RE:Cento 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band III,2 (1899), Sp. 19291932
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Cento. 1) Flickpoem (cento, griech. κέντρων, z. B. Ὁμηροκέντρων, Litteratur: A. Corp. poes. epic. ludib. ed. Brandt et Wachsmuth 1885. 1888. Kaibel Epigrammata gr. 649. 998f. 1009 adn. Anth. Pal. IX 381f. Homerici centones ed. Aldus, Ven. 1541. 1554; ed. H. Stephanus, Par. 1578. Chapelet in den Poet. Gr. Christian., Par. 1609. Teucher Lips. 1793. Centones Vergiliani u. a. in der Anthol. ed. Burmann I 14. 112. 147, ed. Riese 7-18. 686. 719. Baehrens PLM IV 14. 189. 191ff.

B. Lilius Gyraldus Poet. hist. I (1696) 47f. 3 Fabricius Bibl. Gr. I 551 Harl. II cap. 2 § 22; Bibl. lat. I 38 Ern. L. Müller De re metr.² 585f. Teuffel-Schwabe § 26, 2. B. Borgen De centonibus Hom. et Vergil., Kopenhagen 1828. F. Hasenbalg De centon. Vergil., Putbus 1846. D. Comparetti Virgilio nel’ Medio evo I² (1896) 71ff. Bursian S.-Ber. Akad. Münch. 1878 II 24ff. Baehrens Rh. Mus. XXXI 92. O. Delepierre Tableau de la littérature du centon chez les anciens et les modernes, Londres 1874f. (der erste Teil stark dilettantisch).

I. Terminologie. Zeugnisse. 1) Auson. praef. cent. nupt. p. 140 Schk.: centonem vocant qui primi hac concinnatione luserunt. Solae memoriae negotium sparsa colligere et integrare lacerata . . . Variis de locis sensibusque diersis quaedam carminis structura solidatur, in unum [versum] ut coeant auf caesi ⟨versus⟩ duo aut unus et sequens ⟨medius⟩ (suppl. Th. Mommsen) cum medio. nam duos iunctim locare ineptum est et tres una serie merae nugae. Diffinditur autem per caesuras omnes quas recipit versus heroicus, convenire ut possit aut penthemimeris cum reliquo anapaestico aut trochaice cum posteriore segmento aut septem semipedes cum anapaestico chorico aut ⟨tres semipedes et⟩ post dactylum atque semipedem quidquid restat hexametro. – 2) Hieronym. epist. 103, 7: legimus Homerocentones et Virgiliocentones. – 3) Isidor. orig. I 38, 25: centones apud grammaticos vocari solent, qui de carminibus Homeri vel Vergilii ad propria opera more centonario in unum sarciuntur corpus ad facultatem cuiusque materiae. – 4) Eustath. Il. XXIII 419 p. 1308, 60: τοιούτου δὲ κέντρου παρώνυμον καὶ οἱ κέντρωνες οἵ τε ῥαπτόμενοι καὶ οἱ γραφόμενοι, ἔτι δὲ καὶ τὸ ἐγκεντρίζειν ἐπὶ φυτῶν, ἵνα ὥσπερ ἐγκεντρίζειν ἐστὶ [1930] τὸ ... ἐμβάλλειν φυτῷ τινι κλαδίσκον ἀλλοίου φυτοῦ, οὕτω καὶ κέντρων ῥαπτὸς μέν, ᾧπερ ὡσανεὶ παρακεντοῦνται διάφοροι χροαὶ ὑφασμάτων, γραπτὸς δέ, ᾧ παρατίθενται τοιούτου παρακεντήματος δίκην μέρη ποιημάτων καὶ στίχων ἄλλοθεν ἄλλα, ὁποῖα καὶ τὰ ἐντεῦθεν κληθέντα ὁμηρόκεντρα, τουτέστιν οἱ Ὁμμηρικοὶ κέντρωνες, οἶς ὅμοιος γένοιτ’ ἂν καὶ ἑτέρων ποιητῶν, ἤδη δέ που καὶ ἐκ πεζολογιῶν, ὁποῖοι σκωφθήσονται εἶναι οἱ μὴ γεννῶτες(?) ῥητορείας οἰκείας ἀλλ’ ὡς εἰπεῖν λογοσυλλεκτάδαι ὄντες καὶ δι’ ὅλου σπερμολογοῦντες ἐν ἐγκωμίοις. –

Ähnlich 5) Eustath. zu Il. XVII 156 p. 1099, 51: οὕτω ... τὴν δημηγορίαν τοῦ Γλαύκου ὁ ποιητὴς κέντρωνος δίκην ἀπὸ ἐννοιῶν ἀλλαχοῦ ῥητεισῶν συνέρραψε, κατὰ τὰ ὕστερον ... ὁμηρόκεντρα.

6) Anthol. Pal. I 119 Inscr.: ὑπόθεσις ⟨τῶν Πατρικίου⟩ Ὁμηροκέντρων (so nach Stadtmüller, zu Ὁμηρόκεντρον; aber die Überschriften zu Anth. Pal. IX 381. 382 haben auch die Form Ὁμηροκέντρων als Nom.): Βίβλος Πατρικίου θεουδέος ἀρητῆρος, . –

7) Suid. s. κέντρων: ὁ ἐκ πολλῶν συνερραμμένος. ἐπεὶ τοιαῦτα τοῖς ὑποζυγίοις συρράπτοντες καλοῦςι κέντρωνας [= 7a Schol. Arist. Nub. 450 κέντρων δέ ἐστι τὸ ἐπισασσόμενον τοῖς ὄνοις ἐκ πολλῶν καὶ διαφόρων συρραφὲν σακκίων κτλ.] · ὡσαύτως καὶ λόγους ἐκ διαφόρων συνειλεγμένους καὶ ἕνα σκοπὸν ἀπαρτίζοντας, οἶά ἐστι τὰ Ὁμηρόκεντρα.

8) Etym. M. p. 503 κεντρῶνες κυρίως λέγονται τὰ ἐκ διαφόρων χροιῶν συνεῤῥαμμένα εἰς ἕν· οἷς ὡμοίωνταί πως Ὁμηρόκεντρα. – 9) Tzetz. Chil. VIII 118 (vgl. X 92) in einer Paraphrase von Hermogenes περὶ δεινότ. 30 (vol. III p. 436 Walz): εἰ θεὶς δὲ στίχον .. μετατρέψω τι ῥητόν, κόλλησις μὲν καὶ τότε, ἀλλὰ καὶ παρῳδία δὲ .. οἷον .. τὸ εἰς Ὁμηρόκεντρα ῥηθὲν εὐφυεστάτως σκαιῇ Παῦλον ἔχεν κτλ.

Die Bedeutungsentwicklung bei den Lexikographen (Zeugnis 3. 7f.) und Eustathios (4) ist zweifellos zutreffend: nach der aus bunten Flicken zusammengesetzten Decke oder Harlekinsjacke (vulgär-griechisch auch κέντων, κεντώνιον, κεντωνάριον, vgl. Apophth. Patr. Migne Patrol. gr. LXV 792 B. 412 D. Nil. LXXIX 626 A, lateinisch cento seit Plautus und Cato, mimi centunculus Apul. de mag. 13) wird das aus entlehnten Versen und Versteilen zusammengesetzte Gedicht benannt. Der Terminus lässt sich, trotz Ausonius Bemerkung qui primi (Zeugnis 1), über die christliche Zeit urkundlich nicht hinaus verfolgen; es ist bemerkenswert, dass ihn Tertullian (de praescr. haeret. 39) bei der Erwähnung des Hosidius Geta ebensowenig gebraucht, wie der C.-Dichter Areios bei Kaibel Epigr. 1009. In christlichen Kreisen, wo die Form durchweg ernstem Zwecke dienen sollte, ist aber der offenbar scherzhaft gemeinte Name schwerlich entstanden. Die primi, die Ausonius im Sinne hat, werden wohl hellenistische Zunftgenossen sein, die einsichtig genug waren, diese poetische Zwittergattung nicht ernst zu nehmen.

II. Zur Geschichte der Centone. Voraussetzung beim Betriebe dieser poetischen Spielerei ist die völlige Vertrautheit mit einem grossen Vorbilde, wie Homer oder Virgil, Hesiod oder Ovid. Ihre ersten Anfänge werden wir in den Kreisen homerischer Aoeden und Rhapsoden zu [1931] suchen haben. In der That ist es bekannt genug, dass manche jüngere Partien der griechischen Epen more centonario aus entlehnten Versen und Versteilen zusammengesetzt sind, wie das schon bei Eustathios (Zeugnis 5) einmal hervorgehoben wird. Ebenso konnte bei einem Agon ὑποβολῆς oder bei dem ἐξ ὑποβολῆς ῥαψωδεῖν (Rohde Rh. Mus. XXXVI 566, ähnlich später v. Wilamowitz Homer. Unters. 265f.) etwas wie ein epischer C. zu Tage kommen; vgl. den Homer-Hesiod-Agon Z. 100ff. N. und dazu v. Wilamowitz a. O. Aber zu selbständiger künstlerischer Wirkung bringt es dies Spiel erst in dem Augenblicke, wo es sich mit parodischer Tendenz vereinigt. Über die Parodien des Hipponax (s. d.) wissen wir zu wenig, wenn auch Wachsmuth und Brandt (Corp. I p. 34) wohl zu gering von ihnen denken (s. Crusius Adn. zur Anthol. Lyr. p. XXIV). Die Hauptpersönlichkeit ist für uns Hegemon (s. d.) von Thasos, zur Zeit des peloponnesischen Krieges, der das Handwerk eines Rhapsoden mit dem eines Paroden vertauschte; aus der bei den Paroemiographen s. τὸ πέρδικος σκέλος (Zenob. Ath. III 166 etc.) erhaltenen Anekdote ergiebt sich, dass er seine Kunst vielfach als Improvisator ausübte, wie der Verfasser des C. de ecclesia (PLM IV 219 B.) und seine rhapsodischen Vorgänger nach der Darstellung des Homer-Agon. Die Technik des spätern C. ist allerdings viel gebundener als die der Parodie in dieser Frühzeit; trotz der zahlreichen Entlehnungen aus Homer (Brandt a. a. O. 42f.) laufen bei Hegemon doch viele ganz selbständige Verse und Abschnitte mit unter. Auf derselben Stufe etwa steht die aus Rhapsodenkreisen hervorgegangene Batrachomyomachie oder Batrachomachie. Der Composition eines wirklichen C. näher kommen gewisse parodische Partien aus der alten Komoedie, wie die Pasticcios am Schluss der Aristophanischen Frösche 1285ff.; ebenso scheinen die spätern Paroden (Brandt Corp. I) sich immer enger an das homerische Urbild angeschlossen zu haben. – C.-artige Gedichte ohne parodische Nebenabsichten begegnen uns wieder in spät hellenistischer Zeit. Dahin gehören vor allem einige Inschriften aus Ägypten, am bequemsten zugänglich bei Kaibel Epigr. Gr. 998f. (649 gehört schwerlich daher). 1009 (von der Memnonstatue), vgl. die Bemerkungen von Letronne Rec. Inscr. de l’Égypt. II 347f. Einer von diesen Poeten. Areios (s. Bd. II S. 624 Nr. 7, wo freilich nur eine abgeleitete Quelle angezogen und über die Stellung des Mannes nichts beigebracht ist), hat es z. B. fertig gebracht, vier Homerverse Il. XIII 99; Od. XIX 40. XXIV 530. XVI 196 zu einem sinnreichen Epigramm auf das tönende Memnonbild zu vereinigen; wichtig ist die Subscription (Epigr. 1009, 5 Kaibel): Ἀρείου Ὁμηρικοῦ ποιητοῦ ἐκ Μουσείου ἀκούσαντος. Dieser echte Centonarius war also einer τῶν ἐν Μουσείῳ σιτουμένων ἀτελῶν, und wir dürfen wohl annehmen, dass die (bei Ausonius geschilderte) strengere Art des C., wie andre Technopaegnien, vor allem unter den Dichter-Gelehrten des alexandrinischen Museums ausgebildet ist. Nach dem Vorbild solcher Ὁμηρικοὶ ποιηταί bezeichnet sich dann Q. Glitius Felix als Vergilianus poeta (CIL VI 638f.(, ein andrer (CIL X 6271) als Ovidianus poeta. Dass diese Ehrentitel ganz ernst gemeint sind, zeigt der ergötzliche [1932] Anhang zu dem C. (des Mavortius?) de ecclesia PLM IV 214 cumque † abortio [Mavortio Iuretus, kaum richtig, ab auditorio Baehrens, a cortina?] clamaretur ,Maro iunior‘ ad praesens hoc recitavi (folgen Verse aus Aen. XII 32. XI 278; ecl. II 70 etc.; das Gedicht hatte ursprünglich offenbar Prosavorreden und -Einlagen, wie der C. nuptialis des Ausonius). Ohne parodische Nebenabsicht sind auch die beiden Homerocentones Anth. Pal. IX 381 εἰς Λέανδρον καὶ Ἥρω und 382 ὁ πρῶτος Ἠχοῦς ἀκούσας, ebenso die meisten Virgilcentone, als deren Vorläufer Teuffel-Schwabe § 231, 3 die Ciris ansieht, so die mit den angeführten Stücken der Anthol. Pal. eng verwandten Gedichte über Narcissus, Hippodamia, Hercules, Procne, Europa u. s. w. PLM IV 197ff. Als Centonendichter zu nennen sind Hosidius Geta, der gar eine Tragoedie in C.-Form schrieb (Teuffel-Schwabe § 370, 5. PLM IV 219), Anicia Proba (oben Bd. I S. 2203 Nr. 38) de fabrica mundi etc., Pomponius mit einem christianisierten Tityrus (Bursian S.-Ber. Akad. München 1878 II 29), Mavortius und Luxorius (Teuffel-Schwabe § 476, 3. 477, 3); nicht in diese Reihe gehört Sedulius, dem Bähr (in der 1. Aufl.) und die ältern Herausgeber den cento de verbi incarnatione mit Unrecht zugeschrieben haben (Schenkl Poet. lat. christ. I 615. Bursian a. a. O.). Für die christlich-byzantinischen Ὁμηρόκεντρα und Verwandtes mag ein Hinweis auf die oben erwähnten Monographien genügen. Wenn der C. so in dieser Spätzeit vielfach schulmeisterlich-pedantisch zu lehrhaften oder erbaulichen Zwecken verwendet wird, so vergass man doch auch seine alte parodische Bedeutung nicht ganz. In diesem Sinne verwendete schon Petron centonenartig aneinandergereihte Virgilreminiscenzen sehr glücklich (c. 132 u. ö.), ebenso der Verfasser des wirklich geistreichen parodistischen Lehrgedichts de alea (PLM IV 193), das unter den Virgilcentonen des Salmasianus mit Recht die erste Stelle einnimmt, und vor allem Ausonius in seinem Cento nuptialis, s. Bd. II S. 2570, 8ff. Sicher ist es auch, dass nur die parodistischen C. einigermassen geniessbar sind.