Noch ein Geisterschwindel

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Titel: Noch ein Geisterschwindel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 185–187
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[185]
Noch ein Geisterschwindel.


Als die Manie des Tischrückens, Geisterklopfens und Geisterschreibens (Psychographirens) von Amerika aus über unser Deutschland zog, waren plötzlich selbst ruhig denkende Menschen in ihren bisher so festen Ueberzeugungen, daß etwas Uebernatürliches nicht existire, wankend geworden. Man setzte sich um den Tisch und bildete durch Berühren der Hände die magische Kette, welche nach und nach durch „magnetische Strömungen“ das bisher für todt gehaltene Möbel in schwankende, drehende, toll wirbelnde Bewegung versetzte. Man vernahm im vordem friedlichen Hausrathe auf Befragen der hierzu Berechtigten und Inspirirten ein unheimliches Klopfen, das der Geübte in gutes Deutsch übersetzte. Man ließ die zur Geisterschrift nöthigen Apparate durch Auflegen der Hände magische Schriften auf das Papier werfen, die mit Domenich’s „Buch der Wilden“ oder den ersten Schreibversuchen eines Schulbuben einige Aehnlichkeit hatten.

Jetzt lächelt man über derartigen Hokuspokus, begreift nicht, wie man selbst nur einen Augenblick daran glauben konnte, und nennt ihn ganz einfach – Schwindel, oder gegenüber „zartbesaiteten“ Damen eine „angenehme Täuschung“. Trotzdem aber taucht immer von Zeit zu Zeit noch Einer oder der Andere auf, der es nicht lassen kann, Geister zu citiren oder sich als zum Verkehr mit denselben befähigt darzustellen. Nicht daß solche Leute immer Betrüger wären, obgleich wohl die meisten nur darauf speculiren, der leichtgläubigen Menge den Beutel zu leeren. Nein, es sind auch Menschen darunter, die eigentlich an einer fixen Idee leiden und sich so lange in phantastische und mystische Träumereien hineingedacht haben, daß sie zuletzt selbst an die Gebilde ihrer Phantasie glauben. Zu bedauern sind solche Leute, denn der erfahrene Seelenarzt erkennt in ihrem bisher nur lächerlichen und unschädlichen Treiben bereits die Keime bedenklicher Geistesstörung.

Als die Gebrüder Davenport sich in ihrem Zauberschranke festbinden ließen, nach Verschluß des Schrankes die ärgste Höllenmusik anstimmten, ab und zu einen Arm herausstreckten und doch beim Wiederöffnen wie vorher fest angebunden dasaßen, konnte man dies ein amüsantes Kunststück nennen, bei dem die Geister ganz unbetheiligt waren. Dennoch erhob sich bei ihren Vorstellungen und bei ihren Geisterbeschwörungen ein solcher Sturm des Unwillens, daß sie kaum persönlich sicher waren. Nichtsdestoweniger hatte das Ganze den Reiz der Neuheit und den Charakter einer Vorstellung, deren Geschicklichkeit unbedingt Beifall verdiente. Anders steht es mit dem neuesten Cagliostro, den unser Vaterland den Seinigen nennt, mit Dr. F. Epp in Heidelberg, welcher jetzt in einem Schriftchen: „Seelen-Kunde“ (Mannheim 1866) das Resultat zwölfjähriger Forschungen und Beobachtungen veröffentlicht, nachdem er die Geister-Epidemie von 1853 und die „Indischen Geisterbeschwörer“ seinem Studium unterworfen hat. Nach der Vorrede glaubt man, es mit einem sehr gelehrten Manne zu thun zu haben, denn man erhält, die Versicherung, daß die Beobachtungen „mit Umsicht und ohne Vorurtheil“ angestellt sind. Arm in Arm mit Hornung und Berthelen, deren Werke dem Verfasser Einsicht in den Standpunkt des Spiritualismus in Deutschland gewährten, fordert Epp sein Jahrhundert in die Schranken, wo die Geister fechten. „Der Geist,“ sagt Epp, „ist anders, als die Kraft des Leibes; er ist seelischer Natur und nicht das Ergebniß des Stoffs. Auch verbreitet er sich nicht auf dessen Art. Der Geist ist auch nicht die magnetische Kraft, welche den Weltraum erfüllt, wohl aber ist diese das Mittel, wodurch der Geist in die Erscheinung tritt. Der Geist war vor dem Magnetismus da. Das ganze Weltall ist erfüllt, sowohl von der geistigen, wie von der magnetischen Kraft. Tritt erstere zur letzteren, so arbeitet sie vermittelst derselben und giebt sich dem sterblichen Menschen kund.“

Diese Probe aus den geistreichen Speculationen unseres „Geistersehers“ zeigt schon, daß uns in ihm kein normaler Mensch gegenübersteht, sondern ein Vertrauter der Geisterwelt, denn die eben citirte Weisheit hat ihm „am 27. Juli 1865 der Geist der Liebe durch den Psychographen dictirt“. Jedenfalls dankt Epp diesem Geiste auch die Mittheilungen, daß „die geistige Thätigkeit der Seelen abgestorbener Menschen im Jenseits keineswegs an die Sinnesorgane gebunden ist, wie ein irdischer Körper, daß sich aber die Seele, wenn sie mit dem Menschen in Wechselverkehr tritt, des Nervensystems der Person bedient, welche das Medium bildet“. „Dennoch,“ so erfahren wir, „sehen, hören und denken die Geister ohne Apparate, wiewohl sie sich zur Orientirung gewisser Dinge auch gern gewisser ihnen vorgelegter Apparate bedienen.“

Der Hume unserer Nation bezeichnet es nach diesen gewichtigen Präliminarien als einen Fortschritt, daß man in Deutschland endlich anfängt, wieder zu dem Magnetismus zurückzukehren und vermittelst der magnetischen Kraft die Geistermanifestationen zu erklären. Uns war bis heute von einer solchen Rückkehr noch nichts bekannt, doch weiß das wohl nur ein richtiger Hellseher zu beurtheilen und wir müssen es dem Verfasser daher glauben, der nebenbei einen sehnsüchtigen Rückblick auf die schöne Zeit des Tischrückens wirft, von welcher Kunst er versichert: „Würde sich der Tisch blos bewegen, so möchten die Erklärer dieses nur mechanischen Phänomens mit ihrer Erklärung ausreichen; aber der Tisch bewegt sich von der Stelle, kreist, hüpft, tanzt, schlägt den Tact nach der Musik; er antwortet auf Fragen, ist ein guter Rechenmeister, ABC-Schütz und Silbenstecher; er läßt sich in Combinationen abstracter Dinge, ja in die Lösung philosophischer Aufgaben ein – Alles, was sonst nur einem fühlenden, denkenden Wesen zukommt.“ O, ihr glücklichen Tischler, die ihr die Fähigkeit besitzt, solche Geister ersten Ranges anzufertigen, ihr seid ja demzufolge mehr als die gelehrtesten Professoren!

Doch ich will nicht spotten; sonst dürfte mein Arbeitstisch, an welchem ich diese Zeilen niederschreibe, rebellisch werden und mir eine gehörige Züchtigung ertheilen. Denn hier steht es groß gedruckt: „Wer meint, daß der Spuk der Klopfgeister auf Einbildung oder Betrug beruht, dem kann es geschehen, daß er selbst gegen seinen Willen auf eine unliebsame Weise von ihnen heimgesucht wird.“ Also Respect!

Daß sich die Existenz solcher Geister nicht beweisen läßt, was liegt daran? „Ob die Franzosen den lieben Gott einmal abgesetzt haben oder wieder anstellten, in der Welt ist er, war er und wird er sein, trotz alledem! Wenn die Geister aus Caprice gegen die Materialisten nicht in die Erscheinung treten, sind sie etwa deshalb nicht vorhanden?“ Alfred Douai meint, um diese Geister wahrzunehmen, müsse man wahrscheinlich in die dunklen Hinterstübchen der Spiritualisten. Herr Dr. Epp versichert, daß man sie auch in seinem Vorzimmer und zu jeder Tageszeit wahrnehmen, daß man sie aber nicht zwingen könne, sich vor einer Jury wissenschaftlich gebildeter Deutscher durchaus zu legitimiren. Uebrigens können die Zweifler lange warten! Ihnen offenbart sich kein Geist. Wer nicht „reinen Herzens“ ist, erhält keine schätzbare, geistige Mittheilung; auf keinen Fall die bösen Gelehrten, die Alles bekritteln und leugnen, was spiritualistisch ist! Einer der Bösesten ist nach Epp’s Ansicht Schleiden; von diesem ruft er aus: „Wenn die Gelehrten einen Geisterseher nicht für einen Dummkopf erklären können, so erklären sie ihn für einen Narren oder Betrüger, wie Schleiden den Schwedenborg (soll wohl heißen Swedenborg), obgleich Letzterer mehr Geist in der kleinen Zehe gehabt hat, als der moderne Professor im ganzen Hirnkasten.“ Das ist eine recht entschiedene Sprache, wie sie nur das stolze Bewußtsein geistiger Ueberlegenheit dictiren kann, welches mit der Bekanntschaft mit äußerst vornehmen Geistern – und Epp verkehrt meist nur mit den nobelsten der abgeschiedenen Seelen – entspringt.

Nicht alle jene Geister sind nämlich gleich gebildet, sondern es giebt, je nach ihrer vormaligen irdischen Bildung, unvollkommenere und vollkommenere Geister; zugleich äußert sich jede Seele in der Eigenthümlichkeit, welche ihr in dem irdischen Leibe je nach ihrer Individualität entsprach: die Seele eines schüchternen, jungen Mädchens äußert sich durch leises Klopfen des Tischfußes, die einer geschwätzigen Alten durch häufig wiederholtes Klopfen, die eines Grobian durch ungestümen, flegelhaften Lärm, die eines Greises durch Zittern. Ein böser, dämonischer Geist, den Epp am 29. December 1864 in Philadelphia citirte, war ungeheuer grob, er schimpfte z. B.: „Himmelheiligkreuzdonnerwetter“, äußerte sich frech, zudringlich, koboldartig, zuweilen auch humoristisch. Er hatte eine merkwürdige Hieroglyphenschrift und zeichnete mit großer Fertigkeit, was uns durch Holzschnitte veranschaulicht wird.

Die Gesetze, nach denen man Geister citirt, sind, wie erwähnt [186] demjenigen, der diesen überirdischen Verkehr nur zur Belustigung und Unterhaltung treibt, ein verschlossenes Buch. Wer aber mit Ernst und ganzer Seele jener Wissenschaft sich widmet, kann die Geister durch Nerveneinwirkung auf oder in den Gegenstand oder Menschen bannen, den er berührt oder auf den er seinen Willen richtet. Auf diese Weise war Epp, der jedenfalls „viel reines Gemüth und magnetische Kraft“ hat, im Stande, eine Legion von Schatten Dahingeschiedener heraufzubeschwören, und zwar mittelst des Psychographen, der „besonders dazu disponirte“ Personen in den Stand setzt, auch „ohne Medium“ Geister zu citiren, wenn sie sich durch fortgesetztes Experimentiren üben. „Alles unter der Sonne will gelernt sein!“ ruft er aus. „Man beobachte daher beim Psychographiren Ruhe und gefaßte Stimmung. Das Oeffnen von Thüren und Fenstern, das Ein- und Zutreten fremder Personen in das Zimmer oder zu dem Tische, aus welchem geschrieben wird, Unruhe, Schreien, Fluchen, Toben ist den Geistern ebenso zuwider, wie Lachen, Scherzen, Spotten oder Verhöhnen. Auf den Ruf erscheinen sie zu jeder Tageszeit, am liebsten in der Nacht und zur Zeit von Epidemien. Wenn sich der citirte Geist anfängt heimisch zu fühlen, dann setzt er den Citirenden durch die Schönheit und Correctheit der Schrift, durch die Consequenz und das Treffende der Antworten, durch die wunderbaren Enthüllungen etc. in wahres Erstaunen. Zugleich bemerkt man, daß die Schrift der verstorbenen Person, welche sie repräsentirt, ähnlich, ja oft vollkommen gleich ist, besonders wenn das Medium, durch welches der Geist schreibt, jung ist.“

Alle diese Erscheinungen beruhen nach Epp’s Meinung auf Naturgesetzen, die aber von den Gelehrten voreilig beleuchtet und „sufficant“ (der Verfasser steht offenbar mit der Orthographie auf gespanntem Fuße) erklärt wurden. „Faraday machte mit seiner hölzernen Definition Fiasco und Humboldt hüllte sich in vornehmes Schweigen.“ Und dennoch ist die Wissenschaft so alt, daß sie in die frühesten Zeiten zurückweicht und schon vor Epp durch die ägyptischen Priester, durch Moses, die Propheten, Christus und die Apostel ausgeübt wurde. Die redenden Steine (Betylen), das Mene tekel upharsin, die Eucharistie, Alles waren psychographische Experimente. Wenn der Materialist dies nicht glauben will, so ist dies für ihn nur ein Unglück; er wird alsdann vollkommen bemitleidet und verdammt, wenigstens von Epp, welcher zugleich erklärt, daß ihm diese Märtyreraufgabe, die Frage nach der Existenz der Geister zu beantworten, durchaus nicht sehr angenehm ist, „weil dieser Gegenstand von der Kirche verpönt, von der Wissenschaft verachtet, von der profanen Welt verschrieen, von den Nationalisten ignorirt wird“. Nur die katholische Kirche – und da scheinen die Katzenpfoten des Verfassers zu stecken – nur sie mit ihrer Lehre vom Fegefeuer, ihrem Exorcismus etc. steht dem Herrn Doctor hoch; für sie macht er eifrigst Propaganda. Der Protestantismus hingegen ist, seiner Meinung nach, bereits an die Grenze gelangt, wohin ihn seine Consequenzen führen mußten, nämlich zum Materialismus, Atheismus, Nihilismus. Diese sichtbare Auflösung konnte, sagt er, Niemandem angenehmer sein, als den Juden, die aus christlicher Zerfahrenheit Vortheil ziehen. Man sieht, Herr Epp nimmt einen Standpunkt ein, der seinen sonstigen Weisheiten entspricht.

Die ersten Versuche, Geister zu citiren und schreiben zu lassen, machte er im Winter 1864 bei Dr. Tiedemann in Philadelphia. Nicht lange währte es, so erhielten zwei seiner Kinder dadurch, daß Epp seine Hand auf die einen Bleistift über Papier haltende Kindeshand legte, die Fähigkeit zu psychographiren. Auch den beiden älteren Töchtern theilte er die Kunst mit, wobei sich in deren Armen oft die stärksten Zuckungen einstellten. So machten nicht nur die beiden Söhne Tiedemann’s, die im amerikanischen Kriege gefallen waren, Mittheilungen, sondern auch der alte berühmte Anatom Geheimrath Tiedemann, der treu in seiner einstigen Schreib- und Denkart sich äußerte. Es theilte ihm derselbe am 24. Februar 1865 unter Anderem mit: „Die wahre Religion ist die des reinen Herzens; ihr Muster ist die apostolische.“ Die biblische Schöpfungsgeschichte erklärte er für Fabel. „Adam sei ein Naturkind mit guter Anlage zum Fortschritt gewesen.“ Uebrigens erklärte sich Tiedemann als „gläubig-conservativ“. Länger sind die Unterhaltungen, die Epp mit Jesus, Maria und Johannes hatte.

Epp frug Johannes wie folgt:

„Wie kommt es, daß Ihr Jesus als Sohn Gottes erklärt habt?“

Johannes: „Weil wir ihn verherrlichen wollten.“

„Und wie konntet Ihr die Maria als Mutter Gottes erklären?“

Johannes: „Das haben wir nicht gethan. Wir verehrten sie nur als die Mutter Jesu.“

„Wer war der leibliche Vater von Jesus Christus?“

Johannes: „Vobiscus, der römische Dominus. Er war Tempelvorsteher zu Jerusalem. (Hier folgt eine Stelle, die wir nicht abdrucken mögen.) Er gab der Maria dreitausend griechische Drachmen Aussteuer und dem Joseph, der ein armer Zimmermann war, noch dreihundert Drachmen. Vobiscus gehörte zur Gesellschaft der Essäer. Die Wunder Jesu waren nothwendig, um die Welt an ihn glauben zu machen. Die Welt wird einmal vergehen und dann wird Christus kommen und richten die Lebendigen und die Todten.“

„Ist denn Jesus der Sohn Gottes?“

Johannes: „Ja, er ist’s, aber nicht auf die Weise, wie auf Erden geglaubt wird, sondern auf andre Art. Der Sohn Gottes ist nur ein göttlicher Geist. Die Geister der Menschen sind zwar alle göttlichen Ursprungs, aber nicht so ausgebildet, wie der Geist von Jesus Christus. Jesus kam nach der Kreuzigung wieder in das Leben und lebte noch zwanzig Jahre zu Jerusalem, in dem Hause des Nikodemus und ist auch da begraben. Wir Apostel wußten dieses. Als Jesus den Jüngern in dem Hause erschien, ging er durch eine geheime Thür. Als er gekreuzigt und im Grabe beigesetzt war, lag er vierundzwanzig Stunden in Ohnmacht. Wir, Johannes, Nikodemus, Joseph von Arimathia und einige zuverlässige Männer, kamen vor das Grab, kauften die Wache und wälzten den Stein von dem Eingang. Der Leichnam lag noch in den Tüchern und wir entfernten diese. Hierauf nahm Joseph von Arimathia eine Phiole mit Riechgeist und hielt diese geöffnet unter die Nase. Jesus gab Lebenszeichen von sich und zog seine Glieder zusammen. Wir legten ihn in eine Tragbahre und trugen ihn in das Haus von Joseph von Arimathia, wo er vollends zu sich kam. Das Geheimniß blieb unter uns. Der Jüngling, der den Frauen am Grabe erschienen, war der junge Joseph von Arimathia. Die Mutter erfuhr es durch mich. Jesus hatte seine Kenntniß der Geisteskraft von dem Stiefvater Joseph; dieser von Johannes dem Aeltern, dem Vater Joseph’s des Zimmermannes. Moses, Elias, die Propheten Micha, Jeremias, Jesaias, Ezechiel, Daniel und Andere hatten diese Kenntniß der Geisteskraft gehabt und sie erbte über von Geschlecht zu Geschlecht durch Mittheilung.“

Der Geist des Alexander von Humboldt, hierüber befragt, theilte Folgendes mit:

„Vobiscus (also der Vater des Christus) war ein Germane aus der Gegend von Paderborn, von fürstlichen Eltern geboren. In seinem sechszehnten Jahre trat er in eine deutsche Legion und kam mit dieser nach Rom und von hier unter Cnejus Pompejus mit einem gewissen Lentulus nach Palästina. Hier wurde er praefectus cohortis mediae und hospes Judaeorum und zu Jerusalem Praetor templi Judaei. Er war schon zwanzig Jahre in Palästina, als er Maria kennen lernte. Er war Essäer und sah sie zuerst in Nazareth bei Gelegenheit einer Rundreise.“

Einmal erzählt ihm Jesus: „Ich bin abgespannt. Ich erfuhr, daß in Berlin psychographirt wurde; es waren viel Professoren und hochstehende Personen da, die aber Atheisten waren.“ Ein ander Mal ist Jesus ermüdet: „weil er in Heidelberg eine Controverse über Religion hatte, bei der er sich sehr ereiferte“. Ferner lehrt er den Herrn Epp, „man solle, wenn man die Geister befragen will, mit einem ‚Vater Unser‘ anfangen und endigen,“ und erklärt selbst bei dieser Gelegenheit: „die katholische Religion sei die wahre.“

Von sonstigen Geistern, die Epp citirt hat, nennt er Schiller, der einmal die Worte niederschrieb:

Ich höre rauschende Musik,
Des Schlosses Fenster sind erleuchtet.
Wer sind die Fröhlichen?

Worte, die, wie Epp später erfuhr, im Wallenstein vorkommen. Schiller war übrigens sehr schreibselig und philosophisch; er hatte einen Hang zum Versemachen behalten, ohne daß diese Producte jedesmal den bekannten classischen Werken des Dichters entsprechend gewesen wären. Wenn Epp’s elfjähriger Sohn psychographirte, waren angeblich sowohl die Verse besser, als die sonstigen Aeußerungen freier. Einmal erklärte er freilich, „die katholische Religion sei die beste“; ein anderes Mal schrieb er die geflügelten Worte nieder:

[187]

„Heute müßt Ihr Euch besinnen,
Was das Schicksal mag Euch spinnen.
Und das Unglück bricht herein.
Doch da ist das Glück nicht fern.
Wo die Noth am größten ist,
Denket an den Herrn.“

O, Du armer Schiller! Wie sehr ist nach dieser Probe Deine poetische Ader im Elysium versiecht! Oder solltest Du diese Zeilen nur in einer üblen Stimmung dictirt haben? Vielleicht aus Aerger über Heine, der dort drüben, Herrn Epp zufolge, immer noch „lascive Gedichte schreibt und sich unanständiger Ausdrücke bedient“, zugleich aber, wie alle Anderen, den katholischen Glauben als einzig wahren anerkennt. Oder verdrießt es Dich, was Maria Stuart dem Herrn Epp mittheilt: „Ich kam,“ erzählt die hohe Frau, „sechs Minuten nach der Enthauptung zum Bewußtsein. Ich sah lange Gestalten, wie Menschen in langen Gewändern über einen Abgrund, der in der Tiefe dunkel war, auf- und abschweben und sich an mich herandrängen. Darüber war es helle. Ich sah mich selbst gottähnlich, gottgeweiht, gottgebenedeit, gottgerecht, gottgeboren, gottgesalbt, gottgebildet. Viele Anschuldigungen, die man mir zur Last legte, sind unwahr. Elisabeth ist die Urheberin meines Todes. Ich habe sie gesehen nach ihrem leiblichen Tode. Sie kam zu mir flehend. Ich sagte: ‚Elisabeth, warum hast Du mich getödtet?‘ – Sie bat: ‚O vergieb mir!‘ – Ich vergab ihr.“

Marie Antoinette beklagt sich sehr, daß sie so jung sterben mußte, und legt ein besonderes Sündenbekenntniß ab, das Epp aus Discretion nicht mittheilt. Dagegen erzählt er uns, daß Ludwig der Sechszehnte ihm prophezeite, nach Napoleon’s des Dritten Tode werde in Frankreich Revolution ausbrechen, und daß Katharina die Zweite, die ihm am 9. Juni 1865 psychographirt, ihren Zustand nach dem Tode folgendermaßen schildert:

Katharina: „Ich war kaum verschieden, so nahm ich auch meine Seele wahr, wie sie gottgeweiht zu werden wünschte, aber nicht konnte wegen der vielen Sünden, welche ich im Leben begangen habe. Ich sah mich dort angehalten durch Menschen, welche von mir im Leben gestraft worden waren, und die sich zuvor von einander Nachricht gaben; – ich sah Menschen, welche ich gezüchtigt hatte, mich anklagen – und wohlgebildete Männer, welche ich mißbraucht hatte, mich verurtheilen. Ich war zwanzig Jahre im Raum der Bösen und anbetete Gott, daß er mich erlösen möge aus dem schrecklichen Ort der Trübsal und des Schreckens, und ich war zwanzig Jahre am Orte der Mörder und bat Gott, er möge mich erlösen aus diesem Orte des Jammers, und ich war zwanzig Jahre zu Zarskojeselo und konnte Alles sehen, was da vorging – und sah mich verachtet und vergessen da, wo ich früher so mächtig und so angebetet war. Das größte Verbrechen, welches ich begangen habe, war der Mord an meinem Gemahle, und ich habe schwer gebüßt. O, Du guter Mensch! – sage meinem Kaiser, er möge mich zu sich rufen; ich will ihm Mittheilungen machen, daß ich gewiß weiß, wer ihm bald das Leben nehmen will.“

Sand erzählt auch ganz ergötzliche Dinge. „Als ich wieder zum Bewußtsein kam, sah ich lange Gestalten lobsingend über weite Flächen schweben. Ich wurde gottähnlich, gottbegeistert, gottgeweiht, gottgebenedeit. – Ich sah auch Kotzebue, den ich ermordet hatte: ich bat ihn um Vergebung. Er vergab mir. Wir verständigen uns durch geistige Mittheilung. Der Mord ist in keiner Weise erlaubt. Ich habe meine Missethat eingesehen und bereut. Ich bin jetzt selig.“

Aus Johannes Müller’s Mittheilungen geht hervor, daß es eine vom Gehirn unabhängige Seele gäbe, während Schönlein seiner Verehrung für Jesus Ausdruck verleiht, dem Dr. Epp in Krankheitsfällen trefflichen (unentgeltlichen!) Rath ertheilt und ihm anvertraut, daß die Geister lieber runde, dreibeinige Tische rücken, als eckige, vierbeinige. Der jüngst gefallene amerikanische General Jackson hatte sogar die Gefälligkeit, sich selbst mit Uniform, Armirung und Pferd, sowie die Scene seines Todes zu zeichnen, wobei er erzählte, daß er durch das Feuer der eigenen Soldaten gefallen sei. Die Seele Napoleon’s des Ersten äußerte sich, indem der Tisch mit heftigen Sprüngen sich bewegte und förmlich ausschlug. Die schriftlichen Antworten waren präcis und consequent, bald in deutscher, bald in französischer oder italienischer Sprache. Der Kaiser sagt, daß es ihm Anfangs nach dem Tode wegen der öden Stille „schrecklich“ gewesen wäre; erst nach zwanzig Jahren sei der Zustand etwas erträglich geworden. Er sprach sich, besonders gern mit Militärs, als fachkundiger Politiker aus, konnte aber geborene Preußen nicht leiden. Alexander von Humboldt findet das Leben dort oben „langweilig“, erklärt sich für das apostolische Glaubensbekenntniß, bereut, daß er bei Lebzeiten das Tischrücken für Täuschung gehalten habe, und giebt eine genaue Anweisung zum Psychographiren, ein Dictat der psychographischen Gesetze und eine Abhandlung über den Bastard des Menschen und Affen. Und inmitten der heraufbeschworenen Schatten, die eine zauberhafte Formel aus den düsteren Gründen des Tartarus emporzog, steht, das Herz voll Reinheit und die Hand voll Magnetismus, Herr Dr. Epp aus Heidelberg, der Geisterseher und Geisterfreund par excellence, dessen Ruf die Geister Folge leisten und mit dessen zwar geisterreichen, aber nichts weniger als geistreichen Erzählungen wir dem Leser ein Viertelstündchen geraubt haben, das er vielleicht mit „Nichtsthun“ noch besser verbracht hätte.