Pfarrer und Hexenmeister

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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Pfarrer und Hexenmeister
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 2. S. 145–151
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Erscheinungsort: Dresden
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Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
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[145]
760) Pfarrer und Hexenmeister.
Nach mündlichen Ueberlieferungen von Eduard Kauffer.

Nördlich am Fuße des sagenreichen Falkenbergs in Sachsen liegt das große Dorf Neukirch, gewöhnlich Neukirch am Hochwald genannt, in einem anmuthigen Thale. Der Ort ist bekannt durch ein blutiges Gefecht, welches bei demselben vor der Schlacht bei Bautzen stattgefunden hat. Geht man von Ringenhain her auf der Chaussee nach dem Dorfe, so erblickt man bald nach dem Eintritt in dasselbe die schöne große Kirche neben sich. Unter den geistlichen Herren, die an derselben gewirkt, ist sonderbarer Weise einer in den Geruch gekommen, sich mit den nichts weniger als theologischen Künsten der schwarzen Magie beschäftigt zu haben. Es ist dies der Pastor Johann George Pech, der am 25. April 1795 in sein Amt eingewiesen worden ist. Viel erzählt die Sage des Volkes von ihm, aber am häufigsten begegnet man nachstehender Mär, in welcher der gelehrte Seelsorger eine nicht unbedeutende Rolle spielt.

Es waren einst in Neukirch einige junge Leute durch Zufall über eins von jenen anrüchigen Büchern gerathen, welche von geheimen Dingen handeln. Der Lob hatt’ es in einem Winkel auf dem Boden seines alten Vaterhauses aufgefunden und dem Lieb davon unter vier Augen erzählt; der Lieb aber, der nicht sehr verschwiegen war, hatte den Ehr’gott – Ehregott – in’s Geheimniß gezogen, und der Ehr’gott konnt’s nicht über’s Herz bringen und hatte gegen seinen Vetter Toffel von dem Zauberbuche verlauten lassen. Weiter jedoch erhielt Niemand Kenntniß von dem unschätzbaren Buche, das möglicher Weise die jungen Leute sehr reich machen konnte, da es eine Menge Orte in der Umgegend angab, wo noch Geld vergraben lag, und die Mittel bezeichnete, wie man sich dieses [146] Geldes bemächtigen könne. Außerdem handelte es von Beschwörungen, und weil zu einem solchen Experiment nichts Anderes gehörte, als in der Stunde der Mitternacht die Zauberformel abzulesen, so beschloß man, vor der Hand mit einem solchen Versuche den Anfang zu machen, um zu erfahren, ob die in dem Buche mitgetheilte Anleitung sich thatsächlich bewähre.

„Heut’ Abend,“ sagte der Lob zu seinen Freunden, „kommt um Eilf zu mir, da wollen wir sehen, ob wir der Hexenscharteke trauen dürfen oder nicht.“

Lieb und Toffl stimmten bei, und auch der Ehr’gott ließ, ungeachtet seines Namens, es sich angelegen sein, noch vor der verabredeten Stunde bei seinem Freunde einzutreffen.

Es war eine unheimliche finstre Nacht, der Sturm schoß in mächtigen Stößen durchs Thal, der Regen klatschte mit Gewalt gegen die Fenster, der alte Birnbaum vor Lob’s Häuschen stöhnte und schnaubte wie Einer, der sich gegen wüthende Angriffe vertheidigt, und er vertheidigte sich ja gegen die Elemente, welche rauschend und heulend in seinen morschen Aesten raseten. Die Burschen im wohlverschlossenen Hause kümmerten sich indeß wenig darum, zum Ueberfluß verriegelte man noch die Fensterladen, dann holte Lob sein Buch herbei, das ganz schwarz aussah und die enge Stube mit Modergeruch erfüllte. Auf dem Tische brannte eine alte Oellampe von Blech, der Docht wurde neu mit Oel getränkt und dann nahmen alle an dem Tische Platz.

Keiner sprach mehr ein Wort, in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Lob, der die alten Zeichen noch am Geschicktesten zusammenbuchstabirte, war zum Vorleser bestimmt und hatte das geheimnißvolle Manuscript vor sich liegen. Mit dem ersten Schlage der Mitternacht sollte das Werk beginnen.

Die alte Schwarzwälder Uhr hob jetzt auf Zwölf aus und ihr Knarren kam diesmal den Burschen sehr eigenthümlich vor; doch theilte keiner dem andern seine Gedanken mit. Wieder trat tiefe Stille in der Stube ein, draußen rüttelte [147] der Sturm an den Fensterladen, der Birnbaum seufzte und wehklagte, und auf dem Boden ließ eine Katze ihr klägliches Geschrei ertönen, dem bald eine zweite noch kläglicher antwortete.

Da schlug es zwölf, und noch während der Kuckuck an der alten Schwarzwälder in Einem fort schrie und die Flügel dazu bewegte, buchstabirte Lob schon mit möglichstem Fleiß in den altmodischen Zeichen, die häufig mit rothen und blauen Zeichen verziert waren und ihm dadurch nicht wenig zu schaffen machten. Und immer tiefer las er sich beim Qualm der dampfenden Oellampe in die schnörklichen Buchstaben hinein, und die Andern horchten aufmerksam, als wäre es in der Kirche bei einer Trauung oder Leichenpredigt.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten; denn plötzlich entstand ein sonderbares Geräusch in der Ofenfanne, der Deckel sprang auf und mit gellendem Meckern sprang ein kohlschwarzes Böcklein daraus hervor, das sehr bald anfing auf seinen Hinterbeinen sich zu erheben und nach seinem Schatten an der Wand zu stoßen.

„Da haben wir’s,“ sagte Lieb leise, „der Zauber wirkt. Klappe Dein Buch zu, Lob, wir wissen, was wir wissen wollen, das ist für heute genug. Morgen geht’s auf den Falkenberg, die Braupfanne mit Gold zu holen, die dort vergraben liegt.“

Aber Lob, einmal im Eifer, war durchaus nicht dieser Meinung, sondern las, nach einem vorwurfsvollen Seitenblick auf seinen Gefährten, herzhaft weiter. Und siehe da! immer reicher entfaltete die Beschwörung ihre geheimnißvolle Kraft. Die kupferne Pfanne schien unerschöpflich, immer aufs neue that sich der Deckel auf, um eine Menge zahmes und wildes Gethier auszulassen, und bald war die Stube angefüllt mit schwerfälligen Eulen und plappernden Elstern, mit krächzenden Krähen und schwirrenden Fledermäusen. Zu dem schon vorhandenen Böcklein gesellte sich noch eine Menge anderer nebst vielen andern langgeschwänzten und krummgehörnten unbekannten Geschöpfen, welche im wirren Knäul, in der Stube herumdrängten.

[148] „Eine schöne Bescherung!“ seufzte Toffel mit kläglichem Blick auf seine Freunde, „höre um des Himmels willen auf, Lob, mir stehen die Haare zu Berge!“

„Mir auch,“ betheuerte Ehr’gott, dem eben eine Fledermaus an die Nase geflogen war.

Der Lieb wollte auch etwas hinzufügen; doch blieb ihm das Wort im Munde stecken, als er plötzlich von hinten einen wohlgezielten Stoß von einem der schwarzen Böcklein erhielt. Es ist wahr, ein wohlausgetragenes Neukircher Kind läßt sich nicht so leicht verblüffen, und Lieb war ein solches Kind. In der Schenke hätte er den Stoß mit einem Faustschlage vergolten, der allenfalls einen Ochsen niedergestreckt haben würde; aber heute schien es ihm doch rathsam, dem Angriff nur passiven Widerstand entgegenzusetzen.

Lob war jetzt am Ende seiner Beschwörung und hätte mit dem glänzenden Erfolge derselben sehr zufrieden sein dürfen, wenn nicht plötzlich der hinkende Bote nachgekommen wäre und eine früher übersehene Anmerkung in dem Buche ihn belehrt hätte, er müsse, um seine Gäste wieder in die Ofenpfanne zurückzubannen, die Zauberformel – rückwärts lesen.

Rückwärts lesen! Der arme Lob kratzte sich in höchster Verlegenheit hinter seinen ansehnlichen Ohren – er hatte zwar im Katechismus und Gesangbuch vorwärts lesen gelernt, aber rückwärts lesen hatte ihn sein alter Schulmeister nicht gelehrt.

Große Verlegenheit! Lob theilte seinen Freunden den kitzlichen Uebelstand mit, die sich nun ebenfalls hinter den Ohren kratzten, – ein Ausdruck der Verlegenheit, durch den ermuthigt das anwesende Gethier anfing, strategisch ganz vorzügliche Angriffe auf die Beschwörer zu unternehmen. Der enge Raum wurde zum Schauplatz eines hartnäckigen Kampfes, und je eifriger die Angegriffenen bemüht waren, ihre Gegner von sich fern zu halten, desto häufiger und energischer arbeiteten die Hörner der Böcklein an ihren Rippen. Stoß auf Stoß erfolgte, und dabei meckerten die Bestien boshaft einander [149] zu, als ob sie sich gegenseitig zu neuen Experimenten anfeuern wollten.

Ohne alle Frage war die Lage der armen Burschen trostlos genug, besonders die des am Meisten betheiligten Lob.

„Da haben wir’s,“ wehklagte Lieb, „ich fühle meinen Leichnam nicht mehr und muß schon ganz schwarz angelaufen sein, wie ein alter Schwert-Groschen. Lob, lies das Teufelsbuch zurück, oder ich vergreife mich an Dir!“

„Ja, Lob, lies das Buch zurück oder ich falle mit Lieb über Dich her,“ stimmte auch Toffl bei. „Ich bin morsch an allen Gliedern und trage einen Knax auf zeitlebens davon. Deine verdammte Hexengeschichte!“

Schließlich betheuerte auch Ehrgott, den Lob „windelweich dreschen“ zu wollen, wenn er nicht sofort das Viehzeug entferne, so daß der unglückliche Beschwörer in die äußerste Verlegenheit gerieth. Aber da kam ihm plötzlich ein Gedanke, wie ein Lichtstrahl fiel es in die Nacht seiner Bedrängniß, und mit dem Ausrufe: „Bleibt nur hier, ich werde sogleich Hülfe herbeischaffen!“ stürmte er durch ein Fenster in’s Freie und geraden Wegs der Pfarrwohnung zu.

Der Prediger saß noch angekleidet in seinem Studirstübchen, mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt, als sein Beichtkind athemlos hereinstürzte und ihm in abgebrochenen Sätzen von seiner Bedrängniß ein lebhaftes Bild entwarf.

Der Pfarrer winkte ihm Stillschweigen zu, als er gar nicht fertig werden konnte.

„Schon gut, schon gut, ich weiß, was Du mir sagen willst … ich habe schon seit einer Viertelstunde auf Dich gewartet!“

„Um so besser, Herr Pastor, so sei Er nur so gut und komme Er, uns aus unserer Bedrängniß zu helfen, ich will auch in meinem Leben kein Zauberbuch mehr in die Hand nehmen. Komm’ Er schnell und les’ Er das Buch zurück, sonst wird der Lieb noch zu Schanden gestoßen und der Toffel zu Brei gequetscht. Ich selber bin schon ganz contract am ganzen Körper …“

[150] „Gerechte Strafe für Deinen Vorwitz!“ warf der Pfarrer trocken hin.

„Er will uns also nicht helfen?“ heulte Lob, der die Bemerkung des Pastors anders deutete.

„O doch,“ beruhigte der Seelsorger, indem er nach seinem Stock langte, „komm’, Lob, wir wollen dem Spuk zeigen, daß wir Gewalt über ihn haben!“

Bald war man an Lob’s Hause angelangt, das Fenster stand noch auf und Pastor und Geisterbeschwörer nahmen durch dasselbe ihren Weg in das Innere, wo noch immer gekämpft wurde. „Gott sei Dank, ich komme nicht zu spät,“ sagte der Pfarrer, griff nach dem Buche und las es ohne Umstände rückwärts, worauf das Gethier, durch den Zauberspruch genöthigt, seinen Rückzug in die kupferne Ofenpfanne antrat. Elstern, Eulen, Krähen und Böcklein verschwanden allgemach, und mit dem Schlage Eins war nicht eine der Bestien mehr in der Stube. Nachdem die letzte verschwunden, legte der Pfarrer das Buch weg, mit den ernsten Worten: „Wohl Euch, daß ich noch fertig wurde! Wäre nach dem Schlage Eins noch ein einziges der höllischen Bilder hier verblieben, so hätte Euch der Böse den Hals umgedreht!“

Das klang freilich sehr schauerlich; doch die Burschen waren ja von der Gefahr befreit und schöpften wieder Athem. Der „alte Pech“ aber kanzelte sie noch tüchtig ob ihres verwegenen Beginnens herunter, und ließ sich von ihnen das Versprechen ablegen, daß sie nie wieder mit ähnlichen Dingen sich beschäftigen wollten. Die jungen Leute, die im Gefühle ihrer Rettung sonst etwas versprochen haben würden, legten das Gelübde freudig ab, und der Pfarrer verließ sie, nachdem er das Teufelsbuch an sich genommen, das seitdem für immer verschwunden ist. Die Braupfanne mit Gold ruht noch unversehrt im Falkenberge; Niemand mehr weiß den Zauberspruch, der sie aus der Tiefe hebt, und die einzige Kunde, wie dies geschehen könne, ist für alle Zeiten verloren.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . .

[151] Lob und Genossen haben ihr Versprechen redlich gehalten, und sich, in Erinnerung der grauenhaften Nacht, wo sie beinahe dem Teufel verfallen, nie mehr mit Dingen abgegeben, die dem besten Christen allenfalls den Hals und die Seligkeit kosten können. Aber alle Vier sind jung gestorben, an einem Knax, gerade nicht am Körper, aber im Herzen, und den haben sie nicht verwinden können ihr Leben lang.

Pastor Pech schlummerte am 25. April 1808 in die Geheimnisse des Jenseits hinüber. Seine Frau hatte er schon früher durch den Tod verloren. Während ihres Begräbnisses, als der Sarg schon vor der Pfarrwohnung stand, soll die Selige aus einem Fenster im ersten Stock ihrer Beerdigung zugesehen haben. Alles war erstarrt vor Erstaunen und Furcht, der Pfarrer aber, schnell gefaßt, hat ein weißes Taschentuch hervorgezogen und nach dem Fenster hinauf gewinkt, darauf ist der Schatten sogleich verschwunden.

Als Pech endlich selbst der Natur ihren Tribut bezahlte, will man, während er bestattet wurde, seine ehrwürdige Gestalt an einer Maueröffnung des Thurmes bemerkt haben. Vor seinem Tode hatte er seinen Angehörigen befohlen, einige seiner Bücher, namentlich das sechste und siebente Buch Moses, in deren Besitz er war, nach seinem Abscheiden zu verbrennen. Als dies nicht geschah, ließ sich der Geist des Pfarrers mehrmals mahnend sehen; einmal soll er sogar durch die Esse, gleich einem Sturme, eingefahren sein, worüber eine Magd bis auf den Tod erschrak und starb. Die Bücher wurden endlich vernichtet und der Spuk hörte auf.