Schutz vor Cholera

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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Schutz vor Cholera
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aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 594–595
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Schutz vor der Cholera.

Die Cholera scheint faulenden Auswurfstoffen (s. Gartenlaube 1856. Nr. 38), und zwar denen der Menschen, zu entstammen, wenigstens durch dieselben weiter verbreitet zu werden. Dies ist die von Professor Pettenkofer in München in Folge vieler und genauer Beobachtungen und Untersuchungen aufgestellte Ansicht, die zum Heile der Menschheit in das große Publikum gebracht zu werden verdient. – Vorerst beachte man: daß diese Krankheit, – welche bald mit, bald gegen den Wind wandert, in allen Klimaten, bei den verschiedensten Temperatur- und Feuchtigkeitsgraden der Luft und bei der verschiedensten Beschaffenheit des Trinkwassers auftritt, sowie alle Klassen und Geschlechter heimsucht, – in ihrer Verbreitung überall (in Indien, Rußland, Europa) ganz auffallend den Verkehrswegen folgt, daß sie regelmäßig mit dem Zuge nicht nur der Karawanen und Kriegsheere, sondern auch der Schiffe und Eisenbahnen geht; daß sie immer erst von Hafen- und Stapelplätzen der Inseln später in’s Innere derselben eindringt; daß sie stets nur auf Inseln ausbricht, welche von Schiffen aus cholerakranken Gegenden besucht werten, und nicht auch auf jenen, welche zu dieser Zeit keine solchen Besuche erhalten. Kurz, Pettenkofer hat deutlich nachgewiesen (an 253 Aufsehern des Münchener Glaspalastes), daß sich der Einfluß des persönlichen Verkehrs auf die Entwicklung einer Orts-Epidemie auch bis in’s kleinste Detail verfolgen und finden läßt.

Es ist nun aber auch Thatsache, daß selbst der lebhafteste Verkehr an manchen Orien keine Cholera-Epidemie hervorruft, während sie hinwiederum oft an Orten ausgebrochen ist, deren Verkehr mit cholerakranken Gegenden äußerst gering war. Diese Thatsache läßt sich durch eine andere Thatsache sehr leicht erklären; es schließt nämlich Felsengrund der Häuser das Entstehen einer Ortsepidemie aus. Leider ist in keinem früheren Berichte über die Cholera Rücksicht auf den Baugrund der Häuser der einzelnen ergriffenen Orte genommen worden, und deswegen standen dem Prof. Pettenkofer zu seinen Betrachtungen nur die Resultate der Epidemien in Bayern zu Gebote. Diese sind aber so zahlreich, so klar und übereinstimmend, daß man mit P. die volle Ueberzeugung hegen kann, daß in der ganzen Welt kein Ort, dessen Häuser auf Felsengrund gebaut sind, aufzufinden sein wird, wo die Cholera als Epidemie aufgetreten wäre. In einzelnen Häusern kann hier allerdings manchmal die Cholera vorkommen (besonders in Folge mangelhafter Reinlichkeit), aber nie wird eine Ortsepidemie daraus entstehen. – Wie es nun eine Bodenbeschaffenheit gibt, welche die Entwicklung einer Ortsepidemie absolut hindert, so gibt es auch Verhältnisse des Bodens, in deren Folge eine Epidemie constant sich schneller oder langsamer, heftiger oder gelinder entwickelt, einen kürzern oder längern Verlauf nimmt. So ist im Allgemeinen ein Vorrücken der Krankheit von tieferen und feuchteren Stellen nach höheren und trocknern unverkennbar. Ebenso spricht es sich deutlich aus, daß an tieferen und feuchteren Stellen die Entwickelung heftiger und der Verlauf rascher ist, als an höher und trcckner gelegenen, wo die Entwickelung gelinder, aber der Verlauf sehr in die Länge gezogen erscheint. Aus Allem dürfte hervorgehen, daß im Boden selbst die Entwickelung des Giftes, welches die Cholera erzeugt, stattfindet. Gleichzeitig soll auch über diesen Stellen das atmosphärische Ozon (eine Art Sauerstoff) aus dem Luftkreise verschwinden; dieses örtliche Verschwinden ist aber nur durch Ausströmen von Stoffen aus dem Erdboden erklärlich, welche sich mit dem Ozon vereinigen, das Ozon verbrauchen. Mangel an Ozon kann weder Cholera erzeugen, noch sein Vorhandensein dieselbe verhindern.

Wenn nun aber, wie deutlich ersichtlich ist, ein bestimmter Boden mit menschlichen Wohnungen die Verbreitung der Cholera unterhält, so muß die Frage aufgeworfen werden: was bringt der Mensch bei seinem persönlichen Verkehr in den Boden? Seine Excremente (Harn und Koth), nichts anderes, und diese können sich, wie früher schon besprochen wurde, recht leicht bei ihrer fauligen Zersetzung und bei schlecht eingerichteten Abtritten und Abtrittsgruben in lockerem Boden als krankmachende Stoffe weiter verbreiten. Auch als materielle Träger zur Verbreitung der Cholera dürften Harn und Koth und zwar jener Personen anzusehen sein, welche entweder an Symptomen der Cholera leiden oder aus epidemisch von der Krankheit ergriffenen Orten kommen. Wie nun solche Excremente eine Epidemie hervorrufen können, ist zur Zeit allerdings noch Sache der Vermuthung. Pettenkofer denkt sich dies so: die cholerakeimtragenden Excremente, welche in das poröse, bereits mit fauligen Auswurfstoffen durchzogene Erdreich einsickern, ändern sich durch die feine Vertheilung, welche sie hierbei erleiden, und durch den stetig fortgehenden Fäulniß- und Verwesungsproceß in einer Art und Weise um, daß sich außer den gewöhnlichen Gasarten hierbei ein Choleragift (Miasma) entwickelt, welches sich dann mit den übrigen Ausdünstungen in den Häusern verbreitet. Diese Entwickelung scheint schneller und vehementer einzutreten bei feuchterem und mehr verunreinigtem Boden, als bei trockenem und reinerem. Das Material, woraus der poröse Boden besteht, ist jedenfalls ganz gleichgültig, denn man trifft die Cholera sowohl auf Kalksand, als auch auf Quarzsand an. Es handelt sich beim Boden blos um seine Porosität und Oberfläche, welche von Feuchtigkeit und verwesenden Substanzen bis zu einer gewissen Tiefe umgeben ist. Wie tief eine solche Erdschicht zu sein habe, darüber fehlen noch nähere Anhaltspunkte, jedenfalls scheint sie aber mehr als 10 Fuß betragen zu müssen. Ebenso ist es gleichgültig, aus welcher Substanz der felsige, vor Cholera schützende Boden besteht, wenn er nur so weit dicht ist, daß er eine rasche und weitere Durchsickeruug verhindert. Die Dichtigkeit eines Sandsteinlagers von 20 bis 30 Fuß Mächtigkeit genügt bereits. So ist auch sandiger Mergel viel unempfänglicher, als alle andern nicht compacten Bodenarten. – Das Cholera-Miasma verliert bereits in sehr geringer Entfernung vom Orte seiner Entwickelung durch Verdünnung mit Luft wesentlich an Kraft. Wie lange ein Mensch wohl dem Einflusse des Miasma’s und in welchem Grade ausgesetzt sein muß, um bei vorhandener Disposition ergriffen zu werden, läßt sich nicht bestimmen. Wahrscheinlich kann ein sehr kurzer, vorübergehender Aufenthalt an einem inficirten Orte nicht viel schaden, während ein längeres ununterbrochenes Verweilen daselbst wesentliche Bedingung zum Erkranken ist. Besonders scheint die Zeit des Schlafens den verderblichen Wirkungen nicht blos des Choleramiasma’s, sondern aller Miasmen, am günstigsten zu sein. Im Schlafe scheint unser Organismus entschieden viel weniger Widerstandskraft als im Wachen zu haben. Von 100 Choleraerkrankungen erfolgen meist 90 zwischen Nachts 11 Uhr und Morgens 6 Uhr. Es wird somit der Ort, wo man schläft, jedenfalls zuvörderst zu beachten sein und dann erst der Ort, wo man sich während den Tages am meisten aufhält. Uebrigens vergesse man ja nicht, daß sich nicht blos im Erdboden, sondern auch an andern, mit fauligen Excrementstoffen imprägnirten Orten (Abtritt, Nachtstühle, Kübel und selbst unreine Wäsche) das Choleramiasma entwickeln kann.

Ansteckend, d. h. von Person zu Person übertragbar, ist die Cholera nicht. Was haben die Cholera-Cordons, was hat in den Cholera-Quarantäne-Anstalten alles Desinficiren und Räuchern von Kleidern und Waaren genützt? Nichts! Wie kommt es, daß die ersten exquisiten Cholerafälle eines Ortes so häufig Personen betreffen, die weder mit Kranken noch Fremden den mindesten Verkehr hatten? Diejenigen, welche sich mit vernünftiger Anstrengung ihrer Kräfte ausschließlich der Pflege Cholerakranker widmen, sind der Cholera nicht mehr preisgegeben, als diejenigen, welche sich in ihren Zimmern auf das Sorgfältigste einschließen. Zum Heile der Menschheit ist auch niemals der Glaube an Ansteckung (Contagiosität) in der Cholera Volksglaube geworden. Vor Cholerakranken scheue man sich nicht, wohl aber vor dem Boden eines epidemisch ergriffenen Ortes.

Wenn nun wirklich die alleinige Verbreitung der Cholera durch die Excremente der Menschen geschieht (indem sich bei der Zersetzung flüssiger Excrementtheile in feuchtem porösem Boden oder Stoffen schädliche Gase entwickeln), so muß man sich natürlich nach Mitteln umsehen, einer solchen Verbreitung Einhalt zu thun. Da nun die Entleerung dieser Stoffe doch stets stattfinden wird, so bleibt nur die Unschädlichmachung (Desinfection) derselben übrig. Diese besteht aber darin, daß man die Zersetzung der Excremente verhindert und zwar durch Beimischung von Substanzen, welche die Processe der Gährung und Fäulniß hindern. Unter [595] diesen Substanzen steht der Eisenvitriol und die schweflige Säure obenan (s. Gartenlaube 1856. Nr. 38). – Es entsteht ferner die Frage, wann der rechte Zeitpunkt für Anwendung der Desinfection sein würde. Pettenkofer ist der Ueberzeugung, daß jede Desinfection in einer Stadt, wo sich die Krankheit bereits als Epidemie zeigt, erfolglos sein muß, da keinerlei Desinfection das schon aufgenommene Gift wieder aus dem Leibe der Menschen jagt und überhaupt die bereits in den Boden ausgesickerten und zersetzten Stoffe erreicht. Eine Desinfection, welche nützen soll, muß früher vorgenommen werden, ehe die Cholera den Ort erreicht. Ja, sobald sich in Italien, Frankreich oder Rußland Ortschaften epidemisch ergriffen zeigen, sollten in jedem Orte Deutschlands, der für Cholera empfänglich ist, die sorgfältigsten Desinfectionsmaßregeln getroffen werden, besonders dort, wo Fremde möglicherweise ihre Excremente deponiren könnten.

Möchten doch die Menschen, durch die Pettenkofer’schen Untersuchungen angeregt, ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Verwesung menschlicher Auswurfstoffe richten, um nicht blos der Cholera, sondern sicherlich auch andern gefährlichen epidemischen Krankheiten (Typhus) Einhalt zu thun. Es müssen durchaus, zumal in menschenreichen Städten, baldigst Anordnungen getroffen werden, um das Eindringen und Ausbreiten von Stoffen im Erdboden zu verhindern, deren Zersetzung bei großer Vertheilung das Leben auf so heimtückische und unvermeidliche Art gefährden kann. Es sollte wenigstens der Zersetzung der Excremente, so lange bis diese gänzlich aus der Nähe menschlicher Wohnungen fortgeschafft werden, durch Desinfection gesetzlich Einhalt gethan werden müssen. Wenn werden aber die Zeiten kommen, wo der Mensch für seine und seines Nebenmenschen Gesundheit auf vernünftige Weise Sorge tragen wird? (Weiteres über die Cholera s. Gartenlaube 1854. Nr. 35.)

Bock.