Portraits vom französischem Parlament

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Autor: Gottlieb Ritter
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Titel: Portraits vom französischem Parlament
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, 44, S. 566-568, 724-727
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Portraits vom französischen Parlament.
1. Die Abgeordnetenkammer.

Das lehrreichste Haus von Paris ist ohne Frage der moderne Griechentempel, der mit seiner giebelgekrönten Säulenfront am Ufer der Seine und just dem Platze gegenüber steht, wo Ludwig der Sechszehnte hingerichtet wurde. Mancher Bau mag älter und schöner sein, aber dieser da hat Geschichte gemacht.

Vom Duodi, dem zweiten Pluviose des Jahres VI (Sonntag, 21. Januar 1798) an hat sich hier fast die ganze revolutionäre Aera Frankreichs abgespielt. Hier wurden Verfassungen gegeben und umgestürzt; hier berieth man das vollständigste Gesetzbuch seit der Römerzeit und tagten die Repräsentanten von neun verschiedenen Regierungen, von deren Häuptern einzig Ludwig der Achtzehnte im Vollbesitze der Macht gestorben ist. Die classische Freitreppe wurde nur einmal, aber von einem Riesen überschritten, von Napoleon dem Ersten, der zur Eröffnung des Gesetzgebenden Körpers kam. Zwei Kaiser und drei Könige hielten hier ihre Thronreden, und drei Revolutionen trieben die Erwählten des Volkes aus einander.

Nach dem letzten Sturme von 1870 glich das Haus neun Jahre lang einem Sarkophage; denn die Vertreter Frankreichs tagten unterdessen in Versailles, ohne daß die Atmosphäre dieser Königsstadt, wie die Gegner der Republik ohne Zweifel gehofft, sie hätte umstimmen können. Erst nach der reactionären Verschwörung von 1873, wo die Wiederherstellung der Monarchie blos an der Principientreue des „legitimen“ Kronprätendenten (Graf von Chambord) scheiterte, und nach dem 16. Mai 1877, als der Präsident Mac Mahon vor dem schon eingeleiteten Staatsstreiche zurückschreckte, zog die nationale Souverainetät am 27. November 1879 still und ohne den unter monarchischem Regiment üblichen Pomp wieder in die Hauptstadt des Landes ein.

Der neue Sitzungssaal bildet einen Halbkreis, worin die Bänke der Abgeordneten fächerartig aufgestellt sind; die Sitze sind schmal und die Gänge dazwischen eng. Man merkt, daß der Architekt, welcher statt der 429 Mitglieder und 483 Zuschauer des kaiserlichen Gesetzgebenden Körpers nunmehr 563 Deputirte und 700 Gallerienbesucher unterzubringen hatte, gewaltig in die Enge kam, wenn er die Grundmauern nicht erweitern wollte. Vor dem goldbeschlagenen Präsidentenstuhl, doch einige Stufen niedriger, stehen die Sitze der acht Secretäre und die Rednerbühne mit dem schönen Basrelief der Geschichte, das von der Tribüne von 1798 herrührt. Darüber schaut Rafael’s „Schule von Athen“ in prachtvoller Tapetenwirkerei zwischen den Standbildern der Ordnung und Freiheit hoch herab von der Wand und bildet einen angenehmen Gegensatz zur rothsammetenen Draperie des Saales. An den Wänden des Halbkreises entlang läuft ein stilvoller Säulengang von weißem Marmor, der zwischen sich auf zwei Stockwerken die diplomatischen und gemeinderäthlichen Logen die Damengallerie, die Journalistenpferche und die Räume für das große Publicum hat.

Von den Mitgliedern des sogenannten „Bureaus“, das aus dem Vorsitzenden, vier Vicepräsidenten, acht Secretären und drei Quästoren besteht, gebührt Leon Gambetta in seiner Eigenschaft als Präsident der Kammer auch hier die erste Stelle. Er ist in den letzten Jahren alt, dick und elegant geworden. Seine langen pomadeglänzenden Haare, die an der Stirn und auf dem Wirbel einem schüchternen Mondschein Platz machen, spielen leicht in’s Graue. Sein Gang wird in Folge seines stets kecker vorspringenden Schmerbauches bedächtiger, mühsamer, doch auch gravitätischer. Er präsidirt weniger kühl, methodisch und correct, als sein Vorgänger Grévy, das jetzige Staatsoberhaupt, ist aber doch mit durchgängigem Erfolge bemüht, sein südliches Temperament zu bemeistern und über den Parteien zu stehen. Freilich, wenn die Lärmer von der Rechten einen Tumult in Scene setzen, bricht manchmal die ganze vulcanische Natur des Genuesers hervor. Dann verliert er das Gefühl seiner Würde; all sein dickes Blut schießt ihm in den Kopf; die innere Gluth scheint durch sein gläsernes Auge zu leuchten; die Wildheit, mit der er sein Lineal schwingt, erinnert plötzlich an den Bierbankpolitiker vom Café Procope, und seine Stimme, die in guten Stunden erquickenden Wohllaut und hinreißende Kraft entfaltet, gurgelt wüste und rauhe Töne hervor, womit er seine Gegner in noch größere Wuth versetzt. Immerhin steht er als Redner wie als Vorsitzender thurmhoch über seinen vier Stellvertretern, dem charakterfesten, feurigen Brisson, dem eleganten Vertheidiger Bethmont, dem energielosen Legitimisten Grafen Durfort de Sivrac und dem pedantischen Sénard, der an die Stelle des zum algerischen Generalgonveneur ernannten Albert Grévy, Bruder des ersten Präsidenten, gewählt worden ist. Dieser gesammte Vorstand hat seine liebe Noth, die französisch lebhaften Gemüther zu regieren. Die silberne Präsidentenglocke, ein Geschenk Napoleon’s des Dritten, läutet manchmal unterbrochen den halben Tag lang, und die bewehrten Saalpolizisten rufen sich heiser mit ihrer höflichen, aber eindringlichen Ermahnung:

„Silence, Messieurs, faites silence, s’il vous plaît!“

Verlorene Liebesmühe! Die Privatunterhaltung und die freilich auf dem dicken Fußteppich geräuschlosen, aber doch nicht weniger störenden Spaziergänge dauern lustig fort. Nur wenn ein beliebter und einflußreicher Parteigänger die Tribüne besteigt, giebt es einigermaßen Ruhe; allein die Plauderei macht alsdann meist den tobenden Aeußerungen des Lobes oder Tadels Platz. Diese berechtigte Eigenthümlichkeit französischer Versammlungen ist guten Rednern nicht selten so erwünscht, daß sie sie gewaltsam herausfordern und auf der Stelle beantworten. Einige Leisesprecher haben sogar bestellte Helfershelfer, welche die fehlende Aufmerksamkeit durch eine heftige Unterbrechung zu erregen suchen, während Anfänger, die sich in ihrem Periodenbau verirren, nach der rechten Seite hin blos Napoleon’s Staatsstreich oder nach links die Proclamation der Republik ein Verbrechen zu nennen brauchen, um augenblicklich einen Tumult heraufzubeschwören, welcher den ehrenvollen Rückzug und die stolze Erklärung ermöglicht:

„Ich constatire, daß die Tribüne nicht frei ist, und verzichte auf’s Wort.“

[567] Besonders groß im Scandalmachen ist der Journalist Paul de Cassagnac, ein gewandter Klopffechter mit Feder, Wort und Degen. Er hat eine unsagbar verächtliche Art, seine hohnvollen Reden mit einer Bewegung des rechten Armes zu begleiten, als wollte er jede Phrase, sobald sie gesprochen, wie eine Hand voll Koth der Linken entgegenschleudern. Ist er zu Ende, so stürmt er von der Bühne herunter, provocirt vielleicht zu alten Duellen noch ein neues, hält wohl auch zur Abwechslung den Ministern die Faust unter die Nase und organisirt ein bonapartistisches Concert, das in der Nachahmung von Katzen-, Esel- und Hundestimmen sowie in der geschickten Handhabung von Falzbeinen und Pultdeckeln eine seltene Virtuosität erreicht. Eine Zeitlang wurden solche Ruhestörungen von der reactionären Minorität systematisch und offenbar in der Absicht betrieben jede fruchtbringende Thätigkeit zu verhindern und die republikanische Kammer in der Achtung des Landes herabzusetzen. Man wußte sich jedoch durch parlamentarische Polizeiparagraphen zu helfen. Ein sogenanntes „Kleines Local“ wurde als Arrestzimmer eingerichtet und die unanständigsten Heulmeier, wie kürzlich der Pariser Abgeordnete Godelle, zeitweise ausgeschlossen. Seither wurde der „polnische Reichstag“ wenigstens zu einem französischen, aber auch das ist manchmal noch zu viel.

Derlei Vorgänge rauben natürlich dem monarchistischen Anhange die Achtung des Landes, deren die arg zersplitterte bonapartistische Partei, wo das Schisma in der Dynastie selbstverständlich nachwirken muß, am dringendsten bedarf. Hier wie dort fehlt es an einem unbestrittenen Haupte. Einige halten zu „Plonplon“, Andere zu seinem ältesten Sohne, und der Rest erkennt den Cardinal Lucian oder seinen Bruder, Prinzen Charles, als Chef der Familie an. Von den fünfzig Senatoren und neunzig Abgeordneten sind aber Baron Haußmann und Rouher die einzigen Autoritäten und auch die alten Nebenbuhler geblieben. Namentlich Letzterer, der ehemalige Vicekaiser, hat kürzlich wieder in seiner großen Rede zu Gunsten des Freihandels bewiesen, daß er im französischen Parlamente noch immer „der erste Tenor“ oder wenigstens einer der ersten ist. Da er jedoch mit dem Prinzen Jérome seit Jahrzehnten gründlich zerfallen ist und nur noch Bonapartismus ohne Bonaparte, das heißt mit Ausschluß aller dynastischen Fragen treibt, so entbehre seine Politik des Haltes, wie seine Beredsamkeit der Wirkung, obgleich er von dem talentvollen Jolibois, seinem ehemaligen Geheimagenten Gavini und den wilden Corsicanern Abbatucci, Casabianca, Cunéo d’Ornanound dem jüngst gemaßregelten Arrighi de Casanova Herzog von Padua secundirt wird.

Schlimmer steht es mit der Vertretung des Königthums, obgleich Orleanisten und Legitimisten jetzt brüderlich vereinigt scheinen. Eine rein ultramontane Fraction, welche die ausschließlichen Interessen des Papstthums vertritt, fehlt in der Kammer gänzlich, doch ist vor Kurzem der elsässische Preußenfeind Freppel, Bischof von Angers, gewählt worden, dessen bekanntes schroffes Wesen der jesuitischen Sache aber nur schaden dürfte.

Vorläufig liegt der Schwerpunkt der reactionären Opposition im Senate, und wenn dieser nicht ab und zu sein Vetorecht ausüben würde, so lägen die Geschicke Frankreichs ganz in der Hand der republikanischen Kammermehrheit, die ebenfalls in verschiedene Gruppen zerfällt. Die Staatsverwaltung wurde bisher aus dem liberal-conservativen Centrum gewählt, woraus hervorragende Talente wie der geschäftskundige Dufaure, der unzuverlässige Jules Simon, der ehemalige Orleanist Say, Léon Renaut, Cochery und Andere an’s Ruder gelangten. Jetzt hat sich das Uebergewicht mehr nach links und der größten Gruppe zugewendet, die man officiell den Opportunismus nennt, weil er jahrelang eine gemäßigte und schmiegsame Gelegenheitspolitik verfolgte. Ironisch heißt man sie auch die „Partei Gambetta“ und zwar mit vollkommenem Rechte; denn der Kammerpräsident steht rathend und befehlend hinter den Ministern und Deputirten. Die ganze jüngste Politik Frankreichs ist die Ausführung seines am 19. September 1878 in Romans aufgestellten Programms. Zuerst erfolgte die Reinigung der Armee und Verwaltung von allen der Republik feindlichen Elementen, was um so wichtiger ist, als noch vor Kurzem die Obercommandos und höchste Richterstellen im Besitze widerspenstiger Bonapartisten waren. Hierauf gewann man sich die Sympathie der Mittelclassen durch die Conversion der fünfprocentigen Rente, und endlich wurde der Kampf gegen die staatlich nicht anerkannten Congregationen und die Verpfaffung der Volksschule und Universität eröffnet. Kurz, Gambetta selbst inspirirt den gegenwärtigen Conseilpräsidenten de Freycinet – unter Napoleon dem Dritten officieller Candidat für den Gesetzgebenden Körper! – und namentlich den energischen Unterrichtsminister Ferry.

Jules Ferry ist ein breitschulteriger, muskulöser Sohn der Vogesen mit langer Schnüffelnase und sinnlich aufgeworfenen Lippen. Haar und Bart schillern schon in’s Graue. Verläßlicher als an dem nach französischer Advocatenart wegrafirten Schnurrbarte erkennt man den ehemaligen Sachwalter an seiner Beredsamkeit und seiner vom Talar herrührenden Gewohnheit, in der Hitze des Wortkampfes die Aermel zurückzustreichen. Leider hat er wenig echt parlamentarische Rednergabe, die zu erwärmen und zu überzeugen versteht; er plaidirt mit erstaunlicher Gewandtheit, aber er plaidirt eben nur. Es kommt ihm deshalb sehr zu Statten, daß er von dem kenntnißreichen Camille Sée, vom gelehrten Jesuitenfeinde Professor Paul Bert, vom buckligen Apostel der Ehescheidung Alfred Raguet, von Charles Floquet, dem heißblütigen Pyrenäer, der 1867 bei einem Besuche des Kaisers Alexander im Justizpalaste ein Hoch auf Polen ausbrachte, von dem Elsässer Dr. Bamberger, dem fleißigen Malézieux Dréo und den praktischen Geschäftsmännern Pascal Duprat und Allain-Targé besonders wirksam unterstützt wird.

Das bedachtsame liberal – conservative Centrum verhält sich freilich, zumal den anticlericalen Maßregeln gegenüber, auffallend kühl, wobei auch etwas persönliche Gereiztheit mit im Spiele sein mag, denn die sogenannten Centre-gauchers zählen mehrere republikanische Exminister, die wie Bardoux, Lepère und de Marcère gerade von der republikanischen Linken gestürzt worden sind. Eine Ausnahmestellung nimmt der hervorragende Journalist Emile de Girardin ein, der zum Dank für seine rücksichtslose Bekämpfung des 16. Mai-Attentats zum Pariser Abgeordneten an die Stelle Grévy’s gewählt wurde. Er ist mehr als ein Parteiführer; er ist eine Partei ganz allein für sich. Bald stimmt er mit der Rechten und bald mit der Linken, je nach seiner vielgestaltigen Ueberzeugung, die seit einiger Zeit wieder einmal stark in’s Monarchische sticht. Da ihm alles Rednertalent abgeht, so erscheint sein durchgeistigter Kopf mit den hermetisch verschlossenen, feinen Lippen der Napoleonslocke tief in der Stirne und dem Zwicker sattelfest auf der Nase nur selten neben dem begeisternden Glase Zuckerwasser; seine einzige Tribüne ist sein Blatt „La France“, das er täglich mit seiner schneidigen und phrasenhaften Prosa versieht. Dieser „Wilde“, der aller Parteidisciplin spottet, dürfte wohl nicht wieder gewählt werden. Auch Gambetta’s Vertrauter und Reisegefährte vom Luftballon Spuller gehört als Redacteur der „République Française“ zur Journalistik. Blaue Augen und blonder Bart verrathen seine deutsche Abstammmung, die er freilich gerne verheimlichen möchte. Sein Vater war ein nach Frankreich ausgewanderter Schwarzwälder, und darum wird Gambetta’s Freund von den reactionären Blättern spöttisch nur „le Badois“, der Badenser, genannt.

Doch vom Generalstabe des Volkstribunen hat sich eine lärmvolle Republikanerpartei abgefedert, die nach ihrem Sitz in der Kammer die äußerste Linke geheißen wird. Wenn man nach echt französischer Manier die Vorbilder für die politischen Zwerge von heute in der große Revolution sucht, so vergleicht man die Männer vom linken Centrum gerne mit den gemäßigten Feuillants, die Opportunisten mit den Girondins und die Radicalen oder Unversöhnlichen mit den Jacobinern.

Aber auch die moderne Bergpartei hat mannigfaltige Gruppen. Raguet und Floquet konnten wir bereits mit Fug unter die Gambettisten zählen. Der Abgeordnete des Seinedepartements Barodet ist schon um eine Schattirung rother, und der dunkle Ehrenmann Bonnet-Duverdier ehemals Gemeinderathspräsident von Paris und in der Kammer zur Demission gezwungen, die er schamlos wieder zurückzog, von einer gar nicht zu beschreibenden Farbe. Die namhaftesten Verfechter der vollständigen Commune-Amnestirung waren der jüngere Raspail, Madier de Montjau und Edouard Lockroy, welcher Victor Hugo’s verwittwete Schwiegertochter geheirathet hat. Aber all diese Anhänger der Pöbelherrschaft zerfallen wieder in Radicale und Socialisten, deren grundverschiedenes Endziel aus einer Vergleichung ihrer beiden Führer am klarsten hervorgehen dürfte.

Das Haupt der Unversöhnlichen, Georges Clémenceau, [568] ist eine der interessantesten Erscheinungen der Deputirtenkammer. Wenn der erst neununddreißigjährige Vertreter des Montmarte-Viertels die Tribüne besteigt, so wird es plötzlich mäuschenstill in dem menschenerfüllten Riesensaale, sobald aber die Scandalmacher ihr störendes Werk beginnen, dann bedroht er sie mit einem so schneidigen: „Sie haben nicht das Wort,“ daß sie sich am liebsten gleich unter ihre klappernden Pultdeckel verkriechen möchten. Das hagere Bleichgesicht mit den kurzgeschorenen Haaren, starken Backenknochen und phosphorescirenden Augen hat schon manchen Sturm der ganzen sich aufbäumenden Kammer bemeistert, aber weniger durch die Gewalt der Rede, als durch die der Persönlichkeit. Man erkennt an Clémenceau’s praktischem und knorrigem Wesen, daß er längere Zeit in der Union gelebt hat, aber auch sein ärztlicher Beruf verräth sich in seiner Rede; denn wenn er die socialen und politischen Schäden bloßlegt, braucht er die Feder und das Wort wie ein Scalpell. Obendrein führt er die gefürchtetste Klinge des Parlaments, und sogar dessen privilegirter Raufdegen Paul de Caffagnac duckt sich kläglich vor ihm. Clémenceau ist kein Freund gewaltsamen Umsturzes, wie sehr er nachträglich für die Commune, und die Amnestirung ihrer Mitglieder eingetreten. Sein Plan besteht vielmehr darin, die Commune zu discipliniren und mit erlaubten Mitteln zur Herrschaft zu führen. Obgleich ein Freud Gambetta’s, dem er in seinem Duell mit Fourtou als Secundant gedient, bekämpft er den jetzt am Ruder stehenden Opportunismus. Zwar greift er den Kammerpräsideten noch nicht direct an, aber an zarten Winken mit dem Zaunpfahl läßt er es nicht fehlen, wie z. B. schon bei der Wahl desselben, wo Gambetta das absolute Mehr mit nur neun Stimmen überschritt, weil die äußerste Linke ihre vierzig Zettel unbeschrieben in die Urne gelegt hatte. Von erstaunlicher Taktik sind seine Angriffe auf die Minister. Die Keulenschläge der Logik und Dolchstiche des Sarkasmus werden nicht gespart, aber er hütet sich wohl, dorthin zu treffen, wo die Wunde tödtlich wäre; denn er will ein geschwächtes Cabinet, das gleich dem Thurme von Pisa sich nach einer Seite – und zwar der seinigen – neigt und doch nicht fällt. Ebenso unterstützt er keineswegs die gemäßigten Republikaner und Reactionäre, welche Gambetta ein Portefeuille aufdrängen wollen; denn er ist fest überzeugt, daß dieser in seinem neben dem Abgeordnetenhause gelegenen prachtvollen Präsidentschaftspalaste, der Wohnung des Staatsstreichshelden Morny, alle Liebe seiner demokratischen Wähler einbüßt, ohne das ganze Vertrauen des dritten Standes zu erringen, während sich seine Adjutanten einer nach dem andern, als Minister abnützen. Erst wenn der Opportunismus verbraucht, glaubt er seine Zeit gekommen, wo es keine Bureaukratie, keinen Senat und keinen Präsidenten der Republik mehr geben soll. Der Nationalconvent wird zur obersten Macht, die Clubs gelangen wieder zum „souveränen Einfluß“, und die Commune tritt an die Stelle der administrativen Organisation. Und dann? Darauf antwortet Clémenceau wohlweislich niemals; denn er weiß zu gut, daß noch jeder Radicale einen Radicaleren gefunden hat. Bedeutsam genug heißt ja sein Nachbar: Louis Blanc.

Dieser ist noch immer der einzige hervorragende Repräsentant des revolutionären Proletariats. Man denke sich eine kaum die sprüchwörtlichen drei Käse hohen Mann, der von Weitem mit seinem bleichen glattrasirten Gesichte aber dem bis unter’s Kinn zugeknöpften schwarzen Rocke wie ein hungriger Candidat der Theologie aussieht. Erst in der Nähe wird das vermeintliche Bürschchen zu einem noch ziemlich rüstigen Greise. Seine gelblichen Hängebacken sind schlaff; die kleine Nase ist schwammig, und der weit geschlitzte Mund, den er bei jedem Worte zu einem klaffenden Viereck aufreißt, droht fortwährend ganz aus den Fugen zu gehen. Seine Reden entbehren Gambetta’s elementarer Gewalt, Rouher’s akademischer Schönheit und Clémenceau’s überzeugender Logik; sie sind im correctesten Periodenbau durchaus druckfertig und voll sorgsam auswendig gelernter Salbung. Allein dennoch elektrisirt er das Volk, wie jüngst in Marseille, wo sich die Menge vor seinen Wagen spannte, und wie damals, vor zweiunddreißig Jahren, als eine disciplinirte und zu Allem entschlossene Armee von 200,000 Arbeitern dem Agitator die Führung anbot. Seine Gewalt rührt daher, daß er voll von dem Hasse und der Leidenschaft ist, die den vierten Stand Frankreichs beseelt. Er nennt sich mit Vorliebe das „unglücklichste Kind des Volkes“, obgleich er schon in jungen Jahren weltberühmt und durch den Erlös seiner Geschichtsbücher zu bedeutendem Reichthume gelangt war. Bei Louis Blanc ist eben Alles und sogar seine tiefste Ueberzeugung Declamation, und so erklärt sich der geringe Erfolg seiner Reden im Parlamente und wahrhaft Gebildeten gegenüber. Das Volk läßt sich leichter überumpeln und bethören, namentlich die vom Elend und Alkohol aufgeregten Bewohner der Pariser Vorstädte. Und doch ist nicht zu leugnen, daß der bald siebenzigjährige Apostel des Socialismus mit seinen unpraktischen Theorien von der Organisation der Arbeit sowie durch die tolle Invasion seines Gassenheeres die zweite Republik wider Willen den „Gesellschaftsrettern“ vom Staatsstreiche in die Hände gespielt hat. Und wenn er auch gegen die Commune war, weil er den Zeitpunkt für ungünstig hielt, so ist es doch sein hohles, aber gemeinfaßliches Staats- und Gesellschaftsideal, welches das arme Volk von Belleville und der Vorstadt Saint-Antoine zur Vertheidigung der Rothen Conföderation mit Pulver und Petroleum begeisterte und verschuldete, daß die blinde Reaction nachher wieder ihr Haupt erheben konnte, um der gegenwärtigen Staatsverfassung in der Wiege den Garaus zu machen. Dies verhindert und die Sache der Freiheit durch schwere Jahre, wo die demokratische Staatsform nur dem Namen nach bestand, siegreich hindurch geführt zu haben, ist vor Allem das Verdienst des jetzigen Präsidenten der Abgeordnetenkammer. Von seiner Mäßigung hängt die Zukunft der Republik ab. Ist doch seit seiner großen Rede zu Gunsten der Amnestie sein Einfluß wie sein Ansehen in einer Weise gestiegen, daß er bereits von allen Parteien als das eigentlich leitende Haupt der französischen Nation betrachtet wird.

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2. Der Senat.


„Freiheit, Gleichheit! Brüderlichkeit!“ Diesen theoretisch so wunderschönen Wahlspruch der großen Revolution, der auf allen öffentlichen Gebäuden von Paris eingemeißelt ist, kann man auch über dem Portal von Maria’s von Medici Luxembourg-Palaste lesen, wo unter vielen Anderen auch der Vicomte von Beauharnais und seine Frau Josephine, die nachmalige Kaiserin, hinter Schloß und Riegel saßen und Camille Desmoulins, Danton, Robespierre ihr Todesurtheil empfingen, wo Napoleon und sein bedientenhafter Senat walteten und später die Pairskammer über den Marschall Ney, die Minister Karl’s des Zehnten, die Attentäter Fieschi, Boireau und Consorten, den Putschversucher Prinzen Louis Napoleon und Andere so lange vor Gericht hielt, bis eine neue Revolution sie auseinander jagte. Hier zog auch am 27. November 1879 der Senat der dritten Republik aus Versailles ein. Möge er die Inschrift des Hauses besser beherzigen, als die früheren Bewohner!

Der Sitzungssaal enthält die fächerförmig aufgestellten Bänke der dreihundert Senatoren. In einer Nische steht vor edlen Marmorsäulen das Podium der Präsidenten, der Secretäre und Redner. Die Beleuchtung geschieht durch elektrische Kerzen, und es ist ein schöner Anblick, wenn die ernsten Standbilder Karl’s des Großen, den die Franzosen bekanntlich zu ihren Fürsten zählen, Turgot’s, Colbert’s und des muthigen Malesherbes von ihrem scharfen Lichte überfluthet werden.

Dem Besucher fällt wohl zuerst die Menschenleere der Zuschauerräume auf. Nur die Berichterstatter größerer Tagesblätter und wenige Vergnügungsreisende, welche den Luxembourg der berühmten Kunstsammlung halber betreten und nun auch gleich eine Sitzung des Senats „mitnehmen“, sind in den Logen zu sehen. Die Stammgäste, deren die Gallerie des Deputirtensaales so viele zählt, mangeln hier ganz. Diese Gleichgültigkeit des Publicums ist schon durch den Charakter des Oberhauses bedingt! Während die aus dem allgemeinen Stimmrecht hervorgehende Abgeordnetenkammer im Uhrwerk der französischen Staatsmaschine die Unruh vorstellt, vertritt der Senat mit seinen theils von der Nationalversammlung, theils von den Gemeinden auf drei, sechs, neun Jahre oder als „unabsetzbar“ gewählten Mitgliedern das Princip der Controle, des Stillstandes oder gar des Rückschrittes. Schon ein Niederblick aus der Vogelschau des Journalistenverschlages erklärt die überbedächtigen Tendenzen der Honorabeln. So weit das Auge reicht, sieht man nichts als speckglänzende „Billardkugeln“, wie der Pariser die Kahlköpfe nennt. Es sind ja meist alte Herren, und wenn auch einer die gesetzlich erforderten vierzig Lebensjahre kaum überschritten hat, so ist er doch ehrlich bestrebt, sich eine mehr oder minder imposante Glatze anzuschaffen, die nun einmal zur Senatorentoilette zu gehören scheint, wie die Tonsur zum katholischen Priester. Und wie leise, langsam und höflich sind die Ehrenwerthen! Während es in der Kammer wie aus der Tiefe eines Hexenkessels brodelt und braust und zischt, ist hier über all den kahlen Gipfeln Ruh’. Mechanisch greift der Vorsitzende ab und zu an die Glocke und klingelt schüchtern und verschämt, als wolle er um Verzeihung bitten, daß er so frei sei, die unverbrüchliche Stille zu unterbrechen, und fällt ja einmal ein lautes Wort in dieser edlen Zunft der Leiseredner und Leisetreter, so betrachtet man den tollkühnen Störenfried wie einen Rasenden. Man zaubere nur durch ein magisches Mittel oder ein Wahlmanöver die paar relativ jugendlichen Senatoren de Gavardie von der Rechten und Testelin und Tolain von der Linken hinweg, und man wird sich beinah in einer Kirche glauben. So war es wenigstens unter dem letzten Präsidenten, dem immer kränkelnden Martel, und seinem Stellvertreter, Grafen Rampon. Vielleicht ändert sich das unter seinem Nachfolger, dem ehemaligen Seinepräfecten und Finanzminister Léon Say, der jüngst vom kaum angetretenen Londoner Botschaftsposten hinweg zum Vorsitzenden des Senats ernannt worden ist. Der verführerische, vielgewandte Staatsmann dürfte sich zum Präsidenten trefflich eignen, obgleich der Schwerpunkt seiner eigentlichen Begabung auf finanziellem Gebiete liegt. Als Redner folgt er offenbar englischen Mustern. Er ergreift das Wort nur, wenn er wirklich etwas zu sagen hat, und plaudert lebhaft und munter stets zur Sache, namentlich gern in sprechenden Ziffern. Ohne Zweifel denkt er auch in Zahlen. Er ist die fleischgewordene Algebra. Durch die Weigerung, seine Partei des linken Centrums mit den Monarchisten zur Krönung des Grafen Chambord zu vereinigen, hat er der Republik einen Dienst geleistet, den sie ihm nicht vergessen wird.

Aber auch um seines reactionären Uebergewichtes willen hat der Senat die Erbschaft der verhaßten Pairskammer angetreten. Bis zu den Februarwahlen 1876 war die große Mehrheit entschieden monarchistisch und ultramontan, und nur so ist es möglich, daß der letzte Sprosse der älteren bourbonischen Linie drei Jahre zuvor nach Versailles kommen konnte, um mit den Repräsentanten einer Republik über seine Thronbesteigung zu unterhandeln. Erst durch den Uebertritt einiger Orleanisten zur Linken wurde das unleidliche Provisorium beseitigt und die Verfassung vom 25. Februar 1875 mit einer ganzen Stimme Mehrheit angenommen. Auf solche Weise gelangte der Urheber dieses noch zu Recht bestehendem flüchtigen Machwerkes, der reactionäre Professor Wallon, zum unverhofften Namen eines „Vaters der Republik“. Weß Geistes Kind er aber ist, bewies er als Unterrichtsminister, der die Gründung katholischer Universitäten unterstützte. Als Redner zeigt er noch heute eine Gründlichkeit, die ihn z. B. bei Verhandlungen über erbrechtliche Fragen immer mit Esau’s Linsengericht beginnen läßt, und als Schriftsteller bringt er es über geistige Dürre und sitzlederne Beschränktheit nie hinaus, wie sein Buch über Jeanne d’ Arc beweist. Auch sein nicht weniger unbedeutender Gesinnungsgenosse Charles Chesnelong, der „Senator des Syllabus“, wie er sich gerne nennt, gehört zum reactionären Triumvirat, dessen Führer, der Herzog Albert de Broglie, unstreitig eine interessante, aber nichts weniger als anmuthende Figur im französischen Parteileben ist.

Der heute fast fünfzigjährige Herzog war bis zum deutsch-französischen Kriege als wortreicher Vertheidiger der blindreactionären Interessen nur aus monarchistischen Blättern und aus der Akademie bekannt. Erst nach dem Sturze des Kaiserreiches, das ihn von allen öffentlichen Angelegenheiten fern gehalten, drängte ihn der lange niedergekämpfte Ehrgeiz auf die politische Bühne. Broglie ist der Meister der Verwickelung, ein diplomatischer Intriguant, ein schleichender Dunkelmann, der alle Wässerchen trübt, um darin zu fischen. Er war es vorzüglich, der die reactionäre Coalition zum Sturze Thiers’ zusammen brachte, und wenn Chambord’s Krönung und Mac Mahon’s Staatsstreichversuch am 16. Mai 1877 mißlangen, so ist es wahrhaftig nicht seine Schuld. Ein vortrefflicher Plauderer, spielt der mittelgroße, hagere Cavalier mit dem glattrasirten, gelben Gesicht und seinem stets ausweichenden Blicke, dessen trotzige Falschheit ein ewiges Lächeln versüßen möchte, auf der Rednertribüne doch eine sehr klägliche Rolle. Zwar sind seine Ansprachen formell tadellos, im Ausdruck gewählt und voller Epigramme, die gleichsam an die unscheinbaren, aber tiefen Stiletstiche seiner italienischen Heimath gemahnen, aber der von automatischen Armbewegungen begleitete leise Vortrag verdirbt die besten Absichten. Sein Organ ist ein spitziges und so dünnes Falsett, daß es in der lärmvollen Kammer geradezu unverständlich war und sogar im höflicheren Senate die Worte nur errathen läßt. Gewöhnlich glaubt man gegen das Ende der Perioden, das Flüsterconcert werde sich bis zum gravitätischen Wohlklang erheben, aber gerade jetzt klopft der Redner auf den marmornen Tisch oder auf seine dort zerstreut liegenden Notizen und Acten, und die ungeduldig erwartete Pointe verliert sich spurlos im leisen Geräusch. Es ist ein polizeiwidriger Musikversuch, ein 16. Mai in Tönen! . . .

Von den übrigen Vertretern der Opposition nennen wir einzig noch den vorletzten Präsidenten des Senats, den Herzog d’Audiffret-Pasquier. Auch er gehört zu den zahlreichen Royalisten, welche nur deshalb für die Republik stimmten, weil sie in ihr einen kurzen Uebergang zur Monarchie sahen. Sein heftiger und herrischer Charakter machte ihn wenig zum Vorsitze geeignet, doch hat er eine gewisse Schlauheit, die ihn stets verhindert, sich ernsthaft zu compromittiren. So trat er noch rechtzeitig von der Mai-Verschwörung zurück und verwahrte sich gegen jeden Gewaltact. „Ich hasse Euch seit zwanzig Jahren!“ rief er vom

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Die Gartenlaube (1880) b 725.jpg

Schneiderbude in Venedig. Originalzeichnung von Eug. Blaas.

[726] Präsidentenstuhle den Bonapartisten zu. Womöglich noch weniger paßt er auf den Fauteuil der Akademie, die ihn verflossenen Februar zu den Ihrigen ernannte. Für welche Verdienste? Doch nicht zur Belohnung seines politischen Dilettantismus oder seiner fragwürdigem Redekunst oder seiner schriftstellerischen Thätigkeit, die sich jeder Inventur entzieht? Aber der Herzog ist von hohem Adel, elegant und hat einen hübschen, energischen Kopf, und das befähigt ihn ja vortrefflich, unter den vierzig „Unsterblichen“ – Decoration zu spielen.

Viel kritischer und ebenso schlimm, wie in der Kammer, steht es im Senat mit der bonapartistischen Partei, die hier nur schlechte Politiker und Phrasendrescher zählt. Höchstens General Canrobert spricht mit einer Gewandtheit, die bei einem Soldaten doppelt verwundern muß; doch hat sein erst nach dreißig Jahren angestellter Versuch einer Reinigung von der Blutschuld, beim Staatsstreiche 1851 die Metzelei auf dem Boulevard Montmartre commandirt zu haben, die Monarchisten ungemein verletzt, ohne die Republikaner zu überzeugen. Im Uebrigen sticht seine offene Physiognomie und sein naiv klingender Auvergnatenaccent von dem Wesen der trockenen Schleicher Wallon, Broglie und Chesnelong erquickend ab. In Civil sieht er sogar wie ein englischer Specereihändler aus; vielleicht hat ihn die Londoner Gewürzkrämerzunft deswegen zum Ehrenmitglied ernannt.

Die überwiegend reactionäre Vertretung nahm eigentlich erst im Januar des vergangenen Jahres ein Ende, als auf fünfundsiebenzig neue Senatoren sechszig Republikaner gewählt wurden, aber daß auch dieser freisinnigen Mehrheit jede radicale Neuerung mißliebig ist, bewies die Ablehnung des Ferry’schen Schulgesetzes und die Stellung, welche der Senat in der anticlericalen Bewegung nahm. Man braucht kein Freund der rothen Partei zu sein, um die Bekämpfung, der Uebergriffe einer unduldsamen und gierigen Kirche in die staatliche Machtsphäre hinüber für aufgezwungene Nothwehr zu halten. Nur die von jesuitischem Geiste gereinigte Schule vermag ein politisch reifes Volk zu erziehen, und im Mangel an solcher Durchbildung liegt es, daß der sogenannte „Culturkampf“ selbst in vorzugsweise protestantischen Ländern kläglich im Sande verlaufen mußte. Das wissen die Pfaffen aller Bekenntnisse sehr wohl, und daher rührt ihr Haß gegen die moderne Erziehung. Diese ist dem seit neunzig Jahren in Parteikämpfen sich aufreibenden Frankreich um so nothwendiger, als besonders das destructive Proletariat dringend der gesunden Aufklärung bedarf. Je weitere Kreise der freie Volksunterricht zieht, um so unmöglicher werden die Revolutionen und um so leichter die zukünftige Lösung aller socialen Fragen. Wie kommt es nur, daß mehrere der bedeutendsten liberalen Senatoren sich dieser Wahrheit verschließen konnten und daß sogar drei berühmte Professoren von Paris, Jules Simon, Laboulaye und Littré, sich von ihren freisinnigen Principien lossagten, um die Regierungsvorlage in so heftiger Weise anzugreifen, daß deren Abweisung zuvörderst ihrem Einflusse zuzuschreiben ist?

Ja wohl, Jules Simon, der namhafte Förderer französischer Volkserziehung, der gleich nach dem Kriege einen Gesetzentwurf für den unentgeltlichen und obligatorischen Besuch der von allem clericalen Einflusse befreiten Schule vorlegte, stimmt heute gegen die souverainen Rechte des Staates im Unterrichtswesen und für die Verpfaffung der Universität, deren Zierde er gewesen ist! Unterrichtete Leute, die den ehemaligen Minister des Cultus und der Landesvertheidigung genau kennen, versichern freilich, nur ein krankhafter Ehrgeiz und seine alte Rivalität mit Gambetta, dem er 1871 die Dictatur „nöthigenfalls mit Gewalt“ abzunehmen hatte, wären an seinem Uebertritt zur Reaction schuld. Jedenfalls, ist Jules Simon ein gefährlicher Gegner, dessen außerordentlicher Rhetorik nur die Sprachgewalt Gambetta’s gewachsen ist. Sein Organ verfügt über alle Register der Leidenschaft, schmeichelt sich ein und verführt, pointirt die feinsten Schläger und entwaffnet und reißt den Gegner fort. Alle Kniffe und Pfiffe, advocatorischer Suada sind ihm geläufig, aber er vergißt doch niemals den großen Stil der öffentlichen Beredsamkeit. Wie schade, daß sein herrliches Instrument eine staatsfeindliche Weise spielt!

Er wird im Senate eifrig von einem schulmeisternden Männchen begleitet, das wie ein Quäker aussieht, jedes Wort mit einer leichten Handbewegung und jeden satirischen Hieb mit einem malitiösen Augenzwinkern begleitet und seine besten Inspirationen aus dem Glase Zuckerwasser schöpft. Wer Laboulaye's treffliche „Geschichte der Vereinigten Staaten“ und den humoristischen Roman „Paris in Amerika“ gelesen hat, wundert sich wohl nicht, warum der Begründer der rechtsgeschichtlichen Studien in Frankreich blos die Trennung von Staat und Kirche befürwortet und jede andere Maßregel gegen die clericale Landplage im Namen von Franklin und Washington verwirft. In seiner Vorliebe für die Institutionen der Union scheint er das im Lande absoluter Religionsfreiheit constatirte riesenhafte Umsichgreifen des Ultramontanismus, das kaum zu Gunsten seiner Theorie sprechen dürfte, ganz zu übersehen. Der starre Principienreiter verfolgt jedoch unentwegt sein Ziel und kehrt sich nicht im mindesten an die veränderliche Volksgunst.

Männlicher Stolz zeichnet auch den großen Sprachforscher, Arzt und Philosophen Littré aus, der bis vor Kurzem von Clericalen wie ein leibhaftiger Gottseibeiuns verflucht wurde. Der berühmte Positivist, bei dessen Wahl in die Akademie der ultramontane Heißsporn Bischof Dupanloup seinen Austritt erklärte, sieht in der Gesellschaft freilich sonderbar genug aus. Ein schönes Bild bietet der bald achtzigjährige Greis ohnehin nicht. Böse Zungen behaupten sogar, erst ein Blick in den Spiegel auf sein braunes, fast schwarzes Gesicht mit dem großen Munde, der vorstehenden Unterlippe und den unter buschigen Brauen und riesenhaften Brillengläsern versteckten Augen habe ihn zum Theoretiker der Darwin'schen Menschenabstammungslehre gemacht.

Noch stutziger kann man aber werden, wenn man den republikanischen Exminister der Justiz, den greisen Dufaure, im nämlichen Lager kämpfen sieht, und zwar nicht aus ehrgeizigen Gründen, noch mit den starren Grundsätzen der dilettantischen Politiker Laboulaye und Littré. Den originellen und ausgezeichneten Redner leitet ganz einfach das praktische Gefühl, daß der Culturkampf durch die gegenwärtige Generation und obendrein in einem gut katholischen Lande unmöglich siegreich ausgefochten werden könne. Die unter Napoleon dem Dritten und seiner spanisch bigotten Throngenossin unglaublich erstarkte Clerisei muß der jungen Republik um so verhängnißvoller werden, als das Landvolk gar leicht durch schwarze Agitatoren aufgeregt und geängstigt werden kann. Bereits hatte das Ausweisungsdecret gegen die staatlich nicht anerkannten Körperschaften die Entstehung eines rein clericalen Centrums zur Folge, womit das französische Parlament, zum Unterschiede vom deutschen Reichstage, seit langen Jahren nicht mehr heimgesucht war.

Aber noch nicht alle Kathedergrößen des Senats theilen die jesuitenfreundlichen Bedenken, so z. B. nicht der bekannte Philosoph und Secretär Thiers’ Barthélemy-Saint-Hilaire, übrigens auf der Tribüne ein ziemlich langweiliger Schulmeister, und der ehemalige Professor von Pau Challemel-Lacour, der während seiner zwanzigjährigen Verbannung in Deutschland und der Schweiz lebte. Nach Frankreich zurückgekehrt, sprang er auf das Feld der Politik und hatte sofort reichliche Gelegenheit, die von seinem Freunde Arthur Schopenhauer gelernte philosophische Resignation zu üben. Er wurde nämlich von Gambetta als Rhone-Präfect nach Lyon geschickt, als dort auch eine Commune ausbrach. Man hat immer geglaubt, daß Challemel daselbst den jacobiner Proconsul gespielt habe, und sein angeblich historisches „Erschießt mir alle diese Leute!“ wird noch heute von den Reactionären als geflügeltes Wort citirt, um furchtsame Wähler in’s Bockshorn zu jagen. In Wahrheit war aber der „moderne Robespierre“ selbst Gefangener des Lyoner Wohlfahrtstribunals, und er mußte „all diesen Leuten“ drohen, um nicht selber erschossen zu werden. Fünf Monate dauerte diese schreckliche Komödie des „Communehäuptlings wider Willen“. In den Senat gewählt, zeigte er sich als einer der gewandtesten Redner, der stets den Kern der Sache trifft und zu überzeugen versteht. Immer, wenn eine wichtige Verhandlung stattfand, kam er von Bern, als er dort Gesandter geworden, um an der Debatte oder doch am Votum theilzunehmen.

Eine nicht minder wichtige Persönlichkeit ist Victor Schölcher, der Barricadenkämpfer von 1848 und Agitator für Abschaffung der Sclaverei in den Colonien. Während des Kaiserreiches lebte er als Flüchtling in London und schrieb in englischer Sprache ein werthvolles Buch über unsern Händel, eine Huldigung, die er dem allzeit gastlichen England und wohl auch ein wenig seinem deutschen Stammlande brachte.

Den Schriftstellerkreisen gehören im Weiteren an die beiden Redacteure des „Temps“, Hébrard und Edmond Scherer, der gediegene Kritiker, und ferner der bekannte Leiter des „Journal [727] des Débats“, John Lemoinne, ein kleines, unscheinbares Männchen mit langem Gesichte und lebhaften Augen. Wie Broglie, ist auch er nur ein Salonplauderer, aber durch seine brillanten Leitartikel übt er einen größeren Einfluß, als hundert Tribünendonnerer. Ohne Zweifel ist der Journalist, dessen Mutter eine Engländerin war und der in London erzogen wurde, der Meinung jenes britischen Staatsmannes: „Ich habe manche Reden gehört; einige haben meine Ansichten beeinflußt, aber nicht eine hat mein Votum geändert.“ Um so öfter wechselte Lemoinne seine Ueberzeugungen. Ehemals liebäugelte er mit dem kaiserlichen Hofe; dann begrüßte er den Grafen Chambord enthusiastisch als Heinrich den Fünften; hierauf schlug er sich zu Mac Mahon, und endlich bekämpfte er diesen „ehrlichen Soldaten“ im Lager Gambetta’s. Ist Girardin mit seiner Ansicht, daß nur Dummköpfe immer derselben Meinung sind, im Rechte, dann hat Lemoinne jedenfalls viel, sehr viel Geist. Vor Kurzem setzte er alle Welt in Erstaunen, indem er den bereits angenommenen Brüsseler Gesandtschaftsposten nachträglich aus unbekannten Gründen ablehnte. Wie es scheint, kennt er nur den dreifachen Ehrgeiz, einer der meistbefähigten, wenn auch stillsten Senatoren, eine Zierde der Französischen Akademie und der beste Journalist von Frankreich zu sein. Nun, viele Andere würden sich damit auch begnügen.

Senator Victor Hugo ist schon ehrgeiziger, aber sein Dichterruhm leidet eher unter seinen politischen Anwandlungen. Der ehemalige Royalist ist ein nicht weniger leidenschaftlicher Republikaner geworden, aber die bloße Ueberzeugung macht den Politiker noch nicht. Bis jetzt ist der Dichter den Beweis für seinen staatsmännischen Sinn trotz aller hochtönenden Manifeste noch schuldig geblieben. Auf der Rednerbühne verfehlt er eine tiefere Wirkung, weil er keinen freien Vortrag hat, sondern alle seine hohlen Declamationen vorliest, freilich sehr theatralisch und voll schlau erklügelter Effecte, aber das Papier ist ein schlechter Wärmeleiter. Seine ganze Senatorenthätigkeit äußerte sich seither blos durch Stimmabgabe bei wichtigeren Fragen und durch alljährliche Anträge auf Generalamnestie der Mordbrenner der Commune.

Hierbei ward er namentlich von seinem radicalen Freunde, dem bekannten moralisirenden Autor und Redacteur des „Rappel“ Eugène Pelletan unterstützt, dessen düstere Prophetenmiene unter buschiger Löwenmähne ganz schauerlich zu der heiseren Grabesstimme paßt, womit er seine stets auf die Zukunft weisenden Predigten hält. Unter den gemäßigteren Liberalen findet man endlich manchen Träger eines berühmten Namens, so den talentvollen Redner Emanuel Arago, Sohn des Physikers, den gräflichen Bruder des unerreichten politischen Schriftstellers Alexis de Tocqueville, und ferner einen Enkel des Generals Lafayette.

Dies sind die Männer, die der Wille des Landes zu Rath und That in den beiden Kammern von Paris zusammengeführt hat. Es erhellt daraus, daß sich die große Mehrheit der Nation der Republik zuneigt, allein die ausschlaggebende Landbevölkerung ist und bleibt unter allen Umständen und jeder Staatsgewalt gegenüber conservativ. „Die Republik wird gemäßigt oder gar nicht sein,“ hat der kluge Thiers gesagt, und zur großen Freude ihrer Feinde ist die Regierung bald an jenem Punkt angekommen, wo schon die Girondisten umsonst gestrebt haben, den zerstörenden Mächten Halt zu gebieten. Weder das Pfaffenregiment, noch das Gottesgnadenthum des Legitimismus oder das abgewirthschaftete Bürgerkönigreich der Orléans sind die ärgsten Feinde der Republik, sondern die radicale und socialistische Revolutionspartei, welche der ängstlichen Nation stets eine solche Furcht einzuflößen pflegt, daß sie selbst einem Dictator zujubelt, welcher den sicheren Bestand der bedrohten Gesellschaft verspricht. Die Zukunft Frankreichs hängt also einzig von der Mäßigung des Opportunismus ab. Leider hat er sich der Pariser Demagogie schon zu gefügig gezeigt, um nicht ganz ihr Werkzeug zu werden; aber vielleicht rafft sich der geniale Gambetta im Augenblicke der höchsten Gefahr auf, um die einzig mögliche Republik vor ihren eigenen Anhängern zu retten, und wäre es selbst mit Waffengewalt.

Sein Liebäugeln mit dem General Marquis de Galliffet, einem der bestgehaßten Communebezwinger, scheint darauf hinzudeuten, daß er zum Kampfe gegen die Unversöhnlichen entschlossen ist. Aber wird ein neuer Barras oder Cavaignae nicht einem anderen Bonaparte den Weg bahnen? Bereits hat der einzig ernst zu nehmende Prätendent, der schlaue Prinz Jérôme Napoleon, die sattsam bekannte demokratische Maske umgehängt, womit schon zwei Bonaparte die Republik betrügen konnten. Es scheint geschrieben zu stehen, daß in unserem Nachbarlande die Freiheit zum Umsturz und Staatsstreich, die Republik zur Anarchie und endlich zum revolutionären Cäsarismus führen muß, welcher vielleicht Frankreichs sociale Ruhe und sicher die Störung des Weltfriedens bezeichnet.
Gottlieb Ritter.