können sich fremde Stoffe auch durch Vertauschung verbinden, d. h. anstelle eines weggebliebenen Zuges erscheint ein anderswoher gekommener anderer Zug, der mit jenem irgendwie verwandt ist. Für den Schlussteil des Zaubervogelmärchens ist bisweilen derjenige des Märchens „Die drei Zaubergegenstände und die wunderbaren Früchte“ eingetreten. Die Verbindung ist eine Folge der Übereinstimmung in den Haupthandlungen der Erzählungen. Im Zaubervogelmärchen wird das betrügerische Weib mit einem zauberkräftigen Grase für die Entwendung der unentleerbaren Geldquelle, des Vogelherzens, bestraft. Im Märchen „Die drei Zaubergegenstände und die wunderbaren Früchte“ wird das betrügerische Weib mit Hilfe der Früchte gezwungen, die ihnen entwendeten Zaubergegenstände zurückzugeben, unter einen unentleerbaren Geldbeutel. Das Gras hat in einen Esel verwandelnde, die Früchte haben Hörner erzeugende Kraft. In demselben Märchen wählt ein Steigen gelassener Vogel den Verzehrer des Kopfes zum König, indem er sich auf dessen Kopf niederlässt. Zur Erklärung der Königswahl ist mit dem Zaubervogelmärchen bisweilen das Märchen von dem Drachentöter verbunden, in dem das Königwerden auch enthalten ist: der Junge erlöst die Königstochter aus der Gewalt des Drachens, zur Belohnung das Mädchen und das Reich erhaltend. An die Stelle des unentleerbaren Beutels im Märchen „Die drei Zaubergegenstände und die wunderbaren Früchte“ ist aus dem Zauberringmärchen [32] mitunter der Ring gekommen, der entweder seine ursprüngliche Eigenschaft „bekommt was man wünscht“ erhalten oder sich in einen golderzeugenden Gegenstand verwandelt hat, ebenso aus dem Märchen „Die Zaubergaben“ ein Ranzen.

Vertauschung erfolgt auch in ein und demselben Märchen. Die Persönlichkeiten, Eigenschaften, Tätigkeiten u. a. lösen sich aus ihrer ursprünglichen Verbindung und fügen sich zu neuen Verbindungen zusammen. Das was ursprünglich von der einen Person oder dem einen Tier erzählt worden ist, hat man dann von anderen erzählt. Im Märchen „Die Tiere im Nachtquartier“ werden die Berufe und die Aufenthaltsorte der Tiere vertauscht. Das Schmiedehandwerk, das ursprünglich dem Schweine gehört, wird bisweilen einem anderen Mitglied der Reisegesellschaft zugeeignet, der Aufenthaltsort der Katze, der Herd, wird von der Gans eingenommen usw. Für das ursprüngliche Tier wird dann ein anderes Handwerk oder ein anderer Aufenthaltsort erfunden.

Die Vertauschung der letzterwähnten Art erfolgt mitunter nach dem Gesetze des Gegensatzes, wobei sich das Verhältnis zweier Züge entgegengesetzt verändert. Das geschieht z. B. dann, wenn in der nordischen Umformung des Märchens „Der Bär mit den Zähnen am Schwanze des Pferdes hängend“, wie O. Dähnhardt gezeigt hat[2], der Bär anstelle des Fuchses zum Ratgeber und der Fuchs anstelle des Bären zum Fahrenden geworden ist oder wenn sich im Zauberringmärchen das Hinüberschwimmen des Hundes und der Katze bisweilen so verwandelt hat, dass der Hund auf den Rücken der Katze gesetzt wird.

Eine gewöhnliche Erscheinung ist in den Märchen die Vermenschlichung der Tierabenteuer [33] (Anthropomorphismus). Im Hinblick darauf, dass die Tiere in den Märchen meistens den Menschen gleichwertig, als sprechende und denkende Wesen dargestellt werden, ist die Vermenschlichung eine sehr natürliche Veränderung. Sie ist verschiedenartig. Zuweilen wird der Mensch zu den in der Erzählung vorkommenden Tieren hinzugefügt. So z. B. im Märchen „Die Tiere im Nachtquartier“. Das Märchen hebt dann gewöhnlich so an, dass der Mann sich mit Tieren auf der Reise befindet und in einem Haus einkehrt, um dort zu übernachten. Eine andere Art Anthropomorphismus ist die Verwandlung des Tieres in einen Menschen. In dem eben erwähnten Märchen ist an die Stelle des aus dem Nachtquartier vertriebenen Wolfes ein Räuber gekommen, und diese neue Bildung hat dann weite Verbreitung gefunden. In dem Märchen von der Suche nach einer Kinderwärterin oder einem Klageweib erscheint anstatt des Bären bisweilen ein Mann, der das Klageweib für seine Frau sucht. Während der Sucher ein Mensch geworden ist, sind die sich Anbietenden noch Tiere geblieben.

Seltener, obgleich nicht unbekannt, ist die Verwandlung eines Menschenabenteuers in ein Tierabenteuer (Zoomorphismus). In einer syrischen Variante des Zauberringmärchens finden wir anstelle der Hauptperson der Erzählung einen Bär und anstelle des Entwenders des Zauberrings, der Königstochter, einen Wolf, so dass das Märchen ganz zum Tiermärchen geworden ist. Ebenso ist in einer syrischen Aufzeichnung des Zaubergabenmärchens Empfänger der Zaubergegenstände ein Fuchs und Entwender der Fürst der Füchse. Es sei jedoch erwähnt, dass die Verwandlung der Menschen in Tiere in diesen Fällen vom Erzähler beabsichtigt ist, als Folge des Wunsches des Aufzeichners Tiermärchen, zu sammeln.

Nahe verwandt mit den zwei letzterwähnten Erscheinungen ist die Dämonisierung der Tierabenteuer oder umgekehrt der Übergang der Teufelabenteuer [34] unter die Tiere. Wenn von einem Tiermärchen vermenschlichte Varianten existieren, trifft man gewöhnlich auch dämonisierte an. Ebenso wie im Märchen „Die Tiere im Nachtquartier“ der in das Haus Eindringende zum Räuber vermenschlicht ist, ebenso ist er oft auch zum Teufel oder Gespenst geworden. Anstelle des Gebers des Zauberrings, der Schlange, erscheint in Finland und Ingermanland zuweilen der Teufel. Die Abenteuer von der Ernteteilung und vom Baumtragen u. a. kommen bald zwischen dem Teufel und dem Manne, bald zwischen dem Bären und dem Fuchse vor. Nach ihrem Ursprung dürften sie Teufelsgeschichten sein, in denen später Tiere als handelnde Gestalten eingetreten sind.

Der Anthropomorphismus ist bisweilen Egomorphismus, wenn sich der Erzähler der Handlung, gewöhnlich als Hauptperson der Erzählung hervortretend, hinzugesellt. Dadurch versucht er gewissermassen die Ereignisse sich und dem Hörer näher zu bringen. Der Egomorphismus, der durch die von dem Erzähler benutzte erste Person bekannt ist, hat in den Märchen jedoch keine grössere Bedeutung. Ich habe niemals bemerkt, dass durch den Egomorphismus entstandene Fassungen weitere Verbreitung gefunden hätten. Einzelne Fälle des Egomorphismus kann man dagegen in allen beliebigen Märchen antreffen. Das Märchen von den Tieren im Nachtquartier z. B. beginnt zuweilen etwa folgendermassen: Als ich einmal mit einigen Tieren auf der Reise war usw.

Die letzterwähnten Erscheinungen zeigen, dass auch ganze Märchengruppen (Menschen-, Tier-, Teufelmärchen) sich miteinander vermischen und beeinflussen können.

Abgesehen von den schon früher erwähnten Fällen vollziehen sich in den Märchen auch sonst viele Veränderungen durch den Einfluss des einen Zuges auf den anderen. Die Veränderung eines Zuges zwingt die mit ihm in Zusammenhang stehenden [35] anderen Züge sich zu verändern, damit die Harmonie zwischen den Teilen der Erzählung erhalten bleibe. Wenn sich der Erzählung anderswoher gekommene Stoffe hinzufügen, verlangt deren Verschmelzung mit ihrem neuen Zusammenhang, dass sich die nächsten Teile der Erzählung aneinander anpassen. Der Einfluss greift auf diese Weise mitunter auch tiefer in die Erzählung ein. Es gibt Fälle, wo eine einen einzelnen Zug betreffende, ursprünglich geringfügige Veränderung die ganze Erzählung verdirbt. Die folgenden Beispiele beleuchten diese in der Märchenforschung sehr bemerkenswerte Erscheinung.

Wenn im Zauberringmärchen zum Geber des Zaubergegenstandes statt des Vaters der von dem Tode geretteten Schlange die Gerettete selbst geworden ist, so ist die Folge davon gewesen, dass der Ort der Abtretung des Gegenstandes vom Hause der Geretteten nach dem Ort der Rettung verlegt wird. Der Gang nach dem Hause der Schlange hat nämlich nach der vorhergehenden Veränderung seine Bedeutung verloren, denn der Zauberring kann gut bei der Geretteten sein. Wenn im Märchen von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten die Entwendung des Zaubergegenstandes „bringt einen, wohin man will“ ex analogia in das Haus der Königstochter übertragen wird, wodurch der Flug nach der Insel in Wegfall kommt, so haben anstelle der Insel als Standort der Früchte Orte zu erscheinen begonnen, welche leicht zu erreichen sind (der Wald) oder man hat zu der Erzählung eine Nebengeschichte hinzugefügt, um die Überschreitung des Wassers zu erklären. Das letztere Verfahren findet in einer Gruppe finnischer Varianten Anwendung, es wird erzählt, wie der Junge, nach dem Verlieren der Zaubergegenstände in Verzweiflung geraten, sich in einen am Meeresstrande liegenden verfallenen Kahn wirft und der Wind ihn zu der Insel bringt. Am Ende des Aladdinmärchens erscheint der Bruder des vergifteten Zauberers als heilige Frau, um ihn [36] zu rächen. Wenn bisweilen in die volkstümlichen Varianten statt des Gifttranks der in den Märchen gewöhnlichere Schlaftrank gekommen ist, hat dies das Wiedererscheinen des Zauberers im Palaste möglich gemacht. In einer finnischen, volkstümlichen Aufzeichnung desselben Märchens hat das Vergessen des Zauberrings einen umwälzenden Einfluss ausgeübt. Im Anfang des Märchens ist der Ring nicht notwendig gewesen, denn die Lampe konnte statt des Ringes den Jungen aus der Erde heraufbringen, da aber der Ring später in der Erzählung nicht vorhanden ist, um die verlorene Lampe zurückzuschaffen, ist es eine Notwendigkeit gewesen, die Entwendung der Lampe wegzulassen und den Schluss der Erzählung ganz umzuformen.

Beim Übergang des Märchens aus einer Gegend in eine andere erfolgt darin oft Akklimatisierung eines fremden Gegenstandes. An die Stelle des fremden Gegenstandes wird ein in der Gegend bekannter oder wenigstens bekannterer Gegenstand gesetzt, nämlich ein solcher, der seiner Art nach dem ursprünglichen nahesteht. So vertauschen sich z. B. das Pferd und der Esel. Was in Süd- und teilweise auch in Mitteleuropa von dem Esel, das wird in Nordeuropa vom Pferde erzählt. So verhält es sich im Märchen von den Tieren im Nachquartier, wo einer der Wanderer ein Pferd (Esel) ist, und im Zaubervogelmärchen, wo es sich um die Verwandlung in einen Esel handelt. Dem schlauen Fuchse der europäischen Tiergeschichten entspricht in Asien ein Schakal, in Afrika eine Schildkröte oder ein Hase, und bei den amerikanischen Negern ist das schlaue Tier das Kaninchen. Im Märchen von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten haben sich die Äpfel in Südeuropa und Ägypten in die Fruchtarten der warmen Länder verwandelt: in Feigen, Trauben und Datteln.

Diese Erscheinung hat in der Märchenforschung eine grosse Bedeutung. Die Verwandlung des Fremden in Bekanntes [37] beschränkt sich nicht auf die Gegenstände, sondern sie reicht viel tiefer in die Erzählung hinein. Obwohl die Erzählung, wenn sie von einem Volke zum anderen übergeht, in der Hauptsache ihren Inhalt beibehält, können die einzelnen Züge sich den Verhältnissen, Sitten, Auffassungen, der Religion usw. anpassen. Jedes Volk drückt sozusagen dem Märchen in irgendeiner Weise seinen Stempel auf. Die verschiedenen Bildungsgrade der Völker z. B. hinterlassen ihre Spuren in der Erzählung. In dem Meisterdiebe legen einige Völker das Schwergewicht darauf, dass der Held des Märchens ein geschickter Dieb ist, andere wieder auf seine Klugheit und Findigkeit.

Eine ähnliche Anpassung bemerkt man auch in den Personen- und Ortsnamen, wenn solche in den Märchen vorkommen. Wenn der Deutsche den Helden des Märchens Hans nennt (z. B. der starke Hans) und der Russe entsprechend Iwan, benutzt der Finne den Namen Matz (väkevä Matti = der starke Matz). In dem Märchen vom Manne, der sagt, er komme von Paris – Paradies, haben in einigen Ländern die Ortsnamen derselben durchzudringen versucht, soweit diese zu einer derartigen Missdeutung Anlass geben konnten. So treffen wir in den skandinavischen Ländern solche Namenvermischungen wie Ringerike – himmelrike, Ringerig – himmerland und in Finland ganz allgemein Taivassalo – taivaansali (taivas = der Himmel, salo > sali = der Saal). Taivassalo ist der Name eines südwestfinnischen Kirchspieles.

Veränderung des Fremden in Bekanntes ist auch die Modernisierung eines veralteten Gegenstandes oder Begriffes. Ein Gegenstand, den unsere Zeit nicht mehr kennt oder der wenigstens nicht mehr dieselbe Bedeutung hat wie früher, wird mit einem neueren vertauscht. In dieser Weise sind im Bärenfrassmärchen statt der von dem Manne gebrauchten Zugtiere, der Ochsen, an einigen Stellen Pferde erschienen. Ebenso [38] findet sich im Märchen von der Ernteteilung zwischen dem Teufel und dem Manne (dem Bären und dem Fuchse), wo der eine das Oberirdische, der andere das Unterirdische erhält, an der Stelle der ursprünglichen Rübe zuweilen deren neuzeitlicherer Stellvertreter, die Kartoffel.

Die Veränderungen in den Märchen sind bisweilen so natürlich, dass ihr Nichteintreten mehr befremden würde als ihr Eintreten. Die Beschaffenheit einiger Züge verführt direkt dazu gewisse Änderungen vorzunehmen. Wenn z. B. im Märchen von den drei Zaubergegenständen und den wunderbaren Früchten die Empfänger der Zaubergegenstände drei sind, aber als Verlierer derselben nur einer von ihnen vorkommt, ist es ganz natürlich, dass der Erzähler bisweilen entweder auch die Anzahl der Empfänger auf einen zusammengezogen hat oder umgekehrt jeden Empfänger seinen Gegenstand hat verlieren lassen. Ebenso sind in das Zaubergabenmärchen statt eines Empfängers der Zaubergegenstände zuweilen drei gekommen, weil von drei Gegenständen die Rede ist. Die Empfänger sind dann gewöhnlich Brüder, und die Veränderung ist augenscheinlich durch das allgemeine Vorkommen der drei Brüder in den Märchen gefördert worden. Im Zaubervogelmärchen bezieht sich die Zauberkraft ursprünglich auf den Kopf und das Herz des Vogels, sodass der Verzehrer des Kopfes König wird und der des Herzens das Vermögen Gold zu erzeugen gewinnt. Eine natürliche Folge der europäischen Zauberschriftbildung, gemäss deren die Zaubereigenschaft des Vogels durch eine auf den Flügeln befindliche Schrift bekannt wird, ist die bisweilen auftretende Verbindung der Zauberkraft mit den Flügeln gewesen. Die Bildung hätte wahrscheinlich eine weitere Verbreitung gefunden, wenn die Ungeniessbarkeit der Flügel sie nicht daran gehindert hätte.

Hinsichtlich einiger Veränderungen ist es möglich, dass sie neben der gewöhnlichen durch Entlehnung erfolgten [39] Verbreitung mitunter auch selbständig mehrere Male vor sich gehen konnten. So wahrscheinlich in dem Märchen „Die Tiere im Nachtquartier“, wenn anstatt der ursprünglichen Auslegung des Hahnschreies solche allgemeine Ausrufe wie „Nehmt ihn fest“ und „Schlagt ihn tot“ Eingang gefunden haben. Dieser Art sind zunächst die im vorhergehenden Absatz angeführten, durch ihre Natürlichkeit gekennzeichneten Veränderungen.


  1. Vgl. Olrik, A., Episke love i folkedigtningen (Danske Studier 1908 S. 81).
  2. Dähnhardt, O., Natursagen IV (1912) S. 235.


Ursprung der Märchen Nach oben Die geographisch-historische Forschungsmethode
{{{ANMERKUNG}}}
  Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.