Madonna im Rosenhag

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Autor: Reinhold Ortmann
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Titel: Madonna im Rosenhag
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 197–204
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Fortsetzungsroman in den Halbheften 7–18
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Madonna im Rosenhag.

Roman von Reinhold Ortmann.


Wer sich um die achte Abendstunde eines unfreundlichen und regennassen Berliner Herbsttages von der gewaltigen Menschenwelle forttragen läßt, welche unaufhörlich durch die lange, schnurgerade Friedrichstraße fluthet, der darf nicht fürchten, durch sein Aussehen oder sein Gebahren die Aufmerksamkeit gar so leicht auf sich zu lenken. In diesem unendlichen Strome geschäftigen Vorwärtstreibens, in diesem beständigen Drängen, Hasten und Durcheinanderwinden ist für den einzelnen kaum die Möglichkeit zu müßigen Betrachtungen gegeben. Selbst über auffällige und sonderbare Erscheinungen, wie sie in der Hauptverkehrsstraße einer Millionenstadt niemals fehlen, gleitet das Auge in flüchtigem Erstaunen hinweg, und schon die nächste Sekunde verwischt mit einem völlig veränderten Bilde den befremdlichen Eindruck, welchen eine Seltsamkeit vielleicht erzeugte.

So konnte denn auch eine hagere, schlottrige Männergestalt, nach der sich auf einer weniger belebten Promenade wahrscheinlich mancher neugierige Blick gewendet haben würde, unbelästigt und unbemerkt durch das Gewühl dahinwandern. Selbst da, wo die elektrischen Bogenlampen am Eingang einer Bierstube oder die blendenden Reflektoren eines prächtigen Schaufensters ihr scharfes Licht voll auf den Vorübergehenden warfen, wäre es schwer gewesen, mit einiger Wahrscheinlichkeit auf sein Alter oder seinen Stand zu schließen. Der magere Körper mit den langen Armen, den abfallenden Schultern und der flachen Brust hatte etwas von dem Aussehen einer in ihrer Entwicklung verkümmerten Jünglingsgestalt; aber in dem blassen, bartlosen, hohlwangigen Gesicht waren einige fast greisenhafte Züge. Und doch war dies von leicht gewelltem, dunklem Haar umgebene Antlitz nicht eigentlich häßlich zu nennen. Es trug das unverkennbare Gepräge eines geweckten Geistes, und der kleine, fast weibisch zart gebildete Mund gab ihm einen merkwürdig rührenden Ausdruck von Sanftmuth und Geduld. Dafür, daß er nicht den vom Glücke Auserwählten unter den Sterblichen beizuzählen sei, sprach die mehr als bescheidene Kleidung des Mannes deutlich genug. Sie war aus schlechtem Stoffe und schlotterte so ungeschickt und faltig um seine Glieder, als sei sie für einen ungleich [198] beleibteren Träger angefertigt worden. – Mit leicht gesenktem Kopfe, über dessen Stirn der weiche, breitrandige Filzhut tief herabgezogen war, wand sich der Mann durch den Menschenstrom. Sicherlich war von all den Tausenden kaum ein einziger so ängstlich wie er darauf bedacht, den Entgegenkommenden aus dem Wege zu gehen und jede unsanfte Berührung mit einem von ihnen zu vermeiden. Nicht auf seiner Seite konnte deshalb das Verschulden liegen, als ein vierschrötiger, gefährlich aussehender Bursche mit hoher, weit auf den Hinterkopf zurückgeschobener Stoffmütze breit und wuchtig gegen seinen gebrechlichen Körper prallte. Der Gestoßene taumelte um ein Stück zurück, und ein leiser Ausruf des Schmerzes oder des Schreckens kam von seinen Lippen. Der andere aber, der den kleinen Unfall anscheinend absichtlich herbeigeführt hatte, faßte den Griff seines derben Knotenstockes fester und pflanzte sich in drohender Haltung vor seinem Opfer auf.

„Was haben Sie gesagt?“ herrschte er ihn an, und seine stieren, vom Glänz des Branntweins erfüllten Augen weissagten nichts Gutes. „Wollen Sie etwa schimpfen?“

Die zunächst Befindlichen blieben stehen, und innerhalb einer einzigen Sekunde hatte sich ein dichter Kreis um die beiden geschlossen. Einzelne Rufe wurden laut, die sehr unzweideutig verriethen, daß die Stimmung der Zuschauer eine für den Burschen mit der Mütze wenig günstige sei und daß der andere auf den nachdrücklichen Beistand der Menge rechnen könne, wenn er die Frechheit des Raufbolds gebührend zurückwies.

Aber es hatte nicht den Anschein, als ob der greisenhafte Jüngling sich dadurch ermuthigt fühlte. Mit einem Ausdruck namenloser Angst irrten seine Augen an der lebendigen Hecke dahin, die so plötzlich um ihn her emporgewachsen war, und seine Gestalt fiel noch mehr in sich zusammen, während er sich mit zitternder Hast gegen seinen Angreifer wandte:

„Ich habe gar nichts gesagt – nicht ein einziges Wort. Und ich bitte um Entschuldigung, wenn ich Sie belästigt habe. Es – es ist gewiß nicht mit Absicht geschehen.“

„Hasenfuß!“ rief in verächtlichem Ton einer aus der Menge, und spöttisches Gelächter folgte der allzu bereitwilligen Entschuldigung. Der Bursche mit der Mütze schaute triumphirend umher, klemmte seinen Knotenstock wieder unter den Arm und brach sich, einige unfläthige Worte vor sich hin brummend, rücksichtslos Bahn durch die Menge. Der andere aber war in dem nämlichen Augenblick, in welchem die Gasse sich geöffnet hatte, verschwunden, als ob die Erde ihn verschlungen hätte.

Wie ein Verfolgter schlüpfte er, dicht an die Mauern der Häuser gedrückt, durch die volkreiche Straße weiter. In seinem Gesicht zuckte es seltsam, und seine Fäuste hatten sich krampfhaft geballt; aber seine Haltung war scheu und gedrückt wie zuvor, und sein Kopf war so tief zwischen die Schultern gezogen, als hätte er sich am liebsten völlig unsichtbar gemacht vor allen zudringlichen und neugierigen Blicken.

In eine der letzten Seitenstraßen vor dem Belle-Allianceplatze bog er ein, und hier verlangsamte sich um ein Geringes die Hast seiner Schritte. Die Häuser waren da zum größten Theil alt und unansehnlich; nur in wenigen von ihnen hatte man die Gepflogenheit der vornehmeren Städttheile nachgeahmt, die Straßenthür verschlossen zu halten, und fast überall war darum der Einblick in die dunklen, wenig einladenden Höfe freigegeben.

In einen dieser weitgeöffneten Thorwege spähte der Mann so vorsichtig hinein, als gehörte es zu den wahrscheinlichsten Dingen, daß sich dort Diebe und Meuchelmörder versteckt hielten. Aber es war nichts da als ein kleiner dicker Bäckerlehrling mit nackten Armen und mit mehlbestäubten Pantoffeln an den bloßen Füßen, der pfeifend auf- und niederging. Der Mann auf der Straße blieb eine Weile unschlüssig im Schatten der Mauer stehen; dann aber, da der Bäckerbursche durchaus nicht Miene machte, seinen Posten zu verlassen, huschte er rasch hinein und eilte an dem jungen Menschen vorbei die Treppe hinauf. Sein Athem ging schnell von der Anstrengung des hastigen Steigens, als er auf dem Flur des dritten Stockwerks stehen blieb. Er lüftete den Hut und wischte sich den Schweiß ab, der in dicken Tropfen auf seiner hohen, schmalen Stirn perlte. Es war das Gebahren eines Menschen, welcher das Bewußtsein hat, soeben einer furchtbaren Gefahr mit genauer Noth entronnen zu sein.

Unter dem Griff des Glockenzuges im dritten Stock war eine ganze Reihe von Visitenkarten befestigt; die Glasthür aber war unverschlossen. Sie öffnete sich auf einen langen, halbdunkeln Gang, an dessen beiden Seiten man nur unbestimmt eine Anzahl von Thüren erkennen konnte. Behutsam tastete sich der Mann bis zu der letzten derselben hin und öffnete sie mit einem aus der Tasche gezogenen Schlüssel. Ein schmales, enges Zimmerchen, das nicht mehr als die nothwendigsten Einrichtungsgegenstände enthielt, nahm ihn auf. Wohl eine Viertelstunde lang blieb er wie in völliger Erschöpfung auf einem Stuhl im Finstern sitzen, ehe er sich dazu aufraffte, mit unsicheren Bewegungen die auf dem Tische stehende Kerze anzuzünden. Schreibgeräthe und einige Blätter weißen Papiers lagen daneben, und der Bewohner des Stübchens rückte sie zurecht, als wollte er bei dem unsicheren Licht des flackernden Kerzenflämmchens zu schreiben versuchen. Aber er legte die tintennasse Feder wieder hin, ohne einen Strich gethan zu haben. Die Erregung zitterte wohl noch zu heftig in seinen Nerven nach. Drei- oder viermal ging er in dem kleinen Raume auf und nieder; dann rückte er seinen schlechtsitzenden Halskragen zurecht, zupfte an dem schlotternden Rocke, ohne ihm damit freilich ein besseres Aussehen geben zu können, und ging nach sekundenlangem Zaudern auf den Fußspitzen hinaus und die Hälfte des finsteren Ganges zurück.

Sein Klopfen an die Thür, vor der er eine geraume Weile regungslos gestanden hatte, war in seiner Zaghaftigkeit kaum vernehmlich. Von drinnen aber klang sogleich eine jugendlich helle, wohltönende Frauenstimme:

„Wer ist da? – Sind Sie es, Herr Hudetz?“

„Ja, Fräulein von Brenckendorf, ich bin es!“ erwiderte er fast flüsternd. „Aber wenn ich Sie auch nur im geringsten störe –“

Ein Riegel wurde zurückgeschoben und ein Strom freundlich hellen Lampenlichtes fiel aus der geöffneten Thür auf die demüthige Gestalt des Einlaß Heischenden.

„Nein, Sie stören mich durchaus nicht. Treten Sie nur näher! Mein Tagewerk ist gethan, und ich kann mir’s wohl gönnen, eine halbe Stunde zu verplaudern.“

Die so mit gewinnender Liebenswürdigkeit zu dem scheuen Besucher gesprochen hatte, war eine junge Dame von höchstens zwanzig Jahren. Obwohl ihr Anzug nicht gerade fein zu nennen war, denn sie trug eine große graue Malschürze über dem einfachen Kleide, sah sie doch vornehm genug aus, um den Gegensatz zu ihrem Gaste noch auffälliger und wunderlicher hervortreten zu lassen. Ihre hohe, schlanke und bei aller jungfräulichen Zartheit prächtige Gestalt, ihr zierliches, mit reichem, lichtblondem Haar geschmücktes Köpfchen, auf dessen schönem Gesicht ein warm rosiger Hauch von Jugendfrische und lebensprühender Gesundheit lag, machten den andern neben ihr noch hundertmal armseliger und hinfälliger, als er vorhin im Gewühl der Straße erschienen war. Und die gebeugte Haltung seines hageren Körpers, die hastigen, anmuthlosen Bewegungen seiner langen Glieder nahmen sich ungeschickt und plebejisch aus neben ihrer ruhigen, anmuthigen Sicherheit, die in solcher Vollendung nur das Ergebniß eines Zusammenwirkens von natürlicher Anlage und vortrefflicher Erziehung sein konnte.

Sie hatte ihm unbefangen die schmale, weiche Hand zum Gruße geboten, und er nahm sie für einen Augenblick in die seine, die so abgezehrt und so brennend heiß war wie die eines Fieberkranken.

„Ich kann nicht arbeiten,“ sagte er, „ich glaube, es ist diese schreckliche Einsamkeit, die keinen vernünftigen Gedanken mehr in meinem Kopfe reifen läßt.“

Ohne ihre Einladung abzuwarten, hatte er sich auf den äußersten Rand eines Stuhles niedergelassen, der in der beschatteten Ecke neben dem Fenster stand. Es war, als ob er stets von einem unbewußten Verlangen geleitet werde, sich so klein und so unscheinbar zu machen, als die Umstände es nur immer erlaubten.

„Die Einsamkeit, Herr Hudetz?“ fragte lächelnd die junge Dame, welche er vorhin als Fräulein von Brenckendorf angeredet hatte. „Klagten Sie nicht erst vor kurzem darüber, daß Sie gezwungen wären, sich fast während des ganzen Tages unter den Menschen zu bewegen?“

Er strich sich das dunkle Haar aus der Stirn und sah mit einem leeren Blick vor sich hin.

„Unter den Menschen – das ist es ja eben! Ich fühle meine Vereinsamung nirgends so tief als gerade da. Haben nicht alle diese Leute tausendfältige Beziehungen unter einander in Freundschaft und Feindschaft, in Liebe und Haß? Ist nicht [199] selbst der Verlassenste unter ihnen durch irgend ein gemeinsames Interesse noch mit hundert Fäden an andere geknüpft?“

„Gewiß! Aber ich meine, das müßte ein wenig doch auch auf Sie zutreffen. Und haben Sie sich denn wirklich jemals ernstlich bemüht, die Freunde zu finden, deren Dasein Sie jetzt vermissen?“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich bin einer von denen, die das Recht verwirkt haben, um Liebe und Freundschaft zu werben. Glauben Sie nicht, Fräulein von Brenckendorf, daß es Menschen giebt, die mit dem Unglück behaftet sind wie mit einer ansteckenden Krankheit? Man muß sich hüten, Gemeinschaft mit ihnen zu haben.“

Er sprach immer mit gedämpfter Stimme, in einer eigenthümlich eintönigen Weise, die seine Worte noch melancholischer machte. Auf dem Gesicht seiner jungen Zuhörerin zeigte sich etwas wie ein leichtes Unbehagen.

„Sie sind heute in übler Stimmung, Herr Hudetz, und Sie sehen ein wenig angegriffen aus. Darf ich Ihnen eine Tasse Thee bereiten?“

Hudetz machte eine verneinende Bewegung.

„Sie sollen sich nicht bemühen um meinetwillen! Es ist Güte genug, daß Sie mich zuweilen in Ihrer Nähe dulden. Aber es ist wahr: ich bin schlecht gestimmt heute, und ich hätte Ihnen nicht lästig fallen sollen.“

Er erhob sich von seinem Stuhlrand; aber er machte doch noch nicht Miene, zu gehen. Die junge Dame war an den Tisch getreten, auf welchem, in auffallendem Gegensatz zu der einfachen Zimmereinrichtung, eine schön gearbeitete, silberne Theemaschine stand. Das Licht der Lampe fiel hell auf das hübsche Gesicht des Mädchens und auf die schlanken, weißen Hände, die das Spiritusflämmchen unter dem Kessel entzündeten. Und den Besucher schien dieser Anblick mit magnetischer Gewalt zu fesseln. Den Kopf ein wenig auf die Seite neigend, betrachtete er sie unverwandt, wie man ein prächtiges Gemälde betrachtet, mit weit geöffneten Augen und einem seltsam weltvergessenen Ausdruck des blassen Antlitzes.

Fräulein von Brenckendorf hatte ihn nicht aufgefordert, zu bleiben; da er aber trotz seiner letzten Worte nicht geneigt schien, zu gehen, sagte sie, ohne daß der Klang ihrer Stimme an herzlicher Freundlichkeit verloren hätte: „Sie sind ja ein Kunstverständiger, Herr Hudetz! – Wollen Sie mich nicht Ihr Urtheil über die kleine Malerei da vernehmen lassen, mit der ich heute glücklich – oder muß ich sagen: unglücklich? – fertig geworden bin?“

Bei ihrer Anrede war er sichtlich zusammengefahren wie jemand, der aus tiefem Nachdenken aufgeschreckt wird. Nun aber trat er ohne weiteres an die im hellen Lichte stehende Staffelei und entfernte die leichte Hülle von dem darauf befindlichen winzigen Rahmen. Das weißseidene Blatt eines Ballfächers kam zum Vorschein, und einige in zarten Farbentönen ausgeführte, geflügelte Amorettengestalten, die zwischen den Ranken eines blühenden Apfelzweiges ihr Wesen trieben, bildeten die von der jungen Dame erwähnte Malerei.

Hudetz betrachtete das kleine Werk sehr lange; aber er sagte kein Wort.

„Nun?“ kam es endlich ermunternd vom Theetische herüber. „Wenn es Ihnen so schwer wird, Ihre Kritik zu äußern, muß ich ja wohl fürchten, daß sie nicht sonderlich günstig sei.“

Er wandte ihr das Gesicht wieder zu und entgegnete in seiner melancholisch eintönigen Weise: „In der That, Fräulein von Brenckendorf, ich finde das Bildchen nicht gut, wenigstens nicht gut genug für ein Werk von Ihrer Hand.“

„Ist das etwa eine verschleierte Schmeichelei?“ fragte die Getadelte ohne Empfindlichkeit zurück. „Meinen Sie, daß ich Talent genug habe, Besseres zu leisten?“

„Nein! Nach allem, was ich bisher von Ihnen gesehen habe, fürchte ich eben, Sie haben es nicht. Es ist nichts als mittelmäßige Dilettantenarbeit, und gerade Sie sollten die edelste aller Künste nicht zu solchen Handwerksdiensten erniedrigen. Ist es denn möglich, daß Sie diese Art unfruchtbaren Schaffens nicht selber wie eine beständige Demüthigung empfinden?“

Das schöne Gesicht des jungen Mädchens war nun doch sehr ernst geworden, und die Tassen, mit denen sie sich zu schaffen machte, klirrten leise zusammen. „Es ist mein Broterwerb, Herr Hudetz,“ sagte sie, „die Waffe, mit der ich den Kampf ums Dasein führe. Es ist nicht meine Schuld, wenn das Schicksal mich nicht besser ausgerüstet hat für diesen Kampf.“

„Nein, Sie können wahrhaftig nicht geschaffen sein, um zu kämpfen!“ erwiderte er, indem er abermals mit dem vorigen weltvergessenen Ausdruck zu ihr hinüberstarrte. „Ich weiß nicht, wie es zugeht; aber so oft ich Sie sehe, ist es mir immer, als wären Sie nur in einer Verkleidung oder in einer Verzauberung, wie die Königstöchter aus den Kindermärchen. Kennen Sie Rubens’ Porträt der Elisabeth von Frankreich?“

„Nein, ich kenne es nicht,“ gab sie zurück, und es war trotz aller Freundlichkeit etwas wie vornehme Ablehnung in ihren Worten, „aber ich bin nichts destoweniger überzeugt, daß Sie mir ganz unverdiente Ehre erweisen, wenn Sie mich etwa mit demselben vergleichen wollen. Seien Sie versichert, daß ich nichts anderes bin, als ich augenblicklich zu sein scheine, und daß ich mich leider niemals als eine verkleidete oder verzauberte Prinzessin entpuppen werde!“

„Sie wissen wohl, daß meine Worte nicht buchstäblich zu nehmen waren,“ beharrte er, ohne Verständniß für ihren Wunsch, dies Thema abgebrochen zu sehen. „Auch war es nicht gerade meine Absicht, Sie mit dem Bilde jener spanischen Königin zu vergleichen. Das ist ja eben das Wunderbare, daß Ihre Züge nicht die geringste Aehnlichkeit mit demselben haben, und daß ich doch den Gedanken an das Bild nicht los werden kann, sobald ich Ihnen ins Gesicht blicke. Etwas rein Geistiges, Unfaßbares muß es sein, das Sie mit ihm gemeinsam haben – das Anmuthig-Hoheitsvolle vielleicht, das bei aller Zartheit und Weiblichkeit wahrhaftig Königliche, welches jenes Porträt für mich zum herrlichsten aller Fürstenbildnisse macht. Ich würde es nicht glauben, wenn die Weltgeschichte erzählte, diese Elisabeth habe je etwas Unweibliches oder Unkönigliches gethan, und ebensowenig vermag ich es zu fassen, daß Ihre Hände es gewesen sein sollen, welche für den rohen Geschmack einer verständnißlosen Menge jene abscheulichen Photographien mit schreiend bunten Farben übermalt oder jene Putten mit der gezierten Haltung und dem unmöglichen Gliederbau geschaffen haben.“

Vielleicht würde die junge Dame sich nun doch veranlaßt gesehen haben, weitere Bekenntnisse ihres sonderbaren Besuchers durch eine unzweideutige Entgegnung abzuschneiden; aber das Wort erstarb ihr auf den Lippen, als sie in diesem Augenblick draußen auf dem Gange eine kräftige Männerstimme sagen hörte:

„Jawohl, das Freifräulein Marie von Brenckendorf – mit Ihrer gütigen Erlaubniß! – Wollen Sie nicht die Freundlichkeit haben, mir mitzutheilen, durch welche von diesen dreihundert Thüren man zu ihr gelangen kann?“

„Ein Besuch für Sie!“ flüsterte Hudetz, sich hinter der Staffelei an die Wand drückend. In seinem auf die Thür des Zimmers gehefteten Blick war dieselbe tödliche Angst, mit welcher er vorhin auf der Straße das Zusammenschließen des fluchthemmenden Menschenringes beobachtet hatte.

Nun wurde ziemlich ungestüm geklopft, und ehe noch die junge Malerin ein „Herein!“ hatte aussprechen können, trat der neue Besucher über die Schwelle.

„Guten Abend, mein Herzensmariechen! – Wirf mich hinaus, wenn es nicht anders sein kann; aber gestatte mir wenigstens zuvor, Dir einen Kuß zu geben!“

Mit ausgebreiteten Armen war er neben der Thür stehen geblieben, und mit dem jubelnden Ausruf: „Wolfgang – lieber Wolfgang!“ flog Marie an seine Brust.

Hätte nicht die ungewöhnlich hohe und breitschultrige Gestalt des Fremden den einzigen Ausgang versperrt, welchen das Gemach außer der Thür zum Schlafzimmer besaß, so würde Hudetz unzweifelhaft diesen Augenblick benützt haben, um sich hinaus zu stehlen. Mit seinem scheu blickenden Augen, seiner in furchtsamer Erregung gekrümmten Gestalt und seinen schlaff herabhängenden Armen, deren Hände sich doch unwillkürlich zu Fäusten geballt hatten, gemahnte er an das Aussehen einer geängstigten Katze, die sich vielleicht widerstandslos todtschlagen, vielleicht aber auch von der Verzweiflung hinreißen lassen wird, ihrem Gegner ins Gesicht zu springen und ihm mit scharfen Krallen die Haut zu zerreißen.

Die Malerin mochte unter dem Eindruck mächtiger Ueberraschung seine Anwesenheit vergessen haben, die Augen des stattlichen Herrn aber, dem sie so bereitwillig erlaubte, ihre Lippen zu küssen, hatten die dürftige Gestalt rasch genug erspäht.

„Ah, ich bitte um Entschuldigung,“ sagte er, ohne das Mädchen freizugeben, „Du hast einen Besuch.“

Mit einem kleinen Anflug von Verlegenheit hob Marie das Köpfchen.

[202] „Es ist mein Nachbar, Herr Joseph Hudetz – Journalist, wenn ich nicht irre! Gestatten Sie mir, lieber Herr Hudetz, Sie mit meinem Bruder Wolfgang bekannt zu machen!“

Der Letztere neigte artig das Haupt, und auch Hudetz bewegte die Schultern in einer Weise, die wohl eine Verbeugung darstellen sollte. Aber seine Augen blieben nichtsdestoweniger unverwandt auf die Thür gerichtet, und als die beiden anderen nun weiter in das Zimmer herein traten, schob er sich bastig dem Ausgange zu.

„Sie werden verzeihen – ich kann – ich darf – ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“

Mit lautlosen Schritten war er hinaus gehuscht wie ein Schatten. In lebhaftem Erstaunen blickte ihm Wolfgang von Brenckendorf nach. Aber rasch wandte er sich wieder seiner Schwester zu und rief in fröhlichem Tone:

„Da wäre ich also wieder, um nach fünfjähriger Trennung mein Schwesterchen zu umarmen. Nun, ich muß Dir auf Ehre und Gewissen versichern, daß Du Dich in diesen fünf Jahren viel prächtiger herausgemacht hast, als ich’s dem mageren Backfischchen von damals je zugetraut hätte. Bist Du zufrieden?“

„Von dem eigenen Bruder kann man sich’s ja am Ende gefallen lassen.“

„Natürlich erwarte ich, daß Du mir das Lob zurückgiebst. Ist mir die amerikanische Luft nicht recht gut bekommen?“

Sie gab sich neckend den Anschein, als ob sie ihn erst jetzt betrachte, und doch leuchtete ihr der freudige Stolz auf des Bruders schöne, männlich kraftvolle Erscheinung schon seit dem Augenblick der ersten Begrüßung aus den Augen.

„Nun ja, man muß sich nicht gerade schämen!“ meinte sie, ihm einen leichten Schlag auf die Wange versetzend. „Du hättest auch in einem schlimmeren Zustande wiederkommen können.“

„Auf zerrissenen Schuhen etwa, mit einem ungeheuren Knotenstock und einer rothen Nase! Ehrlich gesprochen, Schwesterchen: hast Du nicht manchmal im Stillen gefürchtet, daß sich eines Tages etwas derartiges ereignen könnte?“

„O nein, Deine Briefe ließen mir ja keinen Zweifel darüber, daß Du Dich in vortrefflichen Verhältnissen befindest.“

Sie hatte diese Worte etwas zögernd und nicht mehr mit jener übermüthigen Heiterkeit gesprochen, von welcher bis dahin ihr Geplauder erfüllt gewesen war. Wolfgang aber bemerkte es nicht, oder er gab sich doch den Anschein, es nicht zu bemerken.

„Ja, meine Briefe!“ meinte er, seine geschmeidige Gestalt behaglich in den Stuhl zurücklehnend. „Es ist doch ein eigen Ding um solche Schreiberei aus weiter Ferne! Wenn ich mir den Inhalt der kurzen Schriftstücke ins Gedächtniß zurückrufe, mit denen mich das gnädige Fräulein in nur zu langen Zwischenräumen beehrte, so müßte ich eigentlich zugleich erstaunt und zerknirscht sein über den freundlichen Empfang, der mir verirrtem und verlorenem Schäflein aus der edlen Brenckendorfschen Herde hier zu theil geworden ist.“

„Ich hoffe, Du hast niemals im Ernst an meiner schwesterlichen Liebe gezweifelt, Wolfgang!“

„Im Gegentheil! Ich hielt mich immer überzeugt, daß alle die unangenehmen Dinge, die Du mir zu sagen oder vielmehr zu schreiben geruhtest, nur ein rührender Ausfluß eben dieser treuen schwesterlichen Liebe seien. Aus Deinen ernsthaften Vorstellungen schaute mir trotz alledem das Bild eines lieben, rosigen Geschöpfchens entgegen, dem die Unschuld und die Unerfahrenheit hell aus den Augen guckten, eines holdseligen kleinen Mädchens, das in seiner Herzensgüte und Herzenseinfalt von dem rauhen, unerbittlichen Ernst des Lebens nur gerade so viel wußte, als man gemeinhin mit neunzehn Jahren davon erfahren hat.“

Marie legte ihm die Hand auf den Mund.

„Genug, Du Spötter! Glaubst Du denn, daß ich trotz der haarsträubenden Schmeichelei die Bosheit nicht verstände? Also nach meinen Briefen war ich in Deinen Augen ein Gänschen, das vom Leben nicht mehr weiß, als der Blinde von der Farbe! – Und daß ich mich schon seit zwei Jahren mutterseelenallein mit diesem unerbittlichen Leben herumschlage – daß ich mich, wie ich denke, dabei ganz tapfer gehalten habe, obwohl es mir durch meine Erziehung sicherlich nicht leichter gemacht worden ist als Dir – das kam dem hochmütigen Herrn der Schöpfung natürlich nicht in den Sinn!“

„O doch, meine wackere kleine Marie, und es erfüllte mich sogar jederzeit mit unbedingter Hochachtung und Bewunderung! Aber ich meine, wir müßten einen kleinen Unterschied machen zwischen Deinem Kampfe ums Dasein und dem meinigen. Für ein mittelloses junges Mädchen bedeutet es ja unter den bestehenden Verhältnissen gewiß einen sehr achtungwerthen Erfolg, wenn es sein Leben zu fristen vermag, ohne dafür Freiheit und Selbständigkeit bis auf den letzten Rest drangeben zu müssen. Ein Mann aber, der es zu nichts Besserem brächte, hätte doch wohl wenig Ursache, sich seiner Kraft zu rühmen. Und ich hätte die Heimath nicht erst zu verlassen brauchen, wenn es nicht mit dem festen Entschluß geschehen wäre, es zu etwas Besserem zu bringen. Es war noch recht viel Ballast in meinem Lebensschifflein, als ich damals halb freiwillig und halb gezwungen aus dem Elternhause absegelte: einige Kisten voll jugendlichen Leichtsinns und voll höchst unklarer und unfruchtbarer idealistischer Schwärmereien, vor allem aber ein gewaltiger Sack voll verrotteter Anschauungen und überlebter Vorurtheile, dessen schätzenswerthen Besitz ich meiner Erziehung im Elternhause, dem studentischen Verbindungsleben und meinen beiden Lieutenantsjahren zu danken hatte. Aber der Wind blies mir scharf entgegen, die Wellen drohten über Bord zu schlagen und ich sah bald, daß mein Schifflein gefährlich überladen war. So wanderte denn der Ballast nach und nach ins Meer – der Sack mit den Vorurtheilen zuerst, dann der göttliche Leichtsinn und zuletzt – weil ich mich von ihnen am schwersten zu trennen vermochte – all meine schönen idealistischen Schwärmereien! Ich lernte erkennen, daß es reiner Unsinn sei, mit den Lerchen oder auch nur mit den Spatzen um die Wette fliegen zu wollen, so lange man bis zu den Knieen im Sumpfe steckt. Und statt des alten Brenckendorfschen Wahrspruchs: „Demüthig und muthig“ wählte ich mir die Losung „Fleißig und beharrlich“. Sie klingt vielleicht nicht ganz so feudal, aber ich bin doch weiter damit gelangt, als ich mit der Demuth und dem Muthe gekommen wäre. Reichthum und Unabhängigkeit, das sind meine Ziele; sie gefallen Dir nicht recht, wie Du mir wiederholt mit edler Entrüstung geschrieben hast, aber Du darfst mir getrost glauben, daß alle anderen begehrenswerthen Dinge an der nämlichen Straße liegen.“

„Und um reich und unabhängig zu werden, mußtest Du nothwendig den Beruf eines – eines Zahnarztes ergreifen?“

„Nicht gerade nothwendig, denn die Gastwirthslaufbahn ist unter Umständen auch nicht übel. Und Leute, die mit Schweineschmalz gehandelt oder alte Kleider zu Kunstwolle verarbeitet haben, sind bekanntlich schon zu großem Vermögen gelangt. Aber für jede dieser aussichtsreichen Bahnen fehlten mir die geeigneten Vorkenntnisse. Ich war zu alt und zu steif, um einen brauchbaren Kellnerburschen abzugeben, welche Stufe man unbedingt durchmachen muß, um ein steinreicher Gasthausbesitzer zu werden – und ich fürchte, daß ich trotz des redlichsten Bemühens niemals sachverständig genug in Bezug auf Schweineschmalz oder alte Kleider geworden wäre. Von meinen fünf Bonner Semestern her aber wußte ich ganz gut einen Backenzahn von einem Schneidezahn zu unterscheiden und auch sonst war da noch dies oder jenes haften geblieben, das mir einen Theil meiner zahnärztlichen Lehrzeit ersparen konnte. So entschied ich mich denn schnell für diesen ebenso nützlichen als ehrenwerthen Beruf, eingedenk der trefflichen Wahrheit: Time is money! Zeit ist Geld.“

„Es ist schrecklich, dergleichen anhören zu müssen, und noch schrecklicher, nicht einmal böse werden zu können, wenn man Dich so leibhaftig vor sich sieht. Reden wir denn nicht mehr davon – wenigstens heute nicht mehr. Wie lange gedenkst Du Dich hier aufzuhalten?“

„So lange es Gott gefällt, mein Liebling! Eine von den alten Jugendschwärmereien ist nämlich doch an mir haften geblieben: die Liebe für mein deutsches Vaterland! – Und ich denke, es wird auch hier genug hohle Zähne geben, um meine Kunst zu Ehren kommen zu lassen.“

Marie schien in allem Ernst ein wenig erschrocken.

„Wie? Du denkst daran, Dich dauernd hier niederzulassen? Du willst in Berlin Zahnarzt werden?“

„Gewiß! Würdest Du Dich etwa schämen, vor aller Welt bekennen zu müssen, daß Dein leiblicher Bruder Zähne plombiert und falsche Gebisse fertigt?“

„Ich – o nein! Aber was würde der Papa sagen, Wolfgang, wenn es ihm beschieden gewesen wäre, das zu erleben?“

Das frische, heitere Gesicht des jungen Mannes wurde ein wenig ernster.

[203] „Es ist möglich, daß er es für einen unauslöschlichen Schandfleck auf dem Brenckendorfschen Ehrenschilde hielte. Aber er ist todt, Marie, und mein Gewissen spricht mich von dem Vorwurf der unkindlichen Lieblosigkeit vollständig frei. Wenn unser trefflicher Vater aus irgend einer besseren Welt auf uns herabzuschauen vermag, so hat er in dieser besseren Welt auch sicherlich längst einsehen gelernt, daß ein adliger Zahnarzt hundertmal ehrenwerther ist als ein adliger Faullenzer und Tagedieb.“

Sie antwortete ihm nicht, und es gab ein kleines, drückendes Schweigen, bis er in seinem früheren, leichteren Tone fortfuhr:

„So viel von mir! Nun möchte ich endlich von Deinen Erfolgen hören! Du hast also Dein Talent entdeckt und bist unter die Künstler gegangen?“

„Das heißt, ich übermale dreißigmal hintereinander dieselbe Photographie, auf welcher der Trompeter von Säkkingen sein ‚Behüt Dich Gott‘ über den Rhein hinüber bläst, und ich schmücke Ballfächer mit Amoretten, von denen mir ein aufrichtiger Freund soeben sagte, daß sie gezierte Stellungen und unmögliche Glieder haben.“

„Neben Angelika Kauffmann also wirst Du Deinen Platz am Ruhmeshimmel nicht erhalten? – Schade! Es wäre doch so etwas wie ein Ausgleich mit meiner Unwürdigkeit gewesen. Uebrigens ein sonderbarer Geselle, Dein Herr Nachbar von der Presse, liebe Marie! Geschieht es etwa um der wohlwollenden Kunstberichte willen, daß Du solche Gesellschaft duldest?“

„Ach nein,“ lachte sie in unbefangener Heiterkeit, „und wenn Du nur fünf Minuten früher gekommen wärst, hättest Du seine Kritik selber vernehmen können, die allerdings vielleicht wohlwollend, aber gewiß nichts weniger als schmeichelhaft für mich war.“

„So? – Und dann hat ihn das böse Gewissen in die Flucht getrieben? Er sah ja aus, als säßen ihm alle Furien der Unterwelt auf den Fersen.“

„Eine anscheinend unüberwindliche Schüchternheit! Ich bemerke sie kaum noch; denn trotz der Kürze unserer Bekanntschaft habe ich mich an seine Sonderbarkeiten fast gewöhnt.“

„Hum! – Und wie, wenn ich fragen darf, bist Du überhaupt zu dieser Bekanntschaft gekommen?“

„Dadurch, daß Hudetz mir einen Ritterdienst erwies, der mich ihm aufrichtig verpflichtete.“

„Einen Ritterdienst – der? Das ist drollig!“

„Es hätte sogar leicht sehr tragisch werden können. Um mir meinen entflohenen Dompfaffen wieder zu bringen, den die Krähen schon halb umgebracht hatten, kletterte Hudetz aus dem Fenster seines Zimmers auf das Dach hinaus. Ich kann mich noch jetzt dieser fürchterlichen Augenblicke nicht ohne Herzklopfen erinnern. Eine unglückliche Bewegung oder ein Nachgeben der morschen Dachrinne, gegen welche er sich stemmte, hätten ihn unfehlbar in die schreckliche Tiefe stürzen lassen. War es danach nicht meine Pflicht, den armen, verlassenen Menschen mit einiger Freundlichkeit zu behandeln?“

„Und ihn damit vollends um sein bißchen Verstand zu bringen! Begreifst Du in Deiner Unschuld wirklich nicht, Schwesterchen, was es bedeutet, wenn ein Wesen männlichen Geschlechts um des Dompfaffen einer – verzeih’ mir die Offenheit! – hübschen jungen Dame willen auf Dächern mit morschen Regenrinnen sein kostbares Leben aufs Spiel setzt?“

Marie hatte ihn erst mit ungeheuchelter Verwunderung angesehen; dann aber lachte sie fröhlich auf.

„Du glaubst also wahrhaftig –? – Nun, das ist eine Vermuthung, auf die ich freilich niemals gekommen wäre. Und Du thust ihm bitteres Unrecht! Er war erst an dem nämlichen Tage eingezogen und hatte mich sicherlich kaum gesehen. Als er mir meinen zitternden und halb gerupften Hansel wiederbrachte, sagte er nicht etwa: ‚Es wäre mir ein Vergnügen gewesen, mein Fräulein, für Sie den Hals zu brechen,‘ sondern er flüsterte nur wie geistesabwesend, ohne mich anzusehen: ‚Sie wollten ihn zerhacken, weil er aus einem Gefängniß kam – lassen Sie ihn nicht wieder hinaus, ich bitte Sie darum, seine Freiheit wäre nichts als ein langsames, qualvolles Sterben!‘ Dann war er fort, noch ehe ich ihm danken konnte, und er hatte gewiß niemals daran gedacht, sich mir aufzudrängen, wenn ich ihn nicht am nächsten Abend auf der Treppe getroffen und ihn durch längeres Zureden vermocht hätte, auf ein Viertelstündchen bei mir einzutreten.“

„Eine sehr rührende Geschichte! – Und das ist alles, was Du von ihm weißt?“

„Für einen so oberflächlichen Verkehr wie den unsrigen ist es doch wohl genug!“

Der Bruder schien nicht ganz zufrieden, aber er ließ den Gegenstand fallen und fuhr in seiner leichten Weise fort:

„Du fühlst Dich also vollkommen glücklich bei Deinem Trompeter und Deinen Amoretten?“

Marie sah zur Decke des Zimmers empor und faltete die Hände im Schoße.

„Glücklich?“ wiederholte sie nachdenklich. „Nun, wenn ich acht oder zehn Jahre älter geworden bin, werde ich dabei wahrscheinlich vollkommen glücklich sein.“

„Eine diplomatische Antwort und doch einigermaßen deutlich. Du würdest also Deine künstlerische Thätigkeit ohne viel Herzweh mit einer andern Lebensstellung vertauschen?“

„Wenn sie mir zusagt und mir meine persönliche Freiheit erhält – gewiß!“

„Zum Beispiel mit der Stellung einer Geschäftsführerin in meinem Atelier und in meinem Hause, dem ich natürlich einen entsprechend vornehmen Zuschnitt geben würde?“

„Nein, Wolfgang! Ich erkenne die Großmuth Deiner Absicht und ich bin Dir herzlich dankbar dafür. Aber es wäre zwecklos, weiter davon zu reden.“

Er zeigte sich durchaus nicht verletzt und ein gutmüthiges Lächeln zuckte um seine blondbärtigen Lippen.

„Nun ja, ich hätte mir’s denken können! Und vielleicht hast Du recht! Eines schickt sich nicht für alle! Du bist wohl eher für wirkliche Vornehmheit geschaffen als für die Frisierstuben-Eleganz, die ein Zahnarzt doch im glücklichsten Falle nur entfalten kann. Und, Hand aufs Herz, Mariechen! – hast Du Dich hier in dem glänzenden, verführerischen Berlin nie nach dem Leben in der großen Welt gesehnt, für das man Dich nun doch einmal erzogen hat? Hast Du Dich nie in die Kissen einer bequemen Equipage gewünscht? Und hat es Dir nie in den Füßchen gezuckt, wenn irgendwoher die Klänge eines Straußschen Walzers zu Dir drangen?“

Sie hob die gefalteten Hände zum Herzen empor und sah ihm mit leuchtenden Augen in das lächelnde Gesicht.

„Ach ja!“ sagte sie mit reizender Natürlichkeit. „Recht herzinnig habe ich mich oft danach gesehnt – und namentlich an unendlich langen, einsamen Winterabenden gab es oft Stunden, in denen ich mich wirklich ein bißchen unglücklich fühlte, weil es mir für immer versagt bleiben sollte. – Aber – wie Du siehst – ich bin nicht daran gestorben!“

Wolfgang blickte auf seine Uhr und stand auf.

„Es stirbt sich, Gott sei Dank, nicht so leicht,“ meinte er, „und wir Brenckendorfs zumal sind weder aus dem Geschlechte der Toggenburger noch vom Stamme der Asra, welche ‚sterben, wenn sie lieben‘ – Aber nun ist’s genug für heute! Mein Gepäck liegt noch auf dem Bahnhofe; denn ich bin unmittelbar aus dem Zuge zu Dir geeilt! Ich werde im Kontinentalhotel absteigen und wage zu hoffen, daß Du morgen dort mit mir zu Mittag speisen wirst!“

„Deiner Rückkehr zu Ehren – mit Vergnügen! – Du holst mich doch ab?“

„Selbstverständlich! – Um drei Uhr, wenn’s Dir genehm ist! – Doch – eine beiläufige Frage noch! Unterhältst Du gar keine Beziehungen zu unseren hiesigen Verwandten? – Ich vermied es absichtlich, mich in meinen Briefen danach zu erkundigen.“

„Du meinst den General Brenckendorf, unseren sogenannten Onkel?“

„Er ist Papas leiblicher Vetter – warum sollte man ihn da nicht so nennen?“

„Nun ja, Onkel oder nicht, ich habe ihn nie gesehen, ihn so wenig als die Vettern oder die Base, deren Besuch in unserem Elternhause mir ewig die schwärzeste Erinnerung aus der Kinderzeit bleiben wird.“

„Du trägst ihnen den kindlichen Groll doch nicht etwa heute noch nach?“

Gott bewahre! Ich zweifle keinen Augenblick, daß Vetter Lothar im Verkehr mit jungen Damen heute viel artiger ist als damals, wo er vom Morgen bis zum Abend meinen Lehrmeister spielen wollte, und ich hoffe auch, daß sich Bäschen Cilly inzwischen das Kratzen abgewöhnt haben wird. Aber was hilft mir [204] diese Versöhnlichkeit! Lothar und Cilly kümmern sich um mich ebenso wenig als ihr Bruder Engelbert, in den ich, wie ich glaube, damals mit meinem siebenjährigen Herzen sterblich verliebt war.“

„Sie kümmern sich nicht um Dich – das heißt, man könnte wohl auch mit gutem Recht das Umgekehrte sagen. Hast Du ihnen denn jemals einen Beweis Deines Daseins gegeben?“

„Wie hätte ich dazu kommen sollen? Wußten die Brenckendorfs etwa nicht, daß ich elternlos geworden war?“

„Allerdings; aber sie glauben Dich vielleicht noch heute unter der väterlichen Obhut des würdigen Stadtraths Lehmann in der Heimath.“

„Mag sein! – Jedenfalls war es ihre Sache, mich zu suchen, nicht die meinige, mich ihnen aufzudrängen; denn ich bin arm und sie sind reich! Hatte ich nicht recht. Wolfgang?“

„Wenn Du es sogar verschmähen konntest, meine brüderliche Unterstützung anzunehmen – gewiß! Von einem andern Standpunkte aus und namentlich im Hinblick auf das Brenckendorfsche ‚demüthig und muthig‘ ließe sich allerdings vielleicht auch widersprechen! Aber es fällt mir nicht ein, in der Stunde unseres ersten Wiedersehens dergleichen zu thun – um so weniger, als es nun wirklich die höchste Zeit ist, daß ich gehe! – Gute Nacht, mein stolzes Schwesterchen – gute Nacht!“

Sie küßten sich herzlich, und mit glückstrahlendem Antlitz geleitete Marie den Bruder bis zur Thür.

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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 8, S. 229–235

[229] Als Wolfgang draußen auf dem halbdunklen Gange vor Mariens Zimmer ein paar Schritte gethan hatte, huschte ihm eine kleine, schattenhafte Frauengestalt – dieselbe, die ihm vorhin auf sein Klingeln geöffnet hatte – über den Weg. Es schien fast, als habe sie sich in irgend einem Winkel verborgen gehalten, um die Beendigung seines Besuchs bei Fräulein von Brenckendorf abzuwarten.

„Guten Abend, Madame!“ sagte Wolfgang, vor ihr stehen bleibend, „darf ich fragen, ob Sie die Vermietherin dieser Zimmer sind?“

„Ich habe die Ehre!“ klang es von einer hohen, dünnen Stimme etwas spitz zurück. „Aber nicht Madame, sondern Fräulein, wenn ich bitten darf – Fräulein Engelhardt!“

„Verzeihung!“ erwiderte er mit einem Anflug von treuherzigem Humor. „Es ist hier so finster, daß Sie den Irrthum vielleicht entschuldbar finden werden. Also, mein verehrtes Fräulein Engelhardt, wenn Sie die Vermietherin dieser höchst reizenden Zimmer sind, so ist es für Sie vielleicht von Wichtigkeit, zu erfahren, daß ich nicht etwa ein Freund oder Verehrer, sondern der leibliche Bruder des Fräuleins Marie von Brenckendorf bin. Sie werden, wie ich hoffe, unter diesen Umständen in meinem späten Besuch nicht länger etwas Bedenkliches erblicken.“

Fräulein Engelhardt war ein wenig beschämt. Dieser feine Herr hatte also mit einem einzigen Blick durchschaut, daß es ihre Absicht gewesen war, zu horchen und zu kundschaften. Und sie verbesserte ihre Lage nicht, indem sie sich in merklicher Verwirrung zu entschuldigen versuchte.

„Sie werden begreifen, mein Herr, daß ein allein stehendes Mädchen, welches wie ich darauf angewiesen ist, sein Brot durch Zimmervermiethen zu erwerben, mit besonderer Strenge auf die Bewahrung von Anstand und Sitte halten muß und keine zweifelhaften Elemente unter seinem Dache dulden darf!“

„Gewiß!“ versetzte er mit Nachdruck. „Und eben weil ich dies vollkommen begreife, möchte ich Ihnen rathen, dem Herrn Hudetz so bald als möglich das Quartier zu kündigen. Oder zählt dieser Herr nicht zu Ihren Miethern?“

„Freilich! Seit vierzehn Tagen! – Aber wie Sie mich erschrecken! – Hat es denn etwas mit ihm auf sich?“

„Ich kenne ihn nicht besser, als man jemand in etwa dreißig Sekunden kennen lernen kann; aber er sieht aus, als könnten diejenigen, welche sich mit ihm zu schaffen machen, recht unerfreuliche Ueberraschungen erleben.“

„Ach, Du lieber Himmel – Vielleicht ist er gar ein Mörder! Und ich habe ihn noch nicht einmal bei der Revierpolizei angemeldet!“

„Nun, für einen Mörder halte ich ihn gerade nicht! Aber die vorgeschriebene Meldung sollten Sie trotzdem in Ihrem eigenen Interesse nicht unterlassen!“

„Er wußte mich ja immer daran zu verhindern. Seit vierzehn Tagen erwartet er stündlich das Eintreffen seiner Papiere.“

[230] „Aber diese Papiere werden niemals ankommen, verlassen Sie sich darauf! Uebrigens ist es wohl eine Unbescheidenheit, daß ich mich in diese Dinge mische.“

O nein! Ich bin Ihnen im Gegentheil dankbar dafür! Und für Sie ist es ja gewissermaßen auch von Wichtigkeit; denn das gnädige Fräulein Schwester hat ja sozusagen mit dem verdächtigen Menschen förmlich Freundschaft geschlossen. Vorgestern abend war er nicht weniger als eine Stunde und vierzig Minuten in ihrem Zimmer. Mein Gott, wenn er nicht gar so jämmerlich aussähe, hätte man wahrhaftig glauben können –; aber das ist natürlich Unsinn – Sie werden mich nicht mißverstehen! – Und wenn nicht bis spätestens übermorgen die Zeugnisse dieses Herrn Hudetz eingetroffen sind, so muß er hinaus, das ist keine Frage! Ich dulde nichts Zweifelhaftes unter meinem Dache!“

Wolfgang verabschiedete sich und stieg die drei steilen Treppen hinab, um unten die erste Droschke anzurufen, deren er habhaft werden tonnte. Die Persönlichkeit des angeblichen Journalisten mußte seine Gedanken noch immer lebhaft beschäftigen; denn während das Gefährt über den Asphalt der Friedrichstraße rollte, sagte er vor sich hin:

„Vielleicht thue ich dem Burscheu unrecht – nun, dann ist ja der Schaden für ihn nicht so groß, und von ihrem Lebenswege muß er jedenfalls entfernt werden. Ueberdies möchte ich darauf schwören, daß ich ihn richtig beurtheile. So verängstigte und verhetzte Augen macht man wahrhaftig nicht aus bloßer Schüchternheit.“




Vor das Gartengitter einer zweistöckigen Villa in der Viktoriastraße rollte eine offene Droschke erster Klasse, und ein reckenhaft gebauter junger Dragoneroffizier sprang säbelklirrend auf das Pflaster.

„Volle einundzwanzig Minuten!“ sagte er, sein hübsches, von Luft und Sonne gebräuntes Gesicht mit dem fast überlangen blonden Schnurrbart dem Kutscher zuwendend. „Es ist ein Skandal! Ihr spathlahmer Gaul da hätte doch wahrhaftig längst verdient, in ein besseres Jenseits oder in den Wurstkessel einzugehen!“

Trotz dieser Entrüstung mußte der junge Krieger das Fahrgeld nicht eben kärglich bemessen haben; denn das rothe Gesicht des Droschkenkutschers verzog sich zu einem breiten Grinsen und er lüftete höflich seinen lackierten Hut.

„Danke ooch scheen, Herr Leitnant! – Aber keen Spath is det nich bei meine olle Liese. Sie hat bloß manchmal en bisken Rheimatismus, wenn det Wetter umschlagen duht.“

Der Dragoner lachte und ging raschen Schrittes in das Haus, dessen Thür bereits von dem Pförtnerzimmer aus geöffnet worden war. Ein Diener in einfacher Livree und von militärischer Haltung war ihm behilflich, Mantel und Säbel abzulegen.

„Herrschaften schon beim Frühstück?“ fragte er, vor dem Spiegel sein wohl gekämmtes Haar mit einem Taschenbürstchen bearbeitend.

„Zu Befehl, Herr Lieutenant – seit zehn Minuten!“

„Natürlich! – Mußte ich auch an diese unglückselige Rosinante mit dem Rheumatismus gerathen! – Na, ich kann’s nicht ändern.“

Er ging durch mehrere mit großer Ueppigkeit ausgestattete Gemächer und schlug mit kräftiger Armbewegung den Vorhang zurück, welcher die Thüröffnung nach dem Speisezimmer verkleidete.

„Ich melde mich zur Stelle, Herr General! – Und ich wünsche meinen theuren Angehörigen einen guten Morgen! – Ah, welch’ ein herzerfreuender Anblick!“

Es blieb zweifelhaft, ob die letzten Worte sich auf den mit allerlei ausgesuchten Leckerbissen besetzten Früstückstisch inmitten des hohen, holzgetäfelten Gemaches bezogen, oder ob sie den vier Personen galten, welche sich um diesen gruppiert hatten. Die zierliche, junge Dame mit den dunklen krausen Tituslöckchen und den großen, lebensprühenden Augen, welche der Thür gegenüber neben der wohlbeleibten und etwas gleichmüthig dreinschauenden Generalin saß, mußte wohl das letztere annehmen, denn sie rief dem Eintretenden fröhlich zu:

„Im Namen der übrigen danke ich Dir für die Liebenswürdigkeit! Aber Du hättest Dir diese Herzensfreude recht gut schon eine halbe Stunde früher verschaffen können.“

„Wir glaubten in der That, Du würdest die Küche des Herrn Uhl wieder einmal der unsrigen vorziehen,“ sagte der General, eine trotz des grauen Schnurrbarts und des beinahe weißen Haupthaars noch immer jugendlich schlanke und straffe Männergestalt. „Ich habe Cilly im Verdacht, daß diese Schildkrötenbouillon nur Dir zuliebe gebraut wurde, und Dir zuliebe haben wir sie nun auch trinken müssen, als sie dem Gefrierpunkt bereits sehr bedenklich nahe war.“

„Ich hoffe, die Zerknirschung ist mir deutlicher aufs Gesicht geschrieben, als ich sie in Worte zu fassen vermöchte,“ versetzte der Dragoner, indem er eine drollige Grimasse schnitt und sich auf den leeren Stuhl an der Seite seiner Schwester Cilly setzte. „Guten Morgen, Lothar! – Eine dienstliche Abhaltung natürlich! - Aber an meinem Kommen hättet Ihr nicht zweifeln dürfen! Ich hatte es ja versprochen, und was ich verspreche –“

„Pflege ich nur mitunter zu vergessen!“ fiel Cilly ein, mit spitzem Mündchen von ihrem Madeiraglase nippend. „Hast Du Dein schreckliches Benehmen vom vorgestrigen Charlottenburger Rennen schon wieder abgebüßt, daß Du es wagst, Dich in meiner Gegenwart auf die Verläßlichkeit Deiner Versprechungen zu berufen?“

„Mein schreckliches Benehmen?“ fragte er mit erheuchelter Verwunderung, „ich weiß in der That nicht – mein Gewissen ist rein und fleckenlos wie Dein Elfenbeinteint, theuerste Cilly!“

Sie gab ihm einen leichten Schlag auf den Arm.

„So will ich es zu Deiner Strafe hier öffentlich erzählen! Weil ich auf der Tribüne nicht eine einzige mir bekannte Dame in meiner Nähe sah, hatte er mir feierlich geloben müssen, nicht einen Augenblick von meiner Seite zu weichen. Eine Viertelstunde lang hielt er es aus, obwohl ich nie in meinem Leben einen zerstreuteren Gesellschafter gehabt habe. Dann erbettelte er sich einen Urlaub von fünf Minuten, und ich war gutmüthig genug, ihn zu gewähren. Genau dreiviertel Stunden später sah ich den Abtrünnigen zum ersten Mal wieder, und Ihr könnt Euch meine Entrüstung vorstellen, als er es nicht einmal für erforderlich hielt, sich zu entschuldigen. Giebt es einen parlamentarischen Ausdruck, Lothar, um solches Verhalten gebührend zu bezeichnen?“

Der Angeredete, welcher seinen Bruder beim Eintritt nur stumm begrüßt und seitdem unverwandt durch das breite Fenster auf die fast völlig entlaubten Baumwipfel des kleinen Gartens hinaus geschaut hatte, wandte sich etwas betroffen um. Er war dem heiteren Geplänkel der beiden offenbar gar nicht gefolgt; aber der Dragonerlieutenant ersparte ihm das Eingeständniß dieser Unaufmerksamkeit.

„Du brauchst kein juristisches Gutachten, Cilly,“ sagte er, „denn ich bekenne reumüthig meine Schuld. Wenn es nicht auf der Stelle geschah, so hat das seine Ursache lediglich darin, daß ich Dich in der allerbesten Gesellschaft fand und in einer Gemüthsstimmung, die mich unmöglich auf den Gedanken bringen konnte, Du habest Dich gelangweilt oder mich vermißt.“

Das reizende Titusköpfchen neigte sich etwas tiefer auf den Teller hinab; aber der rosige Hauch, der plötzlich auf den zarten Wangen lag, konnte den anderen darum doch nicht ganz verborgen bleiben.

„Was für eine Gesellschaft war denn das, die dieser Taugenichts die allerbeste nennt?“ fragte der General.

„O, ich bin sicher, Papa, daß auch Du sie nicht anders bezeichnen kannst. Es war Seine Durchlaucht der Prinz Lamoral von Waldburg, der unserer Cilly nach allen Regeln der Kunst den Hof machte.“

„Engelbert!“ mahnte die Generalin mit einem strafenden Blick, ohne jedoch ihre angenehme Beschäftigung mit dem zarten Bruststück eines Fasanenhahns zu unterbrechen.

Die scharfen Augen des Generals hatten der, noch immer eifrig auf den Teller schauenden Tochter einen raschen, prüfenden Blick zugeworfen, dann sagte er in einem ziemlich gleichgültig klingenden Tone:

„Lamoral? – Das ist der Jüngere, der bei den Garde-Kürassieren steht – nicht wahr?“

„Jawohl, Papa!“ antwortete Engelbert, „ein hübscher Junge, wenn es auch immerhin ganz gut ist, daß das Pulver schon vor seiner Geburt erfunden worden war.“

Cilly legte ihr silbernes Messer auf den Tellerrand, daß es klirrte.

„Ich weiß wirklich nicht, was Du immer über ihn zu spötteln hast, Engelbert! Denselben ausgezeichneten Witz machtest Du [231] schon auf unserer Heimfahrt vom Rennen. Bist Du denn so sicher, daß Du es erfunden haben würdest?“

„Bei Leibe nicht!“ lachte der Dragoner. „Und wer mir künftig bezweifelt, daß Prinz Lamoral der geistreichste aller lebenden Kavaliere ist, den lasse ich ohne Gnade und Barmherzigkeit über die Klinge springen. Ist Dir das genug?“

„Ach, Du bist unausstehlich! – Weißt Du denn wirklich von nichts Gescheiterem zu sprechen?“

„O, ja! Zum Beispiel von etwas ganz Außerordentlichem, Phänomenalem, das ich gestern abend im Wintergarten gesehen habe. Miß Viktoria, die Königin der Luft – lch sage Dir, Cilly, eine Perle von einem Wei – von einer Künstlerin, meine ich! Riesen-Doppel-Saltomortale durch den halben Saal und dabei höchstens siebzehn Jahre alt – mit lang nachwehendem, rothblondem Haar – ein fliegender Engel, wie er im Buche steht!“

„Engelbert!“ mahnte Ihre Excellenz wieder, mit beiden Backen kauend; der General aber warf seiner Gemahlin einen Blick zu, den sie verstand. Mit einem Aufseufzen, das vielleicht der Leichtfertigkeit der Jugend, vielleicht aber auch dem noch immer ganz ansehnlichen Rest der Fasanenbrust auf ihrem Teller galt, legte sie Messer und Gabel nieder und rückte ihren Stuhl. Die Frühstückstafel war aufgehoben; man wünschte sich gesegnete Mahlzeit, und die drei Herren zündeten die ihnen von dem Diener gebotenen Cigarren an.

„Komm, Engelbert, ich will Dir mein neues Pelzjäckchen zeigen,“ sagte Cilly, sich in den Arm des Bruders hängend. „Du hast es im Grunde nicht um mich verdient: aber wir sind ja nun einmal das schwache Geschlecht und müssen uns Eure Rücksichtslosigkeiten geduldig gefallen lassen!“

Er gab ihr eine artige Antwort, und sie verließen das Zimmer, begleitet von der Generalin, die im Bewußtsein ihrer hundertundneunzig Pfund etwas schwerfällig einherschritt.

Lothar von Brenckendorf stand mit ernster Miene am Fenster. Der in seinem spätherbstlichen Gewande recht unfreundliche Garten schien noch immer seine besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Ueber seine Zeitung hinweg betrachtete der General vom Sofa her den wortkargen jungen Mann. Es war nicht mehr jenes behagliche, fast geschmeichelte Lächeln auf seinem Gesicht, mit welchem er vorhin den sporenklirrend eintretenden Engelbert begrüßt hatte. Und die Verlegenheit der väterlichen Empfindungen erschien vielleicht nicht gar so unerklärlich angesichts des unter Brüdern immerhin merkwürdigen Gegensatzes in der äußeren Erscheinung der beiden. Lothar mochte um fünf Jahre älter sein als Engelbert, wenn schon man auf den ersten Blick den Altersunterschied wohl für bedeutender halten konnte. Er war von kaum mittelgroßer, etwas untersetzter Gestalt, von nachlässiger Haltung und langsamen, ziemlich eckigen Bewegungen. Sein dunkles Haar, das sich an den Schläfen bereits ein wenig zu lichten begann, war schlicht nach hinten gekämmt, und der kurze Vollbart zeigte sich nicht sonderlich kleidsam für das scharf gezeichnete, in den Backenknochen wesentlich zu breite Gesicht. Dies Gesicht hatte freilich ein ungleich klügeres Gepräge als dasjenige des Dragoner-Lieutenants; aber es fehlten ihm die liebenswürdige Frische, die unwiderstehlich gewinnende Heiterkeit, durch welche Engelbert jedermann für sich einnahm.

„Ich habe noch eine Neuigkeit für Dich, Lothar,“ sagte der General, indem er seine Zeitung mit etwas nervösen Bewegungen zusammenfaltete; jedenfalls hatte er bis dahin auf eine Anrede von seiten seines Sohnes gewartet.

Der andere wandte ihm sofort mit gebührender Artigkeit sein Antlitz zu.

„Eine Neuigkeit?“ fragte er ohne besondere Ueberraschung. „Ich stehe zu Diensten.“

„Bei der gestrigen Trauerfeier für den verstorbenen Generallieutenant von Schlotberg traf ich mit dem Herrn Minister des Innern zusammen, und Seine Excellenz hatte die große Liebenswürdigkeit, sich sogleich Deiner zu erinnern. Dein Gesuch um Entlassung aus dem Verwaltungsdienst hatte ihm bereits vorgelegen, und er konnte nicht umhin, neben seinem freundlichen Bedauern auch seinem Befremden lebhaften Ausdruck zu geben. Er meinte, Du seiest doch wahrlich nicht berechtigt, Dich über Zurücksetzung zu beklagen.“

„Ich erinnere mich nicht, das jemals gethan zu haben, und auch aus der Begründung meines Gesuches dürfte eine solche Klage schwerlich herauszulesen sein.“

„So sind die von Dir angeführten Gründe dem Herrn Minister jedenfalls so wenig einleuchtend erschienen, daß er in ihnen nur leere Vorwände einer gekränkten Eitelkeit erblickte.“

„Ich konnte mich da freilich aus naheliegenden Ursachen nicht ganz unumwunden aussprechen; aber das Ganze ist doch schließlich nur eine Form. Die bloße Kundgebung des Wunsches genügt ja stets, seine Erfüllung herbeizuführen.“

Er sprach sehr ruhig und freundlich, aber ersichtlich ohne besondere Wichtigkeit von der Sache. Der General räusperte sich und blies die Rauchwolken seiner Cigarre mit einer gewissen Heftigkeit in die Luft.

„Hum! – Wenn dies wirkich im allgemeinen üblich ist,“ sagte er nach einer Weile, „so ist das Zögern des Ministers um so ehrenvoller und schmeichelhafter für Dich. Und willst Du wissen, was er mir sagte?“

„Wenn Du es für mittheilenswerth hältst, lieber Vater – gewiß!“

„Er meinte, Deine zeitweilige Verwaltung des Landrathsamtes zu Harthausen habe die unbedingte Anerkennung der vorgesetzten Behörden gefunden und sei in einem besonderen Falle, bei Gelegenheit des großen Arbeiterausstandes, sogar der Gegenstand eines überaus lobenden Berichts des Oberpräsidenten an den Minister gewesen. Seine Excellenz rühmte Deine gründlichen volkswirthschaftlichen Kenntnisse und Deine wiederholt an den Tag gelegte Umsicht und Besonnenheit, die in solchem Maße bei einem jungen Regierungsassessor immerhin sehr selten anzutreffen seien. Und er fügte hinzu, daß Dir nach seinem Ermessen eine rasche und glänzende Laufbahn ziemlich sicher gewesen wäre.“

„Das ist allerdings mehr Freundlichkeit, als ich verdient zu haben glaube. Meine Aufgabe war eine im Grunde recht einfache, und seine Schuldigkeit hätte doch wohl auch jeder andere auf meinem Platze gethan.“

„Mag sein! – Die Größe Deines Verdienstes entzieht sich natürlich meiner Beurtheilung, und das Bedeutsame an der Sache ist ja auch nur, daß es Dein höchster Vorgesetzter war, aus dessen Munde jene Anerkennung kam. Ich hätte am Ende glauben können, daß es ihm in seiner bekannten persönlichen Liebenswürdigkeit nur darum zu thun sei, mir etwas Angenehmes zu sagen; aber er lieferte mir den Beweis für die Ernsthaftigkeit seiner Worte damit, daß er hinzufügte, es bedürfe nur einer einfachen schriftlichen oder mündlichen Mittheilung, um ihn Dein Entlassungsgesuch als überhaupt nicht vorhanden ansehen zu lassen. Nun, was sagst Du dazu, Lothar?“

„Ich sage, lieber Vater, daß der Minister in der That ein ausnehmend liebenswürdiger Herr sein muß.“

„Und das ist alles? – Wärest Du etwa verblendet genug, den deutlichen Wink zu mißachten, der Dir von so hoher Stelle gegeben wird?“

„Es würde wahrlich sehr wenig von der Umsicht und Besonnenheit, die mir Seine Excellenz nachgerühmt hat, beweisen, wenn irgend ein freundlicher Wink imstande wäre, einen nach reiflicher Ueberlegung und nicht ohne Kampf gefaßten Entschluß übern Haufen zu werfen. Ich bin dem Minister für seine gute Meinung gewiß von Herzen dankbar; aber ich sehe darin keinen Grund, meine Zukunftspläne zu ändern.“

Der General warf seine halb gerauchte Cigarre mit einer ärgerlichen Handbewegung in die Aschenschale.

„Das ist ein Eigensinn, wie man ihn in der That nur von Dir erwarten kann!“ sagte er in ausbrechendem Unmuth. „Läßt sich eine größere Narrheit denken, als die, eine ehrenvolle und aussichtsreiche Laufbahn mit der denkbar ödesten und langweiligsten zu vertauschen? – Und das ohne jeden halbwegs verständigen Grund!“

Lothar bewahrte sich unverändert seine freundliche Ruhe, die für den sichtlich erregten General allerdings etwas verletzend Ueberlegenes haben mochte.

„Unsere Ansichten über die Verständigkeit meiner Gründe gehen eben auseinander, lieber Vater! Du hältst für Eigensinn und Unvernunft, was mir als eine Forderung der Pflicht und als ein Gebot meiner Mannesehre erscheinen muß. Auch ich bin ja keineswegs blind für die lockenden Aussichten, die sich mir in dem Verwaltungsdienste aufthun können, und der Gedanke, vielleicht [234] dereinst auf hohem Posten eine weitgreifende und nutzbringende Thätigkeit entfalten zu dürfen, hat gewiß sehr viel Verführerisches für mich. Aber der Lohn ist doch nicht glänzend genug, als daß ich ihn mit dem Opfer meiner Ueberzeugung, mit der Drangabe meiner persönlichen Willensfreiheit erkaufen möchte. Ich kann nicht das ausführende Werkzeug von Maßnahmen sein, die ich nicht zu billigen vermag.“

„Die Politik der gegenwärtigen Regierung hat nicht Deinen Beifall – ich weiß, ich weiß! Und es ist ja möglich, daß Du im Rechte bist! Ich kümmere mich nicht um die Politik und ich verstehe nichts davon. Aber glaubst Du wirklich, daß ich während meiner langen Dienstzeit mit den Anordnungen und Befehlen meiner militärischen Vorgesetzten ausnahmslos einverstanden gewesen wäre? Und begreifst Du nicht, daß wir weder eine starke, tüchtige Armee noch eine regelrecht arbeitende Staatsmaschine haben könnten, wenn nicht das oberste Gesetz für den einzelnen lautete: Manneszucht und Gehorsam bis zur Selbstverleugnung?“

„Eben weil ich es begreife und weil ich für diese willenlose Unterwerfung nicht geschaffen bin, tauge ich zum Verwaltungs-Beamten so wenig, als ich zum Soldaten taugen würde. Es mag sein, daß dies eine angeborene Schwerfälligkeit ist; aber ich kann mich nun einmal bei keiner meiner Handlungen, gleichviel ob sie eine dienstliche oder außerdienstliche ist, des Bewußtseins persönlicher Verantwortlichkeit entschlagen. Und wie sollte ich vor meinem Gewissen verantworten, was ich aus ehrlicher Ueberzeugung verurtheilen muß?“

Der General stand auf und machte ein paar Schritte über den Teppich. „Ist denn ein Regierungsassessor oder ein Landrath heutzutage berufen, so überaus bedeutsame und folgenschwere Dinge zu verrichten, wie man nach Deiner Darstellung beinahe glauben möchte? Ich erlaube mir, das zu bezweifeln, und ich meine, Du könntest es immerhin noch eine Weile mit ansehen, ohne von dem Gefühl Deiner Verantwortlichkeit erdrückt zu werden. Nichts ist dauernd in der Welt, und Regierungssysteme sind es gewiß am allerwenigsten! – Bis Du es zum Oberpräsidenten oder auch nur bis zum Geheimen Regierungsrath gebracht hast, weht der Wind vielleicht längst aus einer ganz anderen Richtung. Ich für meine Person wünsche mir freilich nicht, das zu erleben; aber ich bin doch nicht so thöricht, es darum für weniger wahrscheinlich zu halten.“

„Es ist mir unmöglich, eine solche Wendung abzuwarten, unmöglich schon deshalb, weil ich es für pflichtwidrig halten müßte. Die Regierung hat doch wohl ein Recht, zu erwarten, daß jeder ihrer Beamten seine Pflicht nicht nur dem Buchstaben nach und mit innerem Widerstreben, sondern freudig und mit ganzem Herzen erfülle. Bei dieser oder jener Gelegenheit – wie bei dem Arbeiterausstande – vermochte ich das wohl zu thun, in anderen Fällen aber würde ich dazu nicht mehr imstande sein. Glaubst Du wirklich, Vater, daß der Minister mein Verbleiben im Dienste noch länger wünschen würde, wenn er das wüßte?“

„Ich glaube nichts, als daß dies von allen Dummheiten, welche Du in Deinem Leben gemacht hast, die größte ist! Und ich prophezeie Dir, daß die Reue kommen wird, wenn es zu spät ist, das Geschehene ungeschehen zu machen. Sitzest Du erst einmal als Amtsrichter mit grauen Haaren auf irgend einem Neste draußen, so wirst Du nicht ohne bittere Wehmut daran denken, daß Du auf dem anderen Wege inzwischen vielleicht zum Regierungs-Präsidenten aufgestiegen wärest.“

„Das fürchte ich nicht; denn das Bild, welches Du mir da entrollst, hat durchaus nichts Schreckhaftes für mich. Von allen Ansprüchen, die ich an meine künftige Lebensstellung erhebe, ist der vornehmste der, daß sie mich niemals zwinge, mir selber untreu zu werden.“

„Und bist Du so sicher, davor in einem richterlichen Amte immer bewahrt zu bleiben? Hast Du noch nie erfahren, daß es in einem Menschenleben auch andere Einflüsse giebt, die uns mit Ehre und Gewissen in Widerstreit bringen können, als dienstliche Vorgesetzte und Gehorsam heischende Befehle?“

„Nein, Vater, an solche Einflüsse glaube ich nicht, oder ich bin doch wenigstens gewiß, ihnen niemals zu unterliegen.“

„Nun, Du seltenes Muster eines unbestechlichen und überzeugungsstarken Mannes, so gehe denn meinetwegen hin und thue, was Dir beliebt. Ich kann ja am Ende noch froh sein, wenn mein Barbier nicht seine Prozesse durch einen Rechtsanwalt von Brenckendorf führen lassen kann.“

Lothar wurde der Nothwendigkeit einer Erwiderung durch den eintretenden Diener enthoben, der dem General eine Visitenkarte überreichte.

„Aeh!“ machte Seine Excellenz in einem augenscheinlich nicht sehr angenehmen Erstaunen, als er einen Blick auf den Namen geworfen hatte. „Führen Sie den Herrn in die Bibliothek!“

Und als der Diener hinaus war, wandte er sich an Lothar.

„Auch eine sehr hübsche Ueberraschung! Wolfgang von Brenckendorf! Der Thunichtgut, den mein bedauernswerther Vetter vor fünf Jahren über Hals und Kopf nach Amerika befördern mußte, weil die Lieutenantsstreiche des jungen Herrn einen sehr bedeuteten Charakter anzunehmen begannen. Ich bin in der That neugierig, zu erfahren, auf welche Wege der Junge zuguterletzt gerathen ist.“

Er schloß ein paar Knöpfe seines Uniformrockes und ging mit den elastischen Schritten eines Jünglings in straffer Haltung aus dem Gemache.

Der Besucher erwartete ihn in dem mit wohlgefüllten Bücherschränken reichlich ausgestatteten geräumigen Bibliothek-Zimmer. Die vornehme Erscheinung des jungen Mannes und die Sicherheit seiner Haltung bildeten sichtlich eine kleine Ueberraschung für den General; aber als ein Mann von guter Erziehung ließ er in seiner Begrüßung davon ebenso wenig merken als von dem Mißtrauen, das er noch soeben Lothar gegenüber an den Tag gelegt hatte.

„Das ist wahrhaftig ein unerwarteter Besuch!“ sagte er in einem Tone, der zwar ohne besondere Herzlichkeit, doch keineswegs kühl und unfreundlich war. „Sie werden mir glauben, lieber Wolfgang, daß er darum nicht weniger willkommen ist!“

Er hatte ihm die Hand geboten, sie jedoch nach flüchtiger Berührung sogleich wieder zurückgezogen. Auch war es unzweifelhaft nicht ohne besondere Absicht geschehen, daß er statt des verwandtschaftlichen „Du“ das förmlichere „Sie“ in der Anrede gewählt hatte. Wolfgang aber nahm an diesen kleinen Zeichen der Zurückhaltung augenscheinlich nicht den geringsten Anstoß. Seine Stimme klang heiter und unbefangen, als er erwiderte: „Nach diesem freundlichen Empfang wäre es undankbar, daran zu zweifeln, und ich freue mich von Herzen, lieber Onkel, Sie so jugendlich frisch und rüstig vor mir zu sehen. Vor neun oder zehn Jahren wurde mir dies Vergnügen zum letzten Male zutheil, und – abgesehen von den Generalsabzeichen – hat sich in Ihrer Erscheinung inzwischen kaum irgend etwas verändert.“

Der General strich sich mit der Rechten durch das dichte weiße Haupthaar.

„Der Schnee des Alters ist auch auf meinen Scheitel gefallen,“ sagte er, „aber das ist nun einmal Menschenschicksal, und ich bemühe mich, es mit leidlichem Humor zu ertragen. Uebrigens bin ich sehr geneigt, Ihnen Vorwürfe zu machen, daß Sie während der letzten Jahre niemals von sich hören ließen. Es ist Ihnen drüben geglückt – wie es scheint.“

„Ich bin zufrieden! – Mit gesunden Armen und gesundem Verstande arbeitet man sich schließlich immer wieder empor.“

„Gewiß – gewiß!“ bestätigte der General höflich. „Alle Wege führen nach Rom! Und Sie trugen nun begreiflicherweise auch einmal Verlangen, die alte Heimath wiederzusehen?“

„Ich sehnte mich herzlich danach! – Wir Deutsche lassen doch immer einen Theil unserer Seele im Vaterlande zurück.“

„Sie werden uns während Ihres Verweilens in Berlin selbstverständlich recht oft besuchen, lieber Wolfgang! Auf wie lange haben Sie sich denn von der neuen Welt beurlaubt?“

„Auf immer, lieber Onkel, wie ich hoffe!“

Der General räusperte sich und seine Haltung wurde um ein Geringes steifer als zuvor.

„Wer unabhängig genug ist, seinen Wohnsitz so ganz nach Belieben wählen zu können, der verdient wahrhaftig, daß man ihn beneidet!“

„Es ist natürlich ein Wagniß; aber ich hoffe, es wird gelingen! Ganz ohne Nutzen habe ich ja am Ende nicht zugesehen, wie meine amerikanischen Fachgenossen es anfangen, zu Praxis und Vermögen zu kommen.“

„So haben Sie sich also doch der ärztlichen Wissenschaft wieder zugewendet? – Ja, ja, man kommt immer wieder auf seine erste Liebe zurück.“

„Na, wie man’s nehmen will! Von einer alten Liebe war bei mir nicht gerade viel die Rede. Auch trifft Ihre Vermuthung [235] nur mit einer kleinen Einschränkung zu, lieber Onkel. Ich habe mir nämlich ein Sondergebiet ausgesucht, auf welchem die Schützlinge Aeskulaps weniger als auf allen anderen im Dunkeln tappen, das einzige, das uns gestattet, die Mängel der Natur, wenn nicht zu ersetzen, so doch vollständig zu verdecken.“

„Und dies Gebiet? – Sie müssen einem Laien zugute halten, daß er solche Unterscheidungen nicht gleich versteht. Die Chirurgie vielleicht – ?“

„Nein – die Zahnheilkunde!“

„Die Zahn – ah, Sie spaßen, bester Wolfgang!“

„Gewiß nicht! Und ich habe mir eine ganz neue Art von Abhäsionsgebissen gesetzlich schützen lassen, die, wie ich hoffe, der Menschheit mindestens ebenso viel Nutzen bringen werden, als alle Schätze der Apotheken.“

„Das ist – das ist wirklich überraschend! Vermuthlich wollen Sie sich nun an irgend einem kleineren Orte niederlassen, um Ihre Kunst zu üben?“

„Gott bewahre! Ich könnte nichts Verfehlteres thun als das! Es ist mir ja nicht um ein kleines, bescheidenes Dasein zu thun, sondern mein zahnärztlicher Ehrgeiz schweift ins Ungemessene, und nur hier in Berlin ist an seine Befriedigung zu denken. Der Anfang ist sehr verheißungsvoll, denn ich hatte das Glück, sogleich eine Wohnung zu finden, die sich vortrefflich für meine Zwecke eignet. Der Graf Wendenstein hat mir heute morgen den ersten Stock seines Hauses Unter den Linden vermiethet. Fünfzehn nette Zimmer, und nach amerikanischen Begriffen lächerlich billig, denn er verlangt nur sechstausend Thaler für das Jahr.“

Der General von Brenckendorf gab immer deutlichere Zeichen einer Unruhe, die ihn ersichtlich kaum noch auf seinem Ledersessel duldete. Das verbindliche Lächeln auf seinem Gesicht hatte etwas Erzwungenes und Verzerrtes wie das Lächeln einer Ballettänzerin, die eben ein Dutzend der anstrengendsten Kunststücke hinter sich hat.

„Sehr preiswürdig in der That!“ bestätigte er mechanisch.

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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 9, S. 261–270

[261] Nach einem kleinen Schweigen fügte der General mit Anstrengung hinzu: „Haben Sie auch bereits darüber nachgedacht, wie – wie Sie sich künftig nennen werden?“

Wolfgang sah ihn mit gut gespieltem Erstaunen an.

„Wie ich mich nennen werde? – Ja so, Sie glauben vielleicht, daß hier zu Lande ein akademischer Titel unerläßlich sei. Nun, ich habe mir allerdings drüben ganz ordnungsmäßig meinen Doktorhut erworben, aber da man mir sagt, daß die deutschen Gerichte einiges Vorurtheil gegen amerikanische Doktoren hätten, werde ich freiwillig darauf verzichten, ihn aufzusetzen. Am Ende kommt es doch auf die Geschicklichkeit an, nicht auf den Titel, und ich habe keine Lust, wegen des alten Zopfes in einen Zwiespalt mit der wohlweisen Obrigkeit zu gerathen.“

„Sehr richtig!“ stimmte der General mit gesteigerter Artigkeit zu. „Aber es war eigentlich nicht das, was ich meinte. Ist es denn in Amerika schon etwas Gewöhnliches, Zahnärzte von altem Adel berufsmäßig thätig zu sehen?“

„Etwas Gewöhnliches gerade nicht!“ erwiderte Wolfgang heiter. „Man findet die Schiffbrüchigen aus unseren Gesellschaftskreisen dort mehr unter den Kellnern und Lohnkutschern. Aber das Ungewöhnliche kam mir eben zu statten.“

Der alte Herr rückte etwas näher, und mit einer liebenswürdigen Vertraulichkeit, wie er sie im bisherigen Verlaufe der Unterhaltung nicht gezeigt hatte, sagte er:

„Hier liegen die Dinge natürlich anders, und ich brauche wohl nicht daran zu zweifeln, daß Sie den Rücksichten auf Ihre Familie ein wenig Rechnung tragen werden. Das Adelsprädikat wenigstens dürfte Ihnen in Ihrem neuen Beruf eher lästig als förderlich sein.“

Wolfgang nahm die unverkennbare Besorgniß des Generals noch immer von der scherzhaften Seite.

„Ich kann das nicht gerade einsehen; aber ich würde auf das kleine ‚von‘ und auf meinen angestammten Freiherrntitel vielleicht wirklich kein besonderes Gewicht legen, wenn mich nicht gerade die Rücksicht auf meine Familie veranlaßte, beides beizubehalten.“

Der General lehnte sich in seinen Stuhl zurück, und das verbindliche Lächeln war plötzlich ganz und gar von seinem Gesicht verschwunden.

„Sie entschuldigen, wenn ich nicht mehr das Vergnügen habe, Sie zu verstehen.“

„Aber Sie werden mir zustimmen, lieber Onkel, sobald Sie mich verstanden haben. Ich habe eine Schwester, die seit dem Tode unserer Eltern ausschließlich auf mich als auf ihren natürlichen Beistand angewiesen ist, und deren berechtigten [262] Ansprüchen an das Leben ich vor allem anderen die gebührende Berücksichtigung zutheil werden lassen muß.“

„Hum! – Ja – ganz recht! – Ein allerliebster kleiner Blondkopf! – Ich erinnere mich ihrer sehr gut! Sie muß etwa in dem Alter meiner Tochter Cäcilie sein.“

„Neunzehn Jahre – und mit siebzehn Jahren hat sie sich bereits auf die eigenen Füßchen gestellt. Sie mußte es wohl, denn ich hatte ja selbst noch um meine Stellung in der Welt zu kämpfen, und es war niemand da, der ihr für das verlorene Vaterhaus einen Ersatz geboten hätte.“

Er sprach ohne alle Anzüglichkeit; aber der General hatte doch Mühe, seine Verlegenheit zu verbergen.

„Ah – was Sie sagen, lieber Wolfgangl Ich glaubte die Kleine natürlich wohl aufgehoben und gut versorgt. Wenn es so stand, warum in aller Welt hat sie sich denn niemals an mich gewendet?“

„Gestatten Sie mir, als Erwiderung darauf ihre eigenen Worte anzuführen! Auch ich richtete gestern eine ähnliche Frage an sie, und sie antwortete mir etwa: ‚Die Verwandten sind reich und ich bin arm! Ihre Sache war es darum, mich zu suchen, nicht die meinige, mich ihnen aufzudrängen‘.“

Diese freimüthige Auskunft konnte den General nicht sehr angenehm berührt haben; aber er war eben ein Mann von ausgezeichneter Erziehung.

„Meine kleine Nichte ist, wie es scheint, eine sehr charaktervolle junge Dame. Und sie hat recht, vollkommen recht. Ich werde mich beeilen müssen, ihre Vergebung zu erlangen. Das Suchen aber, lieber Wolfgang, werden Sie mir wohl ersparen!“

„Meine Schwester ist seit zwei Jahren in Berlin! Unter der feierlichen Versicherung, daß sie keine Noth zu leiden habe, verbat sie sich stets aufs nachdrücklichste jede Geldunterstützung, die ich ihr anbot, und ich konnte mich gestern durch den Augenschein überzeugen, daß sie mich nicht belogen hat. Sie leidet wirklich keine Noth, denn sie bemalt Photographien und Ballfächer für irgend ein hiesiges Geschäft.“

Der General rückte unbehaglich auf seinem Stuhl; der junge Zahnarzt aber fuhr in seiner leichten, gelassenen Weise fort:

„Daß mir eine Fortsetzung dieser ersprießlichen Thätigkeit indessen nicht erwünscht sein kann, ist wohl begreiflich! Ihre Jugend, ihre Erziehung und ihre Herkunft geben meiner Schwester ein Recht darauf, sich in der Gesellschaft zu bewegen und die Annehmlichkeiten des Daseins zu kosten. Wenn ich sie jetzt in mein Haus aufnehme, wie es doch das Nächstliegende und Natürlichste ist, so kann ich mein Adelsprädikat nicht ablegen, ohne Marie zu gleichem Verzicht zu zwingen, und ich sehe wahrhaftig keinen ausreichenden Grund, ihr ein solches Opfer zuzumuthen. Das ist es, lieber Onkel, was ich unter den Rücksichten auf meine Familie verstehe.“

„Sehr ehrenwerth und sehr brüderlich! – Aber – aber sollte sich da nicht dennoch irgend ein annehmbarer Ausweg finden lassen?“

„Ein Ausweg – ich wüßte nicht –“

„Nun, in dem Hause eines Junggesellen – und Sie sind doch unverheirathet? – ist am Ende kaum der rechte Platz für eine junge Dame. Sie bedarf des Anschlusses an eine Familie, der mütterlichen Fürsorge und Leitung. Bei der aufrichtigen Freundschaft, die mich mit meinem wackeren Vetter verband, ist es fast selbstverständlich, daß ich mit Freuden bereit bin, ihr im Kreise der Meinen ein solches Heim zu bieten. Wenn sie selber einverstanden ist, soll sie mir als liebe Hausgenossin hoch willkommen sein, und ich glaube fast, sie wird unter unserem Schutze rascher den gebührenden Platz in der Gesellschaft erhalten als unter dem Ihrigen. Muß ich Sie versichern, daß ich mit solchem Erbieten nicht bis zu dieser Stunde gewartet haben würde, wenn ich von der Lage der Dinge auch nur die leiseste Ahnung gehabt hätte?“

Der blonde Vollbart verbarg dem General das feine Lächeln, das für einen Augenblick um die Lippen des jungen Mannes zuckte.

„Ich bin aufs freudigste überrascht von einem so großmüthigen Beweis Ihrer verwandtschaftlichen Gefühle, lieber Onkel, und ich zweifle nicht, daß Marie diese Empfindung theilen wird. Aber ich vermuthe fast, daß Sie geneigt sind, mir eine Bedingung zu stellen.“

„Wenn es Ihnen gefällt, meiner Bitte diesen Namen zu geben – ja! Die gesellschaftlichen Beziehungen, welche mit meinem militärischen Range nothwendig verknüpft sind, legen mir, gegen meinen Willen, gewisse Rücksichten auf, und –“

„Und es verträgt sich nicht mit diesen Rücksichten, daß jeder Hoflakai sich bei einem Ihrer Verwandten künstliche Zähne machen lassen könne, vorausgesetzt, daß er imstande sei, sie zu bezahlen. Nun, ich bemerkte bereits, daß ich nur um meiner Schwester willen der Freiherr zu bleiben wünschte. Willigt Marie ein, sich unter Ihren Schutz zu stellen, so braucht meinetwegen niemand zu erfahren, daß der Zahnarzt Brenckendorf ein Neffe Seiner Excellenz des kommandierenden Generals von Brenckendorf sei. Ich würde alsdann, wenn auch natürlich mit schwerem Herzen, sogar auf das Vergnügen verzichten, Ihrer freundlichen Einladung zu häufigem Besuch Folge zu leisten, und ich würde mir nur die Ausstattung meiner Schwester mit einem angemessenen Taschengelde vorbehalten.“

Er hatte sehr ruhig und leichthin gesprochen; es war auch nicht das geringste Anzeichen des Gekränktseins in seinem Benehmen. Bei den letzten Worten war er aufgestanden, und auch der General erhob sich, um ihm mit unverkennbarer Erleichterung die Hand zu schütteln.

„Wir armen Menschen sind eben jederzeit die Sklaven der Verhältnisse,“ sagte er, „und dem bescheidensten Bürgersmann mag es leichter fallen, sich zu ihrem Herrn zu machen als uns! – Sie werden also die Güte haben, mir die Adresse Ihrer Schwester zu geben und sie in geeigneter Weise auf meinen baldigen Besuch vorzubereiten. Alles weitere muß sich dann fügen, wie die Umstände es eben gestatten. Nur wäre es vielleicht von allseitigem Vortheil, wenn meine kleine Nichte in Ihrem so lobenswerthen Entschlusse nicht gerade das Ergebniß eines zwischen uns getroffenen Abkommens erblickte. Sie verstehen mich wohl, lieber Wolfgang?“

„Vollkommen! – Und ich bin ganz Ihrer Ansicht; denn es unterliegt nicht dem mindesten Zweifel, daß sie Ihre Güte unbedenklich ablehnen würde, wenn sie von dem Inhalt unseres Gespräches Kenntniß erhielte.“

Der General mochte finden, daß das etwas grob sei; aber wenn ihm eine Erwiderung auf der Zunge gelegen hatte, so schluckte er sie doch unausgesprochen hinunter. Er machte Miene, seinen Besucher hinaus zu geleiten; aber sie hatten die Thür noch nicht erreicht, als dieselbe ziemlich ungestüm von außen geöffnet wurde, um Cillys zierliche und behende Gestalt hereinschlüpfen zu lassen. Sie hatte ein allerliebstes Plüschjäckchen von sehr lebhafter blauer Farbe, das mit dem Fell des Silberfuchses besetzt war, angelegt, und ein dazu passendes Barett saß keck auf dem dunklen, kurzlockigen Köpfchen.

„Du sollst Schiedsrichter sein, Papa! Dieser unartige Dragoner, der doch selber so blau ist wie ein wandelnder Vergißmeinnichtstrauß, behauptet, die blaue Farbe stände mir entsetzlich zu Gesicht. – Ach, Verzeihungl Ich habe nicht gesehen, daß Du Besuch hast!“

In lebhafter Verwirrung wollte sie sich zurückziehen; doch Wolfgang verhinderte sie daran, indem er lächelnd sagte:

„Wer auch immer der ungalante Dragoner sein mag, liebe Cousine – ich behaupte auf jede Gefahr hin, daß er zum Schönheitsrichter gänzlich untauglich ist.“

Die junge Dame machte große Augen; der General aber der seinen Verdruß über den kleinen Zwischenfall bei aller Selbstbeherrschung nur unvollkommen zu verbergen vermochte, sagte vorstellend:

„Wolfgang von Brenckendorf – Du erinnerst Dich wohl! – Meine Tochter haben Sie ja, wie ich sehe, bereits erkannt!“

Cilly betrachtete den Vetter, der so unerwartet ins Haus geschneit war, mit einem neugierigen Blick.

„Natürlich erinnere ich mich. Er hat mich ja einmal zwei Stunden lang in die Speisekammer eingesperrt, weil ich seine Schwester Marie gekratzt haben sollte. Als mich die Tante befreite, hatte ich aus Rache einen ganzen Topf voll eingemachter Kirschen leer gegessen und war dann zwei Tage sterbenskrank. Solche Ereignisse vergißt man niemals! Aber erkannt hätte ich ihn freilich nicht!“

Vielleicht erschien dem General die Auffrischung dieser Erinnerungen aus der Kinderzeit als eine nicht ganz angemessene Vertraulichkeit, denn noch ehe Wolfgang eine Antwort geben konnte, beeilte er sich, einzuwerfen:

„Unser junger Verwandter ist vor einigen Tagen aus Amerika zurückgekehrt, weil er die Absicht hat, sich in Berlin als Zahnarzt niederzulassen.“

[263] Er hatte die Bezeichnung des Berufs unwillkürlich noch etwas stärker betont, als es wohl seine Absicht gewesen sein mochte, und um Wolfgangs Lippen zuckte wieder das vorige leicht spöttische Lächeln.

„Als Zahnarzt?“ – Cilly lachte hell auf, so daß ihr eigenes, prächtiges Gebiß elfenbeinweiß zwischen den frischen, rothen Lippen hervorschimmerte. „Das ist ja furchtbar drollig! – So werden Sie also einen Kasten vor dem Hause haben mit der Aufschrift: ‚Keine Zahnschmerzen mehr! – Und künstliche Zähne schon von zwei Mark an!‘“

„Ganz so wohlfeil werde ich es allerdings schwerlich machen – ausgenommen für meine weiblichen Verwandten, die ich selbstverständlich mit Vergnügen umsonst behandle.“

„Ich danke für das freundliche Anerbieten, und ich werde mich desselben seiner Zeit erinnern – so nach vierzig oder fünfzig Jahren. – Aber was macht Ihre Schwester? Ist sie noch immer so blond und hat sie noch immer ein so eisernes Köpfchen wie damals?“

„Wir werden an einem der nächsten Tage das Vergnügen haben, sie als Gast bei uns zu sehen,“ fiel der General ein, „da werdet Ihr Zeit genug haben, von Euren gemeinsamen Abenteuern zu plaudern.“

„Ach, das ist reizend! – Sagen Sie ihr, Vetter, daß ich mich ausnehmend darauf freue! – Aber eigentlich ist es doch komisch, daß wir uns hier so förmlich –“

„Was haben Sie, Friedrich?“ herrschte der General den eben eintretenden Diener an, und seine Stimme war ohne jeden ersichtlichen Grund mit einem Male so laut, daß sie den Schluß von Cillys Rede völlig übertönte.

„Seine Durchlaucht der Prinz Lamoral von Waldburg wünschen Excellenz seine Aufwartung zu machen,“ stotterte der Bursche in großer Bestürzung. Cilly aber stieß einen kleinen Schrei der Ueberraschung aus und flüchtete hinter den großen Schreibtisch des Vaters.

„Laß ihn um Gotteswillen nicht hier herein, Papa!“ bat sie. „Ich muß mich doch erst umziehen! Wenn er mich bei zwölf Grad Wärme in diesem winterlichen Aufzuge sieht, glaubt er ja ohne Zweifel, ich habe den Verstand verloren.“

Sie hatte den zahnärztlichen Vetter offenbar vollständig vergessen, und Wolfgang war großmüthig genug, den General aus einer peinlichen Verlegenheit zu befreien.

„Ich habe also die Ehre, mich zu empfehlen!“ sagte er rasch und verließ mit einer kleinen, unbeachteten Verbeugung gegen Cilly noch vor dem Diener das Gemach.

In dem Empfangssaal, welchen er durchschreiten mußte, sah er den Gemeldeten in strammer dienstlicher Haltung stehen. In der glänzenden, ritterlichen Uniform, mit dem blitzenden Silberhelm unter dem Arm, machte der Gardekürassier trotz seiner etwas faden und verlebten Züge und des allzu zierlich aufgesetzten Schnurrbärtchens eine Erscheinung, die immerhin geeignet war, blendend und bestechend auf das Herz eines jungen Mädchens zu wirken. Seine ausdruckslosen, wässerig blauen Augen glitten über die Gestalt des ihm unbekannten Civilisten hinweg, als wäre statt desselben nur ein Schatten durch das Zimmer gewandelt, und Wolfgang sah sich nicht veranlaßt, den Bann dieser fürstlichen Unnahbarkeit zu durchbrechen.

Er hatte den Vorplatz bereits erreicht, als ihm raschen Schrittes der älteste Sohn des Hauses nacheilte.

„Wie, Du willst gehen, ohne mir auch nur die Hand zu drücken? – Ist das freundschaftlich, mein alter Junge?“

Mit einem freudigen Aufleuchten in den Zügen wandte sich Wolfgang nach ihm um; aber er zögerte geflissentlich, in die dargebotene Rechte einzuschlagen.

„Entschuldige, lieber Lothar, aber Du weißt wohl noch nicht, daß ich so tief gesunken bin, ein Zahnarzt zu werden?“

Verständnißlos sah ihm der Regierungsassessor ins Gesicht.

„Nun – und –? – Ist das nicht dasselbe, als wenn Du Staatssekretär der Vereinigten Staaten geworden wärest? Hat das irgend etwas mit unserer alten Freundschaft zu schaffen?“

„Na, ganz dasselbe ist es ja vielleicht nicht; aber wenn Du wirklich findest, daß das mit unserer Freundschaft nichts zu schaffen hat, so laß Dich brüderlich umarmen, mein alter, ehrlicher Lothar!“

„Und Du rauchst noch eine Cigarre bei mir, nicht wahr? Keine Abhaltung kann so dringend sein, daß Du mir diese erste halbe Stunde entziehen müßtest!“

Wolfgang sah auf die Uhr.

„Begnügen wir uns für diesmal mit zwanzig Minuten! Mein Schwesterchen erwartet mich, denn sie hat mir versprochen, mit mir zu speisen!“

Er folgte dem Regierungsassessor in sein auffallend einfach ausgestattetes, mit Büchern überfülltes Zimmer, und genau zwanzig Minuten später geleitete ihn Lothar bis zur Hausthür, um sich dort mit herzlichem Händedruck von ihm zu verabschieden.

„Auf Wiedersehen also!“

„Auf baldiges Wiedersehen!“ fügte Lothar hinzu. „Und grüße mir Deine Schwester! Sie hat mich hoffentlich nicht in gar zu schlechtem Andenken behalten!“

Als Wolfgang auf die Straße hinaustrat, stand der Wagen des Prinzen mit den beiden feurigen Graditzer Hengsten, mit dem unbeweglichen, wie in Bronze gegossenen Kutscher auf dem Bock und dem glattrasierten Diener am Wagenschlage, noch immer vor dem Gartengitter der Villa.




„Also es bleibt dabei! – Entweder ich kann Sie heute noch bei der Revierpolizei anmelden, wie es sich gehört, oder Sie verlassen bis zum Abend die Wohnung!“

Ohne eine Erwiderung abzuwarten, rauschte das kleine schiefe Fräulein Engelhardt aus dem Zimmer, und man konnte das Rascheln ihres Seidenkleides vernehmen, bis sie an das Ende des finsteren Ganges gelangt war, wo ihre eigene jungfräuliche Kemenate lag.

Joseph Hudetz starrte ihr unbeweglich nach, den Kopf gegen die rechte Schulter geneigt und die Krempe seines weichen Filzhutes in den Händen zerknüllend. Die ängstliche Spannung in seinen Zügen wich allgemach einem Ausdruck müder Hoffnungslosigkeit, und er sah so verfallen und greisenhaft aus wie ein Sterbender.

„Also weiter!“ murmelte er endlich. „Weiter! – Gott weiß – wohin!“

Er fing an, das Wenige, was von seinen Habseligkeiten im Zimmer umherlag, in einen kleinen, mit grauem Segelleinen überzogenen Handkoffer zu packen. Bürsten, Kämme, ein Päckchen Leibwäsche und ein Stoß beschriebener Blätter bildeten augenscheinlich seinen ganzen Besitz, und nur auf die Unterbringung der letzteren verwendete er einige Sorgfalt. Als er fertig war, ging er zur Thür und lauschte auf den Gang hinaus. Es war ganz still, und man hörte deutlich den Schlag einer Fabrikuhr, die irgendwo in der Nähe die abgelaufene Stunde anzeigte.

„Zwölf Uhr!“ sagte Hudetz vor sich hin. „Sie wird gleich herauskommen.“

Aber er mußte fast noch eine Viertelstunde lang in seiner unbequemen Stellung verharren, das Auge dicht an den schmalen Spalt der nur wenig geöffneten Thür gedrückt, ehe Marie von Brenckendorf drüben aus ihrem Zimmer trat. Er rührte sich nicht und hielt sogar den Athem an, als fürchtete er, sich durch das Geräusch desselben zu verrathen. Von seinem Platze aber wich er nicht eher, als bis er trotz der gespanntesten Aufmerksamkeit den Klang ihres leichten, auf der Treppe verhallenden Schrittes nicht mehr vernehmen konnte.

„Zum letzten Male!“ murmelte er, das Haar zurückstreichend, welches ihm wirr über die Stirn gefallen war. „Ob sie es wohl bemerken wird, wenn ich nicht mehr da bin?“

Er steckte den keinen Kofferschlüssel ein und ging, seine Habe vorläufig zurücklassend, mit den eigenthümlich lautlosen, schleichenden Schritten, die ihm zur Gewohnheit geworden waren, von dannen.

Unentschlossen blieb er eine Weile an der nächsten Straßenecke stehen; dann stieg er auf das Verdeck eines vorüberrasselnden Omnibus, der ihn bis in den äußersten Nordwesten Berlins, den sogenannten Wedding, führte. Hier in der Nachbarschaft der großen Maschinenfabriken lebt eine fast ausschließlich aus Arbeitern und kleinen Handwerkern bestehende Bevölkerung; die Häuser sind zum größten Theil gewaltige, fünfstöckige Mietskasernen, und wenn die nach der Straße gelegenen Fassaden hier und da sogar den heuchlerischen Anstrich einer gewissen Zierde und Behaglichkeit [264] haben, so grinst dafür aus jedem von den zahllosen Fenstern der himmelhohen Hinterhäuser die nackte Armuth in ihrer abstoßendsten Gestalt.

Hudetz verließ seinen hohen Sitz und ging langsam an den Häusern des Weddingplatzes und einiger benachbarter Straßen dahin. Fast über jedem Hausthor war eine Unzahl von Zetteln befestigt, auf denen Schlafstellen für Männer oder Mädchen angeboten wurden; aber nur vereinzelt fand sich die vornehmere Ankündigung, daß in dem oder dem Stockwerk ein möblirtes Zimmer zu vermiethen sei.

Wo er eine solche Ankündigung entdeckte, blieb Hudetz zaudernd stehen, musterte das Haus und seine nächste Umgebung mit ängstlich mißtrauischen Blicken und schob sich, wenn ihn nicht aus schwer zu errathenden Gründen irgend eine seiner Wahrnehmungen abschreckte, rasch und scheu in den überall unverschlossenen Thorweg hinein. Aber mit derselben müden und niedergeschlagenen Miene, mit welcher er eingetreten war, kehrte er jedesmal nach Verlauf einer sehr kurzen Zeit auf die Straße zurück. Eine unbegreifliche, räthselhafte Ursache mußte die Schuld daran tragen, daß ihm keines der angebotenen Quartiere zusagte, obwohl ihm doch große und kleine, dürftige und behagliche, wohlfeile und kostspielige gezeigt worden waren.

Der Nachmittag war weit vorgeschritten, und der Himmel, der an den Wochentagen hier überhaupt nur durch einen feinen Schleier von Dunst und Rauch zu erblicken ist, begann sich bereits mit den Schatten der Dämmerung zu verhüllen. Noch immer schlich der Suchende von Haus zu Haus; aber es stand ihm deutlich auf das blasse Gesicht geschrieben, daß er keine Hoffnung mehr auf einen Erfolg seiner Bemühungen habe. Da, an einem der ältesten, häßlichsten Häuser, denen ursprüngliche gelbe Farbe längst unter einer dicken, seit Jahrzehnten nicht mehr entfernten Schmutzkruste verschwunden war, fesselte ein neben dem Thorweg befestigter Zettel seine Aufmerksamkeit. Es war keine von den sonst üblichen, mit großen Buchstaben bedruckten Karten, wie sie die Zimmervermiether für wenige Pfennige bei den Buchbindern erstehen können, sondern ein unregelmäßiger Fetzen schlechten grauen Papiers, auf welchen eine ungelenke, zitterige Hand geschrieben hatte:

„Drei Treppen lings ist eine möhblirte Stuhbe sovort zu fermieten.“

Es war schwer zu begreifen, was gerade an dieser unorthogräphischen Anzeige für Hudetz Verlockendes sein konnte. Er las sie, ging zaudernd ein paar Schritte weiter und kehrte wieder um, um den Zettel abermals und noch genauer als zuvor zu betrachten. Er studirte die steifen Schriftzüge, als könne er sich aus ihnen ein Bild der Person entwerfen, von welcher sie herrührten, und nachdem er wohl fünf Minuten im Anschauen des abgerissenen Fetzens zugebracht hatte, ging er mit größerer Entschlossenheit als bisher in das Haus, um auf der alten, ausgetretenen Treppe, die von den schmalen Flurfenstern nur kümmerliches Licht empfing, bis in das dritte Stockwerk emporzuklimmen.

Die Glocke, deren hölzernen Griff er in Bewegung setzte, gab nur einen heiseren, klappernden Ton, und er mußte denselben noch zweimal erklingen lassen, ehe ihm geöffnet wurde.

Ein großes, hageres, starkknochiges Weib von wenigstens siebzig Jahren stand auf der Schwelle der engen, niedrigen Küche, in welche man von der Stiege aus zuerst gelangte. Ihr weißes Haar war am Hinterkopf nachlässig in einen Knoten zusammengesteckt, aber einige widerspenstige Strähne hingen wirr um das faltenreiche, finster blickende Gesicht. Die Aermel der groben Tuchjacke waren bis weit über die Ellbogen aufgestreift und entblößten zwei rothe knochige Arme, unter deren welker Haut die Adern wie fingerdicke Stränge lagen.

„Was wünschen Sie?“ fragte sie mit rauher, fast männlich tiefer Stimme, ohne dem draußen Stehenden den Eintritt freizugeben. „Ich habe nichts zu verkaufen.“

„Darum ist es mir auch nicht zu thun; aber wenn ich nicht irre, wollen Sie ein Zimmer vermiethen.“

Die tief liegenden, dunkel umränderten Augen der Alten hefteten sich auf ihn mit einem mißtrauischen Blick.

„Ja,“ knurrte sie. „Fünf Thaler monatlich!“

„Der Preis wäre mir nicht zu hoch. Darf ich die Stube sehen?“

Ohne weiter ein Wort zu sagen, ließ sie ihn eintreten und öffnete die Thür, welche aus der Küche in das Nebengemach führte. Die Wohnung bestand augenscheinlich nur aus diesen beiden Räumen.

Obgleich das Zimmer zwei Fenster hatte, ließ sich doch bei der draußen herrschenden Dämmerung nur undeutlich erkennen, wie es mit seiner Einrichtung beschaffen war. Daß dieselbe aber derjenigen in den Gemächern des Fräulein Engelhardt noch um ein Beträchtliches nachstand, unterlag trotzdem keinem Zweifel.

„Es würde für meine Ansprüche genügen,“ sagte Hudetz, der sich vielleicht nur zum Schein umgesehen hatte. „Kann ich noch heute einziehen?“

Ein heftiger Hustenanfall hinderte die Alte, ihm sogleich zu antworten. Als sie wieder zu Athem gekommen war, meinte sie, ohne auf seine letzte Frage einzugehen:

„Die Miethe wird im voraus für den ganzen Monat bezahlt. Auf Winkelzüge und Finten lasse ich mich nicht ein. Ich bin eine arme Frau, die sich für Windbeutel und faule Zahler nicht abrackern kann.“

Er nickte mit freundlicher Zustimmung, als hätte sie ihm in der höflichsten Form ihre Bedingungen mitgetheilt.

„Das ist nur natürlich! - Sie werden sich in dieser Beziehung über mich gewiß nicht zu beklagen haben. Aber –“

„Was aber? – Ist wohl sonst etwas nicht in Ordnung?“

„Ich warte auf meine Ausweispapiere, die mir aus der Heimath zugeschickt werden sollen. Es können noch einige Tage vergehen, ehe sie eintreffen, und weil ich nicht gerne Weitläufigkeiten mit der Polizei haben möchte, wäre es mir lieb, wenn die Anmeldung bis dahin unterbliebe.“

Die Alte ließ einige Laute vernehmen, die wie ein Lachen klangen; aber es bewegte sich dabei keine Muskel in ihrem faltigen Gesicht.

„Das kenn’ ich! – Auf Ihre Papiere würd’ ich wohl bis zum dreißigsten Februar warten können. Aber das ist mir gleichgültig. Um die Polizei schere ich mich den Teufel, und wenn Sie pünktlich bezahlen, brauchen Sie sich um das andere keine grauen Haare wachsen zu lassen. – Wann wollen Sie denn Ihre Siebensachen bringen? Oder haben Sie keine?“

„Nur einen Handkoffer! – Mit Ihrer Eriaubniß stelle ich mich in einer Stunde wieder ein.“

Ehe er ging, legte er den Betrag von fünfzehn Mark in kleinen Silbermünzen auf den mit Wachsleinwand überzogenen Küchentisch. Die Frau zählte ihn nach und bestätigte mit einem stummen Kopfnicken den Empfang. Auf den Gruß aber, mit welchem Hudetz sich entfernte, hatte sie keine Erwiderung. –

Fräulein Engelhardt legte dem Auszuge ihres verdächtigen Miethers keine Schwierigkeiten in den Weg, um so weniger, als er auch hier für den ganzen Monat zahlte, obwohl er die Gastfreundschaft der kleinen schiefen Dame kaum halb so lange in Anspruch genommen hatte.

„Sie werden begreifen, daß ein alleinstehendes Mädchen sich keine Unannehmlichkeiten mit den Behörden bereiten darf,“ sagte sie wie zur Entschuldigung ihrer vorigen Schroffheit. „Es wird einer schutzlosen Dame ohnehin schwer genug gemacht, sich anständig durch die Welt zu bringen.“

Hudetz mochte dies vollkommen einsehen, denn er widersprach ihr nicht; aber es schien, als hätte er noch einen Wunsch auf dem Herzen, als wollte er ihr sehr gern irgend einen Auftrag ertheilen. Stammelnd und unsicher kamen einige Worte über seine Lippen. Als ihm Fräulein Engelhardt jedoch daraufhin mit ihren kleinen, boshaften Aeuglein neugierig ins Gesicht sah, verstummte er plötzlich und machte sich wieder an seinen Habseligkeiten zu schaffen.

Es war schon längst Abend geworden, als er abermals die klappernde Glocke seiner neuen Wohnung in Bewegung setzte. Die Wirthin mußte seinen schleichenden Schritt erkannt haben, denn sie begnügte sich diesmal, ein kurzes „Herein!“ zu rufen. Als Hudetz eintrat, saß sie vor ihrem Bett am Tische, die nackten Arme auf die Kante desselben gestützt und den grauen Kopf tief auf ein dickleibiges Buch herab geneigt, das sie jetzt hastig zuschlug, als wünschte sie nicht, den neugierigen Blick eines anderen auf die zerlesenen Blätter fallen zu sehen. Vor ihr brannte eine kleine, armselige Küchenlampe, und der Petroleumdunst derselben vereinigte sich mit dem unangenehmen Duft des schlechten Cichorienkaffees, der in einer gewaltigen Tasse dampfend neben dem Buche stand.

„Sie sollten die Thür nicht unverschlossen lassen, Frau – Frau –“

„Haberland!“ ergänzte die Alte.

[266] „Frau Haberland – das ist in einem solchen Hause doch wohl einigermaßen bedenklich für eine schutzlose Frau.“

Sie ließ wieder jene eigenthümlichen, höhnisch kingenden Laute vernehmen, die zwischen Grunzen und Lachen die Mitte hielten.

„Bedenklich? Warum denn bedenklich? – Zu stehlen ist bei mir doch nichts! Und wenn’s etwa einem Vergnügen macht, mich todtzuschlagen – immer zu! Ich halte still, denn mit fünfundsiebzig ist man schon viel zu lange auf der Welt.“

Er wollte in sein Zimmer gehen, doch ihre rauhe Stimme hielt ihn zurück.

„Heda, wie heißen Sie denn nun eigentlich?“

„Hudetz – Joseph Hudetz.“

„Auch ein sonderbarer Name! Na, Herr Hudetz, dann setzen Sie sich mal hierher! Ich möchte noch ein paar Worte mit Ihnen reden.“

Es war etwas in ihrem Wesen, das ihm jede Möglichkeit abschnitt, ihr den Gehorsam zu verweigern. Stillschweigend stellte er seinen Koffer nieder, und da er außer dem Holzstuhl, welchen sie selbst eingenommen hatte, kein anderes geeignetes Sitzmöbel zu erspähen vermochte, kauerte er sich auf den äußersten Rand des schmalen eisernen Bettgestells.

„Sie wollen also nicht angemeldet werden?“ begann Frau Haberland. „Hm – das macht nichts! Dafür kann man mancherlei Gründe haben. Und ich melde meine Miether niemals an – niemals! Die Polizei braucht ihre Nase nicht in alles zu stecken. Und ich hasse die Polizei – ja, ich hasse sie!“

Aus ihren tiefliegenden Augen sprühte ein unheimliches Feuer, und sie schlug mit der knochigen Faust auf den Tisch, daß das Glas der Lampe erklirrte.

Hudetz verhielt sich ganz still; aber seine unscheinbare Gestalt schien immer mehr in sich zusammenzusinken.

„Na, warum reden Sie nicht?“ fuhr die Alte fort, ihn mit einem durchdringenden Blick betrachtend. „Wenn ich sage, daß ich die Polizei hasse, so habe ich darum doch noch lange keine Lust, jedes Gesindel bei mir zu beherbergen. Lassen Sie sich’s gesagt sein, Herr – wie war doch gleich Ihr Name?“

„Hudetz!“ wiederholte er zuvorkommend. „Aber, wenn ich Ihre Worte dahin verstehen soll, daß es Ihnen leid geworden ist, mir das Zimmer abgetreten zu haben –“

„Leid – warum denn? – Wen’s nicht juckt, der braucht sich nicht zu kratzen. Natürlich haben Sie schon gesessen?“

Die Frage war ganz unvermittelt und in demselben polternden Ton herausgekommen, in welchem sie alles übrige gesprochen hatte. Hudetz zuckte zusammen, als hätte man ihm hinterrücks einen Faustschlag versetzt, und seine Augen irrten scheu in alle Winkel der Küche. Aber nach einer kleinen Weile sagte er ganz leise und wie von einer unwiderstehlichen Gewalt dazu getrieben:

„Ja!“

„Hätt’s Ihnen auch nicht geglaubt, wenn Sie ‚nein‘ gesagt hätten. Ich habe einen Blick dafür. Was war’s denn – he? Fälschung wahrscheinlich oder Betrug! Denn nach was Handfestem sehen Sie doch nicht aus!“

Hudetz schüttelte den Kopf. In seinem schmalen Gesicht zuckte es und seine Hände waren in beständiger nervöser Bewegung.

„Ich wurde zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt wegen – wegen Diebstahls,“ stieß er hervor, an jedem Worte würgend und doch sichtlich außer stande, mit einer Lüge zu antworten.

Die Alte wiegte den Kopf hin und her. Dann wurde sie aufs neue von einem ihrer heftigen Hustenanfälle heimgesucht und sie mußte ein wenig von dem abscheulich duftenden Kaffee trinken, ehe sie wieder zu sprechen vermochte.

„Sechs Monate – hm! – Und Sie haben sie abgemacht? In Plötzensee?“

„Nein! Meine Verurtheilung erfolgte in Breslau, und dort habe ich auch die Strafe verbüßt. Ich war damals Student.“

Frau Haberland fand nichts Ueberraschendes in der letzteren Mittheilung.

„Student – ja, das kennt man, und ein armer Teufel dazu – nicht wahr? Keinen Bissen Brot im Leibe, und dabei die anderen mit den bunten Bändern schlemmen und lumpen sehen wie die – na ja –; bei mir wohnte auch ’mal so einer, vor zehn Jahren glaube ich! Er mußte im Januar mit einem dünnen Sommerröckchen laufen, weil alles beim Pfandleiher war. Kaffee und Salzkuchen und immer wieder Kaffee – und dabei bis zwei, drei Uhr nachts über den alten Schmökern. ’s war auch so ein jämmerliches Kerlchen wie Sie, und er ist natürlich in der Charité an der Auszehrung gestorben, ehe er mit seinem Studieren fertig war. Aber zu verwundern wär’s nicht gewesen, wenn er gestohlen hätte, um sich mal satt zu essen. Und übelgenommen hätt’ ich’s ihm wahrhaftig nicht.“

Es gab ein kleines Schweigen, während dessen Hudetz unruhig hin und her rückte. Dann sagte er plötzlich:

„Ich würde niemals aus Hunger gestohlen haben, Frau Haberland.“

„Nicht?“ – Sie sah ihn wieder mißtrauisch an. „Ja, warum denn sonst?“

„Ich hatte von Jugend auf eine leidenschaftliche Liebe für die bildende Kunst. Hätte ich auch nur die geringste Begabung besessen, so wäre ich ohne Zweifel ein Maler geworden. So aber wollte ich wenigstens das Studium der Kunst und ihrer Geschichte zu meiner Lebensaufgabe machen. Es ist mir schwer geworden, dahin zu gelangen – sehr schwer, denn ich war bettelarm. Aber ich konnte doch endlich die Universität beziehen, und wenn es mir da auch nicht besser erging als dem Studenten, von welchem Sie sprachen, so war ich doch sehr glücklich – wahrhaftig, es war bei Hunger und Noth die glücklichste Zeit meines Lehens. Man bemerkte meinen Eifer und war sehr gütig gegen mich. Nicht nur die öffentlichen Sammlungen durfte ich zu einer Zeit besuchen, wo sie andern verschlossen waren, sondern auf die Empfehlung des Professors hin gestattete mir auch ein reicher Privatmann die Benutzung seiner kostbaren Schätze an seltenen Radirungen und Stichen. Und ich hatte das Unglück, mich in einige dieser Blätter zu verlieben.“

Die Alte hatte seiner leisen, eintönigen Erzählung, die ihr zu weitläufig scheinen mochte, mit unverhohlenem Mißvergnügen zugehört. Nun aber fiel sie ihm schroff in die Rede.

„Schwatzen Sie doch keinen Unsinn! Ich weiß nicht, was Stiche und Radirungen sind; aber daß man sich nicht in Blätter verlieben kann, wenigstens nicht, wenn man seine gesunden fünf Sinne hat, weiß ich am Ende doch!“

„Vielleicht war ich wirklich nicht ganz bei Sinnen,“ sagte er, immer in das röthliche Flämmchen der trübe brennenden Küchenlampe starrend, „wie hätte ich sonst die Erbärmlichkeit begehen können, das Vertrauen zu täuschen, das man in mich setzte, und aus bloßer Sehnsucht nach dem Besitz nicht nur das öffentliche Kupferstichkabinett, sondern auch den edlen Mann zu bestehlen, der mich in das Allerheiligste seines Hauses eintreten ließ, weil er einen rechtschaffenen Menschen zu unterstützen gedachte.“

„Na, nun hören Sie gefälligst mit den überspannten Redensarten auf, wenn man die ganze Geschichte überhaupt verstehen soll! Also Bilder sind es gewesen, nach denen Sie lange Finger gemacht haben?“

„Ja, einige Künstlerdrucke von höchster Seltenheit. Ich weiß nicht, wie ich zuerst auf den Gedanken kam, sie zu entwenden; aber ich ging umher wie im Fieber, bis es mir gelungen war, einen nach dem anderen unter meinem Rocke unbemerkt hinaus zu schaffen. Als ich sie vor mir in der Stube hatte, tanzte ich vor Freuden herum wie ein Wahnwitziger, und es kam mir gar nicht in den Sinn, daß es ein gemeines Verbrechen sei, dessen ich mich schuldig gemacht hatte. Ich war nur überselig in dem Bewußtsein, die unvergleichlichen Blätter mein eigen zu nennen.“

„Na ja, so geht es immer, bis das dicke Ende nachkommt. Als Sie den Krempel an den Mann bringen wollten, nahm man Sie natürlich beim Kragen – nicht wahr?“

Hudetz sah ohne Verständniß in das harte, faltige Gesicht.

„An den Mann bringen?“ wiederholte er. „Verkaufen? – Ja, ich wollte sie doch nicht verkaufen!“

„Aber was, zum Henker, wollten Sie denn sonst? Wenn man hungert und friert, stiehlt man doch nicht zum bloßen Vergnügen.“

„Ich hatte in der That keine andere Absicht als die, mich Tag für Tag und Stunde für Stunde an dem Anblick meiner Lieblinge zu weiden. Vielleicht, ja, wahrscheinlich hätte ich sie ihren rechtmäßigen Eigenthümern freiwillig zurückgebracht, sobald mir die Tragweite meiner Handlung zum Bewußtsein gekommen wäre. Aber die Justiz war schneller als mein Gewissen. Der Diebstahl wurde schon nach wenig Tagen entdeckt, und der Verdacht konnte sich auf keinen anderen lenken als auf mich. Die [267] Polizisten kamen, um Haussuchung zu halten, und sie fanden mich in das Anschauen meines Raubes versunken. Alles weitere geschah dann, wie es eben nicht anders geschehen konnte.“

„Und statt in ein Irrenhaus, wie sich’s gehört hätte, sperrte man Sie Gefängniß! Ja, ja, das ist so die Weisheit der Herren von der Polizei und vom grünen Tisch! Uebrigens könnte ich die ganze Geschichte ja ebensogut für Schwindel halten, aber ich will sie glauben, weil – na, weil ich sie eben glauben will. Sie können also meinetwegen wohnen bleiben! Das heißt – wohlverstanden! – wenn Sie pünktlich bezahlen und wenn Sie sich nicht wieder in was verlieben, das Ihnen nicht gehört! Was vorbei ist, ist vorbei! Ein Raubmörder, der seine Strafe abgesessen hat und ein anständiger Kerl werden will, ist mir lieber als ein reicher Halsabschneider oder Leuteschinder, dem keine Polizei und kein Gericht was anthut und vor dem alle Welt auf dem Bauche liegt. Aber keine neuen Streiche, das will ich mir ausgebeten haben! Uebrigens, wovon leben Sie denn eigentlich? Mit dem Studieren ist es jetzt doch wohl Essig?“

Hudetz hatte seinen Blick wieder dem schwelenden Lampendocht zugewendet, als wäre es dieser, zu dem er spräche.

„Als ich meine Strafe verbüßt hatte, wurde ich vor einen höheren Polizeibeamten geführt, und dieser eröffnete mir, daß ich innerhalb vierundzwanzig Stunden nicht nur die Stadt Breslau, sondern das Gebiet des preußischen Staates überhaupt zu verlassen habe. Ich bin ja in einem kleinen galizischen Städtchen geboren und österreichischer Staatsangehöriger. In Deutschland aber wird, wie mir der Beamte sagte, Ausländern, die wegen eines gemeinen Verbrechens bestraft sind, der Aufenthalt grundsätzlich nicht mehr gestattet. Es unterliegt keinem Zweifel, daß ich wie ein Verbrecher in meine Heimath geschafft werden würde, sobald die hiesigen Behörden von meinem Dasein Kenntniß erlangten.“

„Darum also die Angst vor der Polizei! Und weshalb gehen Sie nicht freiwillig dahin, wo Sie hergekommen sind? Haben Sie denn keine Familie?“

„Meine Mutter ist längst todt; mein Vater war ein unverbesserlicher Trinker und sitzt seit Jahren halb blödsinnig im Armenhause, meine beiden älteren Schwestern, die als Dienstmädchen nach Wien gingen, sind auf schlechte Wege gerathen und längst verschollen.“

Die Alte stützte die Arme wieder auf die Tischkante und grub die knochigen Finger in das unordentliche weiße Haar. Hudetz aber fuhr fort:

„Was könnte ich in meiner elenden Vaterstadt beginnen? Ich müßte unfehlbar verhungern, denn ich tauge nicht zum Handelsmann, und für körperliche Arbeit bin ich zu schwach. Hier sammle ich Anzeigen für die Tageszeitungen und schreibe gelegentlich kleine Lokalnachrichten, die mir von den Redaktionen bezahlt werden, ohne daß man mich viel um meine Papiere und um meine Verhältnisse befragt. Aber das ist schließlich nur Nebensache. Das Wichtigste ist, daß ich mein Werk daheim in Galizien nimmermehr vollenden könnte.“

„Ihr Werk? – Was für ein Werk?“

„Einen Versuch über altniederländische Malerei, insbesondere über die Brüder van Eyck. Er wird ohnedies unvollkommen genug bleiben, was die geschichtlichen Unterlagen anbetrifft, denn ich muß ja sehr vorsichtig sein bei meinen Studien, und viele wichtige Quellen bleiben mir deshalb verschlossen. Aber die herrlichen Werke der Brüder von Maaseyck in der königlichen Gemäldegalerie sind mir doch immer zugänglich. Es achtet da niemand mit besonderer Aufmerksamkeit auf einen von den Hunderten, die sich unaufhörlich durch die Säle bewegen.“

„So? – Und wenn nun das Werk fertig ist, werden Sie dann ein ordentliches Stück Geld dafür bekommen?“

„Geld? Wohl kaum! Ich werde es vielleicht sogar auf meine eigenen Kosten drucken lassen müssen. Aber es ist mir ja auch nicht um Geld zu thun, sondern um meine Rechtfertigung – um den Beweis, daß ich kein gemeiner Verbrecher bin – um die Reinigung meines Namens!“

Seine eintönige Stimme war nicht lauter und wärmer geworden, als er dies sprach; aber in den letzten Worten zitterte etwas wie ein mühsam unterdrücktes Schluchzen. Frau Haberland sah ihn verwundert an und schüttelte den Kopf.

„Na, dann beeilen Sie sich nur mit Ihrem Werk, damit Sie’s noch erleben, daß es fertig wird! Und jetzt gehen Sie zu Bett! Es ist nicht gut für Sie, bis Mitternacht aufzusitzen.“

Er folgte dem neuen Befehl ebenso gehorsam wie ihrer vorigen Weisung. Aber als er dann bei dem flackernden Licht einer Kerze in seiner armseligen Stube stand, blickte er verwirrt umher und griff sich mit beiden Händen an die Stirn.

Was hatte er gethan! Was war über ihn gekommen, daß er sein ängstlich gehütetes Geheimniß einer wildfremden Person in der ersten Stunde der Bekanntschaft preisgegeben – daß er sich auf Gnade oder Ungnade in die Hände eines rohen, ungebildeten Weibes geliefert hatte! Wenn sie nun morgen hinging, ihn anzuzeigen, um den vorausbezahlten Zins behalten und ihr Zimmer von neuem vermiethen zu können! Ein Zittern überlief seinen Körper, als er daran dachte. Aber bei alledem fühlte er doch etwas wie eine Erleichterung, hatte er eine unbestimmte Empfindung, als ob seine Kräfte plötzlich gewachsen seien. Und die jäh aufgestiegene tödliche Angst wich ebenso schnell und unerklärlich einem Bewußtsein fast behaglicher Sicherheit, als er durch die dünne Wand den trockenen, bellenden Husten der Alten hörte.

Er legte sich nieder und seine blassen Lippen zuckten wie zu einem Lächeln. – Zum ersten Male in seinem einsamen Leben hatte er ja eine Vertraute, eine Mitwisserin seiner geheimsten Hoffnungen und Sorgen!




Schnell und angenehm, fast wie ein schöner, lebhafter Traum vergingen Marie von Brenckendorf die Stunden ihres ersten Besuches im Hause des Generals.

Der alte Herr hatte nicht gesäumt, sein Vorhaben zur Ausführung zu bringen, und es waren kaum vierundzwanzig Stunden seit seiner Unterredung mit Wolfgang verstrichen, als er die unbequemen Treppen zu Mariens Wohnung erstieg. Seine weltmännische Liebenswürdigkeit und der herzliche Ton, in welchem er sich über ihre stolze Zurückhaltung beklagte, hatten die erste, leicht begreifliche Verlegenheit der jungen Dame rasch besiegt und ihr Zutrauen gewonnen. Unbedenklich und mit einer Freudigkeit, welche vielleicht noch deutlicher, als sie es beabsichtigt hatte, verrieth, wie ihr damit nur ein lange gehegter Herzenswunsch in Erfüllung ging, hatte sie seine Einladung angenommen. Und nun war die Aufnahme, welche man ihr in dem schönen Heim an der Viktoriastraße bereitet hatte, wahrlich ganz danach angethan gewesen, all ihre Erwartungen und Hoffnungen zu übertreffen.

Der General war trotz seiner weißen Haare artig und ritterlich wie der jüngste Kavalier, und in der schwerfälligen, wortkargen Ruhe seiner wohlbeleibten Gemahlin fand Marie viel eher eine gewisse anheimelnde Gemüthlichkeit als etwas Abstoßendes und Erkältendes. Cilly aber offenbarte die ganze übersprudelnde Lustigkeit und Frische ihres sprühenden Temperaments, und ihre fröhliche Ausgelassenheit wirkte bald so ansteckend auf Marie, daß die beiden jungen Damen vertraulich lachten und scherzten, als hätten sie niemals aufgehört, im engsten verwandtschaftlichen Verkehr miteinander zu leben.

„Eigentlich ist es nicht sehr schmeichelhaft für meine Brüder, daß Du noch gar nicht nach ihnen gefragt hast,“ sagte Cilly, als sie Marie in ihr Zimmer geführt hatte, um sie die dort in reizendem Durcheinander aufgestapelte Fülle allerliebster Nichtigkeiten bewundern zu lassen. „Du und Engelbert, Ihr waret doch seinerzeit die dicksten Freunde.“

„Wirklich? Ein wie gutes Gedächtniß Du hast, liebe Cilly!“ erwiderte Marie, sehr angelegentlich ein paar zierliche Meißner Figürchen betrachtend. „Nun, ich hoffe, Deine Herren Brüder befinden sich bei guter Gesundheit.“

„Ich bedanke mich in ihrem Namen für diesen rührenden Ausdruck Deiner Theilnahme. Ja, es geht ihnen ganz gut. Engelbert steht bei den Dragonern. Er ist ein wenig gewachsen, seitdem er Dich damals bei der kleinen Ueberschwemmung über die Straße trug.“

Marie vermied es noch immer, ihrem Bäschen das Gesicht zuzuwenden.

„Und Lothar?“ fragte sie rasch. „Mein Bruder sagte mir, daß er im Begriff sei, die richterliche Laufbahn einzuschlagen.“

„Ja – leider! Es ist unbegreiflich! Und er war schon nahe daran, Landrath zu werden. Aber er läßt nicht mit sich [268] reden, in dieser Sache so wenig wie in allem andern! Im großen und ganzen ist er da unten, wo er das Landrathsamt verwaltete, ein wenig sonderbar geworden, der gute Lothar! Nun, Du wirst ihn ja heute noch wiedersehen; aber ich wette, daß Engelbert Dir hundertmal besser gefällt als er!“

„Ist es gestattet, darin zu blättern?“ warf Marie ein, auf ein Album mit Photographien deutend, das ihr als Ablenkungsmittel für diese unaufhörlichen Hinweise auf ihren Vetter Engelbert sehr willkommen schien. Und als Cilly bereitwillig bejahte, ließ sie ihre Blicke ziemlich gleichgültig über die Bildnisse der Damen und Herren hingleiten, die ihr sammt und sonders unbekannt waren. Nur das Kabinettbildniß eines in ganzer Figur dargestellten jungen Herrn, der das kleidsame Gewand eines italienischen Edelmannes aus dem sechzehnten Jahrhundert trug, fesselte um der Schönheit und Ritterlichkeit der ganzen Erscheinnng willen ihre Aufmerksamkeit.

„Ein prächtiger Kopf!“ sagte sie; „das Urbild muß sich in der Maskerade sehr gut ausgenommen haben!“

Cilly schaute ihr über die Schulter und lachte fröhlich auf.

„Das will ich meinen. – Und Du erkennst ihn nicht? – Es ist Engelbert. – Nun, er wird sich sehr geschmeichelt fühlen durch Deine Anerkennung.“

Marie blätterte rasch weiter.

„Du wirst ihm meine Aeußerung doch nicht wiederholen? Ich bitte Dich inständig, liebe Cilly, das zu unterlassen.“

„Nun ja, wenn es Dich beruhigt – meinetwegen! Uebrigens hättest Du nicht zu fürchten brauchen, daß er Dir daraufhin gleich eine Liebeserklärung machen würde. Sein Herz ist zwar entzündlich wie Sprengpulver, aber, wenn ich nicht irre, lodert es augenblicklich für ein anderes Ideal! Miß Viktoria – die Königin der Luft – hat es ihm angethan mit ihrem lang nachwehenden rothblonden Haar und ihrem Riesendoppelsaltomortale durch den halben Saal. Wie ich ihn kenne, ist er während der nächsten vier Wochen für alle anderen Pfeile aus Amors Köcher vollständig unverwundbar.“

Mit großen, verwunderten Augen sah Marie ihre Verwandte an.

„Das ist natürlich nur ein Scherz? Wenn Dein Bruder wirklich solche Neigungen hätte, würde er Dich doch wohl kaum zu seiner Vertrauten machen.“

„Und warum nicht? Wir machen uns gegenseitig kein Geheimniß aus so harmlosen Dingen.“

„Harmlos? Wenn sein Herz für eine Luftspringerin in Flammen steht?“

„Aber, liebster Schatz, wozu wäre er denn ein Lieutenant? Steckte ich in seiner Haut, ich würde es genau so machen! Man sieht’s an meinem Bruder Lothar, was für langweilige Philister aus den tugendhaften Duckmäusern werden.“

Das war in einem Tone so felsenfester Ueberzeugung gesprochen, daß Marie unwillkürlich lächeln mußte.

„Eine recht hübsche Anschauungsweise für ein junges Mädchen,“ sagte sie scherzend, „und da es wahrscheinlich nicht Deine Absicht ist, einen von den langweiligen Philistern zu heirathen, so würdest Du es also ganz natürlich finden, daß Dein Gatte mit vierwöchentlichem Wechsel Tänzerinnen und Luftkünstlerinnen seine Huldigungen dargebracht hat, ehe es ihm einfiel, sich in den Hafen der Ehe zu retten?“

Cilly schaute ein wenig nachdenklich drein; aber der alte Uebermuth lachte ihr doch rasch genug wieder aus den dunkeln Augen.

„Ich würde mich einfach gar nicht um die Vergangenheit meines Mannes kümmern,“ entschied sie mit großer Bestimmtheit.

„Da sind Deine Ansprüche allerdings bescheidener als die meinigen! Ich würde von dem Manne, dem ich mein ganzes Dasein zu eigen geben soll, nicht um ein Titelchen weniger fordern, als er von mir verlangen zu dürfen glaubt.“

„Wie lange wirst Du dann nach dem Rechten suchen müssen, arme Marie!“ meinte Cilly mit einem drolligen Ausdruck des Mitleids. „Nur im Phantasieland leben solche Männer.“

„So harre ich eben geduldig auf einen Prinzen aus diesem schönen Lande. Aber vielleicht siehst Du trotz Deiner bewundernswürdigen Weltkenntniß die Untugenden des starken Geschlechts schwärzer, als sie wirklich sind. Nanntest Du denn vorhin nicht selbst Deinen Bruder Lothar als eine rühmliche Ausnahme?“

„Ja, der!“ lachte Cilly. „Aber er ist dafür auch einer von denen, die nie eine Frau bekommen. Oder hättest Du etwa Lust, Dich seiner zu erbarmen? Es wäre wahrhaftig ein menschenfreundliches Werk!“

Diesmal wurde Marie nicht roth wie vorhin, als sie so rasch über das Bildniß ihres Vetters Engelbert hinweggegangen war, sondern sie stimmte herzlich in die lustige Neckerei ihrer Base ein. Arm in Arm verließen sie nach einer Weile das Zimmerchen, und als ihr Blick zufällig auf den Flügel traf, fragte Cilly: „Wollen wir ein wenig musiziren?“

„Ich habe seit zwei Jahren keine Taste mehr berührt, und ich müßte fürchten, mich nicht gerade mit Ruhm zu bedecken.“

„O, wir sind ja ganz unter uns! – Komm, Du begleitest mich, und ich singe einige von meinen Liedern. Du hast nicht zu besorgen, daß Dir allzu Schwieriges zugemuthet werde; denn bei Wagner bin ich noch nicht angekommen.“

Sie blätterte in ihren Musikalien und legte ein Heft von Koschats Kärntnerliedern auf den Notenständer.

„Das getraue ich mich allerdings noch vom Blatt zu spielen,“ meinte Marie nach einem kleinen Versuch, und bald tönte Cillys helle, jugendliche Stimme frisch wie Lerchengezwitscher durch den Raum.

„Es geht ja prächtig,“ sagte sie, als das erste Lied zu Ende war. „Noch eines, Mariechen?“

„Gewiß! – Es ist ein wahres Vergnügen, Dir zuzuhören.“

Sie gab ein Vorspiel und Cilly setzte ein:

„Hab di amol blos g’segen,
A Blick und ’s war aus,
Und sider der Zeit her war
Ka Ruah mehr in Haus.“

Da fiel von der offenen Thür her der kräftige Bariton einer ungeschulten, aber wohlklingenden Männerstimme ein:

„Ins Feld bin i zogen,
’s hat müassen so sein,
Denn der Kopf war für’n Kaiser,
Doch das Herz, das war dein!“

Marie hatte ihr Spiel nicht wohl mitten in der Strophe unterbrechen können; als sie jetzt aber das Köpfchen von den Noten erhob, waren ihre Wangen mit einer allerliebsten Röthe überhaucht.

„Grüß Gott, mein liebes Bäschen! – ‚Denn der Kopf war für’n Kaiser, doch das Herz, das war Dein!‘ – Könnte ich mit einer zärtlicheren Versicherung unsere alte Freundschaft erneuern?“

In liebenswürdigster Unbefangenheit war Engelbert näher getreten und streckte ihr nun die Hand entgegen, von der er rasch den weißen Handschuh abgestreift hatte. Mit einem leisen Zögern legte Marie ihre Hand hinein, und der Dragonerlieutenant fühlte das zaghafte Zurückzucken der schlanken Finger, als er sie ritterlich an seine Lippen führte. Leuchtend hingen seine Augen an ihrem lieblichen Gesicht.

„Also eine Künstlerin sind Sie geworden, Bäschen!“ fuhr er fort, da sie ihm keine Antwort gab. „Sie müssen mich gelegentlich eine Probe Ihrer Meisterschaft sehen lassen; denn ich habe wahrhaftig eine heidenmäßige Ehrfurcht vor solchen Dingen. Was malen Sie denn eigentlich? Jedenfalls doch wohl Blumen und appetitreizende Stillleben mit todten Schnepfen und angebissenen Aepfeln!“

„Ich habe überhaupt keinen Anspruch darauf, für eine Malerin zu gelten,“ erwiderte sie, ihren Blick noch immer geflissentlich auf einen der an der Wand hängenden Kupferstiche richtend, „und Wolfgang hat sehr unrecht gethan, von meinen unbedeutenden Versuchen zu sprechen.“

Zum ersten Mal hatte sie eine heiß aufsteigende Empfindung der Scham bei dem Gedanken an ihre Arbeit ums tägliche Brot. Ja, sie hatte sich für einen Augenblick versucht gefühlt, trotzig zu verleugnen, was ihr sonst eine Quelle der Genugthuung und stolzen Selbstgefühls gewesen war. Engelbert aber, den der ernste, fast herbe Ton ihrer Antwort vielleicht fürchten ließ, eine Ungeschicklichkeit begangen zu haben, glitt leicht über den peinlichen Augenblick hinweg.

„Natürlich sind Sie keine zuständige Richterin über Ihre eigenen Leistungen,“ meinte er lächelnd. „Doch muß ich freilich auf jede Gefahr hin offen bekennen, daß meine ganze Bewunderung in diesem Augenblick einer Künstlerin gilt, die größer ist als Sie [269] und als alle männlichen und weiblichen Maler von Apelles bis auf Hans Makart – der Künstlerin Natur nämlich, die aus dem kleinen, flachshaarigen Mädchen, das in meiner Erinnerung spukte, eine so wunderschöne junge Dame gemacht hat.“

Marie hätte Cilly dafür umarmen können, daß sie sie jetzt der Nothwendigkeit einer Antwort überhob.

„O, Du bist ja sehr hübsch im Zuge,“ hatte Cilly mit einem kleinen Anflug von Bosheit gerufen. „Und Miß Viktoria – die siebzehnjährige Perle aller Luftspringerinnen? Ist sie schon wieder entthront?“

Der Lieutenant zeigte nicht die mindeste Verlegenheit.

„Erinnere mich nicht an diesen Reinfall!“ sagte er heiter. „Nie wieder lasse ich mich darauf ein, das Alter einer Person zu schätzen, die sich in einer Wolke von Cigarrendampf fünfzig Fuß über meinem Haupte befindet. Die ‚Königin der Luft‘ ist seit beiläufig zwanzig Jahren die glückliche Gattin eines Virtuosen auf der freistehenden Leiter, und fünf ihrer sieben hoffnungsvollen Sprößlinge arbeiten bereits allabendlich am dreifachen Reck. Idyllisch – nicht wahr?“

Seine Selbstverspottung klang so drollig, daß auch über Mariens Gesicht ein kleines Lächeln huschte, und Engelbert betrachtete sie noch immer viel zu aufmerksam, als daß es ihm hätte entgehen können.

„Wie ich meine Schwester kenne, hat sie ohne Zweifel bereits ihr möglichstes gethan, mich bei Ihnen anzuschwärzen,“ meinte er, „aber Sie müssen mir versprechen, ihr nur die Hälfte von allem zu glauben! Sie offenbart nämlich in der Regel in ihren Berichten über meine Schandthaten eine Phantasie, um die mancher Dichter sie beneiden könnte.“

Cilly blieb ihm die Antwort nicht schuldig, und wenn auch Marie diesmal ihre Verlegenheit viel schwerer überwand, als es dem General gegenüber der Fall gewesen war, so übte doch der heitere, neckische Plauderton, der zwischen den Geschwistern üblich war, endlich auch auf sie eine ansteckende Wirkung. Als Engelbert einige lustige Kasernengeschichten, die er mit unnachahmlichem Humor vorzutragen wußte, zum besten gab, stimmte sie ohne Zurückhaltung in Cillys munteres Lachen ein, und wenn er gelegentlich an passender oder unpassender Stelle eine Huldigung für sie mit einfließen ließ, deren kühne Vertraulichkeit sie aus jedem anderen Munde mit Entrüstung erfüllt haben würde, so war dabei in seiner liebenswürdigen Natürlichkeit so viel Einschmeichelndes und Gewinnendes, daß sie nicht die geringste Neigung fühlte, ihm zu zürnen.

„Du reitest doch auch, Marie?“ fragte Cilly mit einem ihrer unberechenbaren, plötzlichen Einfälle, als ihr Bruder eben eine ergötzliche Anekdote von der Reitbahn erzählt hatte. „Engelbert wird ohne Zweifel einen viel aufgeräumteren Kavalier abgeben, wenn er künftig bei unseren Morgenritten auch Dich an seiner Seite hat.“

Sie hatte gewiß nicht beabsichtigt, sich einer Unzartheit schuldig zu machen; aber der sorglos fröhliche Ausdruck verschwand so jäh aus Mariens Zügen, als hätte diese plötzlich wie im Lichte eines [270] grell aufzuckenden Blitzstrahls die gähnende Tiefe des Abgrundes erkannt, der sie von diesen glücklichen, auf den sonnenbeschienenen Höhen des Lebens wandelnden Menschenkindern trennte. Sie war nahe daran gewesen, über dem behaglichen Luxus ihrer Umgebung das dürftige Stübchen im dritten Stock zu vergessen, in welches sie doch nach Verlauf weniger Stunden zurückkehren mußte. Eine wildschmerzliche Empfindung namenloser Bitterkeit, wie sie ihr gleich grausam und überwältigend kaum am Sarge des Vaters gekommen war, preßte ihr das Herz zusammen und in einem fast rauhen Ton, dessen trotzige Herbheit die ahnungslose Cilly nothwendig aufs äußerste befremden mußte, gab sie zurück:

„Nein, ich reite nicht! Man pflegt sich dergleichen in meinen Verhältnissen nicht zu gestatten!“

Das verwöhnte Töchterchen des Generals, das sich durch die unverständliche Unfreundlichkeit seines Bäschens empfindlich verletzt fühlte, verzogs schmollend die frischen Lippen und verfiel in ein hartnäckiges Schweigen. Die ausgelassene Fröhlichkeit der drei jungen Leute hatte plötzlich einen ärgerlichen Riß erhalten und Engelbert bot umsonst alle seine kleinen Künste auf, um die vorige angenehme Stimmung wiederherzustellen.

Vielleicht begrüßte darum auch er den Eintritt seines Vaters als willkommene Befreiung aus einer unbehaglichen Lage. Der General entschuldigte sich in den verbindlichsten Ausdrücken bei seiner Nichte, daß dienstliche Angelegenheiten ihn für eine Weile gehindert hätten, sich ihr zu widmen, und nach einem kurzen Geplauder von etwas gezwungenem Charakter hatte er sowohl für Engelbert als für Cilly kleine Aufträge, welche den Geschwistern keinen Zweifel lassen konnten, daß er mit Marie allein zu bleiben wünsche. Gehorsam folgten sie dem leicht verständlichen Wink.

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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 10, S. 293–301

[293] Mit einiger Verwunderung blickte Marie zu ihrem Onkel auf, als er nach der Entfernung Engelberts und Cillys ganz unvermittelt in einem väterlich herzlichen Tone sagte: „Sie haben ja nun Gelegenheit gehabt, liebste Marie, meine Cilly kennen zu lernen, die Ihnen nach so langer Trennung wohl eine völlig Fremde geworden war. Bekennen Sie mir doch recht aufrichtig, ob Sie sich mit dem kleinen Sprudelköpfchen befreunden zu können glauben!“

„Cilly hat mich mit Liebenswürdigkeiten buchstäblich überschüttet, und ich müßte sehr undankbar sein, wenn ich nicht die herzlichste Zuneigung für sie empfände.“

„Wirklich? Sie glauben nicht, wie sehr mich das erfreut! Es macht mir endlich Muth, Ihnen den Wunsch auszusprechen, den ich schon seit unserem ersten Wiedersehen auf dem Herzen trage. Ich habe es oft beklagt, daß das Schicksal meiner Cäcilie die natürlichste und beste Freundin in Gestalt einer Schwester versagt hat. Bei ihrer Ausgelassenheit und ihrer oft geradezu bedenklichen Neigung, der ersten besten tollen Eingebung zu folgen, würde ich mir von dem freundschaftlichen Einfluß einer ruhigeren und abgeklärteren Natur die allergünstigste Wirkung versprechen, und es würde mich sehr glücklich machen, wenn Sie, liebe Marie, sich entschließen könnten, ihr fortan die fehlende Schwester zu ersetzen.“

Die junge Malerin verstand wohl nicht sogleich seine ganze Meinung. „Wenn Cilly das unbedeutende Geschenk meiner Freundschaft nicht verschmäht, soll es ihr mit tausend Freuden gehören,“ sagte sie einfach.

Der General aber drückte ihr mit einer sehr dankbaren Miene die Hand.

„Und Sie willigen ein, uns künftig – das heißt, schon von diesem Tage an, eine liebe Hausgenossin zu werden, nicht wahr? Die Tochter des Obersten von Brenckendorf, der nicht nur mein naher Verwandter, sondern auch mein bester und treuester Jugendfreund war, hat von vornherein ein Recht darauf, mein Haus wie ein Vaterhaus zu betrachten. Es hat mich aufrichtig betrübt, daß Sie sich in der langen Zeit dieses Rechtes nicht ein einziges Mal erinnert zu haben scheinen.“

Mariens Athem ging schneller und ihre Augen glänzten vor innerer Bewegung.

„Das ist ein großmüthiges Anerbieten,“ sagte sie, „zu großmüthig vielleicht, als daß ich daran denken dürfte, es anzunehmen.“

„O, ich hoffe, Sie werden mich nicht mißverstehen! Von irgend welcher Großmuth ist da nicht die Rede, und ich habe Ihnen kein Geheimniß daraus gemacht, daß ich sogar recht eigennützige Nebengedanken habe. Außerdem aber, liebe Marie – Ihr unvergeßlicher Vater hat mir einst in seinen jungen Jahren [294] Dienste erwiesen, für die ich mich niemals werde genügend dankbar zeigen können. Es wäre mir geradezu eine Kränkung, wenn Sie mich der Möglichkeit beraubten, es auch nur zu versuchen.“

Hätte er ihr bei seinem ersten Besuch, ja, hätte er ihr noch vor einer Stunde diesen Vorschlag gemacht, sie würde ihn sicherlich zurückgewiesen haben unter dem Eindruck der unbesieglichen Empfindung, daß es doch nur eine nothdürftig verschleierte Wohlthat sei, welche man ihr da erweisen wolle. Jetzt aber regte sich neben dieser peinlichen Empfindung eine Stimme in ihrem Herzen, welche sie mit sehr einschmeichelnden Gründen überreden wollte, daß ihr Sträuben eine Thorheit und ihr Ablehnen wirklich eine Beleidigung sein würde für den General. Konnte es denn nicht Wahrheit sein, was er von seiner Dankesschuld gegen ihren verstorbenen Vater sagte? Sie wußte, daß er als junger Offizier der bei weitem ärmere von beiden gewesen war und daß ihn erst seine Heirath in den Besitz großer Reichthümer gebracht hatte. Lag es da nicht sehr nahe, anzunehmen, daß ihr Vater, dessen Hilfsbereitschaft für seine Freunde stets weit über sein Vermögen hinaus ging, ihn oft genug thatkräftig unterstützt und vielleicht sogar aus schlimmen Verlegenheiten gerettet habe? Und war es nicht am Ende ganz natürlich, daß er der Tochter des Freundes heimzahlte, was er dem Freunde selbst nicht mehr vergelten konnte? Wohl vermochte sie selber nicht recht an die Stichhaltigkeit solcher Erwägungen zu glauben; aber es gab da noch ein Uneingestandenes, Mächtiges in ihrem Innern, das sie mit zwingender Gewalt verhinderte, die erste, rasche Weigerung aufrecht zu erhalten. Sie hatte ihren Fuß in das gelobte Land des Reichthums gesetzt, sie hatte sich für wenig Stunden umschmeichelt gefühlt von allen Annehmlichkeiten eines vornehmen, sorgenlosen Daseins, und sie betrachtete diese Welt des Glanzes nicht mehr, wie es noch gestern der Fall gewesen war, mit halb wehmüthiger und halb heiterer Entsagung, sondern mit einer brennenden Sehnsucht, deren qualvolle Bitterkeit sie ja erst vor wenig Minuten in ihrer ganzen Stärke empfunden hatte.

Sie kämpfte mit sich selber; aber der Kampf war kurz und sein Ausgang war von vornherein entschieden. Als der General, welcher taktvoll genug gewesen war, ihr einige Minuten des Nachdenkens zu gönnen, mit eindringlicher Herzlichkeit seine Frage wiederholte, antwortete sie ihm mit einem zaghaft geflüsterten Ja, und die Anwandlung von Reue, die ihr noch in dem nämlichen Augenblick kommen wollte, verflüchtigte sich schnell, als er – einen väterlichen Kuß auf ihre Stirn hauchend – sagte:

„Ich wußte ja, daß Sie zu edel denken, um sich durch kleinliche Regungen eines falschen Stolzes zu einem unfreundlichen Nein bestimmen zu lassen, und ich hoffe, daß Sie die Entschließung dieser Stunde niemals bereuen werden!“

Als hätte sich Seine Excellenz just für den rechten Augenblick die erwünschte Unterbrechung bestellt, erschien Friedrich in der Thür, um einen Besuch von dienstlichem Charakter zu melden. Der General entschuldigte sich und bat Marie um die Erlaubniß, sie zu seiner Gemahlin führen zu dürfen. Im Vorzimmer aber stießen sie auf den eben heimgekehrten Lothar, und nachdem der General mit wenig raschen Worten die Wiederanknüpfung der Bekanntschaft vermittelt hatte, ließ er sie mit ihm allein.

Marie fühlte dem älteren Vetter gegenüber nichts von jener athembeklemmenden Verlegenheit, von welcher sie vorhin bei dem Eintritt Engelberts zu ihrem eigenen Verdruß überrascht worden war. Sie hatte ihm ganz unbefangen in das ernste Gesicht gesehen, und seine unschönen Züge hatten ihr unwillkürlich Cillys unbarmherzige Worte ins Gedächtniß zurückgerufen, daß ihr Bruder Lothar einer von denen sei, die niemals eine Frau bekommen. In der That, es war sehr wenig wahrscheinlich, daß ein Mann von solchem Aussehen der Ruhe eines weiblichen Herzens jemals gefährlich werden könnte, und Marie empfand eine stille Heiterkeit bei der Erinnerung an den Vorschlag, welchen die übermüthige Cilly jenen Worten angefügt hatte.

Aeußerlich freilich zeigte sie wenig von dieser guten Laune. Es war ihrem Gefühl nach etwas so Steifes und Erkältendes in dem Wesen Lothars, daß auch sie unwillkürlich eine vornehme und gemessene Haltung annahm. Cillys überschwängliche Zärtlichkeit und der kameradschaftlich vertraute Ton, welchen Engelbert ohne weiteres angeschlagen, hatten sie so rasch heimisch gemacht in diesem Hause, daß sie die ruhige Höflichkeit Lothars fast wie etwas Verletzendes empfand. Er sagte ihr keine Artigkeit über ihr Aussehen oder ihre künstlerischen Talente wie die andern, sondern er hielt es zu ihrer unangenehmen Verwunderung für angemessen, nach wenigen gleichgültigen Redensarten ein ziemlich ernsthaftes Thema anzuschlagen.

„Ich kann wohl annehmen,“ äußerte er, „daß Sie einigen Einfluß auf Ihren Bruder besitzen, und ich möchte Sie bitten, sich dieses Einflusses in einem ganz bestimmten Sinne zu bedienen.“

Zum ersten Male schoß es Marie bei dieser Erwähnung Wolfgangs durch den Sinn, daß bisher keines von den anderen ihres Bruders gedacht hatte, und daß man stets schnell darüber hinweg gegangen war, wenn sie einmal bei diesem oder jenem natürlichen Anlaß seinen Namen genannt hatte. Sie hatte dieser Erscheinung kein Gewicht beigelegt, und in einem eigenthümlichen Trotzgefühl, für das sie selber keine rechte Erklärung hatte, fühlte sie sich jetzt fast geneigt, ein gleiches zu thun.

„Einfluß?“ wiederholte sie kühl. „Ich glaube kaum, daß man es so nennen darf. Jedenfalls ist er der ältere von uns beiden, und ich denke nicht daran, ihn irgendwie bevormunden zu wollen.“

„Das muthe ich Ihnen nicht zu. Aber Wolfgang ist im Begriff, einen Entschluß zu fassen, der auch Sie nahe berührt. Er will mit dem Beginn seiner zahnärztlichen Wirksamkeit den Freiherrntitel und das Adelsprädikat ablegen. Ich kann mir nicht denken, daß Sie mit dieser Verleugnung seiner Herkunft einverstanden seien.“

Das war wieder derselbe überlegene und – wie sie es im Stillen nannte – schulmeisterliche Ton, durch welchen er schon das siebenjährige Mädchen geärgert hatte. Sie warf den Kopf ein wenig in den Nacken und sagte sehr bestimmt:

„Ich billige seine Absicht im Gegentheil vollkommen! Man darf nicht davor zurückschrecken, die Folgerungen seiner eigenen Handlungen zu ziehen. Wenn von einer Verleugnung seiner Herkunft überhaupt die Rede sein kann, so machte mein Bruder sich derselben nicht erst jetzt, sondern viel eher schon damals schuldig, als er sich einem Beruf zuwandte, welcher schwerlich die Zustimmung seiner Familie, wenigstens sicherlich niemals diejenige meines Vaters gefunden haben würde. Es erscheint mir nur als eine richtige Würdigung der Sachlage, wenn Wolfgang nun auch den zweiten Schritt auf dem einmal eingeschlagenen Wege thut.“

Lothar sah sie in ehrlichstem Erstaunen mit großen Augen an.

„Und das wäre Ihre wirkliche Meinung? Sie lebten wahrhaftig in dem Glauben, daß es irgend eine anständige Art des Erwerbs gäbe, die einen Mann von adliger Geburt in der Achtung vernünftiger Leute herabsetzen könnte?“

Der Verdruß über die Zurechtweisung, deren er sich unterfing, trieb ihr das Blut in die Wangen.

„Wenn ich mich wirklich zu diesem thörichten Glauben bekennen müßte, möchten Sie mir nicht freundlich gestatten, bei demselben zu verharren?“

„Ich bedaure von ganzem Herzen, daß es ein Irrthum war, als ich in Ihnen eine Bundesgenossin gegen den Eigensinn meines Freundes zu finden hoffte. Ich bedaure es auch um Ihretwillen, denn die Art, in welcher das Leben uns früher oder später solcher Vorurtheile entwöhnt, pflegt in der Regel eine ziemlich schmerzhafte zu sein.“

Marie preßte die Lippen zusammen, als müßte sie gewaltsam eine heftige Entgegnung zurückdrängen. Lothar aber mußte das nicht wahrgenommen haben, denn er fuhr ruhig fort:

„Uebrigens zweifle ich noch immer, daß Sie in Wahrheit Ihrer innersten Ueberzeugung Ausdruck gegeben haben. Sie bringen sich ja in einen Widerspruch mit Ihrer eigenen Handlungsweise, denn ich weiß aus Wolfgangs Munde, daß Sie in rühmlichem Streben nach Unabhängigkeit nicht verschmähten, mit der Arbeit Ihrer Hände Ihren Unterhalt zu verdienen.“

Mit einer stolzen Bewegung wandte sich Marie zur Thür.

„Sie zürnen mir?“ fragte Lothar, ohne eine besondere Bestürzung zu verrathen. „Wollen Sie mir nicht das verwandtschaftliche Recht einräumen, ehrlich zu sein?“

„Ehrlich?“ – Sie wandte ihm das blonde Köpfchen zu, und er sah, wie der mühsam unterdrückte Unwille aus ihren schönen Augen sprühte. „Ich erwarte von jedem, daß er ehrlich gegen mich ist, nicht nur von meinen Verwandten. Aber ich werde nicht jeder beliebigen Unzartheit und Rücksichtslosigkeit gestatten, sich hinter dies wohltönende Wörtchen zu flüchten!“

[295] Sie bereute die unfreundliche Erwiderung, fast ehe sie ausgesprochen war. Hätte Lothar jetzt ein einziges freundlich einlenkendes Wort der Entschuldigung gehabt, so wäre der peinliche Eindruck dieses ersten, unerfreulichen Gespräches durch eine Unterhaltung über unverfänglichere Dinge vielleicht noch zu verwischen gewesen; aber Lothar erwiderte nichts und machte keinen Versuch, sie zu halten. Nach einem flüchtigen Zaudern ging sie hinaus, von Herzen froh, Cillys muntere Stimme schon wieder in einem benachbarten Zimmer zu vernehmen.

Bei der Mittagstafel, die um fünf Uhr abgehalten wurde, brachte der General, nachdem er dem aufwartenden Diener zugewinkt hatte, sich zu entfernen, Mariens Gesundheit aus und machte dabei mit einigen geschickten, herzlich klingenden Worten den Seinigen die Mittheilung von der bevorstehenden Vergrößerung des Familienkreises. Außer der Generalin, welche Marie mit vollen Backen freundlich zunickte, schien niemand etwas derartiges erwartet zu haben, aber die Begeisterung, mit welcher sowohl Cilly als Engelbert die Neuigkeit aufnahmen, war darum nur desto schmeichelhafter für die junge Malerin. Der Dragoner-Lieutenant, welcher an ihrer Seite saß, hatte sich erhoben, und während er, den Oberkörper tief herabneigend, sein Glas an das ihre klingen ließ, traf sie ein so beredter Blick seiner klaren Augen, daß sie in neuer Verwirrung die Lider senkte. Sie bemerkte darüber nicht, daß auch Lothar ihr den schäumenden Champagnerkelch entgegengestreckt hatte, und erst Cillys lachender Zuruf mußte sie darauf hinweisen. Sie wollte ihre Unachtsamkeit entschuldigen, denn sie fühlte ohnedies ein aufrichtiges Bedauern über ihr voriges Benehmen gegen Lothar, und es würde ihr sicherlich leicht geworden sein, ein scherzendes Wort des Schuldbekenntnisses und der Reue zu finden, wenn sie auch nur das geringste Anzeichen des Gekränktseins oder des Schmollens in seinen Mienen gelesen hätte. Aber es war eine so gelassene Freundlichkeit in der Art, wie er ihr zutrank, ein – wie sie meinte – so überlegen huldvoller Ausdruck des Wohlwollens in seinen Augen, daß sie trotz aller guten Vorsätze nicht zur Ausführung ihrer Absicht gelangte, und daß es bei einem kurzen, wortlosen Zusammenstoßen der Gläser sein Bewenden hatte.

Und fast derselbe Vorgang wiederholte sich, als Cilly, von den neckischen Geistern des Weines nur noch übermüthiger gemacht, gegen das Ende des Mahles plötzlich ausrief:

„Aber ist es nicht furchtbar komisch, Marie, daß sie Dich alle so förmlich mit Sie anreden, als wärest Du nicht eine leibliche Nichte und Base, sondern irgend eine Prinzessin von Trapezunt? Auf, füllt Eure Gläser und trinkt Brüderschaft miteinander, wie sich’s gehört! – Auf unverbrüchliche Freundschaft und auf Du und Du!“

Engelbert warf einen raschen, forschenden Blick zu seinem Vater hinüber. Da aber das freundliche Lächeln nicht von dem Gesicht des Generals verschwunden war, nahm er Cillys Vorschlag sogleich mit gewohnter Lebhaftigkeit auf, und unter Scherz und Gläserklang wurden die heiteren Bräuche vollzogen.

„Den Bruderkuß dürft Ihr Euch schenken!“ sagte Cilly, „das thue ich für Euch alle!“

Und sie küßte Marie auf den Mund, daß es schallte.

Zwischen Lothar und seiner jungen Verwandten aber war auch jetzt kein Wort gewechselt worden, und so glücklich sich auch Marie im Kreise dieser prächtigen, liebevollen Menschen fühlte, mit so unumstößlicher Gewißheit stand es doch in ihrem Herzen fest, daß der Anblick dieses klugen, ernsten Gesichts mit seiner unveränderlichen, beleidigenden Ruhe stets einen Tropfen Wermuth in den Becher ihrer Freude träufeln würde.

Es war merkwürdig, daß sie sich trotzdem ein paar Minuten lang aufrichtig ärgerte, als Lothar bald nach aufgehobener Tafel aus dem Familienkreise verschwunden war. Natürlich sah sie darin nur einen neuen Beweis angeborener Unhöflichkeit, und sie faßte im Stillen den feierlichen Entschluß, ihn fortan auch ihrerseits mit vollkommener Gleichgültigkeit zu behandeln.

Engelbert hatte ohne weiteres auf seine geliebte Cigarre verzichtet, um die beiden jungen Damen auf dem Spaziergang im Wintergarten zu begleiten, zu welchem Cilly plötzlich Lust verspürt hatte. Als seine Schwester dann für eine kurze Zeit abgerufen wurde, wußte er Marie sehr geschickt mit dem Hinweis auf einige besonders prächtig blühende Orchideen zurückzuhalten. Seine botanischen Kenntnisse waren äußerst gering und er bemühte sich durchaus nicht, diese Lücke in seinem Wissen heuchlerisch zu verhüllen; aber die Unzahl drolliger Bemerkungen, mit denen er bei offenem Eingeständniß seiner mangelhaften Bildung diese oder jene Pflanze zu kennzeichnen versuchte, erschien Marie ungleich unterhaltender, als es selbst die gründlichsten und geistreichsten wissenschaftlichen Belehrungen sein konnten.

Sie waren zuletzt vor einer Königspalme von seltener Schönheit stehen geblieben, deren herrlich entwickelte Krone sich fast unmittelbar unter dem Glasdach des Wintergartens ausbreitete.

„Wie heißt es doch in des wackeren Simon Dach unsterblichem Liede vom Aennchen von Tharau?“ fragte Engelbert. „Ist da nicht auch von einem Palmbaum die Rede?“

„Ja,“ erwiderte Marie arglos, und mit halblauter Stimme sprach sie, das liebliche Antlitz sinnend zu der Krone des schlanken Stammes emporgerichtet, die einfachen, innigen Verse:

„Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,
Je mehr ihn Regen und Hagel anficht:
So wird die Lieb’ in uns mächtig und groß
Durch Kreuz, durch Leiden, durch allerlei Noth.
Aennchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut,
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!“

„Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!“ wiederholte Engelbert, sie mit seinen heißen Blicken fast verzehrend. Und dann, einem unbezwinglichen Verlangen seines vom Wein erregten Blutes nachgebend, beugte er sich über das holdselige Mädchenantlitz herab und küßte sie auf den Mund.

Mit halb geschlossenen Augen duldete Marie die Liebkosung, ohne sie zu erwidern. Aber als er nun seinen Arm um ihre Gestalt legen und sie fester an sich ziehen wollte, machte sie sich los und flüchtete bis an den Eingang des Wintergartens zurück. Ihre Wangen glühten, und halb abwehrend, halb bittend hatte sie beide Hände erhoben.

„O, nicht so, Engelbert, nicht so!“ sagte sie leise. „Ich bitte Dich von ganzem Herzen!“

Der Dragoner hatte bei ihrem raschen Entweichen etwas verblüfft und unbehaglich dreingeschaut, denn er fürchtete vielleicht, daß sie einen peinlichen Auftritt herbeiführen würde. Jetzt aber leuchtete es glückstrahlend und siegesgewiß in seinem hübschen Gesicht.

„Ich hätte es ja leicht, mich zu entschuldigen,“ erwiderte er, seine Stimme nun ebenfalls dämpfend und ihr langsam näher tretend, „denn Du warst mir den Bruderkuß noch immer schuldig geblieben. Aber ich liebe die hinterlistigen Küsse nicht, und so kann ich zu meiner eigenen Rechtfertigung nur den alten Königsberger Professor anklagen und dies ungestüme, ungebärdige Herz da in meiner Brust!“

„Seid Ihr denn noch immer hier?“ schallte es von der Glasthür her. „Mein Gott, welch merkwürdige Dinge müßt Ihr Euch zu erzählen haben!“

Ein flehender Blick aus Mariens schimmernden Augen, auf deren feuchtem Grunde er gut genug ein gar verheißungsvolles Leuchten sah, traf das Antlitz Engelberts. Sie hatte keine Zeit mehr gehabt, ihm zu antworten, doch auch dieser Blick war eine Antwort gewesen, deren Deutlichkeit ihm wohl genügen mußte.

„Gewiß, äußerst merkwürdig!“ bestätigte er lächelnd der eintretenden Cilly. „Wir haben eine Probe gemacht auf das berühmte Wort, daß man nicht ungestraft unter Palmen wandle.“

Er führte die Damen hinaus, und bald nachher verabschiedete sich Marie, um noch einmal, zum letzten Mal, in ihr bisheriges Heim zurückzukehren. Es gab ja noch mancherlei zu ordnen und herzurichten, ehe ihre Uebersiedelung in das Haus des Generals erfolgen konnte, und sie hatte sich darum in lebhaftem Kampfe gegen Cillys Drängen eine dreitägige Frist für diesen Schritt ausgebeten, der eine so wichtige Wendung in ihrem Leben bedeutete.

Fast überwältigt von den zauberischen Eindrücken dieses Tages lehnte sie das Köpfchen in die bequemen Polster des Wagens zurück. Sie fühlte sich todmüde, aber ein seliges Lächeln war auf ihren Lippen. Vor ihr lag die Zukunft wie ein unendlicher blühender, sonnenbeschienener Garten, und sie war so glücklich, so über alles irdische Maß hinaus glücklich, wie es eben nur ein junges Menschenherz sein kann, dem sich das Wunder der ersten Liebe erschlossen hat.


Ueber Nacht war der erste Winterschnee gefallen, und nun blies um die Mittagsstunde bei unbewölktem Himmel der Wind recht unwirthlich und rauh in die weiß verhüllten Straßen. Mit vorgebeugtem Kopfe kämpfte sich Joseph Hudetz, von dem [296] Kältegefühl sichtlich bis ins Mark durchschauert, über den freien Platz des Lustgartens vor dem Museum. Derselbe Wind, welcher die Wangen und die Nasen der anderen so lustig röthete, hatte ihn nur noch um eine Schattirung bleicher und fahler werden lassen; die dunklen Schatten unter seinen Augen zeichneten sich schärfer ab als sonst, und die Umrisse seiner hageren Gestalt traten erbarmungswürdig schmal und eckig unter dem langen havelockartigen Mantel hervor, den der Sturm zu toller Unförmlichkeit aufbauschte.

Die Katalogverkäufer am Fuße der großen Freitreppe mußten ihn bereits kennen, denn sie verschmähten es, ihm ihre Ware anzupreisen. Oder sie hielten ihn vielleicht auch für einen jener Unglücklichen, die sich zur Winterszeit in die öffentlichen Kunstsammlungen flüchten, weil es für sie keine andere Möglichkeit giebt, die Wohlthat eines geheizten Raumes zu genießen.

Ohne einen Blick auf die mächtigen Trümmer der Gigantomachie vom Altar zu Pergamon in der Rotunde und auf die Skulpturen im Erdgeschoß zu werfen, stieg Hudetz nach dem ersten Stockwerk empor. In dem großen Oberlichtsaale zur Linken wo des Peter Paul Rubens ewig junge Meisterwerke hängen, blieb er eine kleine Weile stehen – ähnlich einem frommen Kirchenbesucher, der zaudernd in der Vorhalle verharrt, damit alles irdische Denken und der unreine Odem der Straße von ihm abgethan sei, ehe er seinen Fuß in das eigentliche Heiligthum setzt.

Denn sein Allerheiligstes war nicht dieser prunkende Saal mit den üppigen, in kühner Farbenpracht und überquellender Daseinsfreude leuchtenden Gestalten, sondern ein kleines, abseits gelegenes Zimmerchen, dessen Thür sich zur Rechten öffnete, und an welchem weitaus die meisten anderen Besucher achtlos vorubergingen.

Nur zwei Wände dieses Kabinetts waren mit Bildern geringen Umfanges bedeckt, und diese unscheinbaren Gemälde in ihren schlichten, alterthümlichen Umrahmungen behandelten durchweg Gegenstände, die auf die Neugier der großen Menge keinen Reiz zu üben vermögen. Außer dem uniformirten Beamten, der sich mit äußerst gelangweiltem Gesicht auf einem Stuhl neben der Thür niedergelassen hatte, blieb Hudetz lange Zeit der einzige in dem kleinen Raume. Keine verständnißlose Phrase und kein platter Scherz, wie sie an solchem Orte nur zu häufig laut werden, störte die weltvergessene Andacht, mit welcher er sich in die Betrachtung seiner kostbaren Lieblinge versenkte.

Wie oft hatte er diese kleinen Porträts, den „Mann mit den Nelken“ und das Bildniß des fast abenteuerlich häßlichen Tuchhändlers Giovanni Arnolfini, bereits betrachtet, wie zahllose Viertelstunden hatte er vor dem Christuskopf und den kleinen Madonnenbildern des Jan van Eyck bereits zugebracht! Und doch vermochte er an ihnen immer neue Reize und künstlerische Feinheiten zu entdecken – doch erfüllte ihn immer tiefere, immer liebevollere Bewunderung für den wackeren alten Meister, der als schlichter Handwerksmann mit unendlichem Fleiß und kindlich frommem Herzen eine neue Kunst ins Leben gerufen und den Größeren, die nach ihm kommen sollten, den Weg zur Erreichung der höchsten Ziele gewiesen hatte.

Schon wollte er sich zum Gehen wenden, um das Hauptwerk der Brüder von Maaseyck und den Stolz des Berliner Museums, die Altargemälde von Sankt Bavo zu Gent, aufzusuchen, als sein Blick auf ein winziges Bildchen zunächst dem Fenster fiel, von dem er sofort wußte, daß es früher nicht dagewesen war. Es war ohne Zweifel eine neue Erwerbung; denn statt der üblichen Katalognummer trug es nur auf einem kleinen Schildchen die Bezeichnung:

„Jan van Eyck, Madonna im Rosenhag.“

Eine fiebrische, fleckige Röthe der Aufregung trat auf Hudetz’ Wangen, während er mit weit vorgeneigtem Oberkörper das unscheinbare Holztäfelchen betrachtete, dessen bemalte Fläche von der ausgespreizten Hand eines großen Mannes wohl zu bedecken gewesen wäre. Was war alles Schöne und Bewunderungswürdige, das der Meister von Brügge sonst geschaffen, was waren selbst seine Genter Altarbilder neben diesem kleinen, köstlichen Meisterwerk!

Johes. de eyck me fecit anno 1435“, „Johannes von Eyck hat mich gemacht im Jahre 1435“, so war mit zierlichen, kaum wahrnehmbaren Buchstaben in die Steinbank eingemeißelt, neben welcher die Gottesmutter in ihrem weich herabfließenden weißen Mantel stand. Mehr als vier Jahrhunderte also waren über diese malerische Schöpfung hinweg gegangen, und doch prangte sie in einer so durchsichtigen, leuchtenden Reinheit und Frische der Farben, als hätte erst vor wenig Tagen des Meisters Hand den letzten Pinselstrich gethan. –

Ein Geräusch hinter seinem Rücken ließ Hudetz in heftigem Erschrecken aus seiner Verzückung emporfahren. Der Kopf schmerzte ihn infolge der langdauernden Anspannung des Gesichtssinnes, und als er sich rasch umwandte, wankte er in einer Anwandlung von Schwindel gleich einem Trunkenen. Der Museumsbeamte war noch immer der einzige, welcher sich außer ihm in dem kleinen Zimmer befand; aber während er den Eintretenden vorhin nicht der geringsten Beachtung gewürdigt hatte, waren seine Augen jetzt mit einem Ausdruck lebhafter Verwunderung auf Hudetz gerichtet. Und dieser prüfende Blick, der vielleicht nichts anderes war als eine Aeußeruug argloser Neugierde, erfüllte den ehemaligen Studenten mit athembeklemmender Angst. Wie kam der Mann dazu, ihn so durchdringend und forschend anzusehen? Warum hegte er Mißtrauen gegen ihn? Hatte er ihn vielleicht gar im Verdacht, daß er einen Diebstahl ausführen wolle wie im Kupferstichkabinett zu Breslau? In äußerster Verwirrung kehrte Hudetz sein Gesicht wieder den Bildern zu; aber er fühlte den mißtrauischen Blick, auch ohne ihn zu sehen, und langsam, Schritt für Schritt, schob er sich klopfenden Herzens gegen den einzigen Ausgang des kleinen Raumes hin. Noch in der Thür erwartete er, daß der Mann ihn anrufen und nach seinem Namen fragen werde. Aber nichts derartiges geschah, und ungehindert konnte er den Saal mit den Riesengemälden des Rubens und seiner Schüler durchschreiten.

Tief aufathmend blieb er in einem der angrenzenden Gänge stehen. Sein Erschrecken war sehr thöricht gewesen – gewiß! Seine beständig gereizte Einbildungskraft hatte ihm einen Streich gespielt – nichts weiter! Wie sollte der Beamte dazu kommen, einen Argwohn gegen ihn zu hegen? Er hatte sich ganz unauffällig benommen, und in seiner äußeren Erscheinung war doch am Ende nichts, was ein besonderes Mißtrauen erwecken konnte.

Aber wenn er nun doch richtig gesehen hatte? Wenn es vielleicht eine Uebereinkunft zwischen den einzelnen Museumsverwaltungen gab, nach welcher sie sich die Beschreibung derjenigen mittheilten, die einmal bei einem Galeriediebstahl betroffen worden waren? Der beängstigende Gedanke nahm in seinem aufgeregten Gehirn sofort eine fürchterliche Wahrscheinlichkeit an. Was wollte es am Ende beweisen, daß er schon so oft unbehelligt diese Räume durchwandert hatte? Man hatte ihn eben unter den vielen anderen nicht bemerkt, oder die Museumsdiener, die sonst hier aufgestellt gewesen, hatten sich jener Beschreibung nicht erinnert! Jetzt aber, wo das Mißtrauen des einen einmal geweckt worden war, jetzt würden auch alle übrigen auf ihn aufmerksam werden. Man würde ihn auf Schritt und Tritt beobachten, würde vielleicht der Polizei einen Wink geben, ein Geheimpolizist würde ihn um seine Papiere befragen, und dann – o, er wußte nur zu gut, was dann das Ende sein würde: ein Zwangsabschub in die Heimath, eine Vernichtung der letzten Hoffnung, die ihn noch an dies elende, gehetzte, kaum zu ertragende Dasein fesselte!

Wie geistesabwesend stierte er auf des jüngeren Teniers „Versuchung des heiligen Antonius“, vor der er seit zehn Minuten stand. Ein Fieberschauer schüttelte seinen Leib. Die abenteuerlichen Ungeheuer auf dem Bilde schienen plötzlich Leben zu gewinnen und sich in einem tollen Wirbeltanze zu bewegen. Von der plötzlichen Furcht gepackt, daß er hier krank oder ohnmächtig zusammenbrechen könnte, ging Hudetz mit beschleunigten Schritten denselben Weg zurück, den er gekommen war. Als er an dem offenen Eingang des kleinen Kabinetts vorüberkam, zog es seinen Blick mit unwiderstehlicher Gewalt dahin. Ein breiter Streifen hellen Wintersonnenscheins lag über dem kleinen Bilde zunächst dem Fenster. Scharf und körperlich hob sich die Madonna in ihrem weißen Mantel von dem grünen Rosengehege ab. Der Fuß des Fliehenden zauderte, denn eine schier unnatürliche, zwingende Lockung ging für ihn von dem winzigen Gemälde aus. Er meinte, der Versuchung einzutreten nicht länger widerstehen zu können – da hob der Beamte, der noch immer auf seinem Stuhle hockte, das gelangweilte Gesicht, sein erster Blick streifte die hagere Gestalt in dem weiten, fadenscheinigen Mantel, und jetzt glimmte vielleicht wirklich etwas wie ein leises Mißtrauen in seinen Augen auf. Hastig, zitternd, die Entgegenkommenden anrennend, und fast ohne zu sehen, wohin er trat, eilte Hudetz die Treppe hinab und durch die Vorhalle hinaus ins Freie; der scharfe, [298] eisige Wind, der ihm entgegen blies, kühlte seine pochenden Schläfen nicht. Was vorhin nur wie eine ferne, unwahrscheinliche Möglichkeit in seinem Kopfe aufgedämmert war, hatte sich ihm jetzt zu unumstößlicher Gewißheit gesteigert: er war da drinnen erkannt worden – er wurde beargwohnt – und er durfte seine Besuche in der Bildergalerie nicht wiederholen, wenn er nicht die Gefahr der polizeilichen Ausweisung über sich heraufbeschwören wollte – diese Gefahr, vor der er heftiger zitterte als vor dem Gedanken an den Tod.

Die Thränen liefen ihm über die Wangen, ohne daß er es bemerkte, während er über das holperige Pflaster am Spreeufer dem Norden zustrebte. War es denn überhaupt der Mühe werth, weiter zu leben, wenn ihm auch diese letzte Daseinsfreude für immer entzogen wurde? That er nicht hundertmal besser, durch einen Sprung über das Eisengeländer der steilen Uferböschung all dem Jammer ein kurzes Ende zu bereiten? Wie sollte er seine Arbeit fertigstellen, wenn undurchdringliche Mauern ihn von dem Anblick der Werke trennten, über die er schrieb? – Und jetzt – gerade jetzt, wo er ein Kleinod gefunden hatte, das ihm bereits bei der ersten, kaum den Gesammteindruck erschöpfenden Betrachtung hundert neue Anregungen gegeben, hundert neue Ausblicke eröffnet hatte! – Ließ sich die Vorstellung ertragen, daß er es niemals – niemals wiedersehen sollte?

Mit keuchendem Athem und verwirrten Gedanken stieg er die Treppe zu seiner Wohnung empor. Die Wirthin stand am Herd und rührte in einem dampfenden, unangenehme Zwiebelgerüche ausströmenden Topfe. Mit ihrer starkknochigen, abgemagerten Gestalt, ihren harten Zügen und dem wirren grauen Haar legte sie den Vergleich mit den Bewohnerinnen einer Hexenküche nahe. Sie schenke dem Eintritt ihres Miethers anscheinend keine Beachtung, aber als er eben die Thür seiner Stube hinter sich schließen wollte, redete sie ihn an:

„Machen Sie sich darauf gefaßt, einen Besuch zu bekommen! Ich glaube, er wird Ihnen nicht angenehm sein, aber ich kann nichts dagegen thun.“

Welch eine neue Hiobspost war es, die da auf ihn wartete!

„Einen Besuch?“ wiederholte er, bemüht, seine Gedanken zu sammeln. „Wer könnte das sein?“

„Der Gerichtsvollzieher!“ sagte sie, gleichmüthig in ihrer Beschäftigung fortfahrend. „Es ist merkwürdig, was für eine Anhänglichkeit diese Art von Menschen für mich hat. Ich war noch nicht sechs Jahre alt, da nahm ein solcher Kerl – damals hieß er Exekutor – meiner Mutter das letzte anständige Kleid weg, das sie im Schranke hatte, und den Schrank dazu. Seitdem ist kein einziges Jahr vergangen, ohne daß ich die unselige Uniform nicht einmal oder ein paarmal hätte zur Thür hereinkommen sehen. Alle anderen können einen vergessen – der nicht, und wenn ich einmal kalt und todt da auf dem Lumpenbündel von Bett liege, wird noch der Gerichtsvollzieher kommen und meine Wohnung vergeblich nach einem pfändbaren Stücke durchstöbern.“

Sie hustete heftig und lange. Es war, als ob sie mit der Gefahr der Erstickung zu kämpfen habe; zum ersten Mal machte Hudetz die Wahrnehmung, daß sie seit dem Beginn ihrer Bekanntschaft um vieles hinfälliger geworden war. Aber es gab jetzt näher liegende Sorgen als diese. Der angekündigte Besuch mußte unter allen Umständen verhindert werden.

„Um was handelt es sich denn?“ fragte er. „Ist die Summe groß?“

„Für Rothschild nicht – für mich, ja! Es sind Steuern oder so was. Das bezahl’ ich nie! Was hab’ ich denn davon? Vielleicht, daß unter den Linden Asphaltpflaster gemacht wird und elektrisches Licht? Sie sollen einer armen alten Frau meinetwegen das Hemd vom Leibe nehmen, wenn sie’s verantworten können! Freiwillig aber – freiwillig geb’ ich nicht einen Pfennig!“

Hudetz strich sich das dunkle Haar aus der Stirn.

„Ich werde die Steuern für Sie bezahlen, Frau Haberland,“ sagte er mit einem leisen Seufzer. „Wir dürfen nicht erst den Gerichtsvollzieher kommen lassen.“

Es war ihr nicht der Mühe werth, auch nur den Kopf zu erheben.

„Da auf dem Tisch liegt der Mahnzettel,“ meinte sie, „bis heute abend muß es in Ordnung sein.“

Sie kostete von ihrer Suppe, um dann noch etwas Salz hinzuzufügen. Trotz des rauhen Gleichmuths, den sie an den Tag legte, war doch ein ausgeprägter Zug von Lebensmüdigkeit auf dem harten alten Gesicht mit dem fest zusammengepreßten, zahnlosen Munde.

Hudetz nahm den Zettel und las den darauf angegebenen Betrag. Derselbe war nicht eben groß, aber er überstieg die kleine Baarschaft, über welche der ehemalige Student noch verfügte, doch um ein Beträchtliches. Er war es ja gewöhnt, von der Hand in den Mund zu leben, und die Einkünfte waren in den letzten Tagen besonders spärlich geflossen, weil er sich mit vermehrtem Eifer seiner wissenschafllichen Arbeit hingegeben hatte.

„Es wird mir hoffentlich gelingen, das Geld noch rechtzeitig zu beschaffen,“ sagte er, den Zettel zusammenfaltend und sich zum Gehen wendend.

„Wollen Sie nicht zuvor etwas essen?“ rief ihm die Alte nach. „Brotsuppe mit Zwiebeln – ich setze sie Ihnen nicht auf die Rechnung.“

Aber er lehnte mit einigen Dankesworten ab. Nicht um den höchsten Lohn hätte er jetzt einen Bissen über die Lippen bringen können. Unten auf der Straße überlegte er eine Weile, was sich unternehmen ließe, um die fehlende Summe aufzubringen. Dann erinnerte er sich eines Weinhändlers, von dem er wiederholt kleinere Inseratenaufträge für verschiedene Berliner Zeitungen erhalten hatte. Er hatte bei dem Manne seit geraumer Zeit nicht mehr vorgesprochen; wenn er heute ein geneigtes Ohr bei ihm fand, mochte der auf ihn selbst entfallende Gewinnanteil wohl hinreichen, das dringende Bedürfniß des Augenblicks zu befriedigen.

Aber die Aussichten schienen nicht sehr günstig, denn als Hudetz das kleine Kontor betrat, fand er den Weinhändler, einen alten Herrn von dem würdevollen Aussehen eines biblischen Patriarchen, in sehr eifrigem Gespräch mit mehreren Besuchern.

„Was wünschen Sie denn schon wieder?“ klang es ihm wenig ermunternd entgegen. „Kommen Sie ein anderes Mal! – Oder meinetwegen mögen Sie auch warten, bis ich Zeit habe, mich mit Ihnen zu befassen!“

Ohne ein Wort zu erwidern, schlich sich Hudetz in eine Ecke des kleinen, überheizten und von Cigarrendampf erfüllten Raumes. Er war entschlossen, nicht eher von der Stelle zu gehen, als bis er seinen Zweck erreicht hatte. Die rückständigen Steuern seiner Wirthin mußten ja bezahlt werden um jeden Preis.

Die Unterhaltung, welche der Patriarch mit seinen Kunden führte, war von schier unendlicher Dauer, und als dieselben schließlich gegangen waren, hatte der Alte den stillen Besucher in der Ecke beim Ofen augenscheinlich vergessen. Er rechnete und schrieb, und das Kritzeln seiner Feder war lange Zeit das einzige Geräusch, welches die Stille der kleinen Arbeitsstube unterbrach.

Aber es war nicht nur Bescheidenheit, daß Hudetz noch immer schweigend und regungslos auf seinem Stuhle hockte. Seine Gedanken hatten sich längst weltenweit von dem Zwecke seines Hierseins entfernt, und auf der schmucklosen, mit einer unsäglich häßlichen Tapete beklebten Zimmerwand, die er unausgesetzt anstarrte, hob sich längst von dem tiefgrünen Hintergrunde blüthenbedeckter Rosenhecken die holdselige Gestalt der jungfräulichen Gottesmutter im lang niederfallenden, weißen Gewande ab, diese süßeste aller Madonnen, die er nie – nie mehr wiedersehen sollte!

Es war nicht gerade wunderbar, daß ihm das Bild mit fast all seinen Einzelheiten im Gedächtniß haften geblieben war; aber es war merkwürdig, daß ihn gerade in Bezug auf das Antlitz der Maria seine Erinnerung vollständig im Stiche ließ. Und je mehr er sein Gehirn zermarterte, um den verwischten Eindruck wieder herauf zu beschwören, desto hartnäckiger schob sich ein anderes, lichtblondes Köpfchen in den Rahmen des Phantasiegebildes ein, desto deutlicher trug die lichtumflossene Madonna im Rosenhag die lieblichen Züge jener vornehmen Flurnachbarin, deren entflohenes Vögelchen er einst mit Gefahr des eigenen Lebens vor den mordgierigen Krähen errettet hatte. Und er fühlte sich plötzlich ergriffen von einer Empfindung namenlosen, heißen, inbrünstigen Sehnens, von einem unklaren und doch allgewaltigen Verlangen, das jede Fiber seines Wesens erfaßte. Es drängte ihm die Thränen in die Augen und ließ ihn doch zugleich in der dunklen Vorahnung einer Glückseligkeit erschauern, der er keinen Namen zu geben wußte, obgleich es ihn unwiderstehlich trieb, sie mit dem Einsatz seines ganzen Daseins zu erringen.

[299] Er hörte und sah es nicht, daß der Weinhändler aus dem Inhalt des Geldschrankes Geld auf die Platte seines Pultes zählte. Der verführerisch helle Klang des Goldes erreichte sein Ohr so wenig wie das lockende Knistern der Kassenscheine – und es riß ihn erst aus seinen Träumereien auf, als eine jugendliche Frauenstimme aus dem Nebenraume rief:

„Ach, Papa, komm doch herein – nur für einen Augenblick! Unser Hugo hat eben gelächelt – wahrhaftig gelächelt; die Wärterin sagt, sie habe das noch nie erlebt bei einem Kinde von kaum vier Wochen!“

In den Zügen des Patriarchen leuchtete es auf wie heller Sonnenschein. Als gälte es, ein Geschäft mit hundert Prozent Gewinn zu machen, eilte er zu der Thür des Nebengemaches. Und was hätte er wohl sechs Wochen früher demjenigen geantwortet, der ihm prophezeit hätte, daß er jemals ein paar tausend Mark unbeaufsichtigt bei unverschlossener Thür auf seinem Pulte liegen lassen würde, nur um das vermeintliche Lächeln eines Kindes von vier Wochen zu sehen? Er würde den Propheten für verrückt erklärt haben, – aber er war eben damals noch nicht Großvater gewesen wie heute.

Minute auf Minute verrann – eine lange Viertelstunde, – und Joseph Hudetz war noch immer allein mit dem blinkenden Golde und den verführerisch bunten Kassenscheinen. Doch nicht für die Dauer eines Herzschlages wandelte ihn die Versuchung an, seine Hand auszustrecken nach dem fremden Gute. Der Tag neigte sich bereits dem Abend zu; seit dem frühen Morgen hatte er weder Speise nach Trank zu sich genommen, und es war wenig Aussicht vorhanden, daß er die Mittel erlangen würde, das Versäumte später nachzuholen. Aber er dachte nichtsdestoweniger keinen Augenblick an die Möglichkeit, eine dieser glänzenden Münzen, eines dieser bunten Papiere an sich zu nehmen und mit unhörbaren Schritten das Weite zu suchen.

Er würde niemals aus Hunger gestohlen haben – niemals!

Der Weinhändler trat wieder auf die Schwelle. Sein erster Blick streifte die zusammengekauerte Gestalt in der Ecke bei dem Ofen – der zweite flog blitzschnell nach dem Pulte hinüber.

„Sie sind noch immer da?“ fragte er, und aus dem Klang seiner Stimme war es zu hören, wie schwer ihm sein beispielloser Leichtsinn noch nachträglich auf die Seele fiel. „Sind Sie die ganze Zeit hindurch dagewesen?“

„Ja,“ erwiderte Hudetz bescheiden, „Sie forderten mich ja auf, zu warten, bis Sie Zeit für mich haben würden.“

Der Patriarch brummte etwas vor sich hin und begann von neuem sein Geld zu zählen. Es fehlte nichts davon, und als er es bis auf den letzten Thaler in den diebessicheren Eisenschrank eingeschlossen hatte, wandte er sich wieder gegen seinen Besucher.

„Eine Anzeige soll ich Ihnen geben für die ‚Morgenpost‘ und für die ‚Abendglocken‘, nicht wahr? Nun, ich habe nicht gesehen, ob es mir in meinem Geschäft genützt hat, aber es hat mir auch nicht geschadet, denn mein Geschäft geht gut. Also sollen Sie sie haben, die Anzeige.“

Er kritzelte einige Worte auf ein Blatt Papier, drückte seinen Firmenstempel darunter und reichte es dem erleichtert aufathmenden Hudetz.

„Ich danke Ihnen,“ erwiderte dieser, indem er hastig nach seinem Hute griff und Miene machte, sich zu entfernen. Wohlgefällig streichelte der Patriarch seinen langen grauen Bart.

„Nun, warum haben Sie es mit einem Male so eilig, da Sie doch Zeit hatten, eine Stunde oder darüber zu warten? – Es ist Ihr Geschäft, herumzulaufen und sich Inseratenaufträge von diesem und jenem geben zu lassen. Nun ja – warum nicht? – Mancher wird sie geben und mancher wird sie nicht geben. Es ist ein Geschäft wie jedes andere. Aber ich glaube nicht, daß es ein gutes Geschäft ist – das heißt: ein einträgliches Geschäft – ich glaube es nicht.“

„Freilich, man kann nicht reich davon werden,“ sagte Hudetz, dem der Boden unter den Füßen brannte.

Mit einem tiefsinnigen Lächeln wiegte der Patriarch das ehrwürdige Haupt.

„Reich?“ wiederholte er. „Wovon kann man reich werden in diesen schweren Zeiten? Wer Gottes Segen nicht auf seinem Geschäft hat, der bleibt ein armer Teufel sein Leben lang. Soll ich Ihnen etwas sagen, junger Mann? Als ich in Ihren Jahren war oder darunter, bin ich hierher gekommen mit fünf Groschen in der Tasche und hab’ nicht gewußt, wo ich mein Haupt hinlegen sollte in der Nacht. Und da, an der nämlichen Stelle, wo Sie stehen, habe ich gestanden und um eine Zehrung gebeten für meinen Weg. Aber der, der damals der Herr war in diesem Haus, war übel gelaunt und hieß mich mit einem unfreundlichen Wort von dannen gehen. Ich sage nicht, daß es recht von ihm war, denn wer da hat, der soll seinem Bruder geben, daß er auch habe. Aber wir sind alle nur Menschen und haben unsere Fehler wie Menschen. Also ging ich still hinaus und kaute auf einem Strohhalm, weil mich hungerte, wie einen gesunden Menschen von zwanzig Jahren hungert, der in fünfzehn Stunden nichts Warmes und nichts Kaltes zwischen den Zähnen gespürt hat. Und wie ich im Finstern die Treppe hinabgehe, da stößt mein Fuß an was Hartes, und wie ich es aufhebe, ist es ein Geldbeutel mit elf harten Thalern. Elf Thaler sind nicht viel für einen, der im Ueberflusse sitzt; aber es ist sehr viel für einen, der seit fünfzehn Stunden hungert und nicht weiß, wo er sein Haupt hinlegen soll. Nun, was meinen Sie, daß ich gethan habe? Umgekehrt bin ich, den Geldbeutel hab’ ich auf den Tisch gelegt und gesagt: ‚Zählen Sie’s nach, ob etwas fehlt von dem, was darin gewesen ist!‘ Und von Stund’ an bin ich als Gehilfe hier im Hause geblieben, und sechs Jahre später hab’ ich die Tochter desselben Mannes geheirathet, der mich hinausgeschickt hatte. Und dann bin ich Herr geworden im Haus, und Gottes Segen ist auf meinem Geschäft gewesen. Nun, was meinen Sie, warum ich Ihnen die ganze alte Geschichte erzählt habe?“

Hudetz hatte ihm nur mit halbem Ohr zugehört, denn die Ungeduld verzehrte ihn, und er empfand nicht die geringste Theilnahme für die Erinnerungen des Patriarchen.

„Ich weiß in der That nicht,“ stammelte er, „es war gewiß ein sehr merkwürdiger Zufall – aber –“

„Zufall – warum Zufall? – Und ich will es Ihnen gerade heraus sagen! Ihr Geschäft ist kein gutes Geschäft, denn Sie kommen dabei niemals auf einen grünen Zweig. Ich aber kann ganz gut noch einen ehrlichen, zuverlässigen Menschen brauchen für die Schreibstube und für das Lager. Da melden sich so viele mit den rechtschaffensten Gesichtern und den schönsten Redensarten, und hinterher kann man froh sein, wenn sie nicht vielleicht gar schon im Gefängniß gesessen haben. – Nun, was ist denn, warum haben Sie’s mit einem Male so eilig, junger Mann?“

Hudetz stand schon in der geöffneten Thür. Das Blatt, das er noch immer in der Hand hielt, war nicht viel weißer als sein Gesicht.

„Sie sind sehr gütig,“ stieß er hervor, „aber ich kann wirklich nicht – es geht nicht – und – und ich darf mich nicht länger aufhalten – guten Abend!“

Er rannte davon, als hätte er statt des menschenfreundlichen Anerbietens Stockschläge von dem Patriarchen erhalten. Seine Geschäfte in den Expeditionen der „Morgenpost“ und der „Abendglocken“ waren rasch erledigt, und er erreichte die Steuerkasse eben noch unmittelbar vor Thoresschluß. Als er wieder heraustrat, war sein Besitz an barem Gelde geringer als die Barschaft, mit welcher einst der Weinhändler nach Berlin gekommen war, um sein Glück zu machen. Er kaufte sich etwas Gebäck bei einer alten Frau, die trotz der schneidenden Kälte mit ihren Kuchenkörben im Lustgarten saß, und während er essend vor der großen Freitreppe des Museums auf und nieder ging, kehrten seine Gedanken zu dem einzigen Gegenstand zurück, der jetzt noch Werth und Bedeutung für ihn hatte.

Die Dunkelheit, welche ihn umgab, übte einen beruhigenden Einfluß auf ihn aus. Wie weit er auch von einer Empfindung der Sicherheit und des Geborgenseins entfernt war, er wagte doch endlich, ganz schüchtern der Vorstellung Raum zu geben, daß seine Befürchtungen vom Mittag grundlos gewesen sein könnten, und er rang sich endlich nach vielem Zaudern und Verwerfen zu der Entschließung durch, morgen noch einmal auf jede Gefahr hin den Besuch der Galerie zu wiederholen. Er wollte die äußerste Vorsicht aufwenden und sich von dem eigentlichen Ziele seiner Sehnsucht so lange fernhalten, bis er die Gewißheit erlangt hatte, daß man ihn nicht beobachte. Wenn er die Augen offen hielt, mußte ihm ja unter allen Umständen noch Zeit genug zum Rückzuge bleiben, sobald sich irgend etwas Besorgnißerregendes zeigte.

[300] Gestärkt und mit einem Gefühl der Spannung, wie es ihm in seinem aufreibenden Kampfe ums Dasein seit langem fremd geworden war, kehrte er nach langem Umherwandern in seine Wohnung zurück. Die Alte lag hustend und nach Athem ringend auf ihrem Bette. Seine Mittheilung, daß die bedrohliche Angelegenheit geordnet sei, schien sehr geringen Eindruck auf sie zu machen. Sie brummte nur etwas, das Hudetz nicht verstand, und auf seine besorgte Frage, ob sie sich vielleicht ernstlich unwohl fühle, fuhr sie ihn fast zornig an:

„Wenn’s schon so wäre, könnten Sie mir etwa helfen? Gehen Sie nur und legen Sie sich schlafen! Hat man dreißig Jahre allein gelebt, kann man am Ende auch allein verenden!“

Er wagte es nicht, ihr zu widersprechen; aber seine Besorgniß, daß ihr etwas zustoßen könnte, veranlaßte ihn doch, sich in den Kleidern auf das Bett zu legen. Sein Schlaf war infolge dessen unruhig und vielfach durch Träume unterbrochen, die fast den Charakter von Fieberphantasien hatten. Erst gegen Morgen, als auch der bellende Husten der Alten minder häufig und beängstigend durch die dünne Scheidewand tönte, fiel er in tieferen, halbwegs erquickenden Schlummer.

Und er träumte, daß sich van Eycks Madonna im Rosenhag nicht mehr im Besitz der Berliner Galerie, sondern in seinem eigenen engen Stübchen befand. Das Bild schwebte frei in der Luft mitten im Gemache, und es ging ein wunderbares Leuchten von ihm aus, ein überirdischer Glanz, der ihm zuletzt eine schmerzliche Empfindung in den Augen verursachte. Und diesen stechenden, bohrenden Schmerz fühlte er auch noch beim Erwachen. Der Kopf war ihm so schwer, daß er ihn nur nach minutenlangem Kampfe und mit dem Aufgebot seiner ganzen Willenskraft von dem Kissen zu erheben vermochte. Eine furchtbare Mattigkeit machte ihm selbst die geringfügigste Bewegung der Glieder zu peinvoller Anstrengung.

Sicherlich wäre er in seinem heutigen Zustande ganz unfähig gewesen, irgend einen Entschluß zu fassen, welcher moralischen Muth oder Spannkraft des Geistes zur Voraussetzung gehabt hätte. Aber der Vorsatz vom gestrigen Abend wirkte seltsamerweise in ihm nach wie der Befehl einer höheren Macht, vor der es kein Entrinnen und gegen die es kein Widerstreben gab.

Er hatte sich nie so schwach, so hinfällig und so zaghaft gefühlt als gerade heute, und trotzdem stand es ihm unumstößlich fest, daß er auf jede Gefahr hin in das Museum gehen werde.

Schon während er sich ankleidete, dachte er an nichts anderes als daran. Er zauderte, den weiten grauen Mantel anzulegen, den ein betrügerischer Kleiderhändler ihm aufgeschwatzt hatte, und der in den Tagen seines Glanzes wohl für zwiefach breitere Schultern reichlich bequem gewesen war. Das auffällige Kleidungsstück mußte es ja dem Beamten leicht machen, ihn wiederzuerkennen. Aber mit einem Male ging es ihm durch den Sinn, wie mühelos man einen Gegenstand, der etwa die Größe des van Eyckschen Madonnenbildes hätte, unter den Falten dieses Mantels würde verbergen können. Zwar vermochte sein schmerzendes Gehirn diesen sonderbaren Gedanken ebensowenig festzuhalten wie irgend eine andere von den tausend abenteuerlichen Vorstellungen, die sich unablässig hinter der fiebernden Stirn jagten; aber er hüllte seine hagere Gestalt nun doch ohne weiteres Zögern in das gefährliche Kleidungsstück ein und machte sich auf den Weg.

In einem fast ausschließlich von Arbeitern besuchten Kaffeekeller der Chausseestraße versuchte er ein einfaches Frühstück zu sich zu nehmen. Aber der erste Bissen schon quoll ihm im Munde, und die verpestete Luft des niederen Raumes, dessen Fenster nicht geöffnet worden waren, obwohl mehr als ein Dutzend Menschen sich rauchend und schnapstrinkend bis zum Morgengrauen darin aufgehalten hatten, verursachte ihm unerträgliche Uebelkeit. Er war wirklich nahe daran, ohnmächtig zu werden, und das mochte sich ziemlich deutlich auf seinem Antlitz ankündigen, denn ein älterer Mann in der gestrickten Wolljacke eines Maurers, der sich neben ihn auf die hölzerne Bank geschoben hatte, redete ihn plötzlich an: „Ihnen ist nicht ganz wohl – was? – Lassen Sie doch die Cichorienbrühe stehen – davon wird es nicht besser! Nehmen Sie lieber einen Nordhäuser, der bringt Sie schon wieder auf die Beine!“

Er schob Hudetz das gefüllte Schnapsglas zu, das der Wirth soeben vor ihn niedergesetzt hatte, und der ehemalige Student hob es mit zitternden Fingern an die Lippen, als müßte er heute willenlos jede Weisung befolgen, die ihm von irgend einer Seite her zutheil wurde. Seit den Tagen seiner frühesten Kindheit hatte er stets einen unbezwinglichen Ekel gegen alle geistigen Getränke empfunden. Der bloße Geruch des Branntweins erweckte ihm mit Naturnothwendigkeit die Erinnerung an jene wüsten und grauenhaften Auftritte, deren Zeuge er in seinem Elternhause, dem Hause des unverbesserlichen Schnapstrinkers, gewesen war. Und auch jetzt schüttelte ihn der Widerwillen, als er den ersten brennenden, abscheulich schmeckenden Tropfen auf seiner Zunge fühlte. Ein Erdarbeiter, der ihm gegenüber saß und ihn beobachtete, brach in rohes Gelächter aus; der Maurer aber ermunterte ihn gutmüthig:

„Nur hinunter damit! – Die Wirkung kommt erst, wenn man ihn im Magen hat.“

Und sie ließ in der That nicht lange auf sich warten, diese Wirkung, die so wunderbar war und so unbeschreiblich wohlthätig. Wie ein Strom flüssigen Feuers rann es durch seinen Körper, als er mit furchtbarer Anstrengung den ganzen Inhalt des Glases hinabgeschüttet hatte; der bohrende Schmerz in den Schläfen und den Augen verwandelte sich in einen dumpfen, um vieles leichter zu ertragenden Druck, und ein Kraftgefühl, wie er es kaum je gekannt hatte, war urplötzlich an die Stelle der bisherigen Mattigkeit getreten.

Er besaß nicht mehr als zehn Pfennig, als er die steile Kellertreppe wieder emporklomm. Aber diese Mittellosigkeit machte ihm keine Sorge. Er hatte überhaupt keine Sorgen in diesen glücklichen Augenblicken. Der Anblick eines eiligen Zeitungsjungen, der ihn mit seiner großen Mappe unsanft in die Seite gestoßen hatte, erinnerte ihn an sein Erlebniß vom gestrigen Abend, an den Patriarchen und an das menschenfreundliche Anerbieten desselben. Er lachte still in sich hinein bei der Vorstellung, wie sich das ehrwürdige Antlitz des Weinhändlers wohl verwandelt haben würde, wenn er ihm geantwortet hätte, daß er auch einer von denen sei, die bereits im Gefängniß gesessen haben ... Als wenn es etwas so Außerordentliches wäre, dies Bestraftsein! ... Waren nicht zu allen Zeiten große Männer eingekerkert worden? Und gab es nicht unter den lebenden Berühmtheiten einige, die in den Sturmjahren der Revolution sogar zum Tode verurtheilt worden waren? ... Am Ende kam es doch nur darauf an, sich nicht erwischen zu lassen! ... Was hatte es denn für die Allgemeinheit zu bedeuten, ob ein paar seltene Kupferstiche die Freude eines armen Studenten ausmachten, oder ob sie in den Mappen eines reichen Liebhabers verschlossen blieben! ... Nicht einmal das Behagen und das Wohlbefinden dieses Liebhabers hatte es länger als für eine flüchtige Stunde zu stören vermocht, daß er die wenigen Blätter genommen, und er – er sollte es trotzdem büßen mit der Zerstörung seines ganzen Daseins? – Nein, das war keine Gerechtigkeit – das konnte nicht der Wille desjenigen gewesen sein, welcher dem Weltenlauf seine ewigen Gesetze vorgeschrieben! Man hatte ein Recht, sich dagegen aufzulehnen ... und er wollte sich auflehnen – gewiß, es war sein fester Entschluß, das zu thun! Wenn man nicht die Kraft besaß, diese unsinnige soziale Ordnung mit einem Ruck übern Haufen zu werfen, so mußte man sie verhöhnen, man mußte sich über sie lustig machen, wie die schwärmenden Mücken sich vielleicht über den starken, alles beherrschenden Menschen lustig machen, den sie ungescheut reizen und peinigen, obwohl ein einziger Druck seines Fingers hinreichen würde, sie zu tödten, wenn er sie nur in seiner Gewalt hätte! ... Ja, wenn er sie hätte – das war eben der Humor davon!

Der Vergleich gefiel Hudetz außerordentlich, er dünkte ihm so treffend, daß er mit dem Behagen eines Dichters, der einen glücklichen Gedanken gefunden zu haben meint, dabei verweilte. Was war er denn auch anderes als eine solche arme, harmlose Mücke? Ein einziges Mal nur hatte er sich seines Daseins freuen wollen, und um des winzigen, kaum fühlbaren Stiches willen, den dabei ein anderer empfangen hatte, wollte man ihn nun erbarmungslos zerdrücken und vernichten! Er war eben so thöricht gewesen, sich erwischen zu lassen – er hatte gar keinen Versuch gemacht, dem Verhängniß zu entrinnen, weil ihm irgend jemand in seiner Kindheit eine thörichte Ehrfurcht eingeprägt hatte vor dieser verrückten Weltordnung, in welcher die Gesellschaft mit dem rohen Rechte des Stärkeren durch Keulenschläge jeden Nadelstich [301] erwidern darf. Er hatte seinen Nacken unter die Keulenschläge gebeugt, ohne sich zu fragen, ob dies in Wahrheit ein gerechtes Abwägen sei zwischen seiner Schuld und ihrer Sühne. Jetzt aber war ihm diese Frage gekommen; die belebenden, wunderthätigen Geister des Branntweins hatten sie in irgend einem Winkel seiner Seele geweckt, und diese nämlichen Geister raunten ihm nun auch die Antwort zu mit einem tausendmal wiederholten Nein! Er wollte sich auflehnen, sich rächen; aber er wollte sich nicht erwischen lassen – das war der letzte Schluß, in welchem alle diese sprunghaften und verworrenen Gedanken unfehlbar immer wieder endeten.

Daß seine Rache nur in der Entwendung von van Eycks Madonnenbilde bestehen konnte, war ihm in all den wirren Gedankenwirbeln seines berauschten Gehirns nicht einen Augenblick zweifelhaft gewesen. Nicht allmählich und mit Widerstreben war der Entschluß dazu in ihm gereift, sondern er war plötzlich fest und unverrückbar dagewesen wie etwas Selbstverständliches, das schon seit langem all sein Sinnen und Trachten beherrscht hatte. In Wirklichkeit hatte er gestern durchaus nicht daran gedacht; jetzt aber galt es ihm als gewiß, daß er das Bild schon gestern fortgenommen haben würde, wenn nicht die beständige Anwesenheit des Museumsdieners ein solches Beginnen unmöglich gemacht hätte. Und die Furcht, daß sich die Gelegenheit auch heute nicht günstiger erweisen möchte, war die einzige Sorge, welche sich zuweilen für die Dauer einer Sekunde lähmend auf seine beinahe freudige und von einer brennenden Ungeduld gestachelte Entschlossenheit legte.

Vor der Eingangsthür des Museums hatte sich ein kleines Häuflein Harrender angesammelt, die sich verdrießlich und durchfroren in die warmen Räume stürzten, als ihnen endlich geöffnet wurde. Hudetz beeilte sich gar nicht, ihnen zu folgen. Er befand sich in der heiteren und behaglichen Stimmung eines Menschen, der zur Erhöhung des Sinnenkitzels den Augenblick eines höchsten Genusses hinausschiebt, weil er sicher ist, daß dieser Genuß ihm nicht mehr geraubt werden kann. Und es war merkwürdig, ein wie lebhaftes Vergnügen ihm heute selbst die gleichgültigsten und geringfügigsten Dinge zu bereiten vermochten. Die Amazone und der Löwentödter auf den Treppenwangen – die mächtige Granitschale auf dem freien Platze mit ihrem plumpen hölzernen Deckel – ja, selbst das alte, verhutzelte Weiblein, das immer mit dem nämlichen Tonfall der dünnen, quiekenden Stimme ihr: „Katalog gefällig?“ und „Führer durch die königlichen Museen?“ herplapperte – er sah sie alle nur wie durch einen feinen Schleier und in eigenthümlich verschwimmenden Umrissen, aber sie erschienen ihm nichtsdestoweniger so hübsch und so vergnüglich anzuschauen, daß er gar nicht zu begreifen vermochte, wie ihm das Dasein bei so viel reizvoller Abwechslung jemals hatte leer und unerträglich dünken können.

Mit dem überlegenen Lächeln eines Weisen, der soeben die Lösung einer weltbewegenden Frage gefunden hat, trat er endlich in das Haus. Einer von den Museumsdienern, die im ersten Saale des Erdgeschosses standen, blickte ihn scharf an, aber das hatte heute durchaus nichts Verwirrendes für den ehemaligen Studenten. Vielmehr ergötzte er sich innerlich über die Dummheit dieses Menschen, der trotz allen Anstarrens nicht aus seinen Mienen heraus lesen konnte, was er vorhatte. Er mußte an sich halten, um ihm nicht im Vorbeigehen gerade ins Gesicht zu lachen. Wozu standen diese Aufpasser nun da in ihren schönen Uniformen, wenn sie doch genöthigt waren, die Spitzbuben ungehindert eintreten zu lassen gleich den ehrlichen Leuten!

Es waren erst wenige Besucher in dem westlichen Flügel der Gemäldegalerie, aber vor den Madonnenbildern van Eycks stand ein junges Paar, dem die Abgelegenheit des kleinen Kabinetts gerade recht schien für den Austausch geheimnißvoller Mittheilungen, welche sie sich mit sehr verliebten Gesichtern in die Ohren flüsterten. Es wäre gewiß ein Leichtes gewesen, sie zu verscheuchen, aber Hudetz war zu rücksichtsvoll, etwas derartiges zu versuchen. Mochten sie immerhin erst zu Ende kommen – er hatte ja keine Eile!

Ein einziger Umstand war da, der ihm leichtes Unbehagen machte. Vor Peter Paul Rubens’ „Auferweckung des Lazarus“, die dem Eingang des Kabinetts gerade gegenüber hing, war eine Malerin mit dem Kopiren der gewaltigen Tafel beschäftigt. Sie stand auf einem Tische vor ihrer Staffelei, und wenn sie den Kopf ein wenig wandte, mußte sie jeden Winkel des Kabinetts mit einem einzigen Blick überschauen können. Aber sie war sehr vertieft in ihre Arbeit. Hudetz sah, daß sie mit dem Antlitz des Andreas nicht fertig werden konnte, und in ihrem Bemühen, zu ändern und zu bessern, würde sie gewiß keine besondere Aufmerksamkeit haben für das, was in ihrer Umgebung geschah. Jedenfalls war es nothwendig, sie im Auge zu behalten, und das war eine Unbequemlichkeit, mit welcher er bisher nicht gerechnet hatte.

Doch es gab nichts, das ihn in seiner gegenwärtigen rosigen und zuversichtlichen Stimmung ganz und gar hätte entmuthigen können. Er war von dem Gelingen seines Vorhabens so fest überzeugt, als wären da nicht die geringsten Schwierigkeiten zu überwinden gewesen. Nur den rechten Zeitpunkt mußte er abwarten – weiter nichts, und wo ein solcher Preis zu gewinnen war, da fiel das Opfer einer Viertelstunde doch wahrlich nicht ins Gewicht!

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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 11, S. 325–333

[325] Der Zufall war Hudetz günstiger, als er es bei einer unbefangenen und nüchternen Abwägung aller Umstände hätte erwarten können. Wie er nach einem längeren Streifzug durch die Räume des Museums in den Oberlichtsaal zurückkehrte und einen vorsichtigen Späherblick zu dem Kabinett der Madonna im Rosenhag hinüberfliegen ließ, sah er mit einer Empfindung namenloser Freude, daß es ganz leer war. Das junge Pärchen, welches vorhin dort gestanden hatte, mochte seine geheimnißvolle Zwiesprache in irgend einem anderen Winkel fortsetzen – der Museumsdiener bemühte sich an der entgegengesetzten Seite des Saales, einem heftig gestikulirenden Herrn, der beständig auf seinen aufgeschlagenen Bädeker deutete, irgend etwas begreiflich zu machen, und die Malerin wischte mit hoch gerötheten Wangen in dem Antlitz ihres verunglückten Andreas herum.

Es war seltsam, daß Hudetz vor dieser harmlos aussehenden Dame bei weitem die größte Furcht empfand. Er konnte sich nicht viel Zeit lassen zu ihrer Beobachtung, aber nichtsdestoweniger prägte sich jede Einzelheit ihrer Erscheinung, von dem schlicht gescheitelten, stumpf braunen Haar bis herab zu den Falbeln an ihrem einfachen, schwarzen Wollkleide, unauslöschlich in sein Gedächtniß ein. Er hatte noch nie einem Menschen etwas Schlimmes gewünscht, jetzt aber durchzuckte es ihn wie ein inbrünstiges Verlangen: wenn sie doch vom Schlage getroffen würde und todt hinunter stürzte von ihrem Tische! Jetzt begriff er mit einem Mal, wie es möglich war, daß ein Mensch zum Mörder werden konnte.

Doch er hatte noch Besinnung genug, um zu erkennen, daß er auf den Eintritt eines so unwahrscheinlichen Ereignisses unmöglich warten durfte. Noch einmal warf er einen raschen, alles erfassenden Blick rings umher; dann ging er schnurstracks quer durch den Saal auf das Ziel seiner Wünsche los. Es war sicher, daß niemand auf ihn achtete. Er hätte einfach nach dem Bilde greifen und es herunter nehmen können; aber in einer jener sonderbaren Anwandlungen, die vielleicht schon die Ausführung manches Verbrechens noch im letzten Augenblick verhindert haben, fiel es ihm als eine vermeintliche Nothwendigkeit ein, sich zu überzeugen, ob die Gemälde denn auch wirklich nur lose an den Wänden hingen. Und er faßte nicht nach der winzigen „Madonna im Rosenhag“, sondern nach dem Christuskopf desselben Meisters, an dessen Entwendung er schon um seiner Größe willen unmöglich hätte denken können. Er rückte, er hob und rüttelte – aber der Rahmen bewegte sich nicht um eines Haares Breite von seinem Platze – es war kein Zweifel, daß das Gemälde durch Schrauben an [326] der Wand befestigt war. Und obwohl ein einziger rascher Versuch hinreichend gewesen wäre, Hudetz zu dieser vernichtenden Erkenntniß zu bringen, setzte er doch sein unsinniges Bemühen minutenlang fort – kostbare, nie wieder einzubringende Minuten, innerhalb deren tausend Zufälligkeiten die für ihn eben noch so günstigen Umstände hätten in das Gegentheil verwandeln können.

Da schlug der Klang eines langsam näherkommenden Schrittes an sein Ohr, eines festen, männlichen Schrittes, der laut auf dem Parkettboden des hohen Saales hallte. Ohne Ueberlegung und ohne Besinnnng, nur noch einem unwiderstehlichen blinden Antriebe gehorchend, streckte Hudetz seine Hände nach dem Madonnenbilde aus. Ein Druck – ein Heben – und es fiel ihm entgegen, so daß er nur mit Mühe durch rasches Zugreifen ein polterndes Niederfallen verhindern konnte. In der nächsten Sekunde war es unter dem fast bis zu den Hüften niederfallenden Kragen seines Mantels verschwunden, von dem linken, krampfhaft an den Körper gepreßten Arme festgehalten. Aber in der nämlichen Sekunde auch tauchte die breitschultrige Gestalt des Galeriedieners in der Thüröffnung auf, und sein Blick begegnete demjenigen des ehemaligen Studenten, der mit dem Trotz der Verzweiflung fest und gerade auf ihnn gerichtet war.

In dem Verlauf dieser furchtbaren Augenblicke lag die Entscheidung über sein Schicksal – das war der einzige Gedanke, in welchem sich das gesammte Geistesleben des Diebes zusammenschloß. Ein Zucken mit den Wimpern – eine hastige oder ungeschickte Bewegung konnte ihn verrathen – ganz abgesehen davon, daß selbst eine flüchtige Umschau in dem kleinen Raume dem Beamten das Fehlen des kostbaren Kleinods zum Bewußtsein bringen mußte.

Aber der Mann hegte offenbar nicht den geringsten Verdacht. Er gähnte hinter der vorgehaltenen Hand und ließ sich schwerfällig auf den Stuhl nieder, der wie gestern an der Schmalwand des Kabinetts aufgestellt war. Hudetz wagte wieder zu athmen; aber die Gefahr einer Entdeckung bestand unvermindert fort, so lange er das Dach dieses Hauses über seinem Haupte hatte. Nur nicht erwischen lassen – nur nicht erwischen lassen! summte es ihm unaufhörlich in den Ohren, und die Geister des Branntweins hatten noch Herrschaft genug in seinem Blute, um ihm die verwegene Dreistigkeit wiederzugeben, die seiner Natur sonst so fremd war, und die doch allein ein volles Gelingen seiner That möglich machen konnte.

Er blieb noch eine kleine Weile in dem Kabinett und ging dann ganz langsam – immer bemüht, seine Haltung so zwanglos als möglich erscheinen zu lassen – hart an dem Beamten vorüber in den Nebensaal, in welchenn sich jetzt sieben oder acht Besucher befinden mochten. Niemand achtete auf ihn – niemand außer der Malerin vor der „Auferweckung des Lazarus“, die ihn aufmerksam ansah und ihm mit den Blicken folgte, bis sich die geräuschlos zufallende Glasthür hinter ihm geschlossen hatte.

„Wie sonderbar das ist!“ dachte Hudetz. „Sie hat sich doch vorhin, als ich neben ihr stand, nicht im mindesten um mich gekümmert! Aber es ist unmöglich, daß sie etwas gesehen hat! Sie hätte sonst auf der Stelle Lärm geschlagen, das unterliegt gar keinem Zweifel!“

Dieser Selbstberuhigung ungeachtet fühlte er doch, wie seine Kniee zitterten, während er die Treppe hinabstieg. Auch begann ihm der Arm, unter welchen er das Bild geklemmt hatte, allgemach zu erlahmen; er hatte die Empfindung, als mußte die Tafel zu Boden gleiten, und es besserte nichts daran, daß er den Ellbogen mit Aufwendung seiner ganzen Muskelkraft an den Körper preßte.

In dem Skulpturensaal endlich wagte er seine Schritte zu beschleunigen, und schon hatte er mit der freien rechten Hand die Thür geöffnet, jenseit deren die Freiheit war und die Erlösung von dieser unnatürlichen Spannung, als ihn wie ein Messerstich der Klang einer Stimme durchzuckte, die hart hinter seinem Rücken rief: „He – Sie da! – Mein Herr! – Wollen Sie nicht die Freundlichkeit haben, auf einen Augenblick zurückzukommen?“

.Alles ist verloren!“ schrie es in ihm. Die Versuchung packte ihn, seinen Raub von sich zu werfen und in wilden Sprüngen die Treppe hinabzueilen, gleichviel wohin – am liebsten über das eiserne Geländer hinab in die Wellen des Flusses. Aber er kehrte nichtsdestoweniger in willenlosem Gehorsam um, das Bild an sich drückend und mit dem rechten Arme schlenkernd, als könnte er dadurch die steife Unbeweglichkeit des linken minder auffällig machen.

Einer von den Galeriedienern war es, der ihn gerufen hatte – derselbe, dessen zudringlich mißtrauischer Blick ihm vorhin so überaus belustigend erschienen war.

Er stand mit einem anderen Aufseher vor dem kleinen Verschlage, welcher zur Aufbewahrung der von den Besuchern abzugebenden Stöcke und Schirme dient. Auf seinem glatt rasirten, nichtssagenden Gesicht war ein Lächeln, welches Hudetz wie das höhnische Grinsen eines Teufels dünkte, der sich die Freude macht, noch ein wenig mit seinem unglücklichen Opfer zu spielen.

„Wollen Sie nicht gefälligst einmal nachsehen,“ fragte er, „ob Sie noch alles bei sich haben, was Sie vorhin mitbrachten. Es könnte doch wohl sein, daß Sie etwas verloren hätten.“

Hudetz rührte keinen Finger.

„Ich habe nichts verloren!“ erwiderte er, und seine Augen irrten umher, als wenn sie nach irgend einem unerhörten Rettungsmittel oder vielleicht auch nach einer Waffe zu Angriff oder Vertheidigung suchten.

„Na, wie können Sie das denn wissen, wenn Sie nicht einmal in Ihren Taschen nachfühlen,“ beharrte der Galeriediener in einem ziemlich unverschämten Tone. „Es ist doch wohl der Mühe werth, sich davon zu überzeugen.“

Es war kein Zweifel, man wollte ihn zwingen, sich selbst zu verrathen, denn er konnte den linken Arm ja nicht um einen Zoll bewegen, ohne daß das Bild zu Boden fiel. Aber gerade diese überflüssige Grausamkeit stachelte Hudetz’ verzweifelten Trotz.

„Ich habe nichts verloren!“ wiederholte er heftig. „Lassen Sie mich gehen!“

„Nun, nun, man wird Sie nicht zwingen, es anzunehmen. Aber ich muß gestehen, daß mir in meinem ganzen Leben etwas derartiges noch nicht vorgekommen ist. Es lag da auf der Erde – unmittelbar, nachdem Sie zur Thür hinaus waren, und ich könnte beschwören, daß es eine Minute früher noch nicht dagewesen ist. Es ist fast unmöglich, daß es ein anderer verloren habe.“

Die Zähne des ehemaligen Studenten schlugen hörbar auf einander; seine Gedanken fingen an, sich zu verwirren. Er fühlte, daß diese schreckliche Zwangslage ihn um seine Besinnung bringen müßte, wenn es ihm nicht gelänge, ihr auf der Stelle in der einen oder der anderen Weise ein Ende zu machen.

Wenn man nun in Wahrheit noch keinen Verdacht gegen ihn hatte? Es war fast unglaublich – aber gleichviel, in dem anderen Falle hatte er ja ohnedies nichts mehr zu wagen.

„So sagen Sie mir endlich, um was es sich handelt!“ fuhr er trotzig auf. „Ich bin nicht hier, um mich von Ihnen narren zu lassen.“

„Na, so zeig’s ihm doch!“ mahnte der andere Beamte seinen Genossen mit gedämpfter Stimme. „Er mag sich wahrscheinlich nicht dazu bekennen, weil so wenig darin ist.“

„Hier, mein Herr!“ sagte der erste mit komischer Feierlichkeit, indem er ein schmutziges, abgegriffenes Geldbeutelchen unter seinem Rock zum Vorschein brachte. „Gehört Ihnen dies oder gehört es Ihnen nicht?“

Auf den ersten Blick hatte Hudetz sein Eigenthum erkannt. Er zögerte noch mit der Antwort, aber seine Unentschlossenheit war nur von kurzer Dauer. Man muß jede Spur hinter sich vertilgen, raunte ihm eine innere Stimme zu, und wer weiß, ob nicht dies unscheinbare Ding eine solche Spur bedeuten würde.

„Ja, es gehört mir!“ sagte er entschlossen und streckte seine rechte Hand danach aus. Aber der Galeriediener, der eine unbezwingliche Neigung zu kleinen Späßen haben mußte, hielt seinen Fund noch zurück.

„Sachte, mein Lieber! Bei einem so verlockenden Anblick kann freilich jeder sagen: ‚Das gehört mir!‘ Wenn Sie wirklich der Eigenthümer sind, werden Sie mir ja auch angeben können, was darin ist – wie?“

Blitzschnell rechnete Hudetz nach, was er in dem Kaffeekeller verausgabt hatte.

„Zehn Pfennige!“ sagte er ohne jede Verlegenheit. „In zwei Fünfpfennigstücken.“

Der Spaßvogel lachte aus vollem Halse.

„Na ja, wenn Sie das so genau wissen, wollen wir von dem Pfandschein über eine silberne Spindeluhr mit Tombackkette und von dem Pferdebahnschein nach dem Weddingplatz nicht erst weiter reden. Hier, Herr Baron! Finderlohn wird nicht beansprucht. – Geben Sie es den Ar-, aber zum Teufel, was ist denn da los?“

[327] Die letzte Frage galt dem Anblick eines Kollegen, der mit kreideweißem Gesicht und in wahnsinniger Hast von oben herabgestürzt kam, gefolgt von einem eilig nachdrängenden Menschenhaufen.

„Gestohlen!“ keuchte der Mann, dem der Schrecken den Klang der Stimme geraubt hatte und dem die Angst um seine Zukunft in den Augen flimmerte. „Van Eycks ‚Madonna im Rosenhag‘ ist gestohlen! – Es darf niemand mehr hinaus – niemand, denn vor zehn Minuten war das Bild noch da!“

Mit einer blitzschnellen Bewegung hatte Hudetz seinem wie versteinert dastehenden Gegenüber den Geldbeutel aus der Hand gerissen. Als er sich durch die schmale Spalte der halbgeöffneten Pforte drängte, hörte er den hellen Klang einer weiblichen Stimme, die laut über die lärmende Menge hinwegrief:

„Haltet ihn doch! – Das ist ja der Dieb! –“

Dann vernahm er nichts mehr, als das Geräusch der Straße, das ihn wieder umgab. Ihm war, als sei er auf Flügeln die große Freitreppe hinuntergetragen worden, und nun ging er weiter und weiter, mit vorgebeugtem Kopfe und weit ausgreifenden Schritten, unbekümmert um die Richtung seines Weges, aber innerlich ganz ruhig. Er fühlte die harten Kanten des Bildes an seinem Körper, und diese Berührung durchströmte ihn jetzt mit wunderbarer Kraft.

Es war sein Eigenthum; – mit Löwenmuth hatte er sich’s erkämpft – und nur mit dem Leben würde er es seinen Verfolgern lassen!

Aber man verfolgte ihn nicht, und von den Vorübergehenden beachtete keiner die unscheinbare Gestalt in dem weiten, grauen, fadenscheinigen Mantel, den der Wind zu so abenteuerlichen Formen aufblähte.

Die Mücke hatte ihren Stachel gebraucht – und man hatte nach ihr geschlagen – aber der Schlag war fehlgegangen, und unbehelligt flog sie davon! – –

„Was haben Sie denn da unter dem Mantel?“ fragte Frau Haberland, welche auf ihrem gewohnten Platz am Küchentisch vor dem räthselhaften, dickleibigen Buche saß, das sie bei dem Eintritt des Mieters noch jedesmal zugeschlagen hatte. Die tiefliegenden Augen des alten Weibes waren eben schärfer für solche Geheimnisse als diejenigen der Männer, die man zu Hütern der unersetzlichen Kunstschätze bestellt hatte.

Aber ihr Scharfblick bedeutete dem ehemaligen Studenten keine Gefahr.

„Ein altes Bild, das ich für sechs Groschen beim Trödler erstanden habe,“ log er „Ich kann es recht gut für meine Arbeit brauchen.“

Er hatte die kleine Tafel unter dem Mantelkragen hervorgezogen und hielt sie ihr entgegen. Wie er die Alte kannte, wußte er, daß jedes Heimlichthun nur ihr Mißtrauen geweckt haben würde. Sie betrachtete das Bild geraume Zeit, dann schüttelte sie den grauen Kopf.

„Der Rahmen mag das Geld ja allenfalls werth sein,“ meinte sie, „für die Schmiererei hätte ich keine fünf Pfennig gegeben.“

Hudetz hütete sich wohl, ihr zu widersprechen. Jetzt mochte sie immerhin in der Zeitung von dem Diebstahl lesen, niemals würde sie doch auf die Vermuthung kommen, daß sie selber den köstlichen Schatz in ihrer armseligen Behausung verberge.

Er ging in sein Zimmer und zündete ein Licht an, denn bis zum Einbruch völliger Dunkelheit war er in den Straßen umhergeirrt. Er rückte sein Kleinod in die beste Beleuchtung, soweit eben die jämmerliche Kerze eine solche zu gewähren vermochte; aber als er sich nun herabbeugte, um es mit dem seligen Behagen des Besitzers zu bekrachten, erfaßte ihn ein heftiger Schwindel, ein Schleier legte sich vor seine Augen, er griff mit den Händen in die Luft und stürzte lautlos zu Boden.

Die wunderthätigen Geister des Branntweins hatten ihn ermuthigt und beschützt bis hierher – nun aber war ihre Wirkung zu Ende, der Rückschlag trat ein.




„Nein, es ist unmöglich, Marie, ich kann nicht mehr,“ sagte Cilly von Brenckendorf zu ihrer Base, indem sie mit einer drolligen Gebärbe beide Hände auf das Herz drückte. „Jetzt weiß ich, wie dem Siegesboten von Marathon zu Muthe gewesen ist, als er in Athen ankam, – oder war es in Sparta? Jedenfalls würde ich todt hinfallen wie er, wenn ich diesen Dauerlauf nur noch fünf Minuten lang fortsetzen sollte.“

Sie hatten ein Putzgeschäft in der Jägerstraße besucht, und angesichts des herrlichen Winterwetters hatte Marie darauf bestanden, daß man den Heimweg zu Fuß mache. Nun aber sah sie wohl ein, daß es unmöglich sein würde, ihr verwöhntes Bäschen dazu zu zwingen.

„Ja, wir Mädchen aus dem Volke sind besser auf den Füßen als Ihr Prinzessinnen,“ erwiderte sie lächelnd, „und Deinen Tod will ich natürlich nicht auf dem Gewissen haben. – Komm’! – Wir sind ja in einer glücklicheren Läge als der bedauernswerthe Siegesbote von Marathon, denn ihm ist schwerlich eine leere Droschke über den Weg gefahren.“

„Wie? Diesem schrecklichen Henkerskarren zweiter Klasse sollen wir uns anvertrauen?“ rief Cilly entsetzt. „Siehst Du denn nicht, Marie, daß dem Pferde die Selbstmordgedanken förmlich auf dem Gesicht geschrieben stehen?“

Aber ihr Widerspruch war diesmal umsonst, denn schon hatte Marie das Gefährt herangewinkt und den Wagenschlag geöffnet.

„Nun, in Gottes Namen!“ seufzte die Tochter des Generals. „Man muß auch das einmal durchgemacht haben!“

Das Pferdchen, das mit seinen steifen Knieen und seinem niederhängenden Kopfe allerdings einigermaßen lebensüberdrüssig aussah, stolperte langsam vorwärts, unter den freigebigen Peitschenhieben seines Tyrannen gelegentlich die Ohren schüttelnd wie in schmerzlicher Verwunderung über die Unbilligkeit der Menschen, die keinen Unterschied zu machen wissen zwischen einem jungen Berberhengste und einem Veteranen, der alle Gebrechen des Alters in seinen Gliedern fühlt. In einer Gangart, welche die Geduld heißblütiger Fahrgäste allerdings hätte ziemlich hart auf die Probe stellen können, trottete es die Straße Unter den Linden hinab, beharrlich die Mitte des Fahrweges behauptend, wie rechtschaffen auch der Kutscher bemüht war, es nach der vorgeschriebenen rechten Seite hinüber zu steuern.

„Ich bin in einer Sturmnacht über den Kanal gefahren,“ klagte Cilly nach kurzer Zeit, „aber ich gebe Dir die heilige Versicherung, Marie, gegen diese Fahrt war es ein Ruhen in Abrahams Schoße.“

Eine laut scheltende Stimme, die in großer Nähe hinter ihnen vernehmlich wurde, und die vom Bock ihres eigenen Fahrzeuges herab nicht eben höflich Antwort erhielt, veranlaßte sie, das Köpfchen neugierig gegen das eine, herabgelassene Fenster zu neigen. Der reich betreßte Lenker eines sehr vornehmen, zweispännigen geschlossenen Wagens versuchte offenbar vergeblich, an der vorschriftswidrig fahrenden Droschke vorbeizukommen; er hatte Mühe, seine feurigen Graditzer Hengste zu zügeln, und es war begreiflich, daß er seinem Unwillen in ziemlich kräftigen Zurufen Luft zu machen suchte. Der vierbeinige Veteran jedoch kümmerte sich darum nicht im mindesten, und des Austausches von Höflichkeiten zwischen den beiden Kutschern wäre voraussichtlich kein Ende gewesen, wenn sich nicht plötzlich ein jugendlicher Männerkopf mit wasserblauen Augen und mit der weißen Mütze eines Kürassieroffiziers aus dem einen Wagenfenster gebeugt hätte, um mit schneidiger Kommandostimme zu rufen:

„Zum Henker, so fahr’ sie in Grund und Boden! Man wird mit dem Pack in einem solchen Karren doch keine Umstände machen!“

Und der betreßte Rosselenker mußte wohl an unbedingten Gehorsam gewöhnt sein, denn er ließ den beiden Graditzern die Zügel, und im nächsten Augenblick erfolgte ein markdurchdringendes Knirschen, Krachen und Klirren, wie wenn Eisen, Holz und Glas zerbricht – ein gellender Aufschrei aus weiblichem Munde – ein wirres Fluchen, Rufen und Schelten, – der vornehme Wagen sauste anscheinend unbeschädigt und unangefochten über den glatten Asphalt weiter, – die gebrechliche Droschke und das lebensmüde Pferdchen aber lagen auf dem Fahrdamm, als wenn sie sich nie mehr von diesem Sturze erheben sollten.

Ein dichter Menschenknäuel ballte sich alsbald an der Stätte des Unfalls zusammen. Auch die Helmspitze eines Schutzmannes blinkte dazwischen auf, und der Wächter der öffentlichen Ordnung schien sehr geneigt, mit dem Droschkenkutscher, der nach seiner Anschauung selbstverständlich der einzig Schuldige war, strenge ins Gericht zu gehen.

[328] Aber während er pflichteifrig mit Notizbuch und Bleistift herumfuchtelte, thaten einige der umstehenden Herren dasjenige, was dem wackeren Beamten offenbar minder wichtig schien, – das heißt, sie nahmen sich der bedauernswerthen Fahrgäste des verunglückten Fuhrwerks an. Es kostete einige Mühe, sie aus dem umgestürzten Wagen, in welchem sie wie in einem Käfig gefangen gehalten wurden, zu befreien, – um so mehr, als Cilly das Bewußtsein völlig verloren hatte und das Bemühen der Helfer somit nicht im mindesten zu unterstützen vermochte. Aber die im Grunde so liebenswürdige und hilfsbereite Natur der übel berufenen Berliner Bevölkerung weiß sich mit solchen Schwierigkeiten rasch und humorvoll abzufinden. Nur wenige bange und peinliche Minuten, dann hoben ein paar starke Männer die Ohnmächtige auf ihre Arme und trugen sie nach dem Bürgersteig hinüber.

In dem nämlichen Augenblick auch öffnete sich die verschlossene Thür des stattlichen Hauses, vor welchem der Unfall sich ereignet hatte, und barhaupt trat ein hochgewachsener, blondbärtiger Herr – von einem Diener in einfachem Dienstanzug gefolgt – auf die Straße hinaus.

„Wolfgang! Gott sei Dank. Nun sind wir geborgen!“

Mit einem Ausdruck fast jubelnder Freude hatte Marie das Erscheinen ihres Bruders begrüßt. Unter der ersten Wirkung des furchtbaren Schreckens hatte sie ja noch nicht einmal bemerkt, daß sie sich unmittelbar vor seiner Wohnung befanden.

Er war rasch auf sie zugetreten, hatte – unbekümmert um die gaffenden Zuschauer – seinen Arm um ihren Nacken gelegt und sein Antlitz voll liebevoller Besorgniß zu ihr herabgeneigt.

„Welch ein unglücklicher Zufall, mein armes Schwesterchen! Du bist doch unverletzt?“

„Ich denke, ja! Aber Cilly – Du mußt ihr helfen, Wolfgang! Sie ist ohnmächtig – gewiß nur ohnmächtig, denn es ist ja unmöglich, daß es etwas Schlimmeres sei!“

„Mit Ihrer Erlaubniß, meine Herrschaften – ich bin Arzt!“

Diese in der nöthigen Entschiedenheit gesprochenen Worte waren genügend, sofort die lebendige Mauer zu theilen, welche sich um die Bewußtlose gebildet hatte. Es hatte nicht den Anschein, als ob die junge Dame eine irgendwie erhebliche Verwundung davongetragen hätte, denn nicht einmal ihr niedlicher Straßenanzug war in Unordnung gerathen. Das sonst so heitere und lebensprühende Gesichtchen aber war marmorweiß, und es erschien so lieblich in dieser durchsichtigen Blässe, daß die lauten Ausrufe jammernder Theilnahme, in welchen sich einige mitfühlende weibliche Wesen aus dem Zuschauerkreise ergingen, nicht einmal den sonst allezeit bereiten Spott der minder zart besaiteten Seelen herausforderten.

Wolfgang hatte sein Ohr den halb geöffneten Lippen seiner jungen Verwandten ganz nahe gebracht; dann umschlang er plötzlich zur grenzenlosen Verwunderung der Umstehenden mit beiden Armen ihren schlanken Leib und hob sie leicht wie ein Kind empor.

„Platz da, wenn ich bitten darf! – Rintelmann, schließen Sie hinter mir die Thür!“

Und zum lebhaften Verdruß der zartfühlenden weiblichen Wesen, die sich plötzlich um die Fortsetzung und den Schluß des aufregenden Ereignisses betrogen sahen, verschwand der junge Arzt mit den beiden Opfern der Katastrophe im Innern des Hauses, dessen schwere Eichenpforte der Diener ebenso geräuschvoll als rücksichtslos hinter sich und ihnen zuwarf.

„Da geht sie hin und singt nicht mehr!“ meinte ein halbwüchsiger Bursche, und ein anderer fügte, zu den verblüfften Damen gewendet, hinzu:

„Sie können ganz ruhig sein – der wird sie schon kuriren – wenn er auch man bloß ein Zahnarzt ist!“

Er hatte auf das kleine, wenig in die Augen fallende Marmorschild gewiesen, in welches nichts als die Worte. „Brenckendorf, Zahnarzt“ eingegraben waren, und eine allgemeine Heiterkeit belohnte seine Entdeckung. Dann aber wandte sich die allgemeine Theilnahme in Ermangelung eines würdigeren Gegenstandes dem alten, lebensmüden Pferdchen zu, das noch immer auf dem Asphalt lag, allen kräftigen Versuchen, die seine Auferstehung herbeiführen sollten, einen nur leidenden, aber nichts destoweniger unüberwindlichen Widerstand entgegensetzend.

Auf ein Ruhebett in seinem Operationszimmer hatte Wolfgang seine reizende Bürde niedergelegt.

„Ich glaube nicht, daß diese Bewußtlosigkeit mehr ist als eine vorübergehende Folge des ausgestandenen Schreckens,“ sagte er zu seiner Schwester, „aber ich werde nichtsdestoweniger unverzüglich einen wirklichen Arzt herbeizuschaffen suchen. Du hast wohl die Güte, ihr während meiner Abwesenheit etwas Luft zu verschaffen und ihr mit dieser Flüssigkeit da“ – er hatte dieselbe bereits aus der Krystallflasche in eine silberne Schale gegossen – „die Schläfen zu waschen.“

Die Gelassenheit, mit welcher er ihr diese einfache Anweisung ertheilte, war am ehesten geeignet, auch Mariens Besorgnisse erheblich herabzumindern, und als sie sich nach Wolfgangs Entfernung kaum angeschickt hatte, den kleinen Samariterdienst zu verrichten, schlug Cilly auch wirklich schon ihre dunklen Augen auf.

„Was ist das, Marie?“ fragte sie, sich ungestüm in die Höhe richtend. „Wohin sind wir gerathen?“

Die Gefragte legte ihren Arm um die zierliche, bebende Gestalt und küßte sie auf die Wangen.

„Sage mir vor allem, ob Dir kein Leid geschehen ist, meine liebe, einzige Cilly! Befindest Du Dich denn nun wirklich wieder ganz wohl?“

Die Tochter des Generals ließ jetzt auch die Füßchen von dem persischen Teppich herabgleiten, der über das Ruhebett gebreitet war, und reckte sich zu ihrer ganzen, allerdings nicht sehr beträchtlichen Höhe empor.

„Gebrochen ist nichts, wie es scheint,“ meinte sie in einer bereits wiederkehrenden Anwandlung ihrer unverwüstlichen Spottlust, und mit einem kleinen Zucken der Lippen, das Marie nur für ein sehr begreifliches Zeichen nachklingender nervöser Erregung hielt, fügte sie nach kurzem Schweigen hinzu: „Ich glaube wahrhaftig, nicht einmal das Herz!“

„Ich habe mir bittere Vorwürfe gemacht während dieser schrecklichen Minuten, Cilly! Ich allein trage ja an allem die Schuld, denn es scheint in der That, als hättest Du das Pferd und seine Gedanken auf den ersten Blick nur allzu richtig beurtheilt.“

Heftig schüttelte Cilly das kurzlockige Köpfchen.

„Nicht Du trägst die Schuld und nicht das Pferd, sondern die Rohheit eines abscheulichen Menschen, der – den – doch gleichviel, es ist ja nun vorüber!“

Sie preßte die weißen Zähne aufeinander, als wollte sie dadurch ein unüberlegtes Wort gefangen halten, das sich ihr hatte über die Lippen drängen wollen. Noch einmal durchschweifte ihr forschender Blick das mit ausgesuchter Vornehmheit ausgestattete Gemach, dann fuhr sie, um weitere Fragen Mariens abzuschneiden, hastig fort:

„Aber wo sind wir? Was ist mit mir vorgegangen, daß ich gar nicht weiß, wie ich an diesen Ort gelangt bin? Ist es denn möglich, daß ich, Cilly Brenckendorf, die starknervigste meiner ganzen Bekanntschaft, in eine echte und wahrhaftige Ohnmacht fallen konnte?“

„Es muß wohl so sein, wenn Du gar nichts davon gemerkt hast, daß man Dich hier herauf getragen hat.“

„Wer hat mich herauf getragen? Du bist doch hoffentlich immer bei mir gewesen?“

Eine lebhafte Gluth erschien auf ihren eben noch sehr blassen Wangen, und lächelnd zog Marie die Freundin an sich, um sie zu beruhigen.

„Gewiß, mein Herz! Und bei allem Unglück hat doch noch ein glücklicher Zufall über uns gewaltet. Ich vermuthe fast, daß mein Bruder ein Augenzeuge des ganzen Vorganges gewesen ist; denn er hätte sonst kaum so schnell zur Stelle sein können, um uns beizustehen und Dich aus diesem entsetzlichen Menschengewühl hierher in seine Wohnung zu bringen.“

Cilly machte sich rasch aus den Armen ihrer Base los, und die verrätherische Gluth in ihrem Antlitz flammte noch höher auf.

„Dein Bruder also? Der Vetter Wolfgang? Und er wäre es gewesen, der – der mich –“

„Der Dich auf seine starken Arme hob wie ein Nordlandsrecke, der eine Königstochter entführen will!“ deklamirte Marie scherzend; aber ihr sonst so übermüthiges Bäschen, das jederzeit bereit war, auf eine harmlose Neckerei einzugehen, nahm diese Auskunft ersichtlich sehr übel auf. Ihre feinen Nasenflügel bebten und in ihren Augen schimmerten helle Thränen, als sie heftig erwiderte:

„Es ist wenig zartfühlend, sich über etwas derartiges obendrein lustig zu machen! Ich finde es abscheulich – dies und alles – ich – o, ich hasse die ganze Welt!“

[330] Sie stampfte mit dem Fuß auf den Boden und ließ sich dann wie erschöpft wieder auf das Ruhebett fallen. In wortlosem Erstaunen betrachtete Marie ihre unbegreifliche Erregung. Die Furcht, daß möglicherweise doch ein trotzig verschwiegener körperlicher Schmerz solchen Einfluß auf die Stimmung ihrer Verwandten ausübe, wollte sich von neuem ihrer bemächtigen.

Aber Cilly ließ es nicht erst zu einer dahin gehenden Frage kommen. Indem sie mit etwas nervösen Bewegungen die Falten ihres Kleides glättete, sagte sie, noch einmal umherschauend, in plötzlich verändertem, spöttischem Ton:

„Das also ist das Herrschgebiet Deines Bruders? – Vermuthlich befinden wir uns in seinem Allerheiligsten, da – wo er die Zähne auszieht.“

Es war ohne Zweifel eine boshafte Absicht in dieser Bemerkung, aber Marie war zu harmlos, um dieselbe zu verstehen.

„Ja,“ erwiderte sie, froh, daß der seltsame Zornesausbruch so rasch vorübergegangen war, „da ist der Operationsstuhl und dort der Schrank mit den Instrumenten. Möchtest Du sie einmal sehen, diese Marterwerkzeuge der Neuzeit?“

„Nein – um Gotteswillen! – Schon der Gedanke an diese erbaulichen Dinge könnte mich von neuem ohnmächtig machen. – Aber wo ist denn der Herr Vetter? Nimmt ihn sein Geschäft so sehr in Anspruch, daß ich nicht einmal die Vergünstigung genießen soll, ihm für seine Gastfreundschaft zu danken?“

„Er wollte sich bemühen, einen Arzt herbeizuschaffen.“

„Freilich – Ohnmachten und dergleichen gehören ja nicht in sein Gebiet! Aber, wie Du siehst, liebste Marie, bin ich schon wieder so frisch und munter, daß ich gar keines Arztes mehr bedarf, weder eines ganzen noch eines halben. Und ich empfinde ein lebhaftes Verlangen, nach Hause zu kommen.“

„Wenn Du gestattest, werde ich mich nach meinem Bruder umsehen. Er befindet sich wahrscheinlich ganz in der Nähe.“

Cilly sagte nichts, und Marie nahm dies Schweigen für eine Zustimmung. Sie ging hinaus und fand Wolfgang in dem zweiten der anstoßenden Zimmer anscheinend sehr ruhig an seinem Schreibtische sitzen.

„Nun?“ fragte er. „Es ist nichts, nicht wahr? Die Nervenschwäche einer verzärtelten jungen Dame. Aber der Arzt wird gleich da sein.“

„Es bedarf seiner nicht mehr. Bis auf eine gewisse Gereiztheit befindet sich Cilly wieder ganz wohl, und sie wünscht nur, sich von Dir zu verabschieden.“

Er erhob sich sofort von seinem Schreibsessel.

„Ich stehe zu Diensten! Doch, da uns der Zufall einmal zusammengeführt hat – eine beiläufige Frage, liebe Marie! Wie behagt es Dir im Hause des Generals?“

Sie sah voll zu ihm auf und ihre Augen leuchteten.

„O, gut, Wolfgang, sehr gut! Ich bin recht von Herzen glücklich!“

Es zeigte sich weder Freude noch Verstimmung auf seinem Gesicht, aber er strich zwei- oder dreimal seinen blonden Bart, ehe er erwiderte:

„Natürlich ist es mir sehr lieb, das zu hören! Hoffentlich wird weder jetzt noch künftig einer von unseren trefflichen Verwandten die Rücksichten außer acht lassen, welche er Dir schuldet.“

„Wie kannst Du daran zweifeln! Ich wäre entsetzlich undankbar, wenn ich nicht freudig anerkennen wollte, wie zartfühlend und liebevoll man sich gegen mich benimmt. Selbst der gestrenge Herr Assessor läßt es an der gebührenden Höflichkeit niemals fehlen, obgleich wir uns wie in stillschweigender Uebereinkunft gern aus dem Wege geben.“

„Das ist bedauerlich, denn die Menschen von den Charaktereigenschaften Lothars sind so selten, daß man diese wenigen viel eher aufsuchen als ihnen aus dem Wege gehen sollte. Aber ich denke nicht daran, Dich zu bevormunden oder väterlich zu berathen. Du mußt am Ende selbst wissen, wem Du zu vertrauen und vor wem Du Dich zu hüten hast. Da ist jede Einmischung nur vom Uebel.“

„Wenn Du eine so warme Freundschaft für Lothar empfindest, warum kommst Du denn niemals, ihn und seine Angehörigen zu besuchen? Ich muß Dir gestehen, Wolfgang, daß ich Dein beharrliches Fernbleiben einigermaßen befremdlich finde. Hoffentlich wirst Du doch wenigstens bei der heutigen Abendgesellschaft nicht fehlen.“

Er zuckte mit den Achseln und machte sich an den Papieren auf seinem Schreibtische zu schaffen.

„Meine Praxis gewinnt von Tag zu Tage so sehr an Umfang, daß mir für dergleichen wirklich keine Zeit bleibt, liebe Marie.“

Sie zögerte einen Augenblick, als ginge sie mit sich zu Rathe, ob sie einem ihrer geheimsten Gedanken Ausdruck geben dürfe; dann aber legte sie ihre Hand auf des Bruders Schulter und sagte sehr eindringlich und ernst: „Sei aufrichtig gegen mich, Wolfgang: hat man Dich zu dieser Abendgesellschaft eingeladen?“

Statt aller Antwort schob er einen Haufen von Briefen bei Seite und reichte ihr eine große, sauber gestochene Karte.

„Frau von Brenckendorf und der kommandirende General –“ begann Marie zu lesen, „ich danke Dir, Wolfgang. Es fällt mir ein Stein vom Herzen, denn diese thörichten Vermuthungen, denen ich doch gegen niemand Ausdruck geben konnte, fingen schon an, mich ernstlich zu beunruhigen. – Aber wenn man Dich so feierlich einladet, warum kommst Du nicht ein einziges Mal und wäre es auch nur der Form wegen auf eine Stunde? Ich glaube nicht daran, daß es Dir so ganz unmöglich ist – es sei denn, Du hättest besondere Gründe –“

„Und wenn ich nun wirklich solche besonderen Gründe hätte,“ unterbrach er sie ruhig, „würdest Du mir nicht auch ohne weitere Erklärung glauben, daß sie triftig genug seien? Du und ich, liebe Marie, wir sind ziemlich fertige Menschen, und wir wollen nicht versuchen, einander zu beeinflussen, nicht wahr? Aber nun dürfen wir Bäschen Cilly wahrhaftig nicht länger warten lassen, am wenigsten, wenn sie wirklich so reizbar ist, wie Du sagst.“

Cäcilie von Brenckendorf hatte in der That schon sehr oft mit allen Anzeichen großer Ungeduld das Operationszimmer durchwandert, und als nun die Geschwister eintraten, nahm sie eine steife und hoheitsvolle Haltung an, die gar nicht sonderlich zu ihrer Erscheinung und zu ihrem ganzen Wesen passen wollte.

„Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrer Errettung und zu Ihrer raschen Wiederherstellung, verehrte Cousine,“ sagte Wolfgang in seiner angenehmen, ruhig heiteren Weise, „es hätte wahrhaftig ernst genug werden können.“

Er hatte ihr nicht die Hand geboten, weil sie die ihrigen mit ganz unverkennbarer Absichtlichkeit in ihrem Müffchen verborgen hatte.

„Marie sagt mir, daß ich Ihnen zu besonderem Dank verpflichtet sei,“ erwiderte sie, „und ich wollte natürlich nicht gehen, ohne diesem Dank Ausdruck gegeben zu haben. – Ist es wahr,“ fügte sie, als Wolfgang sich mit stummem Lächeln verbeugt hatte, in einem veränderten, natürlicher klingenden Tone hinzu, „daß Sie den Vorfall mit angesehen haben?“

„Ich stand gerade am Fenster, und ich würde dem armen Droschkenkutscher als Entlastungszeuge dienen können, wenn man etwa den unglücklichen Gedanken haben sollte, ihn zur Verantwortung zu ziehen.“

Cilly streifte ihn mit einem raschen, mißtrauischen Blick.

„So? – Sie sind sehr nachsichtig gegen den Menschen, dessen Fahrlässigkeit und Ungeschick Ihre Schwester in Lebensgefahr gebracht hat – von mir natürlich nicht zu reden! Es mag ja sein, daß auch ein unglücklicher Zufall dabei mitgespielt hat –“

„Gewiß! Der unglückliche Zufall nämlich, daß Seine Durchlaucht der Prinz Lamoral von Waldburg nicht ahnen konnte, wer die Insassen jener Droschke waren, die er mit so viel ritterlichem Muthe niederrennen ließ.“

Es war gut, daß das Müffchen seinen Blicken verbarg, wie sich die kleinen Hände darin zu Fäusten ballten.

„Ah, – Sie wollen ihn denunzieren!“ sagte Cilly nach einem tiefen Athemzuge.

„Ich muß gestehen, daß mich in der That vorhin ernstlich die Lust dazu anwandelte, denn es giebt eben Fälle, in denen selbst ein halb amerikanisirter Deutscher das lebhafte Verlangen fühlen kann, den Staatsanwalt in Thätigkeit treten zu sehen. Aber Sie mögen sich beruhigen, liebe Cousine! – Da alles so glücklich abgelaufen ist, und da man dem armen Manne hoffentlich den erlittenen Schaden ersetzen wird, mag Seine Durchlaucht in Frieden auf den Lorbeern dieses Heldenstückchens ruhen.“

Schmollend hatte Cilly die Lippen geschürzt. Die Gelassenheit, mit welcher der Zahnarzt ihre verletzende Bemerkung beantwortet hatte, brachte sie um den letzten Rest ihrer würdevollen Haltung.

[331] „Ich denke, Sie wissen recht gut, daß es nicht so gemeint war,“ sagte sie, zwischen Zorn und Verlegenheit schwankend. „Ob Prinz Lamoral zur Verantwortung gezogen wird oder nicht, ist mir höchst gleichgültig. Nicht an eine Anzeige beim Staatsanwalt dachte ich, sondern daran, daß es Ihnen augenscheinlich großes Vergnügen bereitet, mir gegenüber recht übel von ihm sprechen zu dürfen. Es ist ja auch so überaus wohlfeil – und erfordert sogar noch weniger persönlichen Muth, als ihn der Prinz soeben an den Tag gelegt hat.“

Wolfgang lächelte gutmüthig.

„Ich weiß nicht, warum Sie mich in einem so schwarzen Verdacht haben, liebe Cousine; aber wenn es mich in Ihren Augen reinwaschen kann, so erkläre ich gern, daß ich nicht einen Augenblick daran gedacht habe, Seine Durchlaucht aus dem Genuß Ihrer Freundschaft zu verdrängen. Da ich mich gar nicht der Ehre seiner Bekanntschaft erfreue, kann es mir wohl weder Vergnügen noch Mißvergnügen bereiten, von ihm zu sprechen.“

Cilly war von neuem sehr roth geworden, und sie wandte sich plötzlich ihrer Base zu.

„Würde es Dir jetzt genehm sein, Marie, daß wir uns auf den Heimweg machen? Man wird sich bereits in Sorge um uns befinden.“

Marie, die in wachsendem Erstaunen der kleinen Auseinandersetzung zugehört hatte, erklärte sofort ihre Bereitwilligkeit, und Wolfgang geleitete die beiden jungen Damen artig hinaus. Als sie schon auf dem Treppenflur standen, kehrte sich Cilly noch einmal hastig gegen ihn um:

„Wenn ich Sie verletzt haben sollte, so bitte ich um Entschuldigung, – ich hätte daran denken müssen, daß Sie mich aus einer sehr peinlichen Lage befreit haben! Nehmen Sie dafür noch einmal meinen Dank! – Adieu!“

Ohne ihm Zeit zu einer Antwort zu lassen, eilte sie leichtfüßig über den weichen Teppich der breiten Marmortreppe hinab. Wolfgang aber hielt seine Schwester noch für wenige Augenblicke zurück.

„Du wirst dafür sorgen, liebe Marie, daß man im Hause des Generals nichts von meiner Einmischung in diese Geschichte und von Eurem kurzen Aufenthalt in meinem Hause erfährt. Die Gründe dafür ein anderes Mal! Lebe wohl und unterhalte Dich königlich auf Eurem heutigen Feste, von dem Du mir später ausführlich erzählen mußt.“

„Marie!“ klang es etwas ungeduldig von unten herauf, und Wolfgang winkte der Zögernden lächelnd, sich zu beeilen.

Natürlich hatte Cilly unter dem frischen Eindruck der Katastrophe wenig Lust, ihr Leben abermals einer Droschke anzuvertrauen, und erklärte, sie könne den jetzt nicht mehr allzu langen Weg recht gut zu Fuß zurücklegen. So lange sie sich in der belebten Straße befanden, gingen sie schweigend neben einander her, als sie aber das Brandenburger Thor durchschritten hatten, konnte Marie sich doch nicht enthalten, zu fragen:

„Es war also wirklich der Wagen des Prinzen von Waldburg, der das Unheil angerichtet hat? Du hast ihn sogleich erkannt?“

Cilly blieb stehen und legte ihre Hand auf den Arm ihrer Begleiterin, daß diese den Druck fast als einen Schmerz empfand.

„Ich bitte Dich, frage mich nicht und sprich nicht mit mir davon! Wahrhaftig, es ist, als ob jeder ein besonderes Vergnügen darin fände, mich zu quälen.“

Ihre Stimme zitterte von verhaltenem Weinen; Marie aber fühlte sich durch dies unbegreifliche Benehmen endlich im Ernst verletzt und enthielt sich jeder Erwiderung. Nach einer weiteren Wanderung von fünf Minuten schien die Tochter des Generals denn auch zur Erkenntniß ihrer Unart gekommen zu sein. Sie schmiegte sich enger an ihre Begleiterin und sah ihr schmeichelnd ins Gesicht.

„Du mußt mir nicht böse sein, mein Herz,“ bat sie in jenem weichen Kinderton, der ihr in solchen Augenblicken eigen war und dem selbst ein wirklicher Groll kaum hätte widerstehen können. „Ich habe in der letzten halben Stunde so viel dummes häßliches Zeug geschwatzt, daß ich mich schäme, wenn ich nur daran denke. Du wirst Mühe haben, mir zu verzeihen, aber Du wirst es thun, nicht wahr? Es wäre schrecklich, wenn ich nun auch noch eine Einbuße an Deiner Freundschaft erleiden sollte.“

„Das ist eine unnöthige Besorgniß, meine liebe Cilly! Ich weiß ein in der Aufregung gesprochenes Wort recht gut von einer absichtlichen Kränkung zu unterscheiden. Aber wenn es mir gestattet ist, einen leisen Vorwurf auszusprechen, so meine ich, Du hättest meinen Bruder immerhin etwas freundlicher behandeln können.“

Es war doch schon wieder etwas von dem alten Trotz in Cillys Stimme, als sie erwiderte:

„Ich habe mich ja in aller Form bei ihm entschuldigt! Mehr kann ein junges Mädchen einem Herrn gegenüber doch nicht thun! Und bei ihm war es auch etwas anderes als bei Dir! – Er hatte die Absicht, mich zu ärgern und mir wehezuthun, als er sogleich von dem Prinzen zu sprechen anfing, und alle seine nachträglichen Versicherungen können mich nicht mehr vom Gegentheil überzeugen.“

„Aber wie in aller Welt sollte er dazu kommen? Ihr habt Euch, so viel ich weiß, seit seiner Rückkehr ein einziges Mal gesehen, und zu dem Prinzen unterhält er gar keine Beziehungen.“

„Ich habe auch keine Erklärung dafür,“ sagte Cilly, sehr angelegentlich nach der andern Seite blickend, „aber zuweilen genügt ja eine einzige Begegnung, um eine unauslöschliche Abneigung zwischen zwei Menschen zu erzeugen. Befindest Du Dich denn nicht Lothar gegenüber in der nämlichen Lage?“

„O, da möchte ich doch bitten!“ erwiderte Marie mit Lebhaftigkeit. „Von einer unauslöschlichen Abneigung ist – auf meiner Seite wenigstens – gewiß nicht die Rede. Dein Bruder und ich, wir haben vielleicht verschiedene Ansichten über manche Dinge und werden uns darin schwerlich jemals verständigen; aber das hindert mich nicht, seine vortrefflichen Eigenschaften rückhaltlos anzuerkennen.“

„Vergieb, wenn das Beispiel also ein schlecht gewähltes war. Aus Deinem bisherigen Benehmen gegen Lothar konnte ich eine solche Gesinnung ja wirklich nicht errathen. Ich aber habe nun einmal entschieden das Unglück, dem Herrn Zahnarzt zu mißfallen, und es wird mir doch wenigstens gestattet sein, mich gegen seine Spöttereien zu wehren. – Uebrigens – wir sind ja gleich zu Haus – habe ich noch eine große, eine sehr große Bitte auf dem Herzen! Du mußt mir im voraus versprechen, daß Du sie erfüllen wirst, und zwar ohne Wenn und Aber!“

„Da Du gewiß nichts Unmögliches verlangen wirst, sei dies Versprechen hiermit geleistet.“

„Du darfst weder meinen Eltern noch meinen Brüdern oder sonst jemand, der in unserem Hause verkehrt, ein Sterbenswörtchen von dem Vorgefallenen erzählen. Am Ende haben wir ja auch nicht einmal eine so glänzende Rolle dabei gespielt, daß uns an dem nachträglichen Erschrecken der Mama oder an den unvermeidlichen Neckereien Engelberts etwas gelegen sein könnte.“

Das war also der nämliche Wunsch, welchem vorhin schon Wolfgang Ausdruck gegeben hatte. Marie vermochte ihr Erstaunen über diese seltsame Uebereinstimmung nicht ganz zu verbergen.

„Ihr bringt mich fast zu dem Glauben, daß wir ein sträfliches Unrecht begingen, als wir uns umwerfen ließen,“ sagte sie. „Könntest Du es mir übelnehmen, Cilly, wenn ich zu erfahren wünschte, welches Deine eigentlichen Beweggründe für dies Heimlichthun sind?“

„Ich will mich nicht auslachen lassen! Ist das noch nicht Grund genug? – Und wenn ich nun wirkich noch eine andere Ursache hätte, würde es Dir schwer fallen, mir das kleine Opfer zu bringen?“

„Gewiß nicht! – Vermuthlich geschieht es aus Rücksicht für den Prinzen Lamoral, daß Du Deinen Eltern die Heldenthat seines Kutschers verbergen willst.“

Nur zwei Häuser trennten sie von der Villa des Generals. Cilly verlangsamte ihren Schritt, und indem sie das Köpfchen stolz erhob, sagte sie mit einem lebhaften Aufsprühen in den dunkeln Augen: „Ja – da Du es denn doch schon errathen hast! Es geschieht zum guten Theil auch um seinetwillen! Aber ich bitte Dich, daraus keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Heute abend wirst Du erfahren, wie es gemeint war.“

Sie traten in das Haus und konnten sich aus der Begrüßung, die ihnen zu theil wurde, leicht überzeugen, daß man ihretwegen ganz ohne Sorge gewesen war. Cilly bekundete im Kreise der Ihrigen sogleich eine Heiterkeit, welcher niemand anmerkte, daß sie nicht ganz natürlich war, und Marie hielt gewissenhaft das gegebene Versprechen. Keiner im Hause des Generals ahnte etwas von der Lebensgefahr, welcher sie kaum entronnen waren, und von dem unfreiwilligen Besuche, welchen Cilly dem Operationszimmer ihres zahnärztlichen Vetters abgestattet hatte.




[332] Der reich geschmückte Festsaal der Villa und die behaglichen Räume, welche sich unmittelbar an denselben anschlossen, wurden aus Gaskronen, Wandleuchtern und Kandelabern bereits mit einem Meer von Licht überfluthet; aber von den erwarteten Gästen war noch keiner vorgefahren. Bis auf die Generalin, die schon seit geraumer Zeit in einem moosgrünen Sammetkleide mit unendlicher Schleppe umherrauschte, um die Anordnungen an den Büffetts wieder und wieder mit Kennerblicken zu prüfen und hier und da einige auf die leiblichen Bedürfnisse der Gäste bezügliche Anweisungen zu ertheilen, – und bis auf den Assessor, der in seinem Arbeitszimmer über einem Aktenbündel saß, als hätte er von den festlichen Vorbereitungen in seinem Elternhause überhaupt keine Ahnung – befanden sich sämmtliche Mitglieder der Familie noch in ihren Zimmern, mit ihrem Anzug beschäftigt.

Cilly war bei ihren Angehörigen ein wenig dafür verrufen, daß sie mit dem wichtigen Geschäft des Ankleidens trotz aller Hilfe der Zofe niemals rechtzeitig fertig werden könne. Sie hatte um dieser leidigen Gewohnheit willen schon unzählige Neckereien Engelberts über sich ergehen lassen müssen, und vielleicht nur, um ihr für den heutigen Tag eine Wiederholung derselben nach Möglichkeit zu ersparen, beeilte Marie ihren eigenen Anzug so sehr, daß sie noch Zeit genug behielt, auch ihrer Base Beistand zu leisten. Sie selber hatte jede Hilfe abgelehnt, ja, sie hatte trotz alles Zuredens nicht einmal die weitberühmten Frisirkünste von Cillys Jungfer in Anspruch genommen, da sie ihr prächtiges Haar durchaus nicht anders zu tragen wünschte als an jedem sonstigen Tage. Und ein Blick in den Spiegel konnte sie belehren, daß sie recht daran gethan hatte. Die einfache Anordnung der dicken, lichtblonden Zöpfe, in denen einige frische Blumen als einziger Schmuck befestigt waren, stand ihr ohne Zweifel ungleich lieblicher zu Gesicht als irgend ein kunstreicher Aufbau, wie ihn die an der Seine geschulte Phantasie der Mademoiselle Chériette zu erfinden liebte. Und dieselbe anmuthige Einfachheit hatte sie auch in Bezug auf all ihren sonstigen Festschmuck walten lassen. Ein weißes Kleid von schlichtem Faltenwurf, durch eine zarte, schön gezeichnete Stickerei belebt und hier und da mit einer kleinen, duftigen Ranke lebendiger Blumen verziert, überließ den edlen Linien und den weichen Formen ihrer vollkommen ebenmäßigen Gestalt den wesentlich größten Theil der Aufgabe, sich im Wettstreit mit den weiblichen Schönheiten, die man heute erwarten durfte, zu behaupten.

Von kindlicher Freude über das liebliche Bild erfüllt, das ihr der hohe Ankleidespiegel zurückgeworfen hatte, verließ Marie ihr Stübchen, um sich zu dem in demselben Stockwerk gelegenen Zimmer ihrer Base zu begeben. Sie hatte nur den langen Gang zu durchschreiten, um dahin zu gelangen, und sie war so wenig darauf gefaßt gewesen, anderen Personen als etwa einem der Dienstboten zu begegnen, daß ihr ein Ausruf der Ueberraschung entschlüpfte, als sie plötzlich Engelberts schlanke Gestalt wie aus dem Boden gewachsen vor sich stehen sah.

Auch er erschien, in seinem Paradeanzuge stattlicher, glänzender und siegesgewisser als je, und obwohl Marie während der letzten Stunden gar nicht an ihn gedacht hatte, war es ihr doch nun mit einem Mal, als ob sie sich nur für ihn geschmückt hätte und als ob eine Aeußerung des Wohlgefallens aus seinem Munde ihr Lohns genug wäre. Und sie brauchte nicht lange auf eine solche Aeußerung zu warten. Nachdem Engelbert sie eine Sekunde lang mit brennenden Blicken betrachtet hatte, beugte er sich plötzlich nieder und preßte seine Lippen leidenschaftlich heiß auf ihren schönen Arm.

„Marie – meine Herzenskönigin!“ flüsterte er. „Du weißt nicht, Mädchen, wie berauschend schön Du bist!“

Das Lob war unzweideutig; aber es war vielleicht anders, als Marie es ersehnt und erwartet hatte. Sie wich zurück und legte die Hände auf den Rücken, als ob sie damit eine Wiederholung der stürmischen Liebkosung verhindern wollte.

„Du bist unartig, Engelbert,“ sagte sie schmollend. „Würdest Du gegen eine andere junge Dame Eurer Gesellschaft etwas derartiges wagen?“

Aber der Dragoneroffizier ließ sich jetzt nicht mehr so leicht aus der Fassung bringen wie damals im Gewächshause nach dem ersten Mittagessen. Seinen martialischen Schnurrbart zwischen den Fingerspitzen wirbelnd, sagte er mit dem zuversichtlichen Lächeln eines Mannes, der nicht einen Augenblick an die Ernsthaftigkeit des ihm ertheilten Verweises glaubt: „Gewiß, mein Herz – vorausgesetzt natürlich, daß ich ihr so gut wäre wie Dir! – Und nur, weil diese Voraussetzung in das Gebiet der unmöglichen Dinge gehört –“

Marie unterbrach ihn durch eine abwehrende Gebärde.

„Wie soll ich solchen Versicherungen Glauben schenken? Ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß Du gestern irgend einer Cirkuskünstlerin dasselbe gesagt hast?“

Engelbert legte die Linke auf die Brust und nahm eine feierliche Haltung an.

„Haben Cillys Lästerungen mehr Gewicht für Dich als mein Manneswort? Was soll ich thun, Dich von der Aufrichtigkeit meiner Liebe zu überzeugen?“

Seine Worte durchströmten sie mit einer süßen Empfindung des Glückes; aber sie fühlte trotzdem ein leises Bangen unter dem heißen Blick, der so verzehrend auf ihr ruhte. Sie hätte laut aufjubeln mögen in dem Bewußtsein, geliebt zu sein, und doch peinigte es sie, sich mit dem Manne allein zu wissen, in dessen Blute diese leidenschaftliche Liebe loderte. Nur um einen Vorwand zur Flucht zu finden, suchte sie das Gespräch ins Scherzhafte zu wenden.

„Beweise sie mir, indem Du jetzt ganz artig hinuntergehst und indem Du mich künftig nicht mehr mit einer Kammerzofe verwechselst, wenn der Zufall uns abermals auf einem Treppenflur zusammenführen sollte. Das ist doch gewiß ein bescheidenes und leicht zu erfüllendes Verlangen.“

Sie wollte an ihm vorüberhuschen, doch Engelbert vertrat ihr den Weg. Er hatte sie nie schöner gesehen als in diesem duftigen Gesellschaftsgewande.

„Warum mußt Du mir immer unter den Fingern entschlüpfen, wenn sich uns einmal Gelegenheit bietet, ernsthaft mit einander zu reden? Geschieht das nicht ohnedies leider selten genug?“

Schelmisch und doch nicht ohne geheimes Zagen sah sie zu ihm auf.

„Ernsthaft?“ fragte sie. „Hier? Zwischen sechs Thüren, von denen in jedem Augenblick eine aufgehen kann? Nicht nur Deine Geschwister würden Gelegenheit haben, uns zu überraschen, sondern sogar die Dienstboten.“

„Nun, wenn es durchaus nicht sein soll, so zahle mir wenigstens ein Lösegeld dafür, daß ich Dich freigebe! Gieb mir ein Unterpfand, daß Dein Herz nur mir gehört, damit mich nicht die bloße Vorstellung rasend mache, Dich nachher mit anderen plaudern oder gar tanzen zu sehen!“

Eines ernstlichen Widerstands kaum gewärtig, machte er den Versuch, sie wie damals an sich zu ziehen und zu küssen; doch Marie entzog sich ihm sehr entschieden, und ihre Haltung wie ihre Miene ließ ihn nicht im Zweifel über die Aufrichtigkeit ihres Unwillens.

„Nein!“ sagte sie, „nur in Gegenwart Deiner Eltern werde ich Dir das zum zweiten Mal gestatten!“

Sie verschwand in der Thür von Cillys Zimmer, ehe sich Engelbert über eine passende Erwidernng klar geworden war. Er spitzte die Lippen und pfiff leise ein paar Takte aus der Melodie des neuesten Gassenhauers vor sich hin.

„Das war deutlich!“ meinte er, während er die Treppe hinabstieg und langsam die weißen Handschuhe anzog. „Nun – warum auch nicht? Ich für meine Person hätte verteufelt wenig dagegen einzuwenden!“ –

Auch der General stand jetzt bereits in seiner gestickten Uniform und im blinkenden Schmuck seiner vielen Orden inmitten des Empfangszimmers, vollkommen bereit, sich der sauren Pflicht einer liebenswürdigen Bewillkommnung der zahlreichen Gäste zu unterziehen, von denen die ersten nunmehr jeden Augenblick eintreffen konnten.

„Meine theuren Angehörigen lassen mich allem Anschein nach wieder recht hübsch im Stich,“ sagte er, als Engelbert eintrat. „Die Mama ist plötzlich unsichtbar geworden, Cilly ist natürlich noch nicht mit dem Anziehen fertig, und Lothar – hast Du überhaupt etwas von Lothar gesehen?“

„Soll ich meines Bruders Hüter sein, Papa? – Wahrscheinlich brütet er über einem Mord oder einem schweren Diebstahl mit Dietrichen und Brecheisen. Seitdem er sich der Kriminaljustiz in die Arme geworfen hat, ist er für mich so gut wie unsichtbar geworden.“

[333] „Nun, ich werde einen Diener hinaufschicken, um ihn an seine gesellschaftlichen Verpflichtungen zu erinnern. Uebrigens – auch Dir habe ich noch etwas zu sagen, Engelbert! Du hast neulich auf dem Essen bei Rochlitz den deutlichen Wink sehr rasch vergessen, welchen ich Dir gegeben hatte.“

„Einen Wink, Papa? – Ich weiß wirkich nicht. – Ah, – etwa wegen der kleinen Gräfin Hainried?“

„Du mußt ein schlechtes Gewissen haben, da Du sogleich erräthst, was ich meine. Dein nachlässiges Benehmen gegen die junge Dame streifte in der That beinahe an Unhöflichkeit.“

„Wie genau Du solche Kleinigkeiten doch beobachtest, Papa!“ meinte Engelbert heiter, indem er vor einen Spiegel trat und sich wohlgefällig in allen Muskeln reckte. „Es ist möglich, daß sie mir an jenem Tage nicht recht gefiel. Sie hatte den Schnupfen, und niemand wird im Ernste bestreiten wollen, daß selbst die Venus von Milo mit einem Schnupfen aufhören würde, begehrenswerth zu sein.“

„Das sind Albernheiten, mein lieber Engelbert, und ich deutete Dir schon an jenem Tage an, daß es mir lieb wäre, wenn Du die Sache gerade diesmal von einer etwas ernsteren Seite nähmest. Reckenstein macht kaum noch ein Geheimniß daraus, daß die Reibungen nach unten und oben, die bei seiner knorrigen Natur von vornherein unvermeidlich waren, ihn bereits herzlich amtsmüde gemacht haben, und daß er das Kriegsministerium lieber heute als morgen verließe, wenn nur das Kommando eines Armeecorps frei wäre, das ihm versprochen worden ist. Darüber aber, daß kein anderer als Hainried, der unermüdliche Arbeiter und ausgezeichnete Redner, sein Nachfolger auf dem Ministersessel werden wird, waltet in eingeweihten Kreisen längst nicht mehr der geringste Zweifel.“

Engelbert drehte sich auf dem Absatz herum und schnitt eine drollige Grimasse des Entsetzens.

„Heirathspläne also, Papa? Schauderhaft!“

„So hoch versteigen sich meine Hoffnungen gar nicht! Ehe da vom Heirathen die Rede sein könnte, müßtest Du einem halben Dutzend von Nebenbuhlern den Rang ablaufen, die ihr Rößlein allem Anschein nach besser zu tummeln verstehen als Du.“

„Oho, wenn es nur darauf ankäme! Ich wollte ihnen zwanzig Längen vorgeben und sie doch noch alle mit einander um eine Nase, und zwar um eine recht lange, schlagen. Aber wenn es Dir wirklich Spaß macht, Papa, mich als girrenden Täuberich um dies verschnupfte Täubchen stolzieren zu sehen, so will ich Dir als guter Sohn mit Vergnügen gehorsam sein. Ich werde der Gräfin Hainried auf Tod und Leben den Hof machen, sollten sich auch die beiden Rochlitz darüber grün und gelb ärgern.“

Rasch nach einander rollten draußen die ersten Wagen vor; der General seufzte ein wenig und legte dann sein lebhaft gefärbtes, fast jugendlich frisches Gesicht in die verbindlichsten und liebenswürdigsten Falten. –

In einer Gesellschaft, die zum weitaus größten Theile aus Offizieren und ihren Damen bestand, nahm man es mit der Pünktlichkeit des Erscheinens ziemlich genau. Im Verlauf einer kurzen halben Stunde hatten sich die erhellten Gemächer mit einer sehr glänzenden Versammlung in bunten, blitzenden Uniformen und kostbaren, über Parkett und Teppiche rauschenden Gewändern gefüllt.

Da man unter einander fast durchweg gut bekannt war, herrschte von vornherein eine sehr angeregte Stimmung, das Geräusch einer allgemeinen, lebhaften Unterhaltung schwirrte durch die Säle, und namentlich den heiteren Mienen der Jugend beiderlei Geschlechts war es unschwer anzusehen, daß man sich äußerst vergnügliche Stunden versprach.

Sollte es doch auch eine rechte Tanzgesellschaft werden, bei welcher die junge Welt nicht durch die Marter eines stundenlang ausgedehnten Abendessens zur Verzweiflung gebracht werden würde. Auf den ersten Walzer sollte eine Erfrischungspause folgen, während der an kleinen Tischchen zu verspeisen war, was die aufgestellten Büffetts in verschwenderischer Fülle an auserlesenen Leckerbissen boten. Es war darum natürlich, daß derjenige Kavalier, welchem eine Dame diesen Walzer gewährte, auch ihr Ritter während der Erfrischungspause blieb, und jeder, dem es darum zu thun war, sich die Gunst irgend einer holden Ballelfe zu gewinnen, beeilte sich deshalb, seinen Nebenbuhlern für den bedeutsamen Tanz den Vorrang abzulaufen.

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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 12, S. 357–365

[357] Prinz Lamoral von Waldburg, von dem General mit jener höflichen Auszeichnung empfangen, auf welche seine hohe Geburt ihm ein Anrecht gab, hatte sogleich mit weidmännischem Scharfblick Cillys dunkellockiges Titusköpfchen in einer dichten, fröhlichen Gruppe erspäht. Rasch ging er auf sie zu und machte ihr eine Verbeugung, wie er sie ehrerbietiger nicht für eine Prinzessin des Königshauses gehabt haben würde. Marie, welche in der Nähe stand, blickte in hochgradiger Spannung und mit einigem Bangen auf Cilly, deren Unberechenbarkeit und gelegentliche Rücksichtslosigkeit sie gut genug kannte. Aber die Tochter des Generals schien das Geheimniß, welches sie der Freundin zur Pflicht gemacht hatte, auch vor dem Urheber des Unfalls vom heutigen Vormittag wahren zu wollen. Sie hätte seine Begrüßung sonst schwerlich mit einem so ruhigen Lächeln erwidern und ihm so bereitwillig die Tanzkarte überlassen können, um die er nach einer etwas süßlichen und gedrechselten Schmeichelei gebeten hatte.

„Ah, Sie sind nicht sonderlich bescheiden gewesen,“ sagte sie nur, indem sie einen Blick auf das zierliche Elfenbeintäfelchen warf, das er ihr zurückreichte. „Eins – zwei – drei – vier Tänze – und den Tischwalzer obendrein! Hielten Sie sich meiner Zustimmung so gewiß?“

„Ich fürchte in der That nicht, daß Sie mich durch einen Refus unglücklich machen werden, Baronesse! Mein Kutscher hatte sich verspätet; aber ich habe meine Pferde fast zu Tode jagen lassen, um zu verhindern, daß mir hier vor dem Throne der Anmuth ein Glücklicherer zuvorkäme.“

„Ein solcher Opfermuth darf allerdings nicht ohne die gebührende Belohnung bleiben! Bis nachher also!“

Sie nickte ihm zu, während sie ihre Hand auf den Arm eines Majors vom Großen Generalstabe legte, welchem sie den ersten Tanz bewilligt hatte.

„Sie muß in der That mehr als eine oberflächliche Theilnahme für ihn empfinden,“ dachte Marie, „wenn sie ihn den Schrecken vom heutigen Morgen so wenig entgelten läßt.“

Eine leichte Regung des Bedauerns beschlich sie bei dieser Erkenntniß, denn die Persönlichkeit des verlebten und geistig beschränkten Prinzen sprach sie sehr wenig an. Aber sie war jetzt doch nicht in der Stimmung, sich lange mit den Herzensangelegenheiten ihrer Base zu beschäftigen. Schon spielte man drinnen in dem großen Festsaal Webers „Aufforderung zum Tanz“, und sie hatte auf ihrer Karte bisher nur einen einzigen unleserlichen Namen für einen der späteren Tänze. Es hatte ihr wenig Kummer gemacht, daß man sie minder lebhaft umwarb als die Mehrzahl der übrigen jungen Damen. Sie war ja sicher, daß sie einen Tänzer finden würde, der ihr lieber war als alle anderen Kavaliere. Nun aber war es an der Zeit, daß er sich einstellte; denn die Nebenräume [358] entleerten sich rasch, und nach wenig Minuten, wenn der Tanz begonnen hatte, würde sie hier ganz allein und verlassen sein.

Da wurde der Vorhang vor der Thüröffnung mit einer ungestümen Handbewegung zurückgeschlagen, wie sie Engelbert eigenthümlich war. Er blieb auf der Schwelle stehen und schaute suchend umher. Sein Gesicht war etwas erhitzt, aber seine Augen leuchteten vor Vergnügen.

„Ah, da bist Du ja!“ sagte er freudig, als er Marie auf dem Rundsofa unter dem hohen Pflanzenaufbau erspäht hatte. „Ich hatte kaum noch Hoffnung, Dich erwischen zu können, darf ich um Deine Tanzkarte bitten?“

Er sprach ganz so unbefangen und vertraulich wie sonst. Marie athmete in glücklicher Erleichterung auf; denn schon hatte sie angefangen zu fürchten, daß er ihre Zurückweisung von vorhin durch schmollendes Sichfernhalten strafen würde.

In fliegender Hast hatte Engelbert ein paar Bleistiftstriche auf das Täfelchen geworfen.

„Es ist ein Unglück, daß ein Theil der Pflichten des Wirthes auch auf meine Schultern fällt,“ sagte er, indem er es ihr zurückgab; „wenn ich Herr über mich wäre, hätte ich Dich für den ganzen Abend keinem anderen gegönnt.“

Dabei wandte er den Kopf schon wieder nach der Thür, als fürchtete er, irgend jemand könnte ihn vermissen und sein Fernbleiben übel vermerken. Und es entging ihm infolge dieser Bewegung, daß Marie für einen Augenblick die Lippen schmerzlich zusammenpreßte und daß ihre Finger die zierlichen Stäbe des Fächers umklammerten, als ob sie ihn zerdrücken wollten.

Nur für eine Polka-Mazurka hatte sich Engelbert eingeschrieben, für die vorletzte Nummer der ganzen Tanzordnung!

„Wahrhaftig, da geht der Rummel schon los!“ meinte er aufhorchend und allem Anschein nach in Mariens Schweigen gar nichts Auffälliges findend. „Ich habe die kleine Hainried engagiert, und wenn der Alte Anwartschaft auf das Portefeuille des Kriegsministers hat, darf man die Tochter natürlich nicht warten lassen.“

Als er ihre Karte in der Hand hielt, mußte er gesehen haben, daß sich bei ihr noch niemand um den ersten Tanz beworben hatte, und er mußte auch wissen, daß sie dadurch in eine peinliche Verlegenheit gerieth. Aber es fiel ihm nicht ein, sich darum im mindesten zu kümmern. Ohne ein weiteres Wort eilte er wieder hinaus, und zwei Minuten später klang seine fröhliche volltönende Stimme an Mariens Ohr, als er mit der Gräfin Hainried, einer üppigen und sehr koketten Dame, an der offenen Thür vorüberging.

Von einer Empfindung tiefschmerzlicher Bitterkeit erfüllt, hatte Marie die über dem Fächer gefalteten Hände in den Schoß sinken lassen. All ihre Herzensheiterkeit und die selige, erwartungsvolle Stimmung, die noch soeben ihre weichen Wangen hatte erglühen lassen, waren unwiederbringlich dahin. Nicht Eifersucht war es, was sich in ihrem Innern regte und ihr die Thränen heiß in die Augen drängte, sondern ein Gefühl herber Enttäuschung und Ernüchterung, wie es nach Augenblicken froher Erregung und hochgemuther Zuversicht sich mit doppelter Grausamkeit in die Seele bohrt.

„Wie? Du bist noch hier, Marie?“ tönte es da plötzlich an ihrer Seite. „Willst Du mir gestatten, Dich in den Saal zu führen, und willst Du es mit einem Tänzer von sehr zweifelhafter Geschicklichkeit versuchen?“

Ihr Vetter Lothar war es, der im schlichten schwarzen Ballanzuge und nicht sorgfältiger frisirt als an jedem anderen Tage vor ihr stand. Sein ernster Blick war so forschend und zugleich theilnahmsvoll auf sie gerichtet, daß sie im Augenblick des ersten Ueberraschtseins die Empfindung hatte, er müßte bis auf den Grund ihrer Seele geschaut und ihre geheimsten Gedanken gelesen haben. Mit den Fingerspitzen hastig über Stirn und Augen streichend, als gelte es, die Spuren wirklicher Thränen zu verwischen, richtete sie sich auf.

„Ich – ich wünschte eine kurze Zeit allein zu bleiben,“ sagte sie mit einer Unwahrhaftigkeit, welche sie trotz der Geringfügigkeit schwere Ueberwindung kostete, „denn ich befand mich nicht ganz wohl.“

„Du siehst wirklich angegriffen aus. Darf ich Dir ein Glas Wein oder ein anderes Belebungsmittel besorgen?“

Je tiefer Marie den Gegensatz zwischen seiner herzlichen Theilnahme und der selbstsüchtigen Gleichgültigkeit Engelberts empfand, desto übermächtiger quoll die schmerzliche Bitterkeit in ihrem Innern auf. „Nein!“ erwiderte sie mit einer Schroffheit, die nicht beabsichtigt, sondern nur ein natürlicher Ausfluß ihrer Stimmung war. „Es war ganz unbedeutend und ist schon wieder vollständig vorüber. Ich werde Dir dankbar sein, wenn Du die Güte hast, mich in den Festsaal zu führen. Weitere Opfer aber muthe ich Dir nicht zu; denn ich werde heute überhaupt nicht tanzen.“

Lothar reichte ihr seinen Arm und that, wie sie begehrte. Aber der sorgende Blick, der noch immer auf ihrem blassen Antlitz ruhte, verrieth, daß er an die vorgebliche Beseitigung ihres Unwohlseins nicht recht zu glauben vermochte. –

Der Major vom Großen Generalstab, in dessen Arm sich Cilly dem Wirbel des Tanzes überlassen hatte, war mit seinen vierundvierzig Jahren nicht mehr so ausdauernd und elastisch, daß die junge Dame nicht bald ein menschliches Rühren gefühlt und ihm, indem sie selber Athemlosigkeit erheuchelte, seine Freiheit wiedergegeben hätte. Er führte sie zu einer der kleinen Ruhebänke, die an den Wänden entlang standen, und er machte ein etwas verwundertes Gesicht, als nach einer Pause von weniger als einer Minute das Töchterchen des Generals schon wieder Athem genug hatte, um mit einem blutjungen, unbärtigen Sekondlieutenant, dem die Fähnrichstage noch sehr frisch in der Erinnerung sein mußten, davon zu fliegen.

Der jugendliche Krieger hatte augenscheinlich bis dahin wenig Gelegenheit gehabt, sich in der schwierigen Kunst des Verbergens seiner geheimsten Gedanken zu üben; denn noch ehe er in dem verzweifelten Bemühen, eine nicht gar zu alltägliche Unterhaltung anzuknüpfen, mehr als zwanzig Worte über die neuesten Nachrichten aus Deutsch-Ostafrika hervorgestottert hatte, wußte Cilly mit unumstößlicher Gewißheit, daß er bis über die Ohren in ihre glänzenden Augen und in ihre rothen Lippen verliebt sei. Und während sie sich sonst über die stumme Anbetung solcher halbreifen und unbeholfenen Helden unbarmherzig lustig zu machen pflegte, gefiel sie sich diesmal darin, den armen Menschen durch allerlei kleine Koketterien vollends in lichterloh aufschlagende Flammen zu setzen. Als sie, vom Tanze sich erholend, durch den Saal schritten, hatte er zu seinem eigenen Erstaunen bereits die beispiellose Kühnheit, ihren Arm ganz leise an sich zu drücken, und mitten in dem ernsthaftesten Gespräch über den Negeraufstand und den Sultan von Sansibar sagte er plötzlich mit einem gar nicht mehr mißzuverstehenden Seufzer:

Auch ich hatte mich für die Schutztruppe des Reiches nach Ostafrika gemeldet, denn diesen unendlichen, thatenlosen Frieden hier in Europa vermag kein rechter Soldat zu ertragen. Aber man hatte bereits alle Stellen besetzt, als mein Gesuch eintraf. Ich war zu spät gekommen! Zu spät – das ist von jeher das Unglück meines Lebens gewesen! Es ist, als ob in dieser Beziehung ein unerbittliches Verhängniß über mir waltete. Möchte ich doch fast darauf schwören, daß auch gnädiges Fräulein bereits über den ersten Walzer verfügt haben!“

Ob es in Anerkennung dieses wahrhaft geistreichen Gedankensprunges aus dem äquatorialen Afrika in den Festsaal des Generals von Brenckendorf, oder ob es aus irgend einer andern, geheimnißvollen Ursache geschah – genug, Cilly strahlte den weltschmerzlich angehauchten Jüngling mit einem verwirrenden Blick ihrer dunkeln Gluthaugen an und erwiderte aufmunternd:

„Vorläufige Verfügungen lassen sich rückgängig machen. Einen thatenlustigen Mann sollten solche Hindernisse nicht schrecken.“

Der Lieutenant sah etwas betroffen aus. Vielleicht dämmerte ihm trotz eines nicht zu gering bemessenen Selbstbewußtsein eine dunkle Ahnung auf, daß sie sich möglicherweise über ihn lustig machen könnte.

„Wenn ich gnädiges Fräulein recht verstehe –“ stammelte er . . . „es würde mich natürlich unaussprechlich glücklich machen –“

„Nun wohl!“ sagte sie, ihm die Tanzkarte entgegen haltend. „Jeder ist der Herr seines Schicksals!“

Er hatte den Bleistift in der Hand, aber er las den Namen des Prinzen Lamoral an der Stelle, die er vermessen genug für sich selbst begehrte, und die Verlegenheit machte ihn erröthen wie ein junges Mädchen.

„Ach – gnädiges Fräulein beschämen mich durch so viel Güte – aber ich weiß nicht – es ist vielleicht nicht schicklich – so ohne die Erlaubniß eines Kameraden –“

„Ach, wie ängstlich Sie sind!“ lachte Cilly. „Und Sie wollten gegen Sklavenjäger und Menschenfresser kämpfen! – Da – nun brauchen Sie niemand mehr um Erlaubniß zu fragen!“ Sie hatte einen so dicken Strich über den Namen des Prinzen gemacht, daß die Spitze des Bleistifts abgebrochen war und daß der Lieutenant sich seines eigenen bedienen mußte, als er jetzt mit [359] etwas unsicherer Hand sein „von der Hacke“ darunter schrieb. Nun aber schien Cilly plötzlich die Lust an seinem kriegerischen Geplauder vergangen zu sein. Sie gab ihm kaum noch eine Antwort und benutzte die erste Gelegenheit, sich von ihm loszumachen.

„Die Erkenntniß, daß sie mir zu weit entgegengekommen ist, hat sie verschüchtert,“ dachte der Lieutenant, und sein jugendlich unerfahrenes Herz klopfte höher im stolzen Bewußtsein des ersten, leicht errungenen Triumphes.

Die Tochter des Generals aber hatte ihn sicherlich schon ganz und gar vergessen, während sie einer lustigen Geschichte des ebensosehr um seiner witzigen Einfälle als um seiner chirurgischen Geschicklichkeit willen berühmten Generalarztes von Herger lauschte. Eben sollte die Pointe der Anekdote kommen, als die Stimme des Prinzen Lamoral neben Cilly laut wurde, der sich bei ihr um die Gewährung einer Extratour bewarb.

„Der Tanz wird ja gleich zu Ende sein, Durchlaucht,“ erwiderte sie, „und man darf im Anfang nicht allzu verschwenderisch umgehen mit seinen Kräften. Lassen Sie uns ein wenig plaudern, ohne zu tanzen!“

Obwohl der Prinz sich auf letzteres entschieden viel besser verstand als auf das erstere, stellte er sich doch ganz entzückt über ihren Vorschlag. Sie umwandelten Arm in Arm den Saal, und Cilly deutete dann auf ein Ecksofa, in dessen unmittelbarer Nähe sich eben niemand befand.

„Setzen wir uns, Durchlaucht! Mir fällt da eben ein, was Sie vorhin von Ihrem Kutscher sagten. Warum in aller Welt jagen Sie einen so unbrauchbaren Menschen nicht davon?“

„Unbrauchbar? Ganz im Gegentheil, meine Gnädigste – Sie müssen mich gänzlich mißverstanden haben – er ist einer der schneidigsten Kerls, die jemals auf einem Bock gesessen haben. Wenn es sein muß, fährt er wie der Teufel!“

„Ja – wie der Teufel! Etwas Aehnliches habe ich allerdings auch von anderer Seite gehört. Man erzählte mir, daß er heute unter den Linden absichtlich eine Droschke zu Schanden gefahren habe.“

Der Prinz lächelte geschmeichelt und liebkoste seinen langen Schnurrbart.

„Merkwürdig, wie schnell alles herumkommt in diesem kleinen Berlin! Kann allerdings nicht leugnen, verehrte Baronesse, daß man Ihnen die Wahrheit erzählt hat; aber mein Iwan war in diesem Falle unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Ich mußte nach Charlottenburg zum Dienst, hatte keine Achtelminute zu verlieren – und Baronesse können sich denken, in was für eine Stimmung es mich versetzte, als da so ein elender Droschkenkarren hartnäckig mitten auf dem Fahrdamm vor mir hinzottelte, so daß mein Iwan nicht rechts und nicht links an ihm vorüber konnte. Er rief den Kerl an, viermal – fünfmal – alles umsonst. Ja, der Plebejer hatte sogar die Unverschämtheit, grob zu werden! Na, da riß mir endlich die Geduld, und ich kommandirte: ‚Vorwärts – wenn auch die Schindmähre und der ganze andere Krempel drauf geht!‘ – Und richtig! Mein Coupé konnte den morschen Karren kaum gestreift haben, und doch legte er sich auf die Seite wie ein umgeblasenes Kartenhaus. Ich weiß nicht, wie die Sache schließlich abgelaufen ist; aber der freche Patron hatte seine Lehre jedenfalls vollauf verdient.“

Cilly hatte während seiner lebhaften Erzählung ihren Fächer unaufhörlich in rascher Bewegung erhalten, ihre Augen hingen unverwandt an dem Gesicht ihres Kavaliers, und Prinz Lamoral fühlte sich sehr angenehm durchschauert von dem Feuer, das aus ihnen sprühte.

„Natürlich hatten Sie sich zuvor vergewissert, daß die Droschke leer sei, ehe Sie jenen Befehl ertheilten?“

„Da ich nicht durch Holz und Leder sehen kann – nein! Aber ich bitte Sie, theuerste Baronesse – was sitzt denn am Ende in so einer Droschke zweiter Klasse? Wenn man auch noch anfangen wollte, auf die zarten Nerven solcher Leute Rücksicht zu nehmen, so könnte man ja lieber gleich – na, das wäre wirklich eine allerliebste Zumuthung!“

„Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen, Durchlaucht?“

„Fordern Sie mein Leben – es gehört Ihnen!“

„Sie werden dem Droschkenkutscher seinen Schaden ersetzen – nicht wahr? Und auch auf eine kleine Entschädigung für den ausgestandenen Schrecken wird es Ihnen nicht ankommen. Es ist gewiß ein Leichtes, auf der Polizei seine Nummer zu erfahren.“

„Ich beneide den Menschen um die Theilnahme, die Baronesse ihm zuwenden. Aber ein Wunsch aus solchem Munde ist mir natürlich Befehl. Er soll mit mir zufrieden sein!“

„Ihr Wort darauf, Durchlaucht?“

„Mein Wort darauf!“ erwiderte er, sichtlich etwas betroffen, aber noch immer in vollendet liebenswürdigem Ton.

„Ich danke Ihnen!“ sagte sie sehr kühl, und indem sie sich erhob, fügte sie hinzu: „Ah, der Walzer! – Ich muß meinem Tänzer wohl zu Hilfe kommen, denn der bedauernswerthe junge Mann, der mich da so verzweifelt sucht, scheint an Kurzsichtigkeit zu leiden.“

Prinz Lamoral reckte sich in die Höhe.

„Das gnädige Fräulein belieben zu scherzen. Ihr Tänzer hat seit zehn Minuten die Ehre, sich an Ihrer Seite zu befinden.“

Cilly hob die Tanzkarte auf, die an seidener Quaste von ihrem Gürtel herabhing, und hielt sie so, daß auch der Prinz den grausamen Strich, der da durch seinen Namen ging, nothwendig sehen mußte.

„Ah, wahrhaftig!“ meinte sie mit einem Ausdruck flüchtigen Bedauerns. „Ich vergaß, Ihnen vorhin zu sagen, daß ich den Tischwalzer dem Lieutenant von der Hacke zugedacht hatte. – Durchlaucht werden sich nach einem Ersatz umsehen – nicht wahr?“

Kerzengerade stand Prinz Lamoral vor ihr. Sein ernstes Gesicht sprach es besser als tausend Worte aus, wie tief er beleidigt war.

„Baronesse!“ sagte er nur, und in seiner Stimme klang es wie eine Mahnung, die Herausforderung nicht bis zum äußersten zu treiben. Cilly aber sah ihn groß an und um ihre Mundwinkel zuckte es wie Zorn oder vielleicht auch wie verhaltenes Weinen.

„Nun?“ fragte sie. Und da er schwieg, fuhr sie mit gedämpfter Stimme, aber mit allen Zeichen tiefster Erregung fort:

„Wollen Sie sich im Ernst auf Ihr älteres Recht berufen, wenn ich Ihnen sage, daß – daß ich bedaure, Ihnen dasselbe eingeräumt zu haben?“

„Nein!“ erwiderte der Prinz mit eisiger Kälte. „Nach solcher Erklärung kann ich nur das höfliche Ersuchen stellen, mich auch von allen weiteren Verpflichtungen gnädigst entbinden zu wollen. Ich würde zu ihrer Einlösung außer stande sein, da ich nicht länger die Ehre haben kann, ein Gast dieses Hauses zu sein.“

Seine haarscharf abgemessenen Worte, von denen Cilly sehr gut wußte, daß sie nichts anderes bedeuteten, als eine unwiderrufliche Absage für das ganze Leben, ließen sie bis in die innersten Tiefen ihres Wesens erbeben. Es kümmerte sie sehr wenig, daß ihre Handlungsweise den lebhaften Unwillen ihres Vaters herausfordern würde; aber sie erkannte das volle Gewicht und die ganze Tragweite derselben doch erst jetzt, wo sie eine angenehme Hoffnung, die ihr durch monatelanges Tändeln lieb geworden war, anscheinend rettungslos zusammenbrechen sah.

Sekundenlang schwankte sie allen Ernstes, und das strahlende Antlitz des blutjungen Sekondlieutenants, der sie jetzt endlich entdeckt hatte und geradeswegs auf sie zusteuerte, erschien ihr so unsäglich albern und lächerlich, daß sie schon aus Beschämung, diesen fast noch in den Knabenschuhen steckenden Ritter vorschieben zu müssen, nahe daran war, ein Einlenken zu versuchen.

Aber wie sie die Lippen öffnete, erinnerte sie sich plötzlich mit merkwürdiger Deutlichkeit des Augenblicks, da sie auf dem Ruhebett in dem Operationszimmer des Zahnarztes aus der Ohnmacht erwacht war, und sie sah im Geiste wieder das ruhige, männliche Antlitz ihres Vetters vor sich, wie er lächelnd und doch mit eigenthümlichem Nachdruck gesagt hatte: „Es giebt Fälle, in denen man ein lebhaftes Verlangen fühlen kann, den Staatsanwalt in Thätigkeit treten zu sehen!“ All ihr Abscheu über die Rohheit des Prinzen erwachte mit vermehrter Lebhaftigkeit von neuem, und sie kam sich beinahe erbärmlich vor um ihres Zögerns und Schwankens willen.

„Ich habe natürlich keinen Einfluß auf die Entschließungen Eurer Durchlaucht,“ sagte sie als Erwiderung auf seine letzten Worte, „aber ich möchte mich nicht von Ihnen verabschieden, ohne Ihnen eine kleine Unwahrhaftigkeit eingestanden zu haben. Nicht der Erzählung eines Dritten verdanke ich die Kenntniß des Vorfalls, von welchem wir soeben gesprochen haben, sondern meiner eigenen unangenehmen Erfahrung. Die Insassen des Wagens, den Eure Durchlaucht umzuwerfen beliebten, um dem Kutscher eine Lehre zu ertheilen, waren meine Verwandte und ich.“

Wie sie ihn jetzt ansah, wollte es sie doch beinahe bedünken, als sei die Strafe härter denn das Vergehen. Von der unnahbaren Höhe fürstlichen Stolzes, auf welche sich Prinz Lamoral soeben der vermeintlich ganz unbegründeten Beleidigung gegenüber gestellt hatte, war er mit jähem Stoße in einen Abgrund so [360] jämmerlicher Beschämung hinabgestürzt worden, daß er nicht nur die Fähigkeit zu sprechen, sondern auch die Herrschaft über seine aristokratischen Züge gänzlich eingebüßt zu haben schien. Niemals wenigstens war der Ausdruck seines Antlitzes eine zutreffendere Bestätigung für Engelberts Behauptung gewesen, daß die Prinzen von Waldburg das Pulver sicherlich nicht erfunden haben würden. Seine ohnehin etwas starren und wässerigen Augen irrten mit dem Verzweiflungsblick eines sterbenden Rehbocks von einem Ende des Saales zum anderen; er bewegte die Lippen, um einige ganz unverständliche Laute hervorzubringen, und er machte dann plötzlich, offenbar einer glücklichen unbewußten Eingebung folgend, der Tochter des Generals die tiefste, feierlichste und ehrfurchtsvollste seiner Verbeugungen.

Ohne auch nur nach rechts oder links zu blicken, schritt er nach diesem stummen Abschied quer durch den Festsaal einem den Ablegeräumen zunächst gelegenen Ausgange zu. Vielleicht geschah es ihm zum ersten Mal in seinem Leben, daß er die bitterste Unzufriedenheit gegen seine eigene erlauchte Person empfand.

Der Lieutenant von der Hacke aber, welcher sich achtungsvoll zurückgehalten hatte, so lange Cillys Gespräch mit dem Prinzen währte, glaubte die Unterhaltung mit dem Gegenstand seiner glühenden Verehrung jetzt kühnlich durch eine sehr geistreiche Schmeichelei einleiten zu dürfen, an welcher er während der letzten Viertelstunde in einer verschwiegenen Fensternische gearbeitet hatte. Doch er war noch nicht zu Ende gekommen, als ihn ein so kühl verwunderter und zugleich hoheitsvoll verweisender Blick aus den angebeteten dunkeln Augen traf, daß es sich ertödtend und erstarrend wie ein Reif in der Frühlingsnacht auf die zarten Blaublümelein seiner Hoffnungen und Träume legte. Eine kleine halbe Stunde später schlich er, von einer wahrhaft Schopenhauerischen Verachtung des gesammten weiblichen Geschlechts erfüllt, aus dem Speisesaal in einen jener kleinen gemüthlichen Nebenräume, wo man Cigarren, Münchener Hofbräu und eine Partie Skat oder Pikett haben konnte. Er war nicht im Zweifel, daß dies von den vielen unglücklichsten Abenden seines Lebens der allerunglücklichste sei, und während er das erste Seidel schäumenden Gerstensaftes aus bloßer Zerstreutheit ohne Athemholen bis auf den Boden leerte, sah er sich im Geiste nun doch noch unter afrikanischem Himmel im wilden Kampfe mit Negern, Arabern und Krokodilen. Es war unmöglich, mit dieser Wunde im Herzen Tag für Tag nur Griffe und langsamen Schritt üben zu lassen – es war unerträglich, unausdenkbar!

Und im Vorgefühl künftiger Heldenthaten trank der arme Verrathene in seinem stillen Schmollwinkel Glas auf Glas, bis ihm die Zukunft allgemach wieder in einem rosigeren Lichte aufdämmerte und eine sehr behagliche Stimmung gänzlicher Gleichgültigkeit gegen alles Vergangene und Gegenwärtige die letzten düsteren Schatten verzweifelter Lebensmüdigkeit verscheuchte. –

Marie von Brenckendorf hatte von der schnöden Behandlung, welche Cilly ihrem anfänglich so huldvoll ermuthigten jugendlichen Verehrer zu theil werden ließ, ebensowenig wahrgenommen als von der ernsthaften Auseinandersetzung ihrer Base mit dem Prinzen von Waldburg. Obwohl sie leidenschaftlich gern tanzte und obwohl die glänzendsten unter den jüngeren Kavalieren sich nach ihrem Erscheinen im großen Festsaal bei ihr um die Vergünstigung eines Tanzes beworben hatten, war sie doch standhaft bei der Erklärung geblieben, welche sie ihrem Vetter Lothar gegeben hatte. Es zuckte und prickelte ihr in den Füßen, wenn die verführerischen Weisen in feurigem Rhythmus den glänzenden Raum durchrauschten; aber sie widerstand der lockenden Versuchung in jenem trotzigen Eigensinn, welcher uns so häufig veranlaßt, zu dem Schmerz der Kränkung, die wir von anderen erlitten haben, auch noch die Pein unbarmherziger Selbstquälereien zu fügen.

Aeußerlich freilich verrieth sich nichts mehr von jener Bitterkeit und herben Enttäuschung, welche vorhin so übermächtig über sie gekommen waren. Ohne gerade ausgelassen und übermüthig zu sein, zeigte sie doch in dem Geplauder, in welches sie von ihrer Umgebung fortwährend hineingezogen wurde, Heiterkeit genug, um niemand errathen oder auch nur ahnen zu lassen, wie wenig fröhlich und festlich es in ihrem Herzen aussah. Es konnte ihrer Aufmerksamkeit unmöglich entgehen, daß Engelbert auch den Walzer mit der Gräfin Hainried tanzte und daß er somit ihr erklärter Kavalier für diesen Abend war. Ja, ein tückischer Zufall fügte es, daß die üppige, viel umschwärmte Schönheit ihren Platz während des Essens in geringer Entfernung von demjenigen Mariens wählte, und daß diese wider ihren Willen mehr als einmal zur Ohrenzeugin der oft recht verwegenen Artigkeiten werden mußte, mit denen Engelbert seiner Dame huldigte. An das Dasein seines Bäschens schien der Dragoneroffizier in dem Wirbel des rauschenden Festes überhaupt nicht mehr zu denken. Wiederholt streifte er ganz nahe an ihr vorüber, ohne sie zu sehen, und als sich ihre Blicke einmal zufällig begegneten, las Marie in seinen Augen nur den Rausch des Vergnügens über den raschen Erfolg, dessen er sich unverkennbar bei der Tochter des künftigen Kriegsministers zu erfreuen hatte.

Der Regierungsrath Thomas, ein feingebildeter und liebenswürdiger Herr in mittleren Jahren, hatte sich die Erlaubniß erbeten, Marie in den Speisesaal zu führen. Er bediente sie mit der Zuvorkommenheit und zarten Achtsamkeit eines wohlerzogenen Mannes, und Marie würde unter allen anderen Umständen an seiner lebhaften und gedankenreichen Unterhaltung sicherlich das aufrichtigste Vergnügen gefunden haben. Heute aber mußte sie sich mit dem ganzen Aufgebot ihrer starken Willenskraft zwingen, ihm nur so viel Aufmerksamkeit zuzuwenden, als die Pflicht der Höflichkeit von ihr forderte. Sie hatte unglücklicherweise den brennenden, stumm beredten Blick aufgefangen, mit welchem Engelbert der Gräfin Helene Hainried das erste Glas perlenden Champagners kredenzte, und wie gewaltig sich auch ihr Stolz gegen die demüthigende Vorstellung aufbäumte, daß es die schimpflichen Martern niedriger Eifersucht seien, welche in ihrem Innern wühlten, so wenig vermochte doch dieser Kampf zur Linderung der Pein beizutragen, welche sie seit jenem Augenblick erduldete.

Sie erschrak aufs heftigste, als sie gewahrte, daß Engelbert nach einer Weile seine Dame verließ und mit raschen Schritten geradeswegs auf ihren eigenen Platz zukam. Nur jetzt wollte sie nicht gezwungen sein, mit ihm zu sprechen – nur nicht unter dem unmittelbaren Eindruck einer Entdeckung, welche ihr sein Verhalten bei der vorigen Begegnung unter vier Augen nur noch im Lichte einer unerhörten Beschimpfung erscheinen lassen konnte.

Aber sie vermochte seine Annäherung so wenig zu vereiteln, als sie es hindern konnte, daß sich gerade in diesem Augenblick der Regierungsrath erhob, um sich an eines der Büffets zu begeben. Engelbert stand vor ihr, den gefüllten Champagnerkelch in der Hand, und während er ihr denselben mit leicht herabgeneigtem Oberkörper entgegenhielt, kam es in vorsichtig gedämpften Flüsterlauten von seinen Lippen:

„Auf Dein Wohl, mein Liebling! Ach, Du kannst nicht ahnen, was ich heute auszustehen habe. Lieber vierzehn Tage Felddienst als eine einzige Stunde vor dem Triumphwagen dieser Göttin! – Aber was ist das? Du thust mir nicht Bescheid? Bist Du mir etwa böse?“

Es war eine seltsame Kraft der Ueberredung in dem treuherzigen Klang seiner Stimme und in dem liebenswürdig heiteren Ausdruck seines frischen Gesichts. War es denn möglich, daß er die Stirn haben konnte, so vor sie hinzutreten, wenn er wirklich nur ein frevelhaftes Spiel mit ihr zu treiben gedachte? Langsam und zaudernd erhob Marie ihr Glas.

„Böse?“ wiederholte sie. „Nein – vielleicht nur ein wenig traurig.“

Engelbert warf einen raschen Blick hinter sich und nahm den leer gewordenen Stuhl des Regierungsraths ein.

„Aber Du sollst nicht traurig sein,“ flüsterte er warm und eindringlich, „und so weit es sich um mich handelt, hast Du auch keinen Grund dazu. Ich mußte mich heute nun einmal gewissen höheren Rücksichten zum Opfer bringen, und ich habe eine viel zu hohe Meinung von Dir, als daß ich glauben könnte, Du seiest eifersüchtig auf diese unbedeutende und kokette Person.“

Wie hätte sie ihm nun noch eingestehen können, daß sie wirklich eifersüchtig gewesen war! Sie war fast unzufrieden mit sich selbst, daß sie ihren Groll gar so schnell entschwinden fühlte, aber in der leichtfertigen Fröhlichkeit, mit welcher Engelbert über alle unangenehmen Dinge hinwegzutändeln wußte, lag nun einmal ein unwiderstehlicher Zauber. Und Engelbert las es ihr vom Gesicht ab, daß sie versöhnt sei.

„Noch einmal also: auf Dein Wohl, meine einzig geliebte Marie!“ hauchte er ihr ins Ohr. Die Krystallpokale klirrten zusammen, und er leerte den seinen bis auf den letzten Tropfen. Dann stand er rasch auf, nachdem er wieder einen hastigen Blick nach dem Tische der Gräfin Hainried hinübergeworfen hatte.

[362] „Die Mazurka, die wir nachher tanzen werden, ist für mich der einzige Stern in der trostlosen Oede dieser Ballnacht. Ich freue mich auf sie wie auf eine Erlösung.“

„Aber ich habe sowohl Deinem Bruder wie einer ganzen Anzahl anderer Herren erklärt, daß ich heute nicht tanzen werde. Man könnte mir leicht verübeln, wenn ich es nun dennoch thäte.“

„Mag man doch! Glaubst Du, ich würde mich bereit finden lassen, auf mein gutes Recht zu verzichten? Ich würde Dich zu diesem Tanze holen, auch wenn ich wie Don Ramiro in der Heineschen Romanze nur noch meinen Schatten schicken könnte. Du kennst doch das schöne Gedicht mit den schauerlichen Schlußversen:

‚Herrin, forscht nicht blut’ge Kunde – heute mittag starb Ramiro!‘

Also bereite Dich immerhin auf eine kleine Nothlüge für die anderen vor! – Auf Wiedersehen, mein holdes Bäschen!“

Er schwirrte davon, fest überzeugt, sich sehr edel und großmüthig benommen zu haben. Der Regierungsrath aber war merklich überrascht von der Veränderung, die während seiner kurzen Abwesenheit in den Mienen und in dem Wesen seiner Nachbarin vor sich gegangen war.

„Hat man schon eine Spur gefunden, welche zur Entdeckung des merkwürdigen Diebstahls in der Gemäldegalerie führen könnte?“ fragte er im Verlaufe ihrer jetzt um vieles lebhafteren Unterhaltung. „Ich höre ja, daß der Assessor von Brenckendorf mit der Führung der Untersuchung betraut worden sei, und gnädiges Fräulein sind darum vielleicht besser unterrichtet als das große Publikum.“

Marie mußte mit einiger Beschämung gestehen, daß sie von einem solchen Diebstahl überhaupt noch kein Wort gehört habe, aber sie zeigte große Wißbegierde, etwas darüber zu erfahren, und der Regierungsrath erzählte bereitwillig, was ihm selber aus den Zeitungen bekannt geworden war.

„Aber ich bin ein schlechter Berichterstatter,“ unterbrach er sich plötzlich, „und der Herr Assessor, den ich da eben kommen sehe, wird uns gewiß Neueres und Zuverlässigeres zu melden wissen. Mit Ihrer Erlaubniß nehme ich ihn in Beschlag.“

Marie hätte vielleicht gern widersprochen, aber sie würde keinen Vorwand dazu gefunden haben, und so trat Lothar auf den heiteren Zuruf des Regierungsraths artig an ihren Tisch.

„Es giebt da wenig zu erzählen,“ sagte er, als er von dem Gegenstand der Unterhaltung in Kenntniß gesetzt worden war, „denn die Untersuchung bewegt sich bis zur Stunde noch völlig im Dunkeln. Soweit sich das eben feststellen läßt, ist das Bild bisher nirgends zum Kauf angeboten worden, und die Vermuthung gewinnt immer mehr an Boden, daß es sich gar nicht um einen Diebstahl aus gewöhnlicher Gewinnsucht, sondern um die That eines halb unzurechnungsfähigen Kunstliebhabers handle.“

Der Regierungsrath lächelte ungläubig.

„Sind Sie etwa ein Vertheidiger der Theorie von der Kleptomanie, der Stehlsucht, Herr Assessor?“ fragte er. „Ich für meine Person habe mich nie entschließen können, an das Vorhandensein einer so merkwürdigen Krankheit zu glauben.“

„Allerdings haben Sie hervorragende Männer der Wissenschaft auf Ihrer Seite,“ sagte Lothar. „Aber wer weiß, ob man nicht nach hundert Jahren mehr als die Hälfte jener Leute, die man nach dem heutigen Stande der Rechtspflege und der Wissenschaft nur ins Gefängniß schicken kann, in besonderen Heilanstalten behandeln wird!“

„Ein solches Zeitalter der reinen Menschlichkeit wird meiner Meinung nach schon um deswillen niemals kommen können, weil die gesittete menschliche Gesellschaft sich nicht des wirksamsten Vertheidigungsmittels gegen ihre Feinde entäußern darf. Mag ein Raubmörder mit klarem Verstande oder in zeitweiligem Wahnsinn gehandelt haben, jedenfalls ist es für die Gesellschaft eine unabweisliche Pflicht der Selbsterhaltung, ihn nicht nur dauernd unschädlich zu machen, sondern auch das zur Abschreckung leicht bereiter Nachahmer nothwendige warnende Beispiel an ihm aufzustellen. Mag der einzelne dadurch vielleicht auch hier und da härter betroffen werden, als er es verdiente, jedenfalls hat die Justiz ihre Aufgabe erfüllt, wenn ihr Spruch die Gesammtheit vor weiterem Schaden bewahrte. Die reine, vollendete Gerechtigkeit, die allezeit ein haarscharfes Gleichgewicht zwischen Schuld und Sühne herzustellen weiß, ist eben nichts als ein schöner Traum, der hier auf Erden auch nach weiteren zehntausend Jahren seiner Verwirklichung nicht viel näher gekommen sein wird als heute.“

„Ich vermag Ihnen nicht zuzustimmen, Herr Regierungsrath, und wenn ich es vermöchte, so würde ich mich sicherlich niemals zu einem Werkzeug solcher Justiz hergeben. Eine Gesellschaft, die sich zu ihrer Erhaltung lediglich auf eine nach dem Recht des Stärkeren zugeschnittene Handhabung ihrer Strafgesetze angewiesen sähe, würde der Erhaltung überhaupt kaum noch werth sein. Hat uns die Wissenschaft erst einmal dahin geführt, zu erkennen, wo die viel umstrittene Grenze zwischen Krankheit und Verbrechen liegt, so werden sich unsere Gesetze und die Urtheile unserer Richter unverzüglich dieser Erkenntniß anzubequemen haben. Einst schleppte man Pestkranke und Aussätzige an abgelegene Orte, um sie da ihrem Schicksal zu überlassen, denn man meinte, kein besseres Mittel zum Schutze der Gesammtheit gegen die Gefahr der Verseuchung zu besitzen. In menschlicheren Zeiten ersann man zu dem nämlichen Zwecke gute und schlechte Arzneien für die Unglücklichen, die von einer ansteckenden Krankheit ergriffen worden waren. Und heute – nun, heute ist man zu der Einsicht gekommen, daß das einzige wirksame Vertheidigungsmittel in dem Bemühen zu suchen ist, den Unheil bringenden Keimen, die vielleicht immer im Boden, im Wasser, in den Lüften schlummern, die Möglichkeit der Entwicklung zu nehmen. Man findet, daß es leichter sei, dem Ausbruch einer Seuche vorzubeugen, als die einmal ausgebrochene zu bekämpfen. Warum sollte man nicht in Bezug auf Verbrechen und Verbrecher nach gleichen Wandlungen der Ansichten zu demselben Endergebniß gelangen? Warum sollte man nicht auch hier das Hauptgewicht auf die Vorbeugemittel legen, wenn man nur erst mit Sicherheit die verderblichen Keime kennengelernt hat, die es zu tödten gilt?“

Mit einer Empfindung stetig wachsenden Erstaunens hatte Marie den – ausschließlich an den Regierungsrath gerichteten – Worten Lothars gelauscht. Sie erkannte den schweigsamen Vetter, der sich fast nie an den lustigen Tischgesprächen in seinem Elternhause betheiligte, kaum noch wieder, wie er da mit einer unverkennbar aus dem tiefsten Herzen quellenden Wärme seine idealistischen Anschauungen vertrat. Gleich seinen Eltern und seinen Geschwistern hatte ihr bis zu diesem Augenblick für Lothars Uebertritt in die richterliche Laufbahn jedes Verständniß gefehlt. Sie hatte sich daran gewöhnt, ihn im Stillen ebenso wie die anderen als eine eigensinnige Schrulle zu belächeln, – und jetzt erst dämmerte ihr unter der Wirkung seiner Worte eine Ahnung auf von den edlen und ernsten Beweggründen, welche die anscheinend so unbegreifliche Handlungsweise dieses verschlossenen Mannes bestimmt haben mochten. Und es stieg in ihrem Herzen auf wie ein sehnliches Verlangen, ihn so weiter sprechen zu hören und einen noch tieferen Einblick zu gewinnen in das Gedankenleben, das er selbst vor seinen nächsten Angehörigen sonst so ängstlich verborgen hielt. Sie wäre dem Regierungsrath aufrichtig dankbar gewesen, wenn er ihn durch weiteren Widerspruch gereizt oder einige von den hundert Fragen an ihn gerichtet hätte, die ihr selber auf der Seele brannten.

Aber ihr Kavalier konnte natürlich nichts von solchem Verlangen ahnen, und es war begreiflich, daß er sie vielmehr im Gegentheil durch solche akademische Erörterungen gelangweilt glaubte.

„Ich sehe wohl, mein lieber Herr von Brenckendorf,“ sagte er ablenkend, „daß wir in dem karg bemessenen Zeitraum einer Ballpause schwerlich zu einem Einvernehmen gelangen würden. Und wir sind ja auch ein wenig von unserem ursprünglichen Thema, dem Bilderdiebstahl im Museum nämlich, abgekommen. Ich muß gestehen, daß ich bei der ersten Kunde von dem Ereigniß aufrichtig verwundert war, wie etwas derartiges bei dem großen Aufsichtspersonal überhaupt hatte geschehen können.“

„Auch die größte Aufmerksamkeit und Gewissenhaftigkeit der Beamten wird das Vorkommen solcher Fälle niemals ganz ausschließen,“ erwiderte Lothar. „Ich für meine Person bin überzeugt, daß den bedauernswerthen Mann, in dessen Revier das winzige van Eycksche Gemälde hing, gar kein ernstlicher Vorwurf treffen kann. Da ihm die Beobachtung mehrerer Räume obliegt und da er sehr häufig von Besuchern mit Fragen in Anspruch genommen wird, wäre es unbillig, zu verlangen, daß er jeden einzelnen Punkt der ihm anvertrauten Räume beständig im Auge behalte. Und ein einziger unbewachter Augenblick war für den Dieb ja hinreichend, einen Gegenstand von so geringem Umfange unter seinem Ueberrock oder Mantel verschwinden zu lassen.“

„Und besitzt das Kunstwerk wirklich einen so bedeutenden Werth?“

„Die Museumsverwaltung hat es vor kurzem für zwölftausend Mark erstanden; aber es ist nach dem Urtheil Sachverständiger nicht zweifelhaft, daß mancher Liebhaber gerade für diese [363] meisterlich ausgeführte und ausgezeichnet erhaltene ‚Madonna im Rosenhag‘ einen viel höheren Betrag gezahlt haben würde.“

„Der Dieb muß also in gewissem Sinne Kenner gewesen sein!“

„Ohne Frage! Auf den ersten Blick hat das Bildchen so wenig Bestechendes, daß ein Laie sicherlich eine andere Wahl getroffen haben würde.“

„Und der Aufseher hat gar nichts Verdächtiges wahrgenommen?“

„Nichts, das einen Anhalt zu Nachforschungen in einer bestimmten Richtung ergeben hätte.“

„Aber man verhaftete doch noch in der Vorhalle des Museums einen Menschen, der als verdächtig bezeichnet wurde?“

„Es geschah infolge eines Mißverständnisses, dessen Aufklärung alsbald erfolgte. Eine junge Dame, welche in dem an das fragliche Kabinett anstoßenden Oberlichtsaale mit dem Kopiren eines Rubens’schen Gemäldes beschäftigt war, hatte dem Galeriediener sofort nach der Entdeckung des Diebstahls die Mittheilung gemacht, daß ihr ein armselig aussehender Mensch durch sein anscheinend zweckloses Umherstreifen und durch seine merkwürdig verstörten, irren Blicke aufgefallen sei. Der Betreffende hatte sich angeblich erst wenige Minuten früher entfernt, und die Malerin eilte darum mit dem vor Bestürzung fast sinnlosen Beamten und mit einem ganzen Haufen rasch zusammengeströmter Neugieriger in die Eingangshalle hinab. Dort sah sie wirkich den Gesuchten noch im Gespräch mit zwei anderen Museumsdienern stehen; ihr Zuruf aber, den Verdächtigen festzuhalten, wurde in der allgemeinen Aufregung auf einen andern bezogen, und ehe sich der Irrthum aufgeklärt hatte, war der zuerst Bezichtigte verschwunden.“

„Und trotzdem sind Sie der Ansicht, Herr Assessor, daß keine Spur des Diebes vorhanden sei? Erscheint denn dieser Verschwundene nicht schon um seines Verschwindens willen verdächtig genug?“

Nein! Ein Zufall hat es übernommen, ihn zu entlasten, ohne daß er selber genöthigt gewesen wäre, seine Unschuld zu betheuern. Beim Verlassen des Museums, das nach der übereinstimmenden Bekundung der beiden Thürhüter in durchaus ruhiger und unauffälliger Weise erfolgt war, hatte dieser Unbekannte das Mißgeschick gehabt, seinen Geldbeutel zu verlieren, und einer der beiden Beamten, die den Fund gemacht hatten, war ihm nachgeeilt, um ihn zurückzurufen. Wäre er nun wirklich der Dieb gewesen und hätte er das Bild also unter seinen Oberkleidern verborgen gehalten, so ist doch wohl tausend gegen eins zu wetten, daß er der Aufforderung zur Umkehr nicht ohne weiteres Folge geleistet, sondern viel eher sofort die Flucht ergriffen haben würde. Und selbst angenommen, daß er in unglaublicher Frechheit die Stirn gehabt hätte, mit seinem Raub die Innenräume des Museums noch einmal zu betreten, wie sollte er es angefangen haben, während eines minutenlangen Gespräches vor den Blicken der Galeriediener zu verheimlichen, daß er etwas unter dem Mantel versteckt halte? Die beiden Männer erklärten bei ihrer Vernehmung aufs bestimmteste, ein solches Bemühen hätte ihnen unmöglich entgehen können, und sie weisen die Vermuthung, daß der Verlierer des Geldbeutels der Dieb der van Eyckschen Madonna gewesen sei, mit aller Entschiedenheit zurück.“

„Wenn aber sein Gewissen rein war, warum hatte es der Mann denn so eilig, sich zu entfernen, als er von der Entdeckung des Diebstahls Kenntniß erhielt? Jeden andern hätte doch sicherlich schon die Neugier zurückgehalten.“

„Selbstverständlich würde auch ich mir diese Frage vorgelegt haben, wenn nicht die Aussagen der beiden erwähnten Thürhüter ihre einleuchtende Beantwortung enthalten hätten. Die Beamten hatten sich nämlich, wie dies durch die Umstände geboten war, zuvor von dem Inhalt des gefundenen Geldbeutels unterrichtet, und da derselbe nur aus zwei Fünfpfennigstücken, dem Pfandschein über eine versetzte Uhr und einem werthlosen Pferdebahnfahrschein bestand, muß es ziemlich begreiflich erscheinen, daß den Verlierer die Scham, seine Armuth geoffenbart zu sehen, zu eiligem Rückzug veranlaßte. – Trotz aller dieser Umstände indessen, welche mich bestimmen, der vermeintlichen Wahrnehmung der jungen Malerin sehr wenig Gewicht beizulegen, würde es mir von großem Werthe gewesen sein, die Persönlichkeit des Mannes festzustellen. Aber meine Bemühungen, ihn durch die Organe der Polizei ausfindig zu machen, sind bisher ohne Erfolg geblieben. Des auf dem Pfandscheine angegebenen Namens vermag sich keiner der beiden Thürhüter mehr zu erinnern, und da ich einen meiner innersten Ueberzeugung nach ganz unschuldigen Menschen doch nicht steckbrieflich verfolgen lassen kann, werde ich wohl dem Zufall überlassen müssen, ob ich seine Bekanntschaft machen werde oder nicht.“

Die dröhnenden Schläge eines im Festsaal aufgestellten chinesischen Tam-Tams zeigten die Beendigung der Eßpause an, und man erhob sich eilig von den kleinen Tischen, um zu der bevorstehenden Quadrille rechtzeitig am Platze zu sein.

Auch Lothar, welcher selbst nicht zu tanzen beabsichtigte, zog sich sofort mit einer verabschiedenden Verbeugung zurück, um dem Paare, dessen Gesellschaft er so lange genossen hatte, volle Freiheit zu lassen.

Marie hätte ihn wohl jetzt gern noch durch ein freundliches Wort zurückgehalten, aber wie ihre Beziehungen sich nun einmal gestaltet hatten, wagte sie ein solches Wort nicht. In einer Schüchternheit, die ihr sonst ihm gegenüber ganz fremd gewesen war, hatte sie sogar nicht einmal den Muth, zu ihm aufzusehen, während sie am Arm des Regierungsraths in den Festsaal zurückkehrte; seine Worte aber beschäftigten ihre Gedanken auch noch unter dem Rauschen der Musik und inmitten des lauten Geschwirrs lebhafter Unterhaltung. –

Die Mazurka kam heran, und Engelbert, der sich auch nach dem Essen ausschließlich der Gräfin Hainried gewidmet hatte, ließ seine Base nicht vergeblich auf sich warten. Mit festem Drucke legte er seinen muskelschwellenden Arm um ihre schlanke Gestalt, und so kraftvoll und sicher leitete er sie durch den Wirbel der Tanzenden dahin, daß sie kaum den Boden zu berühren meinte, und daß ein Gefühl wonniger Sicherheit über sie kam. Und nachdem sie sich einige Sekunden lang schweigend dem Genusse des berauschenden Vergnügens hingegeben hatten, so Arm in Arm zu ruhen und sich gleichsam allein zu wissen inmitten des bunten, geräuschvollen Menschenschwarmes, begann Engelbert seiner Tänzerin allerlei kühne, leidenschaftliche, heißathmige Worte in das Ohr zu flüstern. Hier, wo sie ihm nicht entrinnen und ihn nicht zurückweisen konnte, sprach er zu ihr, wie er nie zuvor gesprochen hatte. Der scherzhaft übermüthige Klang, den bis dahin selbst seine Liebesversicherungen gehabt hatten, war ganz aus seiner Stimme geschwunden; er sprach ernsthaft, aber in raschen, abgebrochenen, sich überstürzenden Worten wie jemand, der aus dem Schlafe oder im Fieber redet. Er sagte, daß ihr jeder Pulsschlag seines Blutes gehöre, daß er nie eine andere geliebt habe oder lieben werde als sie, daß sie ihm zu eigen werden müsse um jeden Preis, und gelte es, eine Welt in Trümmer zu legen. Er ließ ihr nicht Zeit zu antworten oder abzuwehren. Je stürmischer er ihr Herz an dem seinigen klopfen fühlte, desto wilder schien ihn die Raserei seiner Leidenschaft zu erfassen, und Marie ließ den schrankenlosen Gluthstrom seiner Rede über sich ergehen wie einen Sturm von Naturgewalten, dem man sich beugen muß, weil es unmöglich ist, ihm zu entfliehen.

Zuletzt hämmerte und wirbelte es in ihren Schläfen ebensosehr von der Erregung, welche Engelberts Worte hervorriefen, als von der übermäßigen Anstrengung des Tanzes. Willenlos und nur durch ihres Tänzers stählerne Kraft aufrecht erhalten, lag sie in seinem Arme, ihr blondes Haupt neigte sich wie das Blüthenköpfchen einer verschmachtenden Pflanze, und sie hatte nicht einmal die Kraft, es zu erheben, als sie fühlte, wie seine brennenden Lippen einmal und noch einmal ihre Stirn streiften.

Mit einer letzten Anstrengung nur vermochte sie zu flüstern:

„Laß mich – ich bitte Dich!“ – Dann schlossen sich unwillkürlich ihre Augen, weil sich ihr plötzlich der ganze Saal in ein kreisendes und tosendes Feuermeer zu verwandeln schien.

Ihrer Bitte ungeachtet, tanzte der Dragoneroffizier wohl noch zwei Minuten lang fort; dann erst ließ er die halb Ohnmächtige aus seinem Arm in einen Sessel gleiten, und mit der Unverwüstlichkeit einer kräftigen, durch ritterliche Uebungen und soldatische Strapazen gestählten Natur forderte er eine andere Dame zum Tanze auf, ohne sich auch nur die flüchtigste Erholung zu gönnen.

Für Marie aber bedurfte es einer langen Zeit, ehe ihre raschen Athemzüge und das ungestüme Wogen ihres Blutes sich gesänftigt hatten. Sie hörte inzwischen kaum, was in ihrer Nähe gesprochen wurde, und erst als die Musik verstummt war, ließ der Klang ihres Familiennamens, der da irgendwo in der Nachbarschaft laut geworden war, ihre Theilnahme für die Vorgänge in ihrer Umgebung wieder etwas rege werden.

Mehrere Offiziere und ein Herr in bürgerlicher Kleidung [364] hatten sich da, drei oder vier Schritte von ihr entfernt zu einer kleinen Gruppe vereinigt, und sie führten ihre Unterhaltung so laut, daß Marie gezwungen war, von dem Gegenstand derselben Kenntniß zu nehmen, wenn sie nicht ihren Platz verlassen wollte.

„Wenn er ein Schwindler ist, so ist er doch wenigstens als solcher ein Genie,“ sagte der Herr in Civil. Sein Aufenthalt in Berlin zählt erst nach Wochen, und er hat heute schon eine Kundschaft, die ihn in wenig Jahren zu einem steinreichen Manne gemacht haben wird. Vor drei Tagen traf ich in seinem Wartezimmer die beiden Gräfinnen Kosadini und den Fürsten Hardegg, gestern vormittag aber sah ich im Vorübergehen sogar einen königlichen Wagen vor seinem Hause halten. Kann man diesem Zahnarzt, der nicht einmal einen Doktortitel hat, danach nicht mit Sicherheit prophezeien, daß er als Millionär und Geheimer Hofrath endigen wird?“

Marie wußte, daß von ihrem Bruder die Rede sei, und sie hatte die peinliche Empfindung, als ob sie sich zu der unwürdigen Rolle einer Horcherin hergebe; trotzdem aber zwang sie eine unsichtbare Gewalt, auf ihrem Sessel zu verharren.

„Der Mann hat eben Gluck gehabt,“ meinte einer der Offiziere als Erwiderung auf die Worte des ersten Sprechers. „Er hatte von drüben her eine Empfehlung an den amerikanischen Gesandten, und der Zufall wollte, daß er die Tochter desselben innerhalb acht Tagen von einem quälenden Mundübel befreite, an welchem die größten Chirurgen seit einem halben Jahre erfolglos herumkurirt hatten. Ist es da ein Wunder, wenn der Amerikaner und seine Gemahlin überall, wo sie hinkommen, mit dem Brustton der Ueberzeugung das Lob des neuerstandenen Tausendkünstlers singen?“

„Aber für einen Schwindler halte ich ihn trotz alledem,“ mischte sich ein anderer schnarrend ein. „Meine Mama, die seit zwanzig Jahren mit ihrem Hofrath Bauer vollkommen zufrieden gewesen war, hatte natürlich neuerdings auch keine Ruhe mehr, bis sie dem großen Manne ihre kleinen Leiden vorgetragen hatte. Ich mußte sie hegleiten, denn Herr Brenckendorf behandelt ja als echter Grandseigneur nur in seinem eigenen Hause. – Na, und ich sage Ihnen, meine Herrschaften – ich war einfach baff, als ich mir die Bude dieses Zahnarztes ansah. Echte Gobelins, orientalische Teppiche, Pariser Bronzen, Originalgemälde von Achenbach und Knaus – enfin, fürstlich! – Und dabei taxire ich den ganzen Mann auf etwa dreißig Jahre! – Wenn er schon als Anfänger solche Aufwendungen machen kann, so mag er ja meinetwegen ein Genie von einem Schwindler sein, aber ein Schwindler ist er doch unbedingt.“

Marie von Brenckendorf erbebte vor Scham und Zorn. Sie war nahe daran, aufzuspringen und selbst auf die Gefahr hin, sich eines groben Verstoßes gegen die Schicklichkeit schuldig zu machen, die Ehre ihres so schimpflich verdächtigten Bruders zu vertheidigen. Da sah sie, daß Engelbert in seiner stolzen männlichen Schönheit und seiner unverwüstlichen, strahlenden Heiterkeit an die kleine Gruppe herantrat, und in ihrem Antlitz leuchtete es auf, denn nun war sie ja sicher, daß Wolfgang auf der Stelle die Genugthuung erhalten würde, auf welche er wenigstens im Hause seiner Verwandten nach solchem Angriffe einen gerechten Anspruch hatte.

Sie fürchtete nur, daß man bei Engelberts Annäherung das Thema abbrechen könnte; aber ihre Besorgniß erwies sich rasch als unbegründet.

„Wissen Sie auch, Herr Kamerad,“ wandte sich der letzte Redner lachend an den Dragoner, „daß ich Sie vor ein paar Tagen in unserem Regimentskasino allen Ernstes gegen einen ganz tollen Verdacht in Schutz nehmen mußte?“

„Da bin ich in der That neugierig,“ meinte Engelbert sorglos, „ich habe zwar manche Sünde auf dem Gewissen und ermangle durchaus des Ruhmes, den ich haben sollte; aber daß man mich unter Kameraden in Schutz nehmen müßte, hätte ich allerdings nicht für möglich gehalten.“

„Na, der dicke Trenck behauptete nicht mehr und nicht weniger, als daß Ihr Namensvetter, der Charlatan von einem Zahnarzt, der neuerdings die ganze Welt von sich reden macht, eben nicht bloß ein Namensvetter, sondern ein ganz naher Verwandter Ihres Hauses sei, der sich nur gegen entsprechende klingende Belohnung dazu verstanden habe, den Adel abzulegen.“

Erschreckt und in ängstlicher Spannung blickte Marie, die glühenden Wangen hinter dem Fächer verbergend, auf ihren Vetter. Engelbert drehte etwas nervös an seinem Schnurrbart; aber auf seinem lächelnden Gesicht lag nicht der leiseste Schatten einer Verlegenheit.

„Aeh – sehr gut – wirklich sehr gut!“ erwiderte er mit überzeugender Unbefangenheit. „Bin Ihnen aufrichtig verbunden, Herr Kamerad! – Habe auch schon von dem Menschen reden hören! – Also ein Charlatan ist er? – Und das ist ganz gewiß?“

Als hätte man ihr hinterrücks einen Peitschenhieb versetzt, sprang Marie auf. Sie wollte und durfte nichts weiter hören. Aber als sie sich hastig zum Gehen wandte, fiel ihr Blick auf Lothar, der in demselben Augenblick aus einer Fensternische hervorgetreten war. Seine Brauen hatten sich finster zusammengezogen und eine tiefe Falte lag zwischen ihnen. Es war kein Zweifel, daß er geradenwegs auf die kleine plaudernde Gruppe zuschreiten wollte. Mehr einer Eingebung der Herzensangst als einem klarbewußten Gedanken folgend, trat ihm Marie hindernd entgegen.

„Lothar!“ sagte sie leise und bittend, „was willst Du thun?“

Er hatte ihre Nähe offenbar nicht geahnt, und es war ihm anzusehen, wie er bei ihrem unerwarteten Anblick erschrak.

„Du bist hier, Marie? – Und Du hast gehört –?“

„Daß man meinen Bruder verleumdete und verleugnete, ja! Ich mußte es wohl schweigend anhören, denn ich bin ein Mädchen! Aber Du, Lothar, was willst Du thun?“

„Was meine Pflicht ist! Ich werde die Verleumder Lügen strafen.“

„Auch Deinen eigenen Bruder, Lothar?“

„Auch ihn!“ erwiderte er ohne Zögern und es war ein Ausdruck von Strenge auf seinem Gesicht, welcher ihr Furcht einflößte. „Soll ich mich zum Helfershelfer einer Erbärmlichkeit machen, nur weil es mein Bruder ist von dem sie ausgeht?“

Marie warf einen raschen, scheuen Blick nach der kleinen Gruppe hinüber. Nein, wenn man so rosig und heiter aussehen, so liebenswürdig lächeln konnte, wie es Engelbert in diesem Augenblick that, dann konnte man unmöglich mit Absicht und Bewußtsein eine Erbärmlichkeit begangen haben. Trotz ihrer heftigen Erregung eine gelassene Miene erzwingend, legte Marie ihre Hand auf den Arm Lothars.

„Komm’!“ sagte sie. „Führe mich in den Speisesaal! – Es ist hier so unertraglich heiß!“

Er rührte sich nicht von der Stelle, und er sah sie mit einem Ausdruck an, vor dem sie wider ihren Willen die Augen niederschlagen mußte.

„Du hast also den Wunsch, daß das, was soeben dort gesprochen wurde, ohne Berichtigung bleibe?“ fragte er mit tiefem Ernst.

„Ich will jedenfalls nicht, daß es zum Anlaß eines ernsten Zwistes zwischen Dir und Deinem Bruder werde. Eine öffentliche Beschämung wie diese könnte Engelbert Dir niemals vergeben.“

Um die Mundwinkel Lothars zuckte rasch verschwindend ein bitteres Lächeln.

„In Deiner Sorge um die Anwesenden vergissest Du, was wir dem Abwesenden schuldig sind. Oder möchtest Du Deinem Bruder wirklich eine unverdiente Beschimpfung widerfahren lassen, nur um Deinem Vetter eine wohlverdiente Beschämung zu ersparen?“

Trotzig hob Marie das Köpfchen. Das war wieder der hofmeisternde Ton, den sie nicht ertragen konnte – nicht ertragen wollte, wenn auch vielleicht nur deshalb, weil er sie jedesmal so nachdrücklich empfinden ließ, daß sie im Unrecht sei.

„Und wenn es so wäre – welche Pflicht geböte Dir, weniger nachsichtig zu sein als ich? Ich weiß, daß Wolfgang höchstens ein mitleidiges Lächeln für das Gerede dieser männlichen Klatschbasen haben würde, und daß ihm nichts weniger erwünscht sein kann als ein öffentliches Aergerniß um seinetwillen.“

„Es ist möglich, daß er nach solchen Erwägungen handeln würde, wenn er hier wäre; aber er ist nicht hier, und als sein Freund habe ich kein Recht, anderen Geboten zu folgen als denen der Kameradschaft und der Ehre.“

„Auch auf die Gefahr hin, Dich selber einem recht häßlichen Verdacht auszusetzen?“

„Einem häßlichen Verdacht – ich?“ fragte er in offenem Erstaunen.

„Ja, denn es giebt sicherlich viele, die der Meinung sind, daß ein Bruder den anderen niemals ohne zwingendste Noth und auch dann nicht anders als unter vier Augen demüthigen soll – es giebt sicherlich auch viele, die nach einem solchen Auftritt überzeugt sein würden, Du habest längst einen verborgenen Groll [365] gegen Deinen Bruder gehegt und nur auf die Gelegenheit gewartet, ihm mit der Miene des unbestechlichen Biedermannes den empfindlichsten Schlag zu versetzen.“

„Und diese Überzeugung – auch Du würdest sie theilen, Marie?“

Sie antwortete ihm nicht, und nachdem er vielleicht eine halbe Minute lang vergebens auf ihre Erwiderung gewartet hatte, sagte er in einem ganz veränderten, höflich fremden Ton: „Wünschest Du noch jetzt, daß ich Dich in einen kühleren Raum geleite?“

Verwirrt und unschlüssig blickte sie zu ihm auf; aber da er ihr nun mit einer Verbeugung seinen Arm bot, legte sie die Hand hinein und verließ an seiner Seite den Saal. Sie hatte ihr Ziel erreicht; aber es war gewiß nicht Genugthuung, was sie darüber empfand. Die Wirkung ihrer Worte bedrückte und beunruhigte sie, und nur zu gerne hätte sie jetzt die Antwort nachgeholt, welche sie ihm vorhin schuldig geblieben war. Aber sein Schweigen und seine ernste, verschlossene Miene raubten ihr den Muth dazu.

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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 13, S. 389–396

[389] Marie fühlte, daß es nach der vorangegangenen Unterredung keine Brücke mehr gab über die Kluft, welche sie für immer von Lothar schied. Aber wenn er ihr Verhalten auch verdammen mußte, so sollte er sich wenigstens nicht in dem Glauben von ihr trennen, daß es ihr Wunsch gewesen sei, ihn geflissentlich zu beleidigen.

Als sie in dem leeren Speisesaal eine Weile stumm auf und nieder gegangen waren, sagte sie zaghaft:

„Vielleicht hast Du meiner letzten Aeußerung eine falsche Deutung gegeben, Lothar. Es war nicht meine Absicht, Dich zu kränken.“

„Was hätte Dich auch dazu veranlassen sollen?“ erwiderte er ruhig. „Sei versichert, daß ich Dir durchaus nicht zürne und daß ich vielmehr von ganzem Herzen wünsche, der Pfad, für welchen Du Dich am Kreuzwege entschieden hast, möge in Wahrheit der Pfad zum Glück gewesen sein.“

Eine heiße, unnennbar schmerzliche Empfindung, für deren Ursache sie selber sich keine Rechenschaft zu geben vermochte, drängte ihr die Thränen in die Augen. Sie mußte den Kopf ganz von ihm abwenden, um ihm ihre plötzliche Bewegung zu verbergen. Ihre Stimme aber klang vielleicht nur noch härter und fremder in dem Bemühen, eine gelassene Festigkeit zu erheucheln.

„Ich verstehe Dich nicht, wie es uns vielleicht überhaupt versagt ist, einander recht zu verstehen. Welcher Kreuzweg ist es, von dem Du sprichst, und welcher Pfad, für den ich mich entschieden haben soll?“

„Ich würde Gefahr laufen, Dich von neuem unwillig zu machen, wenn ich Dir darauf ausführlich Antwort gäbe; denn ich habe für die Ehrlichkeit meiner Gesinnung in diesem Augenblick eben keine besseren Beweise als bei allen früheren Gelegenheiten. Aber wie oft wir einander auch mißverstanden haben mögen, Marie – die Beweggründe, welche Dich hinderten, gegen Engelbert Partei zu ergreifen, sie wenigstens verstehe ich vollkommen, und Du siehst, daß ich sie geachtet habe trotz der Freundschaft, welche mich mit Deinem Bruder verbindet. Vielleicht hältst Du Dich nach dieser Erklärung ohne weiteres überzeugt, daß Deine vorige Anklage mich nicht zu kränken vermochte.“

Der ruhige Ton, in welchem er gesprochen, hatte ihr gewiß keinen Anlaß dazu gegeben, und doch empfand Marie seine Worte wie einen Ausdruck der bittersten Verachtung. Sie hatte sich vor ihm gedemüthigt, indem sie gewissermaßen seine Verzeihung erbeten hatte, und nun rächte er sich trotzdem an ihr, indem er sie unzweideutig fühlen ließ, daß er die unedlen, selbstsüchtigen Gründe ihres Benehmens mit voller Klarheit durchschaut habe. Und so jämmerlich eigensüchtig und feige erschienen ihr selber diese Gründe, daß davor der ganze bestrickende Zauber in nichts [390] zerstob, welcher Engelberts glänzende Persönlichkeit umgab. Hastig hatte sie Lothar das glühende Antlitz zugewandt, und wenn sie jetzt der leisesten Bewegung in seinen Zügen, nur einem warmen Aufleuchten in seinen Augen begegnet wäre, so hätte sie ihm vielleicht halb willenlos wie einem vertrauten Freunde alles bekannt, was an Widersprüchen, Zweifeln und herben Selbstvorwürfen ihr Herz bewegte. Aber seine unerschütterte Ruhe, seine ernste, gelassene Freundlichkeit umgaben ihn wie mit einem Panzer, und sie fühlte sich völlig entmuthigt und zugleich im Bewußtsein ihrer Ohnmacht zu zornigem Trotz aufgestachelt. Sie blieb plötzlich stehen und ließ ihre Hand von seinem Arm herabgleiten.

„Du mußt in der That viel Theilnahme für mich hegen, da Du so scharfsichtig zu beobachten wußtest,“ sagte sie mit einem unverhohlenen Spott, der ihn nothwendig tief verletzen mußte. „Nun wohl, ich bekenne offen, daß Du richtig gesehen hast. Ja, ich verzeihe Deinem Bruder, was er vorhin gethan hat – ich verzeihe es ihm, weil – nun, weil ich ihn liebe! – Bist Du mit diesem freimüthigen Geständniß zufrieden?“

Aber obwohl ihre letzten Worte eine Frage enthalten hatten, wartete sie doch die Antwort auf dieselbe nicht ab. Noch ehe sie zu Ende gesprochen hatte, brach ihre Fassung zusammen, und es erfaßte Marie zugleich ein so namenloses Grauen vor all der bunten, geräuschvollen Pracht rings um sie her, daß sie Lothar jäh den Rücken kehrte und wie ein gehetztes Wild aus den glänzend erhellten Gesellschaftsräumen hinweg in das nächtlich stille zweite Stockwerk emporflüchtete.

Mit mürrischem verschlafenen Gesicht begegnete ihr Cillys Kammerzofe auf dem Gange vor ihrem Zimmer.

„Mein Gott, wie verstört das gnädige Fräulein aussehen! Ist dem gnädigen Fräulein nicht wohl?“

„O, es ist nichts – ich fühle mich nur etwas angegriffen,“ brachte Marie, die ihre Thränen nicht länger zurückzuhalten vermochte, mühsam hervor. „Wenn man – nach mir fragt, so sagen Sie, ich – ich hätte mich bereits zur Ruhe begeben. Gute Nacht!“

Sie warf die Thür ihres Stübchens hinter sich ins Schloß, streifte mit hastigen zitternden Händen den duftigen Ballstaat, der sie vor ein paar Stunden noch mit so unschuldiger Freude erfüllt hatte, von ihrem Leibe und löschte die beiden Kerzen auf dem Armleuchter so eilig aus, als müßten mit dem Lichte auch die quälenden, grausamen Gedanken verschwinden, welche sie aus dem fröhlichen Festesrauschen hinaufgetrieben hatten in ihre Einsamkeit.

Sie hörte nach einer Weile die Wagen davonrollen, welche die Gäste des Generals heimwärts führten, sie hörte in ihrer Nähe das Geräusch geöffneter und wieder geschlossener Thüren, und sie hörte auch die wohlbekannte, klangvolle Stimme Engelberts, der seiner Schwester mit einem munteren Scherzwort gesegneten Morgenschlummer und liebliche Träume wünschte.

Dann wurde es todtenstill in dem vornehmen Hause, das der Verwaisten die verlorene Heimath ersetzen sollte. Wohl alle seine Bewohner ruhten nach der durchschwärmten Nacht sanfter und fester als sonst in den Armen des Schlummers, und keines von ihnen sah den grau und trüb hereindämmernden Morgen – nur Mariens thränennasse Augen starrten immer noch weit geöffnet in das Leere.


„Wollen Sie mir noch immer nicht erlauben, einen Arzt zu holen? – Ich fürchte doch, daß dies eine ernstliche Krankheit ist.“

Joseph Hudetz war es, der diese Worte gesprochen hatte. Er stand neben der schlechten eisernen Bettstätte seiner Wirthin und sah aus eingesunkenen, dunkel umschatteten Augen mit einem Blick namenloser Angst auf das todtenhafte alte Gesicht, über welches die düster brennende Küchenlampe nur eine matte Helligkeit breitete. Er war eben nach Haus gekommen, und die seltsame, unheimliche Veränderung, die sich seit dem Morgen in dem Antlitz der Greisin vollzogen, hatte seinen Fuß festgebannt und seinen Lippen jene Aeußerung höchster Sorge erpreßt.

Langsam und offenbar mit Mühe erhob die Alte die knochige Hand, um das vom Schweiß verklebte weiße Haar aus der runzligen Stirn zu streichen. Vielleicht mußte sie erst ihre Gedanken sammeln, um den Inhalt seiner Worte völlig zu verstehen.

„Eine ernstliche Krankheit?“ murmelte sie. „Unsinn! Es ist gar nichts! Und wenn Sie mir mit einem Doktor kommen, so werden Sie sehen, daß ich noch kräftig genug bin, ihn die Treppe hinunterzuwerfen! So ein Quacksalber brächte es allerdings fertig, mich wegen eines lumpigen Schnupfens auf den Kirchhof –“

Ihre Rede wurden von einem Hustenanfall unterbrochen wie immer, wenn sie anhaltend und in einiger Erregung sprach. Aber Hudetz bemerkte wohl, daß es nicht mehr derselbe Husten war, der ihn des Nachts hatte aus seinem unruhigen Schlummer auffahren lassen. Er war heiser und kraftlos und bereitete ihr ersichtlich die furchtbarste Pein. Auch war er von einem Rasseln und Keuchen begleitet, das für Hudetz einen besonders schauerlichen Klang hatte, weil er es nie zuvor aus einer menschlichen Brust vernommen.

Rathlos und von Angst geschüttelt stand er da, den Hut noch immer in der Hand haltend und seine Augen von einem Ende des kahlen Küchenraumes zu dem anderen sendend, als müßte ihm von da her eine Eingebung kommen, was er zu thun habe, um das Schrecklichste abzuwenden.

„Ach diese Schmerzen!“ stöhnte die Alte, als sie wieder nothdürftig zu Athem gelangt war. „Es ist, als ob mir da drin was zerrissen wäre! Aber es hat nichts zu sagen. Der Tod – der Tod ist das noch lange nicht.“

Sie hatte so oft und mit so viel Gleichmuth von ihrem nahen Ende gesprochen, daß die Zuversicht, mit welcher sie jetzt einem glücklichen Ausgang ihrer Krankheit entgegensah, trotz des beängstigenden Augenscheins einige Wirkung auf Hudetz hatte.

„Gewiß nicht, Frau Haberland!“ sagte er mit einem kleinen Aufathmen. „Wer möchte denn auch gleich an das Schlimmste denken!“

Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die vielleicht ein höhnisches Lächeln sein sollte.

„Das Schlimmste? Na, das Schlimmste wäre es nun wohl nicht! – Aber das ist ja alles dummes Gerede! – Kochen Sie mir lieber eine Tasse Brustthee, wenn Sie sich schon nützlich machen wollen. Die Düte liegt oben rechts im Schrank und der Kandis ist in dem Tassenkopf daneben.“

Mit hastiger Bereitwilligkeit schickte sich Hudetz an, ihrem Verlangen zu willfahren. Aber er verstand sich schlecht auf derartige häusliche Verrichtungen, und es währte lange, ehe er das Getränk zur Zufriedenheit der Alten fertiggestellt hatte. Soweit der immer wiederkehrende schreckliche Husten es ihr gestattete, ertheilte sie ihm die erforderlichen Anweisungen und schalt ihn wegen seiner Ungeschicklichkeit, wie wenn er ihr Diener oder ein unreifer Knabe gewesen wäre.

Geduldig und ohne auch nur eine Miene zu verziehen, ließ er ihre unwirschen Reden über sich ergehen. In beinahe demüthiger Haltung näherte er sich endlich mit dem dampfenden Tranke ihrem Lager.

„Richten Sie mich auf!“ stöhnte sie. „Ich weiß nicht, was das ist; aber ich habe ein Gefühl, als ob mir das Kreuz entzweigebrochen wäre.“

Er legte seinen Arm um ihren Nacken und stützte sie so sorglich und zart, wie nur ein liebevoller Sohn seine Mutter hätte stützen können. Trotzdem war die Kranke unzufrieden.

„Wollen Sie mir denn die Knochen zerdrücken?“ murrte sie. „Die Männer haben nun ’mal keine Hand für so was – sie taugen überhaupt zu nichts anderem als dazu, die Weiber unglücklich zu machen. – So – nun reichen Sie mir die Tasse; aber geben Sie acht, daß nichts verschüttet wird!“

Er brachte das Gefäß an ihre Lippen, und sie versuchte zu trinken. Aber schon nach dem ersten Schluck schüttelte es sie wie ein heftiges Fieber, und sie stieß den Arm des Studenten unsanft zurück.

„Es will nicht hinunter,“ ächzte sie, „stellen Sie die Tasse weg! – Am Ende geht es auch ohne den Thee vorüber.“

Sie sank auf das Kissen zurück, und während sich Hudetz bemühte, ihrem Kopfe eine möglichst bequeme Lage zu geben, fiel es ihm auf, wie merkwürdig weiß und spitz ihre Nase geworden war.

„Kann ich denn sonst gar nichts für Sie thun?“ fragte er; denn auf seinen Vorschlag bezüglich des Arztes wagte er nicht mehr zurückzukommen.

Die Alte machte eine verneinende Bewegung, und er ließ [391] sich auf eine Ecke des harten Holzstuhles nieder, der zwischen dem Bett und dem mit Wachsleinwand überzogenen Tische stand. Wohl eine Viertelstunde verging, ohne daß er auch nur gewagt hätte, sich zu rühren; dann meinte Frau Haberland plötzlich:

„Ich will versuchen, zu schlafen. Aber Du wirst hier bleiben, nicht wahr?“

Es bereitete ihm einen großen Schrecken, daß sie ihn mit „Du“ anredete, denn nur im Fieberwahn konnte ihr ja ein solcher Irrthum begegnen. Aber er beeilte sich trotzdem, sie zu versichern, daß er nicht von der Stelle weichen werde, so lange seine Anwesenheit ihr erwünscht sei. Die Alte murmelte etwas Unverständliches und kehrte das Gesicht gegen die Wand. Da die Hustenanfälle sich nicht wiederholten, meinte Hudetz, sie sei wirklich eingeschlafen, und rückte sich auf seinem Stuhle geräuschlos in eine etwas weniger unbequeme Lage. Ohne eine andere lebendige Gesellschaft als diejenige des schwer kranken Weibes, von qualvoller Angst durchzittert und unfähig, irgend etwas zu ihrem Beistande oder zur Erleichterung ihrer Leiden zu thun, starrte er unverwandt in das kleine röthliche Flämmchen der unangenehm dünstenden Lampe. Das Feuer in dem Küchenofen, auf welchem er den Thee bereitet hatte, war wieder erloschen, und ein unangenehmes Kältegefühl schlich ihm erstarrend durch die Glieder. Er dachte daran, sein Bild aus dem Nebenzimmer zu holen und sich mit der Betrachtung desselben, deren er ja niemals müde werden konnte, die Stunden dieser entsetzlichen Nacht zu verkürzen. Aber wie er einmal einen zaghaften Versuch machte, leise von seinem Sitz aufzustehen, bewegte sich die Alte unruhig und stieß abgebrochene Worte aus, die er für eine Mahnung an sein Versprechen nahm. So gab er seine Absicht auf, zog die dünnen Schöße seines Rockes über die frostbebenden Kniee und stierte von neuem in das Licht der Lampe, das ihn vielleicht nur darum so unwiderstehlich anzog, weil seine leise zitternden Bewegungen die Täuschung erwecken konnten, daß es etwas Lebendiges sei.

Wenn er nur ein Gläschen Branntwein gehabt hätte! Nur wenige Tropfen von dem herrlichen, wunderthätigen Getränk, das Vergangenheit und Gegenwart wie durch das Machtwort eines Zauberers in nichts versinken ließ und die köstlichsten Zukunftsbilder vor die Seele gaukelte. Er kannte ja die Wirkung dieses Lebenselixirs jetzt schon gut genug! Der Maurer, welcher ihm in dem verpesteten Kaffeekeller das Glas mit dem beizenden Nordhäuser zugeschoben hatte, war ihm ein Wohlthäter geworden, dem er im Grunde seines Herzens täglich von neuem dankte. Nicht, daß er eigentlich ein Trinker geworden wäre, wie es sein Vater war – o nein, der bloße Gedanke an diese Möglichkeit hätte ihn ja mit Grauen und Entsetzen erfüllt! Aber wenn er sich so durch das Gewühl der Straßen wand, unter dem breiten Rande seines Hutes hervor unausgesetzt nach rechts und links spähend, ob noch immer niemand Miene mache, ihn zu ergreifen – von jedem ungewöhnlichen Geräusch hinter seinem Rücken zu Tode erschreckt und oft von sinnloser Angst geschüttelt, wenn flüchtige Aehnlichkeit ihn in einer vorübergehenden Dame die Malerin aus dem Museum vermuthen ließ – dann konnte er doch zuweilen der Versuchung nicht widerstehen, in irgend eine abgelegene Schenke einzutreten und einen seiner wenigen Groschen für ein Gläschen Branntwein zu opfern. Jeder andere hätte nach dem Genuß einer so geringen Menge wohl kaum eine flüchtige Anregung seiner Lebensgeister gespürt; aber Hudetz’ Körper besaß eine so geringe Widerstandsfähigkeit gegen das bluterhitzende Gift des Alkohols, daß die wenigen Tropfen stets hinreichend waren, ihn aufs neue in jenen Zustand geistiger und körperlicher Spannkraft zu versetzen, dem er das Gelingen seiner verwegenen Rachethat gegen die grausame menschliche Gesellschaft ausschließlich zu verdanken hatte.

Dann konnte er sich dreist unter die geschäftige Menge mischen, erhobenen Hauptes konnte er die neugierigen Blicke erwidern, die sich auf ihn richteten – ja, es konnte ihm sogar ein eigenthümlich prickelndes Vergnügen bereiten, mit seinem Aermel den Mantel eines Schutzmanns zu streifen und sich an der gleichgültigen Miene des Mannes zu ergötzen, der ihn unbehelligt seiner Wege ziehen ließ, obwohl er sich mit einem einzigen Griff die Belohnung von tausend Mark hätte verdienen können, welche man auf die Festnahme des Galeriediebes ausgesetzt hatte.

In solchen Stunden hatte er wieder Pläne und Hoffnungen für die Zukunft, und nur in solchen Stunden war er imstande, an seinem Werke über die Brüder van Eyck zu arbeiten, an dessen Erfolg sich ja alle diese luftigen Pläne knüpften.

Warum hatte er nur gerade heute abend der Versuchung widerstanden, heute, wo eine so gewaltige Anforderung an die Ausdauer seines Körpers und an die Spannkraft seines Geistes gestellt wurde? Mit Freuden hätte er alles, was er besaß, für ein Glas des elendesten Fusels hingegeben. Er begriff mit einem Male, was seinen unglücklichen Vater aus dem häuslichen Jammer heraus immer und immer wieder so unbezwinglich in das Wirthshaus gezogen hatte, bis der letzte Kreuzer draufgegangen war. Wahrhaftig, er war sehr ungerecht gewesen, wenn er all diese Jahre hindurch stets nur mit Grauen und unsäglicher Verachtung an den halb verthierten Mann im Armenhause hatte denken können! –

Die Mitternachtsstunde ging vorüber. In einem dumpfen, schwermüthigen Hinbrüten, das zwischen Wachen und Schlafen die qualvolle Mitte hielt, zählte Hudetz die Schläge der Viertelstunden, welche in unendlichen Zwischenräumen die Thurmuhr der Dankeskirche verkündete. – Jetzt wieder – eins – zwei – drei! Dreiviertel auf zwei! – Wie grauenhaft lang war diese Nacht! Ihm war, als könnte er ihr Ende nimmer erleben.

Das Drahtgeflecht der eisernen Bettstätte knirschte. Die Kranke hatte sich bewegt, und als er sich hastig umwandte, sah er ihr gerade in die weitgeöffneten, brennenden Augen, die in den fleischlosen Höhlen eines Todtenkopfes zu liegen schienen.

„Bist Du dabei gewesen, als Deine Mutter starb?“ fragte sie, und Hudetz hatte Mühe, die Stimme wieder zu erkennen, die jetzt mit eigenthümlich röchelnden und pfeifenden Nebenlauten aus ihrer Kehle kam.

„Nein,“ sagte er, „aber Sie sollten jetzt nicht an Tod und Sterben denken, Frau Haberland! Der Schlummer hat Sie recht erquickt, nicht wahr?“

„Ich habe nicht geschlafen, – dazu ist ja nachher noch Zeit genug! – Also Du warst nicht dabei? – Nun, mein Sohn wird auch nicht dabei sein, wenn seine Mutter stirbt!“

„Ihr Sohn, Frau Haberland? Sie haben einen Sohn und haben doch nie von ihm gesprochen? – Wollen Sie, daß ich ihn von Ihrer Krankheit in Kenntniß setze?“

„Nein! – Ich will ihn nicht sehen – nie mehr – nie mehr! Denn er ist ein undankbarer, herzloser Wicht!“

Er wußte ihr nichts zu antworten, und es blieb wieder eine Weile still, dann sagte die Alte:

„Hole das Buch her, das im Schrank unter den Handtüchern liegt! Du kannst mir etwas vorlesen!“

Hudetz erhob sich sofort, und er fühlte erst jetzt, wie steif und fast empfindungslos seine Glieder geworden waren. Er mußte minutenlang suchen, ehe er das Verlangte fand, so sorgsam war es hinter Geschirr und Wäsche versteckt. Als er nun mit dem Buche an den Tisch trat, erkannte er, daß es derselbe dickleibige Foliant war, bei dessen Lesen sich seine Wirthin stets so ungern hatte überraschen lassen. Er schlug den schweren, schweinsledernen Deckel auf und sah mit Ueberraschung das Titelblatt einer alten, in gewaltigen Lettern gedruckten Bibel.

„Du wunderst Dich, nicht wahr?“ meinte die Alte, als hätte sie seine unausgesprochenen Gedanken errathen können. „Na, fromm bin ich auch nicht, – wenigstens nicht, was die Leute so nennen! – Und es geht ja auch am Ende keinen was an, ob ich fromm bin oder nicht! – Schlage ’mal die Seite auf, wo der Brief liegt, und lies mir den Spruch vor, der da steht. Ich habe ihn mit Waschblau angestrichen.“

Hudetz that schweigend nach ihrem Begehren. Das zusammengefaltete Blatt von der Form und dem Aussehen einer amtlichen Zustellung lag bei dem ersten Kapitel des Buches Ruth, die Stelle aber, welche Frau Haberland mit einem dicken, halb verwischten blauen Rande umgeben hatte und welche er ihr jetzt mit seiner leisen, traurigen, eintönigen Stimme vorlas, lautete:

„Rede mir nicht darein, daß ich dich verlassen sollte und von dir umkehren. Wo du hingehest, da will ich auch hingehen; wo du bleibest, da bleibe ich auch, dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott! Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr thue mir dies und das, der Tod muß dich und mich scheiden!“

„Der Herr thue mir dies und das, der Tod muß mich und dich scheiden!“ wiederholte die Alte, und es war eine beklemmende [394] Feierlichkeit in der Art, wie sie langsam mit ihrer röchelnden, fast versagenden Stimme diese Worte sprach.

„Soll ich weiter lesen?“ fragte Hudetz, als wieder eine geraume Zeit unter tiefem Schweigen verstrichen war.

„Ist nicht nöthig! – Das ist mir immer das Liebste gewesen in dem ganzen Buch. – Es paßt so gut – ja, es paßt, als wenn es für mich geschrieben wäre! ‚Rede mir nicht darein, daß ich dich verlassen sollte‘ – na, er hat mir freilich nicht darein geredet, denn er war herzlich froh, wenn er ein Obdach fand, ein Bett und einen Teller mit Essen, sobald sie ihn einmal aus dem Kasten ließen! Aber der Junge, der verdammte, herzlose Junge, hat er mir nicht schon von seinen Schuljahren her immerfort in den Ohren gelegen, ich sollte mich von dem Alten scheiden lassen, weil er nicht einen Vater haben wollte, der im Gefängniß saß? Als wenn er ihm nicht das Leben gegeben, nicht manche liebe Nacht an seinem Krankenbette gewacht und nicht rechtschaffen für ihn gearbeitet hätte, bis der dreimal verfluchte Tischler-Ede ihn herum kriegte – Gott weiß, wie! – Darf ein Sohn seinen Vater verwünschen und ausspucken wie vor einer Kröte, wenn er seinen Namen nennen hört? Na, wie er das wieder einmal that – es war an seinem Konfirmationstage und er kam eben aus der Kirche, da schlug ich ihn mit dem hölzernen Löffel, den ich gerade in der Hand hatte, auf den Mund, daß das Blut aufspritzte – und seitdem ist er fort. – Ein Ballettänzer ist er geworden, und ich hätte ja manches Mal hingehen können, mir seine Luftsprünge anzusehen, ohne daß er eine Ahnung davon gehabt hätte. Aber ich hatte mirs zugeschworen: blind will ich werden, wenn ich das thue! – Und kein Stück soll er haben von meinen Siebensachen! – Du bist ein rechrschaffener Mensch, wenn Du auch schon im Gefängniß gesessen hast – und Dir soll alles gehören – auch das Sparkassenbuch unter meinem Kopfkissen – und die Bibel – hörst Du? – die Bibel auch – und – ach – was ist das – – August – August –“

Nicht ein einziges Mal hatte sie gehustet, trotz ihres anhaltenden Sprechens – nun aber kam es mit einem Mal – klanglos, erstickend, wie wenn sich ihr aus dem Innern der Brust ein fremder Körper in die Luftröhre gedrängt hätte. Hudetz sprang auf und beugte sich über sie herab. Sein Herzschlag stockte und das Entsetzen verzerrte seine Züge. Die knochigen Hände der Alten tasteten umher, als ob sie nach einer Hilfe, nach einem Beistand suchten, – sie würgte und ächzte und dann quoll plötzlich ein Strom hellen, schaumigen Blutes aus ihrem Munde.

Unfähig, ein Glied zu bewegen oder auch nur die Lippen zu einem Schrei zu öffnen, starrte Hudetz auf das Fürchterliche. Und so stand er noch immer in regungslosem Grauen, als das Blut längst aufgehört hatte zu fließen, als sich der alte, hagere Leib gereckt und gestreckt hatte wie zu einem langen Schlafe und als es wie ein Riß über die weit geöffneten Augen gegangen war, die seelenlos und verglast nach der grauen, schmutzigen Zimmerdecke stierten. So stand er noch immer, als er längst die Gewißheit gewonnen hatte, daß er nun der einzige Lebende in diesem Raume sei. – –

Vom Thurm der Dankeskirche schlug es halb drei. Die schwelende Lampe auf dem Küchentische brannte noch düsterer als zuvor, denn der Petroleumvorrath in dem kleinen Glasbehälter war fast erschöpft. Unten auf der Straße gröhlte ein Betrunkener ein wüstes Lied, und in der tiefen Stille hörte man auch die Stimme des Nachtwächters, der ihn zur Ruhe verwies. –

Als Hudetz an den Tisch trat, um die Lampe vollends auszulöschen, fiel sein Blick auf die Bibel und auf das amtlich aussehende Schriftstück, welches die Alte neben ihren Lieblingsspruch gelegt hatte. Fast mechanisch faltete er es auseinander. Da stand oben am Kopfe in Druckschrift:

„Der Direktor des Zuchthauses zu Sonnenburg.“ Und darunter von einer gleichgültigen, ausdruckslosen Kanzlistenhand:

„Es diene Ihnen zur gef. Kenntnißnahme, daß Ihr Mann, der wegen schweren Diebstahls im wiederholten Rückfalle zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurtheilte und bis dahin in der hiesigen Strafanstalt interniert gewesene Schlosser August Haberland, am 23. dss. Mts. an der Lungenschwindsucht verstorben und gestern auf dem Sträflingskirchhof begraben worden ist. – Bezüglich des Nachlassen, welcher aus verschiedenen Kleidungsstücken und einer kleinen, durch Ueberarbeit erworbenen Sparsumme besteht, wird Ihnen demnächst weiteres eröffnet werden.“

Das Schreiben trug den Poststempel des vorgestrigen Tages. Die Empfängerin hatte es also vorgezogen, jene weiteren Eröffnungen nicht mehr abzuwarten. –

„Wo du hingehest, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch –“ las Hudetz unwillkürlich auf der von Waschblau umränderten Stelle. Er sah sich noch einmal nach der Leiche um, und das fahle, faltige Todtengesicht erschien ihm jetzt minder schrecklich als zuvor.

Wohl war es nur das harte, unschöne Antlitz eines armen, alten, in Kummer und Arbeit ergrauten Weibes aus dem Volke; aber der ehemalige Student meinte etwas von dem verklärenden Schimmer der Liebe darauf zu sehen – jener Liebe, die stärker ist als die Noth und mächtiger als der Tod. – –

Und jetzt fand er auch den Muth, mit seinen Fingerspitzen sanft die gebrochenen Augen der alten Frau zu schließen, ehe er sich im Nebenzimmer angekleidet auf sein Lager warf. –

Noch kämpfte der junge Tag mit den Schatten der Dämmerung, als Joseph Hudetz nach vorsichtiger Beobachtung seiner nächsten Umgebung auf die Straße hinaustrat. Statt des auffallenden grauen Kragenmantels, den er nach dem Tage des Galeriediebstahls überhaupt nicht mehr angelegt hatte, trug er einen dünnen, abgeschabten Sommerüberrock; mit der Linken aber umklammerte er in ängstlichem Druck den ledernen Henkel des kleinen Handkoffers, welcher seine Habe und sein kostbares Geheimniß barg.

Unschlüssig blickte er nach rechts und links, dann aber schlug er die Richtung ein, welche ihn dem Centrum des erwachenden Berlins entgegenführte. Wohin er ging, er wußte es nicht. Sein Weg hatte kein Ziel und kein Ende; ins Unbestimmte, Nebelhafte führte er hinaus, – vielleicht noch einmal in einen Hafen kurzer, trügerischer Ruhe, vielleicht auch in jenen tiefen, nie gemessenen Abgrund, aus welchem keine Wiederkehr ist an das Licht des Tages.

Niemand aus der Nachbarschaft sah ihn gehen, – niemand kümmerte sich um ihn – spurlos verschwand er in dem ungeheuren Getriebe der vom nächtigen Schlummer erstehenden Millionenstadt.




Als Marie von Brenckendorf nach jener unglücklichen Ballnacht ihr Stübchen aufgesucht hatte, da war es ihr als unabänderlich erschienen, daß der nächste Tag etwas Außerordentliches bringen müßte – eine Lösung und Klärung, und wäre es auch um den Preis all ihrer Hoffnungen und Wünsche.

Aber das Außerordentliche, auf welches sie sich bereitet hatte, war nicht geschehen. Ja, sie selber würde kaum imstande gewesen sein, es herbeizuführen, auch wenn sie die Entschlossenheit und die Kraft des Willens dazu besessen hätte.

Wohl erwachte sie am folgenden Morgen mit der Gewißheit, daß sie eine Erklärung von Engelbert fordern müsse. Aber als sie dann bei ihrem Eintritt in das Frühstückszimmer sah, daß sein Platz leer war, als sie ohne ihre Frage aus einer absichtslosen Aeußerung Cillys erfuhr, daß ihn dienstliche Pflichten schon vor einer Stunde abgerufen hätten und daß er vielleicht nicht einmal zum Mittagessen wiederkommen würde, da athmete sie doch wie in tiefer Erleichterung auf und dankte in ihrem Herzen dem Zufall, welcher die unvermeidliche Auseinandersetzung wenigstens noch um einige Stunden hinausgeschoben hatte.

Und jenes Andere, vor dem sie sich noch viel mehr gefürchtet hatte: ihre erste Wiederbegegnung mit Lothar, sie ging so ruhig und unauffällig vorüber, als wäre ihr Gespräch in der verflossenen Nacht nichts anderes gewesen denn ein häßlicher Traum. Er empfing sie mit derselben Verbeugung, die an jedem Morgen seine Erwiderung auf ihren Gruß gewesen war, und wenige Minuten nach ihrem Eintritt ging er mit dem Bemerken, daß er im Moabiter Justizgebäude zu thun habe, aus dem Gemache. Niemand konnte auf den Gedanken kommen, daß es Mariens Erscheinen gewesen sei, welches ihn vertrieben habe, – auch dem schärfsten Beobachter würde kein Anlaß zu der Vermuthung gegeben worden sein, daß zwischen ihnen über Nacht irgend etwas anders geworden sei als zuvor.

Unter der Nachwirkung der nächtlichen Strapazen mußte es begreiflich erscheinen, daß eine rechte Lebhaftigkeit und Fröhlichkeit im Hause des Generals heute nicht aufkommen wollte, und Mariens Blässe, ihre Wortkargheit und Zerstreutheit bedurften darum kaum einer besonderen Erklärung. War doch selbst Cilly, die sich sonst mit einigem Stolz ihrer Unverwüstlichkeit rühmte, heute sehr still und von einer eigenthümlichen Weichheit des [395] Wesens, die zu ihrer gewöhnlichen Spottlust in merkwürdigem Gegensatze stand. Fast noch zärtlicher als sonst schloß sie sich an Marie an, und ganz gegen ihre Gewohnheit, diese Zeit des Tages zu einer Spazierfahrt oder zu Besuchen bei bekannten und befreundeten Familien zu benutzen, richtete sie heute an ihre Base die gern erfüllte Bitte, ein Stündchen mit ihr zu musicieren.

„Willst Du singen?“ fragte Marie; aber Cilly schüttelte entschieden ablehnend das Köpfchen.

„Wir wollen vierhändig spielen, wenn es Dir recht ist. Ich fühle, daß ich heute gar keine Stimme haben würde.“

„Vielleicht die Ouvertüre zur ‚Diebischen Elster‘? – Das ist ja wohl Dein Lieblingsstück?“

„Nein – nein! – Etwas Ernstes – Getragenes – Schwermüthiges! Da – den Trauermarsch von Chopin! – Warum sollten wir nicht auch einmal Grabesmusik machen können?“

Eine solche Wahl sah den sonstigen Neigungen ihres lebensprühenden Bäschens allerdings so wenig ähnlich, daß ihr Marie mit einiger Ueberraschung in das ernsthafte Gesichtchen sah. Doch Cilly that, als ob sie diesen verwunderten Blick nicht bemerkte, und setzte sich mit einer gewissen Feierlichkeit auf ihrem Stuhl zurecht.

„Du bist doch damit einverstanden, daß ich den Baß nehme?“ sagte sie. „Diese schaurigen Todtenglockentöne sind ja gerade das Schönste an dem ganzen Stück.“

Ihre plötzliche Begeisterung für Chopins schwermuthsvolle und doch von so wundersamen Klängen himmlisch süßen Trostes durchzitterte Tondichtung hinderte das Töchterchen des Generals indessen nicht, einige Male empfindlich daneben zu greifen und mit den strengen Gesetzen des Taktes hier und da in merklichen Zwiespalt zu gerathen. Sie hatten kaum mehr als die Hälfte gespielt, als sie plötzlich die Hände von den Tasten sinken ließ.

„So traurig ist dieser Trauermarsch gewiß noch niemals zu Gehör gebracht worden,“ sagte sie, und ein Fünkchen von dem alten Uebermuth leuchtete schon wieder in den dunkeln Augen auf. „Wir sind ja nun nahezu eine Viertelmeile auseinander.“

„So laß uns noch einmal beginnen!“ schlug Marie vor. „Du mußt etwas besser zählen.“

„Zählen?! – O Du prosaische Künstlerin! – Diese Kirchhofsmusik sollte der natürliche Ausdruck meiner gegenwärtigen Stimmung sein, all mein Herzeleid wollte ich in sie ausströmen lassen, – und Du, Du verlangst von mir, ich solle zählen! Wahrhaftig, ich glaube, Du hast mir meinen ganzen, schönen Kummer verleidet!“

Und sie schlang beide Arme um den Hals der erstaunten Marie, schmiegte die Wange an ihr weiches, lichtblondes Haar und flüsterte ihr ins Ohr:

„In dieser Nacht habe ich ja meine erste und einzige Liebe im zarten Alter von kaum vier Monaten zu Grabe getragen!“

Trotz des traurigen Inhalts dieser vertraulichen Mittheilung und trotz ihrer eigenen Niedergeschlagenheit mußte Marie lächeln.

„Wirklich, Cilly? Und Du bist ganz sicher, daß sie nicht etwa nur scheintodt ist?“

„Nein, Theuerste, dazu ist keine Hoffnung! Sie ist ganz todt – mausetodt, – da hilft kein Jammern mehr und keine Reue. Wie ich den armen Prinzen gestern abgefertigt habe, bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als sich innerhalb zweimal vierundzwanzig Stunden entweder eine Kugel vor den Kopf zu schießen oder sich bis über beide Ohren in ein anderes weibliches Wesen zu verlieben. Für mich aber ist das Ergebniß ja in beiden Fällen so ziemlich dasselbe.“

„Arme Cilly! – Aber man muß Dir das Zugeständniß machen, daß Du das Unvermeidliche mit Würde trägst.“

„Nicht wahr? – Alle unglücklich Liebenden könnten sich ein Beispiel an mir nehmen! Doch ich bitte mir aus, daß Du mich darum nicht für gefühllos hältst! Als ich heute morgen aufwachte, hatte ich da drinnen wirklich so eine unbestimmte Empfindung von gebrochenem Herzen, und wenn ich mich nicht vor Chériette geschämt hätte, würde ich ohne Zweifel sogar bittere Thränen vergossen haben. – Während des Frühstücks ist es dann allerdings langsam besser geworden.“

„Ein drolliges Heilmittel – in der That. Und weißt Du auch, meine liebe Cilly, daß ich unsern gestrigen Unfall jetzt als ein großes Glück für Dich ansehe?“

Mit halb verlegener und halb schelmischer Miene sah die Gefragte zu ihr auf.

„Wirklich? Etwa, weil er mir die Auszeichnung verschaffte, Deinen Herrn Bruder wieder zu sehen?“

„Nein, nicht deshalb! Aber er ist doch wohl die Veranlassung gewesen, daß Du – um mich Deiner eigenen Worte zu bedienen – in dieser Nacht Deine erste und einzige Liebe zu Grabe getragen hast?“

„Ja, – das heißt: ein wenig poetische Uebertreibuug mußt Du natürlich der gehobenen Stimmung zu gute halten! Wenn ich sage ‚meine erste Liebe‘, so rechne ich eben den Litteraturprofessor so wenig als den kleinen Fähnrich von Rochlitz, der mein erklärter Kavalier in der Tanzstunde war; und wenn ich sage ‚meine einzige‘, so will ich damit noch nicht gerade etwas verschworen haben.“

Sie sprach ganz eifrig, halb im Ernst, halb im Scherz, Marie aber zog die zierliche, geschmeidige Elfengestalt fester an sich und erwiderte herzlich:

„Nun wohl, Prinz Lamoral ist Dir in Wahrheit nicht mehr gewesen, als der Litteraturprofessor und der Fähnrich, über deren Anbetung Du Dich heute so leichten Sinnes lustig machst. Und doch würdest Du Dich vielleicht entschlossen haben, seine Gattin zu werden, wenn er sich vor dem häßlichen Ereigniß vom gestrigen Vormittag um Deine Hand beworben hätte. In Unkenntniß Deiner eigenen Empfindungen würdest Du Dich einem Mann zu eigen gegeben haben, dessen gesellschaftlicher Rang und dessen glänzende Erscheinung Dich vielleicht bestochen hatten, den Du aber sicherlich niemals geliebt hast.“

Die lustige Cilly schaute nachdenklich vor sich hin.

„Wie weise Du doch zu sprechen weißt, Mariechen! Und wahrscheinlich hast Du recht! Aber ich gebe Dir mein Wort, daß ich allen Ernstes glaubte, ihn zu lieben. Erst als sich mein Herzeleid heute während des Frühstücks so rasch verflüchtigte, und als ich mir mit meinem Chopinschen Trauermarsch und meinen falschen Griffen mit einem Mal so ungeheuerlich komisch vorkam, merkte ich, daß es doch wohl nichts Rechtes damit gewesen sei. Doch das ist eigentlich eine recht entmuthigende Erkenntniß. Woraus in aller Welt soll man denn nun in einem solchen Fall ersehen, ob es wirklich und wahrhaftig die echte, wahre, einzige Liebe ist? Man kann doch nicht immer eine so lebensgefährliche Probe darauf machen wie die, welche Prinz Lamoral so schlecht bestanden hat!“

„Die rechte Liebe bedarf solcher Proben nicht, Cilly! Wenn Dich nicht der bloße Gedanke, den Gegenstand Deiner Neigung für immer zu verlieren – ja, der Schatten einer Sorge, von ihm verkannt oder mißachtet zu werden, mit namenlosem, unaussprechlichem Weh erfüllt, wenn Du nicht mit tausend Freuden bereit bist, jedes, auch das schwerste Opfer zu bringen, nur um dies Aeußerste, Schmerzlichste von Dir abzuwenden, dann darfst Du sicher sein, daß es nicht Liebe war, was Du empfunden.“

„Nun, ich will mir’s merken – für den Fall, daß ich’s überhaupt noch einmal fertig bringen sollte, Wohlgefallen an einem Manne zu finden! – Doch genug von diesen schwermüthigen Geschichten! Jetzt spielen wir etwas Lustiges – das Lustigste, was wir haben!“

Marie willfahrte ihr auch diesmal; aber jetzt lag die Schuld an ihr, wenn sie mit ihrem Spiel nicht immer im Gleichklange blieben. Und nicht das im Grunde so harmlose Herzenserlebniß der Freundin war es, das ihre Gedanken hartnäckig von den Noten abzog, sondern der Klang ihrer eigenen Worte, die ihr im Ohre nachtönten, wie wenn sie aus einem fremden Munde gekommen wären.

„Der Schatten einer Sorge, von ihm verkannt oder mißachtet zu werden –“, wie in aller Welt hatte sich gerade diese Aeußerung auf ihre Lippen drängen können? Sie war ein halb unbewußter Ausfluß ihres innersten Empfindens gewesen, das unterlag keinem Zweifel, aber gerade deshalb wollte sie ihr selber nun um so erstaunlicher und fremdartiger erscheinen. Es gab ja nur einen einzigen Menschen, von dem sie fürchten mußte, daß er sie verkannt habe und sie verachte; aber jener Eine war nicht der Mann, den sie liebte, er war nicht einmal ihr Freund, sondern er war ihr ein beinahe Fremder, der sie abstieß, und den sie fürchtete, seitdem sie ihn so schnell entschlossen gesehen hatte, um der Wahrheit willen selbst seines eigenen Bruders nicht zu schonen.

Doch Cilly in ihrer plötzlich wieder erwachten Munterkeit und Lebhaftigkeit ließ ihrer Base nicht Zeit, sich dem Grübeln über das Räthsel, das ihre Brust bewegte, lange hinzugeben. Sie gab Marie nicht für eine Minute frei und wich auch nicht von ihrer Seite, als [396] Engelbert kurz vor Beginn der Tafel nach Hause zurückkehrte. An dem Essen nahmen einige höhere Offiziere als Gäste theil, und es war nicht sehr verwunderlich, wenn die fast ausschließlich auf militärische Angelegenheiten bezügliche Unterhaltung dem Dragonerlieutenant wenig Zeit ließ, sich einem Gespräch mit den beiden jungen Damen zu widmen. Nach aufgehobener Tafel wurde er zu einer Spiel-Partie herangezogen, und für die späteren Abendstunden war er zu einem von Kameraden veranstalteten Liebesmahl geladen. So hätte Marie vergebens nach einer Möglichkeit gesucht, ihn unbelauscht und ungestört zu sprechen.

Allerdings war Engelbert sonst in dem Bemühen eine Gelegenheit zu solcher verstohlenen Zwiesprache herbeizuführen, vielleicht geschickter und erfinderischer gewesen als gerade heute, wo sich bei ernstem Willen ein geeigneter Vorwand für ihn doch wohl hätte ersinnen lassen. Dafür aber, daß er ein Alleinsein mit Marie etwa geflissentlich vermieden hätte, bot sich in seinem Benehmen jedenfalls ebensowenig ein Anhalt – und als er ihr beim Fortgehen Gutenacht sagte, traf sie für eine flüchtige Sekunde ein ebenso begehrlicher und glühender Blick wie gestern bei der tollen Mazurka, an die sie noch immer nicht ohne schamhaftes Erbeben und ohne einen peinigenden Groll über ihre eigene Schwäche zurückdenken konnte.

Nun endlich fand Marie die lang ersehnte schickliche Gelegenheit, sich unauffällig zurückzuziehen. Aber als sie allein war, fiel ihr die Erinnerung an die Ereignisse der Nacht doch mit verdoppeltem Gewicht auf die Seele, und sie war bitter unzufrieden mit sich selbst. Niemals gewöhnt, nach einer beschönigenden Umschreibung für ihre eigenen Fehler zu suchen, schalt sie sich feige, weil sie einem festen und durch ihre schwesterliche Pflicht unweigerlich gebotenen Vorsatz untreu geworden war. Wohl hatte sie im Verkehr mit Engelbert unwillkürlich einige Zurückhaltung beobachtet; aber sie hatte ihm doch durch kein Wort und keine Miene gezeigt, daß er sie tief beleidigt habe, sie hatte ihm ihre Hand gereicht wie sonst und hatte sich nicht von ihm abgewendet, als sie seinen verwegenen, vielsagenden Blick auf sich ruhen fühlte.

„Das alles ist ja nur um der anderen willen geschehen!“ wollte eine Stimme in ihrem Herzen ihr zuflüstern, aber Marie klammerte sich nicht an diese naheliegende Entschuldigung, sondern war ehrlich genug, sie vor sich selber als eine Lüge zu bezeichnen.

„Nein, auch wenn ich mit ihm allein gewesen wäre, würde ich nicht die Kraft gefunden haben, jene Erklärung von ihm zu fordern!“ sagte sie sich mit schmerzlicher Beschämung, und mit tiefem Bangen fügte sie die Frage hinzu: „Was aber soll nun werden?“

Ja, was sollte nun werden? So wie der heutige Tag würde auch der nächste und der übernächste verlaufen; mit jeder weiteren Stunde des Zauderns würde es ihr schwerer und schwerer werden, Genugthuung für ihren Bruder zu fordern, bis es endlich völlig unmöglich geworden war. Freilich, es wußte ja niemand, daß sie eine Zeugin seiner Beschimpfung gewesen sei – niemand außer Lothar, und der Gedanke, daß er sie an Wolfgang verrathen könnte, beunruhigte sie nicht für einen einzigen Augenblick. Aber sie gewann keine Erleichterung aus dieser Gewißheit seines Schweigens. Denn daß er sich mit dem Verrath an seiner Freundschaft gewissermaßen zu ihrem Mitschuldigen gemacht hatte, war ja um den Preis seiner Achtung geschehen; nicht eine Uebereinstimmung der Gesinnung, sondern ein geringschätziges Mitleid hatte ihn zu ihrem Bundesgenossen gemacht – sein Schweigen war eine Demüthigung, ein stummer und doch unerträglich beredter Ausdruck seiner Verachtung!

War ihre Liebe für Engelbert denn wirklich so heiß und tief, daß sie um ihretwillen Tag für Tag die Last dieser kläglichen Erkenntniß weiterschleppen mochte? Ach, wenn sie nur eine Antwort gehabt hätte auf diese immer wiederkehrende Frage! Jetzt, wo sie seine schöne, ritterliche Erscheinung nicht vor sich sah, wo sie den Klang seiner volltönenden, einschmeichelnden Stimme nicht vernahm, hatte sie wahrlich nicht den Muth, sich selbst mit einem freudigen, rückhaltlosen „Ja“ zu belügen. Noch immer fühlte sie etwas von dem Nachzittern des tödlichen Schreckens, der sie durchzuckt hatte, als sie in dieser Nacht ihrem Vetter Lothar die Erklärung gegeben hatte, daß sie seinen Bruder liebe. War das wirklich nur die spröde Scham des jungfräulichen Herzens gewesen, das sich wider Willen sein kostbarstes Geheimniß entreißen ließ, oder hatte sie in jenem Augenblick unter der unbarmherzigen Klarheit, die von dem gesprochenen Wort ausgeht, erkannt, daß jenes Geständniß eine Unwahrheit, daß ihre Liebe eine Täuschung gewesen sei wie Cillys Neigung für den Prinzen von Waldburg?

Nein, sie durfte nicht daran denken, daß es so sein könnte! Und es war ja auch unmöglich! Hatte sie Engelberts heißen Liebesworten denn nicht mit Entzücken gelauscht? Hatte sie denn nicht mit wonnigem Erschauern seine brennenden Lippen auf ihrem Munde gefühlt? Wenn sie jetzt außer stande war, die Seligkeit jener Augenblicke durch die Erinnerung von neuem wachzurufen, so konnte nur eine vorübergehende Verstimmung ihres ganzen Wesens, nicht ein Erkalten oder Erlöschen ihrer Liebe die Schuld daran tragen, und nur aus dieser Verstimmung war es wohl auch zu erklären, wenn sie so heftig vor dem Gedanken erzitterte, daß das erste Gespräch unter vier Augen, welches sie aus Anlaß jener Ballunterhaltung über ihren Bruder mit Engelbert führen würde, nothwendig entweder einen Bruch oder ein öffentliches Bekennen ihres Herzensbündnisses im Gefolge haben müßte. Ihrer weiblichen Würde war sie es ja ohnedies schuldig, dies letztere von ihm zu fordern, aber sie wußte nicht, ob es die Verlobung mit Engelbert oder der Bruch mit ihm war, was ihr in diesen Stunden quälenden Zweifels als das Fürchterlichste erschien.

Was sie auch thun mochte – das eine wie das andere konnte sie unglücklich machen, und zu dem einen wie zu dem anderen gebrach ihr der Muth. Daß sie ihren Bruder von ganzem Herzen liebte, daß eine Kränkung, welche ihm widerfuhr, sie selbst aufs schmerzlichste traf – niemals hatte sie es deutlicher empfunden als gerade jetzt; aber sie besaß dessenungeachtet ebensowenig die Entschlossenheit, mit ihrer eigenen Person für ihn einzutreten, als zu ihm zu eilen und ihm alles zu beichten. Später – morgen vielleicht oder nach einer kleinen Anzahl von Tagen – wollte sie ihm ja gerne reuig bekennen, was sie an ihm gesündigt hatte; jetzt aber mußte sie Zeit gewinnen – Zeit, um zur Klarheit zu gelangen über sich selbst und um den Weg zu finden, welchen sie einschlagen durfte, ohne ihr eigenes Lebensglück zu zerstören.

Als sie am nächsten Morgen das Frühstückszimmer betrat, hatte sich die Zahl der Gedecke um eines verringert. Lothar erschien nicht, und man hatte ihn offenbar auch gar nicht erwartet. Niemand erwähnte seiner, und obwohl sich ihre Gedanken unausgesetzt mit ihm und mit den muthmaßlichen Gründen seines Fernbleibens beschäftigten, würde Marie es doch niemals übers Herz gebracht haben, eine Frage nach ihm zu thun. Doch als sie nachher mit Cilly allein war, duldete es sie nicht länger in dieser Ungewißheit, und scheinbar beiläufig, doch mit stockender Stimme, erkundigte sie sich nach dem Assessor.

„So weißt Du gar nicht, daß er heute in aller Gottesfrühe ausgezogen ist?“ fragte Cilly verwundert. „Gestern im Laufe des Tages hat er sich in Moabit eine eigene Wohnung gemiethet, und am Abend hat er uns ohne viele Umstände das Quartier aufgekündigt. Der Weg, den er täglich zu machen hatte, um sich mit seinen geliebten Verbrechern zu unterhalten, war ihm wohl zu unbequem, und außerdem störte ihn die Geselligkeit, die zu seinem Entsetzen in unserem Hause gepflegt wird. Mit der bewunderungswürdigen Offenheit, die ihm nun einmal eigenthümlich ist, erklärte er gestern abend in unserer Gegenwart dem Papa, er halte neun Zehntel aller Abendgesellschaften, Bälle, Gastmahle und musikalischen Thees für die sündhafteste Vergeudung von Zeit und Kräften, und er sei entschlossen, sich von diesem hohlen Treiben viel entschiedener fernzuhalten, als es ihm unter unserem Dache möglich wäre. Nun, es hat keines von uns den Versuch gemacht, ihn mit Bitten und Thränen zum Dableiben zu bewegen. Ein wie guter Mensch er auch ist, hier steht er mit seiner pedantischen Schwerfälligkeit doch überall im Wege.“

Bei ihrem eifrigen Geplauder hatte sie kaum beachtet, daß Marie plötzlich das Gesicht abgewendet und sich sehr angelegentlich mit den Notenheften auf dem Flügel zu schaffen gemacht hatte, und sie fand es auch durchaus nicht auffällig, daß ihre Base das Gespräch sehr rasch auf einen anderen Gegenstand lenkte. Ihr Bruder Lothar war ja eine so uninteressante Persönlichkeit! –

Wie lebhaft würde sich wohl ihre Verwunderung geäußert haben, wenn sie gesehen hätte, daß in Mariens Augen die hellen Thränen schimmerten – Thränen der Beschämung, des Zornes und des uneingestandenen Kummers. Sie wußte ja besser als alle anderen Bewohner des Hauses, weshalb Lothar von Brenckendorf sich eine andere Heimstätte gesucht hatte! –

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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 14, S. 421–428

[421] Wie eine unschätzbare Wohlthat empfand Marie die eigenartigen Zerstreuungen, welche ihr die nächsten Tage brachten.

Ein großes, gesellschaftliches Ereigniß war es, das seine Schatten vorauswarf – ein Ereigniß, welches ganz danach angethan war, den Sinn und die Zeit der jungen Damen ausschließlich in Anspruch zu nehmen.

Eine furchtbare Ueberschwemmung hatte die östlichen Theile des Landes heimgesucht, hatte grauenhafte Verwüstungen angerichtet, Tausende und Abertausende ihrer geringen Habe beraubt und ihnen auf Jahre hinaus die Möglichkeit genommen, dem verschlickten und versandeten Boden aufs neue die Mittel zur Erhaltung ihres Daseins abzuringen.

Wohl lieferten die minder hart betroffenen Ortschaften der so schwer geprüften Provinzen sofort die herrlichsten und erhebendsten Beweise werkthätiger Menschenliebe, wohl leisteten die Staatsbehörden an erster, schleuniger Hilfe alles, was ihre verfügbaren Mittel ihnen gestatteten, und der Landesherr selbst spendete ohne Zögern aus seinen Privatmitteln eine sehr bedeutende Summe. Aber das alles war nicht viel mehr, als eine Rettung der Obdachlosen, der Hungernden und Frierenden vor dem unmittelbaren Verderben – eine wirkliche, nachhaltige Hilfe vermochten bei der unabsehbaren Größe des Elends solche Beträge nicht zu gewähren. Dazu bedurfte es einer Aufwendung von Millionen, und ein einziger lauter Hilfeschrei hallte durch die ganze gesittete Welt, um diese Millionen zu beschaffen.

So weit das geschriebene und das gedruckte Wort über die bewohnte Erde zu dringen vermochte, thaten sich überall die Herzen auf wie die Hände. Und der Geldschrank des Reichen wie das magere Beutelchen des Armen – die sicher versteckte Kassette des Geizigen wie die Sparkasse des Kindes – sie alle spendeten ihr Scherflein zu der großen Liebesgabe, die man den Heimgesuchten reichte.

Daß die Hauptstadt des Reiches die Führung der großen Wohlthätigkeitsbewegung übernehmen mußte, war bei der Lage der Verhältnisse von vornherein selbstverständlich, und wenn bei einem solchen einmüthigen Zusammenschlagen aller warmfühlenden Herzen auch von irgend welchen Unterscheidungen nach Rang und Stand nicht die Rede sein konnte, so ersann man doch neben der Betheiligung an den allgemeinen Sammlungen, bei denen der Name eines Fürsten oft neben denjenigen eines schlichten Handwerkers zu stehen kam, in den einzelnen Gesellschaftskreisen [422] die mannigfaltigsten und verführerischsten Mittel, um seinen Freunden, Bekannten oder Standesgenossen in irgend einer angenehmen Form noch eine weitere Opfergabe zu entlocken.

Die Zeitungen wimmelten von Anzeigen der verschiedenartigsten Wohlthätigkeitsfeste; eine der großartigsten Veranstaltungen aber mußte ohne Zweifel der Bazar werden, welchen ein aus Mitgliedern der höheren Aristokratie bestehender Ausschuß ins Leben zu rufen gedachte. Bereitwillig hatte man den großen, prächtig ausgestatteten Festsaal eines neu erbauten Ministeriums für den menschenfreundlichen Zweck zur Verfügung gestellt, und in allen Familien, welche ein Recht hatten, sich der vornehmen Welt Berlins beizuzählen, war man wochenlang geschäftig, zu seinem Theile nach Kräften mitzuarbeiten an dem großen und in diesem besonderen Falle zugleich so vergnüglichen Werke der Barmherzigkeit.

Auch in das Haus des Generals von Brenckendorf hatte der Aufruf des Ausschusses eine nicht geringe Aufregung getragen. Man rechnete ja nicht nur auf den Reichthum Seiner Excellenz für eine erhebliche Beisteuer zur Ausstattung der Verkaufstische, sondern man bewarb sich auch mit besonderem Eifer um die thätige Mitwirkung der beiden jungen Baronessen. Cilly galt seit ihrer Einführung in die Gesellschaft als eine der reizendsten und eigenartigsten Schönheiten der Berliner Aristokratie, und ihr schlankes blondes Bäschen hatte rasch eine kaum geringere Zahl von Bewunderern gefunden.

Da aber die Anziehung des Bazars hauptsächlich in der Schönheit und Liebenswürdigkeit der vornehmen Verkäuferinnen bestehen sollte, so wollte man auf die Damen des Generals von Brenckendorf unter keinen Umständen verzichten, und wenn auch Marie anfänglich gezögert hatte, ihre Zusage zu ertheilen, so war bei Cillys Begeisterung für die Idee an eine wirkliche Absage doch nicht zu denken gewesen. Allmählich hatte der Eifer und die Freudigkeit, mit welcher ihr übermüthiges Bäschen die Sache behandelte, denn auch auf Marie ansteckend gewirkt, und sie sträubte sich nicht mehr dagegen, daß Cilly sie vom Morgen bis zum Abend mit Berathungen, Besorgungen und Plänen für den Wohlthätigkeitsbazar in Anspruch nahm.

Da die Veranstaltung dem kaufkräftigen Publikum durchaus etwas Eigenartiges, noch nicht Dagewesenes bieten sollte, so hatte man sich nach vielen vergnügten Vorstandssitzungen und nach Verwerfung zahlreicher anderer Vorschläge dahin geeinigt, daß die Verkäuferinnen nicht – wie sonst bei derartigen Anlässen – im Gesellschaftsanzug, sondern kostümirt erscheinen sollten, und zwar in den heimischen Trachten der verschiedensten Völker und Volksstämme der Erde. Des Kopfzerbrechens, welches dadurch den jungen Damen bereitet wurde, war freilich kein Ende; aber mit Hilfe einiger Modekünstler, die sich der großen Sache gern zur Verfügung gestellt hatten, wurden alle Schwierigkeiten in verhältnißmäßig kurzer Zeit glücklich überwunden und sogar das nahezu beispiellose Ergebniß erreicht, daß fast alle Betheiligten mit der ihnen zugefallenen Rolle leidlich zufrieden waren.

Cilly sollte sich danach für die beiden Bazartage in eine dunkeläugige, heißblütige Spanierin verwandeln, während Marie mit ihrer schönen, hochgewachsenen Gestalt und ihrem prächtigen lichtblonden Haar aufs vollkommenste alle äußerlichen Erfordernisse für das ihr zugedachte Friesenmädchen besaß. Mit der Beschaffung der Gewänder aber, die natürlich so echt und so kostbar als möglich sein mußten, da die Sorge, von einer erfinderischen Nebenbuhlerin überstrahlt zu werden, beständig wie ein drohendes Gespenst vor den Augen jeder der holden Evastöchter schwebte, waren die Mühen und Anstrengungen, welche man ihnen auferlegte, noch keineswegs erschöpft. Von den Veranstaltern war die Anregung ausgegangen, daß die auf dem Verkaufstisch jeder jungen Dame prangenden Schätze die Erzeugnisse des Landes darstellen sollten, in dessen Tracht die Verkäuferin gekleidet war, und wenn auch in dieser Hinsicht die Grenzen des Zulässigen ziemlich weit gezogen wurden, kostete es doch Nachdenken, Zeit und Geld genug, die zahlreich einlaufenden Geschenke entsprechend zu vertheilen und das Fehlende durch eigene Einkäufe in angemessener Weise zu ersetzen.

Der gute Wille der Jugend aber und die reichen Hilfsquellen, welche gerade dieser glücklichen Jugend fast unversieglich zu Gebote standen, halfen auch die letzten Hindernisse überwinden. Cilly verfügte am Tage vor der Eröffnung des Bazars über einen wahrhaften Schatz von Fächern, Seidenmantillen und köstlichen kleinen Kunstwerken in Eisen und Silber; Marie aber durfte sicher sein, manchen freigebigen Liebhaber für ihren Vorrath nach friesischer Art geklöppelter Spitzen und für die zierlichen Schmuckgegenstände aus Gold- und Silberfiligran zu finden, welche ein Hofjuwelier dem Bazar zum Geschenk gemacht hatte.

Die ganze Familie des Generals von Brenckendorf hatte für den Vorabend des Eröffnungstages eine Einladung zur Tafel bei dem Generallieutenant Grafen Hainried, und die jungen Damen waren eben im Begriff, sich zur Anlegung des Gesellschaftsanzugs auf ihre Zimmer zu begeben, als der Diener den Rittmeister von Boretius meldete, welcher in einer überaus dringenden Angelegenheit um Gehör bitte.

„Das kann nur unseren Bazar betreffen,“ meinte Cilly, „denn Boretius ist ja die Seele des Ganzen. Natürlich müssen wir erfahren, um was es sich handelt.“

Der trotz seiner jungen Jahre ziemlich wohlbeleibte Ulanenoffizier war ganz außer Athem vor Erregung, und die Rathlosigkeit malte sich trotz des verbindlichen Begrüßungslächelns so deutlich auf seinem Gesicht, daß Cilly ihn sogleich mit der Frage empfing, welche Hiobspost er denn zu überbringen habe.

„Ach, meine Herrschaften,“ seufzte Herr von Boretius, „wir sind in der schauderhaftesten Verlegenheit von der Welt. Nun haben wir uns von dem ersten unter den lebenden Poeten einen schwungvollen Prolog dichten lassen, mit welchem das Eröffnungskonzert eingeleitet werden sollte, – eine Hofschauspielerin hat sich acht Tage lang bemüht, unserer verehrten Gräfin Hilgers die richtige Betonung beizubringen, die Programme sind seit vorgestern auf Seidenatlas mit Goldfranzen gedruckt, und was geschieht? Vor einer Stunde läßt die verehrte Gräfin an den Vorstand die bündige Mittheilung gelangen, sie sei wegen einer hochgradigen Erkältung zu ihrem Bedauern außer stande, sich überhaupt an dem Bazar zu betheiligen, geschweige denn einen Prolog zu sprechen. Natürlich eilte ich augenblicklich zu der abtrünnigen Gräfin. Aber man hätte eher Berge versetzen als den Sinn der jungen Dame ändern können. Wäre sie wirklich nur erkältet gewesen, ja, hätte sie überhaupt nur an irgend einer körperlichen Krankheit gelitten, so würde ich mir wohl die Ueberredungskunst zugetraut haben, sie trotzdem auf das Podium zu bringen. Aber die Kammerzofe, welche beauftragt war, mich von dem Allerheiligsten ihrer Herrin fernzuhalten, ließ sich durch meine dringlichen Bitten zum Verrath des großen Geheimnisses bewegen. Das Kostüm, welches die Schneiderin heute abgeliefert hat, ist gänzlich mißglückt, und die Gräfin soll beim Anprobieren erklärt haben, so möge vielleicht eine Hottentottin im Hochzeitsstaat, niemals aber eine Georgierin aussehen. Als ich das vernahm, strich ich natürlich ohne weiteres die Segel. Um eine junge Dame in einer Toilette, welche sie selber für unkleidsam hält, vor ein großes Publikum zu bringen, muß man andere Zwangsmittel besitzen, als sie mir zu Gebote. stehen. Errathen Sie nun, meine verehrten Herrschaften, welches Anliegen ich auf meinem verzweifelten Herzen trage?“

Er hatte sich mit seiner Erzählung zwar vornehmlich an die Generalin gewendet; aber die hilfesuchenden Blicke, welche er zwischendurch zu Cilly hinübergeworfen, hatten diese längst errathen lassen, in welcher Absicht er gekommen war. Sie war denn auch mit der Antwort auf seine letzte Frage sehr rasch bei der Hand.

„Sie suchen einen Lückenbüßer, nicht wahr?“ meinte sie etwas schadenfroh. „Aber ich fürchte, daß Sie wenig Erfolg haben werden, Herr Rittmeister! Wer möchte es wagen, eine so stolze Schönheit wie die Gräfin Hilgers ersetzen zu wollen?“

Herr von Boretius neigte in drolliger Zerknirschung das Haupt.

„Ich weiß sehr wohl, mein gnädiges Fräulein, eine wie großartige That edelmüthiger Selbstverleugnung ich Ihnen da zumuthe. Es ist gewiß keine Kleinigkeit, wenn diejenige, welche in erster Linie hätte in Betracht kommen müssen, jetzt gewissermaßen nur als Helferin in der Noth eintreten soll. Aber ich beschwöre Sie: denken Sie an unsere Lage und an die armen Ueberschwemmten, für die wir uns ja alle opfern!“

„Mein Gatte ist leider nicht anwesend,“ mischte sich nun auch die Generalin ein, „und wenn er auch in Anbetracht des wohlthätigen Zweckes gegen die Mitwirkung meiner Tochter als Verkäuferin keine Einwendungen erhoben hat, so weiß ich doch wirklich nicht, Herr Rittmeister, ob er einem solchen öffentlichen schauspielerischen Auftreten seine Zustimmung ertheilen würde.“

[423] „Aber ich bitte, Excellenz – von Schauspielerei kann da doch wohl kaum die Rede sein. Sämmtliche an dem Konzert Mitwirkenden gehören der Gesellschaft an und die Eintrittskarten sind ausschließlich in unseren Kreisen verkauft worden. Man könnte ebensowohl einen Hofball ein öffentliches Vergnügen nennen.“

„Aber der Name der Gräfin Hilgers bleibt auf dem Programm – nicht wahr?“ fragte Cilly, der die Rathlosigkeit des armen Rittmeisters sichtlich einiges Vergnügen machte.

„Allerdings – es wird sich nicht ändern lassen,“ gab er kleinlaut zu. „Die Dinger sind ja nun ’mal fertig, und in so kurzer Zeit können neue nicht mehr hergestellt werden. Doch wird dem Vortrage natürlich eine entsprechende Ankündigung voraufgehen, und man wird nicht versäumen, das Verdienstliche solcher Stellvertretung gebührend zu betonen.“

In diesem Augenblick trat der General in das Zimmer, und nachdem er von dem Anliegen des Rittmeisters unterrichtet worden war, fragte er in seiner gewohnten verbindlichen Weise:

„Welchen Umfang hat das Gedicht, das hier in Frage kommen würde?“

Herr von Boretius zog die Niederschrift aus der Tasche.

„Einen ganz mäßigen, Excellenz! Acht Strophen zu je zehn Versen! Es enthält eine ergreifende Schilderung der Katastrophe sowie des Elends, welches sie im Gefolge gehabt hat, und schließt mit einem feurigen Aufruf an die Mildthätigkeit der Mitmenschen. Schon beim Lesen wird man bis zu Thränen gerührt.“

Um so größer müssen demnach auch die Anforderungen sein, welche es an die Vortragskunst der Sprecherin stellt. Das Talent meiner Tochter aber dürfte schwerlich ausreichen, ihr die Erlernung dieser Kunst innerhalb weniger Stunden zu ermöglichen, und Ihr Wunsch, mein lieber Herr Rittmeister, ist außerdem schon deshalb unerfüllbar, weil wir für den heutigen Abend zu einem Essen geladen sind, bei welchem meine Tochter aus ganz besonderen Gründen keinesfalls fehlen darf. Nicht einmal zum bloßen Auswendiglernen würde ihr da die erforderliche Zeit verbleiben.

Der bedauernswerthe Rittmeister blickte in tiefster Niedergeschlagenheit auf seine Papierrolle.

„Dann habe ich allerdings keine Hoffnung mehr! Der Prolog wird ganz ausfallen müssen! – Es ist jammerschade um das herrliche Werk, und der berühmte Dichter wird außer sich sein, um so mehr, als wir ihn schon mit ganz besonderer Feierlichkeit eingeladen haben.“

„Versuchen Sie doch Ihr Heil bei irgend einer hervorragenden Schauspielerin. Diese Damen wissen solche Aufgaben ja in kürzester Zeit zu bewältigen.“

„Unmöglich, Excellenz, leider ganz unmöglich! Das Konzert würde durch die Mitwirkung einer Berufskünstlerin sein Gepräge vollständig verlieren.“

Man gab ihm keine Antwort, und das war ein Zeichen, daß seine Sendung hier als beendet angesehen werde. Schon hatte er der Generalin seine Abschiedsverbeugung gemacht, als Marie, die sich bis dahin ganz still verhalten hatte, mit merklicher Zaghaftigkeit sagte:

„Wenn Ihre Verlegenheit wirklich so groß ist, Herr Rittmeister, und wenn Sie ganz sicher sind, einen besseren Ersatz nicht mehr zu finden, so will ich meine geringen Talente dem guten Zweck gern zur Verfügung stellen.“

Die Wirkung ihrer Worte war begreiflicherweise bei allen Anwesenden diejenige einer sehr lebhaften Ueberraschung. Herr von Boretius aber verstand sich gut auf seinen Vortheil: ehe noch ein anderes zum Worte gekommen war, versicherte er Marie in Ausdrücken überschwenglichsten Entzückens der ewigen Dankbarkeit des Ausschusses, des Publikums und sämmtlicher Ueberschwemmten. Ehe sie noch recht wußte, wie ihr geschah, hielt Marie die inhaltsschwere Rolle bereits in der Hand.

Es hatte nicht einmal den Anschein, als würde der General durch den überraschenden Entschluß seiner Nichte unangenehm berührt. Mit einem kleinen Lächeln beglückwünschte er den Rittmeister scherzend zu seinem Erfolge, und auf Mariens schüchterne Bitte, daß er es übernehmen möge, ihr Ausbleiben bei dem Grafen und der Gräfin Hainried zu entschuldigen, beruhigte er sie durch die Versicherung, daß er ihr volle Verzeihung erwirken werde.

Die „ganz besonderen Gründe“, welche Cillys Erscheinen bei dem Essen zu einem so unerläßlichen machten, mußten also für Marie wohl keine Geltung haben. –

Als sich der Rittmeister von Boretius mit erhobenem Haupte und strahlendem Antlitz entfernt hatte, gab Cilly, während sie die Verwandte in den zweiten Stock hinauf geleitete, ihrer Verwunderung lauten und lebhaften Ausdruck:

„Natürlich wirst Du einen ungeheuren Triumph feiern, denn ich glaube, Du hast zu allem Talent, was Du nur unternimmst; aber Du mußt schon verzeihen, daß ich mich von meinem Erstaunen trotzdem noch immer nicht erholen kann. Es gehört doch wirklich eine gewisse Selbstverleugnung dazu und jedenfalls heidenmäßig viel Muth.“

„Vielleicht aber leitete mich bei meinen Anerbieten weder das eine noch das andere,“ erwiderte Marie; „es war der plötzliche Entschluß des Augenblicks, und was könnte es helfen, wenn er mich jetzt reute!“

Daß der Wunsch, unter einem stichhaltigen Vorwand dem Essen bei dem künftigen Kriegsminister fernbleiben zu können, wohl den wesentlichsten Antheil an jener plötzlichen Entschließung gehabt hatte, gestand sie ihrer Base freilich nicht ein. Hätte sie doch sich selber gern davon überzeugt, daß es nicht so sei, und daß die Beklommenheit und das Unbehagen, mit welchen sie bisher dem heutigen Abend entgegengesehen hatte, ihre Ursache in irgend etwas anderem als in einem leisen Nachzittern jener eifersüchtigen Regungen gegen die junge Gräfin Hainried gehabt haben müßten.

Auf einem Ruhebett in ihrem Zimmer liegend, las sie das Gedicht, das in der That von hohem dichterischen Schwunge und von unfehlbar mächtiger Wirkung war. Das Zagen vor der Schwierigkeit ihrer Aufgabe, das sie unter dem ersten Eindruck hatte überkommen wollen, verschwand bald vor der aufrichtigen Begeisterung, mit welcher sie sich in dieselbe vertiefte. Von dem kühnen Gedankenfluge und der packenden, bilderreichen Sprache des Dichters fortgerissen, vergaß sie sehr schnell das verschmähte Abendessen und die kokette Gräfin.

Achtlos und halb unbewußt rief sie „Herein!“, als nach Verlauf einer halben Stunde an die Thür ihres Zimmers geklopft wurde, – und sie richtete sich erst in Verwunderung und leichtem Erschrecken empor, als sie Engelbert über die Schwelle treten sah.

Er schien ernster als sonst, und auch die gewohnte Sicherheit und siegesgewisse Zuversicht waren nicht in seinen Mienen.

„Außerordentliche Umstände können wohl einmal einen kleinen Verstoß gegen das Herkommen entschuldigen,“ sagte er, einer erstaunten Frage Mariens zuvorkommend. „Du darfst überzeugt sein, daß ich diesem Besuch die allerunschuldigste und glaubwürdigste Deutung geben werde, wenn wirklich irgend eine Spürnase etwas von demselben bemerkt haben sollte.“

Marie hatte sich rasch erhoben, und ohne jede Verlegenheit stand sie ihm gegenüber.

„Ich denke, Du wirst aus der Ursache dieses Besuches vor niemand ein Geheimniß zu machen brauchen,“ sagte sie, und ihre Erwiderung klang stolz und zurückhaltend, wie wenn sie zu einem Fremden spräche. Und doch schien es heute keineswegs erforderlich, ihn durch ihre Haltung an einer der gewöhnlichen Aeußerungen seiner leidenschaftlichen Zärtlichkeit zu hindern. Engelbert war hart neben der Thür stehen geblieben, und er wirbelte an seinem Schnurrbart viel eher wie ein verlegener und unbeholfener Jüngling denn wie ein stürmischer und rücksichtsloser Liebhaber.

„Du hast einen Vorwand gesucht, um uns nicht zu den Hainrieds begleiten zu müssen,“ fuhr er, ihre stolze Bemerkung unbeantwortet lassend, fort. „Man hat Dir also gesagt, um welche Absichten es sich da handelt?“

„Ich verstehe Dich nicht, Engelbert! Besondere Absichten – bei einem Abendessen? – Nein, man hat mir von nichts derartigem gesprochen!“

Der Offizier zeigte sich sehr unangenehm überrascht.

„Wirklich nicht? Und es wäre in der That nur diese alberne Bazargeschichte gewesen, welche Dich veranlaßt, daheim zu bleiben?“

„Nichts anderes als das! Aber vielleicht hast Du die Freundlichkeit, mir mitzutheilen, was mir allem Anschein nach von den anderen verschwiegen worden ist. Vermuthlich war dies doch die Veranlassung Deines Besuches.“

[424] Engelbert antwortete nicht sogleich. Augenscheinlich hatte er da einen kleinen Kampf mit sich selber zu bestehen, und die Augen des jungen Mädchens, die so ernst und unbequem fragend auf ihn gerichtet waren, setzten ihn unverkennbar in eine Verwirrung, wie sie Marie nie zuvor an ihm wahrgenommen hatte.

„Was Dir verschwiegen worden?“ brachte er endlich mit einem nur halb gelungenen Versuch, seinen gewöhnlichen leichten Ton anzuschlagen, hervor. „Ich wäre vielleicht nicht gekommen, wenn ich nicht geglaubt hätte, daß Du bereits unterrichtet seiest. Es giebt eben Fälle, in denen man am besten thut, zunächst die Thatsachen selber sprechen zu lassen.“

Aufrichtiges Erstaunen prägte sich in Mariens Zügen aus. Seine Andeutungen und räthselhaften Umschreibungen mußten ihr in Wahrheit völlig unverständlich sein.

„Du hast eine seltsame Art, meine Wißbegierde rege zu machen,“ sagte sie, „das klingt ja in der That, als wäre da etwas Außerordentliches im Werke und als hätte ich Grund, mich auf schlimme Neuigkeiten gefaßt zu machen.“

Draußen ging eine Thür, und man hörte die tiefe Stimme des Generals, der nach seinem Sohne fragte. Seine bisherige Zurückhaltung plötzlich aufgebend, trat Engelbert rasch auf Marie zu. „Ach, wozu sollen wir davon reden, ehe es nöthig ist!“ flüsterte er. „Von dem Verhängniß, dessen Lauf man nicht aufzuhalten vermag, wird man ja immer noch früh genug ereilt. Sei gewiß: wenn es noch ein Mittel giebt, das Verhaßte abzuwenden, so werde ich sicherlich nicht zögern, mich desselben zu bedienen. Und was auch immer kommen mag, jedenfalls mußt Du mir glauben, daß ich nur Dich geliebt habe, nur Dich allein liebe und in alle Ewigkeit lieben werde, meine theure, angebetete Marie!“

Er hatte sie an sich gerissen und sie zweimal heiß und stürmisch geküßt, ehe sie in ihrer Ueberraschung die Kraft gefunden hatte, sich gegen sein Beginnen zu sträuben. Dann war er ohne ein weiteres Wort, ohne Gruß und Abschied, aus dem Zimmer geeilt, und Marie hörte seinen sporenklirrenden Schritt draußen auf dem Gange verhallen.

Mit einem aus Bestürzung, Beschämung und Unwillen gemischten Empfinden lauschte sie diesem Klange, unfähig, über das eben Erlebte sogleich zu voller Klarheit zu gelangen. So wie sich Engelbert jetzt von ihr getrennt hatte, pflegt man sich von derjenigen, die man liebt, doch nur zu trennen, wenn es einen Abschied für das Leben gilt, – und das gewaltsame Hervorbrechen seiner bis dahin augenscheinlich mit schwerer Selbstüberwindung zurückgedrängten Leidenschaft im Verein mit den dunklen Hinweisen auf ein Verhängniß, dessen Lauf er nicht mehr aufzuhalten vermöge, mußten sie in der Befürchtung bestärken, daß irgend ein Unglück, ein geheimnißvolles, furchtbares Unglück drohend über ihrem Haupte schwebe.

Aber sie zerbrach sich vergebens den Kopf, um über die Natur dieses Unglücks zu einer Vermuthung zu gelangen, die ihr selber halbwegs glaubwürdig erschienen wäre.

Sie dachte daran, daß er vielleicht vor einem Zweikampf stände, dessen Ausgang ein tödlicher sein könnte; doch wenn auch seine letzten Aeußerungen mit einer solchen Annahme wohl in Einklang zu bringen waren, – was konnte ein Duell Engelberts mit ihrer Anwesenheit bei der Hainriedschen Gesellschaft zu thun haben?

Wenn es sich aber nicht um eine Gefahr handelte, welche dem Leben Engelberts drohte – um was nur konnte es sich sonst handeln? – Für einen Augenblick wohl dachte Marie an die Gräfin Hainried, an die Huldigungen, welche Engelbert ihr dargebracht, und an die Gunstbeweise, durch welche die Tochter des künftigen Kriegsministers ihn in so augenfälliger Weise ausgezeichnet hatte. Doch der häßliche, mißtrauische Gedanke verschwand noch schneller, als er gekommen war. Selbst der Glaube an die tollste und abenteuerlichste Möglichkeit hätte ja mehr innere Berechtigung gehabt als dieser unwürdige Zweifel. Wäre es auszudenken gewesen, daß Engelbert in erbärmlicher und ehrloser Wandelbarkeit die Stirn haben sollte, seine Schwüre zu brechen und durch die Anknüpfung eines neuen Bandes einfach zu verleugnen, was zwischen ihm und seiner jungen Verwandten geschehen war, – so konnte es doch unmöglich seine Absicht sein, der tödlichen Kränkung auch noch den grausamsten Hohn hinzuzufügen! Vielleicht ließ sich an die Möglichkeit glauben, daß ein Mann feige genug sein könnte, schimpflichen Verrath an einem Mädchen zu begehen, ohne das Herz zu einer offenen und rückhaltlosen Erklärung zu finden, – aber nimmermehr konnte ein solcher Mann den traurigen Muth haben, mit dem Bewußtsein des begangenen Verraths im Herzen noch einmal von der Ewigkeit seiner Liebe zu sprechen und sich noch einmal das Recht einer Zärtlichkeit zu nehmen, auf die nur der künftige Gatte Anspruch erheben darf.

Nein, was auch immer geschehen konnte, und von wie furchtbarer Beschaffenheit das Unbekannte, Unbegreifliche sein mochte, dessen Herannahen Marie nach diesem seltsamen Auftritt in ahnungsvollem Bangen deutlich und immer deutlicher zu fühlen meinte, an eine Treulosigkeit Engelberts durfte sie nicht glauben, ohne sich zugleich eines schweren Unrechts gegen ihn schuldig zu machen und ohne zu ihrer eigenen Qual zu zerstören, was an Lebensmuth und gläubigem Vertrauen auf den Edelsinn der Menschen in ihrer Seele lebte.

Bis in die Tiefen ihres Wesens erschüttert, von Sorgen und Zweifeln gepeinigt und vielleicht am meisten von einer immer wieder erwachenden Regung der Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Verhalten gequält, war Marie wahrlich in wenig geeigneter Stimmung für die Erfüllung der Aufgabe, welche sie da aus Mitleid mit der Verlegenheit des Rittmeisters von Boretius auf sich genommen hatte. Aber es handelte sich um die Erfüllung einer Pflicht, vor der es kein Entrinnen mehr gab, und mit entschlossenem Zusamenraffen ihrer starken Willenskraft vertiefte sich Marie immer aufs neue in den Wortlaut und den Geist der schönen Gelegenheitsdichtung, wie vollständig auch ihre Theilnahme an dem großartigen Wohlthätigkeitsfest geschwunden war und wie oft auch trotz des redlichsten Bemühens ihre Gedanken weit hinweg flogen zu ganz anderen Dingen.




Lauter, herzlicher, langanhaltender Beifall war den letzten Versen der ergreifenden Dichtung gefolgt, und diejenigen, welche sich in der unmittelbaren Umgebung des freudestrahlenden Dichters befanden, schüttelten ihm glückwünschend die Hände. Er war sehr niedergeschlagen gewesen, als man ihm mitgetheilt hatte, daß die Sprecherin des Prologes nur wenige Stunden gehabt habe, um sich mit demselben vertraut zu machen, nun aber erklärte er mit stolzer Bescheidenheit, daß seine kühnsten Erwartungen durch den meisterhaften Vortrag weit übertroffen worden seien und daß die Wirkung des Gedichtes mehr als zur Hälfte auf die Rechnung der talentvollen jungen Dame gesetzt werden müsse.

In der That hatte Marie die niederdrückende Befangenheit, von welcher sie angesichts der hundertköpfigen, glänzenden Zuhörerschaft ergriffen worden war, rasch überwunden, die gluthvolle Wärme der Dichtung hatte sie schon nach den ersten Versen heiß und ungestüm mit sich fortgerissen, und ohne jedes leere theatralische Pathos, doch desto eindringlicher und zu Herzen gehender hatte ihre schöne, wohllautende Stimme den mäßig großen Raum erfüllt. Als sie am Arme des Herrn von Boretius in ihrem einfachen weißen Gewande von dem kleinen Podium herabstieg, machte sie die freudige Erregung über das Gelingen des kühnen Wagnisses, welche ihre zarten Wangen lebhafter röthete, so holdselig und lieblich, daß ein Murmeln der Bewunderung durch die Reihen der aristokratischen Versammlung ging und daß der noch einmal mit vermehrter Wärme hervorbrechende Beifall sicherlich viel weniger der Kunst der Sprecherin als ihrer siegreichen Schönheit galt.

In dem Nebenzimmer, wohin Boretius unter vielen überschwenglichen Lobeserhebungen Marie geleitete, sah es bunt genug aus. Nicht nur die vornehmen Dilettantinnen, welche in dem Konzert mitwirken sollten, sondern auch die kostümirten Verkäuferinnen hatten sich dort versammelt, und es schwirrte, flüsterte und kicherte in freudiger, erwartungsvoller Spannung wie hinter den Coulissen einer großen Bühne, auf welcher ein glänzendes Ausstattungsstück in Scene gehen soll.

Cilly von Brenckendorf, die nie zuvor so reizend ausgesehen hatte wie in ihrer koketten spanischen Tracht, eilte auf ihre Base zu und küßte sie auf beide Wangen.

„Ich habe an der Thürspalte gestanden und habe alles gehört,“ rief sie. „Tausend Glückwünsche zu Deinem großartigen Erfolg! Ich glaube, wenn Du heute abend die Julia im Schauspielhause spielen müßtest, es kostete Dich nicht mehr als eine halbe Stunde der Vorbereitung.“

[426] „Sie haben in der That ein bewunderungswürdiges Talent, Fräulein von Brenckendorf,“ sagte die Gräfin Hainried, welche neben Cilly gestanden hatte. „Als mir Engelbert gestern abend von Ihrem Vorhaben sprach, bezweifelte ich aufrichtig, daß es möglich sei, es zur Ausführung zu bringen.“

Sie hatte mit vollkommenster Höflichkeit gesprochen, aber in dem Blick, der ihre Worte begleitete, war ein unverkennbarer Ausdruck boshaften Spottes. Stolz und kalt sah ihr Marie in das Gesicht.

„Viel zu viel Anerkennung für eine so unbedeutende Leistung!“ sagte sie frostig, und zu Cilly gewendet, fügte sie hinzu: „Es ist wohl Zeit, daß ich mich für den Bazar umkleide. Wolltest Du mir nicht ein wenig behilflich sein?“

„Gewiß, mein Herz! Drüben in dem Zimmerchen liegt alles bereit, und Chériette ist auch da, um uns zur Hand zu gehen.“

Marien hätte unter solchen Umständen des Beistandes ihrer Base für den Kleiderwechsel wohl kaum bedurft; aber sie gab sie noch nicht frei, und noch ehe sie mit ihrem Anzug ganz zu Ende gekommen war, schickte sie die Zofe mit einigen Dankesworten nach Hause.

Während sie vor dem Spiegel mit dem Ordnen ihres Kopfputzes beschäftigt war, fragte sie scheinbar gleichmüthig:

„Die Gräfin Hainried bediente sich einer recht vertraulichen Ausdrucksweise, als sie von Deinem Bruder sprach. Ist sie wirklich so eng mit ihm befreundet?“

„Das will ich meinen!“ lachte Cilly ahnungslos. „Und Du willst mich doch wohl nicht im Ernst glauben machen, daß Du noch nichts gemerkt hättest? Sie sind ja seit gestern mit einander verlobt!“

Todtenbleich und mit gleichsam versteinten Zügen starrte Marie ihr eigenes Bild aus dem Spiegel entgegen. Es war gut, daß sie Cilly den Rücken zuwandte, denn diese Veränderung in ihrem Aussehen hätte auf der Stelle zur Verrätherin ihres Geheimnisses werden müssen.

„Verlobt?“ wiederholte sie, all ihren Stolz zu trotziger Gegenwehr zusammenraffend und doch vor dem fremden Klang ihrer eigenen Stimme erschreckend. „Und das ist wirklich wahr?“

„Gewiß ist es wahr! Wie sollte ich dazu kommen, Dir ein Märchen zu erzählen! Schon auf unserer Abendgesellschaft war es so gut wie ausgemacht, und gestern wäre das Verlöbniß bereits öffentlich verkündet worden, wenn nicht Engelbert gewünscht hätte, daß man den Geburtstag der Gräfin, der am fünften des nächsten Monats ist, dafür wähle. Ich war offen gestanden anfänglich nicht sehr entzückt, denn die Gräfin und ich, wir waren niemals sehr enge Freundinnen. Aber sie ist jetzt sehr nett gegen mich, und am Ende macht Engelbert doch eine vortreffliche Partie.“

„Eine vortreffliche Partie!“ klang es wie mit schneidendem Hohn in Mariens Herzen nach. In diesem Augenblick fühlte sie etwas wie wirklichen Haß gegen ihre anmuthige junge Verwandte, die mit dem reizendsten Kinderlächeln im Tone eines Banquiers von der Verlobung ihres Bruders sprechen konnte. Ein unsäglicher Ekel erfaßte sie vor dem bunten Flitterputz, in welchen sie sich da gehüllt sah, und sie erhob die Hände, als ob sie ihn wild von ihrem Leibe reißen wollte. Er war ja Trug und Lüge wie alles um sie her, und sie war dieses Lügenleben satt, o, satt bis zur Verzweiflung!

Aber sie wollte nicht zeigen, wie tödlich sie verwundet, wie schimpflich sie gedemüthigt worden sei. Ihre Hände sanken wieder herab, und ihr Antlitz war kalt und gefaßt, als sie sich gegen Cilly wandte.

„Ich habe Engelbert vorhin nicht gesehen. Wird er den Bazar heute nicht besuchen?“

„Ohne Zweifel! Nur der Dienst kann es sein, der ihn noch fernhält. Aber wie blaß Du bist, mein Lieb! Die Aufregung von vorhin fängt an, nachzuwirken. Willst Du nicht ein wenig Roth auflegen?“

„Nein! Ich denke, es wäre der Maskerade genug. Und ich bin fertig. Wenn es Dir beliebt, wollen wir zu den anderen gehen.“ – –

Das kurze Eröffnungskonzert war vorüber. Die verführerisch geschmückten Verkäuferinnen hatten ihre Plätze eingenommen, und unter den Klängen der Musik strömte die Schar der geladenen Gäste in den prächtig herausgeputzten Saal. Ein königlicher Prinz, der im besonderen Auftrage und in Vertretung des Hofes erschienen war, ließ sich an der spitze des glänzenden Zuges von zwei Vorstandsmitgliedern an den einzelnen Verkaufstischen vorüberführen, fast überall mit einigen freundlichen Worten verweilend und hier und da gegen blinkende Goldstücke irgend eine nette Kleinigkeit eintauschend.

Auch vor Mariens Platze blieb er artig grüßend stehen.

„Wenn meine Augen mich nicht betrügen, ist die schöne Friesin mir eine Verwandlung jenes holden Genius der Barmherzigkeit, der uns vorhin so tief zu rühren wußte,“ fragte er, „Baronesse von Brenckendorf – so man mich recht berichtet hat? Eine Tochter unseres vortrefflichen Generals?“

„Nicht eine Tochter, Hoheit, – nur eine entfernte Verwandte!“ erwiderte Marie ohne jede Befangenheit und mit einem Ausdruck, als gelte es, eine entwürdigende Vermuthung zu berichtigen. Ein leichtes Erstaunen malte sich auf dem Antlitz des hohen Herrn und fast unwillkürlich wandte er den Kopf nach dem General, der kaum zwei Schritte weit hinter ihm stand. Dieser aber lächelte verbindlich und heiter wie immer, und der Prinz fuhr, indem er aufs Geratewohl einen der kleinen Schmuckgegenstände aus Silberfiligran vom Tische nahm, mit unverminderter Liebenswürdigkeit fort:

„Das holde Töchterchen des treuen Friesenlandes wird mir gestatten, dies als ein Zeichen der Erinnerung zu behalten. Es wird mich jederzeit an eine der reizendsten Erscheinungen und an einen der erlesensten künstlerischen Genüsse gemahnen.“

Der Adjutant legte einige Goldstücke in die kleine Schale und der Prinz setzte seinen Rundgang fort. Zu dem Verkaufstisch Mariens aber flogen viel neidische Blicke hinüber, denn zu so schmeichelhaften Aeußerungen hatte sich der erlauchte Herr noch keiner anderen Dame gegenüber herbeigelassen.

Und es war nur eine natürliche Folge dieser Auszeichnung, daß sich auch die Käufer zu ihr mit besonderer Lebhaftigkeit drängten. Der Inhalt des kleinen Geldschälchens vermehrte sich rasch, obwohl der Ernst und die gemessene Zurückhaltung der jungen Verkäuferin nicht ganz den heiteren Gepflogenheiten solcher Veranstaltungen entsprachen.

Ein Herr in gewählter Civilkleidung, der seinen schönen, dunkellockigen Künstlerkopf sichtlich mit demselben Stolze trug wie seinen auffallend reichen Schmuck an Orden und Ehrenzeichen, trat mit dem Anstand eines Fürsten an ihren Tisch.

„Ich hatte die Ehre, dem gnädigen Fräulein vor Beginn des Konzerts vorgestellt zu werden: – Konstantin Rainer, Direktor des Schillertheaters, wenn Baronesse sich nicht mehr erinnern sollten.“

Marie neigte das Köpfchen. Sie hatte den Schauspieler wohl erkannt.

„Selbst auf die Gefahr hin, für unbescheiden zu gelten, kann ich es mir nicht versagen, Ihnen den Zoll meiner Bewunderung zu Füßen zu legen,“ fuhr Rainer fort. „Die deutsche Bühne hat wahrlich Grund, sich bitter zu beklagen, daß ein so ungewöhnliches Talent ihr für immer entzogen bleiben wird.“

Er schrieb das lebhafte Aufsprühen in Mariens eben noch so müde blickenden Augen lediglich dem Eindruck zu, welchen die Anerkennung eines so gefeierten und vielumschwärmten Mannes nothwendig auf sie hervorbringen mußte, und der Sternenhimmel auf seiner Brust schien das Licht der elektrischen Glühlampen noch stolzer und triumphierender zurückzuwerfen.

„So glauben Sie in der That, daß ich nicht ganz ohne schauspielerische Begabung sein würde?“ fragte Marie mit einer gewissen Spannung, den Theaterdirektor als den ersten von allen Käufern einer Unterhaltung würdigend. „Oder wünschen Sie nur, mir etwas Artiges zu sagen?“

Koststantin Rainer legte die Rechte auf das Herz – eine Bewegung, die seine schön geformte Hand nicht minder zur Geltung brachte als den haselnußgroßen Solitär an seinem kleinen Finger.

„Wer eine so unbegrenzte Ehrfurcht vor der Würde seiner Kunst empfindet wie ich, mein gnädiges Fräulein, der ist sicherlich wenig geneigt, ihren Namen zu erlogenen Schmeicheleien zu mißbrauchen. Auf meine Ehre: wären Sie nicht die Baronesse von Brenckendorf, sondern die Tochter eines kleinen Beamten oder einer armen Wäscherin und würden Sie sich nur für die Dauer eines einzigen Jahres meiner Leitung anvertrauen, so wollte ich Sie einer Charlotte Wolter ebenbürtig machen.“

„Ein kühnes Versprechen, mein Herr! Und wenn ich nun Lust hätte, Sie beim Wort zu nehmen?“

[427] Konstantin Rainer stutzte ein wenig; aber er war nicht der Mann, sich durch einen Scherz verblüffen zu lassen.

„So würde ich glücklich sein, Ihnen beweisen zu dürfen, daß ich kein Freund leerer Worte bin!“ erwiderte er mit galanter Verbeugung. „Und Sie, mein gnädiges Fräulein, würden wohl den Stand vertauschen, nicht aber den Rang, denn Sie wären ohne Zweifel sehr bald eine Fürstin im Reiche Thaliens.“

In der angenehmen Gewißheit, daß keine seiner Phrasen die Probe auf ihre Ehrlichkeit zu bestehen haben würde, hätte er sich ohne Zweifel zu noch schwunghafteren Versicherungen verstiegen, wenn nicht eine plötzliche Veränderung in den Mienen und in dem Benehmen der jungen Dame dem Gespräch alsbald ein Ende bereitet hätte.

An dem mächtigen Jupiterhaupte des Schauspielvirtuosen vorbei starrte Marie mit weit geöffneten Augen nach der Mitte des Saales; in ihren Mundwinkeln zuckte es, obwohl sie die Lippen fest zusammenpreßte, und ihre Brust hob sich stürmisch, als hätte sie mit einer jähen Athemnoth zu ringen.

Unwillkürlich hatte sich Rainer umgesehen, da er aber in dem bunten Bazargewühl durchaus nichts sonderlich Auffälliges wahrzunehmen vermochte, fühlte er sich durch dies plötzliche, offenkundige Vergessen seiner Anwesenheit ein wenig verletzt und zog sich mit einigen wohlklingenden Worten, die zu seinem vermehrten Verdruß ganz unbeachtet blieben, zurück.

Mariens heißer Blick aber folgte unverwandt jeder Bewegung des schlanken Dragoneroffiziers, der in Gesellschaft mehrerer Regimentskameraden den Saal betreten hatte, um sich mit sorglosester Heiterkeit in das farbenreiche Gewoge zu drängen. Sie sah, wie Engelbert seinen Vater flüchtig begrüßte und wie er dann nach rascher Umschau zu der Gräfin Hainried trat. Was er sprach, konnte sie freilich nicht vernehmen; aber die Art, wie er die Hand der üppigen Schönheit küßte, wie er sein Haupt zu ihr neigte und seine Augen in die ihrigen senkte, ließ den Inhalt seiner Worte gut genug errathen.

Und es währte lange, ehe er diese Unterhaltung beendet hatte. Vielleicht war es nur der muntere Zuruf seiner Schwester, der ihn halb wider seinen Willen dazu nöthigte. Wenigstens war sein Auftreten viel weniger sicher und sein Blick viel unfreier, als er nun zwischen den Verkaufstischen dahinschritt, mit zaudernder Langsamkeit dem Platze Mariens näher kommend.

Sie war darauf gefaßt, daß er umkehren würde, ohne mit ihr gesprochen zu haben; denn es schien ja fast undenkbar, daß er den Muth besitzen würde, jetzt vor sie hinzutreten. Aber wenn es ihn auch sichtlich nicht geringe Ueberwindung kostete, ihr Auge in Auge gegenüberzustehen, wenn er auch auf seinem peinlichen Wege wiederholt anscheinend unschlüssig verweilte, endlich sah sie seine hohe, ritterliche Gestalt doch vor sich, straff und aufrecht wie immer und sogar mit dem gewohnten, liebenswürdig leichtsinnigen Lächeln auf den Lippen.

Er war ohne Zweifel willens, sie mit irgend einer lustigen Artigkeit zu begrüßen, aber Marie hatte die Qualen der letzten Stunde in der Erwartung dieses einzigen, unausbleiblichen Augenblicks wahrlich nicht ertragen, um nun, da er endlich gekommen war, eine Fortsetzung der schimpflichen Komödie zu dulden.

Seiner Anrede zuvorkommend, sagte sie, die klaren, ernsten Augen fest auf sein lächelndes Antlitz gerichtet:

„Man erzählt mir, Du seiest im Begriff, Dich mit der Gräfin Hainried zu verloben. Ist das die Wahrheit?“

Engelbert drehte an seinem Schnurrbart und das Lächeln verschwand. Rasch und verlegen um sich blickend, erwiderte er fast flüsternd:

„Wie können wir hier von solchen Dingen sprechen! Ich bitte Dich inständig, liebste Marie –“

„Wird es Dir so schwer, mir mit einem einfachen Ja oder Nein zu antworten? Ich verlange ja nur zu wissen, ob es die Wahrheit ist!“

Ob sie ihre Stimme wirklich um ein Geringes erhoben hatte, oder ob es Engelbert in seiner Verlegenheit nur so erschien, jedenfalls hatte er die peinliche Empfindung, daß die Blicke der ganzen Umgebung auf ihn und sie gerichtet seien.

„Nun denn, wenn Du es durchaus hören willst – ja, es ist die Wahrheit!“ stieß er zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor. „Aber ich denke nicht daran, mich auf weitere Erklärungen einzulassen, wenigstens nicht an einem so unpassenden Orte.“

Er wollte sich hastig abwenden; aber er konnte damit ihre Antwort nicht verhindern, die ihn aufzucken ließ, wie wenn man ihn vor all diesen Hunderten ins Gesicht geschlagen hätte.

„Es ist mir um Deine Erklärungen nicht zu thun, denn ich habe der feigen, erbärmlichen Lüge nachgerade genug aus Deinem Munde vernommen!“

An den nächsten Tischen wenigstens mußten diese Worte unfehlbar gehört worden sein. Mit jenem geschärften Auffassungsvermögen, das sich in der höchsten Bedrängniß einzustellen pflegt, nahm Engelbert wahr, wie in der Nachbarschaft das muntere Geschwirr der Stimmen plötzlich verstummte. Es flimmerte ihm vor den Augen und es zuckte ihm in den Fäusten, als ob er irgend etwas zerreißen, zerdrücken, niederschmettern müßte. Aber er hatte doch Geistesgegenwart genug, zu bedenken, daß nur durch eine rasche, glückliche Eingebung dem unerhörten Skandal noch vorzubeugen sei.

Hart an den Tisch Mariens zurücktretend, neigte er sich vertraulich zu ihr hinüber und sagte laut genug, um ringsum verstanden zu werden: „Wenn Du Deine Rolle am Abend der Aufführung nur halb so natürlich spielst, werden wir uns um den Erfolg wahrlich nicht zu sorgen brauchen.“

Er hatte versucht, sie dabei unter den Bann seines funkelnden, gebieterischen Blickes zu zwingen; aber seine Macht über sie war zu Ende. Für einen Augenblick wohl hatte sein verwegener Schachzug Marie in einen Zustand regungslosen Erstaunens versetzt; dann aber flammte die heißeste Entrüstung hoch auf in ihren Wangen wie in ihren Augen.

„Elender!“ rief sie, ihrer selbst nicht mehr mächtig, und dann, als käme ihr plötzlich das Bewußtsein des Ungeheuerlichen, das sie gethan hatte, eilte sie, in Thränen ausbrechend, dem Ausgang des Saales zu.

Voll Erstaunen und Theilnahme näherte sich ihr in dem Nebenraum, wo noch vom Konzert her die Sesselreihen standen, ein ahnungsloses Mitglied des Ausschusses.

„Mein gnädiges Fräulein – um Gotteswillen – ist Ihnen etwas widerfahren? Fühlen Sie sich nicht wohl?“

Marie fuhr mit dem Taschentuch über die Augen und rang danach, ihre Fassung wiederzugewinnen.

„Wenn ich Sie bitten dürfte, mir meinen Mantel zu verschaffen – und eine Droschke! – Ich muß nach Hause fahren!“

Der Herr fragte nicht weiter. Er ging hinaus, um ihren Auftrag auszuführen. Marie aber, die halb ohnmächtig in einen der Sessel gesunken war, fühlte in der nächsten Minute einen weichen Arm liebkosend an ihrem Halse und einen warmen Athem an ihrer Wange.

„Mariechen, mein Liebling, was soll das bedeuten? Sage mir um alles in der Welt: was hat man Dir gethan?“

Cilly war es, die ihr gefolgt war und die sich nun mit aufrichtigster, zärtlichster Theilnahme über die Gebrochene neigte. Aber wie süß und schmeichelnd ihr auch die Stimme ihrer Base an das Ohr klingen mochte, Marie hörte es doch noch von derselben Stimme in ihrem Herzen widerhallen: „Am Ende macht er doch eine vortreffliche Partie!“ Und Cilly war ihr nur eine Feindin wie alle die anderen.

„Was man mir gethan hat?“ wiederholte sie, sich fast unsanft von der vertraulichen Umschlingung losmachend. „Frage Deine ritterlichen Brüder, wenn es Dich wirklich danach verlangt, es zu erfahren! Und bemühe Dich nicht weiter um mich – ich bitte Dich darum! Ihr sollt Euch künftig um meinetwillen so wenig Zwang auferlegen, wie Ihr es meines Bruders wegen thut! Es war thörichte Verblendung, daß ich wähnte, es könnte jemals Gemeinschaft sein zwischen Euch und uns!“

Bestürzt und ohne Verständniß blickte Cilly auf die Erzürnte. Ihre munteren Augen schimmerten feucht von aufsteigenden Thränen.

„Wenn Du mir nur erklären wolltest, was das alles heißen soll! Habe ich Dich irgendwie gekränkt, so bitte ich Dich um Verzeihung; aber ich schwöre Dir zugleich, daß es ohne mein Wissen geschehen sein muß!“

Der Herr vom Ausschuß erschien mit Mariens pelzgefüttertem Mantel auf der Schwelle. Bei Cillys Anblick zögerte er, näher zu treten, doch Marie streckte ihm die Hand entgegen.

„Ich danke Ihnen! Vielleicht haben Sie die Güte, mich bei Herrn von Boretius zu entschuldigen und zu veranlassen, daß [428] mein Tisch von einer der anderen Damen mit übernommen wird. Ich bin leider außer stande, auf meinen Platz zurückzukehren.“

„Noch einen Augenblick, Herr Baron!“ fügte Cilly mit raschem Entschluß hinzu. „Auch mir muß eine Vertreterin bestellt werden; denn ich werde meine Cousine selbstverständlich begleiten!“

Sie hatte ihre Worte durch einen herzlich bittenden Blick auf Marie unterstützt, doch diese blieb unerschütterlich.

„Du darfst die Verlegenheit der Herrschaften nicht ohne Noth vermehren,“ sagte sie kühl, „und mein Unwohlsein ist wirklich nicht so bedeutend, daß es eine Begleitung nothwendig machte.“

Die Zurückweisung war so unzweideutig, daß Cilly sich nicht wohl einer noch schärferen Ablehnung in Gegenwart des Dritten aussetzen konnte. Aber sie zeigte sich trotzdem ganz gegen ihre sonstige reizbare Art weder unfreundlich noch gekränkt.

„Wenn Du es wünschest, werde ich bleiben; aber sobald ich eine Gelegenheit finde, fortzukommen, eile ich zu Dir.“

Marie blieb ihr die Erwiderung schuldig. Sie nahm den Arm des Barons und ließ sich zu der Droschke hinunter führen. Die Fahrt bis zur Viktoriastraße schielt ihr fast unendlich, und die verwunderten Mienen der Dienerschaft bei ihrer vorzeitigen Heimkehr bereiteten ihr unerträgliche Pein. Die Thür ihres Zimmers hinter sich verschließend, entledigte sie sich des kostbaren Kostüms und packte die Kleider und Gebrauchsgegenstände, welche sie bei ihrem Einzuge in das Haus des Generals mitgebracht hatte, in ihren Koffer. Die Arbeit nahm nicht allzuviel Zeit in Anspruch; aber bei jedem Geräusch, das draußen vernehmlich wurde, horchte Marie doch ängstlich auf, als fürchtete sie, daß einer ihrer Verwandten ihr gefolgt sein könnte, um sie aufzusuchen und sie an der Ausführung ihres Vorhabens zu hindern.

Doch ihre Besorgniß erwies sich als unbegründet. Niemand kam, sie zum Bleiben zu bewegen, und niemand trat ihr hindernd in den Weg, als sie in einem einfachen Straßenkleide zum letzten Male die Treppen des Hauses hinabstieg, in welchem sie eine zweite Heimath zu finden gehofft hatte.

Um alles unnöthige Aufsehen bei der Dienerschaft zu vermeiden, hatte sie den verschlossenen Koffer in ihrem Stübchen zurückgelassen, und sie schlug nun zu Fuß die Richtung nach dem Brandenburger Thor und nach der Wohnung ihres Bruders ein.

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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 15, S. 472–479

[472] Ein glücklicher Zufall fügte es, daß Wolfgang nicht beschäftigt war, als ihm der Besuch Mariens durch seinen Diener gemeldet wurde. In der herzlichen Art seiner Begrüßung verrieth sich nicht die leiseste Empfindlichkeit darüber, daß sie seit dem halb unfreiwilligen Besuche in Cillys Begleitung seine Wohnung nicht wieder betreten hatte. Mit einem munteren Scherzwort führte er sie in sein Arbeitszimmer, und mit einer zärtlichen Bewegung strich er über ihr weiches, goldblondes Haar, als sich Marie dort wortlos und stürmisch in seine Arme warf.

„Steht es so, mein armer Liebling?“ fragte er voll inniger Theilnahme, wenn auch ohne jeden Anflug von Ueberraschung, „hat man Dir da draußen ein Leid angethan?“

Als hätte der weiche Klang seiner Stimme sie schmerzlich getroffen, richtete Marie sich auf und versuchte, sich zu fassen.

„Nein. Wolfgang, ich verdiene nicht, daß Du mir so liebevoll und brüderlich entgegenkommst,“ sagte sie. „Du sollst mich schelten und sollst mir bittere Vorwürfe machen! Um Dich habe ich ja zehnfach alles verdient, was mir widerfahren ist!“

Er legte seinen Arm um ihre bebende Gestalt und geleitete sie zu dem Sofa, auf welchem er sich an ihrer Seite niederließ.

„Es soll Dir im voraus von Herzen verziehen sein, meine liebe Marie! Wollte der Himmel, daß nie eine größere Sünde auf Erden begangen würde als die, deren Du Dich gegen mich schuldig gemacht haben magst!“

„Du kannst eben nicht ahnen, wie lieblos und wie feig, wie erbärmlich feig ich gehandelt habe. Ich habe Dich verleugnet und verrathen, ich habe schweigend geduldet, daß man Deine Ehre antastete – ja, ich war schlecht genug, Deinem Freunde hindernd in den Weg zu treten, als er die Verleumder zur Rechenschaft ziehen wollte!“

Es war, als ob sie von einem leidenschaftlichen Verlangen erfaßt wäre, sich selbst anzuklagen, als ob sie sich nicht genug thun könnte in dem Bestreben, ihm das Verdammenswerthe ihres Thuns im grellsten Lichte zu zeigen. Aber Wolfgang ließ sich durch die Rücksichtslosigkeit dieser Selbstbezichtigung nicht beirren. Etwas ernster zwar, doch noch immer mit jener milden Freundlichkeit, die seinem mannhaften Antlitz so wohl anstand, beugte er sich zu ihr herab und sagte, indem er ihre Hand ergriff:

„Wie übel muß man Dir mitgespielt haben, mein Schwesterchen, wenn Du darüber so hart und ungerecht werden kannst gegen Dich selbst! Sieh, es würde mir gar nicht schwer fallen, Dir zu antworten: was Du auch immer an mir gefehlt haben magst, es ist freudig vergeben, auch ohne daß Du mir’s beichtest! Aber ich weiß, daß ich Dir damit keinen Dienst erweisen würde. Nicht so sehr auf meine Vergebung kommt es ja an als darauf, daß Du Dir selbst verzeihst, und dazu ist ein offenes Bekenntniß sicherlich der beste Weg. Nur daß ich Dir dabei ein wenig zu Hilfe komme, wirst Du mir erlauben. Vielleicht errathe ich viel mehr, als Du vermuthest.“

Betroffen und wie von einer schmerzlichen Befürchtung erfaßt, sah sie zu ihm auf.

„Man hat Dir also erzählt –? Lothar hat mich zu seiner eigenen Rechtfertigung bei Dir verklagt?“

Verneinend schüttelte Wolfgang den Kopf.

„Niemals hat Lothar anders als mit dem Ausdrucke der Achtung und Freundschaft von Dir gesprochen. Aber der Wortlaut Deiner Anklage macht es mir leicht, auf die Natur des Vergehens zu schließen. Man hat in deiner Gegenwart von mir geredet, ohne zu ahnen, daß Du meine Schwester seist – man hat mich ein wenig verlästert, mich vielleicht einen Schwindler oder dergleichen genannt, und Du hast dazu geschwiegen – das ist alles, nicht wahr?“

„Nein, es ist nicht alles, Wolfgang, obwohl es auch so schon schlimm genug wäre! Aber ich habe mehr gethan als das! Ich habe Lothar zurückgehalten, als er seiner Freundespflicht Genüge thun wollte – mit dem Aufgebot aller Mittel, ja, fast gewaltsam habe ich ihn daran gehindert.“

[474] „So? – Und warum hast Du das gethan?“

Marie blickte starr vor sich hin.

„Weil ich einen andern schonen wollte, den ich damals höher stellte als Dich. Weil Engelbert von Brenckendorf es war, den das Eingreifen Lothars am härtesten getroffen haben würde.“

Beinahe tonlos war diese Erklärung von ihren Lippen gekommen. Voll warmen Mitleids ruhte Wolfgangs Blick auf ihrem bleichen Gesicht; aber erst nach einem kleinen Schweigen sagte er mit ruhigem Ernst: „Das war Grund genug, Marie! Auch wenn ich minder schuldig daran wäre, daß Du jener Versuchung ausgesetzt werden konntest, würde ich kein Recht haben, Dir zu zürnen. Auch Stärkere als wir sind unterlegen in dem Zwiespalt zwischen Pflicht und Liebe.“

„Liebe?“

Eine Welt von Schmerz und Bitterkeit lag in dem Ausdruck, mit welchem sie das Wort wiederholte. Dann verbarg sie plötzlich das Gesicht in den Händen, unfähig, sich länger zu beherrschen.

Sacht und liebkosend, fast mit der Zartheit eines Vaters legte Wolfgang seinen Arm um ihren Nacken.

„So viel von mir, Marie! Du hast vor allem Dein Herz erleichtern wollen von der vermeintlichen Schuld, und ich habe Dich nicht daran gehindert. Nun aber laß uns von Dir sprechen und von dem Unrecht, das man Dir gethan hat! Du hast recht gehandelt, daß Du zuerst zu mir gekommen bist!“

„Zu wem hätte ich auch sonst gehen sollen? Bist Du denn nicht der einzige Freund, den ich auf der Welt besitze?“

„Der aufrichtigste jedenfalls, mein liebes Schwesterchen! Aber nun wirst Du mir ohne Rückhalt alles sagen, nicht wahr?“

„Ja – alles!“ bestätigte sie mit festem Entschluß, und eine wie grausame Aufgabe es auch für sie sein mochte, vor einem anderen von ihrem kurzen Liebestraum und von dem kläglichen Erwachen zu sprechen, welches demselben gefolgt war, so nahm sie doch mit trotzigem Muthe die neue Demüthigung auf sich, welche für sie in diesen Bekenntnissen lag. Ohne ihre mädchenhaften Empfindungen zu schonen, berichtete sie alles, was sich seit ihrem ersten Besuche im Hause des Generals zwischen ihr und Engelbert zugetragen hatte; sie verschwieg nichts und sie suchte nichts zu vertuschen oder zu entstellen.

„Nun weißt Du alles!“ schloß sie ihre Beichte, nachdem sie auch den kurzen Auftritt auf dem Bazar geschildert hatte, „und nun ist es an Dir, mir zu sagen, was jetzt geschehen wird.“

Gegen die Polster des Sofas zurückgelehnt, hatte Wolfgang ihr zugehört, ohne sie zu unterbrechen.

„Was jetzt geschehen wird? – Nun, ehe wir davon sprechen, ist es an mir, Dir ebenfalls ein kleines Geständniß abzulegen. Wirst Du mir zürnen, wenn ich Dir sage, daß ich seit Lothars letztem Besuche diese schmerzliche Stunde mit voller Sicherheit vorausgesehen habe?“

Mit großen, erstaunten Augen wandte sich ihm Marie zu. Ein dunkles Roth stieg ihr langsam in die Wangen.

„Also hat er dennoch den Angeber bei Dir gemacht? – 0, das ist schändlich – schändlich!“

„Ich vermag in dem, was Lothar gethan hat, wahrhaftig nichts Schändliches zu erblicken, Marie! Er hat gewiß nicht spionirt; aber Du und Engelbert, Ihr habt es ihm wahrscheinlich sehr leicht gemacht, Euer Geheimniß zu errathen. Und daß er dann mit seiner Entdeckung zu mir kam, geschah vollends in der rechtschaffensten Absicht von der Welt. Er wußte, daß der General zu Eurer Vereinigung niemals seine Zustimmung geben würde, und er wußte auch, daß Engelbert nicht der Mann wäre, sich einem väterlichen Machtwort mit Festigkeit und Entschiedenheit zu widersetzen. Und weil er bei dieser Kenntniß der betheiligten Personen das Ende Deines Romans nur zu gut voraussah, wandte sich Lothar an mich, um meine brüderliche Einmischung zu fordern. Ich sollte Dich warnen und sollte meinen ganzen Einfluß aufbieten, Dich zum Verlassen des Hauses zu bewegen.“

„Mich zum Verlassen des Hauses zu bewegen – ja, das glaube ich gern! – Und was hast Du ihm darauf geantwortet?“

„Ich habe ihm geantwortet, daß ich von der Berechtigung seiner Besorgnisse zwar vollkommen überzeugt sei, daß ich mich aber jeder Einwirkung auf Dein Thun und Lassen enthalten würde, so lange Du die Mittel besäßest, Dich selbst zu schützen. Du bist ja kein Kind mehr, und ich habe drüben in Amerika gelernt, die persönliche Freiheit hochzuhalten. Ein kleiner Kummer, den wir der eigenen Thorheit zu danken haben, ist jedenfalls viel leichter zu ertragen und viel heilsamer für unser künftiges Leben, als der willkürliche Eingriff eines anderen in unser gutes Recht der Selbstbestimmung.“

Vielleicht klangen seine Worte zu wohl überlegt und zu kühl verständig, als daß sie auf Mariens schmerzlich erregtes Gemüth hätten eine wahrhaft wohlthuende Wirkung ausüben können. Sie sah eine Weile still vor sich hin, ehe sie mit leisem Kopfschütteln erwiderte: „Es wäre wohl auch umsonst gewesen, denn ich hätte Dir ja sicherlich nicht geglaubt, was ich meinen eigenen Augen nicht ohne weiteres glauben wollte. Doch es ist müßig, von dem zu sprechen, was unter anderen Umständen hätte geschehen können! Nur das, was jetzt geschehen wird, sollte uns kümmern.“

„Gewiß! Und ich meine, es wird uns nicht viel Kopfzerbrechens machen, darüber ins Reine zu kommen. Natürlich bleibst Du jetzt bei mir.“

„Du mißverstehst mich, Wolfgang! – Nicht mein künftiges Schicksal ist es, das mir Sorge macht, und eine andere Art von brüderlichem Beistand hatte ich von Dir erwartet. Muß ich fürchten, daß Du ihn mir verweigerst?“

„Welch ein Zweifel, Marie! Doch was verlangst Du, daß ich thue? Soll ich hingehen, von dem Vetter Engelbert zu fordern, daß er seine Verlobung mit der Gräfin Hainried aufhebe, um Dir sein Versprechen zu halten und Dich zum Altar zu führen?“

„Niemals! Wenn er mich jetzt auf den Knieen anflehte, seine Gattin zu werden, so würde ich keine andere Antwort für ihn haben als einen Ausdruck des Widerwillens und der tiefsten Verachtung.“

„Genau so habe ich es erwartet! – Aber da Du keinen Anspruch mehr erhebst auf seine Liebe und auf seine Hand, welche andere Genugthuung ließe sich dann noch von ihm verlangen?“

Ein Ausdruck naiven Erstaunens trat auf ihr Gesicht.

„Und das kannst Du fragen? Du, der deutsche Edelmann und ehemalige Offizier, kannst mich, ein Mädchen, danach fragen?“

„Soll ich ihn etwa auf Degen oder Pistolen fordern in dem abgeschmackten Wahn, daß eine Nichtswürdigkeit durch eine Narrheit wieder gut gemacht werden könnte? Nein, mein liebes Schwesterchen, gegen eine flotte Schlägermensur mit Binden und Bandagen habe ich zwar im Grunde wenig einzuwenden; ein Zweikampf mit tödlichen Waffen aber und zwischen Männern, die über die Studentenjahre hinaus sind, ist ein verbrecherischer Unsinn, der für vernünftige Leute unseres Schlages gar nicht erst in Frage kommen sollte. Würdest Du Dich denn getröstet fühlen oder Deine Ehre für wiederhergestellt erachten, wenn Du mich morgen mit durchschossener Stirn vor Dir liegen sähest?“

Obwohl er die letzten Worte in einem fast scherzenden Ton gesprochen hatte, wirkte das Bild, das sie vor Mariens Phantasie heraufbeschworen, doch so furchtbar und erschreckend auf sie ein, daß sie ihm in tiefer Beschämung beide Hände entgegenstreckte.

„Vergieb mir, Wolfgang! Die Vorstellung, daß Du Engelbert fordern würdest, war mir bis zu diesem Augenblick so selbstverständlich erschienen, daß ich mir der Herzlosigkeit dieser Zumuthung wahrhaftig nicht bewußt geworden war. Aber Du hast recht: die Gesetze der Ehre sind zu grausam, als daß man ihnen immer und überall Genüge tun dürfte.“

Sie war aufgestanden, doch Wolfgang nahm ihre Hand und zog sie sanft auf den Sitz zurück.

„Die Gesetze der Ehre? – Verstehen wir uns denn noch immer so wenig, meine liebe Marie? Ist die Welt, in der man Dir so schnöde mitspielen konnte, auch heute noch die Welt Deiner Ideale? Hat Dich selbst diese harte Schule nicht zu lehren vermocht, wieviel Herzlosigkeit, Feigheit und schnöde Selbstsucht sich auch hinter all dieser blinkenden Ritterlichkeit und hinter dem stolzen Gerassel mit fleckenlosen, adligen Wappenschildern zu bergen weiß?“

„Könnte es Dir denn Genugthuung bereiten, Wolfgang, wenn es so wäre?“

„Genugthuung – nein! Dazu war der Preis, den Du für diese Erfahrung zu zahlen hattest, denn doch zu hoch! Aber daß Du nur mit Hilfe mancher herben Enttäuschung aus dem unheilvollen Zwiespalt zu erlösen sein würdest, in welchem ich Dich bei meiner Rückkehr traf, das, meine liebe Marie, war mir allerdings von vornherein nicht zweifelhaft.“

[475] „Ich verstehe Dich nicht mehr, Wolfgang! Aus einem Zwiespalt, von dem ich selber nicht das Geringste bemerkte?“

„Würden wir Menschen denn so oft geradeswegs in unser Unglück rennen, wenn wir rechtzeitig bemerkten, auf einer wie verderblichen Bahn wir uns befinden? Und glaube mir, mein Liebling: Du warst bedenklich nahe daran, Dich in der absichtlich gewählten Einsamkeit Deines elenden Stübchens bei Deinen schlecht bezahlten Malereien in ein tief unglückliches Dasein hineinzuleben. Nicht durch Deine Schuld – denn Du warst eben erzogen worden für eine Gesellschaft, die da meint, über der großen Menge der Menschen zu stehen, und die sich darum das Recht nimmt, diese Menge zu verachten. Alle Deine Gedanken und Lebensanschauungen wurzelten in dem Boden dieser Erziehung, und wie wohlthätig auch eine angeborene Herzensgüte Deinen aristokratischen Hochmuth dämpfen mochte, er war darum doch in nur zu entschiedener Ausprägung vorhanden. Du schüttelst den Kopf und siehst mich beleidigt an – Du glaubst mir alsa nicht! Nun wohl, so gieb mir ehrliche Antwort auf einige ehrliche Fragen: Warum machtest Du gerade das geringste und unvollkommenste Deiner Talente für den Broterwerb nutzbar, wenn nicht in dem hochmüthigen Irrthum, daß es Dir nicht anstehe, Dich gleich der ersten besten Bürgerstochter in der abhängigen Stellung einer Erzieherin oder eines Wirthschaftsfräuleins durch die Welt zu schlagen? Warum gabst Du Dir so wenig Mühe, Deine Entrüstung über die von mir getroffene Berufswahl zu verhehlen, und warum lehntest Du es ohne Besinnen ab, meinem Hauswesen vorzustehen? – Sieh, ich erinnere Dich gewiß nicht an diese Dinge, um Dir einen Vorwurf daraus zu machen, denn Du dachtest und handeltest eben nur, wie Du es von Kindheit auf gelehrt worden warst. Aber Du mußt mir glauben, daß es mich aufrichtig schmerzte, Dich in so gefährlicher Verblendung zu wissen. Wer sich völlig unabhängig von den Menschen fühlt, der mag es ja wagen dürfen, sie ungestraft zu verachten. Wer aber mitten im großen Strome dahintreibt, allen Stürmen preisgegeben und stündlich darauf angewiesen, nach der Hand eines lieben Nächsten zu haschen, um sich an ihr mit genauer Noth über Wasser zu halten, der hüte sich vor der Hoffahrt als vor der verderblichsten aller Thorheiten. Ob er sich den Haß oder den Spott der anderen zuzieht, in jedem Falle wird er sehr bald unglücklich und einsam sein. Was die Menge an den Großen und Mächtigen ehrfürchtig anstaunt und bewundert, das erscheint ihr bei ihresgleichen nur zu oft verdammenswerth oder verächtlich – und ihresgleichen ist ihr jeder, der mit der gemeinen Noth des Lebens zu ringen hat wie sie. Den Hochmuth des Fräuleins von Brenckendorf, das in einer wappengeschmückten Equipage dahinsaust, mag sie vollkommen begreiflich finden – für den Hochmuth des Fräuleins von Brenckendorf aber, das sie mühselig um das tägliche Brot arbeiten sieht, würde sie sicherlich nur Hohn und offenkundige Geringschätzung haben.“

„Und warum, wenn Du dies alles erkanntest, warum hast Du es mir nicht schon damals gesagt?“

„Weil Dir meine Worte nicht den geringsten Eindruck gemacht haben würden, liebste Marie! – Wenn es ein Mittel gab, Dich vor so verfehltem und verbittertem Dasein zu bewahren, so war es einzig der Versuch, Dir die Welt Deiner Träume und Wahnbilder einmal im nüchternen Lichte der Wirklichkeit zu zeigen, Dich durch eigene Erfahrung zu überzeugen, daß Lauterkeit des Charakters und Größe der Gesinnung mit adliger Abstammung so wenig nothwendig verbunden sind als Ehrlosigkeit und feige Schwäche mit niedriger, ruhmloser Herkunft. Wie die Dinge sich jetzt gestaltet haben, muß ich freilich zugeben, daß es ein gefährlicher Versuch war und daß ich vielleicht besser gethan hätte, ihn nicht zu wagen.“

Verständnißlos starrte ihn Marie an; dann aber ergriff sie mit einer heftigen Bewegung seinen Arm.

„Ein Versuch, den Du unternommen hast, Du? – Ja, um Gotteswillen, was soll denn das heißen?“

„So ist Dir niemals eine Ahnung gekommen, wem Du die freundliche Einladung des Generals zu danken hattest? So hast Du nie etwas Auffälliges in der plötzlich erwachten Theilnahme unserer lieben Verwandten gefunden?“

Wie von einem furchtbaren Schlage getroffen, senkte Marie das Haupt.

„Sage mir alles, Wolfgang!“ bat sie mit matter Stimme. „Jetzt darfst Du mir nichts mehr verschweigen!“

Und er berichtete ihr in der That getreulich von seinem einzigen Besuche bei dem General und von dem seltsamen Vertrag, welcher damals zwischen ihnen geschlossen worden war.

„Hättest Du Dich in jenen Kreisen dauernd wohl befunden, meine liebe Marie, so würdest Du aus meinem Munde nie erfahren haben, welche Bewandtniß es mit der liebevollen Fürsorge Seiner Excellenz für die Tochter des armen Jugendfreundes hatte. Meine Rechnung wäre dann einfach falsch gewesen, und im Anblick Deines Glückes hätte ich die Erkenntniß meines Irrthums wahrlich leicht verschmerzt. Jetzt aber mußt Du freilich zu allem anderen auch noch diese Enthüllung in Kauf nehmen. Du mußtest erfahren, weshalb ich mich meines Adels entäußerte und weshalb Engelbert von Brenckendorf es wagen durfte, mich vor seinen Freunden zu verleugnen.“

Er war offenbar einer wohlüberlegten Absicht gefolgt, aber es hatte ganz den Anschein, als ob die Wirkung seiner Mittheilungen eine wesentlich andere sei, als er es erwartet hatte. Marie war todtenbleich geworden, und als er sich nun aufs neue ihrer Hand bemächtigte, lag dieselbe eiskalt in der seinigen. Wolfgang wartete ruhig auf ihre Erwiderung, obwohl Minuten vergingen, ehe sie, all ihre Kraft sichtlich mühsam zusammenraffend, sagte:

„Du hast es gewiß gut mit mir gemeint, und das Opfer, welches Du mir gebracht hast, ist viel größer, als ich es um Dich verdient habe. Ich danke Dir dafür; aber Du siehst nun wohl selber ein, daß es besser gewesen wäre, den Versuch zu unterlassen. Du hattest eben nicht daran gedacht, eine wie unwürdige Rolle ich in den Augen des Generals und seiner Angehörigen spielen mußte, nachdem ich infolge solcher Abmachung in sein Haus gekommen war, – Du hattest die Demüthigungen nicht vorausgesehen, die mir unter solchen Umständen früher oder später unfehlbar beschieden sein mußten, und – doch genug, es könnte den Anschein gewinnen, als ob ich Dir Vorwürfe machen wollte, und das ist sicherlich nicht meine Absicht. Noch einmal: ich danke Dir – auch für Deine Offenheit! Und nun: adieu – für heute!“

In lebhaftester Ueberraschung hielt Wolfgang noch immer ihre Hand.

„Du willst fort – jetzt? – Und die Genugthuung, welche ich Dir verschaffen sollte?“

Sie sah ihn fest an, und es war ein eigenthümliches Leuchten in ihren Augen.

„Ich selbst werde sie mir nehmen, Wolfgang – besser und vollständiger, als irgend ein Beschützer es an meiner Stelle könnte.“

„Aber Du wirst mich zuvor in Dein Vertrauen ziehen, nicht wahr? Und von nun an wird mein Haus Deine Heimath sein?“

Ohne Unfreundlichkeit, doch mit einem Ausdruck unerschütterlichen Entschlusses auf dem blassen Gesicht schüttelte Marie den Kopf.

„Zürne mir nicht, wenn ich Dir darauf zum zweiten Mal mit Nein antworten muß. Es ist gewiß nicht Hochmuth, der mich heute dazu bestimmt.“

„Aber der Grund? Du mußt doch irgend eine Ursache haben für solche Weigerung?“

Ein schwaches, wehmüthiges Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Vielleicht habe ich keine triftigere als der kleine Vogel, der sich vor dem neuen Käfig fürchtet, nachdem er dem alten entronnen ist. Ich weiß, Du wirst mich nicht mißverstehen! Und Du wirst mir auch künftig gestatten, mich an Dich als an meinen einzigen Freund zu wenden, wenn ich des Schutzes bedürftig bin. Ohne Groll wirst Du mir Deine Hand zum Abschied reichen, auch wenn meine Ablehnung Dich ein wenig gekränkt hat – nicht wahr?“

„Wie sollte ich Dir grollen, mein Liebling! Aber es will mir nicht in den Sinn, daß ich Dich so von mir gehen lassen soll! So sage mir wenigstens, was Du zu beginnen gedenkst!“

„Und wenn ich darüber nun mit mir selber noch nicht ganz im reinen wäre? Würdest Du nicht begreifen, daß ich dann vor allem Zeit gewinnen muß, darüber nachzudenken?“

„Ich fürchte, meine liebe Marie, Du bist in diesem Augenblick nicht ganz aufrichtig gegen mich. Aber ich will nicht in Dich dringen, mir ein Vertrauen zu schenken, das Dir nicht von Herzen käme. Daß Du nichts Verwerfliches unternehmen wirst, dessen bin ich ja – Gott sei Dank! – gewiß.“

[476] „Vielen wird es vielleicht in der That verwerflich erscheinen, Wolfgang – und auch Du wirst es möglicherweise nicht billigen. Aber Du hast mir vorhin das Recht der Selbstbestimmung zugestanden, und es kann Dich nicht kränken, wenn ich nach meinen letzten Erfahrungen nicht zum zweiten Mal einen anderen über mein Schicksal verfügen lassen möchte.“

Die Zurückhaltung, welche seit seinem Bekenntniß trotz all ihrer Freundlichkeit in Mariens Benehmen lag, that Wolfgang sichtlich weh; aber auch er ließ nichts von Gereiztheit in seinen Worten durchklingen, als er der Schwester die Hand zum Abschied reichte.

„Man muß nicht von der Minute erzwingen wollen, was nur die Stunde gewähren kann,“ sagte er zwischen Ernst und Scherz. „Die Hauptsache ist doch, daß wir einander jetzt ganz verstehen und uns, wie ich denke, nicht so leicht wieder verlieren werden. Nur eines noch: wo habe ich Dich künftig zu suchen? Denn daß Du in das Haus des Generals nicht mehr zurückkehrst, ist doch wohl selbstverständlich!“

„Ich hoffe, für die nächsten Tage ein Unterkommen bei Fräulein Engelhardt zu finden, und ich gebe Dir natürlich Nachricht, sobald ich meine Wohnung verändern sollte.“

„Dann bin ich beruhigt! – Viel Glück denn auf Deinen Weg, mein liebes Schwesterchen!“

Er geleitete sie bis an die Ausgangsthür der Wohnung und kehrte dann in sein Arbeitszimmer zurück, um vom Fenster aus der Davoneilenden mit den Blicken zu folgen, so lange er ihre schlanke Gestalt im Menschengewühl der volkreichen Straße zu unterscheiden vermochte.

„Was sie nur vorhaben mag!“ sagte er mit einem Kopfschütteln vor sich hin. „Mit der Malerei wird sie es ja schwerlich noch einmal versuchen. Doch gleichviel, was sie auch immer beginnen mag, sie wird dem Namen Brenckendorf in meinem Sinne gewiß keine Schande bereiten!“




Noch kämpften draußen über dem Häusermeer der Riesenstadt die letzten nächtigen Schatten mit dem matten Licht des anbrechenden Wintertages, als ein halbwüchsiger, mürrisch und verschlafen aussehender Kellnerbursche an die Thür des Gasthofszimmers klopfte, welches man dem letzten, erst gegen Mitternacht angekommenen Fremden zugewiesen hatte. Es mochte in Kulickes „Hotel“ nicht Sitte sein, eine besondere Aufforderung zum Eintritt abzuwarten, denn noch ehe von drinnen ein Laut vernehmlich geworden war, schob sich der Junge über die Schwelle. Er trug ein Buch unter dem Arme, das genau so schmierig und abgegriffen aussah wie jeder andere Gegenstand in diesem gastlichen Hause, und mit einem verdrießlichen Gebrumme, das vielleicht einen Morgengruß darstellen sollte, warf er es klatschend auf den Tisch.

Der Fremde, welcher durch das Klopfen nicht aus seinem tiefen Schlummer geweckt worden war, fuhr erst bei diesem Geräusch in die Höhe. Seine dunkeln Augen, die fast geisterhaft aus dem hageren und im grau-gelben Morgenlichte wahrhaft leichenfahlen Antlitz leuchteten, stierten den schmutzigen Burschen sekundenlang wirr und verständnißlos an.

„Das Bild? – Ich habe das Bild nicht! – Wer sagt, daß ich es habe?“ kam es von seinen Lippen. Der beängstigende Traum, aus welchem er emporgeschreckt worden war, mochte noch die Herrschaft behaupten über seine Gedanken. Aber der Kellnerbursche fand nichts Auffälliges in dem sinnlosen Geschwätz eines Schlaftrunkenen.

„Hier ist von keinem Bild die Rede,“ brummte er. „Sie sollen sich bloß in das Fremdenbuch einschreiben! Es wurde gestern abend vergessen.“

„Ja – so –, in das Fremdenbuch!“ wiederholte Hudetz, nun endlich zur Besinnung kommend. Mit einem Ruck warf er das schwere, einen eigenthümlich modrigen Geruch ausströmende Deckbett von sich und griff nach seinen Kleidern.

„Wünschen Sie auch Kaffee?“ fragte der Junge, der ihm mit stumpfer Gleichgültigkeit zusah. „Und wollen Sie das Zimmer für die nächste Nacht behalten?“

„Nein, das eine so wenig als das andere! Ich befinde mich nur auf der Durchreise hier und ich muß mich beeilen, weiterzukommen.“

Er hatte seinen Anzug nothdürftig beendet und trat an den Tisch, auf welchen der Kellner das schmierige Fremdenbuch geworfen hatte.

„Man muß sich also wirklich einschreiben?“ fragte er. „Die Polizei kümmert sich täglich darum?“

„Und ob sie sich darum kümmert! Aber zum Kaffeetrinken haben Sie doch wohl noch Zeit genug! Mit welchem Zuge wollen Sie denn fahren?“

Hudetz hatte die Feder in den fast völlig eingetrockneten, schlammigen Inhalt des Tintenfasses getaucht und starrte nun auf die kleinen schwarzen Klümpchen, die an der rostigen Spitze hängen geblieben waren, als hätte er niemals etwas Merkwürdigeres gesehen.

„Wie sonderbar das doch ist!“ murmelte er, die letzten Fragen des Burschen ganz überhörend. „Man weckt die Leute um dieses Fremdenbuches willen aus dem Schlafe und begnügt sich doch mit dem ersten besten Namen, den sie hineinschreiben. Sehen Sie“ – und er that einige rasche, kreischende Federzüge – „da steht der meinige; aber wer leistet Ihnen Gewähr dafür, daß es der richtige ist?“

Der Bursche las, indem er ihm über die Schulter blickte:

„Julius Patek, Kaufmann aus Budapest.“

Dann zuckte er gleichmüthig mit den Achseln.

„Mir ist es natürlich ganz einerlei, ob Sie Patek oder Schulze heißen. Einer, auf den eine Belohnung ausgesetzt ist, werden Sie doch wohl nicht sein.“

Hudetz zog den Hals zwischen die Schultern und stocherte mit der Feder in dem verstaubten Tintenfasse herum.

„Und wenn ich nun doch so einer wäre?“ platzte er nach einem kleinen Schweigest heraus wie jemand, der vergebens gekämpft hat, ein Wort zu unterdrücken, das sich ihm immer und immer wieder auf die Zunge drängte. „Sie würden es bitter bereuen, mich nicht festgehalten zu haben, wenn Sie später etwas derartiges erführen, nicht wahr?“

„Ach, Dummheiten!“ brummte der Junge, indem er sein Buch wieder unter den Arm nahm. „Also keinen Kaffee?“

„Nein! Was habe ich für das Zimmer zu zahlen?“

„Fünfzehn Groschen, und wenn Sie kein Frühstück nehmen, zwei Mark! An den Gästen, die nichts verzehren, ist uns wenig gelegen.“

Hudetz zahlte; aber nachdem der Junge ohne Dank und Gruß das Zimmer verlassen hatte, stand er eine Weile mit gesenktem Kopfe und schlaff herabhängenden Armen da, wie wenn ihm Muth und Widerstandsfähigkeit plötzlich ganz abhandengekommen wären.

„Das war das zwölfte Hotel!“ murmelte er. „Wie lange noch werde ich täglich ein anderes finden – wie lange noch?“

Draußen auf den Treppen wurde es lebendig. Der Wirth rief scheltend nach dem Kellner, und eine keifende Weiberstimme fuhr in schrillen Fisteltönen dazwischen. Hudetz netzte Gesicht und Hände mit kaltem Wasser und machte sich reisefertig. Außer dem Handköfferchen führte er jetzt noch ein kleines, flaches, viereckiges Packet mit sich, das sehr sorgfältig in Packpapier eingeschlagen und mit Bindfaden umschnürt war. Eine Weile schien er in Versuchung, es zu öffnen, als aber der Lärm draußen immer lebhafter wurde und einmal sogar eine Hand, offenbar aus Versehen, nach der Thürklinke seines Zimmers griff, knüpfte er die schon gelöste Schleife wieder zusammen und nahm das Packet unter den Arm.

Feuchtkalt schlug ihm die rauhe Morgenluft entgegen, als er auf die Straße hinaustrat, und ließ ihn in seinem dünnen Ueberröckchen fröstelnd erschauern. Er hatte es sichtlich eilig, aus der Nähe des Hauses fortzukommen, in welchem er übernachtet hatte und erst in der breiten, zu schier unendlicher Länge ausgestreckten Frankfurter Straße, durch welche um diese Morgenstunde ganze Scharen von Arbeitern mit ihren unvermeidlichen Blechkännchen zogen, mäßigte er die Hast seiner Schritte.

Es kostete ihn jetzt durchaus keine Ueberwindung mehr, die ausgetretenen Stufen zu einem jener Keller hinabzusteigen, aus deren niedrigen, kaum über dem Pflaster sichtbaren Fenstern eine so verpestete Atmosphäre auf die Straße zu strömen pflegt. Und er hatte den Kaffee im Hotel nur verschmäht, weil er sich allgemach daran gewöhnt hatte, einen kräftigeren Morgentrunk zu sich zu nehmen. Eine Frau von schier ungeheuerlichen, schwammigen Körperformen, die hinter dem Schanktisch stand, füllte ihm das Glas mit dem verlangten Branntwein; aber sie hielt es am Fuße fest, bis ihr Hudetz die Bezahlung zugeschoben hatte.

[478] „Noch einen?“ fragte sie nachher, aber er schüttelte ablehnend den Kopf.

„Später vielleicht, wenn ich wiederkomme, mir meinen Koffer abzuholen, denn ich möchte Sie bitten, ihn mir bis zum Abend aufzubewahren, Frau Wirthin.“

Die kleinen Augen des dicken Weibes musterten ihn nicht ohne Mißtrauen.

„Können Sie mir auch versprechen, daß wir keine Schererei davon haben werden? Da hängen sie einem einen Prozeß wegen Hehlerei an den Hals und schleppen einen vors Kriminal, man weiß nicht wie!“

„Sie dürfen ohne Sorge sein, Frau Wirthin! Ich habe heute morgen meine Wohnung verlassen und muß mir eine andere suchen. Soll ich dabei meine Habseligkeiten beständig mit mir herumschleppen?“

„Na, dann schieben Sie das Ding nur hier hinter den Tisch. Es wird’s ja wohl keiner wegnehmen.“

Hudetz wollte sich für ihre Gefälligkeit bedanken; aber er kam nicht mehr dazu, denn über die steile Kellertreppe herab polterten mit wüstem Lärm zwei Männer, die trotz der frühen Stunde augenscheinlich bereits ziemlich stark betrunken waren. Sie hielten sich an den Schultern umfaßt, und während der eine mit voller Lungenkraft, aber mit heiserer, mißtönender Stimme ein Soldatenlied brüllte, schrie der andere selbstbewußt und befehlend in den Keller hinein: „Wir feiern heute unsern Geburtstag, und wer nicht mitfeiert, der ist ein Lump – ein Lump, sage ich! – Heda, schöne Frau! – Cognac aufgefahren, aber vom feinsten! – Und für die ganze Bande! Ich bezahle alles – wozu hätten wir denn in der Lotterie gewonnen – nicht wahr, Gottlieb?“

„Ja, wozu – hätten wir – denn – in der Lotterie gewonnen!“ stammelte der andere, der kaum noch auf den Füßen stehen konnte. „Halt – dageblieben! – Wer da – desertirt, der – der kommt in den Ka – Kasten!“

Die letzten Worte galten dem unglücklichen Hudetz, der einen Versuch gemacht hatte, mit seinem Päckchen an den beiden Trunkenbolden vorüber die Kellerthür zu gewinnen. Der freigebige Gewinner aber hatte ihn mit beiden Fäusten an den Schultern gepackt und drückte ihn gegen den Schänktisch, daß dem Wehrlosen fast der Athem verging.

„Lassen Sie doch den Mann los!“ bat die Wirthin, die eine gewisse Theilnahme für den Fremden mit den verhärmten, klugen Zügen zu empfinden schien. „Er hat Ihnen ja nichts zu Leide gethan.“

„Und wir thun ihm auch nichts!“ meinte der erste Sprecher.

„Aber er soll mit uns ein Glas auf unsere Gesundheit trinken – das können wir verlangen, nicht wahr, Gottlieb?“

„Ja, das können wir verlangen!“ bestätigte der andere mit schwerer Zunge. „Und wer uns nicht Bescheid thut, dem schlagen wir alle – alle Knochen entzwei!“

Dabei fuchtelte er mit den Armen in der Luft herum, und seine kleinen, tückischen Augen bohrten sich in Hudetz’ blasses Gesicht. Ein Erschauern der Furcht und des Entsetzens lief diesem plötzlich über den Leib, denn nun erkannte er in dem Sprechenden jenen Strolch, welcher ihm vor einer Reihe von Wochen in der Friedrichstraße so drohend gegenübergetreten war. Und er ergab sich bereitwillig in alles, was man von ihm verlangte. Zweimal leerte er auf die Gesundheit der beiden Gesellen unter ihrem rohen Gelächter sein Cognacglas, und er würde vielleicht den Ausweg aus dem Keller nicht mehr gefunden haben, wenn die treuen Freunde nicht plötzlich ohne eigentliche Veranlassung in einen heftigen Streit miteinander gerathen wären und ihre Aufmerksamkeit infolgedessen von ihrem Opfer abgewendet hätten. Diese günstige Fügung benutzte Hudetz zur Flucht. Das verschnürte Päckchen fest an sich drückend, flog er die Treppe empor. Oben aber mußte er sich wohl eine Minute lang am Thürpfosten festhalten, weil sich alles in einem tollen Wirbeltanze vor seinen Augen drehte, und weil er die beängstigende Empfindung hatte, daß er zu Boden stürzen müßte, sobald er die Stütze fahren ließe.

Doch der heftige Schwindelanfall ging vorüber, und wenn auch mit unsicheren, schwankenden Schritten, so konnte Hudetz doch nach einer Weile die Straße hinabgehen, ohne geradezu die gefährliche Aufmerksamkeit der in hellen Haufen daherkommenden Schulkinder auf sich zu ziehen.

Trotzdem war er berauscht, wie er es nie zuvor gewesen war, mehr noch als an jenem verhängnißvollen Vormittag, da er die Wirkung des wundersamen Giftes zum ersten Male in seinem Gehirn und in seinen Nerven gespürt hatte. Und der Rausch war ihm nicht eine Wohlthat wie sonst, wo er in ihm Vergessen seiner verzweifelten Lage gesucht hatte. Statt der rosigen, hoffnungsfreudigen Stimmung, die ihm der feurige Tröster sonst wohl zu erwecken vermocht hatte, regte sich in seinem Innern heute ein dumpfer Groll – eine still glimmende Wuth, die vielleicht ein leiser Hauch zur verzehrenden Flamme emporlodern lassen konnte – ein unbestimmter, nagender Haß, dem es nur an Ziel und Richtung fehlte, um sich in Thaten umzusetzen.

Vor der Anschlagsäule an einer Straßenecke blieb er stehen, zwecklos und absichtslos nach der Art der Berauschten, lediglich weil er andere dort stehen sah, die den Inhalt eines grellrothen Zettels studirten. Die Polizeibehörde hatte eine Belohnung von dreihundert Mark ausgesetzt für die Ergreifung eines Raubmörders, auf den man seit Wochen vergebens fahndete. Obwohl ihm die Buchstaben ein wenig vor den Augen flimmerten, las Hudetz doch mit wachsender Aufmerksamkeit den Wortlaut der Bekanntmachung. Die Beschreibung des an einem alten Geldverleiher verübten Verbrechens ließ ihn trotz der grausigen Einzelheiten vollständig kalt; aber in seinem Herzen erwachte eine merkwürdige Theilnahme für den unbekannten Mörder, der ja vielleicht auch ein Gehetzter und Verfolgter gewesen war wie er selbst, ehe die Verzweiflung ihn zu dem Letzten, Aeußersten getrieben hatte. Er mochte sich wohl gleich ihm in den elendesten Wirthshäusern und Gasthöfen umhergetrieben haben, bis der letzte Pfennig seiner Barschaft verzehrt war, bis man ihn mit Fußtritten auf die Straße hinausgeworfen, ihn verhöhnt und mißhandelt hatte, obwohl er doch ein Mensch war wie die anderen und Hunger, Kälte, Schmerz empfand wie ein Mensch.

War es denn wirklich etwas so Ungeheuerliches, ein Mörder zu werden, wenn man einmal auf dieser letzten Stufe angekommen war, da, wo der Jammer anfängt, sich in Wahnsinn zu wandeln? Gab es nicht der überflüssigen Schmarotzer genug, die zu beseitigen viel eher ein Verdienst war als ein Verbrechen? Welchen Nutzen hatte denn die Menschheit zum Beispiel von diesem eleganten Modegecken, der da hart an seiner Seite stand, den goldenen Stockknopf an das spitze Kinn gedrückt und die matten, wässerigen Augen mit einem Ausdruck schlaffer Neugier auf das rothe Blatt geheftet? Hudetz konnte den brennenden Blick nicht mehr von den verlebten Zügen des Menschen wegwenden. Der fade, süßliche Fliederduft, der von dessen parfümirten Haaren und Kleidern ausging, verursachte ihm ein fast unerträgliches Unbehagen. Er haßte den Menschen um dieses widerwärtigen Duftes willen, und es zuckte ihm in den Fäusten wie von unwiderstehlichem Verlangen, ihn zu erwürgen.

Vielleicht regte sich in dem geschniegelten Herrn eine unbestimmte Ahnung von den fürchterlichen Gedanken, die in dem Hirn seines schäbigen, stier blickenden Nachbarn ihr Wesen trieben; vielleicht auch hatte der heiße Athem des ehemaligen Studenten seinen Hals gestreift; denn er wandte sich plötzlich kurz um, sah Hudetz mit einem scharfen Blick an und ging dann seines Weges, ohne das Plakat bis zu Ende zu lesen.

„Gut, daß er fort ist!“ murmelte der Geächtete, schwer athmend wie einer, der großer Gefahr entronnen ist, „gut, daß er gegangen ist, so lange es Zeit war!“

Andere Neugierige kamen und drängten ihn zur Seite. Da die polizeiliche Kundmachung seinem Gesichtskreis entrückt war, las er gedankenlos die Anzeigen der Theater und Vergnügungslokale.

Plötzlich aber rüttelte ein Name, auf den er da gestoßen war, alle seine Lebensgeister aus ihrem dämmernden Traumzustande auf.

„Schillertheater,“ wiederholte er halblaut für sich selbst, „heute: Kean oder Leidenschaft und Genie. Morgen und übermorgen: dieselbe Vorstellung. Sonntag: Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück. Vorher: Die Geschwister, Schauspiel von Goethe. Marianne: Fräulein Marie von Brenckendorf als erstes Auftreten.“

Der Name „Marie von Brenckendorf“ war mit fetten, auffallenden Buchstaben gedruckt. Der Direktor versprach sich offenbar einige Anziehungskraft von demselben.

[479] Und Hudetz starrte auf diesen Namen, als schlösse derselbe alles in sich ein, was auf dieser Welt noch Werth und Bedeutung für ihn hatte. Und eine fast wunderbare Veränderung ging in seinem Aeußeren vor. Seine zusammengesunkene Gestalt hatte sich gehoben und gestrafft, seine fahlen Wangen brannten in heißer Gluth. In all der grausamen Angst und Noth, die ihn seit dem Tode der Alten unablässig verfolgt hatte, war ja die Gestalt seiner schönen, vornehmen Zimmernachbarin nicht für einen einzigen Augenblick aus seinem Geiste verdrängt worden. Nur immer verklärter, immer überirdischer und herrlicher hatte sie sich seiner Einbildung dargestellt – immer schwärmerischer war seine Sehnsucht geworden, noch einmal den weichen Klang ihrer Stimme zu hören, noch einmal ihre strahlenden Augen und den goldigen Schimmer ihres Haares zu sehen.

Fast unwillkürlich preßte er van Eycks Gemälde, das ihn jetzt auf seinen irren Wanderungen durch die Stadt nicht für die Dauer einer Sekunde mehr verließ, inbrünstiger an seine Brust. Es war ihm ja längst zur unumstößlichen Gewißheit geworden, daß zwischen dem Madonnenideal des frommen Niederländers und zwischen Marie von Brenckendorf eine wundersame Aehnlichkeit bestehe. Nicht nur in seinen wilden nächtlichen Träumen, sondern auch in jenem neuerdings immer häufiger wiederkehrenden Zustande, wo sich ihm bei hellem Tage und bei sonst ganz klarer Besinnung merkwürdige Phantasiegebilde in die Wahrnehmung der ihn umgebenden Wirklichkeit drängten, schmolzen ihm oft die Madonna im Rosenhag und das schöne, lebendige Mädchen völlig in ein einziges Wesen zusammen, und in solchen Augenblicken war es schon mehr als einmal geschehen, daß er deutlich zu sehen meinte, wie über das Antlitz der gemalten Gottesmutter ein wohlbekanntes, gütiges Lächeln glitt, und wie ihre Lippen sich öffneten, um wohlbekannte, süße Laute zu flüstern. –

Als wäre durch ein Wunder all seine sonstige Schüchternheit und Scheu vor den Menschen von ihm genommen worden, ging Hudetz geradeswegs in das Bureau des Schillertheaters, um die Adresse des Fräuleins von Brenckendorf zu erfragen. Ohne auch nur für die Dauer einer Minute in seinem Entschlusse wankend zu werden, suchte er dann die ihm bezeichnete Wohnung auf. Es war ein stilles, altes Haus am Büschingsplatz, das er betrat. Niemand begegnete ihm, während er in den zweiten Stock emporstieg, und von den beiden Thüren, welche dort auf den Treppenflur mündeten, war die eine halb geöffnet. Man mußte in diesem Hause wenig Furcht haben vor Dieben und anderen unberufenen Eindringlingen, wenn man so sorglos zu Werke ging.

An der geschlossenen Thür war ein Porzellauschild mit der Aufschrift: Paul Tipke, Schneidermeister; auf der andern Seite aber fand sich weder ein Schild noch eine Karte.

„Hier ist es!“ sagte Hudetz laut, ohne doch für diese Gewißheit einen greifbaren Anhalt zu haben. Er wollte nach dem Glockenzuge greifen, aber er ließ die ausgestreckte Hand wieder sinken. Jetzt, wo er seinem Ziel so nahe war, gebrach es ihm plötzlich an Muth, auch noch den letzten kleinen Schritt zu wagen.

Minutenlang stand er unentschlossen, da ging über ihm im dritten oder vierten Stock eine Thür und zwei Männer kamen in lautem Gespräch die Treppe herab. Die alte Furcht, durch sein Benehmen Mißtrauen und Argwohn zu erregen, kam wieder über Hudetz. Wollte er den Nahenden unverdächtig erscheinen, so mußte er jetzt entweder herzhaft läuten oder sich unverrichteter Sache entfernen. Zu dem einen wie zu dem anderen aber fehlte ihm die Kraft des Entschlusses, und so wählte er denn ohne viel Ueberlegung den einzigen Ausweg, der ihm außer diesen beiden Möglichkeiten blieb, indem er – ohne zu klingeln, – durch die halb geöffnete Thür auf den dunkeln Vorplatz der Wohnung schlüpfte.

Die beiden Männer gingen vorüber, ohne seiner ansichtig zu werden. Hudetz aber verließ seinen Schlupfwinkel nicht wieder; denn er hatte den Klang einer Stimme vernommen, deren süßer Wohllaut ihn mit unbeschreiblichem Wonnegefühl durchschauerte und der ihn urplötzlich die ganze übrige Welt völlig vergessen ließ.

Hinter einer der drei Zimmerthüren, die auf den Gang ausmündeten, mußte sich Marie von Brenckendorf befinden, und wie er den Oberkörper ein wenig gegen die erste derselben verneigte, verstand Hudetz sogar mit voller Deutlichkeit, was sie sprach. Er dachte nicht daran, daß es unanständig sei, die Unterhaltung anderer zu belauschen, und er horchte ja auch gar nicht, weil es ihn danach verlangte, fremde Geheimnisse zu erforschen. Er wollte sie nur sprechen hören, wollte nur den melodischen Wohlklang ihrer Stimme in sich hineinsaugen mit unendlichem Behagen. Was sie sprach, galt ihm gleich. Mochte sie ihrer Aufwärterin eine Weisung ertheilen oder mochte sie die Rolle hersagen, welche sie demnächst zu spielen gedachte, – das eine würde ihn in nicht geringeres Entzücken versetzt haben als das andere.

Und er mochte wirklich meinen, daß es sich nur um eine Stelle aus einem Theaterstück handle, da er sie sagen hörte:

„Einen freundlicheren Empfang? – Nun, es mag sein, daß ich Dich höflicher oder demüthiger hätte begrüßen können in Erinnerung an die Wohlthaten, welche ich im Hause Deiner Eltern genossen habe. Aber es ist besser, daß Du mich gleich ihnen für eine Undankbare und Unwürdige hältst, als daß Du Deine kostbare Zeit in nutzlosen Bekehrungsversuchen vergeudest. Ich habe nicht erwartet, daß meine Verwandtschaft sich weiter um mich kümmern werde, und – ehrlich gesprochen, Lothar – ich habe es noch viel weniger gewünscht! Ich fordere keine Rücksichten mehr, so wenig als ich gesonnen bin, welche zu üben.“

Wie stolz sie zu sprechen wußte, wie königlich selbstbewußt! Nie hatte Hudetz sie in einem ähnlichen Tone reden hören, selbst damals nicht, als sie den Trompeter von Säckingen bemalte und ihn um seine Meinung über ihre kleinen selbständigen Kunstleistungen befragte.

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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 16, S. 500–507

[500] Hudetz kam, je inniger er den so lange entbehrten süßen Klang von Mariens Stimme auf sich wirken ließ, doch endlich zu der Einsicht, daß es sich um etwas anderes handeln müsse, als um das Studium einer Rolle; denn nun antwortete eine tiefe, ruhige Männerstimme, welche ganz gewiß nicht die Stimme eines Schauspielers war:

„Nicht auf mich oder auf meine Angehörigen sollst Du Rücksicht nehmen, Marie, aber auf Dich selbst, auf Deinen Ruf und Deine Zukunft. Ich habe Deinen Namen auf den Anschlagzetteln eines Theaters gelesen und –“

„Und es hat Dich mit tiefem Entsetzen erfüllt, nicht wahr – obwohl Du doch sonst so frei bist von kleinlichen Vorurtheilen?“ fiel sie ihm ins Wort. „Irgendwo ist also auch für Dich die Grenze, über welche man einen adeligen Namen, Deinen Namen wenigstens – nicht tragen soll?“

„Du mißverstehst mich, wie Du mich leider schon mehr als einmal mißverstanden hast. Ich schätze die Schauspielkunst keineswegs gering, und ich würde mir nicht das Recht nehmen, Dich zu warnen, wenn es eine reine, heilige Kunstbegeisterung wäre, die Deinen Entschluß bestimmt hat – wenn Du einem unwiderstehlichen inneren Zwange gehorchtest, wie ihn wohl das Genie empfinden mag – ja, wenn Du auch nur eine Aussicht hättest auf jene rauschenden und berauschenden Erfolge, die wenigstens für flüchtige Stunden über die Bitternisse und Erniedrigungen eines Schauspielerinnendaseins hinwegtäuschen können.“

Hudetz athmete rascher; sein lauschendes Ohr lag fast an der Spalte der schlecht schließenden Thür, denn nun plötzlich war eine leidenschaftliche Theilnahme an dem Inhalt der Unterredung, da drinnen stattfand, über ihn gekommen. Wer war der unsichtbare Sprecher, der es wagen konnte, seiner Madonna solche Dinge zu sagen? Aber wer es auch sein mochte, und woher immer sich seine Rechte schrieben – jedenfalls war es [502] gewiß, daß er ihn schon nach diesen Worten haßte, bitterlich, unversöhnlich, tödlich haßte!

Sekundenlang war es drinnen still. Konnten die Beleidigungen des Unverschämten ihr wirklich solchen Eindruck gemacht haben? Fürchtete sie sich vielleicht gar vor ihm, daß sie es nicht wagte, ihm nach Gebühr zu erwidern? O, wenn er ihr nur hätte ein Zeichen geben können, daß sie einen Beschützer in der Nähe habe, einen Freund, der bereit war, das Aeußerste zu thun, wenn es ihr zum Heile dienen konnte!

Da – nun endlich sprach sie, aber sie sprach mit gedämpfter Stimme, unsicher und beinahe zaghaft.

„Von alledem also soll ich Deiner Meinung nach nichts besitzen! Nicht einmal das bescheidene Talent, das wenigstens die Möglichkeit eines Erfolges offen ließe! Nun wohl, vielleicht hast Du recht! Aber wenn es weder die Begeisterung für die Kunst noch der unwiderstehliche Drang des Genius war, was mich zum Theater geführt hat, so muß es wohl eine andere, schwerwiegende Veranlassung gewesen sein – ein Beweggrund, der mächtiger und zwingender war als jene.“

„Und kannst Du zweifeln, daß ich ihn errieth – in demselben Augenblick errieth, als ich Deinen Namen auf dem Komödienzettel las? Nicht um der Kunst willen und nicht um Dir aus eigener Kraft Dein Leben zu gestalten, thatest Du diesen verhängnißvollen Schritt, sondern Du thatest ihn, um eine unerhörte Beleidigung auf unerhörte Weise zurückzuzahlen – Du thatest ihn, weil Du wußtest, daß Du meinen Vater und sein Haus nicht empfindlicher treffen könntest als mit diesem Schlag.“

„Und dürftest Du mit mir rechten, wenn dies die Wahrheit wäre? – Ja, man hat mir im Hause des Generals von Brenckendorf, unter seinen Augen wie unter den Deinigen, eine unerhörte, eine tödliche Beleidigung zugefügt, und da niemand seine Hand erhoben hat, den Schimpf zu rächen, den man einem vertrauenden, wehrlosen Mädchen angethan hat, wer wollte es mir wehren, nun selbst Vergeltung zu üben? Es ist ja nichts Unrechtes, kaum etwas Unweibliches, was ich damit thue. Ich denke nicht daran, Euren Weg zu kreuzen, und ich werde Euch gewiß nicht hindern, mich zu verleugnen, wie Ihr meinen Bruder verleugnet habt.“

„Aber Du weißt sehr wohl, daß von solcher Verleugnung nicht die Rede sein konnte, nachdem Du nicht nur den Besuchern unseres Hauses, sondern fast der ganzen Berliner Gesellschaft als eine nahe Verwandte meines Vaters bekannt geworden bist. Herr Constantin Rainer, der Dir allem Anschein nach so bereitwillig den Weg auf die Bühne seines Theaters geebnet hat, wußte gut, wo dabei der Vortheil für ihn liegen würde. Am Tage Deines ersten Auftretens werden das Parkett und die Logen des Schillertheaters ohne Zweifel überfüllt sein von jenen guten Bekannten, die an dem Ungemach ihrer lieben Freunde einen noch viel fröhlicheren Antheil nehmen als an ihrem Glück. Mit eigenen Augen wird jeder einzelne sich überzeugen wollen, daß die Schauspielerin, welche ihren Namen mit gespreizten Buchstaben in den Zeitungen und an den Straßenecken bekannt machen ließ, dieselbe Baronesse Marie von Brenckendorf ist, der man noch vor wenig Wochen in den vornehmsten Salons von Berlin seine Huldigungen darbrachte. Man wird flüstern und zischeln, und die Geschichte von einem peinlichen Vorgang auf dem großen Wohlthätigkeitsbazar wird in hundert neuen Wendungen und mit hundert neuen Erläuterungen von einem hämischen Munde zum andern gehen. Und mein Vater, mein Bruder, meine Schwester, sie werden während der folgenden Tage und Wochen in tausend unschuldigen Fragen, tausend harmlosen Anspielungen unzählige von jenen schmerzhaften Nadelstichen empfangen, die unerträglicher sind als ein tief gehender Schwertstoß. Was könnte ihnen da alles Verleugnen und Beschönigen frommen? Du wirst Deine Rache haben, grausamer und vollständiger, als irgend ein Mann sie statt Deiner nehmen könnte.“

„Soll ich Mitleid haben mit denen, die ohne Mitleid waren für mich? Ihr Hochmuth hat mich in den Staub getreten – sollte es mich nicht freuen, sie gerade in ihrem Hochmuth getroffen zu sehen?“

„Nein, es sollte Dich nicht freuen, Marie,“ klang es ernst und fest zurück, „und ich weiß, daß es Dich im Grunde Deines Herzens unmöglich freuen kann. Deine Vergeltung träfe ja die Unschuldigen härter als die Schuldigen. Engelbert ist in seinem Leichtsinn fest genug gepanzert, um die kleinen vergifteten Pfeile der Bosheit und der hämischen Schadenfreude leicht von sich abzuschütteln, meine arme Schwester aber wird schwer von ihnen zu leiden haben, um so schwerer, als sie Dich aufrichtig liebt.“

„Du weißt Dich Deiner Aufgabe mit meisterlichem Geschick zu entledigen, Lothar. Dein Vater hätte seine Sache wahrlich keinem besseren Anwalt übertragen können.“

„Ich bin nicht gekommen, um meines Vaters Sache wahrzunehmen, Marie! Er weiß von meinem Hiersein so wenig als meine Geschwister, und sie werden durch mich nie davon erfahren. Was mein Bruder Dir angethan, hat auch mich mit Groll und Verachtung gegen ihn erfüllt, und ich würde keinen Finger rühren, Dich an der Ausübung Deiner Rache zu hindern, wenn nicht derselbe Schlag, welcher jene verwunden soll, Dich selber vernichten könnte. Der Weg, den Du gehen willst, ist ein Weg ins Verderben; denn die Welt der Coulissen wird niemals die Deinige werden können – niemals! Dein Bruder hat es abgelehnt, Dir hindernd entgegenzutreten, wie ich es von ihm verlangte, und ich zweifle nicht, daß er es aus den rechtschaffensten Beweggründen gethan hat. Ich aber hielt es trotzdem für meine Pflicht, Dich zu warnen, weil ich Dir so gern all das herbe Leid ersparen möchte, das Du im Begriff bist, über Dich heraufzubeschwören!“

War es der ungestüme Schlag seines eigenen Herzens, das Sausen des Blutes in seinen Ohren, das Hudetz verhinderte, ihre Erwiderung zu verstehen? Oder hatte sie wirklich so leise gesprochen, daß er ihre Worte nur wie ein undeutliches Gemurmel vernahm? Er war in einer unbeschreiblichen, verzehrenden Aufregung, in einem Zustande, der von völliger Sinnlosigkeit wahrlich sich kaum noch unterschied. Seine durch den Branntweinrausch beschränkte Denkfähigkeit und seine Unkenntniß der vorausgegangenen Ereignisse hatten ihn von dem belauschten Gespräch nur soviel mit Gewißheit begreifen lassen, daß Marie von Brenckendorf eine tödliche Beleidigung angethan worden war und daß ihr Besucher sie hindern wollte, Vergeltung für dieselbe zu üben. Das allein wäre schon mehr als hinreichend gewesen, um dem gährenden Groll in seinem Innern eine bestimmte Richtung zu geben. Aber es war noch etwas anderes da, das seine sonst so scheue, furchtsame Natur aufstachelte bis zur Raserei! Das war der warme, herzliche, ja, fast zärtliche Klang, den die letzten Worte des Unbekannten gehabt hatten, – das war die blitzartig durch sein blutüberfülltes Gehirn zuckende Vermuthung, daß jener nur danach trachte, Marie ihrer Kunst abwendig zu machen, um sie für sich selber zu gewinnen.

Es kam ihm nicht zu klarer Erkenntniß, daß es Eifersucht, leidenschaftliche, wilde, unbezähmbare Eifersucht sei, welche ihn da packte und schüttelte wie einen Fieberkranken das beginnende Delirium; er war ja überhaupt nicht mehr imstande, irgend etwas zu erkennen oder zu erwägen, Selbst die Schärfe seiner Sinne schien eine erhebliche Einbuße erlitten zu haben; denn obwohl er noch immer angestrengt lauschte, vermochte er doch nur noch einzelne, abgerissene Worte zu verstehen. Der Unbekannte war es, der jetzt fast ausschließlich sprach. Er mochte Marie die Gefahren, die Bitternisse, die unausbleiblichen Enttäuschungen schildern, denen sie sich aussetzte, wenn sie auf ihrem Entschluß beharrte – und daß sie ihm so geduldig lauschte, daß sie ihn kaum ein einziges Mal mit leisem Einwurf unterbrach, erfüllte Hudetz mit der wahnsinnigen Angst, der andere könnte ihren Widerstand wirklich besiegen, könnte sie wirklich gefügig machen für seine schändlichen Wünsche.

Aber endlich – nach einer Zeit, deren Dauer der Harrende nicht zu schätzen vermochte, weil sie ihn in seiner athemlosen Spannung eine nimmer endende Ewigkeit dünkte, – hörte er doch Marie sagen:

„Peinige mich nicht länger, Lothar! – Es ist unmöglich, ich kann nicht mehr zurück. Und ich will es auch nicht. Laß mich also unangefochten den Weg gehen, für den ich mich entschieden habe. Führt er mich wirklich in das Verderben, so wird Dein Gewissen doch jetzt beruhigt sein. Du hast mich ja gewarnt, und es war mein eigener Wille.“

„Du bist unwiderruflich entschlossen, am Sonntag aufzutreten?“

„Unwiderruflich!“

[503] „Und Du willst mir nicht einmal die schwache Hoffnung lassen, daß Du inzwischen noch anderen Sinnes werden könntest, willst mir nicht gestatten, morgen oder übermorgen wiederzukommen, um Deine letzte Meinung zu hören?“

„Nein! Es wäre nichts als die nutzlose Wiederholung einer peinlichen Scene, die uns beiden nur schmerzliche Eindrücke hinterlassen kann. Ich habe mit der Vergangenheit gebrochen, und ich möchte durch nichts und durch niemand mehr an diese Vergangenheit erinnert werden.“

„Ah!“ athmete Hudetz auf. „Nun muß er ja gehen!“

Aber der Unbekannte ging noch nicht, wenn er auch offenbar bis hart an die Thür getreten war. Nach einer sekundenlangen Pause sagte er:

„Ich ahnte freilich nicht, Marie, daß mein Anblick Dir so sehr verhaßt sei. Mußt Du diesen ehrlichen Warnungen nur darum einen so unbeugsamen Trotz entgegensetzen, weil sie aus meinem Munde kommen?“

Da klang es heftig wie aus einem schmerzgequälten Herzen, das nicht länger die Kraft der Selbstbeherrschung besitzt, zurück:

„Frage mich nicht, Lothar! Laß Dir genug sein an dem, was Du von mir gehört hast! Ich will nicht gezwungen sein, Dich für meinen Freund zu halten – ich will nicht – ich will nicht! – Glaube immer, daß ich Dich hasse! Wenn wir jetzt als Feinde scheiden, scheiden wir doch wohl für immer!“

„Ja, für immer, Marie! – Aber Freund oder Feind – ich werde handeln, wie meine Pflicht es mir gebietet.“

Die Thür knarrte und Hudetz hatte eben noch Zeit, sich in den dunkeln Winkel neben dem Schrank zu flüchten, denn ein breiter Strom hellen Tageslichtes fiel jetzt auf den Vorplatz heraus. Und inmitten dieses Lichtes, das Hudetz’ nach der langen Finsterniß geblendeten Augen wie überirdischer Glanz erschien, sah er die hohe, schlanke Gestalt seiner Madonna, das blonde Köpfchen tief gesenkt wie in bitterem Weh. Er sah, daß sie eine rasche Bewegung machte, als wollte sie den Davoneilenden halten, und daß sie dann plötzlich mit hörbarem Schluchzen das Gesicht in den Händen verbarg. Sein Athem stockte; etwas Eiskaltes rieselte ihm über den Rücken herab. Er hatte keinen Gedanken mehr, ein wildes Rauschen, Sausen und Klingen war vor seinen Ohren, und mit Anstrengung riß er die Augen auf, weil es sich plötzlich wie ein blutrother Schleier vor ihnen ausbreitete.

Eine dunkle, schattenhafte Gestalt ging mit festen, langsamen Schritten an seinem Versteck vorüber – das war er, ihr Feind, ihr Verfolger, ihr Peiniger – der Mann, den er haßte wie keinen sonst auf der Welt. Die Hände des Studenten ballten sich zu Fäusten, alle seine Muskeln strafften sich, und es überkam ihn ein Gefühl riesenhafter körperlicher Kraft.

„Tödte ihn!“ klang es ihm ins Ohr. „Tödte ihn!“ Und alles, was er jetzt mit Blitzesschnelligkeit that, schien viel weniger eine Bethätigung seines eigenen Willens zu sein, als der blinde Gehorsam gegen eine unbekannte, furchtbare Macht, welche schrankenlose Gewalt über seinen Geist und seinen Körper gewonnen hatte.

Kaum zwei Sekunden, nachdem sich die Thür des Zimmers aufgethan hatte, hielt er das Heft seines geöffneten Taschenmessers mit brennenden Fingern umklammert; – noch einmal schien es, als wollte die Kraft ihm versagen, ehe das Entsetzliche geschah; – dann aber ein Ruck, ein Sprung, ein heiserer, unartikulirter Schrei – und noch ehe Lothar von Brenckendorf seinen Fuß hatte auf die erste Treppenstufe setzen können, fuhr die hochgeschwungene Faust mit der blinkenden Waffe auf seine Schulter nieder.

Aber die grauenhafte Absicht des Unzurechnungsfähigen wurde nicht erreicht. Lothar hatte das verdächtige Geräusch hinter seinem Rücken vernommen. Blitzschnell wandte er sich um, und wenn es auch zu spät war, dem Meuchelmörder in den Arm zu fallen und den Stoß zu verhindern, so konnte er denselben doch mit der schützend erhobenen linken Hand auffangen, fast gleichzeitig mit der kraftvollen Rechten den Hals des Angreifers packend.

Beinahe lautlos hatte sich der verhängnißvolle Zusammenprall vollzogen: nur das Messer war mit schwachem, metallisch klingendem Aufschlagen zu Boden gefallen. Hudetz stierte mit irr blickenden, verglasten Augen in das Gesicht seines Todfeindes; seine Fähigkeit zu denken schien völlig erloschen; er machte so wenig einen Versuch, Widerstand zu leisten, als zu entfliehen.

Da trat Marie auf die Schwelle ihres Zimmers, bleich, mit thränennassen Augen und einer jungfräulichen Madonna jetzt vielleicht wirklich ähnlicher als je. Sie hatte nichts von Hudetz’ unseliger Wahnsinnsthat gesehen, sie sah nur, daß Lothar die hinfällige, gebrechliche Gestalt mit eisernem Griff gefaßt hielt, und mit einem Ausdruck unwilligen Erstaunens rief sie ihm zu:

„Was soll das bedeuten? – Willst Du etwa meinen Besuchern auf solche Weise den Zutritt zu mir verwehren?“

„Deinen Besuchern?“ fragte er zurück, und die Erregung, in welche der Vorfall ihn versetzt haben mußte, verrieth sich nicht in seiner Stimme. „So kennst Du diesen Menschen? – Und Du hattest ihn erwartet?“

„Wäre ich irgend jemand Rechenschaft darüber schuldig? Aber ich bitte Dich allen Ernstes, diesem abscheulichen Auftritt ein Ende zu machen. Die Zahl meiner Freunde ist nicht so groß, daß ich ruhig zusehen könnte, wie man den aufrichtigsten und uneigennützigsten von ihnen auf der Schwelle meiner Wohnung mißhandelt und beschimpft.“

In demselben Augenblick, da sie den Meuchelmörder ihren Freund genannt, hatte Lothar ihn freigegeben.

„Gehen Sie!“ sagte er kurz und hart. „Dort hinab! – Mag Ihnen denn ein anderer das Handwerk legen!“

Und Hudetz gehorchte, wie er wahrscheinlich auch jedem anderen Befehl gehorcht haben würde. Stumm, gebeugt, mit kraftlos herabhängenden Armen, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach Marie umzusehen, schlich er die Treppe hinunter.

„Bleiben Sie, Herr Hudetz!“ rief Marie halblaut, indem sie eine Bewegung machte, als ob sie ihm nacheilen und ihn zurückhalten wollte. Aber mit ausgestrecktem Arm hinderte Lothar sie daran, weiter zu gehen.

„Mag der Elende Dein Freund gewesen sein bis zu diesem Augenblick – jetzt ist er es nicht mehr! Denn, wie Du mich auch hassen magst, Marie, Du wirst darum nicht Gemeinschaft haben wollen mit Banditen und Meuchelmördern.“

Sie sah mit starrem Blick in sein auffällig erbleichendes Gesicht.

„Was sagst Du da, Lothar? Aber es ist ja nicht möglich!“

Stumm deutete er mit der Rechten auf das am Boden liegende Messer. Ein Ausruf des Entsetzens rang sich von Mariens Lippen. Sie beugte sich nieder, um die Waffe aufzuheben; aber schon im nächsten Augenblick schleuderte sie sie wieder von sich, wie wenn sie ein ekelhaftes Gewürm in den Fingern gehalten hätte. Mit allen Anzeichen des furchtbarsten Schreckens stürzte sie auf Lothar von Brenckendorf zu.

„Blut! – Blut! – Um Gotteswillen, Lothar! Du bist doch nicht verwundet?“

„Nicht so sehr, als es in Deines ehemaligen Freundes Absicht gelegen haben mag,“ gab er ruhig zurück. „Ich fing das Messer auf, und der Stoß, der für meine Brust bestimmt war, streifte mir nur die Hand.“

Er hatte vorhin bei Mariens Erscheinen die Linke in die Tasche seines Ueberrocks gesteckt. Jetzt, da er das ungläubige Entsetzen auf ihrem marmorblassen Antlitz sah, zog er sie heraus, um sie von der Wahrheit seiner beruhigenden Versicherung zu überzeugen. Das verletzte Glied war mit Blut überströmt, und aus der tiefen, klaffenden Schnittwunde quoll noch immer ungehemmt der purpurne Lebenssaft.

Marie schrie nicht auf und sie wurde nicht ohnmächtig, aber sie erfaßte mit beiden Händen den gesunden Arm Lothars.

„Du darfst nicht gehen! – Ich lasse Dich so nicht fort! – Deine Hand muß verbunden werden – wir müssen einen Arzt holen, – o, ich beschwöre Dich, bringe mich nicht zur Verzweiflung, indem Du gehst!“

Es war nichts mehr von Haß und Feindschaft in ihrer Stimme, in ihren Augen, die mit so heißem leidenschaftlichen Flehen die Sprache der Lippen unterstützten. Doch Lothar machte sich mit sanfter Gewalt aus ihren Händen frei, und indem er die blutende Hand wieder in der Tasche verbarg, sagte er mit ernster Bestimmtheit:

„Die Wohnung einer jungen Dame ist nicht der rechte Ort für solche Hilfeleistung. Ich danke Dir für Dein Anerbieten, aber die kleine Schramme hat nichts zu bedeuten und sie wird mir auf der nächsten Sanitätswache noch früh genug verbunden [504] werden. – Lebe wohl, Marie, – da es nun einmal zwischen uns nicht mehr heißen kann: Auf Wiedersehen!“

Sie streckte die Arme aus, um ihn zu halten.

„Lothar!“ rief sie mit bebender Stimme, als er den ersten Treppenabsatz hinabgestiegen war. Aber der Assessor hatte sie nicht mehr gehört, oder er wollte sie nicht mehr hören. Sein Schritt verhallte unten auf dem Hausflur. Marie aber lehnte das blonde Haupt an den Thürpfosten und starrte dumpf und thränenlos auf ihre gefalteten Hände nieder, unbekümmert darum, daß irgend ein neugieriger Hausbewohner nur den Kopf herauszustecken brauchte, um sie so zu erblicken.


In dem getäfelten Speisezimmer der Villa des Generals von Brenckendorf standen sich am Vormittag des folgenden Tages die beiden Brüder gegenüber. Vor zehn Minuten erst war Lothar gekommen und er hatte eine geraume Weile warten müssen, bis Engelbert sich ihm zu der gewünschten Unterredung unter vier Augen zur Verfügung stellen konnte. Doch obwohl sie nur wenig Worte gewechselt hatten, schien sich bereits eine recht unbehagliche Stimmung über ihr Gespräch gelegt zu haben. Engelbert, der schon in vollständigem Dienstanzuge war, lehnte ziemlich nachlässig an dem großen Speisetisch, die Hände über dem Gefäß seines Säbels zusammengelegt und mit gerunzelter Stirn auf die Fußspitzen seiner Reiterstiefel herabblickend. Lothar stand ruhig und aufrecht vor ihm; er trug die verbundene linke Hand in einer schwarzseidenen Schlinge und unter seinen Augen lagen Schatten wie bei jemand, der einen empfindlichen Fieberanfall noch nicht ganz überstanden hat.

„Du mußt mir schon gestatten, die ganze Angelegenheit etwas sonderbar, um nicht zu sagen: lächerlich, zu finden,“ meinte Engelbert, der ein wenig mit der Erwidernng auf die letzten Worte Lothars gezögert hatte. „Von wem, wenn man fragen darf, hast Du denn den Auftrag erhalten, mich so in aller Form zur Rede zu stellen?“

„Ich nehme mir das Recht dazu als Dein älterer Bruder und als Zeuge der Beleidigung, welche Du einer Dame angethan hast.“

„Nun gut, ich will diese Berechtigung nicht weiter prüfen, denn es liegt mir gar nichts daran, eine dramatische Scene herbeizuführen. Aber Du verwechselst die Thatsachen, mein Lieber! Wenn von einer Beleidigung die Rede sein kann, so war nur ich es, der sie erfuhr. Dein Schützling hat mich auf dem Wohlthätigkeitsbazar in Gegenwart zahlreicher Personen auf eine unter wohlerzogenen Leuten geradezu unerhörte Weise beschimpft.“

„So war ihre Kritik Deiner Handlungsweise eine unberechtigte? So hatte sie keinen Grund, Deine Verlobung mit der Gräfin Hainried als eine von Dir begangene Ehrlosigkeit zu behandeln?“

„Nein, wahrhaftig, dazu hatte sie keinen Grund!“ fuhr der Offizier auf, einen keineswegs freundlichen Blick auf den unbequemen Frager werfend, „und ich möchte niemand rathen, es ihr nachzuthun. Bin ich denn dafür verantwortlich zu machen, daß sie sich in romanhafter Ueberspanntheit irgend welche unmöglichen Dinge in den Kopf gesetzt hat? Mußte ich sie etwa nothwendig heirathen, weil ich mir einige kleine verwandtschaftliche Vertraulichkeiten gegen sie herausgenommen hatte?“

„Ich weiß nicht, was Du darunter verstehst, Engelbert, aber ich fürchte, Du ziehst zu Deiner Bequemlichkeit die Grenzen weiter, als es einem Manne von Ehre gestattet ist. Marie hatte sich unter den Schutz dieses Hauses gestellt und sie durfte darum von den Mitgliedern desselben die allerzarteste Rücksichtnahme fordern.“

„Ach, bleibe mir doch gefälligst mit solchen moralischen Gemeinplätzen vom Leibe! Es ist wirklich komisch, wenn ein Stubenhocker, der die Frauen kaum aus der Entfernung kennt, sich anmaßt, Anweisungen über den Verkehr mit dem schönen Geschlecht zu ertheilen. Als wenn unseren jungen Damen an der zarten Rücksichtnahme etwas gelegen wäre! Sei versichert, daß ihnen ein flotter Bursche, der sich gelegentlich im Vorbeigehen einen Kuß stiehlt, ohne dabei gleich an Altar und Standesamt zu denken, tausendmal lieber ist als ein langweiliger Geselle, der vor lauter Rücksicht und Verehrung gar nicht bemerkt, daß sie junge Mädchen sind. Ich bin kein Fähnrich mehr, daß ich darüber von Dir Belehrungen annehmen möchte.“

„Das sind Anschauungen, die Du ohne Zweifel in Deinem Verkehr mit Damen vom Theater und vom Cirkus gewonnen hast und die dort auch ihre Berechtigung haben mögen. Dachtest Du, Marie von Brenckendorf mit demselben Maße zu messen?“

„Bah! Im Grunde ist eine wie die andere, und Du hast ja jetzt den Beweis dafür, daß der Unterschied wirklich kein so bedeutender war. Die Diskretion verbietet mir natürlich, Einzelheiten zu erzählen; aber Du darfst mir glauben, daß ich bei meinen kleinen Freundinnen aus der Manege nicht bereitwilligeres Entgegenkommen gefunden habe als hier.“

Lothar that einen Schritt auf ihn zu; in seinem Gesicht zuckte es, und seine Stimme hatte eine tiefere Färbung angenommen, als er sagte:

„Das lügst Du! Und Dein Verhalten verdient in Wahrheit keine andere Bezeichnnng, als Marie sie ihm gegeben hat.“

Engelbert fuhr aus seiner nachlässigen Stellung auf; sein Gesicht hatte sich bis über die Stirn hinauf geröthet, und er stieß mit seinem Säbel auf den Boden, daß die Gläser im Schrank erklirrten.

„Kein Wort mehr!“ rief er mit dröhnender Stimme. „Ich kann mir Deine Verrücktheiten lange gefallen lassen, weil Du nun einmal mein Bruder bist. Aber jedes Ding hat seine Grenze, und ich rathe Dir, meine Geduld und meine gute Laune nicht gar zu sehr in Anspruch zu nehmen!“

„Was geht hier vor? – Ein Streit? – Und obendrein in solchem Ton? Wollt Ihr die Dienerschaft zu Zeugen Eurer Zwistigkeiten machen?“

Mit diesen Worten hatte der General die Thür des Nebenzimmers geöffnet. Aber obwohl ihm nur Engelberts Heftigkeit den unmittelbaren Anlaß zum Einschreiten gegeben haben konnte, schienen sich doch seine vorwurfsvollen Fragen viel weniger an diesen als an Lothar zu richten. Und Lothar war es denn auch, der ihm Antwort gab.

„Ich fürchte, Vater, daß der Dienerschaft hier im Hause bereits Gelegenheit zu viel unerfreulicheren Beobachtungen gegeben worden ist.“

„Was heißt das? Willst Du nicht die Güte haben, Dich etwas deutlicher auszudrücken? Hast Du uns etwa nur darum das lang entbehrte Vergnügen Deines Besuches gemacht, um mit Deinem Bruder Händel zu suchen?“

„Es hat wirklich sehr stark den Anschein, Papa,“ mischte sich jetzt Engelbert ein. „Ich möchte um alles in der Welt wissen, wie Lothar dazu kommt, sich zum Ritter einer Dame aufzuwerfen, die früher blutwenig Vorliebe für ihn an den Tag gelegt hat, und die außerdem in dem Zahnreißer einen viel berufeneren Beschützer hätte als in ihm.“

„Das ist allerdings auch mir einigermaßen räthselhaft; aber ich wünsche nicht, in Erörterungen solcher Art hineingezogen zu werden. Die Person, von welcher da die Rede zu sein scheint, ist für mich nicht mehr vorhanden, und ich bitte mir aus, daß in meiner Gegenwart nicht weiter von ihr gesprochen wird.“

„Danach bliebe mir nur übrig, mich ohne weiteres zu entfernen. Lediglich um von ihr zu sprechen, kam ich hierher, und die kindliche Ehrfurcht macht es mir unmöglich, Vater, Dir auf Dein letztes Verbot so zu antworten, wie ich es unter anderen Umständen für meine Pflicht halten müßte.“

„Ich erhebe keinen Anspruch auf eine Ehrfurcht, die sich so sonderbar verklausulirt. Was hast Du an meinem Verhalten auszusetzen? – Nun?“

Der General war in größerer Erregung, als er sie sonst zu zeigen pflegte, selbst wenn er heftig gereizt worden war. Lothar aber sagte mit Nachdruck, indem er ihm fest und gerade in die Augen sah:

„Es erscheint mir als eine recht bequeme, aber sehr wenig ritterliche Art, Dich der Verantwortlichkeit für gewisse Dinge zu entziehen! Du mußt mir die Offenheit dieser Erklärung verzeihen; nur auf Deinen ausdrücklichen Wunsch habe ich sie abgegeben.“

„Unerhört!“ stieß Engelbert zwischen den Zähnen hervor, indem er von neuem rasselnd mit seinem Säbel aufstampfte. [505] Der General warf ihm einen mahnenden Blick zu und wandte sich dann in dem veränderten Ton einer spöttischen Höflichkeit gegen Lothar:

„Du hast mich nachgerade daran gewöhnt, in Deinen liebenswürdigen Aufrichtigkeiten nichts Ueberraschendes mehr zu finden; aber daß ich von Dir eine Belehrung über Ritterlichkeit empfangen soll, ist mir doch neu. Wie große Hochachtung ich auch vor Deiner juristischen Gelehrsamkeit habe, auf diesem Gebiet halte ich Dich keineswegs für sachverständig.“

„Mit solchen Spöttereien, lieber Vater, ist der Sache, die zu vertreten ich entschlossen bin, so wenig gedient als mit Engelberts übel angebrachter Heftigkeit. Es handelt sich weder um meine juristische Gelehrsamkeit, noch um mein Verständniß für Fragen der sogenannten Standesehre. Es handelt sich einfach um die Erfüllung einer Pflicht, zu deren Anerkennung es wahrlich nicht erst meines Eintretens hätte bedürfen sollen.“

„Das ist rund und bestimmt, aber leider nicht ganz deutlich; denn ich habe, offen gestanden, noch immer keine Ahnung von dem eigentlichen Zweck Deines feierlichen Gebahrens.“

„Desto weniger wird, wie ich hoffe, Engelbert über diesen Zweck im unklaren sein. Er ist durch Worte und Handlungen bemüht gewesen, Marie an seine Liebe glauben zu machen; er hat das Geständniß ihrer Gegenliebe empfangen, und er war somit nicht nur nach den Ehrbegriffen unseres Standes, sondern nach denjenigen aller anständigen Leute verpflichtet, sie zu heirathen. Wenn er trotzdem ein Verlöbniß mit einer anderen Dame eingehen konnte, ohne daß Marie ihm seine Freiheit wiedergegeben hatte, so ist dies Verlöbniß eben als ungültig zu betrachten. Es muß rückgängig gemacht werden, und in Mariens Händen wird dann die Entscheidung liegen, ob sie auch jetzt noch einem Manne angehören will, der ihr Vertrauen auf eine so unrühmliche Weise zu täuschen vermochte.“

Engelbert hatte während dieser klaren, in einem fast geschäftsmäßig kühlen Tone gegebenen Darlegung sein Unbehagen hinter allerlei stummen Gebärden eines mitleidigen Erstaunens zu verbergen gesucht. Als Lothar geendet hatte, zog er die Schultern in die Höhe und ging, seinem Bruder den Rücken wendend, zum Fenster, als wollte er damit andeuten, daß es unmöglich sei, auf solche Zumuthungen überhaupt zu antworten. Statt seiner erwiderte der General:

Ich weiß nicht, wie Du dazu kommst, mich für die alberne Liebelei Engelberts, von der ich natürlich keine Ahnung hatte, mitverantwortlich zu machen. Ich billige sein Benehmen in dieser Sache durchaus nicht, und er wird mir bezeugen, daß ich ihm nach jenem abscheulichen Auftritte bei dem Bazar mein Mißfallen ganz unzweideutig zu erkennen gegeben habe. Damit aber ist die Sache für mich erledigt, und ich denke, sie könnte es auch für uns alle sein. Hätte Marie nach Engelberts Verlobung ihre vermeintlichen Rechte und Ansprüche in irgend einer angemessenen Form zur Geltung zu bringen versucht, so hätte man ja allenfalls daran denken können, einen Ausgleich herbeizuführen – innerhalb gewisser Grenzen natürlich! – Sie hat es jedoch vorgezogen, sich und uns durch einen öffentlichen Skandal bloßzustellen, und hat mich damit gezwungen, aufs entschiedenste jede [506] weitere Berührung mit ihr oder mit ihrem Bruder abzulehnen. Ich wiederhole, daß eine Ehrvergessene, die meinen Familiennamen über die Bretter einer Komödienbühne schleift, für mich nicht mehr vorhanden ist, und daß ich, soweit meine Macht reicht, jedem meiner Angehörigen verbieten muß, zu ihr direkt oder durch Mittelspersonen in irgend welche Beziehung zu treten. Wie ich danach über Deine höchst – nun, sagen wir höchst idealen – Forderungen denke, brauche ich Dir wohl nicht weiter auseinanderzusetzen.“

„Und Du, Engelbert? Hast auch Du mir nichts weiter in dieser Sache mitzutheilen?“

„Nein, nicht das Mindeste! Es sei denn, daß ich Dir den guten Rath geben möchte, Dich bei Deinem Schützling um den Platz zu bewerben, auf den ich selber zu meinem Bedauern verzichten muß.“

Er hatte den Kopf halb nach ihm umgedreht und in einem leichten, spöttischen Tone gesprochen, aber als er jetzt dem Blick Lothars begegnete, ließ ihn der unverkennbare Ausdruck tiefer Verachtung, der auf dem Gesicht und in den Augen seines Bruders lag, unwillkürlich verstummen. Auch der General schien mit der herzlosen, verletzenden Art seines jüngsten Sohnes nicht ganz einverstanden zu sein, denn er zog die Brauen zusammen und räusperte sich vernehmlich. Es gab ein kleines, unbehagliches Schweigen zwischen den Dreien; dann sagte Lothar, ohne die höhnische Aufforderung Engelberts einer Erwiderung zu würdigen:

„Ich muß den Zweck meines Besuches damit wohl als erledigt betrachten. Du wirst es verzeihlich finden, Vater, wenn ich nach diesem traurigen Verlauf unserer Unterredung entschlossen bin, meinen Fuß nicht mehr über die Schwelle Deines Hauses zu setzen.“

„Wie? Du kündigst mir die Freundschaft? Um dieser koketten Person, um dieser hergelaufenen Komödiantin willen?“

Es war der plötzlichen Erregung des Generals anzumerken, wie unerwartet ihm die Erklärung Lothars gekommen war und wie empfindlich sie ihn getroffen hatte. Doch in den Mienen des Assessors prägte sich die eiserne Ruhe eines unerschütterlichen Entschlusses aus.

„Marie ist weder das eine noch das andere, Vater,“ entgegnete er, „aber ihre Tugenden und Fehler haben mit meinem Verhalten nichts zu schaffen. Ich fühle mich nur außer stande, vor den Augen der Welt die Formen brüderlichen Verkehrs zu beobachten einem Manne gegenüber, der jeden Anspruch auf die Achtung anständiger Leute verwirkt hat, und –“

„Unverschämter!“ brauste der Dragoneroffizier auf, indem er Miene machte, auf ihn loszustürzen; doch der General rief mit starker Stimme dazwischen:

„Ruhe! Nicht gerührt! – Seid Ihr denn alle beide des Teufels, daß Ihr es wagt, Euch in meiner Gegenwart in solcher Weise aufzuführen? Wenn Ihr nun einmal nicht Frieden halten könnt, so geht Euch meinetwegen aus dem Wege! Aber ich bitte mir’s ernstlich aus, daß jeder neue Skandal vermieden werde. Und ein beispielloser Skandal wäre es, wenn Du wirklich daran dächtest, Lothar, wegen dieser verwünschten Geschichte die Beziehungen zu Deinen Angehörigen in auffälliger Weise abzubrechen. Du weißt, daß wir der Familie Hainried nur mit Mühe eine halbwegs zufriedenstellende Erklärung für den Vorfall auf dem Bazar und für seine Folgen zu geben vermochten. Ein Zerwürfniß zwischen uns, dessen eigentliche Ursache man bald errathen haben würde, wäre ganz danach angethan, alle meine Bemühungen zu vereiteln.“

„Trotzdem muß ich thun, Vater, was mein Gewissen mir vorschreibt. Ich kann den Treubruch und die Ungerechtigkeit, deren man sich hier gegen ein argloses Mädchen schuldig gemacht hat, nicht dadurch stillschweigend gutheißen, daß ich in der alten Weise mit Euch verkehre. Glaubt Ihr Euch berechtigt, Marie künftighin als nicht mehr zur Familie gehörig zu betrachten, so laßt mich immerhin dieses Schicksal theilen. Ich stehe mit meiner ganzen Ueberzeugung auf ihrer Seite, nicht auf der Euren!“

Das ohnedies stets so rosige Antlitz des Generals hatte sich tief dunkel gefärbt. Eine rasche Entgegnung, vielleicht ein begütigendes oder gar bittendes Wort schien ihm auf den Lippen zu schweben; aber die Gegenwart Engelberts, der durch ein recht deutliches Gebärdenspiel seine Verwunderung über die Langmuth des Vaters zu erkennen gab, mochte ihn daran hindern, es auszusprechen. Er legte sein Gesicht vielmehr plötzlich in jene hochmüthig stolzen Falten, welche die Offiziere der ihm unterstellten Regimenter als unheilverkündend besonders fürchteten, und sagte in einem gänzlich veränderten Ton:

„Danach ist es allerdings überflüssig, daß wir noch weiter miteinander verhandeln. Du bist großjährig und meiner Unterstützung nicht bedürftig. Wenn es Dir also angemessen erscheint, Dich von uns loszusagen, so habe ich weder die Macht, noch auch länger den Wunsch, Dich daran zu hindern. – Guten Morgen!“

Er drehte sich kurz um und ging zur Thür des Nebenzimmers. Als er dieselbe bereits geöffnet hatte, rief er noch einmal scharf und befehlend zurück:

„Engelbert! – Ich wünsche auf der Stelle mit Dir zu sprechen!“

Es klang wie ein militärisches Kommando, und der Dragoneroffizier gehorchte ohne Widerstreben, obwohl der feindselige Blick, welchen er im Gehen auf seinen Bruder warf, etwas wie ein drohendes „Auf später!“ zu enthalten schien.

Lothar war allein, und wie ein Schatten tiefer Traurigkeit legte es sich über sein Antlitz, als er zum letzten Mal die Umgebung betrachtete, an welche sich so viele traute Erinnerungen seiner Jünglingsjahre knüpften. Dieser Abschied vom Elternhause mochte ihm doch ungleich schwerer und schmerzlicher sein, als es noch soeben seiner ganzen Haltung nach den Anschein gehabt hatte. Aber in der zaudernden Langsamkeit, mit welcher er nun dem Ausgange zuschritt, war doch nichts von Reue über das, was er gethan hatte.

Schon hatte er sich draußen von dem Diener den weiten Mantel, dessen er sich wegen des gebrauchsunfähigen Armes bedienen mußte, um die Schultern hängen lassen, als Cilly ihm nacheilte und sich ganz gegen ihre sonstige Art zärtlich an seine Seite schmiegte.

„Ich habe alles gehört, Lothar,“ flüsterte sie, während der Diener sich sofort zurückzog, „alles, und ich leiste Dir von ganzem Herzen Abbitte für jedes Unrecht, das ich Dir jemals in meinen Gedanken zugefügt habe. Wie muthig bist Du ihnen entgegen getreten, wie mannhaft und edel!“

Er lächelte ein wenig, und es war überraschend, wie sehr dies kleine, rasch verschwindende Lächeln sein Gesicht zu verschönen vermochte.

„Es freut mich, daß ich Deine Zustimmung habe, liebe Cilly, wenn ich auch Deine Bewunderung ablehnen muß. Und es ist mir lieb, daß ich noch Gelegenheit finde, Dir Lebewohl zu sagen.“

„Also Du gehst wirklich fort? Und Du willst nie, nie wieder zu uns kommen?“

„Ich darf nicht wiederkommen, Cilly, so lange die Umstände fortbestehen, die mich jetzt nöthigten, so unfreundlichen Abschied zu nehmen.“

„Ich kann Dir keinen Vorwurf daraus machen, denn es ist schändlich, wie sich Engelbert gegen die arme Marie benommen hat. O, ich vermag Dir nicht zu sagen, wie ich diese Gräfin Hainried jetzt verabscheue, denn sie ist mit ihren Koketterien an allem schuld, und ich bin überzeugt, daß sie sich gar keine Mühe gegeben hätte, ihn mit ihren Hexenkünsten einzufangen, wenn sie nicht bemerkt hätte, daß Marie ihn liebte. Aber ich zeige ihr auch kein freundliches Gesicht mehr; sie soll schon merken, daß ich alles durchschaut habe.“

Die hellen Thränen funkelten in den sonst so lustigen Augen, und es war nicht daran zu zweifeln, daß es ihr wirklich so ums Herz war, wie sie sprach. Liebkosend streichelte Lothar mit der gesunden Rechten über ihr lockiges dunkles Haar.

„Ich habe auch noch eine Bitte an Dich,“ fuhr Cilly zaghaft fort, „eine große Bitte, die Du mir nicht abschlagen darfst, wenn Du mich nur ein klein wenig lieb hast. Ich leide schrecklich unter der Vorstellung, daß Marie mich im Einverständniß mit Engelbert glaubt, und daß sie mich nun ebenso haßt und verachtet wie ihn. Natürlich habe ich ihr gleich, sobald ich ihren Aufenthalt erfuhr, einen langen Brief geschrieben und sie um eine Zusammenkunft gebeten. Aber der Brief ist uneröffnet zurückgekommen mit ein paar Zeilen, die so kühl und so fremd waren, [507] als wenn sie gar nicht von ihr herrührten. Woher soll ich nun den Muth nehmen, zu ihr zu gehen? Und doch muß ich sie sprechen, es koste, was es wolle. Sie darf mich nicht für schlecht und herzlos halten, und sie darf auch nicht zum Theater gehen, wo sie gewiß nur neuen Kummer erfahren würde. Nun sollst Du ein gutes Wort für mich einlegen, Lothar! Du bist jetzt ihr Beschützer, und wenn Du ihr nur recht eindringlich vorstellst, wie unschuldig ich an der ganzen Geschichte bin und wie lieb ich sie noch immer habe, so wird sie sich gewiß nicht mehr weigern, mich zu empfangen.“

Um die Lippen des Assessors zuckte es, als er erwiderte:

„Du bist leider in einem gewaltigen Irrthum, meine liebe Cilly! Ich befinde mich Marie gegenüber in derselben Lage wie Du, und keiner wäre weniger geeignet, bei ihr den Fürsprecher zu machen, als ich. Die Thür ihrer Wohnung ist mir für immer verschlossen, und ich habe nicht den mindesten Anspruch darauf, für ihren Beschützer zu gelten.“

„Steht es so zwischen Euch?“ fragte Cilly verwundert. „Das hätte ich nach Deinem vorigen Auftreten wahrlich nicht erwartet. Nun gut, dann bleibt mir nur noch ein einziger Weg, zu ihr zu gelangen, und ich werde ihn einschlagen, wie sauer es mich auch ankommen mag.“

„Und darf ich nicht erfahren –“

„Nein, nein, Lothar! Es ist besser, wenn ich das auf meine eigene Hand und meine eigene Gefahr unternehme. Du brauchst übrigens keine Sorge zu haben; denn die Gefahr dabei ist wohl nicht allzu groß. – Und nun, auf Wiedersehen! Denn das klingt doch wohl besser als das traurige Lebewohl!“

Sie drückte ihm hastig die Hand, weil sie einen sporenklirrenden Schritt in der Nähe gehört hatte, und drängte ihn mit sanfter Gewalt zum Gehen. Dann huschte sie behend auf ihr Zimmer, da sie nicht die geringste Neigung fühlte, nach diesem Gespräch mit Lothar ihrem Bruder Engelbert zu begegnen.

Sie war fertig zum Ausgehen gekleidet, als sie eine halbe Stunde später in das Zimmer der Generalin trat.

„Ich möchte ein wenig frische Luft schöpfen, liebste Mama! Du hattest doch hoffentlich nicht die Absicht, gerade heute mittag Besuche mit mir zu machen?“

Ihre Excellenz befand sich eben inmitten einer überaus wichtigen Berathung mit der rothwangigen Beherrscherin der Küche, und bei Verhandlungen so bedeutsamer Art ließ sie sich nicht gerne stören. So gab sie ihrem Töchterchen nur durch einen stummen Wink zu erkennen, daß sie nichts gegen den beabsichtigten Spaziergang einzuwenden habe, und Cilly schlüpfte eilig hinaus, froh, dem Zwang einer Nothlüge entronnen zu sein.

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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 17, S. 533–540

[533] Mit Zagen setzte Cilly eine Viertelstunde später die Pförtnerglocke des vornehm dreinschauenden Hauses in Bewegung, dessen erstes Stockwerk Wolfgang Brenckendorf bewohnte. Die bequeme Treppe konnte unmöglich die Schuld an dem ungestümen Herzklopfen tragen, welches die junge Dame beim Emporsteigen befiel, und als sie schon an der Schwelle der Eingangsthür stand, war es deutlich auf ihrem hübschen Gesicht zu lesen, wie hart sie gegen die Versuchung, noch jetzt umzukehren kämpfen mußte. Aber sie wußte ihre Beklommenheit tapfer zu überwinden, und mit ziemlich fester Stimme äußerte sie dem Diener, welcher ihr die Thür des großen Wartezimmers geöffnet hatte, ihren Wunsch, sogleich bei seinem Herrn gemeldet zu werden.

„Herr Brenckendorf ist leider augenblicklich beschäftigt,“ gab der Mann höflich zur Antwort, und ich bin streng angewiesen, mich bei der Anmeldung der Herrschaften genau an die Reihenfolge ihres Erscheinens zu halten. Wollen Sie die Güte haben, einstweilen Platz zu nehmen?“

Das klang nicht sehr ermuthigend, und der Gedanke, daß sie hier vielleicht Viertelstunden lang im Wartezimmer sich langweilen sollte, hatte für die verwöhnte Cilly etwas geradezu Empörendes. Sie sah sich um und gewahrte in einer Ecke des Gemaches einen [534] bescheiden aussehenden älteren Mann, der seiner ganzen Erscheinung nach wohl für einen Werkführer aus einer Fabrik oder für einen kleinen Handwerksmeister zu halten war. Vielleicht würde Wolfgang gar daran denken, auch diesen noch vor ihr abzufertigen! Aber es war unmöglich, daß sie das geschehen ließ!

Sie entnahm ihrem zierlichen Täschchen eine Karte und reichte sie dem Diener.

„Sagen Sie Herrn Brenckendorf, daß ich ihn nicht als Patientin, sondern in einer wichtigen und unaufschiebbaren Privatangelegenheit zu sprechen wünsche. Er wird dann gewiß eine Möglichkeit finden, mich sofort zu empfangen.“

Der Mann entfernte sich mit einer artigen Verbeugung, und wenige Minuten später trat Wolfgang wirklich auf die Schwelle.

„Guten Tag, verehrte Cousine!“ sagte er in französischer Sprache, nachdem er sich mit raschem Blick überzeugt hatte, daß sie nicht allein waren. „Sie wünschen mich auf der Stelle zu sprechen? Ist etwas so Ungewöhnliches geschehen?“

Jetzt, wo sie ihm Auge in Auge gegenüberstand, fühlte sich Cilly doch sehr verlegen. Sie fand es im Grunde sehr unartig, daß ihm die einfache Thatsache ihrer Anwesenheit nicht Veranlassung genug war, sich ihr ohne weiteres zur Verfügung zu stellen, aber sie suchte vergebens nach einer Erwiderung, welche geeignet war, ihn dies fühlen zu lassen.

„Etwas Ungewöhnliches? – Nein!“ brachte sie nur in sichtlicher Verwirrung hervor. „Aber ich glaubte dennoch – mein Besuch – der Zweck meines Kommens – es handelt sich natürlich nicht um mich, sondern um Marie – um Ihre Schwester, Wolfgang.“

„Um Marie? – Ist sie krank – oder droht ihr eine Gefahr?“

„Krank ist sie nicht, wie ich hoffe! Aber eine Gefahr droht ihr allerdings, eine große, schreckliche Gefahr! – Sie haben vielleicht keine Zeit, die Ankündigungen der Theater in den Tageblättern zu lesen –“

Ein kleines gutmüthiges Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht.

„Ist es das? Und darum sind Sie zu mir gekommen, liebe Cousine? – Nun wohl, solche Selbstverleugnung macht Ihrem Herzen wahrhaftig alle Ehre, und ich danke Ihnen aufrichtig dafür. Aber die eiserne Ordnung meiner Sprechstunden darf ich darum nicht durchbrechen. Werden Sie großmüthig genug sein, eine Viertelstunde auf mich zu warten?“

Wehe demjenigen, der Cilly noch vor einer Stunde prophezeit hätte, daß sie auf eine so unerhörte Zumuthung eingehen würde! Und wirkich war ihre erste Regung auch jetzt ein Verlangen, ihm ohne ein Wort der Erwiderung, nur mit einem niederschmetternden Blick, den Rücken zu kehren. Doch als sie das Gesicht zu ihm erhob, wollte ihr der niederschmetternde Blick durchaus nicht gelingen. Und zu ihrem eigenen Verdruß klang es kaum ein wenig schmollend, als sie nach kurzem Zaudern sagte:

„Können Sie mir denn nicht wenigstens den Mann da drüben opfern? Er sieht gar nicht aus, als ob er Ihnen Schätze einbringen würde.“

Obwohl der, von dem sie sprach, die Laute der fremden Sprache sicherlich nicht verstand, neigte sich Wolfgang doch näher an Cillys Ohr, während er ihr flüsternd antwortete:

„Gerade deshalb darf ich mich keiner Rücksichtslosigkeit gegen ihn schuldig machen, denn er würde eine Vernachlässigung naturgemäß viel schmerzlicher empfinden als die anderen. Aber ich habe auch noch andere Gründe, liebe Cousine, denen Sie Ihre Beistimmung gewiß nicht versagen werden. Dieser arme Mann kommt, um mich wegen seines leidenden Kindes zu befragen, seine Wohnung ist eine gute halbe Meile von der meinigen entfernt, und er muß die ganze Mittagspause, die ihm in der Fabrik gewährt wird, seinem Kinde zum Opfer bringen. Wollen Sie da noch immer, daß ich ihn ohne Noth Viertelstunden lang hier im Vorzimmer warten lasse?“

„Nein!“ sagte Cilly mit Bestimmtheit. „Kümmern Sie sich nicht weiter um mich und vergeben Sie mir, daß ich so kindisch ungeduldig war, Sie abrufen zu lassen.“

Wolfgang antwortete ihr nur mit einem freundlichen Blick und kehrte in sein Operationszimmer zurück, dem Arbeiter im Vorübergehen ein paar warm klingende Worte zurufend. Cilly hatte sich auf einen Stuhl ganz in der Nähe ihres schlichten Gesellschafters niedergelassen. Der Mann mit dem ehrlichen, viel durchfurchten Gesicht und den derben, schwieligen Händen war ihr plötzlich ein Gegenstand ganz besonderer Theilnahme geworden, und nachdem sie ihn eine kleine Weile schweigend betrachtet hatte, überwand sie ihre mädchenhafte Befangenheit sogar so weit, ein Gespräch mit ihm zu beginnen.

„Sie haben ein krankes Kind?“ fragte sie, „das sich in Herrn von – in Herrn Brenckendorfs Behandlung befindet?“

Ohne besondere Ueberraschung blickte der Angeredete auf und ergriff mit Lebhaftigkeit die Gelegenheit, seinem Herzen Luft zu machen.

„Ja, so ist es!“ erklärte er, „und mein August läge längst auf dem Kirchhof, wenn der ihm nicht geholfen hätte.“

In einiger Verwunderung schüttelte Cilly den Kopf. Ihr Vetter war doch nur ein Zahnarzt, und sie hatte noch nie gehört, daß ein solcher durch seine Kunst Menschenleben gerettet hätte. Mit theilnehmender Freundlichkeit erkundigte sie sich nach dem Leiden des kleinen August, und nun vernahm sie in breitester Ausführlichkeit, daß das Kind durch ein schweres Knochenleiden im Unterkiefer am Essen gehindert und dem Hungertode nahe gewesen sei, als Brenckendorf es allen hoffnungslosen Prophezeiungen berühmter Aerzte zum Trotz durch einen sinnreichen Apparat seiner eigenen Erfindung gerettet habe.

„Ach, Fräulein, das ist ein Mann!“ sagte er, und die Thränen der Dankbarkeit schimmerten hell in seinen Augen. „Fürsten und Prinzen müssen zu ihm kommen; bei uns armen Leuten aber, draußen in der Sandstraße, ist er wohl zwanzig Mal gewesen, und er hat es niemals eilig gehabt wie die anderen Aerzte, die am liebsten die Thürklinke gleich in der Hand behalten. Ach, und wenn er so dasaß und sich mit unserem August zu schaffen machte, immer liebevoll, immer geduldig, wie ungebärdig und starrköpfig sich der auch in seinen Schmerzen anstellen mochte, dann hat er uns oft im Stillen beschämt, mich und meine Alte, die wir als des Jungen leibliche Eltern viel weniger sanft und geduldig mit ihm gewesen waren. Und wie sein Gesicht glänzte, als August zum ersten Mal wieder ’was Festes essen konnte – ich sage Ihnen, Fräulein, die Hände hätten wir ihm küssen mögen! Ja, das ist ein Mann!“

Dem Töchterchen des Generals klopfte das Herz noch ungestümer als vorhin auf der Stiege. Sie fühlte sich glücklich und beschämt, als hätten die Lobpreisungen dieses einfachen Mannes ihr selber gegolten. Ja, wenn ein Zahnarzt solche Wunder verrichten konnte, dann hatte sie am Ende doch eine unzutreffende Vorstellung von seinem Beruf gehabt, und es kam ihr mit einem Male gar nicht mehr lächerlich vor, zu denken, daß ein Brenckendorf den Leuten falsche Gebisse machte.

Der Arbeiter wurde durch den Diener in das Sprechzimmer gerufen, und eine geraume Weile verging, ehe er dasselbe wieder verließ. Dann führte Wolfgang selbst seine junge Verwandte in das Gemach, das sie von ihrem ersten unfreiwilligen Besuche her noch so gut kannte. Er wollte sich noch einmal entschuldigen, aber durch eine bittende Gebärde brachte sie ihn schon nach den ersten Worten zum Schweigen.

„Nichts mehr davon, Vetter Wolfgang, wenn Sie mich nicht aufs neue in Verlegenheit bringen wollen. Es wäre ja geradezu unverzeihlich gewesen, wenn Sie vorhin meinem thörichten Verlangen nachgegeben hätten.“

Ritterlich artig, doch ohne jede unpassende Vertraulichkeit lud er sie zum Niedersitzen ein, und der feine Takt, mit welchem er sich gegen sie benahm, machte ihr das Vorbringen ihres Anliegens viel leichter, als sie selbst es vorher zu hoffen gewagt hatte.

Mit ernster Miene hörte er ihr zu, als sie ihm wiederholte, was vorhin schon Lothar aus ihrem Munde vernommen hatte. Sie wollte Marie sprechen um jeden Preis, sowohl um sich das Herz der Freundin zurückzugewinnen, als auch, um sie noch in der letzten Stunde ihrem Vorhaben eines öffentlichen Auftretens abwendig zu machen.

„Und warum sollte sie nicht öffentlich auftreten?“ fragte Wolfgang, da Cilly geendet hatte. „Nur durch eine solche Feuerprobe kann sie darüber belehrt werden, ob sie wirklich Talent zur Schauspielerin besitzt oder nicht.“

„Sie würden also am Ende gar nichts Außerordentliches darin finden, wenn Marie eine berufsmäßige Schauspielerin würde?“

„Ganz und gar nicht – sofern sie nur die genügende Begabung dazu besitzt. Ja, ich muß bekennen, daß ihr Entschluß mich mit der lebhaftesten Freude erfüllt hat.“

[535] „Mit der lebhaftesten Freude? – Ach, das ist unmöglich!“

„Gewiß! Das Leben unter dem Theatervölkchen, und wäre es auch nur von kurzer Dauer, ist sicherlich besser als irgend eine andere Schule dazu angethan, mein Schwesterchen von allem aristokratischen Hochmuth und von allen Brenckendorfschen Vorurtheilen gründlich zu befreien. Da hat man seinen eigenen Stolz und schaut mit dem Lächeln mitleidiger Ueberlegenheit auf alle die kleinen Sterblichen herab, die da meinen, sich auf ihre Geburt, auf ihren Reichthum oder auf ihre Gelehrsamkeit etwas einbilden zu können. Und gerade, weil in der eigenthümlichen Selbstüberschätzung dieses Standes etwas so ungeheuer Lächerliches liegt, wird Marie – wie ich von ihrem klaren Blick und von ihrem offenen Sinn mit Sicherheit erwarte – endlich das rechte Verständniß für die Lächerlichkeit jeglichen Hochmuths, er nenne sich nun Künstlerstolz oder Standesbewußtsein, gewinnen.“

Cilly schaute vor sich nieder. Sie fühlte sich getroffen; aber sie war doch nicht beleidigt, und es drängte sich ihr nicht wie sonst eine trotzig spöttische Erwiderung auf die Lippen.

„So halten Sie gewiß auch mich für recht hochmüthig?“ fragte sie plötzlich, die dunkeln Augen zu Wolfgang erhebend. Er lächelte ein wenig und zuckte mit den Achseln.

„Unsere neuerliche Bekanntschaft ist eine so flüchtige geblieben, verehrte Cousine, daß ich mich jedes Urtheils enthalten möchte. Und überdies – was kann Ihnen daran gelegen sein?“

„Das ist deutlich!“ meinte sie, indem sie sich erhob. „Aber vielleicht thun Sie mir dennoch ein wenig unrecht. Man braucht wohl nicht nothwendig erst unter die Schauspieler zu gehen, um sich von seinen Vorurtheilen heilen zu lassen. – Doch – um den eigentlichen Zweck meines Hierseins nicht zu vergessen – Sie werden sich also bei Marie für mich verwenden?“

„Ich werde es versuchen! Aber wenn die ablehnende Haltung meiner Schwester, wie ich vermuthe, nicht so sehr aus Groll und Mißachtung als aus dem Wunsche entspringt, nicht Unfrieden zu stiften zwischen Ihnen und Ihren Angehörigen, so werden meine Bemühungen wahrscheinlich von geringem Erfolge sein.“

Cilly warf den Kopf zurück und schürzte die frischen Lippen.

„Sagen Sie ihr in diesem Falle, das sei eine überflüssige Sorge! Meine Angehörigen werden inzwischen längst erfahren haben, wie wenig ich ihr Verhalten gegen Marie gutheiße. Sie werden mir also schreiben, nicht wahr?“

„Wie Sie es befehlen, verehrte Cousine!“

Sie machte eine kleine Bewegung, als ob sie ihm zum Abschied die Hand reichen wollte, da er sich aber gar so förmlich verbeugte, zog sie dieselbe wieder zurück und that ein paar Schritte nach der Thür. Doch auf dem halben Wege blieb sie wieder stehen:

„Warum nennen Sie mich denn immer ‚verehrte Cousine‘, und nicht einfach ‚Cilly‘? Sind Sie mir noch böse von – nun, von neulich her? Kann ein Mann wirklich so nachtragend sein?“

„Aber ich denke gar nicht daran, Ihnen böse zu sein,“ versicherte Wolfgang aufrichtig. „Meine Bemerkungen über einen Ihrer besten Freunde mußten Sie ja in der That reizen.“

Sie wandte das Köpfchen mit einer raschen Bewegung, als ob sie ihm hastig erwidern wollte, daß Prinz Lamoral längst aufgehört habe, einer ihrer besten Freunde zu sein. Aber jene unerklärliche Scheu, deren sie noch immer nicht ganz Herrin geworden war, mochte sie im letzten Augenblick daran hindern, es auszusprechen. Ihren Blick auf ein kleines, an keineswegs auffälliger Stelle befindliches Wandbrett heftend, sagte sie vielmehr ganz unvermittelt: „Was für ein merkwürdiges Buch haben Sie da? – Ist es erlaubt, es auzusehen?“

Er hatte den bezeichneten Gegenstand von seinem Platze genommen und vor sie hin auf den Tisch gelegt.

„Ein Album für Photographien,“ sagte er, „die Erinnerungsgabe eines amerikanischen Freundes.“

Dies Album hatte in der That sicherlich nicht seinesgleichen; denn der obere Deckel bestand in der Hauptsache aus einem Stück gewöhnlichen, an der Oberfläche fast verkohlten Holzes. Aber er war von einer prächtig gearbeiteten Umrahmung aus massivem Golde umgeben und trug in seiner Mitte einen Lorbeerkranz aus demselben kostbaren Stoffe.

„Wie sonderbar!“ meinte Cilly kopfschüttelnd. „Knüpft sich an dies halb verbrannte Holz etwa eine eigene Geschichte?“

„Es stammt aus den Trümmern des ‚Grand Hotel‘ in Chicago, das vor etwa Jahresfrist ein Raub der Flammen wurde. Die Tochter meines Freundes und ich, wir waren zufällig die letzten, welche das brennende Gebäude lebend verließen. Zum Gedächtniß an diese Fügung überraschte der Vater mich mit dem eigenartigen Geschenk.“

Er schien willens, das Buch nach dieser Erklärung wieder an seinen Platz zu bringen; doch Cilly legte in demselben Augenblick ihre Hand darauf und öffnete den Deckel.

Da stand auf dem ersten weißen Blatte in den festen Zügen einer Manneshandschrift in englischer Sprache:

„Dem todesmuthigen Lebensretter meines einzigen Kindes als ein winziges Zeichen meiner unauslöschlichen Dankbarkeit
 Norbert Stanhope.“

Darum also waren Sie ‚zufällig der letzte‘, welcher das brennende Gebäude verließ?“ fragte Cilly, und in dem Blick, welcher Wolfgangs Antlitz traf, war ein Leuchten freudigen Stolzes. „Sie wissen Ihre Großthaten sehr bescheiden zu umschreiben, Vetter Wolfgang.“

„Es war wirkich nicht so weit her mit dieser Großthat,“ erwiderte er treuherzig, während seine Wangen sich höher rötheten. „Aus einem sehr gesunden Schlafe erwachend, sah ich mich in jener Nacht von undurchdringlichen Rauchmassen umgeben und fühlte mich dem Erstickungstode so bedenklich nahe, daß ich ohne viel Zaudern und Ueberlegen nach dem nächsten rettenden Ausgang suchte. Aber es ist schon unter gewöhnlichen Verhältnissen nicht ganz leicht, sich in einem amerikanischen Riesenhotel zurechtzufinden, um wie viel weniger, wenn dies Hotel an allen vier Ecken bis zum Dach hinauf in Flammen steht. So gerieth ich denn sehr gegen meinen Willen statt in das Treppenhaus in ein Gemach, auf dessen Fußteppich ich eine anscheinend leblos hingestreckte weiße Gestalt erblickte. Hätte ich sie nun etwa da liegen lassen sollen? Ich denke, es giebt keinen Menschen in der ganzen Welt, der damals etwas anderes gethan hätte als ich, indem ich die leichte, weiße Gestalt in meine Arme nahm und sie gleichzeitig mit mir selber zu retten suchte. Sie sehen also, daß ich mich keineswegs wie die Helden in den Jugendschriften todesverachtend in Rauch und Flammen gestürzt habe, um ein Menschenleben dem Tode zu entreißen, sondern daß die Sache sich ganz einfach und natürlich zugetragen hat.“

„Und Herr Norbert Stanhope – ist es etwa jener sogenannte Bonanzakönig, von dem man öfters in den Zeitungen liest?“

„Allerdings, es ist derselbe.“

„Sie müssen sehr auserlesene Freundschaften gehabt haben jenseit des Oceans!“

„Mr. Stanhope wurde mein Freund erst infolge jenes nächtlichen Abenteuers; denn bis dahin hatte er wohl kaum etwas von meinem Dasein geahnt. Ich lag noch an meinen Brandwunden im Krankenhause danieder, als mir dies Album überreicht wurde. Es enthält fünfzig Blätter und auf jedem Blatte lag eine Tausenddollarnote; Mr. Stanhope hatte mich fürstlich belohnen wollen. Nun, ich machte ihm natürlich nach meiner Wiederherstellung einen Besuch, um mich für das Album zu bedanken und das Geld zurückzugeben. Und was mich sogleich zu dem viel verkannten Manne hinzog, war der feine Takt, mit welchem er es ohne weiteres annahm und sich wegen seines Mißgriffs entschuldigte. Auch er mochte Gefallen an mir finden, und so geschah es denn, daß ich bald ein täglicher Gast seines Hauses wurde und mir allgemach sogar das Recht erwarb, mich Mr. Norbert Stallhopes Freund zu nennen.“

Cilly hatte das Widmungsblatt umgeschlagen. Vor ihr lag die meisterlich ausgeführte Photographie einer jungen Dame von großer Schönheit.

„Ah,“ sagte sie mit einem Ausdruck lebhaftester Ueberraschung, „ist dies das Mädchen, dem Sie das Leben retteten?“

„Ja, liebe Cousine, Miß Viktoria Stanhope.“

„Und da der Vater Ihr Freund ist, werden Sie sie natürlich heirathen!“

Mit einer merkwürdigen, anscheinend durch nichts begründeten Heftigkeit hatte sie diese Worte hervorgestoßen. Wolfgang aber schüttelte mit einem gedankenvollen Blick auf das Bildniß der schönen Amerikanerin den Kopf.

„Nein, das werde ich nicht,“ sagte er, „wenn ich auch nicht leugnen will, daß ich mich eine Zeit lang recht ernstlich mit dieser Hoffnung getragen habe; denn Miß Viktoria ist ebenso gut und liebenswürdig, als sie anmuthig ist.“

[536] „Nun, und dieses Muster aller weiblichen Tugenden hat Ihnen doch nicht etwa einen Korb gegeben?“

„Ich ließ es nicht dazu kommen, weil ich vernünftig genug war, einzusehen, daß die Tochter des unermeßlich reichen Bonanzakönigs nicht die für mich geeignete Gattin sei. Eine nach Millionen bemessene Mitgift würde ich niemals angenommen haben und aus meinen eigenen Mitteln hätte ich ihr nicht die Fortdauer jener Freuden und Genüsse des Lebens gewähren können, an welche sie so sehr gewöhnt worden war, daß sie nur mit dem Bewußtsein, ein Opfer zu bringen, darauf hätte verzichten können.“

„Und Sie thaten unzweifelhaft sehr recht daran, solchen Erwägungen Gehör zu schenken,“ versicherte Cilly mit drolliger Altklugheit und zugleich mit einem etwas verdächtigen Eifer. „Ein Arzt muß eine Gattin haben, welche Verständniß besitzt für seinen schweren Beruf, – eine Frau, welche voll Theilnahme ist für seine Kranken, wenigstens für die armen und unglücklichen unter ihnen.“

„Aber, theuerste Cousine, ich bin ja gar kein Arzt,“ fiel ihr Wolfgang mit einem Anflug gutmüthigen Spottes, hinter welchem sich seine Bewegung indessen nur noch mühsam verbarg, in die Rede, „und unter den Leuten, welche zu mir kommen, um sich falsche Gebisse anfertigen zu lassen, pflegen nur sehr selten Arme und Unglückliche zu sein. Meine zukünftige Gattin, da wir doch nun einmal von dieser sehr nebelhaften Persönlichkeit reden, wird nach dieser Richtung hin leider wenig Gelegenheit zur Bethätigung ihrer Theilnahme finden.“

„Warum bemühen Sie sich so angelegentlich, Ihre guten Seiten vor mir zu verbergen? Ich weiß, daß Sie nicht bloß Geheimräte und Banquiersfrauen behandeln, denen man ellenlange Rechnungen machen kann, sondern daß Sie auch edlere Dinge thun. Haben Sie denn den kleinen August vergessen, den Sie durch Ihre ärztliche Kunst am Leben erhalten haben?“

„Ums Himmelswillen, wie kommen Sie zu dieser unheimlichen Wissenschaft? Der gute Meister Krause hat doch nicht etwa draußen im Vorzimmer geplaudert?“

„Er hat mir nichts Schlechtes von Ihnen erzählt, Vetter Wolfgang!“

„Dafür bin ich ihm allerdings sehr verbunden; aber ich werde mir’s doch entschieden ausbitten, daß er künftig den Mund halte. Der Himmel bewahre mich vor der Kundschaft, die mir dadurch ins Haus gelockt werden könnte! – Nein, mein verehrtes Fräulein Base, nicht das ist es, was ich von meiner künftigen Gattin hoffe und erwarte! Aber soll ich Ihnen einmal ein Bild von meinem Ideal entwerfen?“

„O bitte! Da bin ich außerordentlich gespannt!“

„Nun wohl! – Erstens: sie muß hübsch sein! Das ist zwar nicht die Hauptsache, aber doch unerläßlich!“

„Naturlich! Wer würde Ihnen auch zumuthen, eine Häßliche zu heirathen! Wahrscheinlich schwärmen Sie für zarte Blondinen vom Schlage der Miß Viktoria Stanhope,“

„Nicht unbedingt! Um die Haarfarbe werde ich mich sicherlich wenig kümmern, wenn sie nur zu allem Uebrigen stimmt. Aber die inneren Eigenschaften – da fangen die Schwierigkeiten an.“

„Nun? Ich bin wirkich sehr neugierig. Was verlangen Sie also von Ihrer idealen Frau?“

„Sie muß liebenswürdig sein im eigentlichen Sinne des Wortes, das heißt, nicht bloß unter dem Einfluß irgend einer angenehmen Stimmung oder in der Gesellschaft fremder Leute, sondern auch in der Abgeschlossenheit ihrer vier Wände und inmitten jener kleinen Unannehmlichkeiten des Lebens, die so leicht dazu verführen, unliebenswürdig zu werden. Und sie muß heiter sein, von jener echten Herzensheiterkeit, die wie heller Sonnenschein über ihre ganze Umgebung hinstrahlt, auch die unvermeidlichen trüben Stunden freundlich durchleuchtend und keinen häßlichen Schatten duldend in ihrer eigenen Seele wie auf den Stirnen derer, welche sie liebt. Weiter verlange ich nichts, denn wer liebenswürdig und heiter ist, der ist auch gut und wahrhaftig. Ueber kleine Fehler und Unarten wollte ich daneben herzlich gern hinwegsehen; denn ich halte mich eben auch nicht für ein Muster aller menschlichen Vollkommenheit. Sie dürfte gelegentlich ein wenig kratzen, wenn ihr zu wenig oder zu viel geschehen ist, dürfte mich mit den dunkeln – oder meinetwegen auch himmelblauen – Augen anfunkeln wie ein sprungbereites Kätzchen, wenn diese Augen nur wieder nachher in verdoppelter Liebe und Zärtlichkeit aufleuchten können. Sie dürfte –“

Abwehrend erhob Cilly die Hand.

„Halten Sie ein!“ sagte sie, und es klang um so trauriger, weil es scherzhaft klingen sollte. „Ich will nicht in Ihre Herzensgeheimnisse eindringen, und Sie sind im Begriff, mir eines zu verrathen. So schildert man kein Ideal, sondern ein leibhaftiges Wesen, das man bereits kennt und liebt! – Es ist spät geworden – adieu, Herr Vetter!“

Diesmal gab sie ihm nun wirklich die Hand; aber er hielt diese schmale, feingeformte Hand in der seinigen gefangen wie ein scheues Vögelchen.

„Wollen Sie das Bild jenes leibhaftigen Wesens sehen, nach welchem ich mir mein Ideal gestaltet habe, jenes Ideal, das mich zweimal über den Ocean begleitete, und das doch wohl schließlich allein die Schuld trug an meinem Verzicht auf eine Werbung um Miß Viktorias Liebe?“

Cilly wollte verneinen, aber schon hatte Wolfgang, ohne ihre Hand freizugeben, das Blatt mit dem Bilde der Amerikanerin umgeschlagen. Sie schaute nur ein ganz klein wenig von der Seite nach dem Album hin; dann aber stieß sie einen allerliebsten Schrei aus, riß sich los und flüchtete ein paar Schritte in das Zimmer hinein. Was sie da gesehen hatte, war ihr eigenes Bild, ein Kinderbild aus der Zeit, da sie einen Sommer hindurch mit ihren Brüdern bei dem Oheim von Brenckendorf auf Besuch gewesen war.

„Nein, das ist häßlich, Wolfgang,“ rief sie, „einen so garstigen Scherz verzeihe ich Dir nie!“

Es geschah wohl nur in der so überraschend geweckten Erinnerung an die Kinderzeit, daß sie ihn plötzlich duzte; jedenfalls funkelten ihre Augen jetzt ganz so, wie es Wolfgang vorhin seinem Ideal in Ausnahmefällen gestattet hatte.

„Aber es ist durchaus kein Scherz, verehrte Cousine! Dies liebe, reizende, kratzige Kind aus meiner Jugenderinnerung und Sie, die Tochter des kommandierenden Generals – die holdselige Knospe und die voll erblühte, von gräflichen und prinzlichen Schmetterlingen umflatterte Rose – ich denke ja gar nicht daran, sie mit einander zu verwechseln. Wir sprachen eben nur von meinem Ideal, und ich wollte Ihnen das irdische Vorbild zu demselben zeigen.“

„So? Also heute habe ich keine Aehnlichkeit mehr mit dem lieben, reizenden Kinde?“

„Zuweilen nur zu große! Ich möchte mitunter die Augen schließen, Cilly, um diese Aehnlichkeit nicht zu sehen.“

Das klang nicht mehr wie Spott, und so war es denn wohl auch etwas anderes als Zorn, was Cillys Wangen plötzlich mit so tiefem Roth überhauchte, Als ein Bild der lieblichsten Verwirrung stand sie mitten im Zimmer, und nachdem es wohl eine Minute lang so still gewesen war, daß sie den Schlag ihrer Herzen vernehmen konnten, sagte Cilly leise:

„Es wäre mir viel lieber, wenn Du sie gerade dann offen halten wolltest.“

„Cäcilie!“

Die lange zurückgedrängte Bewegung brach so mächtig aus seiner Brust, daß er es unwillkürlich vermied, sich des gewohnten Kosenamens zu bedienen, welcher in der That schlecht zu dem tief ernsten, leidenschaftlichen Ton seines Ausrufs gepaßt haben würde.

„Cäcilie!“ wiederholte er und nahm ihre beiden Hände, die sie ihm willig überließ. „Habe ich Dich wirklich recht verstanden?“

Da schmiegte sie sich zärtlich und hingebend an seine Brust, sah unter Thränen lächelnd zu ihm auf und flüsterte:

„Ich glaube – ja!“

„Und Du willst mein sein – meine Braut – mein Weib? Die Gattin eines einfachen Mannes, dessen Beruf Dir noch vor kurzem als ein Gegenstand des Spottes erschien?“

„O, wenn Du mir gut bist, Wolfgang, so sprich nie mehr von meinen alten Thorheiten! Ich war ein verwöhntes, unwissendes Mädchen; aber ich bin es nicht mehr, die Liebe hat mir die Augen geöffnet – die Liebe zu Dir! Denn daß Du es nur weißt: ich liebte Dich schon an dem Tage, da Du mich im Deinen Armen hier herauf getragen hast, und nur mein Trotz, mein hochmüthiger Stolz waren es, die sich dagegen auflehnten, so daß ich es mir selber so wenig gestehen wollte als einem anderen! [538] Doch nun ist es ja überwunden, das und alles andere, was mich beunruhigt und geängstigt hat in dieser häßlichen Zeit! Nun bin ich Dein, und ich will mir rechtschaffen Mühe gehen, Deinem Ideal so nahe zu kommen, als es einem schwachen Menschenkinde nur immer möglich ist!“

Nicht länger vermochte Wolfgang an sich zu halten. Die elfenhafte, schmiegsame Gestalt zärtlich an sich drückend, verschloß er ihr die süßen Lippen, die so herzig plaudern konnten, mit einem langen, durstigen Kuß. –

Erst nach einer geraumen Weile kam ihnen die Erinnerung an die unerbittlichen Forderungen des Lebens und an den ernsten Widerstand, welcher sich ihnen unzweifelhaft entgegenstellen würde. Aber diese gewisse Aussicht hatte für Wolfgang so wenig etwas Niederdrückendes und Entmuthigendes wie für Cilly.

„Wir werden einen Kampf bestehen müssen, mein Liebling,“ meinte er, „aber wir haben keine Ursache, uns vor ihm zu fürchten. Ich fühle mich stark genug, um in der Vertheidigung solchen Besitzes selbst gegen einen kommandierenden General Sieger zu bleiben.“

„Wie sollte er auch widerstehen können, wenn er von zwei Serien gleichzeitig angegriffen wird!“ fügte Cilly in strahlender Heiterkeit hinzu. „Meine Aufgabe wird es sein, die feindliche Stellung auszukundschaften und mit kleinem Geplänkel den Hauptschlag vorzubereiten. Ist dann aber meiner Ueberzeugung nach die Stunde der Entscheidung gekommen, dann werde ich Dich rufen, und Du versprichst mir feierlich, daß nichts in der Welt Dich hindern wird, unverzüglich zu kommen, und wärest Du auch eben im Begriff, dem Schah von Persien einen Zahn zu plombieren.“

„Ich lasse ihn sitzen! Sei versichert, mein Herz, daß ich ihn sitzen lasse!“

Cilly schlang ihre Arme noch einmal um seinen Hals, dann aber flog sie behend wie ein Kätzchen zur Thür.

„Auf Wiedersehen! Auf frohes, glückseliges Wiedersehen! – Und Du darfst mich nicht hinaus begleiten, hörst Du? Da müßten wir ja aus Furcht vor Ueberraschung einen so frostigen Abschied von einander nehmen wie damals, als ich Dir so gerne - doch nein, ich sage es nicht, denn Du könntest sonst gar zu eingebildet werden! – Und noch eins: wenn Du mir Deiner Schwester wegen schreibst, mußt Du mir auch die Adresse des kleinen August mittheilen! Er steht von heute an unter meinem besonderen Schutze; denn im Grunde ist er doch an allem schuld!“

„Wenn es so ist, dann hat mir dieser arme kleine Patient das großartigste Honorar gezahlt, das ich je empfangen habe und empfangen werde. Ich werde in seiner Schuld bleiben, auch wenn es mir gelingt, ihm seine ganze Gesundheit wiederzugeben.“

Ein letzter Gruß, ein letzter zärtlicher Blick; dann schloß sich die Thür des Operationszimmers hinter dem Töchterchen des Generals.




Der Direktor Konstantin Rainer war kaum jemals in schlechterer Laune gewesen als nach dieser Generalprobe zur „Minna von Barnhelm“, die heute abend im Schillertheater zum ersten Male aufgeführt werden sollte. Publikum und Kritik hatten in der letzten Zeit eine sehr verdrießliche Zurückhaltung gegen seine Kunstanstalt beobachtet, und er bedurfte dringend eines großen, durchschlagenden Erfolges, um in dem scharfen Wettbewerb mit den anderen hauptstädtischen Bühnen wieder einen gewissen Vorsprung zu gewinnen. Gerade auf die heutige Vorstellung hatte er große Hoffnungen gesetzt, und es war begreiflich, daß ihn die Erkenntniß, sich in der künstlerischen Leistungfähigkeit einiger Hauptdarsteller empfindlich getäuscht zu haben, in eine nichts weniger als fröhliche Stimmung versetzte. Mit finster gefurchter Stirne ging er dröhnenden Schrittes an der Bühnenrampe auf und nieder, und die beiden Unglücklichen, denen in solchen Fällen stets die leidvolle Aufgabe zufiel, dem Zorn des Gewaltigen als Blitzableiter zu dienen, der Inspicient und der Souffleur, hatten bereits eine ganze Fluth unverdienter Vorwürfe stillschweigend über sich ergehen lassen müssen.

Nun trat der gefürchtete Beherrscher des Schillertheaters mit einem tiefen Seufzer an den kleinen Regietisch, der vor der ersten Seitencoulisse stand, und setzte die Glocke auf demselben schallend in Bewegung.

„Fertig zur Probe für die ‚Geschwister‘!“ tönte seine klangvolle Stimme über den weiten Bühnenraum hinweg. „Ist Fräulein von Brenckendorf etwa noch immer nicht da?“

In merklich gereiztem Tone mußte er diese Frage zum zweiten Mal vernehmen lassen, ehe ihm von Marie Antwort kam. Sie hatte in dem dunkelsten und abgelegensten Winkel hinter den Coulissen gesessen, weil sie sich ebensosehr vor den wohlgemeinten Rathschlägen ihrer neuen Berufsgenossen als vor deren dreisten Vertraulichkeiten fürchtete. Konstantin Rainer begrüßte sie nur mit einem leichten, herablassenden Neigen des olympischen Hauptes und mit einem kurzen:

„Gut! – Wir fangen also an!“

Dann trat er an das auf der rechten Seite der Bühne aufgestellte Pult, um die ersten Worte des Wilhelm, dessen Rolle er selbst übernommen hatte, zu sprechen. Es war bewunderungswürdig, mit welcher Schnelligkeit und mit wie sicherer Beherrschung der Ausdrucksmittel er sich aus dem mißvergnügten und sorgenvollen Theaterdirektor in den still zufriedenen, ruhig ernsten Geschäftsmann zu verwandeln wußte. Marie, die wieder um einen Schritt in die Coulisse zurückgetreten war, verwandte während seines ersten Monologes keinen Blick von ihm und folgte mit fast ängstlicher Spannung seinem beredten Gebärdenspiel. Bei allen früheren Proben hatte Rainer nach der Gewohnheit berühmter Schauspieler seine Rolle nur flüchtig hingesprochen und sich darauf beschränkt, seinen Partnern ihre Stichworte anzugeben. Heute zum ersten Mal spielte er den Wilhelm wirklich so, wie er ihn am Abend zu geben gedachte, und er ahnte sicherlich nicht, eine wie eigenartige Wirkung dieser Wechsel auf die junge Debütantin übte. Bis zu dieser Stunde war die Gestalt des Mannes, von dem sie nach der Vorschrift des Dichters mit so zärtlicher Wärme zu sprechen, dem sie so süße Geständnisse hingebendster Liebe zu machen hatte, nicht viel mehr gewesen als ein schattenhaftes Gebilde ihrer eigenen Phantasie, – und keine Regung mädchenhafter Scham hatte sie gehindert, den ganzen Reichthum ihres Empfindens in die Worte ihrer Rolle ausströmen zu lassen. Nun aber war das mit einem Mal ganz anders geworden! In greifbarer, lebendiger Gestalt, als ein Mensch von Fleisch und Blut stand jener Wilhelm ihr plötzlich gegenüber, und die Züge, welche er trug, waren wahrlich nicht die Züge, die ihre Einbildungskraft ihm gegeben hatte. Eine Beklommenheit, gegen die sie sich vergebens zu wehren suchte, bemächtigte sich ihrer, eine unerklärliche zagende Scheu, unter deren peinlichem Druck sie ihr erstes Stichwort versäumte, ohne es zu bemerken.

Erst als Rainer sich in unwilliger Kopfbewegung gegen die Coulisse wandte und mit einem nicht mißzuverstehenden Blick und erhobener Stimme seinen letzten Satz wiederholte, wurde sie sich ihres Fehlers bewußt; aber die Befangenheit, mit der sie jetzt ihre Auftrittsscene spielte, konnte dadurch natürlich nicht verringert werden. Durch wiederholtes Räuspern und Achselzucken gab der Direktor seine Unzufriedenheit zu erkennen; aber er unterbrach den Fortgang der Probe mit keinem Wort, bis nach der Scene zwischen Marianne und Fabrice seine Stimme plötzlich dröhnend vom Regietische her erklang: „Nein, das ist nicht auszuhalten! Man erkennt Sie ja gar nicht wieder, mein Fräulein! Ich muß Sie dringend bitten, sich die Sache nicht gar zu leicht zu machen! Den ganzen Auftritt noch einmal!“

Schweigend gehorchte Marie dem barschen Befehl, obwohl der rücksichtslose Tadel in Gegenwart so vieler neugieriger Zeugen ihr die Thränen in die Augen getrieben hatte. Rainers Kopfschütteln bewies, daß er auch jetzt keineswegs befriedigt sei, und da Marie dies Kopfschütteln sehr wohl gesehen hatte, wurde sie nur noch ängstlicher und unsicherer als zuvor.

Dann kam die letzte, entscheidende Scene, welche sie mit ihm selber zu spielen hatte, dies wunderbar zarte, unschuldsvolle Liebesgeständniß eines Mädchenherzens, das sich nur dunkel der Natur seines eigenen Empfindens bewußt ist. Konstantin Rainer gab seinen Wilhelm in dieser Scene unübertrefflich; aber je mehr sich vor Mariens Augen die Grenzen zwischen Schein und Wirklichkeit verwischten, desto weniger vermochte sie Herrin zu bleiben über jene spröde, mädchenhafte Scheu, durch welche sie schon während der früheren Auftritte verhindert worden war, ihre ganze Seele in die Worte des Dichters zu legen. Als ihr Partner nach der Vorschrift seiner Rolle in stürmisch hervorbrechender Zärtlichkeit und Glückseligkeit die Weinende in seine Arme riß und sie mit der ganzen Leidenschaft eines wirklichen Liebhabers an seine Brust drückte, folgte Marie einem unbezwinglichen, inneren Antriebe und stieß ihn fast heftig zurück.

[539] Ganz verdutzt blickte ihr Rainer in das von wahrhaftigen Thränen überströmte Gesicht; dann aber schlug er mit der Hand auf den Tisch und rief so laut, daß alle auf der Bühne Anwesenden es nothwendig hören mußten:

„Ja, mein Fräulein, wenn Sie glaubten, daß hier Komödie gespielt würde wie in einem Mädchenpensionat, so hätten Sie wahrhaftig nicht zum Theater gehen sollen! Wir wollen die Scene wiederholen; aber ich bitte Sie dringend, nun endlich etwas mehr aus sich herauszugehen, als es Ihnen bisher gefällig war.“

„Es ist unmöglich,“ sagte sie leise, „ich habe meine Kräfte überschätzt – ich kann dies nicht spielen.“

Die Stirn des Direktors furchte sich tiefer; aber er schlug sofort einen sehr höflichen und sehr kalten Ton an:

„Sie können nicht?“ fragte er, die Arme über der Brust verschränkend. „Das ist sehr überraschend! Und warum können Sie nicht, mein Fräulein?“

„Ich vermag Ihnen den Grund nicht zu nennen; aber ich bitte Sie von ganzem Herzen: erlassen Sie es mir, heute abend aufzutreten!“

„Sie müssen eine seltsame Vorstellung von dem Geschäftsgange und von der Ordnung an einem Theater haben, daß Sie mir in letzter Stunde ein solches Ansinnen stellen können. Natürlich kann von solcher Erlaubniß nicht die Rede sein. Wir werden zu Ende probiren und Sie werden spielen, wie es Ihre Pflicht ist. Den Luxus derartiger Launen werden Sie sich vielleicht gestatten dürfen, wenn Sie einmal die erste Liebhaberin an einem Hoftheater sein werden.“

„Aber ich habe nicht mehr den Ehrgeiz, es zu werden,“ rief Marie,durch die gaffenden Gesichter der herzudrängenden Genossen aufs äußerste gepeinigt, in heller Verzweiflung. „Ich fühle es, daß ich keine Schauspielerin bin und daß ich es niemals sein werde! Sie haben kein Recht, das Unmögliche von mir zu fordern.“

Das Antlitz des berühmten Künstlers schien gleichsam zu erstarren in seiner eisernen Ruhe.

„Wir wollen doch sehen, mein Fräulein, ob ich nicht das Recht dazu habe. Ich empfehle Ihnen, nach Ihrer Heimkehr den von Ihnen unterschriebenen Vertrag durchzusehen.“

„Wenn Ihnen dieser Vertrag wirklich die Macht geben sollte, mich zu zwingen, so werden Sie aus Barmherzigkeit auf ihre Ausübung verzichten. Noch einmal beschwöre ich Sie: geben Sie mich frei!“

„Die Erkenntniß Ihrer Unfähigkeit kommt Ihnen leider zu spät. Sie werden sich erinnern, daß ich es an wohlgemeinten Warnungen nicht fehlen ließ, als Sie mich mit ebenso flehentlichen Bitten um Aufnahme in meine Gesellschaft bestürmten. Damals hatte ich herzlich wenig Lust, Ihnen zu willfahren; aber ich war leichtsinnig genug gewesen, auf dem Bazar mein Wort zu verpfänden, und die Welt weiß, was Konstantin Rainers Wort bedeutet. Nun habe ich mich wochenlang mit Ihnen abgemüht, Ihr Auftreten ist seit acht Tagen angekündigt, und ich muß unabänderlich darauf bestehen, daß Sie Ihren Verpflichtungen gewissenhaft nachkommen.“

Eine namenlose Bitterkeit quoll in Mariens Herzen auf, als sie daran dachte, wie ganz anders damals Rainer an ihrem Verkaufstische gesprochen hatte; aber sie fühlte doch, daß er in seinem Rechte sei, und sie war auch zu stolz, sich noch weiter durch nutzlose Bitten zu demüthigen.

„Gut,“ sagte sie, ihre Thränen trocknend und das gesenkte Köpfchen mit festem Entschluß erhebend, „ich werde heute abend spielen; doch ich fürchte, daß ich nicht die Kraft dazu haben werde, wenn diese Probe noch länger währen soll.“

Der Direkor zuckte mit den Achseln und sah auf seine Uhr.

„Meinetwegen!“ warf er nachlässig hin. „Gehen Sie nach Haus und bemühen Sie sich, etwas ruhiger zu werden. In diesem Zustande würden Sie wohl ohnedies blutwenig lernen.“

Ohne sie zu grüßen, wandte er ihr den Rücken und ging davon. Die jugendliche Naive des Schillertheaters, welche Marie bisher keines Blickes gewürdigt hatte, eilte jetzt mit allen Anzeichen zärtlichster Theilnahme auf sie zu. Sie mochte wohl in der letzten Viertelstunde erkannt haben, daß von dieser Nebenbuhlerin keine Gefahr zu besorgen sei. Aber die brillantengeschmückte Hand, die sie ihr mit einem süßlich ermuthigenden Wort entgegen streckte, blieb unberührt. Marie von Brenckendorf dankte nur mit einem stummen Neigen des Köpfchens und verließ raschen Schrittes die halbdunkle Bühne.

Gedemüthigt und beschämt, mit niedergeschlagenen Augen, als dürfte sie niemand mehr gerade ins Antlitz sehen, eilte sie ihrer Wohnung zu. Wohl hatte sich ihre Erregung gesänftigt; aber die ruhigeren Erwägungen, denen sie jetzt Gehör geben mußte, waren wenig geeignet, die trüben Schatten aus ihrer Seele zu verscheuchen. Sie mußte ja dem Direktor fast Dank dafür wissen, daß er ihrer Bitte um eine sofortige Entlassung nicht Gehör gegeben hatte. Die bescheidene Geldsumme, mit welcher sie nach Berlin gekommen war und welche sie während der letzten Jahre fast unberührt erhalten hatte, war jetzt für den Miethzins und die Einrichtung ihrer kleinen Wohnung fast draufgegangen. Die von Rainer bewilligte Monatsgage, welche seiner eigenen Versicherung nach für eine Anfängerin außergewöhnlich hoch war, mußte fortan hinreichen, alle ihre Lebensbedürfnisse zu bestreiten. Ihr Fortfall würde sie in die peinlichste Nothlage versetzt haben; denn es stand unumstößlich fest in ihrem Herzen, daß sie ihres Bruders Beistand unter keinen Umständen annehmen dürfe.

Sie fühlte sich tief unglücklich unter dem zermalmenden Druck dieser Erkenntniß. Alle ihre Rachegedanken waren ja längst verflogen, und nur wie an etwas völlig Unbegreifliches erinnerte sie sich noch an ihren kurzen, thörichten Wahn, daß ihr an der Seite Engelberts von Brenckendorf die Blume des Glückes erblühen könnte. Sie empfand das Ende des phantastischen Traumes jetzt viel mehr als eine Befreiung denn als eine Schmach, und um so schwerer mußte sie unter dem Bewußtsein leiden, sich freiwillig in eine Sklaverei begeben zu haben, die ihr nach den heutigen Erfahrungen fürchterlicher erschien als jede andere. Was bedeutete die schwerste und mühseligste Arbeit ums tägliche Brot neben dieser entwürdigenden Preisgebung ihrer Seele, neben diesem widerwärtigen Gaukelspiel mit den reinsten und heiligsten Empfindungen ihres Herzens!

Und als ob es nicht genug sei an den quälenden Vorwürfen ihres eigenen Gewissens, klangen ihr auf diesem Heimwege unaufhörlich Lothars warnende und bittende Worte im Ohre nach. Er wußte ja nicht, wie nahe daran er gewesen war, mit seiner treuherzig schlichten Beredsamkeit, mit der unwiderstehlichen Sprache seiner klaren, guten Augen all ihren trotzigen Stolz zu brechen; er wußte ja nicht, welchen schweren Kampf sie bestanden hatte, um endlich doch noch die Kraft zu dem harten, abweisenden Wort zu finden, das ihn für immer aus ihrer Nähe verbannte!

Für immer! Irgend etwas in ihrer Brust krampfte sich mit herbem, fast körperlichem Schmerz zusammen, wenn sie daran dachte, daß er nie mehr kommen würde, ihr seine Hand zu bieten, daß sie nie mehr den Klang seiner Stimme vernehmen würde, die ihr bei jenem letzten Besuche so mahnend ernst und doch so wundersam warm in das Herz gedrungen war. Sie konnte es nicht bereuen, ihn vertrieben zu haben, denn sie hatte ja nur gethan, was – wie sie meinte – eine grausame, unabweisliche Pflicht ihr gebot. Nur daran durfte sie nicht denken, daß ihn auf ihrer Schwelle eines Meuchelmörders Waffe getroffen und daß sie diesen Elenden ihren Freund genannt hatte. Daß Lothar ihr grollte, sie mußte es ja ertragen; aber daß er sie nun sicherlich von Grund seiner Seele verachtete, das war die martervollste von allen Qualen, welche sie in diesen unglückseligen Tagen bestürmten. Wie zu ihrer eigenen Peinigung bemühte sie sich jetzt, jedes seiner Worte in ihrem Gedächtniß wachzurufen. Jetzt glaubte sie an seine Uneigennützigkeit und Wahrhaftigkeit, jetzt, da es zu spät war, es ihm zu sagen, jetzt, da es keine Brücke mehr gab über den gähnenden Abgrund, der sie von ihm trennte! –

Todmüde und mit heftig schmerzenden Schläfen erreichte Marie ihre Wohnung. Die stumpfe Gleichgültigkeit in dem häßlichen Gesicht der Aufwärterin berührte sie fast wie eine Wohlthat. Diese wenigstens wußte nichts von ihrer Erniedrigung und nichts von der brennenden Scham, mit welcher das Bewußtsein jener Erniedrigung ihre ganze Seele erfüllte.

„Ich habe da draußen auf dem Gange soeben einen komischen Fund gemacht, Fräulein,“ rief die Frau, welche es in ihrem Stumpfsinn nicht beachtet hatte, daß Marie wie gebrochen auf das Sofa niedergesunken war; „der Himmel mag wissen, wie sich das Ding da hinter den Schrank verirrt hat!“

Ohne Theilnahme erhob Marie den Kopf. Sie sah, daß es ein kleines, anscheinend sehr altes Bild war, was die Aufwärterin [540] in der Hand hielt, und sie gab sich nicht die Mühe, es genauer zu betrachten.

„Der vorige Miether der Wohnung wird es vergessen haben, Frau Pahler,“ sagte sie müde, „wir wollen uns später bemühen, seine Adresse zu erfahren, damit es ihm zurückgegeben werden kann.“

„Na ja, ich stelle es einstweilen hier vor den Spiegel. Staat könnten wir ohnedies nicht damit machen. Es war lose in altes zerrissenes Papier gewickelt; ich habe es zwar schon sauber abgeseift; aber es bleibt darum doch eine scheußliche alte Schmiererei.“

Sie ging hinaus, und Marie hörte wie im Traum, daß sie draußen in der Küche geräuschvoll mit Tellern und Gläsern wirthschaftete. Nicht ein erquickender Schlummer, doch etwas wie eine stumpfe Betäubung legte sich allgemach auf ihre Sinne, und auch das that ihr wohl. Denn es brachte doch immerhin, was sie jetzt am meisten ersehnte: Empfindungslosigkeit und Vergessen!

Sie wußte nicht, wie lange sie so gesessen hatte, als plötzlich ein ungewöhnlich lauter und schriller Klang der Wohnungsglocke dem dämmernden Traumzustande ihres Geistes ein Ende machte. Brummend schlürfte die Aufwärterin über den Gang nach vorn, um zu öffnen. Ein kurzer Wortwechsel, der nicht länger währte als eine halbe Minute, ließ sich vernehmen; dann wurde die Thür des Zimmers ungestüm aufgestoßen, und eine schlotternde Gestalt, deren gräßlich verzerrtes Antlitz kaum noch etwas Menschliches hatte, stürzte mit erhobenem Armen vor Marie in die Kniee.

„Heilige Madonna, sei mir gnädig!“ rang es sich heiser und keuchend von den leichenhaften Lippen. „Bitte für mich – bete für mich – breite Deine Arme über mich, wenn die schwarzen Teufel kommen und mich packen wollen! – Sieh, ich habe es Dir dargebracht, Dein Bild, Dein göttliches Bild! – Mit Gefahr meines Lebens habe ich es ihnen entrissen, für Dich – für Dich! – Ich habe Dich ja erkannt in Deiner Verkleidung und ich lache über die Verblendeten, die den himmlischen Glanz nicht sehen um Dein göttliches Haupt. Und die Rosen – hier sind sie – da – dort – überall! Heilige Madonna im Rosenhag, nimm mich in Deinen Schutz!“

Sein Oberkörper neigte sich vornüber und seine Stirn schlug dumpf auf den Fußboden auf.

„Allmächtiger Gott, ein Verrückter!“ schrie die Aufwärterin, welche bis dahin sprachlos auf der Schwelle der offenen Thür gestanden hatte. „Kommen Sie, Fräulein, kommen Sie, wir holen die Polizei!“

Aber Marie rührte sich nicht. Auch sie war durch das Entsetzen gelähmt worden beim Anblick des Unseligen, der den unbegreiflichen Muth hatte, sich noch einmal in ihre Nähe zu drängen, auch sie hatte beim Beginn seiner wirren Rede das Verlangen gehabt, zu entfliehen und um Hilfe zu rufen. Doch das bejammernswerthe Aussehen des Unglücklichen, der unbeschreiblich angstvolle, flehende Blick seiner tief eingesunkenen Augen hatte ihr die Lippen verschlossen. Und nun wurde das Mitleid in ihrer Seele mächtiger als die Furcht.

„Nein, Frau Pahler,“ sagte sie, „wir brauchen die Polizei nicht, wir brauchen nur einen Arzt. Ich kenne diesen Herrn und weiß, daß ich nichts von ihm zu befürchten habe. Er ist nicht wahnsinnig, aber er ist sicherlich schwer krank. Darum eilen Sie, uns eine ärztliche Hilfe zu beschaffen!“

„Und Sie wollen unterdessen mit ihm allein bleiben? Ach, Du lieber Gott, Fräulein, was haben Sie für Muth! Das thäte ich nie und nimmermehr!“

„Aber so gehen Sie doch!“ drängte Marie. „Je schneller Sie zurückkehren, desto eher wird diese entsetzliche Lage ein Ende haben!“

Textdaten
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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 18, S. 564–570

[564] Als Marie nach der Entfernung der Aufwärterin den Blick in das Zimmer zurückwandte, sah sie, daß Hudetz sich wieder aufgerichtet hatte. Sein Antlitz war ganz dasjenige eines Todten, und seine graue Blässe erschien doppelt unheimlich in der Umrahmung durch das wirre dunkle Haar.

„O, sie werden kommen,“ sagte er leise wie im Ton einer geheimnißvollen Mittheilung, „mir ist es, als hörte ich schon ihre heranschleichenhen Tritte. Aber ich fürchte mich nicht mehr, denn ich bin unter Deinem Schutz.“

„Sie haben hier in der That nichts zu besorgen, Herr Hudetz,“ entgegnete Marie, mit muthiger Kraft ihr Grausen überwindend; „aber erkennen Sie mich denn nicht? – Ich bin Ihre ehemalige Nachbarin, Marie van Brenckendorf.“

Ein Lächeln, ein schwärmerisch verzücktes Lächeln huschte um seine blutlosen Lippen.

„Ja, ich kenne Dich, Marie,“ flüsterte er, „denn Du bist meine Zuflucht gewesen und meine Hilfe in der höchsten Noth. Deine Engel breiteten ihre Flügel über mich, als ich meine Hand ausstreckte nach Deinem Bilde, sie schlugen die Augen der Wächter mit Blindheit und nahmen ihnen die Kraft, mich zu halten. ‚Ergreift ihn!‘ riefen sie mir nach. ‚Haltet ihn, den Dieb!‘ Aber eine Wolke nahm mich auf und führte mich davon vor ihren Blicken. Wie hätte mir auch ein Leid geschehen können, da ich Dich unter meinem Mantel trug!“

Er sprach bald zu Marie, bald zu dem Bilde vor dem Spiegel; aber seine letzten Worte waren undeutlich und lallend, wie wenn ihn selbst die Kraft zu reden allgemach verließe.

„Stehen Sie auf!“ bat Marie dringend, von der furchtbaren Enthüllung, die ihr aus seinen wirren, schwärmerischen Phantasien geworden war, mit neuem Entsetzen erfüllt. „Sie haben meine Gastfreundschaft in Anspruch genommen und ich verweigere sie Ihnen nicht. Aber Sie müssen nun auch thun, um was ich Sie ersuche. Sie sind krank und dürfen sich nicht aufregen! Sind Sie imstande, ohne Hilfe das Sofa zu erreichen?“

„Krank!“ murmelte er, indem er sich mit äußerster Anstrengung erhob und taumelnd die wenigen Schritte bis zu dem Ruhebette that. Nein, ich bin nicht krank! – Aber der Böse war hinter mir – der Böse in der Gestalt eines Weibes, jenes schrecklichen Weibes aus dem Museum. O, ich sah es wohl, daß es mich verfolgte, kreuz und quer durch alle Straßen. Wohin ich ging, immer war es hinter mir, das schreckliche Gesicht. Und ein Schatten war neben dem Weibe, ein furchtbarer, schwarzer Schatten, der streckte seine Riesenarme nach mir aus und würgte mich – würgte mich – o, er wußte wohl, daß ich den Talisman nicht mehr besaß, der mich beschützte. Und aus den Ritzen des Pflasters ringsum mich her züngelten gelbe Flammen, große feurige Räder drehten sich in der Luft, und es war ein Brausen und Zischen und Donnern wie am Tag des Gerichts. Da rief mir eine Stimme vom Himmel: ‚Wohin gehst Du, Verblendeter? – Bei ihr – bei Marie ist die Rettung – die Rettung – und – die – Gnade‘ –“

Seine Rede endete in einem Röcheln, seine Augen schlossen sich und sein Kopf fiel schwer auf die Lehne des Sofas nieder.

„Barmherziger Gott, er stirbt – stirbt in meinem Zimmer!“ dachte Marie, „und ich habe niemand, der mir beisteht.“

Sie wagte kaum, sich von ihrem Plätze zu rühren, aus Furcht, daß das Geräusch den Kranken aus der Betäubung wecken und seine schrecklichen Phantasien von neuem heraufbeschwören könnte. Minute auf Minute verharrte sie regungslos, bis endlich draußen die Stimme der Aufwärterin laut wurde, die mit dem rasch gefundenen Arzte zurückkehrte. Der letztere trat sofort an den Kranken heran, prüfte seinen Puls, seinen Herzschlag und richtete unterdessen einige kurze Fragen an Marie. Mit einem Kopfschütteln wandte er sich endlich von dem Sofa ab.

„Der Patient liegt in tiefer Bewußtlosigkeit,“ sagte er, „und um die eigentliche Ursache seines Zustandes festzustellen, müßte ich ihn viel genauer untersuchen. Aber ich halte diese Untersuchung für überflüssig, denn – ich muß mich offen aussprechen, mein Fräulein – seine Lebensgeister sind unzweifelhaft im Erlöschen.“

Marie fühlte, wie ihre Kniee zitterten; aber sie war doch noch stark genug, dem Arzt ihr Erschrecken zu verbergen.

„Sie glauben also, daß – daß er sterben muß?“

„Ein Erschöpfungszustand wie der seinige spottet aller ärztlichen Kunst. Ob eine Krankheit des Gehirns oder lang andauernde Entbehrungen oder vielleicht auch – wie gewisse Anzeichen mich vermuthen lassen – eine hochgradige Alkoholvergiftung diese Erschöpfung herbeigeführt haben, vermag ich wie gesagt nach oberflächlicher Untersuchung nicht festzustellen. Jedenfalls ist es am gerathensten, sich jeglichen Eingriffs zu enthalten. Die größte Wohlthat, die man dem Unglücklichen noch gewähren kann, ist die, ihm ein sanftes, unbewußtes Hinüberschlummern zu vergönnen.“

„Und man kann nichts zu seiner Erleichterung thun – kann keinen Versuch machen, ihn zu retten?“

Der Arzt zuckte mit den Achseln.

„Ich habe Ihnen denjenigen Vorschlag gemacht, welchen die Menschlichkeit mir eingiebt. Alle Belebungsmittel, die ich dem Leidenden einflößen könnte, eine bloße Umbettung oder gar die Beförderung an einen andern Ort würden ihn wahrscheinlich aus seiner wohlthätigen Ohnmacht wecken und neue, vielleicht sehr qualvolle Delirien zur Folge haben. Wenn Sie jedoch darauf bestehen, daß wir versuchen –“

[565] „Nein, nein,“ unterbrach ihn Marie hastig, „nur nicht diese fürchterlichen Reden! – Aber meine Lage, Herr Doktor, ist eine überaus peinliche. Der Kranke ist mir fast ein Fremder, ich kenne seine Verhältnisse nicht, und wenn er nun in meiner Behausung stirbt, so bin ich vollkommen rathlos, denn ich stehe eben ganz allein.“

„Hat denn der Kranke gar keine Angehörigen, welche man benachrichtigen und herbeirufen könnte?“

„Ich weiß es nicht; aber ich glaube kaum, daß ihm hier Verwandte leben. Er führte meines Wissens stets ein sehr stilles und eingezogenes Dasein!“

Der Arzt wiegte bedenklich den Kopf.

„Hum, dann ist es doch vielleicht besser, wenn ich seine schleunige Ueberführung nach der Charité veranlasse. Es ist zwar eine Grausamkeit gegen den Aermsten; aber da er ohnedies hoffnungslos verloren ist, muß die Rücksicht auf Sie doch wohl allem andern vorangehen.“

In begreiflicher Furcht vor den Folgen dieses entsetzlichen Abenteuers fühlte sich Marie gedrängt, ihm ihre Zustimmung zu seinem letzten Vorschlage auszusprechen; da aber fiel ihr Blick zufällig auf das kleine unscheinbare Bild vor dem Spiegel, auf das himmlisch milde Antlitz der Maria im Rosenhag. Und sie dachte daran, daß jener Unselige in seinen wilden Wahnvorstellungen die gnadenreiche Gottesmutter für ihr eigenes Abbild gehalten – daß er in seiner höchsten Verzweiflung, in seiner letzten furchtbaren Noth zu ihr geflüchtet war im Vertrauen auf ihre Barmherzigkeit und Güte. – Nein, was auch immer über sie kommen mochte, sie hatte nicht die Kraft, dies Vertrauen zu täuschen und den Sterbenden von ihrer Schwelle zu jagen.

„Ich danke Ihnen, Herr Doktor,“ sagte sie; „aber ich möchte mir Ruhe und Bequemlichkeit doch nicht durch eine Grausamkeit gegen den Schwerkranken erkaufen. Lassen wir ihn immerhin hier! Auch wenn das Schlimmste wirklich eintreten sollte, wird sich für das, was ich zu thun habe, Rath finden lassen.“

„Das ist ein hochherziger Entschluß, mein Fräulein, und ein muthiger zugleich! Aber Sie dürfen versichert sein, daß es Ihnen an meinem Beistande nicht fehlen wird. Eine unabweisbare Pflicht ruft mich leider jetzt an das Schmerzenslager einer Kranken, die ich nicht im Stich lassen darf, weil sie dem Leben vielleicht noch erhalten werden kann. In längstens zwei Stunden aber bin ich wieder hier, und ich glaube kaum, daß die Entscheidung schon früher eintreten wird. Meine Rathschläge für die Behandlung des Kranken sind sehr einfach. Sorgen Sie vor allem dafür, daß ihm volle Ruhe gelassen wird, daß niemand zu ihm spricht und daß es in seiner unmittelbaren Umgebung möglichst still hergeht. Sollte er trotzdem wieder zu sich kommen und von neuem zu phantasieren beginnen, so flößen Sie ihm einige Tropfen der Flüssigkeit ein, zu welcher ich Ihnen hier das Rezept aufschreibe. Weiter können wir, ohne ihn unnütz zu quälen, nichts für ihn thun.“

Er verabschiedete sich, und Marie schickte die noch immer vor Angst und Aufregung zitternde Aufwärterin hinunter, um das Heilmittel in der nächsten Apotheke anfertigen zu lassen. Nicht mehr aus Furcht vor dem Unglückseligen, welcher da mit wächsernem Antlitz regungslos und unhörbar athmend auf ihrem Ruhebette lag, sondern nur, um nach der Vorschrift des Arztes für die größte Ruhe in seiner unmittelbaren Umgebung Sorge zu tragen, ging Marie in das Nebenzimmer, die Thür desselben weit hinter sich offen lassend. Aber sie war noch nicht dazu gekommen, sich dort niederzulassen, als draußen auf dem Gange ein fester, männlicher Schritt vernehmlich wurde, dessen wohlbekannter Klang sie in Schreck und zugleich in namenloser Freude auffahren ließ. Frau Pahler mußte nach ihrer üblen Gewohnheit die Wohnungsthür wieder nicht verschlossen haben, da ein Besucher so ungehindert hatte eintreten können. Beide Hände auf das klopfende Herz gepreßt, stand Marie mitten im Zimmer; ihr Athem stockte, und sie war außer stande, das Pochen des Ankömmlings mit der üblichen Aufforderung zum Eintritt zu beantworten. Und als nun mit sichtlichem Zögern die Thür geöffnet wurde, als die Gestalt des Mannes, den zu sehen sie erwartet hatte, wirklich auf der Schwelle erschien, da rang sich der Ausruf „Lothar!“ wie ein Freudenschrei von ihren Lippen los, und es war, als ob sie ihm mit erhobenen Händen entgegeneilen wollte. Aber ein einziger Blick in sein ernstes, bleiches, unbewegliches Gesicht bannte sie auf ihren Platz.

„Guten Tag, Marie!“ sagte er, und seine sonst so klare Stimme klang unsicher und verschleiert. „Ich glaubte nicht, daß wir uns hier noch einmal gegenüberstehen würden, und so lange ich nur meinem eigenen Willen zu folgen hatte, wäre es gewiß niemals geschehen. Aber ich gehorche einer Pflicht – ich komme in meiner Eigenschaft als Untersuchungsrichter und ich bitte Dich, mich nicht hinaufzuwerfen, da ich diesmal solcher Aufforderung nicht Folge leisten dürfte.“

Marie starrte ihn an, als hätte er in einer Sprache geredet, welche sie nicht verstand. Eiskalt war es ihr vom Scheitel bis zur Ferse über den Körper gerieselt, und sie fühlte einen Schmerz in der Brust, als hätten eiserne Krallen nach ihrem Herzen gegriffen.

„Als Untersuchungsrichter?“ wiederholte sie tonlos. „Verzeih’; aber ich weiß nicht, was das bedeutet!“

„Es handelt sich um die Ermittelung jenes Verbrechers, welcher Jan van Eycks ‚Madonna im Rosenhag‘ aus dem Berliner Museum entwendet hat. Seine Spur – seine Spur weist hierher, Marie!“

Es gab ein tiefes Schweigen, während dessen sie sich unverwandt in die Augen sahen. Dann, da sie augenscheinlich nicht willens war, ihm zu autworten, fuhr Lothar langsam fort:

Ich suchte lange nach einem Menschen, dessen Zeugniß mir für die Aufklärung der geheimnißvollen That von einigem Werthe schien. Eine junge Malerin, die sein verdächtiges Gebahren in der Nähe des betreffenden Kabinetts beobachtet haben wollte, bezeichnete ihn mit aller Bestimmtheit als den Thäter, aber eine Reihe scheinbar entlastender Thatsachen ließ mich glauben, daß sie sich in einem Irrthum befände. Es ergingen Aufforderungen in den Zeitungen, aber der Mann meldete sich nicht, und alle Nachforschungen der Polizei waren nicht imstande, seine Persönlichkeit wie seinen Aufenthalt zu ermitteln. Vor einer Stunde aber erschien in meinem Bureau jene junge Malerin aus dem Museum. Sie war dem verdächtigen Menschen auf der Straße begegnet, sie hatte ihn, da ein Schutzmann sich weigerte, ihn auf ihre [566] Verantwortung hin anzuhalten, auf seinem planlosen Umherwandern durch die Straßen fast eine Stunde lang verfolgt, und sie hatte endlich festgestellt, daß er in dieses Haus – in Dein Haus, Marie – eingetreten sei. Und sie gab mir aufs neue eine eingehende Beschreibung seiner äußeren Erscheinung – eine Beschreibung, welche mich nicht länger zweifeln lassen konnte, daß er kein anderer sei als jener Hudetz, der mich vor Deiner Thür meuchlerisch überfiel und dem ich unklug genug seine Freiheit ließ, weil Du ihn Deinen Freund genannt hattest. Einen Mörder aber kann man doch wohl auch eines Diebstahls fähig halten. Ich glaube jetzt, daß er der Räuber des Madonnenbildes ist, und ich bin entschlossen, seine schleunige Verhaftung herbeizuführen mit allen Mitteln, welche mir zur Verfügung stehen. Das allein ist es, Marie, warum ich noch einmal hier bin. Nur wenige Fragen habe ich an Dich zu richten. Vor allem: Ist der Mann, von dem ich sprach, heute in der That bei Dir gewesen?“

„Und wenn ich mich nun weigerte, darauf eine Antwort zu geben?“

„Das wirst Du nicht thun, Marie; denn es giebt ein Gesetz, welches Dich dazu zwingen kann.“

„Und würdest Du – Du dieses grausame Gesetz gegen mich in Anwendung bringen?“

„Ich habe geschworen, meine Pflicht zu thun. So lange ich nur ein ausübendes Werkzeug der Gerechtigkeit bin, giebt es für mich keinen Unterschied der Person.“

Marie richtete sich hoch auf. Ihre Schwäche und ihre Bestürzung waren überwunden, aus ihren Augen leuchtete das Feuer einer unbeugsamen Entschlossenheit.

„Und wenn er nun noch immer bei mir wäre, so würdest Du ihn verhaften – nicht wahr?“

„Gewiß, ich müßte ihn verhaften!“

„Wie Du ihn auch fändest?“

„Wie ich ihn auch fände!“

„Nun wohl! – Er ist nicht bei mir – er hat mich längst wieder verlassen.“

„Und Du weißt nichts von seinem Aufenthalt – nichts von seiner Schuld?“

„Nichts!“

„Marie!“ – Sein Athem ging schwer. „Um Deinetwillen flehe ich Dich an: sage mir die ganze Wahrhrit!“

„Ich sagte, was ich sagen mußte!“

Er that einen Schritt vorwärts, vielleicht um seine Bitte zu wiederholen und um ihr einen noch innigeren Nachdruck zu geben. Er mußte jetzt durch die offene Verbindungsthür einen Theil des Nebenzimmers übersehen können, und in der Erkenntniß der Gefahr wollte ihm Marie mit ihrem eigenen Körper den Ausblick verwehren. Aber es war zu spät. Ein Aufschrei, so schmerzlich, so verzweiflungsvoll, wie sie ihn aus der Brust dieses ernsten, ruhigen Mannes nimmer zu hören erwartet hätte, kam von seinen Lippen, und indem er mit ausgestrecktem Arm auf das Bild unter dem Spiegel deutete, rief er fast weinend:

„Allmächtiger Gott, Marie, was hast Du gethan?“

„Was ich gethan habe? Nun wohl, sieh selbst - und verhafte mich mit ihm, wenn Deine Pflicht es Dir gebietet!“

Sie ergriff seine Hand und zog ihn in das Zimmer hinein.

Da stand, zu seiner ganzen Größe aufgereckt, Hudetz neben dem Ruhebette. Ein Ausdruck herzzerschneidender Seelenangst war auf seinem Gesicht.

„Sie kommen! – Sie kommen! – Heilige Maria, bitte für mich! – Gnade! – Gnade!“

Er warf die Arme in die Luft und stürzte wie ein gefällter Baum zu Boden.

Tief erschüttert war Lothar für einige Sekunden unbeweglich geblieben, dann aber beugte er sich nieder, hob die leichte Gestalt des Unglücklichen auf und legte sie behutsam wieder auf das Sofa nieder.

„Er stirbt!“ sagte er leise. „Geh’ hinaus, Marie!“

Aber sie ging nicht. An den Thürpfosten gelehnt, blickte sie unverwandt nach dem Ruhebett hinüber, an dessen Kopfende Lothar auf dem Fußboden kniete, die Hand des Studenten in der seinigen haltend und ihm tiefernst in das verwüstete Antlitz schauend.

„Gnade! – Heilige – Maria – bitte – für – mich!“ klang es noch einmal leise wie ein Hauch durch die tiefe Stille des Gemaches, dann reckte sich die elende Gestalt auf dem Lager ein wenig aus, – der qualvoll gespannte Ausdruck verschwand allgemach aus ihren Zügen, und ein Seufzer gleich einem Aufathmen namenloser Erleichterung entfloh den blutlosen Lippen.

Lothar legte die Hände des Todten übereinander und schloß ihm mit sanftem Druck die Augen.

„Gott sei Dir gnädig!“ sagte er leise. Dann richtete er sich auf. Mariens Blick begegnete dem seinigen.

„Du mußt fort!“ erklärte er, einen Schritt auf sie zutretend. „Geh’ zu Deinem Bruder, Marie!“

Und da sie zaudernd stehen blieb, ohne sich zu regen, wiederholte er noch dringender:

„Geh’ zu Deinem Bruder – ich bitte Dich darum! – Was hier noch zu thun ist, magst Du getrost mir überlassen!“

Wohin waren all ihr Stolz und ihre trotzige Widerstandskraft gekommen! Gehorsam ging sie in das Nebenzimmer, um sich zum Ausgehen anzukleiden. Als sie nach wenig Minuten zurückkehrte, stand Lothar in tiefem Sinnen vor dem Bilde der Madonna im Rosenhag. Bei dem Geräusch ihrer Schritte wandte er sich nach ihr um, und eine mächtige Bewegung spiegelte sich in seinen sonst so ruhigen Zügen. Aber er beherrschte sich dennoch und seine Stimme klang kaum verändert, als er – Marie zur Thür geleitend – sagte:

„Zur vollen Aufkärung dieses tragischen Kriminalfalles wird man Deines Zeugnisses nicht entrathen können. Aber Du sollst nicht gezwungen sein, es vor mir abzulegen. Unter den obwaltenden Umständen wird man die Angelegenheit auf mein Verlangen ohne Zweifel sogleich einem anderen Richter übertragen.“

Marie reichte ihm ihre Hand, und indem sie die schönen, in Thränen schwimmenden Augen voll zu ihm aufschlug, erwiderte sie leise: „Aber Du wirst es nicht verlangen, Lothar! Denn nur Dir werde ich bekennen, was ich zu bekennen habe!“

Sekundenlang standen sie schweigend Hand in Hand, noch in tiefster Seele erschüttert von der düsteren Majestät des Todes, dessen mächtiges Flügelrauschen sie über ihrem Haupte vernommen, und doch mit einem schüchtern emporkeimenden, wundersamen Glücksgefühl im Herzen.

Und ob sie dann auch ohne ein lautes Wort des Abschieds voneinander gingen, – sie wußten es doch, daß sie einander nach dieser Stunde nimmermehr würden verlieren können.




In einem Berliner Abendblatte fand sich an ziemlich auffallender Stelle folgende Mittheilung:

„Eine eigenartige Ueberraschung brachte den Besuchern des Schillertheaters die Vorstellung am letzten Sonntag. Die Direktion hatte das erste Auftreten einer sehr interessanten Debütantin angekündigt, einer jungen Dame, deren Name aus Anlaß eines unliebsamen Vorkommnisses auf dem großen Bazar für die Ueberschwemmten neuerdings in der vornehmen Gesellschaft Berlins vielfach genannt worden war. Die Logen und Ränge des Theaters hatten sich denn auch mit einer besonders auserlesenen und eleganten Zuhörerschaft gefüllt, und es ging eine Bewegung nicht geringen Erstaunens durch das Haus, als Herr Direkor Konstantin Rainer um sieben Uhr von der Bühne herab dem Publikum mittheilen mußte, daß ihn Fräulein Marie von Brenckendorf unmittelbar vor Beginn der Vorstellung und ohne Angabe genügender Gründe benachrichtigt habe, es sei ihr unmöglich, ihren Verpflichtungen nachzukommen und die Marianne in den ‚Geschwistern‘ zu spielen. Nur der liebenswürdigen Bereitwilligkeit des Fräulein Hellmund, die Partie noch in letzter Stunde zu übernehmen, habe er es zu danken, daß ihm die Aufführung des Stückes überhaupt möglich sei. – Unsere bewährte jugendliche Naive entledigte sich denn auch mit Glanz ihrer Aufgabe und wurde von dem dankbaren Publikum sowohl für ihre prächtige Leistung als für ihre opferwillige Hilfsbereitschaft mit Beifall überschüttet. In den Zwischenakten gab es im Foyer und in den Logengängen begreiflicherweise allerlei abenteuerliche Vermuthungen und Gerüchte über die Natur der Umstände, durch welche Fräulein v. B. am Auftreten verhindert worden sein könnte. Die Diskretion verbietet uns, Näheres darüber mitzutheilen, aber wir dürfen immerhin als gutverbürgte Neuigkeit verrathen, daß gestern im Hause des bekannten Zahnarztes Brenckendorf, welcher trotz seines bürgerlichen Namens der leibliche Bruder der jungen Dame ist, die Verlobung derselben mit ihrem Vetter, dem Gerichtsassessor v. B., stattgefunden hat. Der glückliche Bräutigam wird sich nun allerdings dazu verstehen müssen, die durch den Vertragsbruch seiner Braut verwirkte bedeutende Geldbuße [567] an Herrn Direktor Rainer zu zahlen, aber er dürfte diese Nothwendigkeit kaum sonderlich schmerzlich empfinden, da er ja das Glück hat, einen sehr begüterten Herrn, den kommandirenden General v. B., seinen Vater zu nennen. Den reizendsten Zug in diesem kleinen Familienlustspiel bildet jedenfalls der Umstand, daß der Herr Assessor ein sehr naher Verwandter desselben Dragonerlieutenants ist, welchen man aus Anlaß jener viel bemerkten Bazarscene in Verbindung mit seiner schönen Base zu nennen pflegte.“

Schon mit der ersten Morgenpost hatte der General von Brenckendorf nicht weniger als fünf Exemplare dieses im schönsten Zeitungsstil geschriebenen Artikels erhalten. Die liebenswürdigen Absender hatten sich zwar nicht genannt, aber der General zweifelte keinen Augenblick, daß sie in den Reihen seiner besten Freunde zu suchen seien. Gegen Mittag jedoch war ihm das bedeutsame Blatt zum sechsten Mal und diesmal nicht durch den Briefträger überreicht worden. Der Generallieutenant Graf Hainried hatte es in eigener Person auf den Schreibtisch Seiner Excellenz niedergelegt, und zwischen den beiden hohen Militärs war von vornherein kein Mißverständniß darüber gewesen, daß diese mit einer gewissen Feierlichkeit vollzogene Handlung einer höflichen Kriegserklärung gleichzuachten sei. Und weltmännisch höflich wie die Einleitung hatte sich auch der weitere Verlauf und der Abschluß ihrer Unterredung gestaltet. Der General von Brenckendorf hatte durchaus nichts gegen eine Lösung der zwischen seinem Sohne Engelbert und der Gräfin Helene Hainried bestehenden Beziehungen einzuwenden gehabt, und er hatte mit einer äußerst verbindlichen Miene die Versicherungen des innigsten Bedauerns entgegengenommen, welches der Generallieutenant für seine eigene Person natürlich über diese traurige Nothwendigkeit empfand. Er hatte beim Abschied sogar mit freundschaftlicher Wärme dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß die Damen des Generallieutenants, welche schon in diesen Tagen einen Erholungsaufenthalt im Süden nehmen sollten, recht angenehme und glückliche Reise haben möchten, – und erst als sich dann die Thür hinter seinem Besucher geschlossen, hatte er das unglückselige Blatt wüthend zerknittert und eine eben angezündete Cigarre zwischen den Fingern zerbrochen, als sähe er in ihr den Verfasser jenes Artikels oder eine andere, in diesem Augenblick vielleicht noch bitterer gehaßte Persönlichkeit.

Der Generallieutenant Graf Hainried aber stieß beim Verlassen des Hauses auf den Oberst von Herzogenstein, den persönlichen Adjutanten Seiner Majestät, als derselbe eben im Begriff war, durch die Gartenthür der Villa einzutreten. Die beiden Offiziere begrüßten sich höflich und der Oberst sagte mit einem bedeutsamen Lächeln und mit vorsichtig gedämpfter Stimme:

„Ich gratulire aufrichtig – Excellenz!“

Graf Hainried lehnte ab, aber mit einer Miene, die gut verrieth, wie angenehm ihn der Glückwunsch berührte.

„Das wäre etwas voreilig, lieber Oberst! Noch sind wir nicht so weit –“

„O, ich bin gut unterrichtet; es giebt keine bessere Quelle als die meinige. Majestät selbst hatten die Gnade, mich einzuweihen.“

„Das Vertrauen Seiner Majestät macht mich natürlich über alle Maßen glücklich; aber ich muß bekennen, daß ich die hohe Auszeichnung, welche mir da zugedacht worden ist, nicht ohne eine Regung des Bedauerns annehmen kann. Brenckendorf ist ein so ausgezeichneter Soldat . . .“

„Aber er ist unmöglich geworden, Herr Graf, ganz unmöglich. Und überdies wird es an einem Pflaster für die Wunde nicht fehlen. Im Vertrauen gesagt, Seine Majestät hat ihm eine ungewöhnlich hohe Ordensauszeichnung zugedacht – die erste Klasse des Roten Adlers.“

„Ah, das ist allerdings eine königliche Belohnung seiner treuen Dienste! Doch ich halte Sie auf, mein lieber Herr Oberst! Auf Wiedersehen!“

„Auf baldiges Wiedersehen, Excellenz! – Weiß der Himmel – es ist ja ein allerhöchster Auftrag, aber ich wünschte doch, daß ich erst um eine Viertelstunde älter wäre!“ –

Aufrecht und straff, mit stolz erhobenem Haupte, begrüßte der General von Brenckendorf seinen neuen Besucher. Seine Miene war kalt und gefaßt; aber es war die Gefaßtheit eines Mannes, welcher bereit ist, den Todesstreich zu empfangen. –

*  *  *

Die Generalin und ihre Tochter hatten sich eben zu einem Besuch gerüstet, als der Herr des Hauses in das Zimmer trat.

„Es thut mir leid, daß Ihr auf den Spaziergang oder was Ihr sonst vorhabt, verzichten müßt,“ sagte er mit vollkommener Ruhe; „aber es ist hohe Zeit, die Vorbereitungen zur Reise zu treffen. Wir fahren morgen mit dem Frühzuge nach Groß-Hagenow.“

„Wie? Nach Groß-Hagenow? Auf das Land?“ fragte Ihre Excellenz in maßlosem Erstaunen. „Jetzt – mitten im Winter?“

„Es läßt sich nicht ändern,“ erklärte der General mit einer Bestimmtheit, welche seine Angehörigen kannten. „Ich glaube, der Schlag würde mich treffen, wenn ich nur noch einen einzigen Tag inmitten dieser jämmerlichen Lügengesellschaft zubringen sollte. Packt die Koffer, sage ich Euch! Ich lechze danach, die ehrlich dummen Gesichter unserer Bauern wiederzusehen!“

Fassungslos war die Generalin in einen Sessel gesunken.

„Nein, es ist ja nicht möglich. Was, um Gotteswillen, ist denn geschehen?“

„O, nichts von besonderer Bedeutung! Zwei kleine Ueberraschungen, von denen Ihr die eine schon heute aus den Zeitungen erfahren könnt, während die andere erst in einigen Tagen zum Behagen unserer guten Freunde bekannt werden wird. Lothar hat sich mit einer Theaterprinzessin verlobt –“

„Mit Marie?“ fiel ihm Cilly fast jubelnd ins Wort, und selbst der streng verweisende Blick ihres Vaters scheuchte das freudige Aufleuchten nicht von ihrem Gesicht. „O, es kann ja keine andere sein als Marie!“

„Lothar hat sich mit einer Theaterprinzessin verlobt,“ wiederholte der General mit vermehrtem Nachdruck, „und er hat es für angemessen gehalten, mich diese hübsche Neuigkeit zuerst aus den Spalten eines Klatschblattes erfahren zu lassen. Zum anderen: man hat mir den Abschied gegeben!“

„Den Abschied?“ Die beiden Damen riefen es wie aus einem Munde. Das war allerdings eine Neuigkeit, die ihnen wie ein Märchen klingen mußte.

„Ja! Wenn auch nicht gerade mittels blauen Briefes wie einem überschuldeten Lieutenant. Aber es kommt im Grunde auf eins hinaus. Ich werde also aus Gesundheitsrücksichten um Enthebung von meinem Kommando bitten, der amtsmüde Kriegsminister von Reckenstein wird mein Nachfolger werden, und auf dem Ministersessel wird unser ausgezeichneter, trefflicher Freund Hainried Platz nehmen, der ehrliche Mann, der an diesen Dingen natürlich so unschuldig ist wie Dein Bologneserhündchen.“

„Ist es möglich? Ist es möglich?“ jammerte die Generalin. „Und nun sollen wir nicht einmal morgen mehr das Essen bei dem österreichischen Botschafter mitmachen?“

„Nein! Wir werden mit englischem Abschied verschwinden, wie es gefallenen Größen ziemt. Mir graut vor der Theilnahme unserer lieben Freunde und vor ihren zärtlichen Erkundigungen nach dem Stande meiner erschütterten Gesundheit!“

Ihre Excellenz ergab sich seufzend in das Unabänderliche.

„Dann muß ich wenigstens die Köchin heute nach Groß-Hagenow vorausschicken. Wir können uns doch nicht morgen am Tische des Oberverwalters beköstigen lassen!“

„Entscheide diese wichtige Angelegenheit ganz nach Deinem Ermessen, meine Liebe,“ erwiderte der General mit leisem Spott, „ich werde unterdessen die Anordnungen für die Erledigung der laufenden Dienstgeschäfte während meines Urlaubs treffen. Wenn Engelbert kommt, so sagt ihm, daß ich ihn zu sprechen wünsche. Und sorgt mir vor allem, daß die Abreise nicht irgend welcher Hindernisse wegen verschoben zu werden braucht! Ich habe einen Ekel vor allem, was mich hier umgiebt!“

„Mein armes, armes Kind!“ klagte die Generalin fast weinend, als sie mit Cilly allein war. „Gerade diese Saison ließ sich so lustig für Dich an. Wie viel Bälle hättest Du noch mitmachen können und wie viel ausgezeichnete Mahlzeiten! – Und jetzt sollst Du auf das Land! Es ist eine furchtbare Grausamkeit!“

Cilly aber lachte fröhlich auf und umschlang den Nacken der Betrübten, so weit es bei dem Umfange desselben möglich war.

„Nein, es ist reizend, Mama, es ist himmlisch, und ich freue mich darauf wie ein Kind! Das Schönste aber ist doch, daß Marie und Lothar ein Paar werden sollen – ich könnte mich rein auf den Kopf stellen vor Vergnügen.“

„Cilly! Cilly!“ rief Ihre Excellenz entsetzt. „Wenn das [568] Dein Vater gehört hätte! – Hast Du denn nicht gesehen, daß diese That Lothars ihn bis ins Herz getroffen hat?“

„Nein, Mamachen, davon habe ich wirklich nichts bemerkt. Glaube mir, im Grunde ist’s ihm ganz lieb so, wenn er sich das auch vielleicht heute und morgen selber noch nicht gestehen mag. Wenn man bei strotzender Kraft wegen erschütterter Gesundheit seinen Abschied nehmen soll, muß man wohl ein wenig knurrig und verbissen sein; aber ich wette, nach kaum drei Monaten ist der Papa zu der Erkenntniß gekommen, daß es doch im Grunde viel lustiger und behaglicher sei, den Gutsherrn auf Groß-Hagenow zu machen. Und dann, meine liebe, theure, einzige Herzensmama – dann wird sich auch alles andere finden!“

Sie küßte die verwunderte Herzensmama schallend auf den Mund und flog in ihr Zimmer, um mit eilender Feder einige kleine Briefchen zu schreiben: ihre überströmenden, jubelnden Glückwünsche für Lothar und Marie und zehn kurze Zeilen für Wolfgang Brenckendorf:

„Der Kriegsschauplatz ist verlegt; aber der veränderte Boden macht uns den Sieg gewiß. Wir haben Wind und Sonne für uns, da kann’s nicht mehr fehlen. Morgen früh geht’s mit Sack und Pack nach Groß-Hagenow. Wenn ich Dir nicht binnen heut und einem halben Jahre telegraphirt habe: Komm! – so muß ich wohl inzwischen gestorben sein. Und dazu fühlt sich durchaus nicht aufgelegt
 Deine seelenvergnügte Cilly.“

Während die Generalin sorgenvoll überlegte, was man bei einer so überstürzten Uebersiedelung zur ungünstigsten Jahreszeit morgen im Herrenhause zu Groß-Hagenow wohl werde auf den Tisch bringen können, sang und jubilirte es hell wie Lerchengezwitscher durch das Haus:

„Kein Fluß ist so tief, keine Mauer so hoch,
Wenu zwei sich nur gut sind, sie sinden sich doch!“

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Und diesmal wenigstens hatte sich das übermüthige Töchterchen des Generals als eine treffliche Menschenkennerin bewährt. Wohl wandelte Herr von Brenckendorf ein paar Wochen lang mit der Miene eines Menschenfeindes in den Gefilden seines prächtigen Besitzthums umher, und es hatte durchaus nicht den Anschein, als ob die reichlich gebotene Gelegenheit zum Anblick von Bauerngesichtern ihm die gehoffte Erquickung bereitete. Aber der Rote Adlerorden und das überaus huldvolle königliche Handschreiben, welches bald in allen Zeitungen zu lesen war, konnten ihre heilsame Wirkung auf sein verbittertes Gemüth nicht verfehlen. Auch machte sich allgemach der Einfluß des zugleich vergnüglichen und bequemen Landlebens mit seinen großen und kleinen Jagdausflügen und seinem lebhaften Verkehr der Gutsnachbarn wohlthuend fühlbar. Nach kaum zwei Monaten war der General frischer und heiterer als seit Jahren, und Cilly, die im Verkehr mit ihrem Vater ein bewundernswürdiges diplomatisches Geschick offenbarte, hatte in einer besonders günstigen Stunde den Muth, ihm mit allerlei vorbereitenden Umschreibungen ihr großes Geheimniß zu offenbaren. Es schmetterte sie durchaus nicht nieder, ja, es schien ihr nicht einmal unerwartet, daß der General mit einem schneidenden „Niemals!“ alle ihre Hoffnungen auf seine Nachgiebigkeit im Keime zu ersticken gedachte. Ohne Thränen und ohne Widerspruch entschlüpfte sie seinem ersten, ziemlich heftig aufwallenden Zorn, und zu seiner geheimen Ueberraschung zeigte sie ihm später weder eine schmollende noch eine trübselige Miene. Aber bei der ersten passenden Gelegenheit lieferte sie ihm durch ein lachend hingeworfenes Wort den Beweis, daß ihr Sinn sich nicht im mindesten geändert habe. Der General gab sich den Anschein, als habe er es nicht bemerkt, denn Cillys heiteres Gesicht und ihr helles Lachen waren ihm längst viel zu unentbehrlich geworden, als daß er sich ohne zwingende Noth der Freude an ihnen hätte berauben sollen. Und das nämliche Spiel wiederholte sich immer häufiger und immer offener, bis der General, fast ohne es selber zu bemerken, allgemach dahin kam, Cillys Anspielungen ohne jede Anwandelung von Aerger vernehmen zu können. Die vollständige Kapitulation aber hätte vielleicht doch noch eine geraume Weile auf sich warten lassen, wenn nicht rasch nach einander verschiedene Ereignisse eingetreten wären, welche Seine Excellenz wohl in gute Laune versetzen mußten.

Da war zunächst der Rücktritt des neuen Kriegsministers Grafen Hainried, welcher ihm eine nur schlecht verhehlte tiefinnige Genugthuung bereitete. Der schmiegsame und liebenswürdige Generallieutenant hatte offenbar die besonderen Erwartungen nicht erfüllt, welche man auf seine Talente gesetzt hatte; in einer schwierigen, parlamentarischen Klemme hatte er eine von der Regierung sehr peinlich empfundene Niederlage erlitten, und sein Abtreten vom Schauplatze der Oeffentlichkeit gestaltete sich demgemäß zu einem viel weniger ehrenvollen, als es das des Generals von Brenckendorf gewesen war. Wenn es dem letzteren aber in diesem Falle aus naheliegenden Schicklichkeitsgründen nicht gestattet war, seiner Freude einen lauten Ausdruck zu geben, so entfiel dieser Zwang um so vollständiger der zweiten Neuigkeit gegenüber, welche Engelbert auf einem Urlaubsbesuche in Groß-Hagenow überbrachte. Der Dragoneroffizier hatte augenscheinlich nicht allzu schwer an dem Schmerz getragen, welchen die Aufhebung seiner noch nicht einmal öffentlich verkündeten Verlobung mit der Gräfin Hainried ihm bereitet hatte. Er strahlte in Gesundheit, Schönheit und guter Laune wie nur je und platzte schon in der ersten Viertelstunde mit dem Bekenntniß heraus, daß Amors Rosenketten ihn abermals gefesselt hielten, und diesmal, wie er versicherte, unauflöslich und unzerreißbar. Die Besorgniß, welche sich bei dieser Erklärung auf dem Antlitz des Generals ausprägte, mußte wohl eine völlig unbegründete gewesen sein, denn nachdem ihm Engelbert in einer ernsthaften Unterredung unter vier Augen den Namen seiner Angebeteten genannt und über den Stand der ganzen Angelegenheit berichtet hatte, war der Herr Vater in der allerbesten Stimmung und ließ zur Mittagstafel die für besonders festliche Gelegenheiten aufgesparten, erlesensten Schloßabzüge aus dem Weinkeller holen.

Schon hatte man bei der heiteren Mahlzeit in dem kleinen Familienkreise auf die verschiedensten Gesundheiten angestoßen, als Engelbert sich plötzlich an die Stirn schlug und ausrief:

„Teufel, wie selbstsüchtig man doch wird, wenn man verliebt ist! Da vergesse ich wahrhaftig, daß ich noch etwas Besonderes zu erzählen habe. Lothar ist als Hilfsarbeiter in das Justizministerium berufen worden, nachdem ihn der Minister auf Grund seiner Abhandlung über die moderne Strafrechtspflege zu einer langen Unterredung eingeladen hatte. Man spricht allgemein davon, daß er sein Glück machen werde.“

Sowohl die Generalin als Cilly hatten, sobald Lothars Name zum ersten Male genannt worden war, etwas zaghafte Blicke auf das Antlitz des Hausherrn geworfen. Und in der That hatte sich etwas wie eine drohende Wolke auf der Stirn des Generals zusammengezogen. Aber ob es nun die Aussicht auf Engelberts glänzende Verheirathung, ob es die Wirkung der feurigen Schloßabzüge oder der durch allen Groll hindurchbrechende Vaterstolz war, welcher diese Wolke verscheuchte – genug, als Engelbert geendet hatte, sagte der General nach einem kleinen Räuspern:

„Es soll mich freuen, wenn man die Wahrheit spricht. Und wie steht es zwischen Euch? Immer noch die alte Feindschaft?“

„Gott bewahre! So was halt’ ich nicht auf die Dauer aus. Ein hitziges Wort läuft einem wohl ’mal über die Zunge, und, hol’s der Henker! gerade dann am leichtesten, wenn man am tiefsten im Unrecht ist! Im Unrecht aber bin ich damals mit der Marie gewesen, das läßt sich nun schon nicht leugnen, wenn’s auch nicht angenehm ist, es einzugestehen. Und das fraß doch ein bißchen an mir herum, obgleich ich mir ja sagen konnte, daß sie nicht allzu lange gebraucht habe, um sich zu trösten. Hundertmal war ich auf dem Wege zu ihrem Bruder, bei dem sie ja seit der Verlobung wohnt, um mir meine Begnadigung zu holen, aber ich weiß nicht, wie es zuging: vor dem Hause gab’s mir jedesmal einen innerlichen Ruck, so daß ich wohl oder übel wieder umkehren mußte. Und die Geschichte hätte sich vielleicht endlos hingezogen, wenn ich nicht eines Morgens in einer menschenleeren Allee des Thiergartens auf meinen Herrn Bruder gestoßen wäre. Wie er mich sah, machte er ein Gesicht wie acht Tage Regenwetter, und wir gingen aneinander vorüber, ohne uns zu grüßen. Aber nach drei Schritten gab es mir wieder so einen innerlichen Ruck, ich fuhr herum und –“

„In den Armen lagen sich beide,“ deklamirte Cilly feierlich, „und weinten vor Schmerz und Freude.“

Na, das nun gerade nicht! Aber es mußte mir wohl auf dem Gesichte geschrieben stehen, was ich ihm gern gesagt hätte, und so streckte er mir denn seine Hand entgegen, noch ehe ein Wort zwischen uns gefallen war. Wir wandelten gemeinschaftlich weiter, und nach einer kleinen halben Stunde war zwischen uns [570] alles wieder glatt und eben, wie sich’s gehört. Seitdem ist keine Woche vergangen, daß wir nicht alle vier einen Abend oben bei Wolfgang gemüthlich verplaudert hätten, und ich versichere auf Ehre: wenn ich früher in Marie verliebt war, so habe ich heute einen beinahe ehrfürchtigen Respekt vor ihr. Das ist die rechte Frau für Lothar, und das Herz geht einem auf, wenn man die beiden so im Stillen beobachtet. Sie ist aufgeblüht wie ein Röslein, und in Lothar werdet Ihr den alten Brummbären und Stubenhocker auch schwerlich wiedererkennen.“

Der General hustete und beschäftigte sich sehr angelegentlich mit seinem Teller. Cilly aber fragte anscheinend ganz unbefangen:

„Und Wolfgang? Du unterhältst jetzt also freundschaftlichen Verkehr mit ihm?“

„Gewiß! Ist ja trotz seiner demokratischen Schrullen ein prächtiges altes Haus, und es weiß ohnedies schon die ganze Welt, daß wir Vettern sind. Stößt sich aber niemand mehr daran, auch nicht unter den Kameraden! Halb Berlin hebt ihn wegen seiner Geschicklichkeit in den Himmel, und das Geld kann er nur so mit Scheffeln messen. Er hat mich übrigens beauftragt, meinen verehrten Eltern die schönsten Empfehlungen und meinem lieben Schwesterchen die herzlichsten Gruße auszurichten.“

Der General schwieg noch immer, aber er sah gar nicht so böse aus, daß man dies Schweigen hätte für ein schlimmes Zeichen nehmen müssen. Das Thema wurde dann nicht weiter berührt; aber als Engelbert am nächsten Tage von Eltern und Schwester in dem eleganten Landauer des Gutsherrn zur Bahnstation begleitet wurde, sagte der alte General plötzlich:

„In drei Wochen feiern wir ja den Geburtstag der Mama; wenn Du Deinen Bruder dazu mitbringen willst, Engelbert, so soll er mir herzlich willkommen sein.“

„Das ist ein Wort, Vater! Seit gestern liegt mir’s auf dem Herzen, ohne daß ich den Muth hatte, damit herauszuplatzen. Aber – eines muß ich doch auf jede Gefahr hin sagen: allein – allein kommt er nicht!“

„Nun, so soll er mit seiner Braut kommen! Ich denke, es ist Platz genug im Schlosse!“

Obwohl sie im offenen Wagen fuhren und obwohl rechts und links auf den Feldern die Tagelöhner an der Frühlingsbestellung waren, sprang Cilly doch aus den Polstern auf, um sich dem General an die Brust zu werfen.

„O Du Herzenspapa! – Aber ich wußte es ja, hier draußen würde sich alles finden!“

*  *  *

An dem nämlichen Tage empfing Wolfgang Brenckendorf ein Telegramm, welches nichts weiter enthielt, als das einzige Wörtchen: „Komm!“ – und wenn es auch nicht gerade der Schah von Persien war, den er im Stich lassen mußte, so nahmen es ihm doch einige seiner vornehmsten Kunden sehr übel, daß er sich genöthigt sah, in dringender und unaufschiebbarer Angelegenheit plötzlich eine Reise anzutreten.

Der Empfang, welchen er auf Groß-Hagenow fand, war zwar ein wenig steif und kühl, doch von verbindlichster Höflichkeit, und nach Beendigung der fast einstündigen Unterhaltung, welche der General in seinem Arbeitskabinett mit dem Besucher hatte, schien auch der Verkehrston ein wesentlich wärmerer geworden zu sein. Jedenfalls hatte Seine Excellenz nichts dagegen einzuwenden, daß Cilly ihrem Vetter ohne weitere Begleitung den Park und die Gewächshäuser zeigte, und als sich der Zahnarzt am Abend verabschiedete, sagte der Gutsherr von Groß-Hagenow beim letzten Händedruck:

„Was bleibt mir altem Manne anderes übrig, als mich besiegt zu geben! Auf frohes Wiedersehen denn, mein lieber Sohn!“ –

*  *  *

Während im festlich erleuchteten Speisesaale des Schlosses Groß-Hagenow die Gläser der Gäste aneinander klangen auf das Glück der beiden Brautpaare des Hauses Brenckendorf, trieb der laue Frühlingswind sein Spiel mit den jungen Grashalmen auf einem schmucklosen Grabe. Weder Kreuz nach Stein nannte den Namen desjenigen, welchen man vor Monaten da unten gebettet hatte. Nur ein schwarzes Stäbchen war am Kopfende des Hügels in die Erde gesteckt, und es trug neben einer Zahl die Buchstaben J. H. – Nichts war da, was die Erinnerung an den armen Studenten aus Galizien auch nur für eine kurze Spanne Zeit hätte wacherhalten können im Gedächtniß der Menschen; die Spur seines Daseins war vertilgt und ausgelöscht, als hätte er niemals unter den Lebenden gewandelt.

Der Arm der irdischen Gerechtigkeit hatte ihn nicht mehr erreicht, um zu strafen, was er verschuldet. Er war vor einen Richter gerufen worden, von dem wir nicht wissen, wie schwer er die Sühne bemißt für unser Irren und Fehlen.

Das nur wissen wir, daß die kleinen Wiesenblumen auch über dem Haupte des Sünders blühen und daß die Nachtigall ihre sehnsüchtig süße Weise singt auch in dem Busch, der aus seinem Grabe sprießt.