Manöverbild

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Autor: Ernst Keil
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Titel: Manöverbild
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aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 589–593
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[589]
Manöverbild.
Von Ernst Keil.

Es war eine finstere Nacht. Wir hatten am Tage viel manövrirt, und uns wacker mit dem Feind herumgeschossen, der durch unser furchtbares Feuer, das freilich die Reihen nicht lichtete, glücklich aus seiner Stellung getrieben worden war. Wir wußten indeß nicht, ob der Feind in der Nacht einen neuen Angriff wagen würde, die Scharte auszuwetzen, und waren gezwungen, durch eine starke Vorpostenkette unser Lager vor jedem Ueberfall zu schützen. Unglücklicherweise traf unser Bataillon das wenig angenehme Loos, die Kette zu bilden, und kaum hatten wir uns von der Anstrengung des Tagen ein wenig erholt, als auch schon der Signalist wieder „Sammeln“ bließ, und das Bataillon, an der Spitze „der Alte aus der Hippel“, zur Beiwacht ausmarschirte.

Allen meinen damaligen Kameraden in der Festung E–t wird der „Alte auf der Hippel“ noch im frischen Gedächtniß leben. Er war Bataillonschef und nebenbei Bataillonsquäler. Unser Bataillon war das geplagteste und am meisten gequälte in der ganzen Garnison. Der Alte wollte fortwährend exerciren und Parademarsch üben, und frug dann weder nach Sonnenschein oder Regen, Kälte oder Hitze. Die Leute konnten stürzen vor Müdigkeit und Anstrengung, es kümmerte ihn nicht, wenn der Parademarsch oder eine Schwenkung weniger gut als gewöhnlich gingen. Seinen Namen hatte er von seinem Pferde erhalten, das alt und steif, wie er, wie ein Ziegenbock (in der Bauernsprache: „Hippel“ genannt) vor den Reihen des Bataillons herumtanzte. Wenn der Alte räsonnirte und fluchte und mit dem Degen in der Luft herumfocht, stand die alte Hippel ruhig wie ein Sägebock und rührte sich nicht. Der älteste Mann im Bataillon konnte sich nicht entsinnen, die Hippel stutzen gesehen zu haben. Der Alte hatte noch zwei bessere Pferde im Stalle stehen, er ritt aber nur die Hippel, die kaum das Ohr hob, wenn das ganze Bataillon feuerte.

Was die Hippel geduldig war, war der Alte ungeduldig. Er lobte nie das Bataillon, er nannte es das „schlechteste, maladroiteste“ im ganzen Regiment. Kein Gewehrgriff war ihm recht, keine Bewegung prompt genug, kein Marsch nach dem Reglement. Er richtete sich sogleich in den Bügeln in die Höhe, schlug seine Schenkel mit der flachen Hand und rief mit kreischender, näselnder Stimme: „Haalt – haalt! Aber, meine Herren Kapitains, das jeht nicht, die Leute haben keinen Schritt, kein Tempo – Donnerwetter, ich sehe Bayonnettwackeln im Bataillon – das jeht ja nicht! Ruhe im Bataillon, drei Tage Mittelarrest – wer sich muckt! Wart, ich will Euch kriegen! Aa–achtung!“ dabei hob er sich noch mehr in den Bügeln seiner bockbeinigen Rosinante. „Stillstand! Wer rührt sich!“

Todtenstille rings umher. Unter Fluchen, Schreien und Donnerwettern kommandirte er dann das Bataillon, das ihn weder fürchtete noch liebte, und ihn nur um seiner Exercirwuth willen haßte. Man ließ ihn räsonniren, exercirte wie gewöhnlich und hütete sich, seine Aufmerksamkeit durch Gewehrwackeln oder Kopfbewegungen zu erregen, welche Fehler er sogleich mit drei Tage Mittelarrest bestrafte. Die Feldwebel hatten bei jedem Exerciren im Bataillon vollauf solcher Strafen zu notiren, die dann gewöhnlich eben so rasch wieder ausgestrichen wurden, wie sie notirt waren. Oft aber erinnerte sich der Alte andern Tags der diktirten Strafe, und befahl dann dem Kapitain, streng darauf zusehen, daß seine Befehle befolgt würden, worauf dann freilich der unglückliche Gewehrwackler drei Tage bei Wasser und Brot feiern mußte.

Ich wurde der Feldwache des Lieutenants L. zugetheilt, eines blutjungen Offiziers, der kaum acht Tage die Epaulettes trug. Der Unteroffizier Sommer, mein alter Freund, war mit mir. Wir hatten auf Befehl des Lieutenants ein großes Feuer angeschürt, das hell aufloderte und die nächste Gegend grell beleuchtete. Die Mäntel unter uns, den Tschako als Kissen, lagerten wir im Kreise in den verschiedenartigsten Gruppen; einige aßen, andere rauchten, wieder andere spielten Karte oder erzählten sich Erlebnisse der jüngsten Zeit. Unter den Letzteren waren auch wir, der Unteroffizier Sommer und meine Wenigkeit, die wir etwas abseits vom großen Haufen lagerten, und bei einer guten Cigarre die Zeit mit Plaudern und Träumen todtschlugen. Sommer schien heute besonders mild und sanft gestimmt, und strich einmal über das andere seinen langen Schnurrbart, wie seine Gewohnheit war, wenn er eine lange Geschichte aus seinem vielbewegten Kriegerleben erzählen wollte.

Die Nacht war indeß immer dunkler geworden, und die kalte Luft fing nach und nach an, lästig zu werden. Wir versuchten zu schlafen, und wickelten uns in unsere Mäntel. Der Lärm um und neben uns verhinderte es. Sommer ward unruhig.

„Wollen wir ein wenig promeniren?“ fragte er leise.

Ich gab meine Einwilligung, und bezweifelte nur, daß der Lieutenant die Erlaubniß zum Austreten geben werde.

„Ah Spaß,“ renommirte Sommer, „so ein junges Offizierchen schlägt einem gedienten Unteroffizier, dem zwei Kreuze auf der Brust liegen, nichts ab. Sind alle nicht taktfest im Felddienst und brauchen unser eins. Geben Sie Acht!“

Nach wenigen Minuten schon kehrte er mit der Erlaubniß des Lieutenants zurück. Wir Übergaben unsere Mäntel einem Mann unserer Abtheilung, und gingen dem Walde zu; keiner sprach ein Wort.

„Hm,“ begann endlich Sommer, „es ist doch halt alles Spielerei dieses Exerciren und Manövriren, Bivouakiren und Schikanieren! [590] Es ist kein Ernst dahinter, kein Trieb, kein freier Wille! Da schlafen sie ruhig, die blutjungen Burschen, keiner denkt an den Tod, keiner seines letzten Stündleins, es sind Soldaten, und statt von Schlacht und Blut, träumen sie vorn Liebchen und der Schenke im heimatlichen Dorfe. Anno zwölf und dreizehn – wir lagen auch manche Nacht so, Manchem war es die letzte, und am Morgen fuhr ihm so ’ne verfluchte Bohne zwischen die Rippen, daß er das Aufstehen auf immer vergaß. ’S war ein ernstes Spiel damals – ich kann’s doch net vergessen! Und ich habe mir damals oft solch eine Bohne gewünscht, ich war des Bischen Lebens überdrüssig und wäre gern in’s große Lager gerückt – ’s that’s aber halt net, und ich bin ein alter Knabe beim Trommelfell geworden, den sie mal ruhig auf den Kirchhof neben einen Schneider oder Handschuhmacher einscharren. Ich wollt’, es würde bald zum Abmarsch geblasen.“

„Aber Alter,“ fiel ich ein, „was schwatzt Ihr wieder für dummes Zeug. Es geht Euch doch Wohl hier, das ganze Regiment liebt Euch, der Oberst hat freiwillig Traktamentszulage bewilligt, was fehlt Euch noch?“

„Hm, ja, zu essen und zu trinken habe ich, der König läßt seine braven Soldaten nicht verhungern, und es fällt wohl auch sonst noch etwas ab, was zum guten Leben gehört, aber hier, junger Freund,“ und dabei pochte er mit der Faust auf die Stelle, wo sein Herz hämmern mochte, „hier, junger Freund, da ist noch so ein alter Mahner, der braucht kein Fleisch und keinen Schnaps, und zehrt doch mehr, als der zahnlose Mund. Das pocht und hämmert und spricht in der Nacht und am Tage – o ich möchte mir halt manchmal die enge Uniform aufreißen und das Bayonnett zwischen die Rippen rennen, daß ich nur Ruhe hätte in meinen alten Tagen.“

„Aber Sommer,“ frug ich erstaunt, „was ficht Euch an, – was ängstigt Euch?“

Er strich seinen Schnurrbart rechts und links und schwieg lange. Ich fühlte, wie ihn der Frost schüttelte; er schnallte die Kuppel vom Knopfe los, öffnete seine Uniform ein wenig und holte tief Athem.

„Still,“ sagte er endlich, „ich will’s Ihnen erzählen, ehrlich und wahr, wie’s zuging, erleichtert mir’s doch selbst das Herz. Es ist halt eine einfache Soldatengeschichte, wie so viele, der böse Kasus dabei ist nur, daß sie just mir passiren mußte.

„Sehen Sie, es war Anno 13, wir lagen am Rhein, drüben auf der andern Seite der alte Marschall Vorwärts, der bei uns war, drängte rasch dem nahen Frankreich zu. Ich war damals noch Husar, ein junges feuriges Blut. In meiner Sektion stand noch ein anderer junger Bursch, ein lustig Sachsenblut, dem ich herzlich gut war. Wir hatten neben einander schon in manchem Treffen gefochten, Einer hatte dem Andern das Leben gerettet, wir lagen in einem Zelt, wir schliefen neben einander und wußten es auf dem Marsche immer so einzurichten, daß wir ein Quartier erhielten. Mein Kamerad war halt ein guter Bub’, aber leichtsinnig. Er hatte eine alte Mutter daheim, die wohl nicht viel zu brocken und zu beißen hatte, der schickte er regelmäßig jeden Monat sein erspartes Traktament, und das war Recht! Er hatte aber auch eine Braut zu Haus’, die lange Briefe mit der Feldpost schrieb, voll Thränen und Sehnsucht, die vergaß er, und lief jeder Schürze nach, die ihm begegnete, und scharmirte mit allerlei Gesindel, und das war nicht recht! Ich ermahnte ihn oft, und redete ihm in’s Gewissen und sagte: „Donnerwetter,“ sagte ich, „bleib’ ein ehrlicher Kerl, und betrüg’ mir das Mädel nicht!“ Er aber lachte und sang: „Ander Städtel, ander Mädel!“

„’s war also Anno 13, und wir standen drüben über’m Rhein. Mein Freund und ich hatten wieder ein Quartier zusammen, und das war bei einem ehrlichen Schenkwirth. Der Schenkwirth hatte eine hübsche Tochter, die meinem Sachsen besonders in die Nase stach, das Mädchen wollte aber nichts von ihm wissen, und patzte ihn mehrmals tüchtig ab. Das schreckte meinen Kameraden, der dergleichen schon aus seiner Praxis gewohnt war, nicht ab. Eines Abends – ich hatte eben mein Schwarzchen abgefüttert – da hörte ich plötzlich aus der Kammer der Jungfer ein Geschrei nach Hülfe. Ich stürze die Treppe hinauf, trete die Thüre, die verschlossen war, zusammen, wie ein morsches Brett und finde – Donnerwetter, ’s macht mich jetzt noch wüthend – finde meinen Freund mit dem Mädchen, wie er ihr Gewalt anthun will. Im Nu hatte ich ihn gepackt, und so sehr er sich auch sträubte, zu Boden gewürgt, das Mädchen entfloh. Der Bursche wollte nach und schäumte vor Wuth, ich hielt ihn aber gepackt, den unvernünftigen Menschen, bis er mir versprach, das Mädchen in Ruhe zu lassen. Als ich das arme Kind in Sicherheit glaubte, ließ ich los. Er sprang auf und stellte sich kerzengerade vor mir hin.

„Du hast mich beleidigt,“ sagte er kalt, seine Augen aber sprühten Tod und Teufel.

„Im Gegentheil,“ antwortete ich, „Du hast mich und das ganze Regiment beleidigt, indem Du eine ehrlose Handlung begehen wolltest. Du solltest mir’s Dank wissen, daß ich Dich abhielt.“

„Was gehen Dich meine Liebschaften an?“ schnautzte er. „Wer gibt Dir das Recht, mich zu Hofmeistern? Ich kann thun und lassen, was ich will, wenn ich nicht im Dienste bin, und Du sollst mich am wenigsten daran hindern.“

„Hier ist von keiner Liebschaft die Rede,“ antwortete ich eben so kurz, „sondern von einer Schandthat. Du wolltest das Mädchen unglücklich machen, und das thut nur ein ehrloser Kerl!“

„Teufel, eine neue Beleidigung! Das duld’ ich nicht, und Du wirst als ordentlicher Husar wissen, was Du zu thun hast!“

„Ganz gut,“ sagte ich, „Pistolen oder Säbel?“

„Pistolen – in einer Stunde an der feindlichen Vorpostenkette!“

Bon,“ sagte ich und ging zu meinem Schwarzchen, das ich noch einmal recht tüchtig abfütterte. Dann schrieb ich einen Brief an meine alte Mutter, worin ich für alles Liebe und Gute tausendmal dankte, den letzten Traktamentsthaler einlegte und den Ring meines verstorbenen Vaters. Dann putzte ich meine Sattelpistolen, nahm Abschied von meinem Schwarzchen und ging.

Mein Nebenmann in der Sektion folgte mir als Sekundant.

„Ich traf meinen Gegner schon auf dem Platze. Die Entfernung ward abgemessen, zehn Schritte und ein Sprung, dann wurde geladen. Ich versuchte noch einmal, den alten geliebten Kameraden zu besänftigen, ’s war halt doch kein Spaß, auf einen zu schießen, den man so herzlich lieb gehabt, er wies aber jede Annäherung zurück und bestand darauf, zu schießen. Trotzig wandte nun auch ich mich ab, und stellte mich auf den Platz.

„Unterdeß hatten die feindlichen Vorposten uns bemerkt, und etwas Feindliches vermuthend, begannen sie, ein lebhaftes Gewehrfeuer auf uns zu richten. Die Sekundanten zogen bedenkliche Gesichter, wenn ihnen die Kugeln an dem Tschako vorüberpfiffen und riethen zu einem andern Platze. Ich war kurz gefaßt. Rasch zog ich meinen Säbel, band mein weißes Taschentuch daran und ging auf den feindlichen Vorposten zu. „Kann ich Euren Offizier sprechen,“ rief ich im holperigen Französisch, dessen Erlernung mir manchen Schweißtropfen auf dem Gymnasium gekostet. Sogleich trat ein Kapitain vor, ich salutirte dann und sprach: „Herr Kapitain, mein Kamerad und ich haben eine Ehrensache auszufechten, dürften wir Sie wohl bitten, eine kurze Zeit das Feuern einzustellen, bis die Sache abgemacht ist?“ Der Kapitain klatschte in die Hände, „ah, bravo – bravo, camarade!“ rief er, und das Feuer hörte sogleich auf. Ich salutirte, stellte mich wieder an meinen Platz und sagte ruhig: „Nun schieß, Bernhard,“ so hieß nämlich mein Kamerad.

„Dieser war halt doch sehr bleich, er zielte aber ruhig. Ich sah, daß er mein Herz suchte, und nahm Abschied vom Leben. Es ist doch etwas ganz Närrisches, so steif und starr in die Mündung zu schauen, aus der die Todtenkugel fliegt. Ich zitterte nicht, aber das Blut gefror mir in allen Adern. Da knackte der Zeiger, es blitzte, donnernd durchkrachte der Schuß den Wald – ich stand. Ich schüttelte mich, wie einer, der eben Prügel bekommen.

„Die Reihe des Schießens war jetzt an mir. Ich verzichtete auf den Schuß und bat, die Sache ruhen zu lassen. Die Sekundanten und selbst mein guter Kamerad aus Sachsen bestanden aber darauf, daß ich schießen müsse, und so hob ich denn mein Pistol und zielte. Oder vielmehr ich zielte nicht, ich wollte nicht treffen. – Gott ist mein Zeuge! – ich schloß die Augen, um das Ziel nicht zu sehen, und änderte absichtlich die Richtung des Pistols, als ich abdrückte. Aber der Herr da oben,, der Alles in seiner Gewalt hat, lenkt auch die Kugeln, und die meine traf den armen Kameraden hart unter dem vierten Knopf zwischen die Rippen. Er wankte und stürzte zusammen. Ich warf das verruchte Pistol zur Erde und stürzte zu dem Getroffenen, um ihm den letzten Liebesdienst zu erweisen. Er konnte noch sprechen. [591] „Sei ruhig, Kamerad,“ sagte er leise, „Du bist ohne Schuld. Mir ist recht geschehen! Ich hab’s verdient und Dir vergebe ich!“ – Er schwieg eine Weile erschöpft. „Hier nimm die Uhr,“ sagte er dann – „ich schenke sie Dir – vergiß mich nicht! Das Geld hier schicke meiner alten Mutter, und grüße sie von ihrem Sohne. Lebt Alle wohl! Kamerad,“ fuhr er leise fort, und zog mein Ohr an seinen Mund, daß die Sekundanten nicht hören sollten, was er sprach, „und wenn Du heim kommst nach meinem Städtchen, da grüße mir mein Aennchen und sag’ ihr nicht, warum ich gestorben. Leb’ wohl! Leb’ wohl! . . . . Ade, Aennchen!“ „Er zuckte noch einmal und war nicht mehr. Wir begruben ihn still und unter vielen Thränen, denn er war immer ein guter Kamerad gewesen, auf den man sich verlassen konnte, und schlichen düster in unsere Quartiere. Kaum dort angekommen, tönte auch schon die Lärmtrompete, das Regiment mußte aufsitzen, wir stürmten eine feindliche Batterie, ich sprengte immer voraus, und verdiente mir das Kreuz hier, aber den Tod, den ich suchte, fand ich nicht. Als wir heimkehrten, kaum die Hälfte von denen, die ausgerückt waren, fehlten die beiden Sekundanten, und auch von meinem armen Kameraden aus Sachsen hieß es, er liege draußen vor der Batterie. Ich wußt’s halt besser, schwieg aber, und sonst war Keiner mehr, der mich verrathen konnte.

„Das Geld habe ich redlich an die Mutter besorgt, und auch noch einen Thaler von meinem Ersparten hinzugelegt. Die Uhr trage ich heute noch. Es war ein ehrlicher Kampf, wie er unter Soldaten sein muß, und ich hatte mein Möglichstes gethan, ihn zu verhindern. ’S war aber doch mein bester Freund, den ich niedergeschossen, und ich konnte das brechende Auge nicht vergessen und den letzten Gruß, und fand keine Ruhe bei Tag und Nacht. Die Braut ist halt auch gestorben in Gram und Jammer, seine und meine Mutter liegen längst begraben, ich allein, die alte morsche Eiche, kann nicht absterben und muß ewig fortleben. O junger Freund, hinter der blau-rothen Jacke, da steckt viel Jammer und viel Elend begraben.“ –

Der Alte schwieg jetzt und strich sich wieder den Bart. Ich schwieg auch, weil ich nicht wußte, was ich sagen sollte. Still und lautlos schritten wir durch die friedliche Nacht, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Plötzlich, als schämte er sich seiner Rührung, nahm des Alten Antlitz einen andern Ausdruck an, er fuhr einige Male mit der flachen Hand über die Augen, und nicht lange, so pfiff er wieder ein lustig Soldatenlied.“

Das ist so die echte Soldatenmanier!

Während Sommer so erzählt hatte, waren wir unbemerkt durch ein Gebüsch verdeckt über die Postenkette hinausgeschritten und längs derselben hingegangen, ohne an das Verbot zu denken, sich weiter als fünfzig Schritte von der Feldwache zu entfernen.

Die Nacht war so dunkel, daß wir vergebens nach dem Pfade suchten, der uns glücklich und unbemerkt durch die Wachen geführt hatte, nirgend war ein betretener Weg, und so blieb uns denn am Ende nichts übrig, als auf gut Glück dem hellen Scheine zuzuschreiten, den das Feuer der Feldwache durch die Nacht warf.

„Dumme Geschichte, die ich da mit meinem Erzählen angerichtet,“ brummte der Alte in den Bart. „Wenn uns ein Posten erwischt, sind uns drei Tage Mittelarrest so sicher, wie Amen in der Kirche.“

Vorsichtig, das weiße Lederzeug, das uns verrathen konnte, mit den dunkeln Sacktüchern bedeckend, schritten wir langsam vorwärts, rechts und links nach den gefürchteten Posten spähend. Wir hatten Beide den Tschako abgenommen. Ein mannshoher Graben, der nach der Richtung des Feuers hinlief und glücklicherweise ausgetrocknet war, nahm uns schützend auf; leise, ohne ein Wort zu sprechen und nach jedem Tritte horchend, bewegten wir uns weiter.

„Halt! Wer da?“

Wir standen wie die Mauern. Zwanzig Schritte vor uns schlug ein Posten an.

„Legen Sie sich platt auf die Erde nieder,“ flüsterte Sommer. „Ruhig – um Gotteswillen kein Geräusch!“

„Wer da? Antwort oder ich schieße!“ tönte es wieder.

„Ruf in’s Teufels Namen,“ knirschte Sommer. – „Ein Dummkopf, wer hier Antwort gibt.“

Wir hörten den Hahn spannen und den Nebenposten rasch zur Feldwache laufen, um das Vorgefallene zu melden. Hier galt es raschen Entschluß.

„Das Koppel festgehalten,“ flüsterte Sommer wieder; „wir müssen auf den Knien vorwärts rutschen. Der Posten ist verteufelt munter! Nehmen Sie sich zusammen – hier gilt’s! Der. Posten darf uns nicht sehen! Sind wir ’mal durch die Kette, richten wir uns sorglos in die Höhe und geben uns für eine Schleichpatrouille aus. Haben Sie Feldgeschrei?“

„Nein, ich war ausgetreten, als es gegeben ward.“

„Teufel, das ist dumm, ich weiß es eben so wenig! Doch vorwärts, biegen Sie die kleinen Büsche ohne Geräusch zurück und machen Sie Bahn. Die Pantalons werden freilich den Rest kriegen.“

Auf den Knieen, mit Händen und Füßen arbeitend, jeden Augenblick die Haut an dem Reisig blutig ritzend, rutschte ich langsam der Kette zu, Sommer hinter mir, von Zeit zu Zeit einen leisen Fluch in den Bart murmelnd. Der Graben machte eine kleine Biegung, wodurch wir uns weiter von den Posten entfernten und mehr gedeckt waren, Sommer stieß bereits einige Jubeltöne aus und mahnte zur Eile. Plötzlich hielt er inne und horchte.

„Verdammt! ich höre Pferdegetrappel,“ flüsterte er. „Ruhig, keinen Schritt weiter! Den Kopf auf den Boden! Haben Sie das Lederzeug noch bedeckt?“

„Die Brust, ja.“

„Gut, so legen Sie sich auf den Rücken, damit uns die Musketierfarbe nicht verräth! Haken Sie das Bandelier aus!

So! Und nun schieben Sie die Tasche vor – zum Teufel aber leise – und nehmen Patronen und Regenpfropfen heraus, damit uns das Klappern nicht verräth! Still, sie kommen!“

Als wenn ich im Sarge läge, so steif und starr streckte ich mich im Graben und sah die Sterne an, die jetzt freundlich über uns blinkten. Das Herz hämmerte unter der Uniform, als läg’ ich im Fieber. Jeden Augenblick kamen die Reiter näher, ich fühlte, wie die Erde unter den Tritten ihrer Pferde dröhnte und zitterte. Sommer lag ganz ruhig und hatte sogar das Fluchen eingestellt.

Jetzt waren die Reiter ganz in unserer Nähe und hielten wenige Schritte vom Graben. Es waren, wie ich aus einem flüchtigen Seitenblick bemerken konnte, ihrer drei, tief in Mantel gehüllt. Mit näselnder Stimme gab der Eine mehrere Befehle, die der Zweite jedesmal mit einem: „Sehr wohl – sehr Wohl“ beantwortete.

„Der Alte auf der Hippel,“ flüsterte Sommer neben mir.

„Na, das wird eine saubere Geschichte.“

Das schien mir auch so, und eine leise Ahnung von Standrecht und Mittelarrest fuhr mir durch den Kopf.

In demselben Augenblicke lief ein Käfer über meine Wange und suchte, wahrscheinlich in dem falschen Wahne, meine Nase sei ein gutes Nachtquartier, das eine meiner beiden Nasenlöcher zu gewinnen. Ich schüttelte mit dem Kopfe, pustete, blies mit Mund und Nase zugleich, nichts half, das teuflische Thier blieb trotz aller Anstrengung an meiner Nasenspitze, hakte mit seines langen Füßen in die tiefsten Gründe meiner Riechinstrumente hinein und – ich konnte mir nicht helfen, der Reiz war zu heftig – ich nies’te.

„Oho, was ist denn das? Donnerwetter, wer liegt hier,“ kreischte der Alte auf der Hippel. „Ordonnanz absitzen! Festhalten die Kerls! Was machen die Bestien hier? Tschako oder Mützen?“

Die Ordonnanz stieg ab und wir standen auf. Wie ich aus dem Graben gekommen, meinen Tschako aufgesetzt und das Lederzeug wieder in die vorschriftsmäßige Lage gebracht, weiß ich heute noch nicht, doch stand ich bald neben Sommer, der sich ebenfalls aus dem Graben herausgewunden, kerzengerade ohne ein Wort zu sprechen.

„Tschako!“ referirte die Ordonnanz. Das Armeekorps war nämlich in zwei Abtheilungen formirt, wovon die eine, mit Mützen bekleidet, den Feind vorstellte. Wir trugen Tschako’s.

„Donnerwetter!“ fluchte der Alte, „hier über der Postenkette Tschako’s! Wer sind die Kerls! Stillgestanden! Handballen auswärts! Sechs Wochen strengen Arrest, wer sich rührt! Wart, ich will Euch kriegen! Von welchem Bataillon?“

„Zweiten Bataillon, fünfte Kompagnie, Herr Oberstwachtmeister,“ meldete Sommer kerzengerade und steif, wie ein Wegweiser.

„Donnerwetter, von meinen Leuten! Das ist ja eine verfluchte Affaire! Fünfte Kompagnie, Hauptmann Müller – na, wart – wart – Euch will ich strietzen, daß die Haare ausfallen. Wie heißt Ihr ?“

„Sergeant Sommer und der Freiwillige K.“ [592] „Da muß ja eine alte Bulle platzen! Unteroffizier Sommer, ein gedienter Mann – Feldzug mitgemacht und solche Extravaganzen mit dem Freiwilligen hier, der Sonntags mit der goldenen Kette herumläuft und mich nicht sieht, wenn ich die Straße herunterkomme. Na, wart! Euch will ich kriegen! Soll schon Ordnung kommen in’s Bataillon! Lieutenant H., merken Sie sich beide Namen und erinnern Sie mich morgen, daß ich dem Oberst Meldung mache. Verfluchte Geschichte das! Was thaten denn eigentlich die beiden Vögel hier?“

„Wir gingen spazieren, Herr Oberstwachtmeister.“

„Spazieren! Auf allen Vieren mit Lederzeug und Tschako, als Kommandirte einer Feldwache? Donnerwetter, das ist ja ein verfluchtes Spazierengehen! Liegen im Graben, so lang sie sind; besehen sich Mond und Sterne und gehen spazieren? Das ist ja eine ganz neue Erfindung! Wart, ich will Euch ’s Spazierengehen vertreiben! Morgen Meldung, übermorgen Standrecht, Abends in’s Loch bei Wasser und Brot, da könnt Ihr Mond und Sterne begucken, so viel Ihr wollt und auch spazieren gehen! Rechts um!“ commandirte er streng. Unteroffizier Sommer hängt sogleich ab und meldet sich beim Lieutenant seiner Feldwache als Arrestant. Ich will ein Exempel statuiren! Der Freiwillige ist ebenfalls Arrestant und wird bis auf Weiteres in’s Spritzenhaus des Dorfes gesteckt. Unteroffizier Sommer wird das gehörig dem wachthabenden Offizier melden. Vorwärts! Marsch!“

Als ob wir Parademarsch üben wollten, so steif und gestreckt gingen wir ab. Keiner sprach ein Wort, so lange die Stimme des Alten auf der Hippel noch zu hören war, so liefen Eindruck hatte die unangenehme Ueberraschung auf uns gemacht. Ich hatte alle Ursache die Vorwürfe von Seiten Sommers zu fürchten und wollte natürlich nicht beginnen.

„Verfluchtes Geniese,“ platzte endlich Sommer heraus. „Bringt uns um die ganzen Manöverfreuden! Schöne Aussicht das, am Tage ’zu marschiren und Abends und an allen Ruhetagen bei Wasser und Brot im Spritzenhaus zu campiren! Wünsche viel Vergnügen! Muß auch der Gott sei bei uns gerade den Alten auf der Hippel herbeiführen, wo wir nur noch wenige Schritte bis zur Kette hatten! Wird das ein Lärmen werden, wenn’s morgen heißt: der alte Sommer hat Arrest! Da wollt’ ich doch, daß ein …“

Ein schwerer Fluch fuhr unter dem Hängebart des Alten heraus. Ich suchte ihn zu besänftigen und mit der Hoffnung zu trösten, daß der Major morgen seine Befehle schon vergessen und die ganze Sache von unserem Hauptmanne, der ihm und mir wohl wollte, vertuscht werden würde, er hörte aber nicht und räsonnirte und fluchte, bis wir an die Feldwache kamen. Kerzengerade wie eine Gliederpuppe ging er auf den Lieutenant los, salutirte und sagte: „Herr Lieutenant, ich melde mich als Arrestant.“

Der Angeredete fuhr erschrocken auf. „Unteroffizier Sommer, was soll das heißen?“

„Zu Befehl, Herr Lieutenant, ich sagte die Wahrheit. Der Herr Oberstwachtmeister haben beordert, daß ich abhängen und als Arrestant auf der Feldwache bleiben soll. Der Freiwillige K. ist ebenfalls Arrestant und wird bis auf Weiteres in’s Spritzenhaus gebracht. So lautet meine Ordre.“

„Gut, gut,“ sagte der Lieutenant ängstlich. „Gefreiter Wagner, bringen Sie den Arrestanten sogleich dorthin und melden Sie dem schließenden Unteroffizier: ein Mann Arrestant von der fünften Kompagnie. Mein Gott, was ist denn vorgefallen?“ wandte er sich an Sommer, der sich feines Lederzeuges schon entledigte.

Ich konnte nicht hören, was Sommer antwortete, da der Gefreite Wagner bereits sein Gewehr zur Hand genommen und mich zum Abmarsch mahnte. Ich drückte dem alten Sommer verstohlen die Hand und ging. Im Spritzenhause angekommen, fand ich mehrere Leidensgefährten aus allen Gattungen des Armeecorps, Musketiere, Husaren, Kürassiere und Kanoniere. Eine notdürftige Streue, die kaum den Boden bedeckte, stellte unser Nachtlager vor, das indeß immer noch angenehmer war, als die kalte Beiwacht, wo man fror und bei dem besten Willen nicht schlafen konnte. Die Anstrengungen des Tages, das natürliche Bedürfniß des Schlafes, die wohlthätige Wärme, die meine Glieder erweichte, wiegten mich trotz der harten Unterlage und dem kolossalen Schnarchen meiner Nachbarn bald in einen süßen Schlummer, der mich den Alten auf der Hippel, Manöver und Arrest vergessen ließ. Ich schlief als ob ich drei Wochen kein Bett gesehen.

Es mochte ungefähr vier Uhr Morgens sein, als sich die Thüre öffnete und eine Stimme rief: „Freiwilliger K. von der fünften Kompagnie, X. Infanterieregiments?“

„Hier!“ schrie ich und taumelte vom Lager auf.

„Aus dem Arrest entlassen,“ referirte der schließende Unteroffizier. „Sollen sogleich abmarschiren mit dem Gefreiten.“

Ich war wie aus den Wolken gefallen, rieb mir die Augen und wußte nicht, ob ich gehen oder bleiben sollte.

„Machen’s geschwind,“ mahnte plötzlich derselbe Gefreite, der mich gestern hierher transportirt und jetzt seinen Kopf zum Thore hereinsteckte: „machen’s geschwind, der Herr Hauptmann und Unteroffizier Sommer erwarten Sie bereits. Die Kompagnie versammelt sich.“

Im Trabe eilten wir dem Sammelplätze der Kompagnie zu. Auf halbem Wege kam mir schon der Unteroffizier Sommer entgegen, übergab mir mein Gewehr, das spiegelblank geputzt war, reinigte mein Lederzeug mit Schachtelhalm von Schmutz und Schmarren und machte das fidelste Gesicht von der Welt.

„Aber Sommer,“ frug ich erstaunt, „sagt mir um Gotteswillen …“

„Still, Freundchen – später, später! 's wird Alles gut! Nur Courage, der Alte auf der Hippel fährt ab! Der wird sich ärgern! Keine Angst, treten’s halt ohne Furcht in die Kompagnie ein, der Hauptmann erläßt Ihnen die Abmeldung aus dem Arrest! ’S war eine verfluchte Geschichte das – aber Glück – Glück muß der Soldat haben, sonst hört Alles auf! Geben’s Acht, ’s passirt heute was, halten Sie sich straff, Kopf hoch, Brust heraus – nur Courage!“

Wir waren kaum auf dem Appellplatz angekommen und in die Kompagnie eingetreten, als auch schon die drei andern Kompagnien anrückten und das Bataillon nach der Ebene abmarschirte, wo das ganze Regiment vereint heute exerciren sollte. Der Alte auf der Hippel ritt zu weit vom Bataillon ab, um mich oder Sommer zu erkennen, der Hauptmann that nicht, als ob er um die Sache wüßte, und so kamen wir unangefochten auf dem Sammelplatze an, wo sogleich Regimentsfront formirt wurde. Der Morgen war prachtvoll und ich, trotz meines leeren Magens, in der fröhlichsten Stimmung.

Nicht lange, so sahen wir am Flügel des ersten Bataillons mehrere Reiter mit Federhüten, bei deren Annäherung sogleich: „Stillstand – Gewehr auf!“ kommandirt ward. Es war unser Brigadegeneral nebst Suite, ein allgemein beliebter und von den Soldaten fast vergötterter Mann. Streng im Dienst, ein tüchtiger Soldat, litt er durchaus keine Unordnung in der Brigade, sie mochte noch so gering sein, war aber auf der andern Seite wieder mild und leicht versöhnt, und vorzüglich ein Freund des gemeinen Mannes, den er bei allen Gelegenheiten gegen die Anmaßungen der Offiziere in Schutz nahm. Man erzählte sich viele Beispiele im Regiment, wo seine Fürsprache allein die Strafbaren von langem Arrest gerettet hatte.

Als der General in unsere Nähe kam, räusperte sich der Alte auf der Hippel, hob sich in den Bügeln und „Aa–ach–tung! – präsentirt’s Gewehr!“ schallte es die Fronte herab. Der General ritt einige Schritte, besah sich die Stellung des Bataillons und winkte: „Achtung: Gewehr auf Schulter!“ Der General winkte noch einmal. – „Gewehr ab! Rührt Euch!“ näselte der Alte und ritt mit gesenktem Degen zum General.

„Unteroffizier Sommer und Freiwilliger K. von der fünften Kompagnie!“ rief es plötzlich vor der Front des Bataillons.

Als ob mich ein Blitz getroffen, so fuhr ich zusammen. Die Feldwache, die Grabengeschichte, der Alte auf der Hippel, der Arrest, Alles fiel mir wieder ein und trieb mir das Blut in die Wangen. Ich fürchtete nicht ohne Grund vom General vor dem ganzen Regiment ausgescholten zu werden, und sah schon die höhnischen Gesichter meiner Kameraden, die dem Freiwilligen, der so manchen Vorzug genoß, von Herzen diese Strafe gönnten.

„Muth – Donnerwetter, Muth,“ flüsterte mir Sommer zu, der steif, wie ein Nürnberger Holzgrenadier mit aufgenommenem Gewehr an mir vorüberstrich; „machen ja ein Gesicht als ob’s zum Schaffot ginge. Pfui Teufel, schämen Sie sich!“

Ich schämte mich wirklich, nahm mein Gewehr auf und keck mit echt soldatischem Anstand marschirte ich vor der Fronte, meinem Freunde Sommer nach, an die Stelle, wo der General und alle Offiziere versammelt hielten. [593] Der General besah uns einige Augenblicke prüfend, kommandirte dann: „Gewehr ab!“ und wandte sich an den Major: „Sind das die beiden Leute, welche gestern Abend die Postenkette überschritten haben?“

„Zu Befehl, Herr General,“ näselte der Alte boshaft. „Ich traf Beide, als sie eben …“

„Schon gut, ich kenne den Hergang der Sache und weiß auch die Veranlassung. Ich wünsche, Herr Major, daß diese Leute diesmal mit der gehabten Strafe wegkommen und daß ihnen das Geschehene auf keine Weise nachgetragen wird. Von Euch,“ wandte er sich zu uns, „hoffe ich, daß dergleichen nicht wieder vorfällt; das nächste Mal tritt die ganze Strenge des Gesetzes ein. Verstanden? Eintreten! Gewehr auf! Kehrt!“

In meiner ganzen Militaircarriere habe ich kein besseres „Kehrt“ gemacht, als damals. Kaum einige Schritte vom General entfernt, fing auch Sommer schon wieder an zu jubeln. „Haben’s bemerkt, wie sich der Alte auf der Hippel ärgerte,“ flüsterte er leise, ohne den Kopf auch nur um einen halben Zoll zu wenden. „Dem ist eine groß: Freude in’s Wasser gefallen! Prächtiger Kerl, der General! ’s war mir halt ein wenig bange – aber Glück, wie gesagt, Glück muß der Soldat haben, sonst hört Alles auf.“

Andern Tages, – es war eine Ruhetag – als wir Beide, Sommer und ich, bei einer leidlichen Flasche Wein in der Schenke des Dorfes saßen, erfuhr ich endlich die Ursache unserer schnellen Befreiung. Der Offizier der Feldwache, derselbe, der dem alten Sommer die Erlaubniß zum Austreten gegeben hatte, war der Sohn des Brigadegenerals und das einzige Kind des wackern Herrn, mithin sein Augapfel. Dem neugebackenen Lieutenant war die Affaire mit dem Arrest sehr fatal, er fürchtete nicht mit Unrecht, wegen der gegebenen Erlaubniß zum Austreten einen derben Verweis vom Major oder Oberst und hielt es für das Gerathenste, der Sache zuvorzukommen, ehe sie zum Ausbruch kam. Er berichtete, noch in derselben Nacht, sobald er abgelöst war, seinem Vater die ganze Geschichte und bat diesen, den Befehl zu unserer Befreiung zu erlassen, und die Sache möglicher Weise rasch zu unterdrücken. Der Papa war anfangs etwas aufgebracht über das dienstwidrige Benehmen feines Söhnchens und gar nicht Willens, den Bitten des Herrn Lieutenants zu willfahren, einige gut angebrachte Schmeichelworte besänftigten indeß den alten Haudegen bald wieder und machten ihn zu Allem bereit.

„’S war eine verfluchte Geschichte, das,“ schloß Sommer seine Erzählung, „der Alte auf der Hippel hatte uns halt eine hübsche Suppe eingebrockt und wenn der Herr Lieutenant nicht der Sohn eines solchen Vaters waren, saßen wir jetzt, statt beim Weine, hinter einer alten Spritze und schluckten Wasser, wie die Fische. Aber merken Sie sich meine Rede: Glück muß der Soldat haben, Glück und eine kleine Portion Leichtsinn, sonst hört Alles auf!“