Normännischer Brauch (Uhland)

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Textdaten
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Autor: Ludwig Uhland
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Titel: Normännischer Brauch
Untertitel:
aus: Gedichte von Ludwig Uhland, Seite 143–151
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1815
Verlag: J. G. Cotta’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Stuttgart und Tübingen
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Quelle: MDZ München = Commons.
Kurzbeschreibung:
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[143]
Normännischer Brauch.


Dem Freiherrn de la Motte Fouqué zugeeignet.


Balder, ein Seefahrer. Richard, ein Fischer. Thorilde.


Fischerhütte auf einer Insel an der Küste der Normandie.
Balder.

Dies auf dein Wohlseyn, vielgeehrter Wirth!
Fürwahr, ich hab’s dem tollen Sturme Dank,
Der mich in deiner Insel Bucht gejagt,
Denn solch ein traulich Mahl am stillen Heerd
Hat mich seit langer Zeit nicht mehr gelabt.

Richard.

Man trifft’s in Fischerhütten besser nicht,
Hat’s dir behagt, viel Ehr’ und Freude mir!
Insonders werth ist mir so edler Gast,
Der aus dem nord’schen Heimathlande kömmt,
Von wannen unsre Väter hergeschifft,
Davon man noch so Vieles sagt und singt.
Doch muß ich dir eröffnen, edler Herr,
Wer bei mir einkehrt, sey er noch so arm,
Wird angesprochen um ein Gastgeschenk.

Balder.

Mein Schiff, das in der Bucht vor Anker liegt,

[144]

Es hegt der seltnen Waaren mancherlei
Die ich vom Mittelmeere hergeführt,
Goldfrüchte, süsse Weine, bunte Vögel;
Auch wahrt es Waffen, nord’scher Schmiede Werk,
Zweischneid’ge Schwerdter, Harnisch, Helm und Schild.

Richard.

Nicht solches meint’ ich, du verstehst mich falsch.
Es ist ein Brauch in unsrer Normandie:
Wer einen Gast an seinem Heerd empfieng,
Verlangt von ihm ein Mährchen oder Lied
Und gibt sofort ein Gleiches ihm zurück.
Ich halt’ in meinen alten Tagen noch
Die edeln Sagen und Gesänge werth,
Darum erlass’ ich dir die Fodrung nicht.

Balder.

Ein Mährchen ist oft süß wie Cyperwein,
Wie Früchte duftig und wie Vögel bunt,
Und manch ein alterthümlich Heldenlied
Ertönt wie Schwerdtgeklirr und Schildesklang,
Drum war mein Irrthum wohl nicht allzu groß.
Zwar weiß ich nicht so Herrliches zu melden,
Doch ehrt’ ich gern den löblichen Gebrauch.
Vernimm denn, was in heitrer Mondnacht jüngst
Ein Schiffgenoß auf dem Verdeck erzählt!

Richard.

Noch einen Trunk, mein Gast! Beginne dann!

Balder.

Zween nord’sche Grafen hatten manches Jahr
Das Meer durchsegelt mit vereinten Wimpeln,
Vereint bestanden manch furchtbaren Sturm,

[145]

Manch heiße Schlacht zur See und am Gestad,
Auch manchesmal im Süden oder Osten
Auf blüh’ndem Strand zusammen ausgeruht;
Jetzt ruhten sie daheim auf ihren Burgen,
In gleiche Trauer Beide tief versenkt,
Denn Jeder hatt’ ein treues Ehgemahl
Unlängst begleitet nach der Ahnengruft.
Doch sproßt’ auch Jedem aus dem düstern Gram
Ein süßes, ahnungsvolles Glück herauf:
Dem Einen blüht’ ein muntrer Sohn,
Der Andre pflegt’ ein liebes Töchterlein.
Um ihren alten Freundschaftsbund zu krönen
Und daurendes Gedächtniß ihm zu stiften,
Beschlossen sie, die theuern Sprößlinge
Dereinst durch heil’ge Bande zu verknüpfen.
Zween goldne Ringe ließen sie bereiten,
Die man, den zarten Fingern noch zu weit,
An bunten Bändern um die Hälschen hing.
Ein Sapphir, wie des Mägdleins Auge blau,
War in des jungen Grafen Ring gefügt,
Im andern glüht’ ein rosenrother Stein,
Recht wie des Knaben frisches Wangenblut.

Richard.

Ein rosenrother Stein im goldnen Reif,
Das war des Mädchens Schmuck? verstand ich’s wohl?

Balder.

Ja! wie du sagst, doch kömmt’s darauf nicht an.
Schon wuchs der Knabe hoch und schlank herauf,
In Waffenspielen ward er früh geübt,
Schon tummelt’ er ein kleines, schmuckes Roß.
Nicht soll er, wie der Vater, einst das Meer

[146]

Auf abenteuerlicher Fahrt durchschweifen,
Beschirmen soll er einst mit starker Hand
Das mächtige Gebiet, die hohen Burgen,
Vereintes Erbthum beider Grafenstämme.
Des jungen Ritters Bräutlein lag indeß
Noch in der Wieg’, im dämmernden Gemach,
Von treuen Wärterinnen wohl besorgt.
Nun kam ein milder Frühlingstag in’s Land,
Da trugen sie das ungeduld’ge Kind
Zum sonnig heitern Meeresstrand hinab
Und brachten Blum’ und Muschel ihm zum Spiel.
Die See, von leisem Lufthauch kaum bewegt,
Sie spiegelte der Sonne klares Bild
Und warf den Zitterschein auf’s junge Grün.
Am Strande lag gerad’ ein kleiner Kahn,
Den schmücken jetzt die Frau’n mit Schilf und Blumen
Und legen ihren holden Pflegling drein
Und schauckeln ihn am Ufer auf und ab.
Das Kindlein lacht, die Frauen lachen mit,
Doch eben unter’m fröhlichsten Gelächter
Entschlüpft das Band, daran sie spielend ziehn,
Und als sie es bemerken, kann ihr Arm
Das Schifflein nicht vom Strande mehr erreichen.
So scheinbar still die See, so wellenlos,
Doch spült sie weiter stets den Kahn hinaus.
Man höret noch des Kindes herzlich Lachen,
Die Frauen aber sehn verzweifelnd nach,
Mit Händeringen, wildem Angstgeschrei.
Der Knabe, der sein Liebchen zu besuchen
Gekommen war und jetzt das leichte Roß
Auf grüner Uferwiese tummelte,

[147]

Er sprengt auf das Geschrei im Flug heran,
Er treibt sein Pferdchen muthig in die See
Und meint das blum’ge Fahrzeug zu erschwimmen.
Kaum aber prüft das Thier die kalte Flut,
So schüttelt sich’s und wendet störrig um
Und reißt den Reiter an den Strand zurück.
Derweil hat schon der Nachen mit dem Kind
Hinausgetrieben aus der stillen Bucht,
Und frisches Wehen auf der offnen See
Entführt ihn bald den Blicken.

Richard.

 Armes Kind!
Die heil’gen Engel mögen dich umschweben!

Balder.

Dem Vater kömmt die Schreckensbotschaft zu,
Gleich läßt er alle Schiffe, groß und klein,
Auslaufen und das schnellste trägt ihn selbst.
Doch spurlos ist das Meer, der Abend sinkt,
Die Winde wechseln, nächtlich tobt der Sturm.
Von mondenlangem Suchen bringen sie
Den leeren, morschen Nachen nur zurück,
Mit abgewelkten Kränzen –

Richard.

Was stört dich in der Rede, werther Gast?
Du stockst, du athmest tief.

Balder.

 Ich fahre fort.
Seit jenem Unfall freute sich der Knabe
Nicht mehr des Rosselenkens, wie zuvor,

[148]

Viel lieber übt’ er sich im Schwimmen, Tauchen,
Am Ruder prüft’ er gerne seinen Arm.
Als er zum kräft’gen Jüngling nun erstarkt,
Da heischt er Schiffe von dem Vater.
Nichts hat das feste Land, was er begehrt,
Kein Fräulein auf den Burgen reizet ihn,
Dem wilden Meere scheint er anverlobt,
Darein das Mägdlein und der Ring versank.
Auch rüstet er sein Hauptschiff seltsam aus
Mit Purpurwimpeln, goldnem Bilderschmuck,
Wie Einer, der die Braut meerüber holt.

Richard.

Fast wie das deine drunten in der Bucht,
Nicht wahr, mein wackrer Seemann?

Balder.

 Wenn du willst.
Mit jenem reichgeschmückten Hochzeitschiff
Hat er in manchem grausen Sturm geschwankt.
Wenn so zu Donnerschlag und Sturmgebraus
Die Wogen tanzen, feiner Hochzeittanz!
Manch blut’ge Seeschlacht hat er durchgekämpft
Und ist davon im Norden wohl bekannt,
Mit sondrem Namen ward er dort belegt:
Springt er hinüber, mit geschwungnem Schwerdt,
Auf ein geentert Schiff, dann schreit das Volk:
„Weh uns! vertilg uns nicht, Meerbräutigam!“ –
Das ist mein Mährchen.

Richard.

 Habe Dank dafür!
Es hat mir recht mein altes Herz bewegt.

[149]

Nur, dünkt mir, fehlt ihm noch der volle Schluß.
Wer weiß, ob wirklich denn das Kind versank,
Ob nicht ein fremdes Schiff vorüberfuhr,
Das flugs an Bord den armen Fündling nahm,
Den morschen Kahn der Meerfluth überließ?
Vielleicht auf einer Insel, wie die unsre,
Ward dann das schwache Kindlein abgesetzt,
Von frommen Händen sorgsamlich gepflegt,
Und ist zur holden Jungfrau nun erblüht.

Balder.

Du weißt geschickt ein Mährchen auszuspinnen.
So laß nun deines hören, wenn’s beliebt!

Richard.

In vor’gen Tagen wußt’ ich manche Mähr’
Von unsern alten Herzogen und Helden
Und sonderlich vom Richard Ohnefurcht,
Der Nachts so hell alswie am Tage sah,
Der durch den öden Wald allnächtlich ritt
Und mit Gespenstern manchen Strauß bestand;
Doch jetzt ist mein Gedächtniß alterschwach,
Verworren schwankt mir Alles vor dem Sinn.
Drum soll das junge Mädchen mich vertreten,
Das dort so still und abgewendet sitzt
Und Netze strickt bei’m trüben Lampenschein.
Sie hat sich manches gute Lied gemerkt
Und hat ’ne Kehle, wie die Nachtigall.
Thorilde! darfst den edeln Gast nicht scheun,
Sing uns das Lied vom Mägdlein und vom Ring,
Das einst der alte Singer dir gereimt!
Ein feines Lied! ich weiß, du singst es gern.

[150]
Thorilde (singt:)

Wohl sitzt am Meeresstrande
Ein zartes Jungfräulein,
Sie angelt manche Stunde,
Kein Fischlein beißt ihr ein.

Sie hat ’nen Ring am Finger
Mit rothem Edelstein,
Den bindt sie an die Angel,
Wirft ihn in’s Meer hinein.

Da hebt sich aus der Tiefe
’ne Hand, wie Elfenbein,
Die läßt am Finger blinken
Das goldne Ringelein.

Da hebt sich aus dem Grunde
Ein Ritter, jung und fein,
Er prangt in goldnen Schuppen
Und spielt im Sonnenschein.

Das Mägdlein spricht erschrocken:
„Nein, edler Ritter, nein!
Laß du mein Ringlein golden!
Gar nicht begehrt’ ich dein.“

„Man angelt nicht nach Fischen
Mit Gold und Edelstein,
Das Ringlein lass’ ich nimmer,
Mein eigen mußt du seyn.“

[151]

Balder.

Was hör’ ich? seltsam ahnungsvoller Sang!
Was seh’ ich? welch ein himmlisch Angesicht
Hebt süß erröthend sich aus goldnen Locken
Und mahnt mich an die ferne Kinderzeit!
Ha! an der Rechten blinkt der goldne Ring,
Der rothe Stein; du bist’s, verlorne Braut!
Ich bin’s, den sie Meerbräutigam genannt,
Hier ist der Sapphir, wie dein Auge blau,
Und drunten liegt das Hochzeitschiff bereit.

Richard.

Das hab’ ich längst gedacht, verehrter Held!
Ja! nimm sie hin, mein theures Pflegekind,
Halt sie nur fest in deinem starken Arm,
Du drückst ein treues Herz an deine Brust.
Doch sieh einmal! du hast dich ganz verwirrt
Im Netze, das mein fleißig Kind gestrickt.