Pomologische Monatshefte:1. Band:9. Heft:Einige nachträgliche Bemerkungen zu einigen im 5. und 6. Hefte der Monatsschrift erschienenen Aufsätzen

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Pomologische Monatshefte
Band 1, Heft 9, Seite 423–426
Johann Georg Conrad Oberdieck
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Weitere Nachricht von den Erfolgen des neuen Umpflanzens meiner jungen Obstbäume
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Kurze pomologische Bemerkungen
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Einige nachträgliche Bemerkungen zu einigen im 5. und 6. Hefte der Monatsschrift erschienenen Aufsätzen.

Seite 195 der Monatsschrift gibt auch Herr Professor Lange den schon hin und wieder ertheilten Rath, daß man, um in der Baumschule schöne, gerade Stämme auch bei solchen Obstsorten zu erhalten, die keinen starken Stamm machen, ober gern schief empor wachsen, erst einen Stamm von einer recht gerade emporwachsenden Edelsorte heranziehen, und auf diesen die weniger schlank emporwachsende Sorte zur Krone veredeln solle. Er empfiehlt zu solchen Zwischenstämmen bei den Aepfeln den Wachsapfel und Astrachanschen Sommerapfel. Wenn nun gleich diese zwei Sorten auch schlank und gut herangewachsen, so glaube ich doch mit Herrn Garten-Inspector Lucas (siehe dessen Anmerkung zu dem fraglichen Aufsatze), daß schon die Englische Winter-Goldparmäne noch schlanker und kerzengerader heranwächst, und treiben noch merklich stärker als selbst diese und eben so kerzengerade, die Röthliche Reinette, die von Burchardt erzogene Landsberger Reinette und am stärksten unter allen mir bekannten Apfelsorten Cludius’s früher Schlotterapfel, den ich deßhalb auch in meiner Schrift „Anleitung zur Kenntniß etc. des besten Obstes für das nördliche Deutschland“ vorzüglich zur Anzucht solcher Zwischenstämme empfohlen habe, und in sofern lieber dazu verwenden möchte, als es fast weh thut, einen schönen Stamm der Englischen Winter-Goldparmäne wieder abzuschneiden, um eine andere Sorte darauf zu setzen. Nöthiger als bei den Aepfeln sind solche Zwischenstämme für manche zu schwach oder gern hörnerartig wachsende Birnsorten, wozu Herr Garten-Inspector Lucas auch mehrere passende Birnsorten empfiehlt, am nöthigsten aber bei den Pflaumen, deren nicht wenige gern schief, oder knorrig oder zu schwach im Sommer heranwachsen. Unter allen mir bisher bekannten Pflaumensorten wachsen am stärksten und kerzengeradesten die Washington und eine Sorte, die ich aus Herrnhausen als Imperiale blanche erhielt, und zwar gewöhnlich äußerst voll trägt, aber auch bei voller Reife mehr schön als gut ist und nie vom Steine läßt. Ich habe aber hier im Hannover’schen auch eine schlechte, blaue Damascener Pflaume gefunden, deren Stämme etwas herangewachsen, aus der Wurzel gern viele Ausläufer machen, die in der Baumschule eben so stark und kräftig als kerzengerade in die Höhe wachsen. Ich suchte diese Ausläufer vor andern zu Unterlagen für die Pflaumen zu gewinnen, und sollten Baumschulen-Inhaber einen größern Baum dieser Sorte bloß der Ausläufer willen sich halten, um diese demnächst zur Krone zu veredeln. Ich habe in meiner hiesigen Pflanzung mehrere [424] Stämme angesetzt, die diese Sorte zur Unterlage haben, und sind die heranwachsenden Stämme in der Baumschule unter allen andern gleich kenntlich.

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Seite 198 ist vom Herrn Gutsbesitzer Hoverbeck in Queetz auf die wichtige Regel aufmerksam gemacht, daß man, um kräftige, starke Stämme heranzuziehen, bei vielen Sorten das Leitreis jährlich etwas zurückschneiden soll. Er empfiehlt, über dem obersten Auge, welches den Stamm weiter verlängern soll, einen Zapfen des bisherigen Stammtriebes von 3 Zoll Länge stehen zu lassen, dem man alle Augen nimmt, um an diesen das neue Leitreis später anzubinden, damit es gehörig gerade in die Höhe wachse. Ich wollte dazu nur bemerken, daß ich, auch ohne stehen gelassenen Zapfen meistens ganz denselben, ja oft noch größern Erfolg erzielt habe, wenn ich sehr scharf über dem Auge schnitt, welches die Fortsetzung des Stammes bilden sollte, und die Wunde dann mit Baumwachs gut bestreichen ließ, wodurch verhütet wird, daß nicht das oberste Auge im Wuchse stehen bleibt, und das nächste zu treiben anfängt. Bei manchen Sorten, die gern ihre Zweige in stumpfen Winkeln austreiben, steht, wenn man einen Zapfen stehen läßt, der neu entstandene Leittrieb doch oft so stark vom Stamme ab, daß es nachher nicht gut angeht, ihn anzubinden, ohne daß eine merkliche Krümmung bleibt, während selbst diejenigen Sorten, die gern in stumpfen Winkeln austreiben, gerade in die Höhe wachsen, wenn das oberste Auge keinen Zweigstumpf neben sich stehen hat. Zur stärkeren Entwicklung des stehengelassenen obersten Auges trägt es wesentlich bei, wenn man gleich beim Schnitt unter ihm mehrere Augen zerstört, die sonst gern den Saft an sich reißen, und habe ich dieß gern bei allen Stämmen thun lassen (vorzüglich Kirschen und Pflaumen), die ich nicht stützen wollte, und deren oberstes Auge ich nach dem Winter gesund fand, indem sehr nahe bei dem Auge der Spitze des vorigjährigen Triebes sich gewöhnlich ein Quirl vieler seitlicher Augen findet, die, wenn sie nicht im ersten Ausbrechen weggenommen werden, das mittelste Auge, aus der Spitze überwachsen und ihm den Saft nehmen.

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Seite 260 der Monatsschrift werden nicht unwichtige Bedenken gegen die Untauglichkeit des Mahalebstammes als Unterlage für die Kirschen mitgetheilt. Es wäre zu wünschen, daß in der Mittheilung noch etwas mehr über die Beschaffenheit des Bodens gesagt wäre, oder nachträglich noch mitgetheilt würde, in welchen die auf Mahaleb veredelten Stämme von Süßkirschen bald verdarben, indem noch zu wenige Beobachtungen bekannt sind, für welchen Boden eigentlich die Veredlung dieser Kirschen auf Mahalebstämme räthlich ist, die für jeden Boden, wo die Kirsche an sich gedeiht, gänzlich unnöthig und überflüssig erscheint. Wie ich glaube, ist ursprünglich angegeben, daß man für feuchten Boden, in dem die Süßkirsche nicht fortkomme, sich der Unterlage des Mahalebstammes bedienen solle, und sprechen meine bisherigen Beobachtungen, freilich nur an wenigen Mahalebstämmen gewonnen, auch dafür, daß diese in feuchtem Boden weit besser gedeihen, als in häufig zu trockenem. In Nienburg konnte ich namentlich beobachten, daß ein mitgenommener, in dem feuchteren Sulingen fruchtbarer Mahalebstamm zwar noch gut wuchs, doch in vierzehn Jahren bei jährlichem reichlichen Blühen nie wieder eine Frucht ansetzte. Später meine ich irgendwo gelesen zu haben, daß man sich für Kirschenpflanzungen [425] auf steinigen Bergabhängen mit wenig tiefem Boden der Mahaleb-Unterlage für die Kirschen bedienen solle; daß der Boden, in welchem, nach der Mittheilung, die auf Mahaleb veredelten Kirschstämme eingingen, ein magerer, häufig zu trockener gewesen sein möge, möchte ich aus der Erwähnung schließen, daß die absterbenden, herausgenommenen Stämme nur einzelne in die Tiefe gehende Wurzeln gemacht gehabt hatten. Wenigstens beobachtete ich dieselbe Erscheinung an ein paar Hundert jungen Kirschenwildlingen (vorzüglich Süßkirschen), die ich bei meiner Versetzung nach Nienburg in dem sandigeren Garten vor der Stadt auf dem höheren, trockeneren Theil dieses Gartens, der durch den Cichorienbau ganz ausgesogen war, gepflanzt hatte. Diese früher kräftigen Wildlinge starben mir in drei Jahren nach und nach ab, ohne im Geringsten zu wachsen, und bei dem Wegräumen einzelner noch lebender, fand ich auch, daß sie einzelne dünne Wurzeln 2–3 Fuß lang in die Tiefe gemacht hatten, offenbar im Suchen nach Nahrung und Feuchtigkeit, die ihnen in der obern Bodenschicht abging. – Daß die Mahalebkirsche an sich, und ohne für sie unpassenden Boden empfindlicher für den Frost sein sollte, als die Kirsche selbst, wie die Mittheilung annimmt, möchte ich, da die Kirsche eine südlichere Abstammung hat, als der Mahalebstamm, und nach meinen bisherigen Erfahrungen an drei größeren Mahalebstämmen, die sowohl in Sulingen, als Nienburg in zwei Wintern unbeschädigt blieben, in denen die Obstbäume und auch die Kirschen litten, kaum glauben. Es fehlen aber über diesen Punkt, und über die Anwendbarkeit des Mahalebstammes, als Unterlage für die Kirschen, noch allseitigere Beobachtungen, da solche Anzucht der Kirschen noch neu ist, und wird Jeder, der genaue und mit Umsicht gemachte Beobachtungen über diesen Punkt mittheilen kann, dem pomologischen Publikum gewiß einen Dienst erzeigen.

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Seite 279 der Monatsschrift wird aus der Thüringischen Gartenzeitung referirt, daß Herr Hofgärtner Jäger für unsere nördlicheren Gegenden, um volltragende Obstbäume zu haben, anrathe, hauptsächlich spätblühende Obstarten zu pflanzen, da die früh blühenden von Frösten zu leicht litten. Ich glaube, daß dieser Rath doch nur für diejenigen Gegenden paßt, die wegen Nähe von Gebirgen im Mai noch häufiger an merklichen Nachtfrösten leiden, und daß in manchen ebeneren Gegenden, wie z. B. im Hannover’schen, von heißen Tagen im Mai und Juni, ehe die jungen Früchte eine gewisse Größe erlangt haben, wohl eben so viel und mehr Gefahr für den Obstertrag zu besorgen sei, als von Frösten in und nach der Blüthe der Obstbäume, von denen ich merklicheren Schaden hier in circa 25 Jahren, wo ich darauf achtete, nur zwei Mal 1854 und 1831 wahrgenommen habe, während es nicht selten vorkam, daß der reichste Ansatz junger Früchte durch heiße Tage im Mai und Juni zum Theil oder, je nach den Sorten, auch ganz zerstört wurde. Noch im laufenden Jahre konnte man wieder diese Beobachtung machen, wo die Obstbäume später als je blühten, Kirschen um den 15. Mai, Aepfel erst Ende Mai. Der Fruchtansatz bei allen Bäumen, die reichlich geblüht hatten, war anfangs ein sehr reicher; aber drei heiße Tage um die Mitte des Juni, obwohl diese noch nicht einmal trockene Hitze und mehr als 21° Reaumur Wärme[WS 1] mit sich brachten und hinreichende Feuchtigkeit im Boden vorhanden war, haben ganz außerordentlich viel junges Obst von den [426] Bäumen herabgebracht, so daß manche Sorten nichts, oder nur sehr wenig behalten haben, wenn gleich im Allgemeinen die Obsternte noch eine gute sein wird. Es verloren z. B. Pariser Rambour-Reinette, Aechter rother Winter-Calvill, Weißer Winter-Calvill, die zahlreich ansetzten, Alles; Englische rothe Limonien-Reinette, Gestreifter rother Herbst-Calvill, Carmeliter Reinette etc., Sommer-Dechantsbirn fast Alles, während Reinette von Orleans, Königin Louisenapfel, Charlamowsky, Virginischer Sommer-Rosenapfel, Englischer Goldpepping, Downtons-Pepping und andere noch voll sitzen. Ich habe in Nienburg eine Reihe von Jahren mir beim Durchgehen der Probebäume aufgezeichnet, welche Sorten nach reicher Blüthe voll angesetzt hatten und welche unter diesen, in Folge von eintretender Hitze, den größeren Theil der angesetzten Frucht, oder nicht selten selbst alle, wieder verloren. Die Resultate zusammen zu stellen, die, bei nur flüchtig niedergeschriebenen, nachher nicht gleich übersichtlicher zusammengestellten Notizen, nach Jahren sich etwas wieder verdunkeln, fand ich noch nicht Gelegenheit, gerade specieller auf die spätblühenden Sorten, namentlich die sogenannten Siebenschläfer unter den Aepfeln mein Augenmerk in der hier fraglichen Hinsicht zu richten, und weiß hier nur so viel zu sagen, daß die einzelnen Sorten, sowohl in Empfindlichkeit gegen den Frost als gegen Hitze sehr verschieden sind. Wir werden daher auch hier zunächst speciellere Beobachtungen über die einzelnen Sorten zu gewinnen suchen müssen, und wären solche in’s Einzelne gehende Beobachtungen und Aufzeichnungen, zu denen beamtete Männer, die sich mit Pomologie mehr nur zur Erholung beschäftigen, selten die ausreichende Zeit finden werden, eine besonders wichtige Aufgabe für die Aufseher der von mir öfter dringend gewünschten pomologischen Gärten. Eine längere Reihe von Jahren mit Sorgfalt fortgesetzt, würden solche Beobachtungen ganz bedeutende Resultate für den Obstbau haben, und in gar manchen Fragen uns entschiedener machen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. = 26,25°C