Meine jüngste Reise in Afrika

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Textdaten
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Autor: Redaction; Eduard Robert Flegel
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Titel: Meine jüngste Reise in Afrika
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 710–712, 714–715
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht über den Versuch Flegels, über den Benue von Adamaua bis zum Indischen Ozean zu gelangen
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[710]

Meine jüngste Reise in Afrika.

Originalbericht von Ed. Robert Flegel.
I.
Vorwort der Redaction.

Ein seltenes Schauspiel bot sich am Abend des 4. October den Mitgliedern der Berliner Geographischen Gesellschaft dar, die in dem Saale des Architektenhauses versammelt waren, um von einem soeben heimgekehrten Forscher Berichte über neue Triumphe der Wissenschaft in dem „dunklen Welttheil“ zu empfangen. Dort knieeten vor dem Vorstand, dem Contre-Admiral von Schleinitz und dem Afrikareisenden Dr. Güßfeldt, zwei Neger in ihren charakteristischen faltenreichen Gewändern, mit weißem Turban auf dem Haupt, und hörten den Dank an, den ihnen die Geographische Gesellschaft aussprach und den der vor ihnen stehende kühne Reisende Eduard Robert Flegel verdolmetschte. In der That ein ungewöhnliches Schauspiel selbst für die Einwohner einer Weltstadt, in der schwarze Gäste keine Seltenheit bilden. Wohl haben seit jener ersten [711] Gesandtschaft guineischer Neger, die nach Berlin gekommen war, um dem Großen Kurfürsten zu huldigen, Hunderte von Schwarzen den grünen Strand der Spree besucht, aber keinem von ihnen hat bis jetzt eine gelehrte Gesellschaft ihren Dank ausgesprochen. Welches war nun das Verdienst dieser demüthig niederknienden Fremden mit den unaussprechlichen Namen: Madugu[1] maigasin baki Mohamman dan Mohamman und Madugu dan Tambari Mohamman dan Abubakr?

Sie haben tief im Innern Afrikas einem Sohn Deutschlands treu beigestanden in der schwierigen Lösung wichtiger wissenschaftlicher und cultureller Aufgaben, sie waren seine zuverlässigen Führer durch fremde Länder, die bis dahin noch niemals der Fuß eines Europäers betreten, sie waren seine Freunde, die ihn vor der Mißgunst roher Völkerschaften durch Rath und That zu bewahren wußten. Und der Mann, dem sie diese Dienste erwiesen und der sie jetzt nach Europa mitgenommen hatte, um ihnen die Macht der Weißen und die Wunder der Cultur zu zeigen, er war der gefeierte Held jenes Abends, das jüngste Ehrenmitglied der Geographischen Gesellschaft, Eduard Robert Flegel. Noch trug sein Antlitz Spuren der vielen Mühen, die er jüngst ertragen hatte, aber aus seinen Augen leuchteten frohe Zuversicht und energisches Wollen. Denn er war nicht heimgekehrt, um auf den frischen Lorbeeren seines Ruhmes auszuruhen, sondern um neue Mittel zu weiteren Unternehmungen zu sammeln.

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Rückseite des zusammengefalteten Briefes des Sultans von Sokoto.

Wenn man im industriellen Leben der Gegenwart diejenigen Männer als nachahmenswerthe Vorbilder hinstellt, die aus eigener Kraft Großes auf ihrem Gebiete vollbracht haben, so verdient auch die Art und Weise, in welcher Flegel sich zu einem der besten Afrikaforscher emporgearbeitet, unsere vollste Bewunderung und darf an dieser Stelle nicht verschwiegen werden.

Am 13. October 1852 wurde er zu Wilna in Rußland geboren, von wo seine Familie nach Mitau und dann nach Riga übersiedelte. Hier besuchte der Knabe die Kreisschule bis Prima und trat im Jahre 1869 bei A. Fluthwedel u. Comp. in’s Geschäft, um Buchhändler zu werden. Aber dieser Beruf entsprach nicht seiner inneren Neigung, ihn zog es mächtig in die Ferne hinaus, und im Jahre 1871 ging er zunächst nach Deutschland, wo bereits sein Bruder weilte. Bemerkenswerth waren hier die großen Fußtouren, die er trotz der bequemen Eisenbahnverbindungen unternahm, wie z. B. ein Gang nach Straßburg, den er im Spätherbste 1871 mit seinem Bruder von Gera aus über Eisenach, Frankfurt am Main und Speyer in 15½ Tagen vollendete. So hatte er damals gewissermaßen eine Vorschule für seine Afrikareisen durchgemacht. Auf der Handelsschule in München reifte in ihm der Entschluß, sich an der Erforschung von Afrika zu betheiligen, und er nahm darum nach Absolvirung derselben eine Stelle in der Tabakhandlung von Plumeyer in Hamburg an, da er wohl ahnte, daß er in der Hansastadt die beste Gelegenheit zur Ausführung seiner Pläne finden würde. Und in der That verließ er schon am 30. September 1875 auf dem Segelschiff „Mathilde“ den Hafen Hamburgs, um zunächst als Angestellter des Hauses G. L. Gaiser in der Factorei Palma bei Lagos, westlich vom Nigerdelta, die afrikanischen Verhältnisse kennen zu lernen und seine Pläne endgültig auszuarbeiten. Während eine große Gesellschaft sich an dem unteren Laufe des Congo niedergelassen hatte und von dort aus sich einen Weg in das Innere von Afrika, gegen Katarakte und Stromschnellen ankämpfend, bahnen will, hatte Flegel seit Jahren das Ziel verfolgt, auf dem Laufe des Niger und Benuë in die für den Handel so wichtigen Gebiete des Sudan vorzudringen.

Im Jahre 1852 kam die Nachricht nach Europa, daß Dr. Barth am 18. Juni 1851 in Adamaua einen schiffbaren Nebenfluß des Niger, den Benuë (auch Binuë genannt), entdeckt hatte, und damals begriff man sofort die hohe Bedeutung dieser Wasserstraße für den Handel Afrikas, da der Niger unter allen Flüssen dieses Welttheils der Schifffahrt die geringsten Hindernisse bietet. Schon im Jahre 1854 wurde eine Expedition unter Dr. Backie’s Leitung ausgerüstet, und die „Plejade“ dampfte den Niger und Benuë ohne wesentliche Hindernisse hinauf. Leider mußte diese Expedition die weitere Verfolgung des Stromes unterlassen, „weil das Schiff mit den unvollkommensten Werkzeugen zum Schlagen des für die Maschine erforderlichen Brennholzes ausgerüstet war“. Sie konnte aber schon damals feststellen, daß der Benuë einschließlich des unteren Niger eine brauchbare Wasserstraße von mindestens 1100 Kilometer abgiebt. Aber merkwürdiger Weise blieb trotz dieser Erfolge der Benuë durch 25 Jahre völlig unbeachtet, und erst im Jahre 1879 suchte der Missionsdampfer „Henry Venn“ der „Plejade“ zu folgen. Das thätigste Mitglied dieser Expedition war nun Ed. Robert Flegel. der seit jener Zeit mit rastlosem Eifer für die Bedeutung dieser Wasserstraße eintritt.

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Der Empfehlungsbrief des Sultans von Sokoto.

Heute, wo die Handelsfreiheit auf dem Niger allen europäischen Völkern durch internationale Verträge garantirt werden soll und wo das Stromgebiet von Benuë sozusagen das Hinterland der deutschen Erwerbungen in Kamerun bildet, wird der hohe Nutzen der unermüdlichen Arbeiten von Flegel voll anerkannt, und wir freuen uns, an dieser Stelle einen Bericht aus der Feder des berühmten Forschers über seine Reisen veröffentlichen zu können.

* * *
Der Bericht Robert Flegel’s.

Dr. Heinrich Barth war es, der mit seiner Ueberzeugung von der hohen Bedeutung des Benuë für die Civilisirung und Erschließung des westlichen Sudan auf mich zuerst wirkte, und dessen Gedanke, von Adamaua nach dem Indischen Ocean zu dringen[2], erscheint mir ausführbar, nachdem Stanley seine auf unsere Zeit so mächtigen Einfluß übende Großthat beendet. Wie ich mir den Weg gebahnt, um überhaupt geographische Kreise für meine Ideen zu interessiren und mir die nöthigen Unterstützungen zu verschaffen, habe ich in meiner Jungfernrede, März 1880, im Architektensaale zu Berlin mitgetheilt. Ich kann nicht anders als mit dankbarer Befriedigung zurückblicken auf die Vergangenheit. [712] Eine Kette von glücklichen Umständen – die häufig gerade zu der Zeit eintraten, wo alles mir aussichtslos erschien – hat meine Bemühungen, der deutschen Forschung, wie der Ausbreitung des deutschen Handels neue Wege zu weisen, mit Erfolg gekrönt. Zu solchen glücklichen Umständen gehörte zunächst meine über drei Jahre dauernde Dienstzeit in dem ersten Lagoshause G. L. Gaiser, Hamburg und Lagos, und die liebenswürdigste Unterstützung meiner Unternehmungen seitens des Chefs wie seiner Vertreter in Westafrika. Ich hatte vor allem den großen Vortheil, bei meiner anfangs nur sehr unbedeutenden financiellen Unterstützung hierher zurückkehren zu dürfen, und fand stets die liebenswürdigste, mich körperlich und geistig für meine Unternehmungen neustärkende Aufnahme.

Ein fernerer Glücksumstand war es, daß die Reise des „Henry Venn“ von 1879 gerade zu der Zeit stattfand, als ich meine contractlichen Verpflichtungen gegen das Haus G. L. Gaiser gehörig erfüllt hatte. Bei meiner ersten Meldung – ich wünschte als Passagier vom „Henry Venn“ mitgenommen zu werden – wurde ich abschlägig beschieden, da ich, vom Hause Gaiser kommend, Verdacht erregte, daß ich den englischen Firmen am Niger Concurrenz zu schaffen beabsichtigte. Da trat der glückliche Zufall wieder für mich in die Schranken. Der Rechnungsführer des Missionsschiffes war erkrankt und auf Anordnung des Arztes nach Europa gesandt worden. Ich erhielt hiervon Kenntniß und bot meine Dienste nicht vergeblich an. Unter der Flagge der Mission (auf blauem Grund das „Buch der Bücher“ in Weiß und eine weiße Taube mit dem Oelzweig im Schnabel darüber) machte ich meine erste erfolgreiche Benuëreise.

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Eduard Robert Flegel.
Nach der neuesten von J. C. Schaarwächter in Berlin für die „Gartenlaube“ aufgenommenen Photographie.

Fast hätte ich auch die zweite im Dienste derselben angetreten, ja antreten müssen, denn ich wollte und durfte nicht die Angebote abschlagen, die mir dort gemacht wurden – in Anbetracht der Sache selbst – wenn nicht noch im letzten Augenblick mir die erste Unterstützung deutscherseits durch Dr. G. Nachtigal’s und Prof. G. Neumeyer’s gütige Vermittelung zu Theil geworden wäre (1000 Mark Karl Ritter-Stiftung und 5000 Mark Afrikanische Gesellschaft i. D.).

So unternahm ich diese Reise in der Hoffnung, wiederum mit dem „Henry Venn“ nach Adamaua zu gelangen. – Da diese Hoffnung sich aber nicht erfüllte, weil damals gerade in der Mission (Church Missionary Society) Dinge vorgingen, deren Schilderung nicht hierherpaßt und die überhaupt die Nacht am besten für immer deckt, so wurde mir nach meinen Erfahrungen von 1879 klar, daß ich nicht direct auf mein Ziel Adamaua lossteuern dürfe, sondern erst – wenn ich reüssiren wollte – nach Sokoto zu gehen und mich um ein Erlaubnißschreiben des dortigen Sultans zu bewerben haben würde. Dieser Plan gelang über Erwarten gut. Die geographischen Resultate dieser Reise sind von „Petermann’s Mittheilungen“, dem „Ausland“ und vor allem natürlich von den „Mittheilungen der Afrikanischen Gesellschaft“ beleuchtet worden. Als ich zurückgekehrt war, wurde meine Lage schon besser – wenn ich auch viel Zeit verlor und manche Geduldsprobe zu bestehen hatte. Man war aufmerksam auf meine Bestrebungen geworden, und ich hatte das sichere Gefühl, mit einiger Geduld dennoch in vaterländischen Diensten bleiben zu können.

Der Brief des Sultans von Sokoto ist von der höchsten Bedeutung für den Erfolg meiner zweiten Adamauareise und die Entdeckung des Benuëquellgebietes gewesen, wie ich voraussah; denn ohne diese Empfehlung, die ich im Original (S. 711) und der Uebersetzung gebe, wäre ich schmählich abgewiesen worden wie Barth und die „Henry Venn“-Expedition. Sie allein öffnete mir die Thore Jola’s und somit der ganzen für praktische wie wissenschaftliche Ziele wichtigsten Provinz des Sokotoreiches, Adamaua.

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Die Geographische Gesellschaft in Berlin dankt den beiden von Ed. Robert Flegel mitgebrachten Negern für ihre Treue und Redlichkeit.
Originalzeichnung von A. von Roeßler.

Denn dieses reiche schöne Land ist uns nicht nur wichtig durch seine eigenthümlichen Vorzüge, mehr noch als Hinterland von Kamerun und als Schlüssel für das wissenschaftlich gegenwärtig interessanteste Gebiet der nördlichen Congozuflüsse. Wird doch durch eine Reise von Adamaua aus nach dem Congo hin der gewaltige Plan unseres großen Ad. Bastian, welchen dieser vor nunmehr nahezu zwölf Jahren zur Entschleierung der letzten Geheimnisse des dunklen Continentes aufstellte, abgeschlossen.

Das Schreiben des Sultans von Sokoto lautet in wörtlicher mir von Haussaleuten gegebener Uebersetzung:

„Im Namen Gottes, des allbarmherzigen, der Mitleid hat mit den Gläubigen, lasse ich wissen, wie es sich zugetragen hat mit diesem Schreiben, allen denen, die mir unterthan sind, und den Häuptlingen. Dieser Weiße ist bei mir gewesen, ist gekommen, um mich zu sehen und von mir Freundschaft zu erhalten. Aus diesem Grunde gab ich ihm diesen Brief an Euch Alle! Von mir kommt er (der Weiße) [714] wohlbehalten zu Euch und in Frieden, laßt ihn ebenfalls wohlbehalten und in Frieden zurückkehren. Das ist der Gruß (d. h. die Botschaft, die Meldung).“

Der Stempel auf diesem Briefe ist leider, wie auch die Abbildung erkennen läßt, so undeutlich, daß man die auf demselben gezeichneten Gestalten und Buchstaben nicht erkennen kann, ebenso ist die Schrift auf der Rückseite des Briefes nicht zu entziffern. Mit Hülfe dieses Briefes und eines zweiten, des Geleitbriefes des Ganduherrn, entging ich den Plünderungsgelüsten einiger vornehmen Herren auf der ersten Rückreise; durch ihn fand ich überall freundliche Aufnahme und gute Behandlung, ja offene Thore für das Nachbargebiet. Denn wenn afrikanische Könige auch schon zuweilen willig den reichen Reisenden aufnehmen, so lassen sie ihn doch nur verhältnißmäßig selten willig mit diesen Reichthümern in das Nachbarland ziehen. Zum ersten Male in Tibati im Zeitraume von vier Jahren ist mir das Betreten eines Gebietes verboten worden und hier auch nur aus abergläubischer Furcht, die jetzt wohl schon geschwunden ist. Ohne den Sokotobrief hätte ich auch meinen alten Freund und treuen Reisebegleiter Magudu maigasin baki schwerlich veranlassen können, mich zu begleiten, denn von Sokoto kann für einen Gläubigen des westlichen Sudan nur Gutes kommen. Der Verlauf meiner zweiten Adamauareise, durch welchen der Ursprung des Benuë aufgefunden wurde, ist noch nicht veröffentlicht, die Routenkarte noch nicht abgeschlossen, da die Details zu verarbeiten viel Zeit in Anspruch nimmt.[3] Ich wandte mich zunächst von Loko nach der Hauptstadt Kororofa’s, Wukari (dem Okale E. Vogel’s), wo ich durch die Vermittlung meines alten Freundes ernsten Schwierigkeiten glücklich entschlüpfte.

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Uebersichtskarte der Reisen von Ed. Robert Flegel in Haussa und Adamaua.

Ich war, um die Stadt in ihrem Umfange kennen zu lernen, mit meinem Diener Ibraima hinausgeritten vor das Thor in der Absicht, die Stadt zu umreiten, und wir galoppirten auf unseren damals noch sehr schönen Thieren fröhlich daher, als uns plötzlich bewaffnete Haufen mit großem Lärmen folgten, was mich sofort die Gangart verlangsamen ließ, um mich nach der Ursache der Verfolgung zu erkundigen. Aus den durch einander schreienden Stimmen wurde mir soviel klar, daß man mich in Verdacht hatte, ich streue böse Medicin, um der Stadt Schaden zuzufügen. Ich antwortete den Leuten, daß das Thorheit sei und ich zum Beweise den Ritt auf ihren Wunsch nicht fortsetzen würde. Man wollte mich aber nicht wieder in die Stadt lassen, was schließlich nach einigem Palaver (Unterhandlungen) doch gestattet wurde; dann ließ man mich nicht in’s Haus, was aber doch gelang, obwohl es dabei fast zu ernstem Zwiste kam. Schließlich sollte ich vor den König gebracht werden, der gegen die Muntschis im Felde lag, und die Sache hätte mir viel Unkosten machen können. Aber sobald mein alter Freund – der die Djukus fehr gut kennt und ihre Sprache spricht – die Sache in die Hand nahm, war dieselbe bald beigelegt. Er antwortete dem aufgeregten Haufen auf die vorhin erwähnte Beschuldigung einfach, daß, falls ich wirklich das Land und die Stadt behext hätte, was er persönlich nicht glauben könne und wofür er viele gute, den Landeskindern verständliche Gründe beibrachte, man es enthexen müsse, und daß er bereit sei, die Kosten zu bezahlen. Das war der beste Vorschlag zur Güte. Die Habsüchtigen stellten bedeutende Forderungen, er handelte und handelte und ermüdete die Herren mit seiner Geduld und Klugheit so, daß sie mit einigen Metern Zeug abzogen. Auch brachte ich die Lacher auf meine Seite durch den Vergleich der Anstifter dieses Zwischenfalles mit den Mäusen, die auf Tisch und Bänken tanzen, wenn die Katze nicht daheim ist, was man in Haussa durch das Sprüchwort ausdrückt: „Man hört die Hyänen nach Fleisch rufen, weil der Löwe (der König des Orts) nicht daheim ist,“ was zugleich andeutet, sich auf unrechtmäßige Weise bereichern zu wollen.

Der Herr von Wukari, der mein besonderer Freund von 1879 her war, hat dann sehr anerkennenswerth und für einen Djukufürsten erstaunlich klug und politisch gehandelt. Er kennt die Bedeutung der Haussa und der Weißen und ist jetzt auch auf eigenen Wunsch der Oberhoheit Sokotos unterstellt worden. Er bestrafte daher die Urheber jenes Aufruhrs und rügte öffentlich das Betragen seiner Unterthanen als ein der Stadt verderbliches; denn die Haussahändler und vor Allem die Weißen seien es, die ein Land groß und seine Bewohner glücklich machten, da ihnen Gott alles gegeben, was begehrungswürdig sei. Er steht aber allein mit dieser Anschauung da, und seine Macht besteht mehr durch die zahlreichen eingewanderten und die Stadt bewohnenden Haussas, als in seinen eigenen Unterthanen, denen er nach gutem alten Landesbrauche schon zu lange lebt.

Von Wukari wanderten wir in östlicher Richtung die südlichen Zuflüsse des Benuë kreuzend, nach Gas’ka (zu sprechen Gasch’ka), dem Sitz des Zambo dan Haman Gabdo, eines der feindlichen Brüder Adamauas und zwar des jüngeren, intelligenteren und hochherzigeren der beiden, der in dieser Stadt sich sieben Jahre gegen seinen Bruder Usuman (Osman) von Bagnio und eine große Zahl Krieger aus aller Herren Ländern tapfer gehalten hat und letzteren schließlich zwang, obwohl er ihn hätte vernichten können, abzuziehen mit Anerkennung seiner Oberhoheit der Erstgeburt wegen.

Bei Gas’ka passirt man den westlichen Zwillingsarm des Tarabba, den Mao Kom; der Weg führt dann vielgewunden in nordöstlicher Richtung nach der bedeutenden Stadt Kontscha, dem ehemaligen Hauptsitz des Vaters der feindlichen Brüder Haman Gabdo’s, gegenwärtig von einem jüngeren Bruder dieser Djauro Bakari beherrscht. Von Kontscha ging ich in Nordrichtung nach Jola, wo ich vierzig Tage weilte, bevor ich im Beginne der Regenzeit [715] nach Süden vorschritt, um das wichtige geographische Problem vom Ursprung des Benuë und der Zusammengehörigkeit des zum Tsad-See abfließenden Logone, des Flusses von Bagirmi, glücklich zu lösen.

Der Aufenthalt in Jola war mir ein recht angenehmer, wenn auch die Habsucht des dortigen Sokotogesandten mir manche Unannehmlichkeit bereitete und fast diesen letzten Erfolg gehindert hätte. Auf seine Veranlassung nämlich bemerkte der Bote, welchen mir König Burba von Bakundi mitgegeben, in geheimer Audienz dem Jolaherrn Umoru Sanda (Omar mit dem Beinamen „der Stab“): ich hätte, wie er bestimmt wisse, den Auftrag von meinem Könige erhalten, nach Jola zu kommen, um ihn, den Herrn von Jola, zu begrüßen und ihm meine sämmtlichen mitgebrachten Waaren als Geschenk zu überbringen. Man solle mir also nicht gestatten, meinen Ehrgeiz zu befriedigen, sondern mir die Waaren abnehmen und mich mit gehöriger Botschaft zurückschicken. Dank einigen hervorragenden Männern kam dieser Anschlag nicht zur Ausführung, sondern der König wurde bewogen, in Aussicht auf künftige Handelsverbindungen mir sein Wort, das er in Rücksicht auf das Schreiben von Sokoto bei der ersten Audienz gegeben, zu halten und mir die freie Bereisung von ganz Adamaua zu gestatten.

Dennoch gelang es dem intriganten Sokotogesandten, der mir gegenüber immer den Liebenswürdigen spielte, den Geleitbrief nach Ngaundere so abfassen zu lassen, daß ich daraufhin genöthigt war, von Ngaundere nach Jola zurückzukehren. Die eingehenden Mittheilungen über die schlau arrangirten Verwickelungen, welche mich dadurch später in Ngaundere trafen, würden den mir hier gestatteten Raum zur übersichtlichen Darstellung meiner vierjährigen Reise überschreiten. Daher nur soviel, daß ich unter den Verhältnissen und auch hauptsächlich, weil es mir an Mitteln fehlte, mit Beginn der trockenen Zeit theilweise auf neuen Pfaden nach Jola zurückkehrte.

Hier ward diese meine Rückkehr mir hoch angerechnet, da man sich seiner Handlungsweise wohl bewußt war und meine Feinde – die Herren Elfenbeinhändler namentlich – behauptet hatten, daß ich ganz gewiß nicht kommen würde. Der König entließ mich verhältnißmäßig reich beschenkt. Ich erhielt außer dem üblichen Ochsen zum Schlachten zwei schöne Pferde und einen circa 45 Pfund schweren Elephantenzahn. Von Jola nach Kontscha hatte ich denselben Weg einzuhalten; von Kontscha aber wanderte ich nördlich auf kürzerem Wege über Itére, wo ich am Weihnachtstage 1882 durch ein böses delirisches Fieber meinen alten Freund in Aufregung und Sorge um mein Leben versetzte, nach Beli. Hier feierte ich Neujahr, die zwölfte Stunde mit Madugu heranwachend, der frierend am Feuer saß und meinen Erklärungen über die Bedeutung dieser schönen Zeit lauschte.

Auf dieser Rückreise fand ich viel herzliches Willkommen, auch da, wo man mich früher scheu und argwöhnisch betrachtet hatte. –

Ich übergehe die Zeit der Sorge, mir neue Mittel für die Fortsetzung der Reise nach Süden zu beschaffen, meinen langen Aufenthalt in Lagos, die Unterstützung, die mir von Freundesseite dort zu Theil wurde und mir so die neue Abreise nach dem Niger ermöglichte, die Enttäuschungen, die mir bereitet wurden, um noch über die Erfolge meiner neuen (dritten) Adamauareise in einem zweiten Artikel berichten zu können.


  1. Madugu bedeutet einen Titel ungefähr wie „Prinz“. Maigasin baki = der mit dem Barte. Mohamman dan Mohamman = Sohn des Mohamman.
  2. Siehe meine Vorschläge zu neuen Unternehmungen von Adamaua aus. Mittheilungen der Afrikanischen Gesellschaft in Deutschland. R. F.
  3. Wir sind in der Lage, nach Angaben des Verfassers schon heute eine Skizze seiner sämmtlichen Reiserouten zu geben, auf der aber nur die wichtigsten von ihm berührten Orte verzeichnet werden konnten und die darum auf Vollständigkeit keinen Anspruch erheben darf.      D. Red.