Londoner Schriftsteller-Leben

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Autor: unbekannt
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Titel: Londoner Schriftsteller-Leben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 122–124
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Londoner Schriftsteller-Leben.

Wie in London Alles durch seine Massenhaftigkeit unendlich groß und unübersehbar erscheint, so sind auch die englischen Schriftsteller, die sich fast alle in London zusammendrängen, eine Welt, deren Anfang und Ende mit dem besten Fernrohr nicht entdeckt werden kann. Ebenso ist’s mit dem Büchermarkt, der Literatur und den Zeitungen. Von dem bedruckten Papiere, das alle Morgen in London erscheint, könnte man einen Drachen machen, so groß wie das schwarze Meer; könnte man die ganze russische Flotte dran hängen, ohne daß er verweigern würde zu steigen. Man kann sich also denken, was geschriftstellert werden muß, um dieses Papier alle 24 Stunden sehr eng und ohne Absätze, wie das hier so Mode ist, besetzen zu können. Die Zeitungsschreiber sind denn auch ohne Zweifel der erste und mächtigste Stand in Großbritannien, was auch die Millionäre und Lords mit ihren Privilegien, Ländereien und Einkünften (bis zu 7000 Thalern täglich, wie der Herzog von Bedford) und das ganze Oberhaus zusammen dagegen einwenden mögen. Die Minister selbst greifen zur Schriftstellerei, wenn sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen. Es ist bekannt, daß Aberdeen und Palmerston selbst verschiedene Leitartikel für die Times schrieben, als ihnen die russische Frage zu nahe an die Kehle kam. Daß Palmerston nur unter der Bedingung, einen Leitartikelschreiber für die Times zu halten, um Weihnachten wieder in’s Ministerium trat, ist allein ein hinreichender Umstand, die Macht der Presse anschaulich zu machen. Ober- und Unterhaus, Regierung und Hof sind nichts ohne die Presse. Sie fühlen sich durchaus von ihr abhängig und jede auch noch so mächtige Partei beschäftigt eine Menge Köpfe und Federn, um sich zu halten. Fast jede Zeitung wird von einer Partei bezahlt und gehalten, damit die Zeitung sie halte. Die Presse wird dadurch allerdings, trotz ihrer Macht, auch abhängig und unfrei, aber im Ganzen ist und bleibt doch der öffentliche Meinungs-, Interessen- und Parteikampf ein nirgends durch äußerliche Gewalt und Willkür demoralisirter Streit mit Worten, Ideen und Bestrebungen. Jede kann sich vollständig entwickeln und aussprechen, insofern sie nicht so tief im Abgrunde des Lasters stecken sollte, kein Geld zu haben. Geld haben, d. h. sehr viel Geld haben, ist in England überall die erste Bedingung für eine einflußreiche Stellung. Der Schriftsteller allein macht davon eine Ausnahme, insofern er kein Genie ist, sondern ein geschickter, feinnasiger, offener Kopf, der jedes ihm vorgelegte Thema schnell und flüssig in einen 3/4 Ellen langen Leitartikel für einen bestimmten Zweck verwandeln kann, wobei ein gewisses ironisches Lächeln – das die große heutige Tagespresse und gute Gesellschaft charakterisirt – durchschimmern muß. Unter solchen Umständen wird der feine Kopf ein Leitartikelschreiber. Weiter kann es ein Mensch auf dieser Erde nirgends bringen, denn der englische Leitartikelschreiber gehört zur Regierung der Welt und kann in Petersburg und Peking, in Delhi und Capstadt, in Melbourne und Sebastopol Freude und Furcht erregen, um die größten Ereignisse zu vertilgen oder zu fördern.

So viel schien wenigstens nöthig, als Rahmen und Vordergrund für das Bild eines englischen Leitartikelschreibers. Unter ihnen stehen zwei Deutsche ganz oben an. Der eine ist Otto Wenkstern, den Namen des Andern hab’ ich vergessen. Wenkstern wurde einmal gefragt, wie es käme, daß die Deutschen ein besseres Englisch schrieben, als die Engländer? Ich glaube, er wußte es nicht. Die Deutschen haben mehr Logik, einen schärfern, wissenschaftlicheren, kritischeren Geist. Wer jemals englische Leitartikel gelesen, wird sich selten erinnern, etwas logisch Scharfes, etwas durch Entwickelung seiner inneren Wahrheit Mächtiges gelesen zu haben. Die Sache wird eben beleitartikelt d. h. auf eine feine, diplomatische Weise „besprochen“ und durch ironisches Lächeln, plausible Ansichten und „Räsonnements“ so gedreht, wie sie für den Tag dem Leser am Bequemsten sein mag. Braucht die Times einmal kritische und logische Kraft, müssen Deutsche schreiben.

Die ganze Kraft der englischen Presse wird in den Leitartikeln concentrirt, alles Uebrige ist Fabrikarbeit. Der Leitartikelschreiber erfreut sich deshalb äußerlich der beneidenswerthesten Lage. Er wird so fabelhaft bezahlt, daß ich es gar nicht zu sagen wage, aus Furcht, daß man mich für einen Aufschneider halten möchte. Aber so viel ist gewiß, daß die Times ausnahmsweise einen einzigen Artikel mit funfzig Pfund (350 Thaler) honorirt. Die Leitartikelschreiber erster Klasse wohnen größtentheils in einer neuen Straße in Camden Town, vielleicht der schönsten von ganz London. Die Paläste stehen hoch [123] und luftig einzeln in Gärten. Durch die Hinterfenster blicken Wiesen und die Hügel von Highgate und Hamstead, durch die vordern von unten herauf ein unabsehbares Labyrinth von Häusern, Straßen, Thürmen, [Eisenbahnen, Museen] aus einer ewigen Wolke von Qualm und Dämpfen, wie unterirdischem Getöse: London. Da oben ist’s still und heiter, vornehm und ländlich zugleich. Wer London etwas näher kennt, merkt gleich, daß man etwa 2000 Pfund jährlich haben muß, um hier ein eigenes Haus zu machen, merkt gleich, daß das weder ein Platz für die Aristokratie von Belgrave-Square, noch für die City-Potentaten von Westbourn-Terrace sein kann. Nun, wer kann denn hier wohnen? Die Leitartikelschreiber erster Klasse. Ja, ja, so sieht’s auch aus. Nun erklär’ ich mir auch, warum dort in dem Hause eine Abendgesellschaft Vormittags um elf Uhr so lustig ist. Da die meisten Zeitungen Morgenblätter sind, fällt die meiste Arbeit auf den Abend und die Nacht, so daß für die Abendgesellschaften der Leitartikelschreiber keine Zeit übrig bleibt, als der Morgen, d. h. nach unsern Begriffen, der hohe Mittag. Ein altes Mitglied des Morning-Advertiser versicherte mich, daß, wie Falstaff mit gutem Gewissen behauptete, er wisse nicht, wie das Innere einer Kirche aussähe, er sich auch rühmen könne, niemals einen Tag vor zwölf Uhr Mittags gesehen zu haben.

Die Druckereien, Redactionen und Restaurationen der Zeitungen fallen alle in das Bereich der großen Hauptverkehrsschlagader Londons: Strand und Fleetstreet, bis zum General-Postamte und der Druckerei der Times herauf. Fleetstreet hat für die Literatur- und Literatengeschichte Englands eine Menge klassische Stellen. Da giebt es noch Zimmer in Kneipen, in denen hier Pope, dort Sterne, hier Shakespeare, dort Milton u. s. w. saßen und tranken. Jahrhunderte lang blieben diese „Parlours“ von Bierhäusern „Literaten-Kneipen.“ Und so finden wir auch das heutige Geschlecht noch alle Nächte in diesen Regionen discutiren, rauchen und trinken. Die eine Hauptdisputirhalle ist die Taverne zum grünen Drachen in Fleetstreet, die andere etwas weiter oben in einer Nebenstraße. Hier werden alle Abende um neun Uhr Discussionen über bestimmte Themata eröffnet und bis zwölf Uhr von verschiedenen Rednern durchgesprochen, so daß sich aus dem Ganzen verschiedene Leitartikel sehr leicht combiniren lassen. Nach zwölf Uhr gehen die Fremden (jeder kann ohne Ausnahme theilnehmen und mitreden) nach Hause. Nun setzen sich die Hauptredner, Alles Schriftsteller, dichter zusammen, zeigen, daß sie etwas „vortragen“ können, genießen verschiedene Spirituosa mit Zucker und heißem Wasser und dabei sich und das Leben. Und was können sie vertragen! Um nicht vom materiellen Spiritus zu viel Aufhebens zu machen, wie können die Geister, die sich vorher in ihren Reden so bitter herunterrissen, jetzt als Brüder einmüthig mit einander trinken! Da seht, dacht’ ich immer, das ist die Macht und Gewohnheit der freien Versammlung und Rede, die allgemein anerkannte Ehrfurcht vor dem Rechte des freien Wortes, der Bildung überhaupt. In Deutschland, dacht’ ich mir, würden die Redner sich zuletzt schießen oder schlagen, oder die eine Partei die andere hinauswerfen und dann in einem Vereine für sich zusammenkommen. Kurz, in Deutschland ginge das nicht, wenn’s inzwischen im Stillen nicht besser geworden sein sollte.

Man trinkt, scherzt, schraubt sich bis zwei, drei, vier Uhr Morgens und sammelt dann zu Hause Kräfte für den Nachmittag und Abend des folgenden Tages. Man ist gemüthlich und witzig, wozu die Eigenthümlichkeiten des englischen, schottischen und besonders irländischen Charakters unnrschöpflichen Stoff liefern.

In den Nachtkaffeehäusern um den Strand herum, geht’s etwas wilder und dramatischer zu. Es sind Zeitungsschreiber-Börsen, wo man mitten aus einem Leitartikel heraus, zu dem man noch kein sicheres Ende finden kann, hinüberspringt, um zu hören, ob sich auch in dem Thema nichts geändert habe, und dazu etwas kalte oder warme Küche und Flüssigkeit zu genießen, die letzten Ernten „penny-a-liners“ (die Stadtneuigkeiten, Mordthaten, Beinbrüche, interessante Arretirungen u. s. w. zusammenjagen und an die Zeitungen, 1 Penny die Zeile, verkaufen) in Empfang nehmen, Vacanzen an der Zeitung aus der Menge disponibler Individuen auszufüllen und sich überhaupt scharf umzusehen, ehe die Redaction geschlossen und die letzten Stellen des Blattes gefüllt werden, ob nicht noch eine telegraphische Depesche oder sonst eine wichtige Neuigkeit gekommen sei oder kommen könne. Während des Parlaments, das immer des Nachts tagt, während großer Versammlungen in London oder einer Provinzialstadt, aus welcher dann stenographische Berichte oder electrische Zuckungen bis zum letzten möglichen Augenblick herbeifliegen und noch gesetzt, gedruckt, corrigirt und eingeschoben werden müssen, ehe der ganze Satz von der ungeduldig brüllenden Dampfmaschine gepackt und in drei bis vier Stunden in 20,000 und mehr Exemplaren abgezogen wird; während dieser letzten Stunden und Minuten der Redactionen nehmen die Lokale und die Kaffeehäuser d’rum herum eine Physiognomie an, wie die letzten Scenen des letzten Aktes eines großen Drama’s oder die Umgebung eines Feldherrn, der seine Befehle im entscheidenden Momente nach allen Selten hinfliegen läßt, während er von allen Seiten jede Minute Nachrichten bekömmt. In der That ist auch der Hauptredacteur in solchen Momenten der Feldherr über Tausende von Gutenberg’s Truppen und über Hunderte von Schriftsteller-, Setzer- und Druckeroffizieren. Alle Manipulationen bekommen dann auch eine militärische Strenge und Pünktlichkeit. Wort und That folgen wie Blitz und Schlag auf einander. Jeder fliegt, ohne rechts und links zu sehen, athemlos auf einen bestimmten Punkt hin. Trepp’ auf, Trepp’ ab mit Stückchen Papier, gesetzten Compagnien von Typen, Aufträgen und Befehlen. Die Setzer schlagen wie Wahnsinnige mit den Armen umher. Man kann nicht so schnell sehen, als sie ihre Typen aus den Fächern zusammenwerfen. Da, er ist fertig mit seinem zerschnittenen Streifen. Ohne sich umzusehen, wirft er den Satz in die lauernden Arme eines Jungen, der zu einem zweiten und dritten Setzer eilt, bis das ganze gesetzte Manuscript auch zusammengeschoben, abgezogen und corrigirt ist und dann in die große Form gezwängt werden kann. – Endlich donnert eine ungeheuere Kette durch alle Stockwerke, an welcher die großen Formen hinunterrasseln in den Maschinenraum unten, in welchem phantastische Gestalten mit Papiermützen auf dem Kopfe, von grellen kleinen Lampen beschienen, hin- und herlaufen.

Nach dieser, durch das ganze Haus mit Freuden begrüßten knarrenden Arbeit der großen Flaschenzugkette, erfolgt ein allgemeines Rockanziehen, Hutaufsetzen und Davonlaufen, entweder nach Hause, oder zunächst in ein Nachtkaffeehaus, die überall umher noch wachen. Dort wird’s nun lustig. Man ist nach der Aufregung des Geschäfts so sehr geneigt, aufzuathmen, sich zu erholen und in eine angenehme Stimmung zu versetzen. Also man ißt und trinkt zu dem Geklimper einer Guitarre und ladet wohl auch eine der schönen Nachtwandlerinnen ein, die sich zu diesem Zwecke schon eingefunden haben und auf eine ziemlich graziöse Weise die gewissenlose Heiterkeit „Londons bei Nacht“ repräsentiren. Zuletzt scheint es dann in diesem Falle der Anstand zu gebieten, die Grazie, welche die Freuden der Tafel erhöhte, nach Hause bis vor die Thür zu begleiten, damit sie in der Nacht, die keines Menschen Freund ist, keinen Schaden nehme.

Im Ganzen genommen arbeitet der englische Schriftsteller ungemein viel. Von zwölf oder zwei Uhr Mittags bis Nachts zwei, drei und vier Uhr ist der Zeitungsschreiber „im Dienste.“ Die in Fleetstreet sind größtentheils Redacteurs und Mitarbeiter von Wochenzeitungen und wissenschaftlichen oder Unterhaltungsblättern, welche deshalb die Abende und Nächte ruhiger genießen können.

Um noch ein Wort über die Autoren von Büchern zu sagen, müssen wir gestehen, daß sich nicht viel über sie sagen läßt. Sie treten nicht als Masse zusammen auf, wie die Zeitungsschreiber, und halten sich im Uebrigen, wie jeder Engländer, verschlossen, um sich nur in ihren gewählten Kreisen zu bewegen. Ihr Hauptvereinigungspunkt ist die große Bibliothek und Lesehalle in St. James-Square, wo jedes Mitglied zehn Guineen Eintrittsgeld und sechs Guineen Jahresbeitrag zahlt. Sie ist einer der glänzendsten Brennpunkte der englischen Literatur, wo auch die deutsche am Vollständigsten vertreten ist. Von der bürgerlichen, häuslichen Persönlichkeit seiner Schriftsteller weiß England im Ganzen vielleicht eben so wenig, als Deutschland. Daß ich Bulwer, Thackerry, Jerry Douglas, Dickens und Charles Lever im Verlaufe von Jahren zufällig einmal oder einige Mal gesehen habe, kann mich nicht zu einer Schilderung derselben berechtigen. Doch läßt sich wenigstens sagen, wie sie aussehen. Bulwer ist ein langer, feiner, schmalbäckig, langbeinig und hochmüthig aussehender geleckter Stutzer mit Ringen und Nadeln. Er macht den Eindruck, als [124] wäre er ein eitler Ladendiener, der Sonntags in einem neuen Anzug ausreiten und vor dem Fenster der Angebeteten vorbei furchtbare Verwüstungen in dem zarten Herzen anrichten will. Von Thackerry ist mir kein Eindruck geblieben, als daß er, wie ein feiner, gebildeter Engländer aussah, ohne markirte Individualität im Gesicht. Jerry Douglas, der etwas derbe, selbstständige Humorist, der in Deutschland noch nicht gewürdigt genug zu sein scheint, ist ein breitschultriger, vollmondiger, alter Vollblut-Angelsachse, der in sein „Lloyds Weekly-Newspaper“ alle Wochen Artikel schreibt, die alle anglosächsische Kraftworte und eine entsprechende Geißelung der modernen Normannen in „Hand und Fuße“ haben. Er schreibt und ist nicht gern nüchtern und hat im Gesicht Ähnlichkeit mit Jean Paul.

Dickens kenn’ ich am Genauesten, d. h. ich kenne nicht nur seine Wohnung (im zurückgezogenen Russel-House, Tovistocksquare) und habe seinen großen messingenen Namen daran gesehen, sondern ihn auch selbst und sogar ein Dutzend Male im Vorübergehen gesehen und mit ihm gesprochen. Eine gedrungene, schmale, feine Gestalt mit einem Haupte zwischen reichlich wallendem Haar, das schon durch das Deficit des englischen Backenbartes, welches dem edelsten Gesicht einen prosaischen Ausdruck giebt, ein höheres Wesen verräth. Die Gesichtszüge sind sehr scharf und fein geformt, das Auge ungemein fest und klar, aber beim Sprechen und Lächeln sieht man, welch eine reiche, große Individualität sich darin einen Kopf gemeisselt. Dickens ist vielleicht die vollendetste Verkörperung dessen, was man Individuum nennt. Wie er Menschen geschaffen, die so individuell, so bis in’s Einzelnste und Eigenthümlichste erkannt und geschildert, keine Literatur und keine Zeit nur annähernd aufzuweisen hat, ist er auch eine Erscheinung, die auf den ersten Anblick durch eine zugleich scharf und edel bis in’s Feinste ausgeprägte Individualität sofort einen lebhaften, unerklärlich anziehenden Eindruck macht. Wir denken ihn wirklich persönlich kennen zu lernen. Dann wird es Zeit sein, die beste Kraft zu versuchen, ein richtiges, würdiges Bild von diesem Genius zu entwerfen, der unter allen Nationen verehrt und geliebt, aber in seiner großen tiefen, reichen Eigenthümlichkeit und seiner praktischen Bedeutung für die Cultur und Erhebung des Volkes wohl noch nirgends hinreichend verstanden und begriffen wird. – Charles Lever, der lustige Irländer, einer der übermüthigsten Humoristen der englischen Literatur, ist blos einmal vor mir vorbeigeflogen. Jeder lacht hier schon, wenn er den Namen dieses bausbäckigen, lustigen Celter hört, und auch der Deutsche wird lachen, der „meine eigenen Geständnisse“ (die hoffentlich übersetzt sind) gelesen. Was kann lustiger sein, als seine Fahrten durch Deutschland, seine Rolle, die er als Gesandter am Hofe zu München spielte, ohne ein Wort deutsch zu [verstehen], seine Wahnsinnsscene, um sich einen guten Platz durch [...eibung] eines Fremden zu verschaffen, der hernach, bei Tage besehen, sein bester Freund war, seine Bedientenrolle als Liebhaber?

In der schönen Literatur Englands nehmen übrigens die Damen eine ebenso umfang- als inhaltreiche Stellung ein. Sie bewegen sich aber alle in Kreisen, die dem Fremden verschlossen sind, so daß ich keine einzige der schönen und gefeierten Schriftstellerinnen persönlich kenne und nur Mrs. Norton, den weiblichen Byron, bei einer sehr peinlichen Gelegenheit, nämlich als öffentliche Anklägerin ihres Mannes, zu sehen bekam. Miß Edgeworth, Miß Außen, Miß Milford gehören unstreitig zu den graziösesten Roman-Componisten. Miß Mulach (Verfasserin des „Familienhaupts“), Miß Bronté („Jane Eyre“), Mrs. Gaskell („Mary Barton“), Mrs. Marsh („Erzählungen zweier Greise“) und Mrs. Norton (aus der berühmten Familie Sheridan) schreiben kein Buch, das nicht sofort im schönsten Einbande und prächtigster Ausstattung die Tische der Besuchzimmer zierte. Großes Genie ist in ihren Büchern nicht, aber ungemein viel sittliche und humane Grazie, Vornehmheit und Feinheit menschlicher Beziehungen, zuweilen auch schöne, zartsinnige Empörung über die heuchlerische Verformelung und Verflachung der englischen „guten Gesellschaft“, die mit der Zeit wirken wird, und im Ganzen keine sogenannte „Blaustrumpfigkeit“ mehr.

Schließlich läßt sich noch erwähnen, daß eine ziemliche Anzahl Deutsche als Schriftsteller in London leben. Wir nennen nur Bunsen, Bücher, Beta, Bauer, Faucher, Meyer, Schlesinger, Kolisch, Petermann, Seemann, Ohli, Freiligrath u. s. w. Bunsen ist wenigstens mehr Schriftsteller als Gesandter. Eine deutsche Dame schrieb neuerdings den englischen Musikroman „Charles Auchester.“ Viele Deutsche, die als Mitarbeiter an englischen Zeitungen [sit] sind, lassen sich blos rathen, da es in England für anständig gilt, nicht wissen zu lassen, wer ein Blatt redigirt oder schreibt.

So viel über Schriftstellerleben in London. Wenn man nicht viel „Leben“ darin fand, bedenke man, daß London nicht dazu da ist, um darin zu leben, sondern zu arbeiten oder den Spleen zu bekommen.