Möbel (Loos)

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Textdaten
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Autor: Adolf Loos
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Titel: Möbel
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aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 121–126
Herausgeber: Franz Glück
Auflage:
Entstehungsdatum: 1898
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
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Erscheinungsort: Wien
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: PDF bei Commons
Kurzbeschreibung: Loos pflegte eine Kleinschreibung (außer bei Satzanfängen und Namen) auch bei seinen Titeln, wie den Inhaltsverzeichnissen zu entnehmen ist (im Buch selbst sind die Titel in Versalien gesetzt). Um Irritationen zu vermeiden, werden die Titel in der gewohnten Groß-Kleinschreibung gegeben
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[121]
MÖBEL
(2. oktober 1898)


Man kann die interieurs, die in unserer jubiläumsausstellung zu sehen sind, in drei kategorien einteilen. Die erste bemüht sich, alte möbel so getreu als möglich zu kopieren, die zweite will modern sein, und die dritte versucht es, alte möbel für neue bedürfnisse abzuändern.

Heute will ich mich mit der ersten kategorie befassen. Die zweite habe ich bereits in den aufsätzen über das Otto Wagner-zimmer des längeren gewürdigt, die übrigen räume sollen ein nächstes mal beschrieben werden. Über die dritte kategorie aber muß ich mit stillschweigen hinweggehen.

Ich glaube, daß man einem toten meister, wenn nicht verehrung, so doch so viel achtung entgegenbringen kann, daß man seine werke unangetastet läßt. Es wäre ein verbrechen, begangen an den manen Raffaels, wenn man eine kopie der Sixtinischen Madonna in der weise anfertigen ließe, daß man den grünen vorhang rubensrot ummalen, die beiden engel mit anderen köpfen versehen und an die stelle des heiligen Sixtus und der heiligen Barbara den heiligen Aloisius und die heilige Ursula setzen würde. „Nur nicht übertreiben“, höre ich den tischler sagen. „Gewiß, das wird man nicht machen. Raffael war ein maler. Aber bei einer Tischlerarbeit …“

Die großen tischler der renaissance und des barock sollten aber von ihren epigonen geradeso in ehren gehalten werden, wie unsere maler ihre alten meister in ehren halten. Das erfordert die standesehre. Man kann neues malen und tischlern, man kann altes kopieren, streng kopieren, so streng, wie es unserer zeit möglich ist, bis [122] zum aufgeben der eigenen persönlichkeit. Aber denen, die sich an den alten wissentlich vergreifen, sei ein energisches „hands off!“ zugerufen.

Man wird einwenden, daß es nicht gut getan ist, auch das zu kopieren, was den alten meistern anders zu machen nicht möglich war. Das glas etwa war schlecht und bestand nur aus kleinen stücken. Der große alte meister hätte, wenn ihm unsere hochentwickelte glasindustrie zur verfügung gestanden wäre, von ihren besseren produkten gebrauch gemacht.

Gewiß hätte er das. Dann hätte er aber auch einen anderen vorwurf für ein glasgemälde gewählt, dann hätte er auch einen anderen entwurf angefertigt. Stets hat man mit solchen vermeintlichen verbesserungen schiffbruch gelitten. Die alten figuren und die alte anordnung passen nur für das damals verwendete material, und wenn man modernes glas anwenden will, muß man auch moderne figuren zeichnen. Mißfällt einem etwas an dem alten meister, dann lasse man ihn ganz in ruhe. Größenwahn ist es aber, ihn verbessern zu wollen.

Man wird es in manchen kreisen nicht gerne sehen, daß ich dem kopieren das wort rede. Andere jahrhunderte haben auch nicht kopiert. Das ist unserer zeit vorbehalten gewesen. Das kopieren, das nachahmen alter stilformen ist eine folge unserer sozialen verhältnisse, die mit denen der vorigen jahrhunderte nichts gemein haben.

Die französische revolution hat den bürger frei gemacht. Nichts konnte ihn davon abhalten, geld zu erwerben und von dem gelde jeden beliebigen gebrauch zu machen. Er konnte denselben gebrauch davon machen wie der adelige, ja der könig sogar. Er konnte in goldenen kutschen fahren, seidenstrümpfe tragen und schlösser [123] kaufen. Warum sollte er das nicht? Das war sogar seine pflicht. Es gibt leute, die noch nach dem ancien régime gravitieren. Allerdings, sagen sie, habe ich jetzt das recht, mich wie der prinz von Wales anzuziehen. Aber ich bin kein königssohn. Ich bin nur ein einfacher bürgersmann. Nein, lieber bürgersmann, du hast nicht nur das recht, sondern du hast auch die pflicht, dich wie der prinz von Wales anzuziehen. Gedenke, daß du ein enkel bist. Dein urgroßvater und dein vater haben gekämpft, vielleicht ihr blut vergossen. Ein könig und die tochter einer kaiserin mußten ihr haupt für diese idee auf das schafott legen. Nun ist es an dir, von dem erkämpften den richtigen gebrauch zu machen.

Wie sich der prinz anzog, hatte unser bürgertum bald heraus. Denn kleider nützen sich ab, und wenn die alten unbrauchbar sind, bestellt man neue. Da war es nun ein leichtes, zu demselben schneider zu gehen und ihm zu sagen: repete! Anders war es aber mit dem wohnen. Der hochadel und das königtum besaßen einen solchen überfluß an alten möbeln, daß sie auf lange zeit, auf jahrhunderte hinaus, versorgt waren. Wozu sollte man auch aus purer neuerungssucht das geld zum fenster hinauswerfen? Im gegenteil, man freute sich des alten besitzes, durch den man sich von dem reich gewordenen bürgertum distinguierte. Denn das hatte damals, als man noch das heft in der hand hielt, nicht die mittel, sich derartiges anzuschaffen. Unbewohnte festräume, also richtige möbelmagazine, hatte es nicht. Der bürger brauchte seine möbel auf. Wollte er sich nun wieder mit denselben sachen umgeben, so war er gezwungen, kopien davon anfertigen zu lassen.

Das ist kein fehler. Es mag parvenümäßig sein, aber [124] es ist die vornehmheit am parvenü. Der wunsch, sich mit kopien oder abbildungen alter kulturerzeugnisse zu umgeben, die einem wohlgefallen, deren originale aber einem unerreichbar sind, ist sicherlich sehr menschlich. Die photographie eines alten bauwerkes, der abguß eines bildwerkes, die kopie eines Tizian werden imstande sein, einem die glücklichen empfindungen zurückzurufen, die man bei der betrachtung der originale empfunden hat.

Man erinnert sich des kampfes, den der möbeltischler Sandor Jaray im vorjahre mit dem direktor unseres kunstgewerbemuseums, hofrat von Scala, ausgefochten hat. Wenn man aber die exposition Jaray betrachtet, so fragt man sich erstaunt: Wozu der lärm?! Hofrat von Scala hat sich mit seinen fundamentalgrundsätzen die gegnerschaft der jetzigen machthaber in der kunstgewerbeschule und dem kunstgewerbevereine zugezogen. Der erste grundsatz, nach dem nun in allen kulturländern gearbeitet wird, lautet, wie ich oben ausgeführt habe: „Wohl kopieren, aber streng kopieren.“ Der zweite lautet: „Für den modernen möbelbau ist der englische tonangebend.“ Beide werden in den genannten lagern auf das energischeste bekämpft. Man glaubt dort noch immer, im geiste einer früheren zeit neues schaffen zu können. Man fühlt dort nicht, daß der gotische gaskandelaber genau so ein nonsens ist, wie die gotische lokomotive. Der zweite grundsatz aber, offenbar weil in ihm das wort englisch vorkommt, wirkt wie ein rotes tuch.

Sehen wir zu, wie Sandor Jaray herrn von Scala durch die tat bekämpft. Er stellt einen salon im stile Ludwigs XV. aus, ein speisezimmer in italienischem barock, einen salon im „Maria Theresia-stil“, einen salon in [125] empire, alles getreue kopien, und nun kommt das moderne, ein – horribile dictu – englisches herrenzimmer. Man sieht also, daß Sandor Jaray kunstgewerbeverein predigt, aber hofrat von Scala trinkt.

Gegen den theoretiker Jaray mußte ich mich einmal in scharfen worten äußern, für den praktiker Jaray fehlen mir die worte des lobes. Man kann getrost sagen: Noch nie hat ein wiener gewerbetreibender in allen stücken, sowohl der qualität als der quantität, vollendeteres geboten. Gewiß ist die quantität sehr bemerkenswert, denn es gehört eine eminente arbeitskraft und leistungsfähigkeit dazu, außer laufenden geschäften eine solche anzahl mustergültiger objekte zu einem bestimmten termin fertigzustellen. Was die wiener kunstindustrie an bedeutenden dekorativen talenten aufzuweisen hat, wurde herangezogen, um das speisezimmer auszugestalten. Wohin auch das auge fällt, es sieht keinen fehler. Alles ist strenge kopie, streng im geiste der zeit. Und das ist eine kunst, eine ganz bedeutende kunst. Denn es ist viel leichter, eine neue madonna in raffaelischer manier hinzumalen, a1s der sixtinischen gerecht zu werden.

Bernhard Ludwig hat außer drei modernen räumen einen salon, die kopie eines raumes im fürstbischöflichen schloß zu Würzburg, ausgestellt. Wände, plafond und möbel sind in grünem vernis Martin hergestellt. Das ist ein reizender effekt, den sich allerdings nur leute gestatten können, die dazu einen roten salon bauen, um schnell, wenn es nötig sein sollte – und es wird nötig sein – als antidoton einige minuten aufenthalt in demselben zu nehmen.

J. W. Müller zeigt ein herrenzimmer in deutscher renaissance. Wie anheimelnd, wie gediegen! An liebevoller, [126] tüchtiger tischlerarbeit sucht es seinesgleichen. Welche achtung vor dem können des alten meisters offenbart sich in jeder linie, jedem beschlage! Nichts wurde geändert, selbst die alten deutschen „unschönen“ verhältnisse, wohl die härteste probe auf das empfinden eines modernen menschen, wurden beibehalten. Recht so! Denn hier heißt es: entweder – oder. Wie schön! Wie herrlich! Der moderne, tüchtige wiener meister, der dem alten kollegen aus dem sechzehnten jahrhundert zum siege verhilft. Wie sagt doch Hans Sachs bei Richard Wagner? „Ehrt eure deutschen meister, dann bannt ihr gute geister.“ Nun wissen wir: Sandor Jaray, Bernhard Ludwig und J. W. Müller sind solche geisterbanner.