Nach zehn Jahren

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Textdaten
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Autor: Rudolf Lavant
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Titel: Nach zehn Jahren
Untertitel:
aus: Rudolf Lavant Gedichte
Herausgeber:
Auflage: 3. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1965
Verlag: Akademie Verlag
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Erscheinungsort: Berlin
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons,
S. 29–30
Kurzbeschreibung:
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Nach zehn Jahren


Als einstmals ihr im hohen Rat
Wie Schächern uns den Stab gebrochen,
Da hat, der euch entgegentrat,
das spöttisch-stolze Wort gesprochen:

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„Versucht es doch – in seinem Flug

Den schwingenstarken Aar zu greifen!
Wir sind schon lange stark genug
Auch auf dies Schandgesetz zu pfeifen!“

Es stach das Wort gleich einem Dorn,

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Der abgebrochen in der Wunde;

Es war in seinem Hohn und Zorn
Das rechte Wort zur rechten Stunde.
Der Feder ganzes Lumpenpack
Hat wider dieses Wort geeifert,

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Und Mameluk und Preßkosak

Hat um die Wette es begeifert.

Was focht das Manneswort es an,
Das giftige Gequieck der Ratte?
„Das Wort – sie sollen’s lassen stahn“ –

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Kein beß’res fiel in der Debatte!

Hofrätlich ist es freilich nicht,
Doch wie der Schnabel ihm gewachsen,
So – und zu seiner Ehre! – spricht
Der feste Stamm der Niedersachsen.

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Zehn Jahre habt ihr Zeit gehabt,

Das Wort, das damals unsre Herzen,
Die schmerzvoll grollenden, gelabt,
Aus dem Gedächtnis auszumerzen.
Und dennoch klang es fort und fort;

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Es ward den Jahren nicht zur Beute,

Des teuren Toten markig Wort –
Und Giltigkeit hat es noch heute!

Vom Fluch der bösen Tat gehetzt
Habt das – Gesetz ihr so gedeutet;

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Daß wir, die nichts in Staunen setzt,

Anstaunten, wie ihr’s ausgebeutet.
Es wuchs sich aus, ob siech und fahl,
Das Kind des Hasses und der Lüge –
Den eignen Vätern sind fatal

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Des Wechselbalgs gemeine Züge.


Und doch – gelang es auch, dem Aar
Mit dieser Scheere Zwick zu stutzen
Das starke, junge Schwingenpaar?
Wir fragen euch: Wo blieb der Nutzen?

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Den stolzen Vogel fängt kein Netz,

Und schartig wird, was überschliffen –
Wir pfeifen auf das Schandgesetz,
Wie Bracke einst darauf gepfiffen.

Ob ihr’s verlängert, blank und nackt,

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Ob ihr, der Scham es anzupassen,

In etwas Watte es verpackt –
Uns wird erstaunlich kühl es lassen.
Begründet noch ein Spitzelkorps –
Das hindert nicht die Saat, zu reifen,

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Wir werden eben nach wie vor

Auf solche Prachtgesetze pfeifen.

Zehn Jahre – Spielraum war’s vollauf,
Besonders für so – kluge Leute;
Es blühte der Gewissenskauf,

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Und doch, ihr Herrn, wie steht es heute?

Ihr brecht uns und ihr kauft uns nicht,
Wo wir auch immer flüchtig schweifen;
Ihr macht ein grämlich-stumm Gesicht
Und wir – nun, meine Herrn, wir pfeifen!


Anmerkungen (Wikisource)

Ebenfalls abgedruckt in:

  • Der Sozialdemokrat 1888 Nr.43