RE:Ἀκόνιτον

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 11781183
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Ἀκόνιτον,[WS 1] auch ἀκόνιτος (Hedyl. Anth. Pal. XI 123), aconitum, ist eine von verschiedenen alten Autoren in durchaus verschiedenem Sinne gebrauchte Bezeichnung für eine giftige Pflanze, weshalb grösste Vorsicht in der Interpretation der diesbezüglichen antiken Stellen am Platze ist. Aus den von einander vielfach abweichenden Pflanzenbeschreibungen scheint soviel hervorzugehen, dass hauptsächlich zwei Pflanzengattungen unter . verstanden wurden: a) Aconitum napellus L., Eisenhut, Sturmhut, Mönchskappe – so genannt wegen des helm- bezw. kappenförmigen Aussehens des oberen Blütenkelchblattes –, Giftheil, Venuswagen, Wolfswurz, Pflanzengattung aus der Familie der Ranunculaceen; sie hat glänzende, tief fünfteilige Blätter, blüht in ährenförmigen, aufrechten Rispen, die blaue, gespornte Blumen tragen, und enthält ein sehr giftiges Alkoloid, das Aconitin, vgl. Leunis Synops. 2. Teil³ 2. Bd. § 592, 20. Die Wirkungen einer Aconitinvergiftung auf die einzelnen Körperteile schildert Schol. Nic. Alex. 13. Scribon. Larg. comp. med. 188. b) Doronicum pardalianches L., gemeine Gemswurz, eine gleichfalls, doch weit minder giftige (vgl. Galen. [1179] XI 820) Pflanzengattung aus der Familie der Compositen, besteht aus perennierenden Kräutern mit knolligem Wurzelstock und schlanken Stengeln. Die Grundblätter sind langgestielt, desgleichen die Blütenkörbchen, die Strahl- und Scheibenblüten sind goldgelb, Leunis a. a. O. § 694, 51. Diese beiden von einander ganz verschiedenen Pflanzen wurden von den alten Botanikern fast durchgehends verwechselt oder doch nicht scharf genug auseinandergehalten, ganz zu schweigen von der grossen Zahl derjenigen, die mit dem Worte . eine klare Vorstellung überhaupt nicht verbanden (vgl. Lenz Bot. d. alten Gr. u. R. 609), sondern das Wort als Collectivnamen anwandten, um irgend ein giftiges Kraut anzudeuten; so sind aconita bei Dichtern oft einfach „Giftkräuter“ (z. B. Verg. Georg. II 152) oder „Gifttränke“ (z. B. Ov. met. I 147. Iuven. sat. I 158. X 25). Theophrast (h. pl. IX 16, 4ff.) beschreibt die von ihm . genannte Pflanze folgendermassen: Das . wächst teils auf Kreta, teils auf Zakynth, das meiste und beste aber bei Heraclea in Pontus. Es hat ein cichorienartiges Blatt. Die Wurzel ist an Gestalt und Farbe einer Nuss gleich. In ihr steckt die Giftkraft, während Blatt und Frucht unschädlich sind. Das Kraut ist niedrig und dem Getreide ähnlich, aber der Same steht nicht in Ähren. Es wächst überall, vorzüglich aber auf felsigem Boden und wird weder von Schafen noch von anderem Vieh gefressen. Zu seiner Wirksamkeit fordert es eine besondere Zubereitung, die nur wenige verstehen. Mit Wein oder Honigwasser eingenommen, erregt es keine Empfindung. Aber es kann so zubereitet werden, dass es den Tod in ganz bestimmter Zeit verursacht: in 2, 3, 6 Monaten, in einem Jahr, ja in 2 Jahren. Ein eigentliches Gegengift ist noch nicht gefunden, doch suchen die Eingeborenen dem Erkrankten mit Wein und Honig zu helfen (vgl. Galen. XIV 139. XII 269). Das . ist unwirksam, wenn man die Anwendung nicht versteht (§ 7). Dass diese Beschreibung zu unserem „Eisenhut“ nicht passt, ist ohne weiteres einleuchtend (vgl. Fraas Synops. pl. fl. cl. 212. Billerbeck Flora class. 218, doch inconsequent, vgl. 141). Denn erstlich ist Aconitum napellus L. weder auf Kreta (doch vgl. Lucan. IV 322), noch auf Zakynth (Zante) wieder gesehen worden, zweitens ist die Wirkung des Sturmhutes sicher im Gegensatz zu der unsicheren Wirkung der Theophrastschen Pflanze, drittens hat die Wurzel auch nicht die Gestalt einer Nuss (καρύᾳ, καρύῳ, wofür freilich Wimmer καρίδι „Squillenkrebs“ conjicierte; doch auch so bleiben noch Rätsel genug übrig). Überhaupt aber ist es sehr wahrscheinlich, dass Theophrasts Beschreibung nicht aus eigener Anschauung entstand, sondern aus Vermengung und Zusammenschweissung verschiedener ihm vorliegender Quellenangaben, die sich aber auf ganz verschiedene Giftpflanzen bezogen und nur den Namen . gemeinsam hatten, wodurch sich die unplastische Schilderung am besten erklärt. Dass, wie Fraas will, Theophrasts Pflanze als Doronicum pardalianches L. (neugr. σκορπίδι, in einer Höhe von 2500–3000′ allenthalben in Griechenland, auch in der unteren Tannenregion; eine gleichfalls [1180] dortselbst weit verbreitete Species ist Doronicum Caucasicum M. B.) zu deuten sei, ist möglich, aber auch nicht mit Sicherheit zu erweisen. Bei Dioskorides (ähnlich bei Galen. XI 820) zeigt sich wenigstens eine sichere Spur von Unterscheidung: er spricht IV 77 von einem ἀκόνιτον, dagegen IV 78 von einem ἕτερον ἀκόνιτον. Letzteres bezieht sich wahrscheinlich auf den „Sturmhut“, vgl. Frass Synops. pl. fl. cl. 134. Dioskorides beschreibt (IV 78) die Blätter als denen der Platane ähnlich, blos tiefer eingeschnitten, dabei viel kleiner und dunkler gefärbt. Der Stamm ist kahl, ähnlich wie beim Farrnkraut, ellenhoch und höher, der Samen sitzt in länglichen Schoten. Die Wurzeln sind schwarz und gleichen den faserigen Teilen der Seekrebse. Die Pflanze hiess auch κυνοκτόνον oder λυκοκτόνον, weil sie, in rohe Fleischstücke gesteckt, dazu diente, Wölfe und sonstige Raubtiere zu vergiften. Dagegen dürfte das, was Dioskorides IV 77 περὶ ἀκονίτου sagt, einigermassen zu Doronicum pardalianches passen, dessen Wurzeln, in grösseren Mengen genossen, bei vielen Tieren – bezüglich der Hunde und Wölfe ist der Beweis erbracht, vgl. Diosc. ed. Sprengel II S. 608 – tödlich wirken. Die Beschreibung der Pflanze lautet: „Sie hat 3 oder 4 Blätter, welche denen der Saubrotpflanze (Erdscheibe, cyclamen Europaeum L.) oder der Gurke ähnlich, aber kleiner und etwas rauh sind (vgl. Plin. XXVII 9). Der Stengel ist eine Spanne lang. Die Wurzel hat Ähnlichkeit mit dem Schwanze eines Skorpions und glänzt alabasterartig. Die Wirkung dieser Wurzel auf die Skorpione ist so heftig, dass diese erstarren, so wie sie von ihr berührt werden. Nähert man sich den Erstarrten aber mit Helleboros (Nieswurz), so werden sie wieder munter (vgl. Plin. XXVII 6). Das . tötet Panther (vgl. Plin. VIII 99. Xen. Cyneg. XI 2), Schweine, Wölfe und überhaupt alle Gattungen von Tieren, wenn es in Fleischstücke gesteckt wird, die zum Frasse hingeworfen werden. Die Pflanze heisst auch παρδαλιαγχές (vgl. Plin. XX 50), κάμμορον (doch hat Hippokrates II 133 K., der κάμμορον als kühlendes Mittel anführt, darunter vielleicht Schierlingssaft, κώνειον, verstanden), θηλυφόνον, μυοκτόνον oder θηροφόνον (vgl. Plin. XXVII 7. 9. 10).“ Die Beschreibung des Plinius stimmt namentlich in den §§ 6–9 auffallend zu der des Dioskorides (IV 77), während die §§ 4. 5. 10 mit mehr Wahrscheinlichkeit auf den Sturmhut zu beziehen sind, nicht auf die Gemswurz, so dass wir mit Bestimmtheit annehmen können, dass Plinius die beiden verschiedenen Pflanzen vermengt und irrtümlich zu einer Darstellung zusammengezogen hat. Denn wenn er gleich von vornherein betont (§ 4), das aconitum sei von allen Giften das am schnellsten wirkende, so genügt diese eine Thatsache, um hier an Doronicum nicht zu denken. Aconit war das Gift, mit dem, wie der Ankläger M. Caecilius behauptete, Calpurnius Bestia seine schlafenden Frauen mühelos umgebracht hatte. Allerdings wäre es wünschenswert, dass die Beschreibung des Theophrast mit der des Dioskorides (IV 77), sowie des Plinius in den mit Wahrscheinlichkeit auf das Doronicum zu beziehenden Paragraphen wesentlich mehr übereinstimmte, als es der Fall ist, was [1181] einige Gelehrte bewog, die Ausfüllung dieser Kluft auf dem Wege der Conjecturalkritik anzustreben, vgl. Theophr. ed. Schneider III p. 805. Doch ist dieses Mittel entschieden unzureichend. Es ist ferner nicht unmöglich, dass die Benennungen παρδαλιαγχές („Pantherwürger“) und ähnliche doch vielleicht ursprünglich auf Aconitum napellus gingen, welches jedenfalls geeignet ist, die Tiere in viel kürzerer Zeit abzuwürgen, als Doronicum, dass diese Namen aber später, d. h. in den meisten uns erhaltenen Quellen, irrtümlich zu Beschreibungen gesetzt wurden, die gar nichts mit Aconitum napellus zu thun haben. Bei Nikander (Alex. 36–42) erscheinen die Ausdrücke μυοκτόνον, παρδαλιαγχές, θηλυφόνον (zur Sache vgl. Schol. Nic. Alex. 41. Plin. XXVII 4. 9), κάμμαρον oder κάμμορον (nach dem Schol. a. O. = κακῷ μόρῳ ἀναιροῦν; anders Plin. § 9: nach ihm so genannt von der Ähnlichkeit der Wurzel mit einem Seekrebs oder Hummer, cammarus) als Synonyma für echtes . Nach dem Glauben der Alten war übrigens Menschenkot ein wirksames Gegenmittel gegen die entsetzlichen Folgen des Genusses des . Das wussten angeblich auch die Panther, und nur dann frassen sie notgedrungen ., wenn sie in unmittelbarer Nähe gleichzeitig Menschenkot bemerkten. Nun übten aber die Hirten den schlauen Streich, den Menschenkot an einem Faden festzubinden und diesen über einen Baumast hinwegzuziehen, so dass der Kot etwa 1 m. über dem Erdboden frei in der Luft schwebte. Hatte nun der Panther das . gefressen und wollte sich an den Genuss des Kotes machen, so zogen die Hirten den Faden schnell an, so dass der Kot in die Höhe fuhr. Nun sprang der getäuschte Panther, ohne aber seinen Zweck zu erreichen, in einem fort aus Leibeskräften so lange in die Höhe, bis er ermattet und vergiftet zusammenbrach. Aristot. h. a. IX 6. Schol. Nic. Alex. 13. 38. Plin. n. h. XXVII 7.

Aconitum napellus (= „Rübchen“, von den rübenförmigen Knollen, welche die Wurzel bilden), welches gegenwärtig in den Gebirgen Sachsens, Schlesiens, Thüringens, ferner im Schwarzwald und in den Vogesen, namentlich aber bis zu den Rändern des ewigen Schnees in den Alpen – an Gebirgsbächen und in der Nähe der Sennhütten – wächst, scheint im alten Griechenland nicht bekannt gewesen zu sein, wohl aber in Italien (vgl. Serv. Georg. II 152), wo sein häufiges Vorkommen auf den vestinischen Bergen von Dioskorides (IV 78) ausdrücklich bezeugt wird (ital. aconito oder napello). Für ganz besonders reich an giftigen Kräutern galten indes im Altertum die Küstenlandschaften des schwarzen Meeres, in erster Linie Bithynien, Pontus (vgl. Dierbach Flora mythol. 196) und Kolchis. Das . sollte aus dem Geifer des lichtscheuen, widerstrebenden Höllenhundes Kerberos entstanden sein (nach Auson. idyll. XII de histor. 10 aus dem Blute des Prometheus), als ihn Herakles mit Gewalt aus der Unterwelt heraufzerrte. Ov. met. VII 408–419. Plin. n. h. XXVII 4. Schol. Nic. Alex. 13. Schol. Apoll. Rhod. II 354. Serv. Georg. II 152. Dionys. Perieg. 788ff. Pompon. Mela I 108. Murr Pflanzenwelt i. d. griech. Mythol. 219. Der Eingang zur Unterwelt befand [1182] sich aber in der Nähe von Heraclea Pontica. Plin. a. a. O. Hiermit stimmt überein, dass gerade von der Landschaft Herakleotis der Reichtum an . ausdrücklich hervorgehoben wird. Strab. XII 543. Vermutlich gab letzterer überhaupt erst die Veranlassung zur Entstehung jener Sage über den Ursprung der Pflanze. Der Name . wurde verschieden abgeleitet. Theophrast (h. pl. IX 16, 4) meint, die Pflanze habe ihren Namen von Akonai (Acone), einem unfern Heraclea Pontica gelegenen hügeligen Hafenflecken im Gebiete der Mariandynen. Ebenso Theopomp bei Athen. III 85 b (FHG I 311). Antigon. histor. mirab. CXIX (131) – an beiden Stellen auch die interessante Mitteilung, dass die Einwohner von Herakleotis unter der schreckenvollen Regierung des Tyrannen Klearchos (Agatharchos), bevor sie die Strasse betraten, erst ein Rautedecoct zu trinken pflegten, um, falls sie plötzlich ergriffen und zum Tode durch . verurteilt würden, trotzdem am Leben zu bleiben: das πήγανον sollte nämlich angeblich die Wirkung des . aufheben. Solin. 43. Plin. n. h. VI 4. Nic. Alex. 41. Etym. Gud. Steph. Byz. s. Ἀκόναι. Nach andern kommt . von ἀκόνη „weil es den Tod so sicher und schnell bewirke, wie der Schleifstein die Schärfung des Eisens (!).“ Plin. n. h. XXVII 10. Serv. Georg. II 152. Schol. Nic. Alex. 41. Andererseits spielte man mit den Begriffen cos = caus (cautes, vgl. Auson. idyll. XII de histor. 11), und Plinius (a. O.) meint geradezu, der Name . stamme wohl daher, dass die Pflanze in nudis cautibus (vgl. Ov. met. VII 418) wachse, quas aconas nominant. Der Zusatz nullo iuxta ne pulvere quidem nutriente weist aber hinwiederum auf eine Herleitung von ἀ-κονιτί (eig. „ohne Staub“), vgl. Diog. Laert. V 8. Letzterer Ausdruck war der Palaestra entlehnt und bedeutet auch „kampflos, mühelos“. Davon findet sich . kühnlich abgeleitet im Etym. M. p. 46, „weil das Gift jeden, der es trinke, mühelos besiege und zu Boden strecke.“

In der Nähe des portus Acone, veneno aconito dirus (Plin. VI 4) befand sich auch die acherusische Höhle. Hiermit übereinstimmend sagt Nikander (Alex. 13), das . wachse auf den Ἀχερωΐδες ὄχθαι, also am bithynischen Acheron, wo sich der gähnende Schlund befinden sollte, der zur Unterwelt hinabführte; hierzu passt die Angabe des Schol. z. d. St.: Ἀχέρων δὲ ποταμὸς ἐν Ἡρακλείᾳ τῇ Ποντικῇ ... καὶ ὁ λόφος Ἀκόνιτος λέγεται. Aber auch nördlich und östlich vom schwarzen Meere sollte . wachsen. Im Skythenlande hatte es Medea gepflückt (Ov. met. VII 407), und im kolchischen Zaubergarten ihrer Beschützerin Hekate war es ein wichtiger Bestandteil. Orph. Argon. 925. Als Tochter der Nacht (Bacchyl. b. Schol. Apoll. Rh. III 467) und Erfinderin vieler giftiger Wurzeln und Arzneien (Schol. Apoll. Rhod. III 200. Roscher Lex. I. 1894, 54ff.) führte Hekate auch den Gebrauch des . ein. Diod. IV 45. Möglich ist, dass, wie Dierbach (Flora mythol. 197) meint, Aconitum Camarum L. für die Giftpflanze der Hekate zu halten ist, dessen Vorkommen wenigstens für die Gegend des Kaukasos – wo übrigens auch Aconitum anthora L. (Blüten gelb oder weissgelb) wächst, vgl. Boissier Flor. orient. I 95 – [1183] durch Marschall von Bieberstein bezeugt ist. Eine septische Wirkung wurde den Wurzeln beider Pflanzen (Aconitum und Doronicum) zugeschrieben (Gal. XI 756. 820. Theophr. h. pl. IX 16, 5), während Doronicum auch zu den keine Schmerzen verursachenden Augenheilmitteln zählte. Diosc. IV 77. Zahlreiche Gegenmittel gegen das Gift des . bei Plinius, z. B. XX 50. 132. XXII 18. XXIII 43. 92. 135. XXV 163. XXVIII 161. XXIX 103. 105. XXXII 31.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. transkribiert: Akoniton.