Literaturbriefe an eine Dame/XIV

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Autor: Rudolf Gottschall
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Titel: Literaturbriefe an eine Dame XIV
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 512–515
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Über Julius Grosse.
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Literaturbriefe an eine Dame.


Von Rudolf Gottschall.


XIV.


Haben Sie, verehrte Frau, schon einmal das seltene Schatzkästlein bewundert, welches das österreichische Salzkammergut und das bairische Berchtesgaden unseren Blicken öffnet? Eine der Perlen dieses Schatzkästleins ist der Königssee, und Niemand wird über seine dunkeln Fluthen, zwischen seinen schroff abfallenden, riesig aufgethürmten Felsenmauern dahingleiten, ohne daß ihm die schwermüthigen Verse Nicolaus Lenau’s mit der großartigen Feier der Natureinsamkeit, wie sie dieser [513] Dichter liebt, im Gedächtniß wiederklingen. Die hoch hervorblickenden Gletscher, welche sich oft zum Theil in Wolkennebel gehüllt haben, erhöhen den Eindruck der Weltverlassenheit, den die ganze Scenerie hervorruft, und dort, wo auf dem Schuttlande der Watzmanngletscher das Jagdschloß von Sanct Bartholomäi am Ufer des Sees sich erhebt – dort ist eine Stätte für weltfremde Abgeschiedenheit, wie sie die kühnste Phantasie nicht passender denken, kein Jünger der modernen „Weltverneinung“ geeigneter wählen könnte.

Es giebt nur einen bairischen See, der sich in Bezug auf Naturschönheit mit dem Königssee messen kann – das ist der Walchensee. Hier athmet die Brust freier, wenn sie auf den weiten Spiegel blickt; keine kahlen Felsenwände engen die Fluthen und die Seele ein; ringsum rauschender Wald an hohen Uferbergen, über welche terrassenförmig das Hochgebirge bis zu seinen eisfunkelnden Gipfeln sich aufbaut. Der Walchensee ist ein sapphirnes Kleinod mit smaragdner Fassung, das aber in der wechselnden Beleuchtung in den schönsten Regenbogenfarben funkelt. Er ist kein See für Eremiten, wie der Königssee; aber er ist ein träumerischer, stimmungsvoller See, geschaffen für eine Einsamkeit, welche dem sehnsüchtigen Blicke in die blaue Ferne nicht entsagt hat.

Unsere Dichter, verehrte Frau, würden auf ein schönes Vorrecht verzichten, das ihnen die heimathliche Natur mit ihren landschaftlichen Reizen bietet, wenn sie nicht den Zauber dieser Bergsee’n mitverwertheten für ihre poetischen Gemälde. Daß unsere Maler darin unermüdlich sind, diese Naturschönheiten sich zinsbar zu machen, das beweist die Malercolonie in der Mantzau, in diesem mit Vor-, Mittel- und Hintergründen reich gesegneten Zauberthale; das beweist auf allen deutschen Kunstausstellungen der große Modellberg für alle Malerakademien, der ehrwürdige „Watzmann“, der, mit allen möglichen Abendröthen ausgestattet, überall von den Wänden herabblickt. Von unsern Dichtern haben die Münchner oder die zeitweise in München lebenden vorzugsweise die Verherrlichung dieser mit den bairischen Landesfarben geschmückten Naturwunder übernommen. Paul Heyse hat eine seiner Novellen in Versen an den „Walchensee“ verlegt; doch der lächelnde Novellist ist kein Naturschwärmer, und es kommt ihm durchaus nicht darauf an, die Schönheiten des Sees mit der bengalischen Beleuchtung verzückter Strophen zu verklären; er läßt ganz einfach ein gesellschaftliches Begebniß mit einer Moral für Ehefrauen und Ehemänner an den Ufern des Sees und auf seinen Fluthen spielen, und nur in gelegentlichen Randglossen seiner plaudernden Muse stellt er dem See in Bezug auf sein ästhetisches Wohlverhalten ein wohlwollendes Zeugniß aus. Anders hat ein anderer Dichter, der auch längere Zeit in der bairischen Hauptstadt verweilte und sogar eine Zeitlang, mit dem Pinsel und der Palette ausgerüstet, Naturstudien in Oel trieb, den „Königssee“ besungen – Julius Große in seinem poetischen Idyll „Gundel vom Königssee“.

Der Name dieses Dichters wird Ihnen, verehrte Freundin, schon öfters begegnet sein. Zur Zeit, als unsere ganze Lyrik mobil wurde und gegen den Erbfeind in’s Feld rückte, war auch Julius Große unter den Kriegssängern und zwar zeichneten sich seine Kriegsgedichte durch einen großartigen Schwung aus, den nur wenige der Genossen erreichten. Das Gedicht „Generalmarsch“ hat Béranger’sches Feuer; es sind jene Trommelwirbel des Refrains darin, welche eine kriegerische Wirkung nicht verfehlen. Dann wirft der Dichter wieder in Dante’schen Terzinen den Franzosen den Handschuh hin.

Ihr habt’s gewollt! – gewollt zu unsrem Glücke:
Der Einheit heil’ges Banner ist entrollt;
Germania’s Urkraft schmettert euch in Stücke,
Den Cäsar und sein Reich. Ihr habt’s gewollt!

Es ist ein zermalmender Schwung in diesen Versen, und nur der Gleichgültigkeit der Zeitgenossen gegen den höheren Stil der Lyrik mag es zugeschrieben werden, daß ihre Wirkung nicht eine bedeutendere war. Freilich, der pomphafte Ton, welchen Große’s Muse anschlägt, ihr Kothurngang haben hin und wieder etwas Einförmiges; die majestätischen Geberden wiederholen sich zu oft, wie dies in der größeren Sammlung „Aus bewegten Tagen“ der Fall ist. Auch hier ist dichterische Schönheit unverkennbar, doch sie prunkt immer in Sammt und Seide und rauscht mit einer stattlichen stolzen Schleppe, und selbst ihr Liebesempfinden spricht sie bisweilen in dreifach gereimten Schleppversen, in prunkhaften Terzinen aus.

Schon in dieser Sammlung hat der Dichter versucht, den oberbairischen Seen eine poetische Fassung zu geben; er besingt, neben dem Achensee und dem Eibsee, diesem weltverlornen Kleinode, das der Zugspitze bei ihrer unglücklichen Morgentoilette aus der Hand gefallen zu sein scheint, besonders den „Königssee“; doch die ganze Fülle seiner landschaftlichen Reize entrollt er erst in seiner erzählenden Dichtung aus dem bairischen Hochlande: „Gundel vom Königssee“, welche den ersten Band der jüngsterschienenen sechsbändigen Sammlung von Julius Große’s „Erzählenden Dichtungen“ bildet.

Eine solche „Gundel vom Königssee“ kann Jeder, der einmal über die Fluthen des Sees gefahren ist, als Vignette der Dichtung aus seiner Erinnerung sich selbst gestalten; er braucht blos das rudernde Mädchen zu idealisiren, welches in Gemeinschaft mit einem Burschen den Kahn nach St. Bartholomäi hinüberlenkt. Diese ländlichen Schönheiten unterbrechen den einförmigen Ruderschlag durch ein trauliches Zwiegespräch, welches indeß ihren Fahrgast nicht in seinen einsamen und melancholischen Gedanken stört. Dafür sorgt der oberbairische Dialekt; Niemand kann errathen, ob das Paar der Ruderer die Sprache der Götter oder der sterblichen Menschen spricht, und nur aus ihrem Mienen- und Geberdenspiele sieht man, daß Amor, der blinde Passagier, zwischen ihnen sitzt.

Schön sind sie in der Regel nicht, die gondelnden Gundels vom Königssee; es ist ein tüchtiger robuster Schlag von Mädchen mit einem tiefen Alt, der etwas männlich klingt, und die Poesie muß schon zu dem zartesten Incarnat auf ihrer Palette greifen, um diese derben, bäurischen Najaden in ein verklärendes Licht zu rücken. Doch die Heldin einer Dorfgeschichte in Hexametern braucht ja nicht gerade in ätherischen Farben zu schimmern – und der eigentliche Held der Dichtung ist der Königssee selbst. Der Dichter giebt ja selbst zu, daß das Landschafts-Element die Grundlinien der Composition des Gedichts auch in der Anordnung der Handlung mitbestimmte und daß es sich vorzugsweise um die Reproduction unvergeßlicher Eindrücke einer gewaltigen Natur handelt.

Was die eigentliche Dorfgeschichte in Versen selbst betrifft, so lege ich, verehrte Freundin, keinen sonderlichen Werth darauf; daß die Gundel anfangs den Ignaz liebt, dann aber sich in ihm getäuscht sieht, indem sie alle Opfer einem Unwürdigen gebracht hat, und zuletzt ihr Herz dem Thomas zuwendet: das ist eine alte Geschichte in Dorf und Stadt und ein sehr beliebtes Novellenthema. Auch daß, ähnlich wie in „Hermann und Dorothea“ die französische Revolution mit ihren weltgeschichtlichen Fernsichten in die kleinbürgerliche Handlung eingreift, so hier die Dorfidylle durch die Vergnügungsfahrt eines Königshofes und seine Abenteuer in der Berggegend, durch die Betheiligung fashionabler Hofherren weitere Perspectiven erhält, ist ein Vorzug, den ich gerade nicht allzuhoch anschlagen will, und die volksthümliche Eigenart, die durch Wörter des Volksdialektes in die Darstellungsweise kommt, giebt nach meiner Ansicht dem stilvollen Hexameter einen etwas bedenklichen Beigeschmack. Dennoch ist auch in der Schilderung des Menschengeschickes, der Begegnungen der Helden und Heldinnen, der Schwankungen in ihren Herzensneigungen so viel Ansprechendes und Sinniges enthalten, daß man dem Fortgange der Handlung selbst mit Antheil folgt. Die Naturschilderungen aber sind wirklich von großer dichterischer Schönheit. Hören Sie, verehrte Freundin, das schwunghafte und farbenreiche Loblied, das der Dichter dem Königssee singt:

Herrlicher Königssee voll mild majestätischer Schönheit,
Heilig erhabene Ruh umschwebt dein Felsengestade.
Wellenumspült und strahlenumblitzt und schwalbenumflogen
Aus smaragdenen Wogen empor ansteigen die Wände,
Unabsehbar verdämmern die Höh’n, unergründlich die Tiefen,
Daß mit Schwindeln die Hand festgreift in die Ruder des Bootes.
Wolkennahe gethürmt gleich Burgen der Götter gigantisch,
Schluchtenzerrissen und wild, dem menschlichen Fuß unerreichbar,
Ragen die Felsen als Pfeiler der Welt urzeitlicher Schöpfung,
Gleich als bewachten sie still den geheiligten See vor der Menschheit,
Jenen listigen Zwergen der Welt, die in Künsten erfahren.
Nur die Wurzel der Föhren erklimmt die verwitterten Schrofen,
Und der Fittig des Aars umschwebt die Gefilde des Eises. –
Aber der Spiegel des Sees, in funkelnder Bläue verschwimmend,
Dehnt sich in magischem Dufte hinaus, wie unendliche Wonnen
Trunkenem Auge verheißt ein Traumbild wogender Sehnsucht.

[514]

Wunderbar süß ist dein mächtiger Reiz, goldleuchtender Bergsee,
Daß sich die Brust aufschließt in ahnenden Schauern der Gottheit,
Grauenerfüllt in der Einsamkeit der erhabenen Urwelt,
Gleich als führte kein Pfad in die lachenden Auen zurücke,
Gleich als wäre das Menschengeschlecht noch nimmer erschaffen,
Oder als wär’s schon längst von dem donnernden Zorne der Götter
Seit Jahrtausenden wieder vertilgt von der nährenden Erde,
Daß nur Asche noch weht von Eroberern, von Schaaren der Krieger,
Frommen Mönchen und zahllosem Volk im Staube der Sonne
Draußen auf Haiden im Sturm. – Hier waltet erfrischende Kühle
Unentweihter Riesennatur voll heiligen Friedens,
Schattenumschwebt wie die stygische Fluth. Nur Schatten von Wolken
Sind’s, die d’rüber hinzieh’n und manchmal ruhen am Felsport.

Aehnliche Schilderungen der Alpennatur so wie des Lebens hoch oben in der Bergeinsamkeit sind vielfach in der Dichtung verstreut und bilden die Perlen an der Schnur der Begebenheiten, an welcher der Dichter seine Dorfgeschichte eingefädelt hat.

Süditalienische Natur schildert Große in dem Gedichte „Das Mädchen von Capri“, und auch hier ist die stimmungsvolle Beleuchtung neapolitanischer Landschaft von echt dichterischem Reize. Die Novelle in Versen selbst gehört in ein vorzugsweise von Paul Heyse gepflegtes Genre, das der Touristen- und Künstlerliebschaften auf Zeit, die den italienischen Himmel und das fremde Colorit brauchen, um mit ihren freizügigen Empfindungen nicht zu sehr gegen die bürgerliche Moral zu verstoßen. Ein deutsch-ungarischer Maler hat sich in ein reizendes Kind vom Felseneilande des Tiberius verliebt; doch schwere Krankheit zwingt ihn, nach Neapel zurückzukehren. Hier empfiehlt er sie einem russischen Freunde; er möge als Hort und Schutz ihn bei dem holden Kinde ersetzen. Der Russe geht auf das Abenteuer ein; doch ohne es zu wissen, macht er schon auf der Ueberfahrt von Neapel nach Capri die Bekanntschaft des reizenden Kindes; es entspinnt sich ein glückliches Liebesverhältniß, welches in seiner Entwickelung mit anmuthigen Farben geschildert ist. Allerliebste Genrebilder, etwa im Stile des anmuthigen Genremalers Robert, lösen sich ab mit Landschaftsgemälden im Stile von Poussin und Claude Lorrain, indem ja die Handlung auf einem durch die Geschichte des Alterthums geweihten Boden spielt und das flüchtige Liebes- und Lebensglück mit den Erinnerungen einer großen, aber wüsten Vergangenheit verschmilzt. Auch sonst weiß der Dichter nach allen Seiten hin geistige Fernsichten zu eröffnen. Die Katastrophe dieser Liebe tritt ein, als das Mädchen von Capri erfährt, der Geliebte sei ihr vom Freunde als Ersatz bestellt; sie fühlt sich verkauft und sagt sich von ihm los. Auch diese pathetische Wendung kommt in ausdrucksvoller Weise zur Geltung. Den abenteuernden Russen ruft inzwischen der Feldzug des ersten Napoleon gegen Rußland zurück in’s Vaterland.

Beide Dichtungen, „Gundel vom Königssee“ sowohl wie „Das Mädchen von Capri“, gehören zu den gelungensten neueren Schöpfungen unserer epischen Muse.

Außerdem, verehrte Freundin, hat Große eine große Zahl epischer Gedichte verfaßt, die in das Gebiet der orientalischen Märchen gehören, etwas Phantastisches, Verschleiertes haben, auch einen mehr oder minder klar ausgeprägten Grundgedanken, aber doch nicht jene dichterischen Vorzüge wie diese beiden Hexameterdichtungen. Es liegt auf ihnen etwas wie der Duft von Opium- und Haschischträumereien, und dabei giebt der spanische Trochäus mit seinen mehr ermattenden als verstärkenden Wiederholungen der Darstellung oft etwas Breitspuriges. Gleichwohl fehlt es nicht an Glanzstellen einer orientalisch farbenreichen Phantasie. Die umfassendste dieser Dichtungen ist „Tamarena“; die Heldin derselben ist die Tochter des Großveziers von Bagdad, die sich in einem märchenhaften Zauberschlosse kühn ein phantastisches Glück gründet, den Jüngling, für den sie in Liebe entbrannt ist, zu sich entführen läßt, sich ihm in geheimer Ehe verbindet und in aller Pracht des üppigsten Luxus ein von Glück berauschtes Leben führt. Doch hat diese „Tamarena“ auch etwas von einer „Venus im Pelz“; aus Eifersucht läßt sie dem liebestrunkenen Jüngling die Bastonnade ertheilen und singt dazu „ein Lied von mächt’gem Klange“. Der bestrafte Liebhaber, der außerdem seine Eltern durch sein Verschwinden in tiefes Leid gestürzt hat, verfällt in Wahnsinn; Tamarena bereut ihre Grausamkeit. Der weise Khalif Harun al Raschid schützt indeß „ein holdes Glück, das sich kühn von selbst gegründet“, und führt die Liebenden zusammen. Nicht minder märchenhaft ist „Ferek Musa“. Der Held wird von einer stolzen Schönen dafür bestraft, daß er die Weiber für leichte, um Gold zu erkaufende Waare erklärt hatte. Die schöne Taniura macht ihn zum Bettler; er muß um ihretwillen demüthigende Knechtsdienste thun, bis sie den Bestraften wieder gnädig aufnimmt zum Mitgenuß ihrer großen Reichthümer.

Die Lehre von der Seelenwanderung, die im östlichen Asien viele Millionen von Bekennern zählt, hat unsern Dichter zu einer neuen in jene gesammelten Gedichte nicht mit aufgenommenen Dichtung, „Abul Kazim’s Seelenwanderung“, begeistert – einer divina commedia des Orients. Es geht sehr bunt zu in diesem Guckkasten aller Bilder, welche die Seele auf ihrer Wanderschaft durch das Leben erblickt, und die Lebensläufe bewegen sich bald in aufsteigender, bald in absteigender Linie; ja, auch durch verschiedene Stationen des Thierreiches passirt die Seele hindurch; doch hält sich der Dichter hierbei nicht lange auf und erwähnt nur im Chronikenstil, daß Abul Kazim als Schlange, als Kellerwurm, als Spinne herumgekrochen, und ein anderes Mal, daß er als Goldfisch, Goldkäfer und zuletzt als semmelfarbenes Hündchen existirt hat. Nur in die Hundeexistenz fallen einige romanhafte Lichter, denn als Hund schnüffelt er eine Räuberbande heraus, die seinen Herrn erschlagen hat. Sehr anschaulich sind die Freuden des Hundelebens geschildert, das „Duftgeheimniß“, das den Hund überall umgiebt und reizt, die „Wolke seltsamster Gerüche“, in welcher er schwelgt. Auch in’s Jenseits macht die Seele des Helden einen Ausflug. Dort benimmt sie sich indeß höchst curios; aus Langerweile stiehlt sie den Engeln oft ihre Botschaft, entreißt ihnen die Zornesschalen, verschüttet sie und bewirkt auf Erden große Umwälzungen. Zur Strafe für diese Eingriffe in die Weltherrschaft wird sie in den Höllenschlund des Vesuv hinabgeschleudert, wo namentlich eine schöne Büßerin, Teba, verweilt, die früher als Aspasia und Lucrezia Borgia auf Erden gewandelt ist und jetzt gelegentlich den Blocksberg besucht. Abul Kazim beginnt in der Hölle ein Missionswerk; er will die Sünder bekehren und bessern und dann aus der Hölle entführen. Zur Strafe dafür wird er nach dieser Höllenfahrt wieder an die Oberwelt ausgespieen. Seine Seele hat hier ein großes Rollenrepertoire, das sie im Laufe der Zeiten aufführen muß: Schauspieler bei den Chinesen, König bei den Aegyptern, Kaufmann in Kleinasien, Prophet in Palästina, Krüppel in Frankistan, Feldherr bei den Venetianern, Lehrer der Weisheit, Goldmacher, Derwisch, – ja einmal wird sie auch ein schönes Weib.

Das giebt zu denken, verehrte Freundin. Wie viele Frauen mit männlichem Geiste und Männer mit weibischem Charakter giebt es in der Geschichte! Vielleicht sind dies Seelen, die bisher in dem andern Geschlechte gehaust haben und nun auf einmal in eine ungewohnte Körperlichkeit verschlagen worden sind. Da bleibt denn so etwas von den alten Lebensgewohnheiten haften, und ein ehemaliger General oder Sergeant, wenn er auch längst seinen Schnauzbart verloren hat und in zarter weiblicher Hülle wieder auftaucht, behält doch den befehlshaberischen Ton, an den er sich in seinen früheren Wandlungen auf Erden gewöhnt hat.

Die Behandlungsweise von Große ist phantastisch und grotesk, nicht satirisch scharf und einschneidend. Es ist der Stil der Gozzi’schen Zaubermärchen, welcher in dieser Dichtung herrscht; sie gleicht einer Camera obscura, mit vorbeischwebenden Bildern, vorübergleitenden Abenteuern oft märchenhafter, oft trivialer Art, einem Zaubercabinet mit verschwebenden dissolving views. Nichts davon ist recht zu fassen und festzuhalten mit bleibendem geistigem Gehalte; es ist ein Hereinklingen sinnvoller Bedeutungen, die aber eben so rasch wieder in’s Blaue austönen. Auch die Terzinen haben im Ganzen einen mehr plauderhaften Charakter; sie lassen die sich scharf einprägende Prägnanz vermissen. Es ist eine Dichtung, die man nehmen muß, wie sie ist; die Phantasie des Autors läßt sich mit Behagen gehn; sie nimmt gerade auf, was ihr in den Wurf kommt, und bewegt sich in denselben Purzelbäumen, wie die Seele ihres Helden, der aus einer Menschwerdung in die andere von Zufalls Gnaden herunterpurzelt.

Unsere neuen Dichter, verehrte Freundin, sind vielseitig; kein Romanschriftsteller, der nicht wenigstens ein Drama gesündigt hätte! Auch Julius Große hat dramatische Dichtungen in sieben Bänden veröffentlicht, Schöpfungen, in denen sich das dichterische Talent des Autors nicht verleugnet, die an einzelnen Schönheiten, ja auch an dramatischen Situationen reich sind, aber als ganzes Werk übt keines dieser Dramen eine ergreifende und volle [515] Wirkung aus; es fehlt ihnen der echt dramatische Nerv, da das Talent des Dichters wesentlich ein episches und lyrisches ist.

Auch Romane hat Julius Große geschrieben, verehrte Freundin. Der Roman ist die Poesie in Schlafrock und in Pantoffeln. Ein geistreicher Romanschriftsteller verdient gewiß alle Anerkennung, aber wenn die geborenen Poeten, „denen die ewigen Melodien durch die Glieder sich bewegen“, Erzählungen und Romane schreiben, so kann man dies gewiß mit Recht für eine Nebenbeschäftigung halten, auf welche kein sonderliches Gewicht zu legen ist. Auch in einem Romane kommt Große noch einmal auf die Seelenwanderung zurück. Doch wenn wir im Rausche des poetischen Mohns und Hanfs träumen sollen, so träumt es sich doch besser in Versen als in Prosa. Da ist Abul-Kazim mehr mein Mann, zumal er sich auch einmal in ein schönes Weib verwandelt hat.

Avis au lecteur, verehrte Freundin – und – träumen Sie süß!



WS-Anmerkung:

Dieser Beitrag erschien als Nr. XIV in der Serie Literaturbriefe an eine Dame.