Literaturbriefe an eine Dame/XV

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Autor: Rudolf Gottschall
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Titel: Literaturbriefe an eine Dame XV
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 772–774
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Über Alfred Meißner
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Literaturbriefe an eine Dame.


Von Rudolf Gottschall.


XV.


Sie zweifeln doch nicht an der Macht der Sympathien, verehrte Frau? Welche Frau hätte jemals an einer Macht gezweifelt, der sie allein ihre Siege verdankt!

Doch in der Literatur will man von der Sympathie nichts wissen. Die ästhetische Kritik kommt mit ihren unveräußerlichen Maßstäben, rückt sich die Brille zurecht, mißt und secirt die Dichter und bestimmt nach anatomischen Grundsätzen am Secirtische, ob ihr Organismus gesund, ob ihr Herz zu groß oder zu klein ist, ob ihr Gehirn an Blutarmuth oder Blutüberfüllung leidet. Das geht Alles so streng wissenschaftlich zu! Unfehlbar wie des ferntreffenden Apollo Lichtgeschoß ist der Ausspruch der Kritik – und wenn irgend ein Marsyas geschunden wird wegen seines unglückseligen Flötenspiels, so findet diese Execution ebenfalls nach allen Regeln der Kunst statt.

Und doch, verehrte Frau, mit dieser olympischen Hoheit der Kritik, mit dieser Würde und Unfehlbarkeit ist es nicht ganz geheuer! Ihre Cirkel werden oft gestört, öfter als sie selbst in ihrem erhabenen Selbstbewußtsein glaubt – und was diese Cirkel stört, das ist eben jenes geheimnißvolle Wesen mit dem Januskopfe, das ist die Sympathie[WS 1] und Antipathie, die uns wie mit einem nervösen Fluidum magnetisiren. So gut wie uns dieser oder jener Sterbliche gleich bei seinem Erscheinen mit seiner ganzen Persönlichkeit auf das Wohlthuendste berührt, daß wir in seine Zaubersphäre wie festgebannt sind, ohne von seinen [773] Vorzügen oder Tugenden etwas zu wissen; so gut wir einen Andern nicht ausstehen können, und wenn er der bravste Mann wäre, wie ihn Bürger mit Orgelton und Glockenklang feiert: ebenso ergeht es uns mit den Dichtern. Es giebt Unsterbliche, die uns abstoßend langweilig und ungenießbar sind, denen gegenüber wir mit Mühe und nur aus Rücksichten auf ihren hohen Rang ein Gähnen unterdrücken; es giebt Sterbliche, die im höchsten Grade sterblich sind, die nur von heute bis morgen leben und die auf uns eine ebenso anziehende wie fesselnde Wirkung ausüben. Und die vornehme Dame Kritik sollte von diesen Neigungen und Abneigungen unberührt bleiben? O nein, verehrte Frau! Sympathie ist der geheime Grund aller Kritik. Es gehört das mit zur Philosophie des Unbewußten. Was im Lichte des Bewußtseins klar und logisch bewiesen wird, das hat seinen tieferen Grund in dem geheimen Magnetismus der Seelen. Eine Zeitlang war es Mode, die Frage aufzustellen, ob Goethe oder Schiller ein größerer Dichter sei. Viele Kritiker haben sich für den einen oder den andern entschieden; sie haben diese Entscheidung sehr beweiskräftig zu begründen gesucht, und doch ging ihre Ueberzeugung jedem Beweise voraus und war unabhängig von allen logischen Schlußfolgerungen; es war Allen die innerste Sympathie, die sie zu dem einen oder dem andern zog und von der dasselbe gilt, was Schiller von der Liebe singt:

Das ist der Liebe heil’ger Götterstrahl,
Der in die Seele schlägt und trifft und zündet;
Wenn sich Verwandtes zum Verwandten findet,
Da ist kein Widerstand und keine Wahl.

Diese Sympathie kann, wie wir es bei manchen Bewunderern Shakespeare’s sehen, eine so gefährliche Alleinherrschaft gewinnen, daß sie außer ihrem Lieblingsdichter nichts zwischen Himmel und Erde gelten läßt, daß sie bei jedem Tadel desselben in Wuthausbrüche verfällt; ja, es giebt nicht nur gewöhnliche Sterbliche, sondern selbst Schriftsteller, die sich in einen gefeierten Dichter so hineinleben, daß sie die Welt nur mit seinen Augen ansehen, nur in seinen Versen empfinden, in seinen Sentenzen denken. Man könnte an eine Seelenwanderung glauben – nur daß der Geist des unsterblichen Ahnherrn durch diese Lebensläufe in absteigender Linie geschädigt wird. Wie viele Dichter und Kritiker gehen in Shakespeare ohne Rest auf – und wie viele Abdrücke des britischen Dichters, selbst auf Packpapier und Löschpapier, giebt es in unserer literaturhistorischen Curiositätensammlung!

Aus Gerechtigkeitsgefühl, verehrte Frau, habe ich oft gelobt, was mir persönlich gar nicht behagte, wenn es mir in seiner Art gut und trefflich erschien, und habe auch den sauersüßen Ton zu vermeiden gesucht, der bei solchen Huldigungen aus Gewissenhaftigkeit sich nur zu leicht einstellt. Doch etwas sonorer klingt immer ein Lob, das aus voller Sympathie gespendet wird, und ich will Sie heute an einen Dichter erinnern, dem ich diese Sympathie stets entgegengebracht habe und der auch Ihnen kein Fremdling ist.

Alfred Meißner hat seine „Gesammelten Werke“ in achtzehn Bänden (Leipzig, F. W. Grunow) erscheinen lassen und so eine stattliche Summe langjähriger literarischer Thätigkeit dem Publicum vorgelegt. Es ist ein eigenthümliches Zeichen der Zeit, daß unsere Dichter in ihren besten Jahren bereits solche Gesammtausgaben erscheinen lassen; früher waren dies in der Regel Ausgaben letzter Hand. Auch Paul Heyse, der zehn Jahre jünger ist, als Alfred Meißner, hat bereits seine „Sämmtlichen Werke“ herausgegeben. Productive Schriftsteller, bei denen Erfolge und Mißerfolge bunt durcheinandergehen, fühlen das Bedürfniß in einer raschlebenden Zeit, wo oft nur der letzte Eindruck haftet, sich in ihrem gesammten Wirken der Nation vorzustellen. Eine Summe dichterischer Leistungen fällt ganz anders in’s Gewicht, als ein vorübergehender Erfolg, der oft nur eine aus dem Glückslotto gezogene Nummer ist. Wie viele solche literarische Eintagsfliegen hat der aufmerksame Beobachter im Sonnenscheine flattern und zerflattern sehen!

Alfred Meißner begann als Lyriker, hat aber später als Dramatiker und Romandichter eine vielseitige Thätigkeit entwickelt. Man pflegte ihn längere Zeit mit dem jüngstverstorbenen Moritz Hartmann zusammenzustellen. Beide waren in Böhmen geboren, und hielten sich in Leipzig auf, wo sie die ersten Gedichtsammlungen erscheinen ließen. Und in ihren Gedichten war bei allem Freisinne ein gewisses böhmisches Colorit unverkennbar. Damals schwärmte man für alle Nationalitäten, die in irgend einer Weise unterdrückt schienen oder die Rolle der unterdrückten spielten; mit den Czechen von heute hat man in Deutschland so wenig Sympathien, daß man sich auch für ihre Nationalhelden von früher nicht mehr begeistern kann, und wenn ein Dichter die Trommel Ziska’s heute rühren wollte, so würden wir nur die Trommelwirbel zu hören glauben, mit denen die czechische Reaction ihre Getreuen gegen das Deutschthum und die Freiheit zu den Waffen ruft. Damals aber klang uns „Kelch und Schwert“ sehr romantisch, als ein Symbol der Völkerbefreiung, und wir lauschten mit Andacht der poetischen Kunde der Heldenthaten, welche Ziska mit seinem eisernen Streitkolben vollbracht hat.

Alfred Meißner’s Muse hat einen schwermüthigen Zug; sie liebt die Felseneinsamkeit auf hohen Bergen, in tiefen Schluchten, mit rauschenden Tannenwäldern, und selbst wenn sie auf der stillen See im Abendstrahle ein weißes Segel ziehen sieht, so fühlt sie ein leises Weh durch ihr Gemüth gleiten. In dem tiefen felsumschlossenen Thale, wo die Tannen an den Wänden schauern und der Bergstrom in die Schlucht tost, fühlt der Dichter die Qual hoffnungsloser Liebe, und mitten in dem schroffen, gezackten Felsgebirge, in der Urwüste der Welt ruft er aus:

Hier lerne, wie klein eines Menschen Weh’n,
Hier lerne jauchzen und untergehn!

Dabei trat er auf als Anwalt der Armen und Unterdrückten und hatte eine besondere Vorliebe für die verlorenen Sünderinnen; doch sein Pathos hatte etwas Seelenvolles, eine anziehende und hinreißende Gemüthswärme.

Man hat Meißner oft einen Reflexionspoeten genannt; Sie wissen, verehrte Frau, was es mit solchen Bezeichnungen auf sich hat. Viele wollen, daß die Dichtung gar keine Gedanken zum Ausdrucke bringe, sondern nur in musikalischen Stimmungen dahinschwebe, etwa wie Elfengeister im Mondenscheine. Das ist berechtigt für das Lied, aber nicht für die höheren Gattungen der Lyrik. Alle wahrhaft großen Dichter von Pindar bis zu Schiller und Byron sind gedankenreich gewesen, und ihre Größe besteht eben darin, daß sie dauernden Gedanken die dauernde Form gegeben haben.

Das gefällt freilich vielen Dichterlingen nicht, welche den berechtigten Wunsch hegen, unsterblich zu werden, denen es aber zur Erfüllung dieses so weitverbreiteten Wunsches an dem nöthigen Fonds fehlt. Da ist der sehr gelehrte Professor in Ihrer Kreis- und Gymnasialstadt, der fortwährend in des Knaben Wunderhorn tutet und in deutschen Schulstunden seinen Zöglingen auseinandersetzt, wie man sich in der Dichtung vor Gedanken und Reflexionen hüten müsse, eine Warnung, welcher er selbst so gewissenhaft wie möglich nachkommt. Der dicke Herr leidet an einem fortwährenden lyrischen Asthma, wenn er dichtet; es ist ein beständiges Seufzen und Athemholen. Schreibt er aber eine Ballade, so fehlt Schön-Ellen und Jung-Walter nicht und das beliebte Hopp, hopp! In einem kurzen Verse von zwei Zeilen wird eine innige Liebe abgehandelt, im zweiten ein Ritt bei Mondscheine, im dritten bricht man den Hals oder geräth in die Sümpfe und die Arme der Nixen – das ist der kurzathmige Balladenstyl und gegen ein solches Meisterwerk erscheinen natürlich Schiller’s „gedehnte und schleppende“ Balladen als mißlungene Experimente.

Oder denken Sie an Ihre liebenswürdige Nachbarin, das sentimentale Schloßfräulein, das, der Farbenharmonie zum Trotz, stets in Blau und Grün geht, wie ein Veilchen und Vergißmeinnicht, und jeden Tag einen Strauß der duftigsten Albumsverse pflückt. Da ist alles Glaube, Liebe, Hoffnung; alles quillt so warm aus der Seele heraus; nichts als Empfindung, gestaltlose, nicht greifbare Empfindung, eine Gedankenlosigkeit, wie sie der Gymnasialprofessor nicht vollendeter sich wünschen könnte.

Sie sehen, wie hoch ein Reflexionspoet wie Meißner zu schätzen ist! Freilich, Gedanken ohne Gestaltung wären nicht viel besser; doch Meißner hat in seinen epischen Dichtungen bewiesen, daß er auch ein tüchtiges Gestaltungsvermögen besitzt. Zwar in seinem „Ziska“ wallen und wogen die Bilder oft wie dissolving views durcheinander; es sind eben große Massenbewegungen, von denen sich die düstere Gestalt des Helden abhebt; die stimmungsvolle Beleuchtung durch den Gedanken überwiegt [774] die plastische Gestaltung des Einzelnen; aber es ist Feuer und Leben in diesen Bildern und dichterischer Zug und Schwung.

Auf ein kleines Juwel epischer Dichtung, welches erst neuerdings Meißner’s Muse zu Tage gefördert, möchte ich Sie aufmerksam machen, verehrte Frau; es ist das Gedicht „Werinherus“, dessen Held der Mönch aus Tegernsee, der muthmaßliche Verfasser des altdeutschen Gedichts „Meine Helmpracht“ ist. Der Gegensatz des freien und schönen Griechenthums gegen den dumpfen Mönchsgeist wird hier, nicht in weitschweifigen Betrachtungen, sondern in einer Reihe sinnreicher und lieblicher Bilder uns vorgeführt. Das ausgegrabene Venusbild, welches der Mönch gegen die Volkswuth schützt und dann in seiner Zelle aufstellt, wird seinem ganzen Leben verhängnißvoll; die Liebe, der er sich hingiebt, wie die Liebe, welche er zurückweist, führen ihn in schlimme Verwicklungen, in lange Klosterhaft, bis er zuletzt einsam unter seinen weißen Rosen in Tegernsee als Greis mit dem Silberhaare über die Irrungen des Lebens nachdenkt.

Auch als Dramatiker ist Alfred Meißner aufgetreten. Seine Dramen „das Weib des Urias“, „Reginald Armstrong“ und „der Prätendent von York“ sind, namentlich die beiden letzteren, in der Ausführung nicht so dichterisch glänzend, wie man es von Meißner’s reichem Talente erwarten durfte, aber der dramatische Entwurf ist geistreich, correct und bühnengewandt, und man hatte allen Grund, eine Kraft, wie diejenige Meißner’s, an die Bühne zu fesseln. Gleichwohl zog sich der Dichter nach diesen Versuchen wieder von ihr zurück. Es ist ja das Loos des deutschen Theaters, daß die reichsten Erfolge nur der Mittelmäßigkeit oder gar der auf den rohesten Effect speculirenden Routine zufallen, daß die echten Talente sich jeden Erfolg mühsam erkämpfen müssen, und bald, ermattet von dem Ringen mit den feindlichen Mächten der Bühne, sich wieder einer friedlicheren Wirksamkeit zuwenden. Es ist dies sehr bedauerlich, verehrte Frau, und wenn so oft von dem Verfalle des deutschen Theaters gesprochen wird, so kann man den Grund desselben hauptsächlich in der geringen Unterstützung suchen, welche hervorragende Talente bei dem Publicum finden.

Am bekanntesten in weiteren Kreisen ist Alfred Meißner durch seine größeren Romane geworden, ein Genre, dem er sich von Jahr zu Jahr mit immer größerer Hingebung zuwendete. Er hat es verstanden, dieses Genre nicht zu einem genre ennuyeux, dem einzig unerlaubten, zu machen. In der That, verehrte Frau, ein langweiliger Roman ist ein Gräuel vor dem Herrn zu nennen, denn auch der strengste ästhetische Richter, nicht allein das bloße Unterhaltungsbedürfniß müssen von einem Roman verlangen, daß er spannt und fesselt. Vielleicht steht der Roman nicht in einem ganz legitimen Verhältnisse zu den neun Musen; selbst Schiller wollte in dem Romandichter nur den Halbbruder des Dichters sehen. Doch gerade, was ihm an Berechtigung fehlt, muß er durch Liebenswürdigkeit ersetzen. Eine Ehefrau darf langweilig sein, eine Freundin nicht. Meißner hat aber viele Eigenschaften, die ihn befähigen, ein volksthümlicher und unterhaltender Romanschriftsteller zu sein; er hat eine reiche und lebendige Phantasie, eine Vorliebe für Situationen, die etwas auf der Spitze stehen, für das Packende, Nervenerschütternde, für effectvolle Ueberraschungen und tragische Ausgänge, für jenes Stoffartige, welches im Mysterienroman in Blüthe steht; aber alle diese Elemente werden durch künstlerische Behandlung ihrer Härte beraubt und in einen Guß verschmolzen mit dem geistig Bedeutsamen, das in dem Grundgedanken eines Kunstwerkes liegt.

Meißner hat in seinen ersten Gedichten und Romanen etwas, was an Lord Byron erinnert. Die Zipfel des Byron’schen Halstuches gehören bekanntlich zu den fashionablen Kennzeichen vieler neuen Dichter, welche durch diese flatternde Genialität sich dem großen Briten verwandt glauben. Meißner hat aber eine Byron’sche Ader; sein Don Juan in der „Sansara“, der Freiherr von Hostiwin, ist ein Held, der in seiner Physiognomie an viele Helden des britischen Dichters erinnert. „Sansara“ bedeutet bei den Indern das bunte Weltleben, im Gegensatze zur „Nirwana“, dem Versinken in das Nichts, wie es die großen Weisen des Ganges und der letzte Buddha lehrte, der an der Table d’hôte in Frankfurt am Main mit seinem geheimnißvollen Pudel saß. Meißner nannte seinen Roman „Sansara“, weil er uns in demselben die Wirren eines wildbewegten Lebens schildert, eine Welt der Liebesabenteuer, ein rastloses Streben nach Genuß. Später wird dieser Don Juan mit dem Lasso des ehelichen Glückes von einer Schönen eingefangen, welche ihn die Freuden edler Liebe kennen lehrt. Es ist dies eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Daß diese Don Juans mit ihrem unbegrenzten Streben nach Glück und Genuß sich auf einmal in ihren vier Pfählen so heimisch fühlen, daß sie nie wieder ihren früheren süßen Gelüsten verfallen: das ist doch wohl etwas „Neues“, welches dem Gange der Welt nicht entspricht, eine zu gewagte, zu wenig bestätigte Annahme, Doch der Dichter muß einen Strich machen unter die Vergangenheit, wie wäre sonst ein Abschluß möglich?

Das Hauptwerk Meißner’s ist der Doppelroman „Schwarzgelb“ und „Babel“, ein Roman voll von Geist und Leben, voll spannender, oft starker, ja greller Motive, bei welchen das Politische und Criminalrechtliche sich ablösen, trefflich in seiner ernsten und humoristischen Charakteristik, ein Zeitgemälde, welches die Geschicke seiner Helden und Heldinnen an die neuere Geschichte Oesterreichs knüpft: „Schwarzgelb“ an die Zeit nach der Revolution von 1848, „Babel“ an die Epoche des österreichisch-französischen Krieges, dessen Schilderungen, wie besonders die Schilderung der Schlacht von Magenta, einen wichtigen Theil des Werkes ausmachen. Herausgeschrieben ist der Roman aus der vollen Empfindung einer Zeit, welche, in heftigen Wehen begriffen, den Umsturz alter Ordnungen und die Neugestaltung der Zukunft mit augenblicklichem Wirrsale büßt. „Nicht nur unser Oesterreich,“ heißt es in „Babel“, „die ganze große im Umbau begriffene Welt ist ein Babel geworden. Uralte Mauern brechen zusammen; alte Götzen stürzen nieder; der Staub umwirbelt den Blick.“ Meißner’s Roman hat aber nicht, wie „die Ritter vom Geiste“, den nur leise angedeuteten Hintergrund eines bestimmten Staates; seine österreichische Localfarbe ist mit brennender Prägnanz aufgetragen. Solche alte Haudegen wie der General Greifenstein, solche liberale Salonschönen wie Leonie, deren Leben eine Kette von Abenteuern ist, Redacteure wie Schmey, welche industriellem Schwindel und ehelichen Privatspeculationen huldigen, selbst solche problematische Charaktere, wie der Major von Weyher, der großsprecherische Münchhausen, sind durchweg als eigenthümliche Producte des österreichischen socialen Lebens zu betrachten.

Es giebt frivole und unternehmungslustige Salondamen überall – Sie lächeln, verehrte Frau, denn Sie denken an unsere gemeinsame Bekannte, die einen ganzen Liebeskalender mit rothgedruckten Heiligen besitzt – aber diese Leonie Meißner’s ist jeder Zoll eine Oesterreicherin. Sie wissen, daß die Kunstgärtner durch das verschiedenartige Erdreich verschiedene Varietäten derselben Pflanze erziehen – und das verlangen wir auch von dem Dichter. Wir begleiten den Helden in mancherlei politische Verwickelungen und Cabinetsintriguen; wir stoßen auf die Portraits österreichischer Staatsmänner, doch ohne Unterschrift; wir machen selbst die persönliche Bekanntschaft des geheimnißvollen Mannes aus den Tuilerien, dessen Nimbus in letzter Zeit so rasch verblichen ist. Doch auch poetische Erscheinungen wie Cornelia fesseln uns; die criminellen Katastrophen, die dunklen Punkte der Handlung erhellen sich allmählich und halten lange unsere Spannung auf die Lösung wach; sie selbst sind mit der keck zugreifenden Derbheit der Mysterienromane geschildert.

Auch alle anderen Romane und Erzählungen Meißner’s, verehrte Freundin, haben den gleichen Vorzug der frischen Schilderung, des Phantasiereichthums und der geistigen Perspectiven. Hierzu kommt, daß sie in einem klaren, lebendigen Styl geschrieben sind, welcher frei von jeder falschen Vornehmheit und gezierter Manier ist. Frisch und frei zu schreiben, wie man denkt und spricht, ohne an den Worten herumzukünsteln: das ist ein großes Verdienst in einer Zeit, in welcher viele Autoren glauben, sie müßten, um sich von dem Jargon des Pöbels zu unterscheiden, sich eine ganz besondere Zigeunersprache der Classicität zurecht machen. Wir lieben, verehrte Freundin, was sich natürlich giebt, und echte Begeisterung ist stets eine Tochter der unverfälschten Natur und spendet ihren Auserwählten den Pfingstgeist von selbst.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Sympathe

Dieser Beitrag erschien als Nr. XV in der Serie Literaturbriefe an eine Dame